nach Biskra statt. Sie legen die Entfernung von 210 Kilometern in
etwa vierzehn bis fünfzehn Stunden zurück, ohne unterwegs Nahrung
oder Wasser zu sich zu nehmen, ohne auch nur einen Moment zu
rasten. Ein glänzendes Zeugnis für ihre Schnelligkeit, Ausdauer und
Anspruchslosigkeit.
Das Rennen hatte gerade wieder stattgefunden und die Teilnehmer
waren nun auf dem Heimweg begriffen. Man zeigte uns den Sieger, ein
prachtvolles Tier, das den ersten Preis schon wiederholt gewonnen
hatte. Und gewaltig hochnäsig, von seinem Werte völlig überzeugt,
blickte es auf seine Kameraden herab.
Immer hört man nur die Leistungen des Tieres rühmen. Aber verdient der
Reiter nicht ebensoviel Beachtung und Bewunderung? Zwar ist der Sattel,
in dem er sitzt, mit seiner Rückenlehne und dem kreuzförmigen Halt für
die Hände fast so bequem wie ein Stuhl, seine Füße können ungezwungen
auf dem Halse des Tieres ruhen, und auch die Führung des Kamels, die
mit einer dünnen, durch die künstlich durchlochte Nase gezogenen
Kamelhaarkordel geschieht, verlangt weiter keine Kraftentfaltung.
Doch vierzehn bis fünfzehn Stunden ununterbrochen auf einem Kamel
auszuhalten, stundenlang ohne Pause zu galoppieren, ohne eine andere
Erfrischung in der ganzen Zeit zu haben, als ein paar trockene Datteln,
verrät zweifellos ebenfalls eine ungewöhnliche Leistungsfähigkeit und
Mäßigkeit und ist wohl nicht minderer Anerkennung wert.
[Illustration: Die Méharis]
Den geschmeidigen Reitern machte es offenbar Vergnügen, uns eine Probe
von dem Können ihrer Tiere zu geben, denn abschiednehmend, mit der Hand
an die Stirne gelegt, dem Gruß des Arabers, jagten sie in hellem Galopp
davon.
Während sie immer tiefer in das Herz der Wüste hineineilten, machten
wir uns in bedeutend langsamerem Tempo in entgegengesetzter Richtung
auf den Weg.
Wieder rasteten wir in Bou-Saada, wo uns der riesenhafte Neger mit
großer Freude wie gute alte Bekannte begrüßte.
Es war ein unsagbar heißer Tag. Die Luft stand reglos. Bleiern dehnte
sich der Himmel. Die Erde briet förmlich. Einer unserer Kabylen war der
Hitze bereits zum Opfer gefallen, und wir mußten ihn in der Obhut und
Pflege des schwarzen Bordjwächters zurücklassen.
Eine Strecke hinter Bou-Saada trennten wir uns von dem Rest der
Karawane, da wir mit unseren Pferden bedeutend schneller vorwärts
kommen konnten. Die braven Tiere leisteten fast Unmögliches. Der
Grauschimmel taumelte zwar manchmal wie betrunken, und »Schäfchen«
stöhnte von Zeit zu Zeit auf wie ein Mensch unter einer schweren Last.
Doch sie hielten aus. Diese kleinen arabischen Hengste besitzen Stolz
und Willigkeit, und -- die Nähe der heimatlichen Krippe tat wohl das
übrige.
Immer deutlicher entwickelten sich zur Rechten die uns vertrauten
Oasen: Sidi Okba, Chetma, Filiach, und vor uns wuchs Biskras Palmenwald
mehr und mehr in die Höhe. Aber er wuchs viel zu langsam für unsere
Wünsche. Wir hatten die ungeheure Anstrengung, die der Ritt in solch
infernalischer Hitze bedeutete, gehörig unterschätzt und mußten nun
fürchten, mit unseren Kräften zu Ende zu sein, noch ehe wir am Ziele
angelangt waren. Aber wir schafften es schließlich doch und erreichten
die Oase gerade, als die Farbenglut der scheidenden Sonne sie wie
allabendlich tausendfach verschönte.
Auch hier hatte während unserer Abwesenheit der Frühling seinen Einzug
gehalten. Wo wir beim Antritt unserer Reise nur kahle Flächen gesehen
hatten, dehnten sich jetzt saftige Gerstenfelder, ganze Strecken
waren mit leuchtenden Margueriten bestickt, in den stillen Gärten von
Alt-Biskra war ein verschwenderisches Grünen und Blühen, und süße
Wohlgerüche schwebten in der Luft.
Die Nachricht unseres Kommens war uns wieder auf unerklärliche Weise
vorausgeeilt. Als wir vor unserem Hotel anlangten, stand man schon
zu unserer Begrüßung bereit, und wir wurden mit einer Freude und
einer Aufregung empfangen, als ob wir von einer langen, gefährlichen
Entdeckungsreise zurückgekehrt wären. Unsere äußerliche Erscheinung
konnte dies allerdings auch vortäuschen. Aber die Segnungen der
modernen Kultur, die wir sofort gründlich auskosteten, brachten es
zuwege, daß wir schon einige Stunden später wieder völlig zivilisiert
aussahen. Nur unsere afrikanische Gesichtsfarbe hatte dagegen Stand
gehalten.
Spät am Abend, es ging bereits auf elf, traf noch die Karawane ein. Sie
wollte in ihrer Leistung nicht zurückstehen, und »die Krippe« hatte
wohl auch in diesem Falle wie ein Magnet gezogen.
Am nächsten Nachmittag wurde draußen unter den duftenden Büschen von
Beni-Mora, wo die Reise eigentlich begonnen hatte, auch die Rückkehr
festlich begangen. Jussuf hatte ein Zelt für uns errichtet und alles
für einen Five o'clock tea arrangiert. Auf einem freien Platze vor dem
Zelt saßen die Kabylen, wie immer ernst und schweigend, um eine große
Kohlenglut. Über dieser Glut schmorte ein junger Hammel, den Jussuf
erst wenige Stunden vorher auf dem Markt eingekauft hatte. Einer der
Leute drehte den Spieß, ein anderer goß das Fett auf den Braten. Mit
Liebe und Sorgfalt versahen sie ihr Amt, bis der Hammel mit einer
schönen braunen Kruste versehen und zum Verspeisen fertig war. Ein
Weilchen später existierte davon nichts mehr als die unverzehrbaren
Knochen, und einer Riesenschüssel voll Kuskus war in der gleichen Zeit
der Garaus gemacht worden.
[Illustration: Moschee Oulad Amed in El-Oued]
So hatten wir den Leuten, die uns brav gedient, ein Fest nach ihrem
Sinn gerichtet, und wir feierten nach unserer Sitte, indem wir am Abend
einer Flasche Sekt den Hals brachen.
* * * * *
Mit der Sportswoche, die gewöhnlich Anfang April abgehalten wird, und
die durch ihre Pferde- und Kamelrennen, mehr aber noch durch das große
arabische Reiterfest, »Phantasia« genannt, Tausende von Fremden und
Eingeborenen anzieht, schließt die Saison in Biskra. Im Laufe weniger
Tage sind fast alle Besucher entflohen.
Nun trägt die Oase ein völlig anderes Gesicht. Sie hat das süße Lächeln
abgelegt, das sie den fremden Gästen zu Gefallen einige Monate lang
festgehalten, und zeigt jetzt ihre wahren Züge: ruhig, ernst, von
einer herberen Schönheit, die mit dem Charakter des Landes und dessen
Bewohnern so viel besser im Einklang steht. Wir liebten sie um dieser
Wandlung willen noch mehr als zuvor.
Aber die Tage des Genießens waren jetzt auch für uns gezählt. Es hieß
Abschied nehmen von dem Orte, der uns so viele neue, fremdartige,
köstliche Eindrücke verschafft, Abschied nehmen von dem Lande, in dem
wir, losgelöst von allen Mühen, Aufregungen und Kleinlichkeiten des
Alltags, unvergeßliche Stunden berauschenden Nichtstuns verlebt hatten.
Jussuf, von Trennungsweh und dankbaren Gefühlen geplagt, wollte uns zum
Abschied noch irgendeine Freude bereiten, und das gebar einen großen
Entschluß in ihm. Auf dem Wege zur Bahn bat er uns, sein kleines,
ärmliches Haus zu betreten, und dort zeigte er uns das Kostbarste, was
er besaß: Nakhla, sein junges Weib. Und beim Himmel, _das war eine
Freude_! Denn das Geschöpf war schön wie ein Traum.
Und wie ein Traum erscheint beinahe alles, was wir in jener Spanne
Zeit erlebten. Die Schönheiten der Wüste, worin bestehen sie weiter
als in Illusionen, Visionen! Auch ihre Wirklichkeiten -- Grausamkeit
und Schrecken -- sind phantastisch in ihrer Größe. Und trotzdem, oder
vielleicht gerade deshalb, reizt das Land, die Erinnerungen lassen eine
fast quälende Sehnsucht wachsen, und am Ziele der Wünsche eines jeden,
der die mysteriöse Seele der Wüste einmal kennen gelernt hat, steht
wohl in großen Buchstaben geschrieben: »Zurück in das Land des Lichts!«
[Illustration: Nomadenlager in einer Oase]
Inhalt
Seite
Einleitung 7
An Bord des »Charles Roux« 9
Algier 11
Fatme 17
Durch die Kabylie 21
Von Michelet nach Bougie 37
Über Azazga nach Bougie 41
Von Bougie nach Setif 47
Biskra 57
Tugurt 112
Von Tugurt nach El-Oued 122
[Illustration: Mittelländisches Meer]
* * * * * *
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Die unterschiedlichen Schreibweisen _Abderrahman_/_Abderrhaman_
wurden beibehalten.
Korrekturen:
S. 76: Häßlickkeit → Häßlichkeit
von wahrhaft grotesker _Häßlichkeit_ sorgt für Erheiterung.
S. 125: läst → läßt
Mit dem besten Willen _läßt_ es sich nicht behaupten,
Abbildung nach S. 137: Sife → Sifl
Bordj _Sifl_-Monadi
S. 138: dichtverschlungenen → dichtverschlungener
Schatten einiger _dichtverschlungener_ Feigenbäume