unter der Zudringlichkeit der Mücken gelitten, und hatten sie uns in
ben Rezig am Ufer der Seguia in unserer Arbeit mit Erfolg zu stören
versucht, so wurden sie hier zu einer fast unerträglichen Plage. Die
ganze Luft war erfüllt damit. Haufenweise konnte man sie greifen. Sie
krochen in Ohren und Nase, und sowie man den Mund öffnete, benutzten
sie auch diesen als Schlupfwinkel. Wir dachten ein großes Feuer zu
machen, in der Hoffnung, sie dadurch wenigstens in einem kleinen
Umkreis zu vertreiben. Aber wie es der Zufall wollte, gerade an diesem
Tage war das Brennmaterial knapp. Was wir aus Biskra mitgenommen, war
bereits verbraucht. Es war ohnehin wenig gewesen, da Jussuf versichert
hatte, es würde sich unterwegs immer genügend davon auftreiben lassen.
Diese Behauptung hatte uns höchlich erstaunt. Aber bis jetzt war sie
zugetroffen. Gewöhnlich während der letzten Marschstunde sammelten
die Kabylen alles, was sie auf dem Wege fanden, Reiser, Wurzelknollen
und dergleichen. Wie diese Dinge dahingekommen waren, konnte man
sich nicht erklären. Aber sie waren da, und zusammen mit dem harten,
halbvertrockneten Gras, das wir überall, wo wir Station machten,
vorfanden, hatte es immer für ein tüchtiges Feuer gelangt. Heute aber
war die Lese so wenig ergiebig gewesen, daß der Ertrag kaum reichte, um
eine bescheidene Mahlzeit dabei herzurichten.
[Illustration: Zwischen den hohen Dünen]
»Warum schicken Sie nicht hinüber in die Oase und lassen etwas Holz
holen?« fragten wir Jussuf.
»Das hat keinen Zweck,« erwiderte er, »die Leute dort haben auch
nichts.«
Wir waren ja etwas anderer Ansicht. Aber da wir schon öfters den
kürzeren gezogen hatten, wenn es sich um Dinge handelte, die das Leben
und die Gebräuche der Eingeborenen betrafen, so behielten wir unsere
Meinung diesmal für uns.
Beim Essen halfen wir uns so, daß wir uns mit dem Teller und der Speise
hinter einen Moskitoschleier verschanzten. Das war nicht gerade sehr
bequem, aber der Zweck war erreicht. Und wir konnten darüber lachen,
wie die kleinen frechen Quälgeister mit wütendem Gesumm die weiße
Mullwand attackierten. Ob sie über ihre Niederlage wüteten, ob ihnen
der Appetit an den Fremden überhaupt vergangen, oder ob der Wind, der
sich aufmachte, ihnen nicht zusagte? Jedenfalls waren sie einige Zeit
später spurlos verschwunden.
An diesem Abend konnten wir uns nach Biskra zurückversetzt glauben.
Die Oase, aus der, solange noch der Tag regierte, kein lauter Ton,
kein Zeichen von Leben gedrungen war, erwachte immer mehr, je weiter
die Nacht vorrückte. Tamtamschlag, Flötenspiel, phantastische Gesänge,
wilde Schreie und bissiges Hundegebell zerrissen die nächtliche Stille,
ließen wieder die Ahnung von glühender Sinnlichkeit entstehen. Und wie
wir es schon von den fiebrischen Nächten Biskras her kannten, stellte
sich auch hier erst lange nach Mitternacht völlige Ruhe ein.
* * * * *
Menschenleer, in einem weichen, verträumten Frieden ruhend, so fanden
wir am nächsten Morgen die Oase, als wir sie auf dem Wege, der weiter
gen Süden führt, durchquerten. Als ob das ganze heiße, lärmende Leben
der Nacht nur ein Gaukelspiel unserer Sinne gewesen wäre. Hier wie
überall waren die Straßen mit hohen Lehmmauern gesäumt, die jeden Blick
in das grüne Gewirr der Gärten neidisch verwehrten.
Eine unsagbar triste Strecke erwartete uns hinter Ourlana. Etwas wie
ewige Trostlosigkeit schien dem armen Boden zu entströmen, schien die
ganze Luft zu füllen und legte sich lähmend auf unsere Stimmung.
Aber siehe da, mitten in dieser verzweiflungsvollen Einöde fanden wir
ein Paradies! Es war Sidi Amran, eine der denkbar reizvollsten Oasen.
Köstlicher Schatten und eine mit Wohlgerüchen erfüllte Luft umfingen
uns. Hart am Wege rieselte eine kristallklare Quelle. Schlanke braune
Knaben lagen auf dem üppig grünenden Boden und bewachten die Ziegen
und Maulesel, die sie zur Tränke gebracht hatten. Ha, wie unsere Tiere
lange Hälse machten und nach dem kühlen Labsal strebten! Und mit
welchem Behagen sie es schlürften!
Aus dem dämmerigen Schatten heraus konnte man den sonnenüberfluteten
Pfad verfolgen, der durch das Dorf bis vor den Eingang einer etwas
höher gelegenen Moschee führte. Groß und breit beherrschte sie das
ganze Bild. Auf dem flachen Dache des Gotteshauses waren eine Menge
Leute um eine Gruppe Tanzender versammelt. Musik und Gesang erklangen,
und eine laute, wilde Fröhlichkeit ging von diesen Menschen aus, die,
in ihre weißen Burnusse gehüllt, unter dem strahlend blauen Himmel und
im gleißenden Sonnenlicht phantastischen Erscheinungen glichen.
[Illustration: Sidi Amran]
So völlig nahm uns das eigenartige Bild gefangen, daß wir ganz
vergaßen, das nähere Zusammenkommen unserer Pferde zu vermeiden. Und
schon war auch das Unglück geschehen.
Der famose Schimmel, den wir seines ruhigen und friedfertigen Wesens
wegen das Schäfchen getauft hatten, schien sich mit einem Male all
der Übeltaten zu erinnern, die ihm der eine Graue schon angetan, und
den Moment der Rache für gekommen zu erachten. Mit einem mächtigen
Hufschlag traf er den Feind, und dieser, nicht träge, vergalt in
gleicher Weise, noch ehe der überraschte Reiter dies verhindern
konnte. Die Pferde waren nicht sehr empfindlich, das hatten wir schon
wiederholt beobachten können. Also beruhigten wir uns damit, daß der
Vorfall keine schlechten Folgen haben würde.
Es fiel uns nicht leicht, Sidi Amran den Rücken zu kehren. Doch was
half's? Weiter! hieß die Parole.
Und wieder umfing uns dieselbe verzweiflungsvolle Öde. Aber da wir noch
ganz erfüllt von der Erinnerung an die entzückende Oase und trotz des
kurzen Aufenthaltes auch physisch sehr erquickt waren, gewann sie nicht
mehr dieselbe Macht über unsere Stimmung.
Dieser Tag brachte Überraschungen. Abermals bot sich uns ein
ungewöhnlicher Anblick. In kurzer Entfernung bemerkten wir plötzlich
eine große graue Masse ziemlich flach über dem Erdboden sich
fortbewegen. Was konnte es nur sein? Bald hatten wir das graue
schwankende Etwas eingeholt: es waren an die hundert Bouriquots, eine
winzige Eselart, die kaum die Höhe eines Schafes erreicht. Sie haben
treuherzige Köpfe, stockdünne Beinchen und sind von einem rührenden
Eifer beseelt. Auf jedem dieser winzigen Tierchen saß rittlings ein
ausgewachsener Araber. Die Füße des Reiters berührten den Boden, und
der Burnus bedeckte nicht nur ihn, sondern auch den Leib des Eselchens.
Alle Reiter hatten zum Schutze gegen Sonne und Staub die Kapuze
hochgezogen, und so sah man von rückwärts nichts als die spitzen, in
die Höhe strebenden Kopfbedeckungen und unnormal kurze Körper, die
auf unzähligen Beinen zu laufen schienen. Ein Heer grotesker Gnomen,
seltsam und komisch wirkend.
Überholte man aber diese Reiter und blickte in all die braunen,
scharfgeschnittenen, ernsten Gesichter, die in der weißen Umrahmung der
Kapuzen doppelt markant wirkten, so fiel mit einem Male alles Komische
und Lächerliche von ihnen ab. Es läßt sich nicht leugnen: der Araber
hat Haltung, und immer wieder macht sie den Fremden erstaunen und
nötigt ihn zum Bewundern.
Freudig begrüßten wir eine Änderung des trostlosen Geländes. Der
Boden fing an zu steigen. Bald hatten wir die Anhöhe erreicht und
erblickten nun auf der anderen Seite, etwas tiefer gelegen, ein ganz
neues Panorama. In Wirklichkeit war es eine weite, sumpfige Ebene. Aber
die salpeterige Ausdünstung des Bodens täuschte wieder spiegelglatte
Wasserflächen vor, gewaltige Dünen schoben sich wie Dämme dazwischen,
und das Ganze machte den Eindruck einer großen schimmernden Seenkette.
Selbst diese Vorspiegelung falscher Tatsachen genossen wir mit
Entzücken.
In der Ferne winkte uns Mogar. Aber es hatte gut winken. Nicht so
schnell würden wir in seine Mauern einziehen. Schon eine Weile
konnten wir beobachten, daß die beiden Tiere, die sich in Sidi Amran
geschlagen, sich schonten. Das Gehen auf dem unsicheren morastischen
Boden schien die Sache zu verschlimmern, und plötzlich ging der Graue
völlig lahm. Da blieb nichts andres übrig als absteigen und das Pferd
am Zügel führen. Und zur Gesellschaft und weil eine Strecke zu Fuß
gehen eine ganz gute Abwechslung bot, taten alle dasselbe. Nach Mogar,
einer der größten Oasen auf dem Wege nach Süden, kamen wir auf diese
Weise allerdings viel später, als wir gerechnet hatten.
In einem armseligen arabischen Café, dessen dicke Lehmmauern und dessen
kleine niedrige Türe Wärme und Licht erfolgreich den Eingang wehrten,
hielten wir Kriegsrat, sobald wir uns etwas von den ausgestandenen
Strapazen der heißen Mittagswanderung erholt hatten. Programmäßig
sollten und wollten wir an diesem Tage noch Tugurt erreichen. Und
alles wäre gut gegangen, wenn -- ja wenn uns die Pferde nun nicht den
Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Mit den beiden lahmen Tieren
noch den Rest des Weges zu schaffen, war völlig ausgeschlossen. Da
wir aber aus verschiedenen Gründen an der Ausführung unseres Planes
festhalten wollten, faßten wir die Idee, Muhamed auf seinem tüchtigen
Muli nach Tugurt zu senden, um dort einen Wagen aufzutreiben, der
uns das letzte Stück Wegs, etwa zwanzig Kilometer, befördern sollte.
Nachdem dieser Punkt erledigt, unsere Karawane eingetroffen war und
Muhamed seine Mission angetreten hatte, lagerten wir uns in einem
verwilderten Palmengarten zu wohlverdienter Rast.
[Illustration: Die versinkende Moschee in Tugurt]
Der Zeitpunkt rückte heran, zu dem wir Muhamed mit oder ohne Wagen
zurückerwarteten. Aber nichts kam in Sicht. Eine weitere Stunde
verging, und noch immer war weder etwas von Muhamed noch von einem
Wagen zu erblicken. Die Hoffnung auf Erfüllung unseres Planes fing an
zu schwinden.
Um den Rest des Tages nicht untätig zu verbringen, machten wir uns auf
den Weiterweg. Die beiden »Pferdelosen« unserer kleinen Gesellschaft
thronten nun auf Mauleseln, während die lahmen Tiere von Kabylen im
Schritt nachgeführt wurden.
Bei dieser Gelegenheit wurde uns klar, wie nötig es gewesen wäre,
Ersatzpferde mitzunehmen. Aber niemand hatte daran gedacht. Auch nicht
unser guter Jussuf.
Als wir schon gar nicht mehr mit der Möglichkeit rechneten, tauchte
nun doch noch das Fuhrwerk auf. Ein kleiner Kremser, mit zwei Pferden
und zwei Maultieren bespannt. Der Kutscher ein Franzose und, wie sich
nachher herausstellte, der Besitzer des einzigen französischen Hotels
in Tugurt.
Es dauerte nicht lange und wir waren mit unserem bescheidenen Gepäck
im Innern des Wagens untergebracht. Muhamed, der uns begleiten sollte,
fand Platz neben dem Kutscher.
Jussuf verblieb bei der Karawane, die noch bis Sonnenuntergang
marschieren und die letzte Strecke am nächsten Morgen zurücklegen
sollte.
Nicht so leuchtend und farbenfreudig wie sonst ging an diesem Tage die
Sonne unter. Es fehlte der warme, alles verklärende Glanz. Geradeso,
als ob Verstimmung über ihr Antlitz zöge. Und ungewöhnlich rasch
däuchte uns ihr Abschied und trister als sonst die Erde, nachdem sie
gegangen war.
Eine kurze Zeitlang konnten wir noch einige kolossale Dünen in der
Ferne und die Oasen unterscheiden, die rechts und links nicht allzu
weit vom Wege lagen. Dann lösten sich alle Linien auf, und Dunkelheit
umfing uns.
In Decken gehüllt und trotzdem fröstelnd saßen wir in dem engen,
stockfinsteren Käfig, dessen Ledervorhänge herabgelassen waren, um die
kalte Nachtluft so gut als möglich abzuhalten. Stuckernd und krächzend
ging der Wagen bald über harten, steinigen Boden, bald schwankte er wie
trunken in tiefem, nachgiebigem Sand. Da plötzlich ein gewaltiger Ruck,
daß die Köpfe gegeneinander flogen, und halb nach der Seite übergekippt
saß das Fuhrwerk in einer Vertiefung fest.
Wir kletterten heraus und fanden nun -- nicht mehr die uns schon
vertraute weiche blauschwarze Finsternis der südlichen Nacht, sondern
eine undurchdringliche graue Atmosphäre, die alles zu erdrücken schien.
Ein Sandsturm hatte sich erhoben, und wir waren mitten drin.
Zuerst hieß es jetzt den Wagen wieder aus der Vertiefung schaffen. Eine
nicht ganz leichte Aufgabe, da keiner unterscheiden konnte, was der
andere tat. Aber nach einigen vergeblichen Anstrengungen war die Arbeit
gelungen.
Nun stellte der Kutscher fest, was er schon seit einer Weile
befürchtete, daß er den Weg verloren hatte. Er hoffte ihn wieder zu
finden. Also fuhren wir weiter.
Wir stiegen nicht wieder ein, sondern hielten uns hart zu dem Wagen,
der bloß langsamen Schrittes vorwärts kam. Die müden und aufgeregten
Tiere waren nur noch durch Peitschen und Zurufen im Gange zu halten.
Und plötzlich versagten sie ganz, rührten sich nicht mehr von der
Stelle. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich einigermaßen
beruhigt hatten und wieder anzogen. Inzwischen untersuchte der Kutscher
den Boden auf irgend welche Spuren. Hätte er nur wenigstens eine
Laterne besessen! Aber er hatte nichts mit als ein paar armselige
Streichhölzer, die immer viel zu rasch erloschen.
[Illustration: Märchenerzähler in Tugurt]
Und wieder tasteten wir uns weiter in dem grauen Meer, wieder und
abermals wieder wurde der Boden abgeleuchtet; endlich wurden die Spuren
der Straße entdeckt.
Daß wir uns dahin zurückgefunden, war vielleicht weniger der Führung
des Kutschers als dem Instinkt der Tiere zu danken, deren Ruhe und
Willigkeit zum Vorwärtsgehen uns auch vermuten ließen, daß wir uns in
der richtigen Direktion bewegten.
Wie lange mußten wir wohl noch in diesem grauen Chaos aushalten? Wie
lange noch weiterkriechen auf diesem unsicheren Meeresboden, dessen
gewaltige graue Wogen in jeder Sekunde über uns zusammenzustürzen und
uns zu begraben drohten? Es lag etwas so erbarmungslos Gewaltiges in
diesem Aufruhr der Natur, daß auch den Resolutesten ein banges Gefühl
und das Bewußtsein seiner Ohnmacht und Nichtigkeit überkommen konnte.
Endlich, endlich glaubten wir ein Licht zu entdecken! Es verschwand.
Tauchte wieder auf. Leuchtete etwas klarer. Und dann erschien noch
eines, und zuletzt eine ganze Anzahl, wie an eine Kette gereiht. Kein
Zweifel konnte mehr darüber herrschen, es waren die Lichter von Tugurt.
Ohne daß wir es wußten, waren wir bereits in allernächster Nähe der
Stadt angelangt. In wenigen Minuten würden wir den Fängen des Sturmes
entronnen und zwischen schützenden Mauern geborgen sein. Erleichtert
atmete ein jeder in dieser frohen Gewißheit auf.
Zwar ging es auf Mitternacht, aber es waren doch nur drei Stunden, um
die wir uns verspätet hatten. Uns waren sie wie eine Unendlichkeit
erschienen.
Tugurt
Wie am Abend der letzte, so galt am Morgen der erste Gedanke unserer
Karawane. Wo mochte sie weilen? Wie mochte ihr der Sturm mitgespielt
haben? Aber noch im Laufe des Vormittags fand sich zu unserer großen
Freude Jussuf ein. Sie hatten mit Tagesanbruch, sobald die Richtung
einigermaßen erkennbar war, ihren Weg fortgesetzt, waren wohlbehalten
angekommen und lagerten nun draußen am Eingange zur Stadt.
Drei Tage lang trug die Oase ein tristes Gesicht. Drei Tage lang
verhüllte der Sturm die reinen Linien des Bildes. Und lüftete sich hin
und wieder der Schleier ein wenig, so war es nur, um gleich danach in
um so dichteren Falten wieder herabzusinken.
Menschenleer erschien der Ort. Die Marktplätze lagen verödet. Aus den
Cafés drang kein Tamtamschlag und keine verführerischen »Yu-Yu«-Rufe
der Ouled Naïls. In den Straßen häufte sich der feine, graue Staub, in
dem der Fuß wie in weichem Schnee versank.
Uns hielt es jedoch nicht zu Hause. Wir wagten uns hinaus und
arbeiteten uns zu der halbversunkenen Moschee durch, die, ein Stück
entfernt, außerhalb der Stadtmauern liegt. Wie ein Wrack aus der Flut,
so ragen die Kuppeln dieses uralten Gotteshauses aus dem Sandmeer
hervor. Da hilft kein Wehren! Langsam, aber unerbittlich wird es von
dem mächtigen Feinde verschlungen, von demselben Feinde, der auch in
dieser Stunde bei seiner vernichtenden Arbeit war, der dem Tage sein
unbeschreiblich melancholisches Gepräge gab: grau der Himmel, grau die
Erde, grau die Atmosphäre. Als ob niemals hier die Sonne geschienen
hätte oder je wieder leuchten könnte.
Die niedrigen, flachen Häuser der Stadt, die sich nur in schwachen
Umrissen markierten, die unregelmäßigen Dünenerhöhungen wirkten wie
ein gewaltiger Todesacker, auf dem ein paar einsame Palmen als dunkle,
unheimliche Wächter standen.
* * * * *
[Illustration: Eingang zur Zaouia in Tamelhat]
Tugurt mit seinen 6000 Einwohnern und seinen 170000 Palmbäumen, die
den dunklen Hintergrund der farblosen Stadt bilden, ist von großer
kommerzieller Bedeutung, da es auf dem Wege nach Ouargla im Süden und
dem Gebiet des Souf im Osten gelegen ist. Aber als äußerst ungesund
gilt dieser Ort, der sich am Ufer des Schott Ghemora ausbreitet. Und
in früheren Jahren, als noch ein sumpfiger Graben die ganze Stadt
umgab und die Luft mit seinen Ausdünstungen vergiftete, war sie ein
richtiges Fiebernest. Vieles ist anders und besser geworden, seitdem
die Franzosen die Herrschaft übernommen, aber das barbarische Klima,
das zuweilen des Nachts eine Temperatur von 7 Grad Celsius unter Null
und mittags 50 Grad Hitze im Schatten zeigt, und das überaus schlechte
Wasser der Gegend setzen auch ihren Bemühungen unüberwindliche
Schranken entgegen.
Entsprechend der Bedeutung des Ortes, der als wichtiger militärischer
Vorposten betrachtet wird, ist die Festung. Die ziemlich ausgedehnte
Kaserne und das Wohnhaus des Kommandanten, von einer hohen, massiven,
mit Schießscharten und Wachttürmen versehenen Mauer umschlossen, wirken
inmitten der niedrigen Häuser doppelt imposant. Gegenüber der Festung
erhebt sich in blendender Weiße und in reizvoller Bauart das einzige
große und bemerkenswerte Gebäude der Stadt, das sogenannte Bureau
Arabe, in dem alle gerichtlichen Fragen geschlichtet werden.
Zwischen diese beiden wichtigen Punkte, die Kasba[14] und das
Gerichtsgebäude, schiebt sich ein weiter, unregelmäßig geformter Platz,
der weder Baum noch Strauch, dafür aber einen anderen unschätzbaren
Schmuck, einen gewaltigen artesischen Brunnen aufweist. Mit kolossaler
Macht stoßen die Wassermengen in die Höhe, ununterbrochen, in
treibender Hast, als ob sie nicht schnell genug zum Licht des Tages
kommen könnten. In einem großen Bassin sammelt sich das kostbare Naß,
und ein Aquädukt führt es weiter hinaus, wo es sich in hundert Adern
ergießt und Leben und Fruchtbarkeit hervorzaubert.
[14] Kasba -- Festung.
An demselben großen freien Platze, dessen lebenspendender Brunnen das
Auge erquickt, lag das Hotel, das einzige, das Tugurt aufzuweisen hat.
Aber Zimmer gab es nicht in dem kleinen Hause. Hier fanden wir uns nur
zu den Mahlzeiten ein. Und diese wären gar nicht zu verachten gewesen,
trotzdem als Fleischgericht meist nur Hammel in irgendeiner Form
erschien, wenn nicht die entsetzliche Fliegenplage gewesen wäre. In
Biskra glaubten wir uns schon über diese schwarze Gesellschaft beklagen
zu müssen, aber mit Unrecht, wie wir jetzt einsahen. Denn dort waren
es ja einsame Exemplare und Aristokraten ihres Geschlechts, verglichen
mit dem zudringlichen Geschmeiß, das sich hier breit machte. In wenigen
Sekunden war eine Speiseschüssel so dicht belagert, daß man nicht mehr
erkennen konnte, was sich darunter verbarg. Jeden Bissen mußte man sich
erkämpfen. Und die Tiere ließen sich eher töten, als daß sie ihren
Platz aufgaben. Das waren Mahlzeiten mit Hindernissen, bei denen der
Appetit meist Reißaus nahm. Gewöhnlich hielten wir uns danach mit einer
tüchtigen Portion Datteln schadlos.
In der Straße, die wir bei unserer nächtlichen Ankunft zuerst passiert
hatten, in einem langgestreckten einstöckigen Gebäude von der Art, wie
sie in diesem sogenannten europäischen Stadtteile alle waren, lagen
die Räume, in denen wir wohnten. Kahl waren sie wie Gefängniszellen:
geweißte Wände, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, der Boden aus
festgestampftem Lehm. Ein kleines vergittertes Fenster ließ nur
spärliches, durch einen Arkadengang ohnehin gedämpftes Licht hinein.
Man betrat die Räume direkt von der Straße, und durch die Spalten der
schlecht schließenden Türen trieb der Wind den Sand zu Haufen in die
Stuben.
Wie gerne wären wir trotz des ungünstigen Wetters in unsere Zelte
zurückgekehrt! Aber die Leute sollten ein paar völlig freie
Erholungstage haben. So opferten wir unsere Wünsche.
* * * * *
[Illustration: Tor mit Wunschknochen in Tamelhat]
Endlich schien die Sonne wieder! Endlich strahlte der Himmel wieder in
fleckenlosem Blau! Endlich kamen die Menschen wieder aus ihren Höhlen
hervor, in die sie sich verkrochen hatten, und die Straßen und die
Cafés, diese einzigen Vergnügungsorte der Oasen, belebten sich. Wie
das gut tat! Wie dankbar man alles empfand nach der vorhergegangenen
Grabesstimmung.
Es war Markttag, und auf dem weiten Platz um den mächtigen Brunnen
herrschte ein buntes Gewimmel. Alle afrikanischen Rassen waren
hier vertreten, vom mattgebräunten Bewohner des Tells bis zum
ebenholzschwarzen Sudanesen.
Datteln schienen auf dem Markt von Tugurt das größte Tausch-, Kauf-
und Verkaufsobjekt zu sein. Datteln aller Arten: große, durchsichtig
goldig-braun mit saftigem Fleisch, dunkelbraune, schmal und mager, und
kleine graue, die bei den Eingeborenen sehr beliebt sind, weil sie sich
ihrer trockenen Haut wegen leicht im Burnus mitnehmen lassen. Zu großen
Haufen waren sie auf dem Boden aufgeschichtet, und Fliegen, Käufer und
Händler drängten sich darum.
Im Schatten der hohen Festungsmauer standen, ihrer schweren Lasten
entledigt, die Kamele und taten sich an Dattelkernen gütlich; in
der Nähe der großen Moschee hatten die Messerschmiede mit ihren
interessanten Arbeiten sich niedergelassen, und in einer anderen
Ecke verführten bunte Stoffe, Kamelhaarkordeln und Nähartikel
allerprimitivster Art zum Kaufen.
Auf dem zweiten und viel kleineren Marktplatze bot man Getreide in
bescheidenen Mengen feil, gelbe Rüben und Zwiebeln, die zur Kuskuswürze
so nötigen Zutaten, Brennholz, hier ein seltenes und kostspieliges
Material, das nur in einzelnen Stücken verkauft wird, und Hammel und
Schafe, die vor den Augen des Käufers geschlachtet und zerteilt und
geröstet werden.
Dies alles erinnert an den Markt von Biskra, und doch löst es bei dem
Beschauer nicht dieselbe Wirkung aus. Es lastet eine schwüle, drückende
Stimmung über dem Ganzen. Es fehlt dem Bilde der heitere, fröhliche
Ton, der einen Besuch auf dem Marktplatz von Biskra zu solchem Genusse
stempelt.
* * * * *
Im Westen der Kasba liegt der ärmere Teil der Stadt: viele, viele
kleine, aus getrocknetem Schlammboden errichtete Gurbis.[15] Lange,
gewundene, überbaute Gassen, in die niemals die Sonne dringen kann,
führen durch dieses kühle Labyrinth. Nur wo die Wege sich kreuzen,
fällt etwas Helligkeit von oben hinein und läßt den Wanderer die
Richtung erkennen. Diese schmalen, lichtlosen Gänge, in denen sich
rechts und links an den Mauern Lehmbänke entlang ziehen, dienen
den Obdachlosen als Heim und den Einwohnern als Aufenthaltsort und
Schlafstelle, wenn die brutale Macht der Sonne die Erde zur Hölle
wandelt.
[15] Gurbi -- Haus.
Auf diese finsteren Wege münden auch die Eingänge zu den Wohnungen, in
denen die Menschen hausen. So etwas von Armseligkeit kann man sich nur
vorstellen, wenn man es gesehen hat.
Ein enger Gang führt zu einer niedrigen fensterlosen Höhle, die uns
selbst für Tiere zu schlecht dünken würde, und darin hausen oft vier,
sechs und noch mehr Personen. Wie sie da zurechtkommen, blieb uns ein
ungelöstes Rätsel. Manche teilen diesen winzigen Raum sogar noch mit
den Hühnern. Das flache Dach dieser Höhle bildet eine Terrasse, auf der
sich am Abend jung und alt einfindet. Am Tage vergnügen sich dort die
Ziegen und das Federvieh.
In manchen Wohnungen verkrochen sich bei unserem Eintritt die Frauen
in die hinterste Ecke, um nicht gesehen zu werden. In anderen benahmen
sie sich viel weniger scheu und freuten sich, wenn man ihre trotz allem
Schmutz entzückenden Kinder bewunderte und beschenkte.