einzelne schwarze Punkte auflöst. Es ist eine Kamelherde, die wir bald
überholen. Ein Tier schreitet hinter dem anderen. Lautlos, langsam,
gewichtig. Keines wendet den Kopf. Aber mit ihren großen dunklen,
vielsagenden Augen betrachten sie uns aufmerksam von der Seite.
Erschrocken und hilfesuchend eilen die grotesken, unerfahrenen Jungen
in die Nähe der Mütter. Ein bissig aussehender Köter rast hin und
her, als ob er seine Schutzbefohlenen zählte. Lautlosen und langsamen
Schrittes, wie seine Tiere, folgt rosenkranzbetend der magere,
sonngebräunte Nomade.
[Illustration: Nomadenleben]
Alles wird in dieser tödlichen Einöde zum Ereignis, prägt sich dem
Bewußtsein in ungewöhnlicher Schärfe ein.
Just als die Sonne sich zum Abschiednehmen rüstete und den
unfruchtbaren Boden wieder mit all ihren märchenhaften Farben tränkte,
tauchte die kleine Bordj Stil vor uns auf. Nicht weit davon lagerte
unsere Karawane. Sie war längst vor uns eingetroffen, da sie an diesem
Tage nur kurze Mittagsrast gehalten und ihren Marsch gleich danach
fortgesetzt hatte. Die Zelte standen bereits, die Maulesel steckten
mit den Nasen schon tief im Futter, Salem hockte wie ein Gnom zwischen
allerhand geöffneten Büchsen in seinem Küchenzelt, und im Kreise um das
Feuer geschart, über dem der Kuskustopf brodelte, saßen mit ernsten
Gesichtern die Kabylen. Schweigend, mit einer Art Andacht, warteten
sie auf den Augenblick, wo der Inhalt des Topfes in die große, flache
hölzerne Schüssel geschüttet wurde, aus der sie gemeinsam aßen. Einige
waren in der Zivilisation schon so weit gekommen, daß sie einen Löffel
benutzten, andere gebrauchten statt dessen das ihnen von der Natur
gegebene Instrument, ihre fünf Finger. Jeder fischt sich ein Stück
Fleisch heraus, das er vor sich auf den Boden legt und von dem er ab
und zu einen Bissen abreißt. Die Schüssel wird so leer gegessen, daß
man es nicht für nötig hält, sie noch auszuwaschen. Wer einen Löffel
besitzt, verbirgt ihn in seiner Gandura. Es ist wohl kaum möglich, die
Lebensgewohnheiten noch mehr zu vereinfachen. Aber der Reichste der
Welt kann nach dem köstlichsten Mahle nicht befriedigter sein als diese
Berberenkel nach ihrem Kuskusgericht, wenn das Stück Hammelfleisch
darin nur reichlich bemessen war.
Spät am Abend bekamen wir zu unserer großen Überraschung noch Nachbarn.
Eine Nomadenfamilie stellte ihr niedriges Zelt hart neben den unseren
auf. Es lag ein großer Reiz für uns darin, diese Wandervögel der Wüste
so dicht bei uns zu haben, aus solch unmittelbarer Nähe beobachten
zu können, wie jeder seine Arbeit verrichtete, fast ohne ein Wort zu
verlieren, wie der Mann drinnen im Zelt der Sitte gemäß allein sein
Essen verzehrte, während die Frau mit den beiden Kindern draußen darauf
wartete, den Rest zu erhalten, den er ihnen übrigließ.
Jussuf aber blickte auf die enge Nachbarschaft mit etwas scheelen
Blicken. Aus einem tiefgewurzelten Mißtrauen heraus ordnete er an, daß
die Wache während dieser Nacht verdoppelt werden sollte.
In der Frühe fanden wir die Stelle neben uns leer. Ohne eine Spur zu
hinterlassen, wie die Vögel in den Lüften, waren unsere nächtlichen
Anwohner verschwunden.
Bald nach dem Aufbruch an diesem Morgen erreichten wir Kef-el-Dohr,
einen Hügelrücken, der, von Osten nach Westen laufend, den Weg nach
dem Süden zu sperren schien. Auf der Höhe angelangt, standen wir wie
gebannt, stumm vor Erstaunen und Verwunderung: Zu unseren Füßen weitete
sich ein herrlicher See; auf den hochgehenden Wellen glitten große
Dampfschiffe dahin, zahlreiche Segelboote kreuzten, kleine Fahrzeuge
bahnten sich dazwischen ihren Weg. Hohe, schlanke Pappeln säumten das
Ufer, und wunderschöne Villen ruhten halbversteckt unter mächtigen
Palmen, deren Kronen sich im Winde wiegten. Ein feiner silbriggrauer
Dunst lag über dem entzückenden Landschaftsbilde.
Wir setzten unsere Pferde in Trab, um das Wasser, dessen Wellenschlag
man zu vernehmen glaubte, zu erreichen. Aber mit jedem Schritte, den
wir näherkamen, veränderte sich das Bild, ward unklarer, verblaßte, bis
schließlich nichts mehr übrigblieb als eine große, glänzende Fläche --
der Schott[11] Merouan. Über seinem mit Salzkristallen bedeckten Boden
hatte die Sonne diese köstliche Fata Morgana hervorgezaubert.
[11] Schott -- Sumpf.
Eine neue, fremdartige Szenerie fesselte nun das Auge. Zur Linken der
unübersehbare Schott mit seinen phantastischen Luftspiegelungen, zur
Rechten ein weites, völlig ebenes Land, das streckenweise im nordischen
Winterkleide zu liegen schien. Die hohen Palmen, die niedrigen Büsche,
die dürftigen Gräser, alles sah aus, als wäre es mit Rauhreif bezogen.
Und weiter gen Süden tauchten als dunkle Zeichnung auf lichtem Grund
die zahlreichen Oasen des Oued Rir auf.
[Illustration: Bei der Wäsche]
Dumpf und hohl klangen die Hufschläge der Pferde und das Trappeln der
Maultiere auf der Straße, die sich längere Zeit an diesem blendenden
Sumpfgebiet entlang windet, das etwa zwanzig Meter unter dem
Meeresspiegel liegt.
In der Mittagsstunde erreichten wir Ourir, eine große Plantage im
Besitze der Société du Sud-Algérien. Man bemerkte sofort: hier
herrschte ein anderer Geist, zielbewußter, exakter als der des wenig
tatkräftigen Arabers.
Auf einer breiten, vorzüglich gehaltenen Straße gelangten wir zur
Bordj, deren einer Flügel für den französischen Verwalter der Oase
und dessen Familie als Wohnung eingerichtet ist. Durch die überaus
liebenswürdige Gastfreundschaft dieser Menschen knüpfen sich für uns
an Ourir die angenehmsten Erinnerungen. Der dringlichen Aufforderung,
als Mittagsgäste zu bleiben, wichen wir allerdings aus, ebenso der
Einladung, uns an kühler Limonade zu laben, denn wir waren davor
gewarnt, das als schlecht und gefährlich bekannte Wasser dieser Gegend
in irgendeiner Form zu genießen. Aber mit Dank begrüßten wir die Gaben,
mit denen die Hausfrau unseren Tisch bereicherte: frisches Gemüse,
zarten Salat, rosige Radieschen und köstliches Obst.
An einer schattigen Stelle in der alten, parkartigen Oase hatte Salem
unser Mahl gerichtet, und nachdem wir uns gestärkt und etwas geruht
hatten, besichtigten wir unter Führung des Ehepaares verschiedene
interessante Dinge in dem Bereich, der ihre Welt bedeutete. Wir machten
einen Gang in die große, neue Plantage, die sich im Norden der Bordj
ausdehnt, und wir wanderten durch das Dorf der Arbeiter, die sich
fast ausschließlich aus Negern rekrutieren. Niedrige Lehmhütten, die
die Gesellschaft errichten ließ, bilden ihr Heim. Außen, neben jedem
Türeingang, liegen auf einem erhöhten Erdhaufen ein paar Steine. Das
ist Herd und Küche zugleich. Nackte Kinder und schwarze, kraushaarige
Frauen belebten die schattenlose Dorfgasse. Wir standen staunend vor
dem gewaltigen artesischen Brunnen, der aus dem unterirdischen Flusse,
dem Oued Rir, die riesigen Wassermengen heraufschafft, die für das
Gedeihen der Oase unerläßlich sind; wir sahen den Arbeitern zu, die,
hoch oben in den Gipfeln hockend, die Befruchtung der Palmen vornahmen,
denn dieses Amt wird nicht dem Zufall überlassen, sondern man bestimmt
selbst, welche Art von Früchten der Baum tragen soll.
Die Blüte der männlichen Palme, die in einer schwertförmigen Hülse
steckt und der weiblichen Blüte sehr ähnlich sieht, wird geschnitten,
sobald der Blütenstaub reif ist, und der feine Puder aus den weißen,
faserigen Staubbeuteln wird auf die weibliche Blüte geschüttet. Der
Blütenzweig einer männlichen Palme genügt, um eine große Anzahl
weiblicher Blüten zu befruchten. Die nicht gebrauchten Blüten werden
auf den Märkten verhandelt oder, sorgfältig in Tücher verpackt, bis zur
nächsten Befruchtungszeit aufgehoben, die hauptsächlich in die Monate
Februar und März fällt. Man kerbt die Palmen und köpft die Bäume, die
keine Früchte mehr tragen, und aus dem ausfließenden Safte wird der
Palmenwein hergestellt. Ein süßes und erfrischendes Getränk, solange es
nicht in Gärung übergegangen ist. Nachher säuerlich und alkoholhaltig
genug, um sich einen richtigen Kater damit holen zu können.
Bei einem Glase Lagmi[12] verabschiedeten wir uns von unseren
liebenswürdigen Wirten, voll Dank für all die Freundlichkeiten, die sie
uns Fremden erwiesen, und voller Bewunderung für die tapfere Art, wie
sie ihr einsames Leben lebten auf diesem kleinen grünen Eiland in der
unendlichen Weite der Sahara.
[12] Lagmi -- Name für Palmenwein.
Wie rasch die Zeit verstrichen war! Es ging bereits auf Fünf, als wir
wieder zu Pferde stiegen. Nun hieß es tüchtig zureiten, um die dreißig
Kilometer zurückzulegen, die uns noch von Sidi Khelil trennten, wo die
wieder vorausmarschierte Karawane das Nachtlager richten sollte. Auch
Jussuf und Salem waren längst auf dem Wege und nur Muhamed als unser
Begleiter zurückgeblieben. In schlankem Trab und fliegendem Galopp ging
es dahin, und als wir Mraier erreichten -- eine fruchtbare Oase, die
80000 Palmbäume aufweist und zugleich der einzige Ort ist, der zwischen
Biskra und Tugurt Unterkunft in einem kleinen französischen Gasthaus
bietet --, konnten wir konstatieren, daß wir etwas von der verlorenen
Zeit bereits eingeholt hatten. Nur einen kurzen Aufenthalt gönnten wir
uns, gerade so lange, um die durstigen Tiere zu tränken, ohne ihnen
überhaupt erst das Gebiß abzunehmen, und dann ging es weiter. Bald im
grundlosen Sand, bald auf hartem, kalkartigem Boden, über eintönige,
kahlrasierte Flächen und unregelmäßige Hügellinien. Immer vorwärts,
vorwärts, so rasch als möglich! Denn die Sonne kleidete Himmel und Erde
bereits in ihre prächtigsten Farben, und wir wußten, was das bedeutete.
[Illustration: Wüstenwanderer]
Doch wo lag Sidi Khelil?
Selbst Muhameds scharfe Augen konnten nirgendwo am Horizont den dunklen
Punkt erspähen, der dem geübten Blick die Oase verrät.
Kaum war der letzte lichte Farbenton am Himmel verschwunden, als sich
auch schon die Dunkelheit herabsenkte, so dick und schwer, daß man
glaubte, sie mit den Händen greifen zu können. Ein Weg war nicht mehr
zu erkennen. Wir konnten uns nur im Schritt weiterbewegen und mußten
uns völlig auf unsere Tiere verlassen. Hin und wieder stieß Muhamed
einen seiner charakteristischen, durchdringenden Schreie aus. Aber kein
Echo kam.
Unsere Hoffnung, die Karawane noch zu treffen, schwand immer mehr, und
wir überlegten die beiden Möglichkeiten, die uns blieben: entweder
unter freiem Himmel zu übernachten und bei Tagesanbruch den Weg weiter
zu verfolgen oder zu rasten, bis der Mond aufgegangen war, und dann
die Suche fortzusetzen. Eingedenk unserer leichten Reitkostüme, die
nur für die Hitze des Tages, aber nicht für die scharfe Kälte der Nacht
berechnet waren, hatte die erste Idee wenig Verlockendes. Aber die
zweite, ja, das ginge schon eher.
Muhamed wollte jedoch von alledem nichts wissen. Mit Schlagen und
Schimpfen trieb er sein müdes Maultier an, um weiter zu suchen. Und
diesmal mit Erfolg. Als wir, der Richtung seiner Stimme folgend, auf
dem etwas ansteigenden Gelände noch eine Strecke vorwärtsgekommen
waren, sahen wir in der Entfernung einen winzigen Lichtschimmer wie ein
einsames Irrlicht blinkern. »Das kann nur das Feuer unserer Karawane
sein,« behauptete Muhamed, und er hatte recht.
Die Gewißheit, nun doch noch ans Ziel zu kommen, feuerte uns wieder
an. Und man merkte es auch an den Pferden, daß sie die Nähe der Krippe
ahnten.
An diesem Tage hatten wir, seit Antritt unserer Wüstenreise, die
längste Strecke zurückgelegt, nahezu 60 Kilometer. Menschen und Tiere
waren ziemlich erschöpft. Eine Stunde nach unserem Eintreffen waren
die Lichter bereits gelöscht, das Feuer ausgebrannt, und tiefe Ruhe
herrschte im ganzen Lager.
* * * * *
Nichts Erfrischenderes, Belebenderes kenne ich als einen Morgen in der
Wüste. Da gibt es nichts von grauer, trister Stimmung! Was bei uns zu
Lande die Ausnahme, ist dort die Regel. Hoch und weit, in fleckenloser,
strahlender Bläue dehnt sich der Himmel. Nicht die leiseste Dunstwolke
trübt die Atmosphäre.
Wundervoll durchsichtige lichtgrüne Töne im Osten künden die Nähe des
Tagesgestirns. Zu dem Grün gesellt sich bald ein zartes Gelb, das
sich in tiefes, sattes Orange verwandelt, und auf diesem festlich
leuchtenden Plan erscheint mit unfehlbarer Pünktlichkeit Frau Sonne.
Sie, die Herrscherin in diesem Lande, dem sie in unbarmherziger
Liebkosung das Mark aus den Adern saugt und dessen mageren,
unfruchtbaren Körper sie dann, wie zum Ersatz, in duftige Gewänder von
magisch zarten Farben kleidet.
[Illustration: Temacine]
Stets setzt mit Sonnenaufgang eine leichte Brise ein, und in der
köstlich reinen Luft liegt ein undefinierbarer Duft, der die gesamten
Lebensgeister wachruft. Alle Müdigkeit ist wie weggeblasen, und man
fühlt sich, als ob man allen Strapazen der Welt gewachsen sei.
* * * * *
Dem Wüstenstrich zwischen Ourir und Temacine gibt der unterirdische
Fluß, der Oued Rir, das Gepräge. Seinen unsichtbaren Lauf bezeichnen
zahlreiche Oasen, die sich besonders auf der Strecke, die wir nun
durchmaßen, oft in wenig Kilometer Entfernung folgen.
Zu den alten Anpflanzungen der Araber haben sich im Lauf der letzten
Jahrzehnte eine ganze Anzahl von Franzosen angelegter Plantagen
gesellt. Welch großen Aufschwung in der Palmenkultur deren rationelle
Art von Bewirtschaftung hervorgerufen, dürften einige Zahlen
bezeichnen: Im Jahre 1856 war das Tal des Oued Rir von etwa 7000
Menschen bevölkert. Heute zählt man über 15000 Einwohner. Die Zahl der
Palmenbäume hat sich von 360000 auf 650000 erhöht, und während zu jener
Zeit die gesamten Brunnen ungefähr 52000 Liter Wasser in der Minute
lieferten, werden jetzt im selben winzigen Zeitraum 310000 Liter zutage
befördert. Der Araber, der dem Rumi[13] im Innersten seines Herzens
nicht sehr freundlich gesinnt ist, kann nicht anders als zugeben, daß
die Hilfe des Fremden sein ödes Land verbessert und ihm zu seinem
Vorteil verholfen hat.
[13] Rumi -- Römer. So nennt der Araber alle Fremden.
Nur selten führt die Straße durch eine der Oasen. Die meisten
liegen rechts und links abseits vom Wege, eingeschlossen von hohem
Mauergürtel, und wirken wie verzauberte Orte, in denen Friede und
Vergessen wohnt.
Als wir wieder einmal unseren Pferden die Zügel ließen und in
herrlichem Galopp dahinflogen -- diesen Genuß gönnten wir uns und
ihnen etwa einmal in der Stunde --, tauchte unerwartet ein Hindernis
vor uns auf: ein kleiner, mit zwei Maultieren bespannter Leiterwagen,
der mit einer Anzahl Kinder befrachtet war. Daneben marschierte
ein Araber, und die Nachhut bildeten drei weibliche Wesen, die mit
nachlässiger Grazie ihre Lumpen im Sande nachschleiften.
Unser plötzliches Näherkommen zerstörte im Nu das friedliche Idyll,
und auch unser rasches Anhalten konnte nichts mehr nützen. Erschreckt
und völlig kopflos geworden, rasten die Tiere mit dem Gefährt davon.
Der Mann lief, was er konnte, um es einzuholen, die Kinder brüllten,
die Frauen stießen laute Angstrufe aus und rangen voller Entsetzen die
Hände. Ihre vollendete Haltung, ihre großen, edlen Gesten in diesem
Augenblick beobachten zu können, bedeutete geradezu einen ästhetischen
Genuß. Viele unserer besten Künstlerinnen brauchen Jahre des Studiums,
um auch nur annähernd solchen Adel in Gang und Bewegung zu zeigen, wie
er diesen braunen Töchtern der Wüste angeboren ist.
* * * * *
An diesem Tage fanden wir wieder ein köstliches Plätzchen für die
Mittagspause. Im Schatten der jungen Palmenanlage, zu Füßen der Bordj
ben Rezig, die auf einer hohen Düne lagert, wurde das Zelt errichtet.
Dichtes Grün zu Häupten, üppiges Grün unter den Füßen, und das leise
Murmeln der Seguia zur Seite! Nur wer über die weite, fruchtlose,
sonnenverbrannte Ebene der Sahara gewandert ist, kann dies richtig
genießen. Und nur wer kennen gelernt hat, was es heißt, mit jedem
Tropfen Wasser rechnen zu müssen, weiß die Seguia völlig zu schätzen.
Sehr bald war uns klar geworden, daß wir unsere Anforderungen an
Reinlichkeit während der Dauer dieser Reise bedeutend herabsetzen
mußten. Ein Bad zu erhalten, war völlig ausgeschlossen. Das Wasser
der Brunnen, die wir trafen, war so salzig, daß wir fürchteten, es
würde uns die Haut gründlich verderben. Blieb also nur unser gutes
Batnawasser. Aber damit hieß es selbstverständlich haushalten, und
Jussuf maß es uns nur tropfenweise zu. Mit diesen Punkten hatten wir
uns bereits abgefunden. Da mußten wir die unangenehme Entdeckung
machen, daß Teller und Küchengeschirr nicht mit heißem Wasser, sondern
nur mit Sand gereinigt wurden. Jussuf, Salem, Ahmed, alle waren ganz
erstaunt, als wir gegen diese Art von »Abwaschen« Einspruch erhoben.
Für sie war es das Natürlichste der Welt. Die Frauen reiben ihre Kinder
mit Sand ab, um sie zu säubern, der Nomade, der die Wüste durchwandert,
nimmt die vor jedem Gebet vorgeschriebene Waschung mit Sand vor, man
reinigt das Geschirr damit. Sie benützten das »Wasser der Wüste«, wie
der Sand der Sahara genannt wird. Was war daran auszusetzen?
[Illustration: Zisterne in den Dünen]
An uns war die Reihe, uns den herrschenden Verhältnissen anzubequemen.
Aber das ging nicht so leicht, trotz allem guten Willen. Und bei
der ersten Gelegenheit, hier zu Füßen der Bordj ben Rezig, am Ufer
der langsam gleitenden Seguia, feierte unser mühsam unterdrückter
europäischer Reinlichkeitssinn ein großes Fest: da wurde gewaschen,
geputzt und gescheuert, bis alles vor Sauberkeit strahlte. Befriedigt
betrachteten wir unser Werk. Aber Jussuf und Salem und Ahmed, unsere
Helfer bei dieser Arbeit, setzten philosophische Gesichter auf, als ob
sie sagen wollten: »Wozu all diese Mühe? Morgen ist doch schon wieder
alles so wie es vorher gewesen!«
Und wenn man es recht bedenkt, gar so unrecht hätten sie eigentlich
nicht gehabt.
* * * * *
An diesem Nachmittag hielten wir uns mit der Karawane. Das Ziel,
das wir uns gesteckt hatten, war kein allzu entferntes, und aller
Berechnung nach mußten wir es so zeitig erreichen, daß es nichts weiter
verschlug, auf die Aufstellung der Zelte warten zu müssen.
Es war zur Abwechslung auch ganz amüsant, mit dem Troß zu gehen,
Menschen und Tiere zu beobachten.
Wie mühelos doch die Kabylen ihres anstrengenden Weges zogen! Von der
ersten bis zur letzten Minute in demselben leichten, federnden Schritt.
Eine ernste, schweigsame Rasse. Nur selten wechselten sie ein Wort
miteinander.
Aber Muhamed, der ewig Lebhafte, der bis in die Fingerspitzen vor
Übermut Strotzende, konnte solches Schweigen nicht lange ertragen. Er
stimmte ein Lied an, das heißt er sang zwei Strophen, und der Chor
erwiderte mit einem Refrain. Immer neue Verse improvisierte er, in
denen meist die Schönheit eines Weibes gepriesen wurde. Und immer
antwortete der Chor in derselben Weise.
Es ist ein eigenartiger, etwas näselnder Gesang, in seinem stoßweisen
Rhythmus ganz verschieden von dem, was wir unter Melodie verstehen.
Aber es liegt doch ein großer Reiz darin, nachdem das Ohr sich einmal
damit befreundet hat.
Gab es endlich gar nichts mehr zu preisen, dann tummelte Muhamed seinen
armen Maulesel, als ob er das rassigste Vollblutpferd zwischen den
Schenkeln hätte.
Und nach diesem Intermezzo gab er wieder Hochzeitslieder zum besten,
die gewöhnlich mit wilden Schreien und einem Lärm endigten, als ob
Feuerwerkskörper losgelassen würden. Mit viel Temperament vereinigte
sich bei ihm ein großes Geschick. Kein Wunder, daß bei allen
Festlichkeiten Muhamed als der begehrteste Sänger und Spaßmacher galt.
Aber so unermüdlich er in der Ausführung all dieser Dinge war, ebenso
unermüdlich ging er allem, was Arbeit hieß, aus dem Wege. Sollten nach
der Ankunft die Pferde gestriegelt werden, was zu seinen Pflichten
gehörte, so war er sicher nirgends zu finden. Als ob die Wüste ihn
verschlungen hätte. Aber sobald ein anderer die Arbeit besorgt hatte,
tauchte Muhamed wieder auf, lächelnd, ganz erstaunt, daß für ihn nichts
mehr zu schaffen übriggeblieben.
Groß, schlank und biegsam gewachsen, mit einem regelmäßig
geschnittenen, vornehmen Gesicht, dunklen, ausdrucksvollen Augen und
einer feingeformten Adlernase, verkörperte er in vollkommenster
Weise den schönen arabischen Männertyp; aber in seinem ganzen Wesen
war er nichts anderes als ein liebenswürdiger, übermütiger Junge, der
es in naivem Egoismus verstand, dem Leben stets die leichteste Seite
abzugewinnen.
[Illustration: Dorf an einem Salzsee]
Jussuf liebte diesen jüngsten Bruder zärtlich und brachte es nicht
fertig, ihm zu zürnen, selbst wenn dessen Streiche, wie es manchmal
geschah, auf seine Kosten gingen. Nur einmal, ja, da hätte seine
Geduld doch beinahe versagt. Und das war so gekommen: Ein Fremder, dem
Jussuf als Führer diente, hatte sich ein Rennkamel gekauft. Er hatte
es sich wunderschön gedacht, auf einem solchen Tier, das fast gar
keine Ansprüche macht und mit großer Geschwindigkeit weite Strecken
zurücklegt, Ausflüge in die Wüste zu unternehmen. Ob der Besitzer nun
nicht die Fähigkeit hatte, dem Kamel seine Wünsche klarzumachen oder --
ob diesem am Ende der Reiter nicht paßte und es nicht verstehen wollte?
-- auf alle Fälle gewann der »Rumi« keine Macht über das Tier. Sobald
er auf dessen Rücken saß, fing es an zu laufen und lief und lief,
ungeachtet jedes Einspruches, so lange, bis es von selbst nicht mehr
mochte. Und so kamen sie meist viel, viel weiter, als es dem Reiter
beliebte. Als dieser das Vergebliche seines Mühens einsah, packte ihn
ein heftiger Zorn und der Wunsch, das eigensinnige Vieh so schnell als
möglich los zu werden. So schenkte er es Jussuf.
Und Jussuf, der seines Führeramtes wegen nicht selbst abkommen konnte,
delegierte Muhamed, das Kamel nach Tugurt zu bringen, wo sich ein
Käufer dafür gemeldet hatte. Muhamed tat, wie ihm befohlen war. Schon
nach kurzer Zeit kam die Nachricht, daß er das Tier für 600 Franken
losgeschlagen habe. Nun wartete man natürlich mit Freude und Ungeduld
auf die Rückkehr Muhameds, der das schöne Geld bringen sollte. Aber
Wochen vergingen, und kein Muhamed kam. Und als er endlich eintraf, kam
er zwar lachend und singend in Erinnerung an die herrliche Zeit, die er
genossen hatte, aber -- mit völlig leeren Taschen. Der Verführungen in
Tugurt waren es zu viele gewesen, und den schönen Augen der Ouled Naïls
hatte Muhamed nichts abschlagen können. Und damals war es geschehen,
daß Jussuf beinahe seine Geduld verloren hätte.
* * * * *
Unter den blendenden Strahlen der Wüstensonne verliert das Auge fast
völlig die Fähigkeit, Entfernungen richtig zu bemessen. Häuser, Zelte,
Tiere und Gegenstände, denen das grelle Licht die Farbe benimmt und
sie dem Erdboden gleichsehend macht, lassen sich erst in allernächster
Nähe erkennen. Und die Oasen wiederum, die man nur eine kurze Strecke
entfernt glaubt, scheinen sich immer weiter zurückzuziehen.
Der Marsch an diesem Nachmittag glich einer Art Geduldsspiel. War
man solch einem schwarzen Schatten am Horizont endlich auf den Leib
gerückt, so tauchte auch schon ein neuer auf, und dann wieder einer,
und als wir Ourlana erblickten und es schon erreicht zu haben glaubten,
hieß es immer noch ein langes Stück Wegs zurücklegen, ehe wir wirklich
an Ort und Stelle waren.
Abseits der Oase, mit der Aussicht auf ihre dunkelgrünen Palmenwipfel,
schlugen wir das Lager auf. An ein behagliches häusliches Niederlassen
aber war noch nicht zu denken.