bekannten und berühmten Hammam-es-Salahin. An abgeflachten Hügeln ging
es entlang, auf deren Höhen die grotesken Konturen weidender Kamele
sich scharf gegen den Horizont abzeichneten. An kristallklaren Seen
vorüber, die von zart rosa gefiederten Flamingos belebt waren, bis wir
die »Fontäne der Heiligen« erreichten, deren schwefelhaltiges Wasser
alle Krankheiten vertreiben soll.
Wie ein weißes Geheimnis liegt das Haus, in dem die Quelle gefaßt ist,
in der schattenlosen Einöde zu Füßen des wild zerfurchten Zibangebirges.
Auf einem Ritt nach Hammam-es-Salahin merkten wir auch einmal, was
für Folgen es haben kann, »vom rechten Wege« abzuweichen. Die Straße
dahin ist hart, uneben, voller Geröll. Zur Linken aber lockte, wie
ein sammetweicher Teppich, ein ausgedehntes saftiggrünes Feld. Die
Verführung war zu groß, und so schlugen wir unseres guten Jussufs
Ermahnung, die Wegrichtung innezuhalten, in den Wind, und im flotten
Galopp ging es auf das schöne Gefilde zu. Aber aus dem anfangs weichen
Boden wurde bald ein sumpfiger Morast, und bis an den Leib sanken die
erschrockenen Tiere darin ein. Es blieb nichts anderes übrig, als daß
Pferd und Reiter sich trennten und jeder zusah, wie er sich mit eigener
Kraft wieder herausschaffte.
Das war ein Anblick für Götter! Alle von oben bis unten mit klebrigem
gelbem Schlamm beschmiert. Die Pferde sahen uns ganz vorwurfsvoll an,
und selbst der kleine, freche »Negro« vergaß das Schlagen und Beißen
und stand wie »bedabbert« da.
Der Heimritt an diesem Tage war ein bedeutend größeres Vergnügen für
die anderen, die uns sahen, als für uns selbst.
Köstlich war es auch, die allzeit lustigen Pferde auf dem Hippodrom
zu tummeln, das sich zu Füßen eines ernst dreinblickenden Wachtturmes
hinter den blühenden und duftenden Büschen von Beni Mora ausdehnt.
Das Allerschönste aber waren die Ritte ohne Ziel, hinaus in die
ungemessene Weite. Welch ein Hochgenuß lag darin, welch ein
wundervolles Gefühl der Freiheit, des Losgelöstseins!
Und es war, als ob die Tiere dasselbe empfanden. Unruhigen Schrittes
gingen sie, blähten die Nüstern, streckten die Hälse, als ob die Ferne
sie anzöge. Ein Zungenschlag, und sie sausten dahin wie die Windsbraut,
kaum den Boden mit den Hufen berührend, flogen, bis ihnen fast der Atem
verging. Immer weiter, weiter! Dem Punkte zu, wo Erde und Horizont sich
einen. Es kostete stets einen energischen Entschluß, umzukehren und den
Rückweg anzutreten.
Aber schließlich, was hinderte uns denn daran, eine größere, längere
Tour in die Wüste zu unternehmen? Eine Tour, auf der es vorwärts,
immer wieder vorwärts ging! Ein verführerischer Gedanke, der
allmählich festere Gestalt gewann. Und eines schönen Tages war es eine
beschlossene Sache: wir würden eine Reise in die Wüste machen.
Eine freudige Erregung hatte sich unser aller bemächtigt. Jussuf war
glücklich! Selbst der Gedanke an die Trennung von seiner jungen,
schönen Frau konnte seine Freude nicht trüben. Denn er liebte die Wüste
fast noch mehr als das Weib.
Und nun fingen die Beratungen an. Was gab es da alles zu bedenken und
zu erwägen! Eine lange Liste wurde aufgesetzt, von den Zelten und deren
Einrichtung angefangen bis zu den letzten Küchenutensilien, die man
unbedingt zu benötigen glaubte. Diese Liste wurde Jussuf ausgehändigt,
der hoch und heilig versprach, alles aufs beste zu besorgen.
Während der nächsten Tage sahen wir nicht viel von ihm. Er war immer
beschäftigt, immer unterwegs. Er war eine begehrte Persönlichkeit
geworden. Überall hatte sich unsere Absicht herumgesprochen, und Jussuf
wurde nicht müde, Freund und Fremden Red' und Antwort darüber zu stehen.
Inzwischen widmeten wir uns den Einkäufen, die das Küchendepartement
betrafen. Mit kolossalem, durch keine Sachkenntnis getrübtem Eifer
suchten wir alle die schönen Dinge aus, die uns unterwegs vor Hunger
und Durst schützen sollten. Im Geiste sahen wir schon die leckeren
Gerichte, die Salem, der bereits engagierte Koch, herstellen würde.
[Illustration: Straße in Sidi Okba]
Wir hatten unseren Teil Arbeit erledigt. Nun wollten wir auch das
Ergebnis von Jussufs Bemühungen sehen. Aber da war noch nichts zu
sehen! Nur mit dem Versprechen konnte er aufwarten, daß am Tage der
Abreise alles bereit sein würde. Dies anzunehmen lag zwar gar kein
Grund vor, aber er glaubte ohne Zweifel, Allah würde schon alles in
Ordnung bringen.
Da wir diesen Glauben nun keineswegs teilten, machten wir uns mit ihm
zusammen an die Arbeit, und den vereinten Anstrengungen gelang es
schließlich, alles Nötige herbeizuschaffen.
Draußen in Beni Mora hatte Jussuf ein provisorisches Lager
aufgeschlagen, und am Vorabend des Tages, an dem die Reise beginnen
sollte, führte er uns stolz und frohen Gemütes hinaus, damit wir alles
besichtigen konnten. Es war ein kunterbuntes Bild mit den verschiedenen
Zelten, all den Körben, Kisten und Säcken, zwischen denen Menschen und
Tiere herumwimmelten.
Am folgenden Morgen sahen wir von der Terrasse unseres Hotels herab
unsere Karawane auf der Straße nach Tugurt vorüberziehen. Voran
Jussuf, hoch auf einem Esel thronend, als Führer und Manager; neben
ihm seine beiden Brüder Ali und Muhamed, »beritten« wie er, mit
stolzen Gesichtern, denn sie durften richtige Flinten auf dem Rücken
tragen. Dann Salem, der Koch, der seinen schmächtigen Körper in einen
abscheulichen europäischen Anzug gesteckt hatte, gegen den der weiße
Turban über seinem kleinen gutmütigen Gesicht lebhaft zu protestieren
schien. Der schwarze Ahmed, der die Dienerdienste übernommen hatte und
außerdem fünfzehn Kabylen, die neben derselben Zahl schwerbeladener
Esel herliefen. Ein ziemlicher Train war es geworden, viel größer, als
wir ihn für unsere Gesellschaft, die nur aus drei Damen und zwei Herren
bestand, vorausgesehen hatten.
Im Laufe des Nachmittags traten wir zu Pferde die Reise an. Sie sollte
zuerst 210 Kilometer südlich nach Tugurt, von da aus 90 Kilometer
östlich nach El-Oued, und von El-Oued wieder zurück nach Biskra führen,
eine Strecke von 202 Kilometern.
Voll froher Erwartung, in gehobener Stimmung machten wir uns auf den
Weg. Die Richtung war nicht zu verfehlen. Denn auch nachdem man die
verträumten Dörfer von Alt-Biskra hinter sich hat, ist noch eine
leidlich gute Straße vorhanden. Ein Haufen schreiender Kinder gab uns
ein Stück weit das Geleite. Dann begegneten wir noch dem schönen Neffen
des Bachagha, dem verwöhnten Don Juan, der in einem hypermodernen
hochräderigen Dogcart eine seiner zahlreichen europäischen
Verehrerinnen spazieren fuhr. Nach dem lag alles, was an Zivilisation
und an Alltagsleben erinnerte, hinter uns. Und vor uns die ungeheure,
rätselhafte, in ihrer starren Nacktheit großartige Wüste.
In wenigen Stunden hatten wir die Karawane eingeholt. Nicht weit
von dem Ufer des Oued Djedi hatte Jussuf eine Stelle als Lagerplatz
gewählt. Im Halbkreis standen die Schlafzelte und das Speisezelt,
den anderen Halbkreis schlossen die Tiere ab. In der Mitte des so
gebildeten Rondells lagen Säcke, Fässer und Kisten aufgestapelt.
Etwas abseits war das Küchenzelt errichtet, und Salem hockte schon
darin und schmorchelte etwas für den Abend zurecht. Alles sah äußerst
friedlich und behaglich aus. Aber helles Mitleid erfaßte uns, als wir
bemerkten, wie man die armen Maulesel festgemacht hatte. Zwei Pflöcke
waren in den Boden getrieben. Von einem Pflock zum anderen eine Kette
angebracht. An dieser Kette in knappen, genau abgemessenen Entfernungen
befanden sich Ringe, und um jedes Vorderbein der armen Lastträger
schloß sich solch ein Ring. Hart aneinandergedrängt standen sie mit
ergeben gesenkten Köpfen. Weder vor noch rückwärts, weder nach rechts
noch nach links konnten sie sich bewegen.
Jussuf suchte uns zu beschwichtigen: »Die Tiere kennen das gar nicht
anders, das wird immer so gemacht. Wie sollte man sie sonst vor dem
Weglaufen und nachts vor den Dieben schützen?«
[Illustration: Aufbruch]
Als wir sahen, daß die Pferde in der gleichen Weise behandelt werden
sollten, nur statt mit Ketten mit Stricken geknebelt, opponierten wir
energisch. Was auch geschah, aber das durfte nicht sein! Ja, aber
was sollte geschehen, da doch nur vier Pflöcke mitgebracht waren?
Auf irgendeine Weise wurde Rat geschafft, und wenigstens zwei der
Pferde wurden gesondert festgemacht. Die anderen drei mußten sich der
hergebrachten, uns so roh erscheinenden Gewohnheit fügen.
Vom Eindecken der Pferde wollten die Araber ebenfalls nichts wissen.
Auch das waren die Tiere nicht gewöhnt, wurde uns versichert. Wir
setzten aber unseren Willen durch und bestimmten, daß einige der
zahlreichen Teppiche, die für die Zelte mitgebracht waren, während der
Nacht als Decken für sie benutzt wurden.
Die Sonne ging unter in all ihrem berauschenden Farbenpomp und
überflutete die öde sandige Ebene von Saada, auf der wir rasteten,
mit einem goldigroten Schimmer. Drüben in weiter Ferne lag Biskra
mit seinem Palmenwald bereits in grauem Schatten, und nur die
blendendweißen Kuppeln des Kasinos leuchteten noch daraus hervor.
Rasch fiel die Nacht und verwischte alle Umrisse. Man hatte das Gefühl,
als ob man in der Dunkelheit versänke. Dann stieg in wundervollem
Glanze der Mond empor. In seinem blauweißen Lichte warfen Zelte und
Tiere und Menschen auffallend kurze, tiefschwarze Schatten. In dem
Wasser des Oued Djedi, das zwischen den steilen, gewundenen und
zerfetzten Uferwänden fast unbeweglich stand, spiegelte sich der
funkelnde Sternenhimmel.
Tamtamschläge und eigenartiger Gesang, Hochzeitslieder, kamen von
irgendwoher aus einem einsam gelegenen Nomadenzelt. Dann verstummten
auch diese Laute. Und nur das Heulen eines Schakals durchschnitt hin
und wieder die ungewohnte feierliche Stille.
Erst in später Stunde konnten wir uns entschließen, unsere Zelte
aufzusuchen. Bald danach schreckte uns lautes Getöse aus dem Schlafe.
Aufgeregt liefen die Leute umher. Jussuf fluchte. Es stellte sich
heraus, daß eines der allein placierten Pferde -- ob von Sehnsucht
nach den anderen getrieben, ob aus Bosheit -- mitsamt dem Pflock,
an den es angebunden war, einen Besuch bei seinen Kameraden gemacht
hatte. Jedenfalls hatten diese die Störung unliebenswürdig aufgefaßt,
und es war zu einem heftigen Kampfe gekommen. Nur mit Mühe trennte
man die Wüteriche. Mit dumpfen Schlägen wurde nun der Holzkeil tiefer
und fester in den Boden getrieben und der Unheilstifter wieder daran
befestigt.
Aber noch waren die Abenteuer dieser Nacht nicht zu Ende. Der
übermütige Grauschimmel, dem wir in freundlicher Fürsorge ebenfalls
einen Privatplatz angewiesen hatten, nagte vor Langeweile den Strick
durch, der ihn fesselte. Und während Ali auf seinem Wachtgange ihm
wieder einmal den Rücken kehrte, machte er sich auf und davon. Das
kühle Wasser des Oued Djedi, in dem er am Abend ein so erfrischendes
Bad genommen, hatte es ihm angetan. Und dort war es, wo man ihn faßte
und wieder zu seiner Pflicht zurückbrachte.
In der Frühe stellte es sich außerdem heraus, daß unsere guten
Pferdchen die wärmenden Teppiche als Futter betrachtet und zum Teil
aufgefressen hatten.
In Anbetracht dieser verschiedenen nächtlichen Ereignisse mußten wir
wohl oder übel zugeben, daß unsere Methode, arabische Hengste zu
behandeln, am Ende doch nicht die richtige war, und Jussuf hatte die
Genugtuung, nun nach seiner eigenen, altgewohnten Weise schalten zu
können.
Der Aufbruch am nächsten Morgen ging nicht so zeitig und nicht so
rasch vonstatten, als wir wünschten und beabsichtigten. Die Maschine
funktionierte noch nicht so richtig. Unserem guten Jussuf fehlte es
gewiß nicht am allerbesten Willen. Aber es mangelte bei ihm, wie
wir sehr bald merkten, an der nötigen Erfahrung und an dem noch
nötigeren Dispositionstalent. Wohl hatte er die Reise nach Tugurt
schon verschiedene Male gemacht. Einmal auf Maultieren mit einem
jungen Franzosen. Aber sie führten gar keine Zelte und nur sehr wenig
Proviant mit, übernachteten in den Bordjs und nahmen daselbst auch ihre
Mahlzeiten ein. Also eine Reise auf die einfachste und primitivste Art.
Das andere Mal hatte er zwei Amerikanerinnen geführt, und er erzählte
gern und oft von dieser Tour, auf der ihm eine der Damen so viel Sorgen
verursacht hatte. Es stellte sich nämlich eine Art Seekrankheit bei
ihr ein, und während sie über die Dünen ritten, verschlimmerte sich
ihr Befinden dermaßen, daß sie sich die Augen verbinden mußte, um
die Reise zu Ende führen zu können. Da konnte sich Jussuf wohl gut
in der Krankenpflege üben, aber da sie nur drei Tiere mithatten, die
sie selbst ritten, und nach seiner Erzählung fast ausschließlich von
Tee und Biskuits lebten, war wiederum nicht viel Gelegenheit gewesen,
noch andere Erfahrungen zu sammeln. Diese fehlenden Erfahrungen konnte
er sich nun ohne Frage auf unserer Tour aneignen. Das Betrübliche
dabei war nur, daß wir sozusagen säten, ohne ernten zu können, oder
im allerbesten Falle waren es doch nur unreife Früchte, die für uns
abfielen.
[Illustration: Im Lager]
Doch das sollte uns die Freude nicht stören. Wir waren Willens, alles,
was auch kam und wie es kam, mit in den Kauf zu nehmen.
So feuerten wir hier ein wenig an, gaben dort einen Rat und warteten es
im übrigen ruhig ab, bis alles marschbereit war.
Es war ein anstrengendes Stück, das wir nun zu machen hatten. Der Weg
war in Wirklichkeit gar kein Weg mehr. Fußtief versanken die Tiere in
dem losen, staubfeinen Sand.
Im Frühling, wenn nach der Schneeschmelze die gewaltigen Wassermengen
von den Gebirgen herunterstürzen, dann füllt sich nicht allein das Bett
des Oued Djedi, sondern die ganze Ebene von Saada steht unter Wasser.
Und wenn der durstige Boden all das Naß getrunken, dann entwickelt
sich für eine kurze Spanne Zeit eine üppige Vegetation, die köstliches
Weideland für die Herden der Nomaden bedeutet. Aber jetzt sah man
nichts als grau bestaubte niedrige Büsche und tiefe, von wilden
Wassern gerissene Furchen. Die Pferde konnte man auf diesem Gelände
nur vorsichtig traben lassen, wollte man ihre Kraft nicht frühzeitig
verbrauchen. Und die armen beladenen Maultiere kamen nur langsam und
mühevoll Schritt für Schritt vorwärts.
An ziemlich seichter Stelle überquerten wir den Oued Djedi und
erreichten in der Mittagsstunde Bordj Saada. Diese Bordjs, die
gewöhnlich befestigt sind und die man an den Karawanenstraßen in
ziemlich regelmäßiger Entfernung antrifft, könnte man eher mit dem
Namen Karawansereien belegen. Sie bestehen meist aus drei bis vier
niedrigen Gebäuden, die im großen Viereck von einer Mauer umschlossen
sind. An der Mauer entlang ziehen sich gedeckte Schuppen. Immer ist
ein Brunnen vorhanden, die größte Notwendigkeit und Wohltat in diesem
sonnendurchglühten, wasserarmen Lande. Und stets ist in einem der
Gebäude ein Raum bereit, in dem man übernachten kann. Dieser Raum
ist allerdings völlig kahl, nicht einmal eine Matte zum Schlafen ist
vorhanden, und er hat außer der Türe meist gar keine Öffnung oder
höchstens nur eine schmale Schießscharte, um Luft und Licht einzulassen.
Jeder Wüstenreisende, ob Eingeborener oder Fremdling, ob armer
Nomade oder reicher Herdenbesitzer, ist in diesem Hause ein gleich
willkommener Gast. Alle haben hier dieselben Rechte. Alle genießen
denselben Schutz.
Eine jede Bordj hat einen von der Regierung angestellten Wächter, der
die Einkehrenden begrüßt und überall nach dem Rechten sieht.
Für das Obdach ist keine bestimmte Taxe vorgesehen. Es ist in das
Belieben eines jeden gestellt, ob er etwas dafür zahlen oder wieviel er
geben will.
Gelüstet es den Reisenden nach einer Mahlzeit, so ist der Hauswart
gegen Erlegung einiger Sous immer bereit, sein Kuskusgericht mit ihm
zu teilen. Irgend etwas anderes Eßbares ist dagegen selten oder nie zu
haben.
Als wir in Bordj Saada einritten, lag der große Hof völlig verödet.
Aber noch ehe wir aus dem Sattel waren, kam aus einem Zelt in einer
Ecke ein riesenhafter Neger, der Wächter, herbei und stellte uns
seine Dienste zur Verfügung. Vorläufig hatten wir aber keine weiteren
Wünsche, als die Tiere in den Schuppen untergebracht zu sehen und uns
selbst draußen vor dem Hause im Schatten der hohen Mauern zu lagern,
bis der Rest der Karawane eingetroffen und unser luftiges Speisezelt
errichtet war.
[Illustration: Im Sandmeer]
Nach dem Abkochen gaben sich Menschen und Tiere in der sengenden
Mittagsglut einem beschaulichen Nichtstun hin. Nur einem aus unserer
kleinen Reisegesellschaft ließ die Lust zum Jagen keine Ruhe. Unter
Führung des riesenhaften Bordjwächters machte er sich davon, und
der dumpfe Widerhall der abgegebenen Schüsse verriet bald darauf,
daß er in voller Tätigkeit war. Auf dem Rückwege glitt der schwarze
Christophorus, der den Nimrod auf seinem Rücken über den Oued Djedi
trug, in der Mitte des Flusses aus, und beide nahmen zu unserem großen
Ergötzen ein unfreiwilliges Bad. Aber weder sie noch die erlegte
Jagdbeute nahmen dabei irgendwelchen Schaden, und die zierlichen
Wachteln und eine Art weißgefiederter Vögel, die uns allen fremd war,
bildeten eine unvorhergesehene schmackhafte Zugabe für unseren nächsten
Mittagstisch.
Einige Stunden später, als die Sonnenstrahlen etwas von ihrer Glut
verloren hatten, machten wir uns auf den Weiterweg. Das Vorwärtskommen
bot nun nicht mehr solche Schwierigkeiten, da es über harten, wenn
auch ziemlich steinigen Boden ging. So weit das Auge reichte, war die
Ebene mit niedrigen verstaubten Grasbüscheln bedeckt. Kleine, zierliche
Vögelchen hausten da in Menge. Ihr feines, melancholisches Gezirp
verwehte in der großen Weite. Auch Trappen stiegen hin und wieder auf
und bildeten reizvolle Silhouetten im kristallklaren Äther.
Die Rast- und Übernachtspunkte waren stets in der Nähe einer Bordj
oder einer Quelle festgesetzt, da nirgends sonst ein Tropfen Wasser
zu erhalten ist. An diesem Abend sollte es Hassi Djefair sein, wo wir
unser Lager aufschlagen wollten.
Immer wieder von neuem überrascht es, wie plötzlich in der Wüste die
Nacht hereinbricht. Kaum eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang liegt
tiefe, schwarze Finsternis über die Erde gebreitet. So kam es, daß wir
in der Dunkelheit den Brunnen nicht finden konnten und fürchteten, ihn
völlig verpaßt zu haben. Für uns Menschen war ja gesorgt, denn wir
führten zu Trinkzwecken Mineralwasser und zum Kochen zwei Fässer gutes
Batnawasser mit uns. Auch die Leute hatten für sich eine wohlgefüllte
Guerba aus Biskra mitgebracht. Aber die armen durstigen Tiere! Was
sollte aus ihnen werden?
Als der Mond hochstieg, zeigte es sich, daß Jussufs Spürsinn ihn doch
richtig geführt hatte. In nicht allzu weiter Ferne von dem Fleck, wo
wir uns niedergelassen hatten, lag der Brunnen. Und Pferde und Maulesel
kamen nun doch zu ihrem wohlverdienten Labetrunk.
Kein Lied, kein Tamtamschlag erklang in dieser Nacht. Kein Schakal ließ
sich hören. Nur das tiefe Schnaufen und das gleichmäßige Kauen der
Tiere verriet die Gegenwart von etwas Lebendigem. Über der ganzen Natur
lag eine tödliche Ruhe, ein herzbeklemmendes Schweigen.
Und kalt, schneidend kalt sind diese Nächte in der Wüste! In
wollene Decken gehüllt, bis an die Nasenspitze verpackt in unseren
Feldbettstellen unter den Zelten, fanden wir die Temperatur gerade noch
erträglich. Wenn man dagegen die Araber und Kabylen sah! Unter freiem
Himmel, auf dem nackten Boden lagen sie, den Kopf gegen einen Sack oder
einen Sattel gelehnt, mit nichts weiter angetan als dem Burnus über der
Gandura. Dabei schliefen sie einen Götterschlaf und wußten nichts von
Schnupfen oder Rheuma. Der reine Neid konnte einen beim Anblick solcher
kräftigen, widerstandsfähigen Konstitutionen erfassen.
Von Hassi Djefair nach Bordj Chegga war es keine große Entfernung.
In einer frischen Morgenbrise gingen unsere Pferde tüchtig ins Zeug,
und in kurzer Zeit hatten wir die Wüstenherberge erreicht. Mitten in
sumpfigem Moorland, dessen weißbekrusteter Boden unter jedem Schritte
federt, liegt Chegga, das außer der Bordj noch aus etwa einem halben
Dutzend kleiner, ärmlicher Lehmhütten besteht.
[Illustration: Arabischer Brunnen]
Die Karawane, die nur im Schritt vorwärtskommen konnte, war weit hinter
uns zurückgeblieben.
So benutzten wir die Zeit des Wartens, um den Pferden in den kühlen
Verschlägen der Bordj wieder eine Weile Rast zu gönnen, und wir suchten
uns ein Plätzchen im Garten unter den schattigen Palmen aus. Während
wir noch warteten, traf die Diligence ein, die zweimal in der Woche
den Weg von Biskra nach Tugurt macht, um die Post und Passagiere zu
befördern. Sie wird jedoch von Arabern nur selten und von Fremden fast
nie benutzt, denn es ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, tagelang in
diesem primitiven Gefährt auszuhalten, das bald im Sande halb versinkt,
bald in tiefen Furchen, nach rechts oder links übergeneigt, stecken
bleibt, im übrigen aber, von vier kräftigen Pferden gezogen, über Stock
und Stein dahinrattert und den Insassen den Kopf wirr und die Glieder
mürbe macht. An diesem Tage brachte sie zu unserer großen Überraschung
zwei Europäer, eine Dame und einen Herrn, Franzosen, wie es sich
herausstellte.
Während des Pferdewechsels nahmen sie, im Garten auf dem Boden
gelagert, neugierig überwacht von einer Anzahl Beduinenkinder, das
frugale Mahl ein, das sie sich mitgebracht hatten.
Wie uns diese beiden um unsere Reiseart beneideten! Sie hatten nicht im
entferntesten geahnt, welcher Tortur sie sich aussetzten, als sie sich
dieser Wüstenequipage übergaben. Kaum ein Viertel des Weges hatten sie
hinter sich und fühlten sich schon so zerschlagen und gerädert, daß es
ihnen fast eine Unmöglichkeit dünkte, noch den weiten Rest in derselben
Weise zurücklegen zu können.
Aber der Kutscher knallte mit der Peitsche, zum Zeichen, daß alles zur
Abfahrt bereit sei, und ergeben stiegen sie wieder ein in das kleine
Gefängnis, das jede Poesie, jede Möglichkeit eines Genusses zunichte
machte.
Schon nach wenigen Minuten war der Wagen entschwunden. Er hatte sich
mit dem Boden verschmolzen, die unendliche Weite hatte ihn aufgesogen.
Ein unartikuliertes Schreien, wild und schmerzvoll zugleich, riß uns
aus unserer Beobachtung. Der Richtung folgend, erblickten wir eine
Szene, die es wert gewesen wäre, von einem Künstler festgehalten zu
werden.
Zwei der Pferde, mit denen das Temperament wieder einmal durchgegangen
war, hatten sich freigemacht und maßen nun auf dem weiten, leeren
Hofe der Bordj ihre Kräfte aneinander. Hoch auf den Hinterbeinen
aufgerichtet standen sie, mit fliegenden Mähnen, blitzenden Augen,
Schaum vor dem Maule, eines in den Hals des anderen verbissen. Laut
stöhnend vor Schmerz und Wut.
Fast bedauerte man, das Bild stören zu müssen, in dem sich ungebändigte
Kraft und Wildheit so prachtvoll verkörperten.
Nachdem die beiden vor Aufregung bebenden Tiere auseinandergebracht
waren, besahen wir uns die Bescherung. Die Stirnbänder waren zerrissen,
die Zügel hingen in Fetzen herab. Als Ali und Muhamed mit der Karawane
eintrafen, mußten sie den Schaden, so gut es in der Eile ging, mit
Stricken reparieren.
Bis nach Chegga hatte uns zur Linken in duftiger Ferne die scharf
konturierte Kette des Atlasgebirges begleitet. Nun ließen wir auch
dieses hinter uns. Und nur der weite Horizont begrenzte von jetzt ab
den Blick.
Unsagbar eintönig wirkte die Strecke, die wir an diesem Tage
durchmaßen. Ein wellenförmiges Gelände. Kein Baum, kein Strauch, der
die Linie unterbricht. Der Boden so hart und steinig, daß nicht einmal
das bescheidene Wüstengras genügend Nahrung findet und die verkümmerten
Sternblümchen, die hin und wieder auftauchen, wie verzweifelt aus ihren
hellen Augen schauen.