nötigen Viktualien geduldige, ungeschlachte Dromedare. Kleine graue
Eselchen mit furchtbar dünnen Beinchen und klugen, ergebenen Augen.
Alte und neue Burnusse und bunte Stoffe und Schleier für die Gewänder
der Frauen. Henna zum Färben der Haare und Nägel und die kleinen,
runden Spiegelchen, die zur Toilette jedes eingeborenen weiblichen
Wesens gehören. Babouchen, rot und gelb, aus weichem Gazellenleder,
lebendige und tote Wüsteneidechsen. Fächer, aus Alfa geflochten und mit
farbiger Wolle bestickt. Rosenkränze aus Dattelkernen, Schmucksachen
aus Korallen und bunter Emaille und originell geformte silberne
Armbänder, von denen die kokette Araberin nie genug besitzen kann.
[Illustration: Schläfer am Wege]
Da stehen aneinandergereiht Säcke, gefüllt mit Getreide, und Säcke
mit harten getrockneten Datteln, die aussehen wie graue Kieselsteine
und die eine beliebte Nahrung für Menschen und Tiere bilden. Und
daneben liegen große, viereckige Blöcke aus festgepreßten, klebrigen
Dattelfrüchten, auf denen ganze Fliegenschwärme sich gütlich tun.
In einer Ecke des Marktes wird geschlachtet, und über rotzüngelnder
Glut dreht sich der Hammel am Spieß. Und wer die Mittel besitzt, der
schlemmt und leistet sich ein Gericht Kuskus mit lecker duftendem
Hammelbraten. Und wer sie nicht besitzt, der ersteht sich als Mahlzeit
eine Handvoll Datteln oder eine Portion gerösteter Heuschrecken,
von denen er alles verzehrt bis auf die schimmernden, feingeäderten
Flügel. Diese Heuschrecken sollen im Geschmack den Krabben ähneln und
nahrhafter sein als Fleisch. Ein Glück, daß sie den braunen Söhnen der
Wüste besser schmecken, als sie uns bei einem Probeessen mundeten!
* * * * *
Die Araber mögen bei ihren Käufen und Verkäufen genau so feilschen und
handeln wie die Europäer. Aber da hört man kein Schreien und Anpreisen
der Waren, kein lautes Wortgefecht. Alles wird mit einer ruhigen Würde
erledigt. Die Verkäufer sitzen regungslos mit untergeschlagenen Beinen
auf ihren Matten am Boden. Die zahlreichen Besucher des Marktes wandeln
dazwischen hindurch, hier betrachtend, dort eine Frage stellend. Sie
kehren nicht das Wichtigtun des Einkaufens heraus, wie man es bei den
Menschen auf unseren Märkten beobachten kann. Bei ihnen wirkt es mehr
wie ein behagliches Flanieren, ein Zeitvertreib. Sie gehen alle wie
Grandseigneurs. Oh, er ist ein wundervolles Feld für Studien jeder Art,
dieser bunte, sonnenüberflutete Markt von Biskra!
* * * * *
Das war noch niemals vorgekommen, daß Jussuf zur verabredeten Zeit
nicht zur Stelle war. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, was
ihn zurückhielt. Endlich kam er an, mit einem langen, sorgenvollen
Gesicht. Und dies war der Grund seiner Verspätung: sein Bruder
Ali, der als Nomade lebte und sein Zelt draußen in der Nähe von
Hammam-es-Salahin aufgeschlagen hatte, besaß zwei Kamele. Oder
vielmehr er hatte sie besessen. Denn da sich in der letzten Zeit
keine Beschäftigung für die Tiere gefunden, hatte er sie einem Hirten
übergeben, der sie mit etwa zwanzig anderen Kamelen von verschiedenen
Besitzern auf die Weide trieb. Und nun waren am Tage zuvor plötzlich
drei Männer aufgetaucht, die mit geübtem Blick die allerbesten Tiere
auswählten und mit ihnen auf und davon jagten. Was sollte der arme
Hirte machen? Jeder Ruf wäre in der menschenleeren Öde ungehört
verhallt. Was bedeutete seine Kraft gegen die Übermacht von dreien?
Während er ein Tier zurücktrieb, hatten die Diebe sich inzwischen
schon wieder zwei andere genommen. So blieb ihm nichts übrig, als mit
dem Rest seiner Herde heimzukehren und das Unglück zu berichten. Die
Bestohlenen hielten Rat und versuchten die Nacht hindurch und im Laufe
des ganzen Vormittags irgendeine Spur der Diebe zu entdecken. Völlig
vergeblich. Nun hatte sich am Mittag ein Bechaâr[8] gemeldet. Unter
der Bedingung, daß sein Name nicht genannt wurde und man ihm eine
bestimmte Summe Geldes aushändigte, wollte er sich verpflichten, die
gestohlenen Tiere wieder zur Stelle zu schaffen. Aber woher sollten die
armen Nomaden so viel Geld nehmen, wie er verlangte? In den abhanden
gekommenen Tieren steckte ja doch ihr ganzes Vermögen. So war denn Ali
in die Oase gewandert, um dem Bruder sein Leid zu klagen und ihn zur
Hilfe zu veranlassen. Und Jussuf hatte sein möglichstes getan, um die
nötige Summe aufzutreiben.
[8] Bechaâr -- Bote mit guten Nachrichten.
»Aber was gibt Ihnen Sicherheit dafür, daß der Mann wirklich die Tiere
wieder zur Stelle schafft?« fragten wir.
»Oh, ein Bechaâr hält immer sein Wort!«
Und es stellte sich im Verlauf der weiteren Unterhaltung heraus, daß
solche Geschäfte häufig gemacht werden. Der Bechaâr ist in manchen
Fällen selbst der Dieb, zum mindesten ist er Helfershelfer oder Hehler.
Das weiß man und weiß daher auch bestimmt, daß er imstande ist, sein
Versprechen zu halten.
[Illustration: Im Jardin Landon (Biskra)]
Keiner denkt daran, gerichtliche Hilfe bei solchen Vorkommnissen
hinzuzuziehen, wie man überhaupt jede Berührung mit dem Gericht so viel
wie möglich vermeidet. Man tröstet sich mit dem Gedanken, über kurz
oder lang in irgendeiner Weise Rache nehmen zu können.
Es war nur allzu begreiflich, daß dieses Ereignis den Sinn unseres
guten Jussufs vollauf beschäftigte. Bürdete es ihm doch zu seinen
schon vorhandenen Sorgen wieder neue auf. So verzichteten wir für den
Rest des Tages auf seine Dienste und benutzten die Nachmittagsstunden
dazu, den längst geplanten Besuch im Jardin Landon auszuführen. Sehr
viel hatten wir schon von diesem Wunder in der Wüste gehört, das der
Laune eines französischen Grafen seine Entstehung verdankt. Und es
rechtfertigt ohne Frage seinen Ruf, es ist ein wahrhaftiges Eden.
Mit wundervollem Verständnis ist der mehrere Hektar große Garten
angelegt: alles Schöne, was tropische Vegetation an edlen Palmen
und Sträuchern hervorbringt, ist hier vertreten und vereinigt sich
in scheinbar wilder und doch gezähmter Üppigkeit. Kein welkes
Blatt bedeckt die wohlgepflegten schattigen Wege oder die grünen,
sonnenbeglänzten Rasenflächen. Lautlosen Schrittes und mit einer Würde,
als täten sie Dienst in einem Heiligtum, verrichten schwarzgebrannte
Männer die Arbeit in diesem Garten. Mitten in der grünen Wildnis
stehen einzelne kleine Gebäude, von denen das eine ein Rauchzimmer,
das andere einen Salon und ein anderes die Küche enthält. Und an den
blendend weißen Wänden dieser zierlichen maurischen Bauten ranken
sich in üppiger Fülle zartduftende Kletterrosen und die wundervollen
purpurfarbenen Blüten der Bougainvillia empor. Die Seguia murmelt ihre
leise Sprache. Große Vögel rascheln im dichten Gebüsch. Hin und wieder
dringt ein verwehter Ton aus dem nicht allzu weit entfernt liegenden
Negerdorf herüber. Ein traumhafter Friede liegt über diesem Garten.
Und doch zog es mich nicht wieder dahin. Denn obwohl das Schild mit den
ominösen Worten »il est défendu« nirgendwo zu sehen war, empfand ich
doch den Zwang, der dem Besucher dieses Ortes unwillkürlich aufgelegt
wird. Nein, bin ich schon den Fesseln des Alltags entronnen, so gebt
mir in Biskra die große weite Wüste, die dem Menschen nach allen
Richtungen so frei und offen steht wie den Winden des Himmels.
* * * * *
Und hätte Biskra nichts als seine Sonnenuntergänge, es wäre des
Besuches wert. Nie und nirgends sah ich das Tagesgestirn in solcher
Schönheit Abschied nehmen wie in dieser Oase am Eingange zur Sahara.
Langsam versinkt der rotglühende Ball hinter den scharfen Zacken des
Zibangebirges. Der ganze westliche Himmel entzündet sich und gleicht
einem wogenden Feuermeer. Anscheinend dicht darunter auf den Hängen
des Zibans entwickelt sich eine wundervolle Symphonie in Braun. Die
harten Furchen schimmern weich wie Falten eines samtenen Gewandes.
Die hohen Dünen gen Oumach hin gleichen einem seidenen Teppich aus
Fraise und Gold gewebt. Im Osten nehmen die Berge allmählich ganz
unwahrscheinliche Töne an. Blaßrosa und tief erikafarben leuchten die
einen. Ein anderer hat sich in zartgelbe Schleier gehüllt, auf denen
bläulichgraue Schatten ruhen, und wieder ein anderer liegt da wie ein
ungeheurer Amethyst. Dazwischen erhebt sich in mattem Rubinrot, duftig,
als leuchte er von innen heraus, der Ahmar-Khaddou.[9]
[9] Der Berg mit den roten Wangen.
Der Himmel prangt in einem Farbengemisch so fein, so delikat, wie
man sich's nie erdenken könnte, und ein Abglanz davon schwebt in der
Luft und senkt sich, alles verklärend, auf die armselige, demütig
sich breitende Erde. Die weißgrauen Kieselsteine des sonst so tristen
Flußbettes gleißen wie flüssiges Silber, und die hohen Lehmufer
scheinen sich in mattes Gold verwandelt zu haben. Alles glüht und
glänzt und leuchtet.
[Illustration: Brotverkäufer in Biskra]
Etwa eine halbe Stunde dauert dieses grandiose Schauspiel, dieses
berauschende Farbenbacchanal. Dann verlöschen langsam die Gluten. Die
letzten Strahlen ruhen auf der weißen Kuppel des berühmten Marabuts
Sidi-Zerzour, der sich mitten im ausgetrockneten Bett des Oued Biskra
erhebt. Die Berge stehen wieder entzaubert, die Oasen liegen wie
schwarze traurige Inseln im fahlen Sandmeer.
Die Terrassen beleben sich inzwischen mit vermummten Frauengestalten.
Die ganze Luft ist mit Tierstimmen erfüllt. In den dichten Kronen der
Palmen und der Pfefferbäume lärmen die Spatzen, die heimkehrenden
Ziegen meckern, die Hammel blöken, die abgetriebenen Eselchen
schreien zum Erbarmen, und aus den großen Karawansereien dringt das
unartikulierte, jammervolle Stöhnen der Kamele.
Rasch sinkt die Dunkelheit herab, und allmählich tritt Ruhe ein.
Aber einige Stunden später, wenn der europäische Teil der Oase
schon im Schlafe liegt, beginnt allabendlich ein neues Leben in dem
Araberviertel.
Hinter dem Marktplatz ziehen sich ein paar kerzengerade enge Gassen
hin. »Heilige Straßen« werden sie genannt. Ein kleines Häuschen lehnt
sich dort an das andere, jedes mit einem winzigen durchbrochenen Balkon
geschmückt. Und bewohnt sind diese Häuschen von den Ouled Naïls, den
Freudenspenderinnen. Während des Tages sind diese Straßen leer und
schweigsam, aber sowie die Nacht herabgesunken ist, erwachen sie. Jeder
der winzigen Balkone wird nun mit bunten Teppichen behangen und mit
einer kleinen Laterne beleuchtet. Und auf der Schwelle jedes Hauses
sitzt eine Ouled Naïl. Über weißen Unterkleidern trägt sie die bunte
seidene Gandura, mit schwerem Gürtel gehalten. Das tiefschwarze Haar
ist durch Wolle verstärkt und zu handbreiten Zöpfen geflochten, die
in einer wunderlichen Frisur das stark geschminkte Gesicht umrahmen.
Auf Stirn und Wangen sind mit dunkelblauer Farbe kleine Blümchen und
Kreuzchen gemalt, wodurch die gelbliche Blässe oder das matte Braun
der Haut noch mehr hervorgehoben wird. Auf dem Kopfe sitzt die kleine
charakteristische Krone aus Straußenfedern, von der lange, weiße, mit
Gold oder Silber bestickte Schleier herabwallen. Schwere silberne
Spangen umschließen Arm- und Fußgelenke. Ketten aus großen goldenen
Geldstücken schmücken das Haupt, den Hals und die Brust. Es sind alles
Geschenke, die sie empfangen, und sie bilden den Stolz einer jeden
Ouled Naïl.
Direkt hinter der Schwelle führt eine schmale, steile Stiege in das
obere Stockwerk hinauf. Auf der höchsten Stufe steht ein brennender
Wachsstock.
In dem diskreten Halbdunkel der Straße leuchten die mattfarbenen
Gesichter, die dunkeln, schwarzumränderten Augen und das viele blanke
Gold des Schmuckes doppelt phantastisch.
Die Mädchen mit den ruhigen, stolzen, manchmal sphinxartigen, manchmal
nur naiv sinnlichen Gesichtern rauchen Zigaretten und unterhalten sich
mit ihren Nachbarinnen. Manchmal springt eine von ihnen auf, und an
den Eingang zum Erdgeschoß gelehnt, dessen Türe geöffnet ist, so daß
man den mit Matten bedeckten und mit einer Kerze erleuchteten Raum
überblicken kann, singt sie ein Liebeslied. Wild und leidenschaftlich
klingt es in unverfälschten, ungebändigten Naturlauten.
In den schmalen Gassen, in der mit Moschusgeruch erfüllten Atmosphäre
drängt und schiebt sich die Menge. Feurige, schmachtende, werbende
Blicke umschmeicheln die eigenartigen Gestalten auf den niedrigen
Türschwellen. Wie Bienengesumm liegt's in der Luft von all den
gedämpften Stimmen. Zwischen den Arabern in weißen und bunten Burnussen
wandeln mit verwunderten und neugierigen Augen die Fremden.
Ein Teil der Menge verliert sich in den zahlreich vorhandenen Cafés.
Es sind kleine, niedrige Räume. Dicht gedrängt sitzen die Araber auf
dem mattenbelegten Boden. Für die Fremden ist meist eine primitive Bank
aufgestellt. Auf einer rohgezimmerten Estrade hocken die Musikanten.
Querpfeife, Flöte, Schalmei und Tamtam vereinigen sich, und zu einer
wilden bizarren Musik tanzt eine Ouled Naïl. Langsam, zögernd beginnt
sie. Die Füße regen sich kaum von der Stelle. Die Hände, über das
Haupt erhoben, spielen kokett mit einem winzigen bunten Taschentuch.
Aber mit dem Tempo der Musik bewegen sich die Hüften, Brust und Leib
erschauern, hüpfen, daß die schweren Schmucksachen klirren, um mitten
in der höchsten Ekstase plötzlich innezuhalten und beim schrillen
Auffahren der Musik, unter charakteristischen Schreien, dasselbe
leidenschaftliche, sinnenerregende Spiel von neuem zu beginnen und in
wildem Taumel zu beenden.
[Illustration: Die heilige Straße in Biskra]
Weltentrückt sitzen die Araber. Ihre Blicke hängen wie gebannt an dem
Körper der Tänzerin, die ihnen das fesselnde Liebesspiel vorgaukelt,
und sie opfern ihr freudig den letzten Sous, wenn sie nachher mit dem
Holzteller in der Hand ihren Lohn einsammelt.
Es gibt berühmte Schönheiten unter den Ouled Naïls. Und wenn eine von
ihnen sich bewegen läßt, in einem Café zu tanzen, so geht das wie ein
Lauffeuer durch das arabische Quartier, und der Raum vermag die Menge
der Schaulustigen nicht zu fassen. Geschenke, Liebe und Verehrung
fallen diesen heißblütigen Kindern der Wüste in den Schoß. Denn in
diesem Lande klebt kein Makel an ihrem Beruf. Es ist ein dem großen
Allah wohlgefälliger Dienst, in den sie sich stellen. Und haben sie in
diesem Dienste Reichtum genug gesammelt, so kehren sie zurück in ihre
heimatliche Oase, verheiraten sich und werden gute Frauen und Mütter,
die ihren Töchtern später dieselben Wege weisen, die sie einst gegangen
sind.[10]
[10] Die schönsten und begehrtesten Ouled Naïls stammen aus dem Süden,
aus den Oasen zwischen Bou-Saada und Laghouat.
Ist es nicht eine Ouled Naïl, die die Sinne bezaubert, so ist es ein
Schwerttänzer, der mit seinen waghalsigen, unglaublich gewandten
Kunststücken die Herzen erbeben läßt, oder ein mit Schellen, Lumpen
und Fellen behängter Neger von wahrhaft grotesker Häßlichkeit sorgt
für Erheiterung. Jedes Kupferstück, das ihm sein Singen und seine
Bocksprünge einbringen, verschwindet in seinem großen Mund. Alle
Zuschauer haben wohl schon ihren Obolus entrichtet. Nur ein Fremder ist
noch übrig, der mit verdrossenem Gesicht um sich blickt und nicht daran
denkt, sein Scherflein beizusteuern. Mit einem Satze steht das groteske
Ungetüm hart vor ihm, hüpft wie ein Besessener auf und ab, bearbeitet
die Trommel, die ihm vor dem Leibe hängt, zum Zerplatzen, und schreit
ihm zwischen jedem Trommelwirbel sonderbar klingende Worte ins Gesicht.
Immer verdrossener blickt der Fremde. Immer wilder hüpft und trommelt
der schwarze Spuk. Die Worte prasseln wie Steine nieder.
Alles fängt nun an, sich über den Vorgang zu amüsieren. Die Araber
vergraben das Kinn halb im Burnus, um das Lachen zu verbergen. Jussuf
erklärt uns, daß es lauter Schimpfnamen seien, mit denen der groteske
Wilde den Fremden belegt.
Endlich greift dieser in die Tasche und wirft seinem Peiniger ein
Kupferstück vor die Füße. Grinsend rafft dieser es auf, und mit dem
dankbaren Zurufe: »Warum hast du denn das nicht gleich getan, du dummer
Esel!« springt er davon.
Stolz erhobenen Hauptes, als wollte er sagen: Nun, dich habe ich
mal für dein Geld ordentlich arbeiten lassen, verließ der vielfach
Titulierte das Café, ahnungslos, wieviel er zur Belustigung des
Publikums beigetragen, ahnungslos, um wieviel Nasenlängen die schwarze
Rasse diesmal gesiegt hatte.
* * * * *
Können die Nerven noch stärkere Kost vertragen, so lockt in dem
Erdgeschoß eines halbverfallenen Hauses ein tanzender Derwisch.
Nie und nimmer würde man an diesem Menschen, wo immer es auch sei,
achtlos vorübergehen. Von ungewöhnlicher Größe, tief bronzefarben,
ausgemergelt, daß nicht ein Lot Fleisch mehr an seinem ganzen Körper
zu finden ist. Und auf diesem Körper ein Kopf mit langen, wirren
Haaren, vorstehenden Backenknochen und tiefliegenden, unheimlich
fanatisch blickenden Augen. Wie ein Häufchen Unglück kauert er in einer
Ecke. Nur die Augen leben und stechen, als ob sie töten könnten.
[Illustration: Ouled Naïls]
Die Musik beginnt. Pfeife und Tamtam. Langsam. Immer denselben Ton,
denselben Rhythmus. Nun erhebt sich der Bronzefarbene. In der Mitte
des engen Raumes, immer auf demselben Flecke stehend, beginnt er seine
verwirrenden Verrenkungen. Es scheint eine Ewigkeit, seit er begonnen
hat.
Ein alter Mann mit einem bösen Gesicht wirft in ein Reisigfeuer, das er
auf dem Boden entzündet, eine Handvoll Räucherwaren. Im Nu füllt sich
der fensterlose, dichtverschlossene Raum mit atembeklemmenden Dämpfen.
In die rasch entstandene Glut schiebt er lange dicke Eisennadeln. Und
als diese glühend geworden sind, hält der Derwisch in seinem Tanze
inne, faßt nach den Nadeln und führt sie sich durch die Backen, durch
die Zunge, durch den Hals.
Wie wahnsinnig gellt jetzt die Pfeife, hämmert das Tamtam. Große
Schweißperlen stehen auf den Gesichtern der Musikanten. Wahnsinn
leuchtet aus den Augen des Tanzenden. Nun reißt er die Nadeln heraus,
und in rasenden Drehungen über dem von neuem entfachten hellodernden
Reisigfeuer bricht er völlig erschöpft zusammen. Der alte Mann mit dem
bösen Gesicht wirft einen zerlumpten Burnus über ihn. Es ist, als ob er
etwas Totes bedeckte.
* * * * *
Ganz abseits von dem arabischen Viertel, zwischen der großen staubigen
Straße, die nach Tugurt führt, und dem breiten ausgetrockneten
Bette des Oued Biskra liegt das Negerdorf. Wie riesige Bienenkörbe
sehen seine primitiven, aus Lehm errichteten Hütten aus, deren
Bewohner aus allen Rassen des Sudans zusammengemischt sind. Unsauber
und übelduftend sind die schmalen Gäßchen. Fette, dicklippige
Negerinnen hocken unter den Hauseingängen, und unzählige schwarze und
schwarzbraune Kinder, deren ganze Bekleidung meist nur aus silbernen
Spangen besteht, erfüllen die Luft mit lautem Geschrei. Es zieht
einen nicht dorthin zu behaglichem genußvollem Schlendern, wie in die
verwunschenen stillen Straßen von Alt-Biskra.
Auch das Negerdorf feiert seine Feste. Aber nicht allabendlich wie das
Araberviertel. Hier tritt die Freude am Festefeiern sporadisch auf.
Nach einer ganzen Reihe stiller Nächte bricht plötzlich der Taumel los.
In bequemen Stühlen auf der Terrasse unseres Hotels ausgestreckt,
genossen wir den Zauber einer unvergleichlich schönen südlichen Nacht.
Aus dem Araberviertel wehte hin und wieder das abgerissene Schluchzen
einer Schalmei, ein verlorener Flötenton, ein aufreizender Tamtamschlag
herüber und zauberte das ganze sinnestrunkene Bild vor Augen, das sich
mit jedem einbrechenden Abend dort von neuem entwickelt.
Drüben im Negerdorf aber, das sonst so ruhig und verschlafen gelegen,
erscholl lauter Trommelschlag. Mit kurzen Unterbrechungen seit Stunden
derselbe Takt. Nervenaufreizend. Und wir wurden begierig, zu sehen,
woran diese dunkle Rasse sich ergötzte.
Im Hotel fand sich noch ein Führer. Es war gegen Mitternacht, als wir
nach dem Dorf hinüberwanderten, wo uns das phantastischste Schauspiel
erwartete.
Auf einem kleinen freien Platze, vom fahlen weißen Mondlicht
überflutet, bildete eine Anzahl schwarzer Kerle mit fratzenhaften
Gesichtern einen Kreis. Und in diesem Kreise tanzten zwei Männer.
Sie machten affenartige Sprünge, klatschten die Hände über dem Kopf
zusammen, hockten plötzlich nieder, sprangen auf, stampften den Boden
mit den nackten Füßen und drehten sich in schräger Haltung wie ein
Kreisel um ihre eigene Achse.
Immer wieder dieselbe Reihenfolge der Bewegungen. Der Trommler stand
hart neben ihnen und folgte ihnen wie ein Teil ihrer selbst, jeden
Fußbreit, den sie vor- oder rückwärts machten. Von allen dreien rann
der Schweiß in Strömen.
[Illustration: Alt-Biskra aus der Vogelschau]
Die Männer im Kreise standen mit tierisch glänzenden Augen, und
manchmal sprang einer von ihnen aus dem Zirkel, um mit ein paar
koboldartigen Sätzen seiner Freude Luft zu machen.
Im Schatten, an den Hütten entlang, kauerte eine Anzahl Frauen, die
keinen Blick von der Gruppe verwandten. Sowie die Trommelwirbel
etwas gedämpfter, die Bewegungen der Tänzer etwas schlaffer wurden,
klatschten sie in die Hände, daß die silbernen Spangen klirrten, und
ließen kurze schrille Rufe ertönen. Und wie elektrisiert hämmerte
der Trommler wieder drauflos, hüpften und drehten sich von neuem die
Tänzer. Sie waren wie trunken und irre von ihrem barbarischen Tun.
Die niedergedämmte Wildheit ihrer ganzen Rasse schien sich in ihnen
austoben zu wollen.
Erst wenn der letzte der Tänzer entkräftet zu Boden sinkt, nimmt der
schwarze wilde Spuk ein Ende, ist das Fest der Neger vorüber.
* * * * *
Es hat sinnverwirrende, sinnenaufreizende Nächte, dieses Biskra!
Nächte, in denen Liebe und Lust, Haß und Leidenschaft die Luft zu
füllen scheinen. Nächte, die nichts von tiefer, weicher, völliger
Ruhe wissen. Da stöhnt und jubelt und klagt die Musik. Da gellt von
allen Häusern in der Runde das spitzige, giftige Bellen der Wachhunde,
denen wie ein Echo ihre Brüder draußen aus den Zelten der Nomaden
antworten. Da krähen schon von Mitternacht an die Hähne, und aus den
Karawansereien dringt das unartikulierte Stöhnen der Kamele.
Und über diesem ruhelosen, fieberischen Leben wölbt sich ein Himmel
von solch tiefer, durchsichtiger Bläue, flimmern die Sterne in solch
ungewöhnlichem Glanze und schwebt in Vollmondnächten Luna in einer
solchen Fülle silbrigen Lichtes, daß man in Versuchung kommt, zu
glauben, auch dort oben herrschten etwas fieberische Zustände.
Endlich im Morgengrauen, wenn schon im Osten das Tagesgestirn
sein Kommen verkündet, tritt Ruhe ein. Unter den ersten goldenen
Sonnenstrahlen verflüchtigen sich die heißen unruhvollen Träume, die
erste frische Morgenbrise schlägt sieghaft Bresche in die schwüle
irritierende Atmosphäre einer solch duftgeschwängerten südlichen
Frühlingsnacht.
* * * * *
»Das größte Glück der Erde
Liegt auf dem Rücken der Pferde,«
sagt ein altes arabisches Sprichwort. Wieviel Wahres daran ist, kam uns
zuerst auf unseren Ritten in Biskra und später in noch erhöhtem Maße
auf der Reise durch die Wüste zum Bewußtsein.
An den meisten Vormittagen warteten die kleinen arabischen Hengste mit
den rassigen Köpfen vor der Türe des Hotels auf uns. Gar nicht schön
und elegant waren sie anzusehen nach unseren Begriffen, denn nie wird
eine pflegende Hand an sie gelegt. Aber klug sind sie, flink und gelenk
wie Katzen und gierig nach Bewegung.
Und so lernten wir im Sattel die Umgebung von Biskra und die
verschiedensten Oasen kennen. Sowohl die näher gelegenen, die gleich
einem grünen Muster auf vergilbtem Teppich wirken, wie die weiter
entfernten, die sich wie dunkle Striche zwischen den blauen Himmel und
die gelbe Wüste schieben.
Da lag nach Osten, drüben an der linken Flußseite, das reizende kleine
Lallia, da war Filiach, das malerische Nest, noch weiter hinaus das
wohlhabendere Chetma, ohne jede europäische Note, und noch tiefer
in der Wüste gelegen das hochinteressante Sidi Okba mit seiner als
Wallfahrtsort berühmten Moschee, der ältesten in ganz Algier. Im
Westen, hinter den sanftgewellten Dünen, das verträumte Ain-Oumach, wo
wir durch unser Kommen, wie fast überall in den engen Gassen der Oasen,
friedliche Schläfer in ihrer Ruhe störten.
[Illustration: Chetma]