Eine unbeschreiblich herbe Größe liegt über dieser baum- und

strauchlosen Öde, eine rätselhafte Größe, hinter der man grausige

Geheimnisse vermutet, eine gewaltige Größe, die ahnen läßt, wie

erbarmungslos und unerbittlich sie mit ihren Opfern verfahren muß.

Welche Offenbarungen mochte dieses Land wohl für uns bereithalten?

Noch einmal lenken wir unsere Blicke rückwärts. Wie eine

unüberwindliche Mauer zieht sich die Gebirgskette des Tell von Ost

nach West. Nur ein kleiner, halbkreisförmiger Ausschnitt unterbricht

die schroff gezackte Gipfellinie. Es ist der Ausschnitt, durch den wir

hereingeschlüpft sind, und den die Araber den »Mund der Wüste« nennen.

Wir passieren, immer dem Flußbett folgend, El-Outaya, die erste Oase

auf dem Wege in das weite Sand- und Geröllgefilde, und dann hat die

Bahn ihr letztes Ende erreicht. Wir halten in Biskra.

[Illustration: Alt-Biskra]

Biskra

»Königin des Ziban«, »Königin der Wüste« wird diese Oase in der

bilderreichen arabischen Sprache genannt. Aber ich glaube, mancher, den

diese Benennung gefangen genommen, der sich danach im Geist bereits ein

Bild fertig ausgemalt hatte, wird im ersten Augenblick, da er den Ort

kennen lernt, tiefenttäuscht sein. Unsere Gedankenverbindung geht nun

einmal dahin, daß wir uns unter einer »Königin« etwas ganz Herrliches,

Vornehmes, Unnahbares vorstellen. Eine rechte Königin muß Majestät um

sich verbreiten, muß im goldgestickten Kleide mit der schimmernden

Krone auf dem Haupte erscheinen. Diese wichtigen Tribute fehlen der

»Königin des Ziban«. Man könnte die Oase eher mit einer schönen jungen

Araberin vergleichen. Vom Kopf bis zu den Füßen in einen Schal gehüllt,

der nichts als ein vielversprechendes Auge freiläßt. Sinkt die Hülle,

so zeigt sie ein fesselndes Gesicht von dunklem Haar umrahmt und edle

Formen, die von Schönheit und Grazie erzählen: So ist Biskra.

Die Ankunft auf dem kleinen, schmutzigen Bahnhof, der so verloren

auf der öden Strecke liegt, der Weg in die Stadt auf schlechter,

schattenloser Straße, das französische Viertel, das man zuerst

erblickt, nicht Dorf, nicht städtisch, bilden den verhüllenden und

wenig schönen Mantel. Und wer als flüchtiger Tourist Biskra besucht,

wer bei der Ankunft schon festgesetzt hat, welcher Zug ihn am zweiten

oder dritten Tage wieder über das Auresgebirge zurücktragen soll, der

mag wohl in den seltensten Fällen den wirklich ungewöhnlichen Reiz

dieser Oase kennen lernen. In seiner Erinnerung mag sie nur als eine

von den vielen mittelmäßig Schönen weiterleben, die ihm auf langer

Reise begegnet sind. Aber dem, der an sie glaubt, der nicht nach dem

ersten Eindruck den Stab über sie bricht, der bleibt und um ihre Gunst

sich bemüht, für den sinkt die störende Hülle, und den lohnt sie reich

und verschwenderisch wie eine echte Königin mit all ihrer Schönheit.

Welch wundervolles Gefühl liegt allein in dem Bewußtsein an jedem

Morgen: Heute wird der Himmel wieder blauen, die Sonne wieder scheinen!

Dort, in gar nicht weiter Ferne, hinter der Gebirgskette wehen

eisige Winde, Schneegestöber füllt vielleicht die Täler. Über den

himmelwärts strebenden Kuppen hängen schwere graue Wolken. Aber wie

von unsichtbarer Hand werden sie dort festgehalten. Keine wagt sich

herüber. Ein strahlendes, wolkenloses Firmament dehnt sich über Biskra,

über die endlose dahinter liegende Sahara.

* * * * *

Jussuf ben Saad wurde unsere rechte Hand in Biskra. Durch Freunde, bei

denen er längere Zeit sein Amt als Führer ausgeübt hatte, war er uns

empfohlen. Wir wußten also, was wir an ihm hatten. Über mittelgroß,

schlank gewachsen wie alle Araber, mit einer Art Raubvogelphysiognomie,

durch leichte Pockennarben gezeichnet und in jeder freien Minute

Zigaretten rauchend, das ist Jussufs äußerer Steckbrief. Seine Kollegen

mochten ihn nicht gern. Sie machten ihm zum Vorwurf, daß er die

Interessen der Fremden zu sehr vertrat, die sich ihm anvertrauten.

Denn warum diesen Fremden irgend etwas sparen helfen, da sie doch

gekommen waren, um Geld zu verausgaben? Das war die Ansicht, der

sie huldigten. Aber Jussuf war stolz auf seinen Ruf und tat sein

möglichstes, ihn zu erhalten. Dabei mag ihm dies gerade in jener Zeit

nicht ganz leicht gefallen sein, denn er war in Geldnöten. Er hatte

sich wieder einmal eine Frau gekauft. Es war die dritte. Von der ersten

hatte er sich scheiden lassen, weil er sie nicht mehr leiden mochte.

Die zweite liebte er sehr. Aber sie hatte die schlechte Angewohnheit,

ihn während des Schlafes zu bestehlen. Für das Geld kaufte sie sich

Schmuck oder sie gab es ihren Eltern. Da alle Schläge -- das beliebte

und häufig angewandte Erziehungsmittel des Arabers -- nichts halfen,

sandte er sie wieder nach Hause zurück. Und nun hatte er, wie gesagt,

sich Nummer drei zugelegt. Bei den Arabern ist es streng verpönt,

über ihre Frauen, überhaupt über Familienangelegenheiten zu sprechen.

Aber Jussuf war schon so weit europäisiert, daß er antwortete, wenn

man ihn über diesen Punkt befragte. Und so erfuhr man, daß die Frau

gerade dreizehn Jahre geworden und schön, sehr schön sei. Und daß er

unter verschiedenen Bewerbern als Sieger hervorgegangen war, weil er

den höchsten Preis geboten hatte, nämlich 1500 Franken. Da er nicht

soviel an Vermögen besaß, hatte er nur einen Teil der Summe bezahlt,

und der Rest sollte in Raten beglichen werden. Konnte er diese nicht

innehalten, so kamen ohne Frage die Eltern und holten ihr schönes

Töchterchen wieder nach Hause. Das waren keine ergötzlichen Aussichten.

Aber trotz seiner großen Verliebtheit und seiner Geldsorgen stand

Jussuf auf der Höhe der Situation. Vom frühen Morgen bis in die Nacht

hinein war er uns ein freundlicher und williger Cicerone. Öfter kam es

vor, daß man ihn für den Rest eines Tages entließ, weil man glaubte,

seiner nicht mehr zu bedürfen. Wünschte man dann eine Weile später

aus irgendeinem Grunde ihn doch zu haben, so stand er sicher, wie

dahin gezaubert, wieder vor dem Hotel. Und niemals empfand man seine

Gegenwart störend, wie dies so oft bei europäischen Führern der Fall

ist. Er wußte genau, wann er reden und wann er schweigen sollte.

Er verstand die große Kunst, sich unbemerkt zu machen, ohne als

untergeordnetes Wesen zu erscheinen.

[Illustration: Jussuf]

Unter Jussufs Führung lernten wir Biskra so sehen, wie man es

sehen muß, um die Oase liebzugewinnen. Oh, diese unvergeßlichen

Schlenderstunden in Alt-Biskra! Diese köstlichen Vormittagswanderungen

durch seine verträumten Gassen! Die Morgensonne zaubert zartrosa

Reflexe auf die gelben, primitiven, oft geborstenen Lehmwände. Stolze

Palmenhäupter neigen sich in der frischen Brise grüßend darüber. Meist

führen die kapriziös gewundenen Wege an der langsam dahingleitenden

Seguia[5] entlang, die unter den Häusermauern hindurch in kleinen

Rinnsalen ihr kostbares Naß in die Gärten sendet. Straßenweit manchmal

kein lebendes Wesen zu erblicken. Kein anderer Ton zu vernehmen als das

melancholische Murmeln eines Brunnens.

[5] Seguia -- kleiner, künstlich angelegter Wassergraben.

Unter Straßenüberbrückungen, in denen kühler Schatten nistet, liegen

graue Gestalten, in den Burnus gehüllt, die Kapuze über das Gesicht

gezogen. Selbst in der Nähe von dem Erdboden kaum zu unterscheiden.

Schlafen, wachen, träumen sie? Wir streifen hart an ihnen vorüber. Aber

nicht die leiseste Bewegung verrät, daß Leben in ihnen wohnt.

Auf der Plattform eines Hauses steht eine vermummte Frauengestalt. Auch

sie reglos, wie zu Stein erstarrt. Doppelt phantastisch wirkend unter

einer zu lautem Jubel herausfordernden Sonne.

Ein gehaltenes Sprechen dringt an unser Ohr. Stimmen, die erwidern.

Wir gehen dem Klange nach und finden in dem Erdgeschoß eines Hauses

etwa zwölf Männer versammelt. Im Kreise sitzen sie auf dem mit Matten

bedeckten Boden um einen Mann mit einem Patriarchenkopf. Er ist ein

Gelehrter, der einzige aus der Versammlung, der die Kunst des Lesens

beherrscht. Mit gedämpfter Stimme trägt er einen Satz aus dem Koran

vor, und unter Fragen und Antworten, Reden und Gegenreden wird dieser

Satz nun von allen Seiten beleuchtet und zerpflückt.

»Sie stören nicht. Treten Sie nur ein,« redet uns Jussuf zu.

So wagen wir uns über die Schwelle, in den kahlen, halbdunklen Raum,

dessen Türe weit offen steht. Und in der Tat, nicht ein Auge wendet

sich nach den Eindringlingen. Es ist, als ob wir gar nicht existierten.

Ein paar der Jünger gehen. Voller Ehrfurcht pressen sie einen Kuß

auf den Burnus des Meisters, schlüpfen in ihre Pantoffeln, die sie

innerhalb des Einganges abgelegt haben, und verlassen lautlosen

Schrittes den Raum.

In einer anderen Gasse empfangen uns fröhliche Kinderstimmen.

Entzückende kleine Buben stürzen auf uns zu. Zartgliedrig sind sie,

sonngebräunt, mit kecken Gesichtern und dem schwarzen Haarbüschel

mitten auf dem Kopf, an dem Allah sie einst zu sich holt. Und sie

werden von ebenso kecken kleinen Mädchen verdrängt, mit feinen,

weichgerundeten Gliedern, auffallend schlanken, schöngeformten Händen

und Füßen und großen dunklen Augen, die eine lebhafte und kokette

Sprache reden. Die kleinen Jungens oft ganz nackt oder mit einem viel

zu großen Burnus angetan, die Mädchen in bunte Lumpen gehüllt. Sie alle

wollen von den Fremden Backschisch. Und eine lustige Szene entwickelt

sich, wenn eines der ihnen zugeworfenen Geldstücke vom schmalen Weg

hinab in das Bett der Seguia rollt und der ganze Kindertroß im nächsten

Moment in der kühlen Flut sich balgt, um den Ausreißer zu erwischen.

[Illustration: An der Seguia in Biskra]

Hin und wieder, wo die Seguia etwas breiter fließt, trifft man Frauen

und Mädchen beim Waschen. Die Hände in die Hüften gestützt, bearbeiten

sie das Wäschestück mit den Füßen auf Steinen, die ausgehöhlt und glatt

und glänzend sind wie geschliffener Marmor.

Und dasselbe Wasser, in dem sich die Jugend balgt, in dem man die

Wäsche reinigt, wird auf seinem Wege in einem der nächsten Häuser

geschöpft und zum Kochen verwandt. Das Reinlichkeitsgefühl ist wenig

ausgeprägt, und Bazillenfurcht kennt man nicht in diesem Sonnenlande.

Oft genug waren wir schon an den kleinen, niedrigen Hauseingängen

vorübergewandert, die immer so fest verschlossen sind, als hätten sie

große Geheimnisse zu hüten. Oft genug hatte uns der Wunsch gepackt,

einmal hindurchzuschlüpfen, um einen Blick auf das werfen zu können,

was sich dahinter barg, auf die Menschen, die in unserer Einbildung ein

gleichsam verzaubertes Leben dort führten. Und eines Tages wurde uns

auch dieser Wunsch erfüllt.

Es war das Haus eines reichen Mannes, das zu besuchen uns Jussuf die

Erlaubnis erwirkt hatte. Die niedrige, aus Palmenholz gefertigte

Eingangstür führte in ein scheunenartiges Gewölbe, in dem Hühner und

Ziegen bei unserem Eintritt erschreckt durcheinanderstoben. Ein

bissig aussehender Köter stürzte kläffend auf uns zu, so daß wir uns

keinen Schritt weiter wagten. Aus dieser Lage rettete uns ein kleines,

süßes, schmutziges Mädchen. Sie geleitete uns hinein in eine Art Hof

von ziemlicher Größe, der nur zum Teil mit einzelnen großen Palmwedeln

gedeckt war, zwischen denen das Sonnenlicht hindurchsickern konnte.

Ein Kreis in der Mitte blieb völlig frei, und Licht und Wärme drangen

ungehindert ein. Die Lehmwände waren hier drinnen genau so kahl wie an

der Außenseite des Hauses. In einer Ecke, in einem primitiven Bassin,

sickerte ein Brünnchen, Wasser der Seguia, das durch das Haus geleitet

wird und das ein wenig Kühlung verbreitet. Auf einem Gestell hing eine

Guerba, ein schwarzes, nicht enthaartes Ziegenfell, das innen mit

Pflanzenteer ausgepicht ist und Trinkwasser enthält. Sonst nicht ein

einziger Gegenstand im ganzen Raum.

Den Boden in der Mitte bedeckten Matten aus Alfa[6] und zartfarbige

Teppiche. Und darauf hockte ein junges Weib, das höchstens zwölf Jahre

zählte, und nicht weit von ihr ein kleines, nacktes Bübchen. Die Frau

schien in schlechter Laune zu sein, denn sie gab sich kaum Mühe,

unseren Gruß zu erwidern. Keine Miene verzog sich in ihrem gelblichen,

rassigen Gesichte, und Mißmut lag in ihren großen dunklen, mit

schwarzblauer Farbe stark umränderten Augen. Die Fingernägel hatte sie,

wie die meisten Araberinnen, mit Henna gefärbt, ebenso Streifen ihres

üppigen schwarzen Haares. Ungewöhnlich viel Schmuck bedeckte Hals und

Brust, Hand- und Fußgelenke und war der deutlichste Beweis dafür, daß

wir wirklich die Frau eines reichen Mannes vor uns hatten.

[6] Alfa -- ein Wüstengras.

Durch Jussuf hatten wir gehört, daß sie des Französischen mächtig sei,

und so sagten wir ihr einige liebenswürdige Dinge in dieser Sprache

und unseren Dank für die Erlaubnis, ihr Haus besichtigen zu dürfen.

Sie murmelte darauf etwas in Arabisch, das durchaus nicht freundlich

klang, und machte auch nicht die geringste Miene, sich zu erheben und

uns etwas mehr von dem Innern ihres Heims zu zeigen.

[Illustration: Markt in Biskra]

Ein unbehagliches Gefühl erfaßte uns, und wir beratschlagten gerade,

ob es nicht am besten wäre, sich wieder zu empfehlen, als sich neben

uns auf dem Boden ein Bündel bunter Lappen bewegte, aus denen sich ein

entzückendes junges goldbraunes Geschöpf herausschälte. Noch waren ihre

Augen ein wenig schlaftrunken, aber ungezählte Teufelchen des Übermuts,

der List und Koketterie spukten schon darin. Ihre Schmucksachen

klirrten leise, als sie sich wie ein geschmeidiges Raubtierchen erhob,

dehnte und streckte und uns fröhlich lächelnd in ihrer arabischen

Sprache begrüßte.

In der Annahme, daß man uns nicht verstand, stellten wir Vergleiche

über die beiden weiblichen Wesen an, die selbstverständlich alle

zugunsten der kleinen, anmutigen Langschläferin ausfielen.

Da mit einem Male -- war es gekränkte Eitelkeit, die es bewirkt, war es

nur ein Stimmungsumschlag -- sprach die junge Frau mit dem gelblichen,

rassigen Gesicht in völlig geläufigem Französisch zu uns, stellte uns

ihre Mitbewohnerin als ihre Schwägerin vor und lud uns ein, neben ihr

auf dem Teppich Platz zu nehmen. Nun, nachdem das Eis gebrochen war,

erzählte sie uns von sich und ihrem Leben.

Ihr Geburtsort lag in der Nähe von Biskra, wo ihr Vater eine Stellung

bei der französischen Regierung bekleidete. Sie hatte jahrelang die

französische Schule besucht und hegte eine große Vorliebe für alles,

was französisch war. Am liebsten hätte sie auch nach europäischer Sitte

geheiratet. Aber da kam eines Tages der reiche arabische Freiersmann,

und der Vater bestimmte, daß sie ihn nehmen mußte. Man hört häufig, daß

es den arabischen Mädchen, die ihren Bräutigam in der Hochzeitsnacht

zum ersten Male sehen, ziemlich gleich sei, wen sie heiraten. Ein Mann

sei ein Mann. In diesem Falle traf dies sicher nicht zu. Dieses junge

Geschöpf empfand es deutlich, daß sie ein Opfer ihrer Erziehung und

der Sitten des Landes geworden war, die einem Mädchen nicht erlauben,

den Gatten selbst zu wählen. Für alles, was man sie einst gelehrt,

hatte sie nun keine Verwendung mehr. Sie war sich völlig klar über das

Unwürdige in der Stellung eines arabischen Weibes, das absolut nichts

weiter ist als der Spielball für die leidenschaftlichen Sinne des

Mannes. Sie litt unter dem Eingepferchtsein und der Abgeschlossenheit

von allem, was Leben heißt, sie verabscheute ihr arabisches Kostüm, an

dem sie verächtlich zupfte, und suchte selbst zu vergessen, daß sie

der französischen Sprache mächtig war, da mit dieser Sprache immer die

Erinnerung an das zurückkam, was einst gewesen war. Nun hatten wir die

Erklärung für ihre stumme Unliebenswürdigkeit.

Während sie uns dies erzählte, kurz, abgehackt, beinahe wie gegen

ihren eigenen Willen, beschäftigte sich ihre Verwandte, die kein Wort

von der Unterhaltung verstand, damit, unsere Garderobe von Kopf bis

Fuß zu untersuchen. Bis zu den intimsten Kleidungsstücken drang sie

vor, und bald erstaunt, bald höchlich amüsiert, plapperte sie darüber

zu der ernsten Schwägerin. In dem verführerischen Köpfchen dieses

geschmeidigen Wesens steckten keine schweren Gedanken. Sie war wohl ein

Muster des Alltagstyps, zufrieden mit sich und den Dingen, wie sie nun

einmal waren.

Das kleine, nackte Bübchen, das unser größtes Erstaunen erregte,

denn es hatte blaue Augen und rotblonde Löckchen, hatte sich die

ganze Zeit über völlig ruhig verhalten und mit großen, erstaunten

Blicken die Fremdlinge betrachtet. Aber nun wurde es ihm wohl doch zu

langweilig. Laut schreiend rutschte es auf die Mutter zu, die Frau mit

den düsteren, unzufriedenen Augen, zerrte an deren Gewand und suchte

wie ein Tierchen nach der Brust. Diese Brust, die so schlaff und welk

und verbraucht aussah, als ob sie einem bejahrten, von Not und Hunger

ausgemergelten Weibe gehörte. Entsetzen und Mitleid erfaßten uns. Denn

hier sahen wir die Folgen dieser allzufrühen Heiraten. Die Folgen von

Ehen, in denen der zarte, noch fast kindliche Körper des Mädchens in

den seltensten Fällen schon den Ansprüchen gewachsen ist, die Frauen-

und Mutterpflichten an ihn stellen.

[Illustration: Alt-Biskra]

In einer Art gedecktem Alkoven, in dem ein Kochtopf über einem Feuer

brodelte und in der flachen Kuskusschüssel ein paar bunte Wäschestücke

eingeweicht lagen, hantierte eine alte Frau. Hin und wieder streckte

sie den Kopf aus ihrer Ecke und betrachtete uns mit neugierigen Augen.

Nach einer Weile kam sie hervor und hockte sich ein Stückchen von uns

entfernt auf den Boden nieder. Ganz scheu und vorsichtig, als ob sie

nicht bemerkt sein wollte. Wir dachten, es wäre eine Angestellte,

erfuhren dann aber zu unserem Erstaunen, daß es die Schwiegermutter

sei. Ein Weib, das etwa fünfunddreißig Jahre zählte -- die Menschen

wissen hier ihr Alter nur immer so ungefähr --, jedoch wie eine

schlechterhaltene Sechzigjährige aussah. Sie wohnte im Hause und

verrichtete alle Arbeit, während die jungen Frauen ihrer Söhne den Tag

verschliefen, verträumten oder verplauderten.

»Was wollen Sie,« sagte mit einer wegwerfenden Handbewegung die Frau

mit dem gelblichen, rassigen Gesichte, »sie ist zu sonst nichts mehr

nütze. Das geht uns allen später so.«

Auf unsere Frage wurde uns auch gestattet, die Schlafstuben zu

besichtigen. Es waren völlig kahle, fensterlose Räume, die Luft und

Licht nur durch die auf den inneren Hof mündende Türe erhielten. Aber

der Hausherr dokumentierte, daß er ein reicher Mann war, indem er

sich eine große französische Bettstelle angeschafft hatte, während

die Araber sonst meist auf dem mit Matten belegten Boden schlafen.

Keine der Frauen hatte sich erhoben, um uns zu führen. Nur durch eine

Kopfbewegung war uns angedeutet worden, wo die Zimmer lagen. Und als

wir uns nun verabschiedeten, lächelte uns die Jüngere, Goldbraune,

freundlich zu, die Alte tat, als ob sie uns nicht sähe, und die Frau

mit dem bleichen, rassigen Gesicht hatte bereits wieder ihre unnahbare

Miene aufgesetzt und sah ganz so aus, als ob sie bedauerte, überhaupt

mit uns gesprochen zu haben.

Wir hatten Jussufs Geduld auf eine lange Probe gestellt, denn die Sonne

stand bereits im Mittag, als wir durch die niedrige Tür wieder hinaus

in die menschenleere Gasse schlüpften.

* * * * *

Einen herrlichen Blick über die ganze Oase, die aus sieben Dörfern

zusammengesetzt ist und sich am westlichen Ufer des Oued Biskra entlang

zieht, hat man von der höchsten Spitze des Minaretts. Es ist ein

eigenartiges Bild, das immer wieder fesselt. Die flachdachigen Häuser,

an sich so ärmlich und doch in mancher Beleuchtung aussehend, als seien

sie aus Goldstaub erbaut, überschattet von den stolzen dunkelgrünen

Kronen der Palmen, deren Rauschen in der weichen Brise bis hinauf zur

Turmspitze dringt. Zwischen diesem Gold und Grün die kleinen Kuppeln

der Marabuts so blendend weiß, als hätten sie alles Licht angesogen.

Und hinter diesem Gold und Weiß und Grün, das eng zusammengeschoben

ist, die weite, fahle, sonnendurchglühte Ebene der Sahara.

* * * * *

Manchmal nahmen wir den Weg aus Alt-Biskra zurück über den arabischen

Friedhof und waren gelegentlich Zeuge, wie die Araber ihre Toten

begraben. Auf einer Bahre, die von vier Männern auf der Schulter

getragen wird, ruht der Verstorbene. Der Körper ist nur in Tücher

eingehüllt, und durch die darüber geworfene leichte, buntfarbige

Draperie zeichnen sich deutlich seine Formen ab. Verwandte und

Freunde folgen der Bahre, die Männer laut betend, die Frauen schrille

Jammerrufe ausstoßend. Mit dem Gesicht nach Mekka gewandt, betten

sie den Toten in ein flaches Grab. Keine bezahlte Hand leistet dabei

Dienste. Alles, was getan werden muß, wird von den Angehörigen

besorgt. Keine feierlichen Reden werden gehalten. Ebenso wenig wie

es feierliche Grabsteine gibt. Nur hier und dort läßt eine aus

getrockneter Erde errichtete und mit Kalk geweißte Kuppel den Ruheplatz

eines Marabuts erkennen. Alle anderen Gräber sind dem Boden gleich und

verraten sich nur durch kleine, länglich runde, inschriftslose Steine,

deren Zahl zugleich erklärt, ob Mann, Frau oder Kind darunter liegt.

Weder Baum noch Strauch, noch die winzigste Blume ziert den Friedhof

des Arabers. Völlig kahl und stimmungslos, selbst ohne die geringste

Umfriedigung, liegt sein Totenacker.

[Illustration: Gräber in der Wüste]

* * * * *

So gewiß wie die Sonne an jedem Morgen mit gleicher Pracht erschien, so

gewiß trafen wir auf unseren Wegen immer an derselben Stelle dieselben

Bettler. Sie betrachteten uns bald als ihre Freunde und hätten es als

Kränkung empfunden, wenn wir einmal achtlos an ihnen vorübergegangen

wären. Da war unser »Methusalem«, ein verhutzeltes Männchen, das wir

nie anders als eifrig seinen Rosenkranz betend erblickten. Da war

der ungewöhnlich große, schöngewachsene bronzefarbene Mann, dessen

edelgeschnittene Züge mit den Blatternarben und den erloschenen Augen

erschütternd wirkten. Da war der Choleriker mit dem verdrießlichen

Gesicht, der stets Worte des Propheten vor sich hinmurmelte, dessen

Stimme bei unserem Näherkommen immer lauter und energischer wurde und

der die Gabe wie ein gutes Recht forderte und entgegennahm. Da war

der Brotverkäufer, der von Tag zu Tag am Rande des Straßengrabens

neben einem Häufchen kleiner, runder Honigbrote kauerte. Die Brote

waren schwarz von Fliegen, und der von Tieren, Wagen und Menschen

aufgewirbelte Chausseestaub lagerte sich darauf ab. Niemals bemerkte

man einen Käufer bei ihm, und sein Vorrat schien am Abend immer

noch derselbe zu sein wie am Morgen. Und doch blickte der Mann nie

mißvergnügt und nie entmutigt. Stets hatte er ein freundliches Lächeln

bereit. Und da war unser kleiner Negerjunge, so häßlich, wie die Natur

nur in ihrem Zorn etwas erschaffen kann, aber mit einem Paar großer,

treuer Hundeaugen. Und wie ein Hündchen wartete er vor dem Hotel und

begleitete uns auf unseren Gängen, glücklich über jede Kleinigkeit, die

ihm zufiel, und im siebenten Himmel, als sich eines Tages sein höchster

Wunsch erfüllte und er der Besitzer gelber Babouchen[7] wurde.

[7] Babouchen -- weiche Schlappschuhe.

Es hätte uns etwas gefehlt, wenn wir einen von diesen schnell

gewonnenen Freunden einmal nicht an seinem gewohnten Platz gefunden

hätten. Sie gehörten mit zum Bilde.

* * * * *

Ebenso wie Alt-Biskra zeigt auch der Marktplatz in den

Vormittagsstunden sein eigenartigstes und interessantestes Gesicht.

Dort eine fast unnatürliche Ruhe wie an einem verwunschenen Ort, hier

in völligem Gegensatze konzentriertes Leben, Farben und Bewegung.

Welch ein fesselndes Bild bietet dieser von Kolonnaden umschlossene

Platz, besonders an den Tagen, an denen die Nomaden aus den Zibanbergen

und dem Auresgebirge und die Karawanen aus dem Süden eintreffen! Was

sieht man da für prächtige, charakteristische Köpfe unter den weißen,

mit brauner Kamelhaarkordel umwundenen Turbanen!

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste · 第 4 / 11 段