Wieder klommen wir aus kühlen, pittoresken Schluchten hinauf zu

sonnigen Höhen, überquerten den Oued Hammam, dessen Wasser in

glitzernden Kaskaden zu Tale springen, passierten die traurigen

Ruinen von Ksar-Kebouch und landeten abermals in köstlichem Schatten

im Walde von Taourit-Iril. Ja, der Schatten war köstlich, aber die

Bäume, die ihn spendeten, waren arm und bedauernswert. Wie fröstelnde

Bettler standen sie da, nackt und entblößt, und konnten nichts anderes

als ihre Wunden zeigen, die wie mit Blut gefärbt schienen. Es war ein

Korkeichenwald, den menschlichen Ansprüchen untertan gemacht. Ein

jammervoller Anblick, all diese jungen Stämme fast bis aufs Mark der

Rinde beraubt. Wir haben auf unserer Weiterreise durch Algier noch

mehr solcher Wälder passiert, die wie etwas lebendig Geschundenes das

Mitleid erwecken.

Es tat gut, wieder hinauszukommen mit dem Blick auf ungemessene

Fernen. Die Aussicht auf dieser Fahrt hatte nahezu die ganze Kabylie

umfaßt: das Tal des Sebaou in seiner vollen Länge, zur Rechten die

Berge von Azeffoun, zur Linken die Ausläufer des Djurdjura mit Dörfern

besät, an denen entlang wir am Tage zuvor hinabgestiegen waren nach

Michelet und Ain-el-Hammam mit dem Fort National im Hintergrunde, und

von Ksar-Kebouch aus konnte der Blick über das Tal des Oued Sahel

hinüberschweifen zu der mächtigen Barborenkette.

An schattenlosen Bergabhängen ging es nun in steilen Serpentinen

hinunter in das Tal des Sahel. Die vereinzelten, von hohen Kaktushecken

umrahmten Hütten sahen hier etwas wohlhabender aus. Auch die

Straßenränder säumte hoher, dichtverwachsener Feigenkaktus, dessen

Früchte für die Eingeborenen ein beliebtes Nahrungsmittel sind.

Unter einer brütenden Sonne setzten wir den Weg im Tal weiter fort

nach El-Kseur. Wieviel einladender und heimischer dieser Ort wirkte

als Azazga oben in den Bergen! Die niedrigen bunten Häuschen zu beiden

Seiten der alten wunderschönen Eukalyptusallee blickten so behaglich

drein, Brunnen am Wege murmelten ihre alten Sagen, und die Menschen

boten den Fremden freundlichen Tag.

Aber heiß ist es in El-Kseur! Eine schwere, feuchte Wärme, die nach der

trockenen Hitze hoch oben in den Bergen einem wie die Atmosphäre eines

römischen Bades entgegenschlägt. Dieser Treibhausluft entsprechend

ist die Vegetation in diesem Tale: es gleicht einem üppig wuchernden

Garten, alles ist von ungewöhnlicher, überraschender Kraft und Frische.

Zwischen saftigen Wiesen, unter prächtigen alten Pappeln, am Ufer des

Sahel entlang führte die mit Fuhrwerken aller Art belebte Straße.

Es war nicht zu verkennen, wir waren der Zivilisation wieder nahe

gekommen. Auch ein Eisenbahnzug eilte an uns vorbei, lärmend und

fauchend seinem Endziele, dem freundlichen El-Kseur, entgegen.

Ein starker, kräftiger Wind setzte ein und ließ uns die Nähe des

Meeres vermuten. Bald zeigte sich auch die schimmernde See und aus ihr

emporwachsend der hohe festungsgekrönte Gouraya, auf dessen kräftigem

Rücken das von Bastionen flankierte Bougie ruht -- ein imposantes Bild!

Durch ein hohes spitzbogiges Tor, der sogenannten Sarazener Pforte,

die noch aus dem 11. Jahrhundert stammt und eine ausgezeichnete Idee

von dem alten Walle gibt, fährt man hinauf in das Innere der Stadt,

das zur großen Überraschung völlig modern anmutet. Das Alte, Große und

Interessante ist im Verschwinden. Das Neue nur mittelmäßig zu nennen.

Französische Sprache und französisches Gebaren allenthalben. Burnus und

Turban tauchen nur vereinzelt auf.

Bougie, das Saldae der Römer, Gouraya der Vandalen und Bedjaïa der

Kabylen, gleicht mit seiner Geschichte einer schönen Frau, die in der

Jugend von allen begehrt, geschmückt und beschenkt wird, im Alter,

häßlich und verbraucht, mit leeren Händen dasteht.

Von den Römern, die Festungen, Zisternen und Bäder bauten, nahmen es

sich im 11. Jahrhundert die unternehmungslustigen Berber. An 100000

Einwohner bevölkerten damals die glanzvolle Stadt. Im 16. Jahrhundert

setzten sich die Türken darin als Herren fest, und unter deren Regime

begann der vielbegehrte Ort an Macht und Ansehen zu verlieren und

immer mehr auf das Niveau zu sinken, auf dem ihn die Franzosen 1833

fanden. Wenn sie der Stadt nun auch nicht das alte Prachtgewand

wieder umlegen konnten, so haben sie doch für ein praktisches und

nützliches Alltagskleid gesorgt, und für das übrige kommt die Natur

auf. Denn was alle Stürme der Zeit Bougie nicht rauben konnten, ist

seine wundervolle Lage, die heute wie vor Jahrhunderten entzückt, ist

der unvergleichliche Blick, der sich besonders von dem hochgelegenen

Marktplatz aus dem Beschauer bietet. Tief unten leuchtet der Golf

in saphirner Bläue, von Schiffen und Barken belebt, und drüben hält

die mächtige Kette der Barboren Wache, deren rosige Gipfel dem

untergehenden Tagesgestirn als Riesenpalette dienen, auf der es seine

zauberhaften Farben mischt.

Die frische Meeresbrise, der duftgeschwängerte Odem des fruchtbaren

Tales und die unverfälschte Luft der Berge geben ein köstliches

Gemisch, an dem die Lungen sich ergötzen. Alle Sinne genießen während

des Sonnenuntergangs in Bougie -- wenn man die Stadt selbst im Rücken

hat.

Von Bougie nach Setif

Punkt neun Uhr Abfahrt von dem Hotel, von frischer Erwartung

erfüllt. Denn nach verschiedenseitigen Versicherungen sollte ja die

Strecke Landes, die wir nun durchfahren wollten, noch Größeres und

Interessanteres bieten als der Teil, den wir bereits kannten.

Der Himmel blaute, die Sonne strahlte, eine Luft wehte, die berauschte

wie köstlicher Sekt, und dazu das unbeschreiblich schöne Gefühl: nun

geht es wieder weiter, weiter hinein oder hinaus in diese herrlichste

aller Welten.

Lustig stimmte das Auto seine alte Melodie an, knurrte, solange die

steilen Straßen Bougies ihm noch Zügelung aufzwangen, und trug uns dann

in fröhlicher Eile durch die Ebene dahin.

Zur Linken dehnte sich das kräftig atmende Meer, das die flache Küste

mit Schaumwellen befranste, zur Rechten begleiteten uns grünbewaldete

Berge. An gut gehaltenen Bauernhäusern vorüber, über glitzernde Bäche,

die das Land erfrischen und fruchtbar machen, durch freundliche

Dörfer, in denen uns Herden von Ziegen, Schafen und Hühnern den Weg

versperrten, führte die Straße.

Nachdem wir den Oued Djema passiert hatten, überraschte uns eine

gewaltige Gebirgsszenerie. Der Weg, aus senkrecht abfallenden Felsen

herausgeschnitten, führte hinauf zu den Spitzen des Vorgebirges am Kap

Aokas. Oben angelangt, entrollte sich vor unseren Blicken ein Panorama

von Land und Meer, dessen Schönheit uns verstummen machte. Den Abschluß

bildete tief im Hintergrunde der Hafen von Bougie.

Ebenso steil wie zuvor aufwärts, ging es nun hinunter nach Sidi Rehan,

einem Wallfahrtsort für fromme Muselmänner. Dann ließen wir das Meer

im Rücken und hielten uns landeinwärts. An abschüssigem Ufer entlang

folgte der Weg dem kapriziös gewundenen Lauf des Oued Agrioun, durch

grünende Täler, durch graue Olivenwälder und schattige Oleanderhaine.

Die nächstgelegenen Hügel waren mit Tannen und Eichen, Zedern und

Eschen bewachsen, und dahinter strebten schneebedeckte Spitzen in die

Wolken. Nicht selten wurde unsere Fahrt durch primitive Fuhrwerke

gehemmt, auf denen gewaltige Stämme aus diesen einsamen Wäldern

fortgeschafft wurden, der Nutzbarmachung entgegen. Zehn, zwölf,

manchmal vierzehn arme Maultiere quälten sich, um ein paar solcher

Riesen die steilen Höhen hinaufzubefördern.

Immer mehr schoben sich Täler und Berge ineinander, bis wir die

Schlucht Chabet-el-Akra, die Schlucht des Todes, erreicht hatten. An

den ungeheuer steil aufsteigenden Wänden der fünf- bis sechstausend

Fuß hohen Berge windet sich der Weg entlang. Kräftige Pfeiler stützen

die kolossalen überhängenden Felsen, die aussehen, als ob sie den

Eindringling erdrücken wollten. Tollkühne Gebirgsquellen stürzen

darüber hinweg und zerstieben in Atome, noch ehe sie den Strom

erreichen, zu dem es sie zieht. So nahe neigen sich streckenweise nach

oben die Berge zusammen, daß die Sonnenstrahlen und das Licht kaum

Einlaß finden. Nach unten aber erweitert sich die Schlucht, und in

ihrer grausigen, im ewigen Schatten liegenden Tiefe zerschellen die

reißenden Wasser des Oued Agrioun an den schroffen Felsenmassen, die

ihnen den Weg versperren.

Das Geräusch unseres Wagens trieb Scharen wilder Tauben und Raubvögel

aus ihren Ruheplätzen. Lärmend und flügelschlagend flüchteten sie

hinauf zur freien Höhe.

Ungefähr in der Hälfte des Weges schwebt eine Brücke über dem Abgrund,

und die im ganzen etwa zehn Kilometer lange Straße führt auf der

anderen Seite der durch Menschenkunst bezwungenen Schlucht wieder

hinaus ins helle, warme Sonnenlicht.

Wie ein freundliches Kindergesicht grüßt beim Austritt das kleine

reizende Dörfchen Kerrata herüber.

Hinter Kerrata begann wieder die Steigung nun an steilen, kahlen

Bergrücken entlang. Hier hatten wir die erste Panne. Dies gab uns

willkommene Gelegenheit, ein Stück Weges zu Fuß zurückzulegen.

Menschenleer schien auch diese Gegend, nur große Herden schwarzer

Ziegen weideten an schwindelerregenden Abhängen. Es war köstlich zu

beobachten, wie die unvorsichtigen Jungen sich auf die exponiertesten

Spitzen wagten, dann jämmerlich um Hilfe schrien, und wie geschickt die

Alten sie aus ihrer Not erlösten. Oft weit davon entfernt fanden wir

dann den Hirten, der schlafend am Wegrande zusammengerollt lag und mehr

einem Häufchen alter Lumpen als einer menschlichen Gestalt glich.

[Illustration: Dominospieler]

Tief in Talmulden kauerten hin und wieder ärmlich aussehende

Besitzungen. Einzelne Aprikosenbäumchen am Wege wirkten mit ihrem

zarten, duftigen Blütenschmuck in dieser wilden und baumlosen Gegend

wie ergreifende Gedichte.

Vom hohen Bergkegel herab grüßte das Fort Takitount, das nahe den

Überresten einer römischen Niederlassung sich erhebt.

In Amoncha, einem freundlichen Dorfe mit buntgestrichenen Häuschen,

machten wir eine Weile Halt, um den Durst der Maschine zu stillen

und ihr ein wenig Zeit zum Verschnaufen zu geben. Sie hatte wahrlich

keine leichte Arbeit geleistet, und eine ziemliche Anstrengung lag

noch vor ihr. Steigend und fallend führt die Straße von Amoncha weiter

durch nahezu unkultivierte Gegenden, über Berge, deren Flanken von

wilden Gebirgsbächen zerrissen und zerklüftet sind, bis hinauf auf

die Ebene, die völlig den Charakter öder Hochgebirgslandschaft trägt.

Hier trat wieder etwas Leben in die Erscheinung, und eine prachtvolle

Staffage bildeten die schwerbepackten Kamelherden in diesem großzügigen

Naturbild.

* * * * *

Auf einer Hochebene, in glühender Sonne ausgebreitet, liegt Setif.

Hier gibt es nichts weiter als Soldaten. Dieser Eindruck drängt sich

einem zuerst auf, wenn man durch einen Festungswall in die Stadt

eingedrungen ist. Aber nachdem man das Viertel, das nur für das Militär

bestimmt ist, passiert hat und durch eine zweite Wallumgürtung in

die eigentliche Stadt gelangt ist, bemerkt man, daß sie breite, mit

Bäumen gesäumte Straßen hat, große Squares und viele Läden, Cafés und

Restaurants in Menge, auch lebhaftes Treiben auf den Straßen. Und

doch, wie mutet einen alles so unbeschreiblich öde, nichtssagend und

gelangweilt an! Ist das wirklich die Signatur Setifs? Ist es nur der

ungeheure Gegensatz zu den vielgestaltigen und gewaltigen Naturbildern,

die man in sich aufgenommen hat?

Nach einem völlig französischen Dejeuner -- die Speisekarte hätte

ebensogut aus einem Pariser Boulevard-Restaurant sein können --

wanderten wir durch die Stadt zu einem der vier großen Tore hinaus auf

den Marktplatz, den Sonnabends Tausende von Eingeborenen bevölkern.

Ein alter Araber, groß gewachsen, mit einem Herrengesicht, trat an

uns heran, und wegen seiner Einmischung sich entschuldigend, gab er

uns verschiedene Aufklärungen. Auch machte er darauf aufmerksam, daß

im Negerdorfe ein Fest gefeiert würde. Seine Haltung, sein ganzes

Benehmen hatten etwas so Vornehmes, daß wir ein wenig zaghaft die Frage

stellten, ob er uns wohl dahin begleiten wollte. Nach einigem Zögern

fand er sich dazu bereit.

Über den harten, von der Sonne ausgebrannten Boden an einem blinden

Märchenerzähler vorüber, den ein großer und aufmerksam lauschender

Zuhörerkreis umlagerte, über ein weites, holperiges Gelände brachte

er uns nach der Ansiedlung der Neger. Fette Frauen, in schreiend

grelle Farben gekleidet, hockten singend vor ihren Lehmhütten,

dicklippige schwitzende Männer rannten, lebhaft gestikulierend, umher,

splitternackte Kinder sielten sich laut lärmend auf dem Boden. Das

Fest hatte noch nicht begonnen, und keiner wußte genau, wann es seinen

Anfang nehmen sollte. Diese Vertröstung auf völlig Ungewisses und

die unbarmherzig stechende Sonne trieben uns zur schleunigen Umkehr.

Während wir, bei dem Stadttor angelangt, noch berieten, ob wir unserem

würdigen Führer mit der stolzen Adlernase und den feinen, schlanken,

arbeitsfremden Händen ein Geschenk anbieten durften, sagte er in

liebenswürdigster Form:

»Wenn Sie mich nun mit einer Kleinigkeit entlohnen wollten, wäre es mir

lieb. Ich bin müde und möchte mich ausruhen.«

Ich muß gestehen, wir waren im ersten Augenblick etwas verdutzt, denn

das stand nach unseren Begriffen so gar nicht im Einklang mit der

ganzen äußerlichen Persönlichkeit dieses Mannes. Ihm schien es das

natürlichste der Welt zu sein. Mit leichtem, eleganten Dank steckte er

die paar Franken ein, verabschiedete sich und ging stolzen Schrittes

davon.

[Illustration: Unser Begleiter in Setif]

* * * * *

Unser braves, tüchtiges Auto hatten wir entlassen. Mit ihm hatten wir

von der wilden, eigenartigen Kabylie Abschied genommen. Von Setif aus

sollte die Fahrt per Bahn weitergehen. Als wir das Hotel erreichten,

war der kleine Omnibus, der den Verkehr nach der Bahn vermittelte,

bereits vollständig besetzt. Was tun? Die Zeit war knapp und der Weg

ziemlich weit. Irgendein Fahrzeug mußte herbeigeschafft werden. Nach

kurzem Warten kam ein kleiner Wagen in der Art unserer Breaks, dick mit

Stroh ausgelegt. Gott weiß, wozu er sonst benutzt wurde! Wir wissen

nur und empfanden es schmerzhaft, daß eine Anzahl kleiner blutgieriger

Tierchen die Gelegenheit benutzte, zugleich mit uns Setif zu verlassen

und auf Reisen zu gehen.

Während wir auf den Zug warteten, der mit etwa drei Viertelstunden

Verspätung in Setif eintraf, hatten wir noch ein kleines, interessantes

Erlebnis: zwei Damen, unverkennbar Amerikanerinnen, kamen auf uns zu

und fragten meinen Mann, ob sein Name so und so sei. Und es stellte

sich heraus, daß er vor zwanzig Jahren den Bruder dieser Damen,

die aus Los Angelos stammten, in Kissingen getroffen, daß sie sich

freundschaftlich aneinander angeschlossen und sich gelegentlich

auch zusammen auf einem Bilde hatten photographieren lassen. Der

Briefwechsel war im Laufe der Jahre eingeschlafen. Das Bild aber

behauptete noch immer seinen Platz auf dem Schreibtisch des Bruders,

und nach der auffallenden Ähnlichkeit hatten die Damen auf die

Identität meines Mannes geschlossen. Dies kleine Vorkommnis zeigte

wieder einmal klar, wie eigenwillig der Zufall spielt und wie wir doch

heute ganz und gar im Zeichen des Verkehrs leben.

Für alle, die Zeit, viel Zeit und ebenso viel Geduld haben, muß es

ein Vergnügen sein, in Algier mit der Bahn zu reisen. Sie scheint es

für ein Verbrechen zu halten, schnell zu fahren, und sie hält oft,

fast möchte man sagen, sie hält immerzu. Aber trotzdem brachte sie

es fertig, uns -- wenn auch mit der angemessenen Verspätung -- nach

El-Guerrah zu bringen.

Es war eine pechschwarze Nacht, so schwarz, wie ich noch nie eine Nacht

gesehen hatte. Trotzdem war der winzige Bahnhof von El-Guerrah nicht

erleuchtet. Nur auf dem Bahnsteig an einem Stock hing eine kleine

blakende Ölfunzel. Sie ließ das Dunkel herum nur noch dicker und

undurchdringlicher erscheinen. Eine ganze Anzahl Passagiere stieg aus,

denn in El-Guerrah trennen sich die Linien, die nach Biskra und nach

Constantine führen. Wie alle diese Reisenden mit ihrem Gepäck in dieser

ägyptischen Finsternis und fast ohne Gepäckträger sich zurechtfanden,

ist mir noch heute ein Rätsel.

In einiger Entfernung von dem Bahngleise schimmerten ein paar

erleuchtete Fenster. Der arabische Führer unserer neuen kalifornischen

Bekannten war mit den Örtlichkeiten vertraut. Er brachte uns hinüber

nach dem freundlich blinkenden Hause, einem Hotel, in dem man über

Nacht Unterkunft findet und das Atzung für die Reisenden bereit hält.

Wir fanden alles in größter Aufregung. Immer wieder hörte man das

Wort »Karawane« von Wirt zu Angestellten schwirren. Wir dachten uns

darunter eine Kamelherde mit Beduinen, Frauen und Kindern, und da wir

nach allem, was wir von der Lebensweise dieser Karawanen wußten, nicht

annehmen konnten, daß sie in dem Hotel übernachten würden, konnten wir

uns die Unruhe nicht erklären. Wir riefen den Kellner und bestellten

das Essen. Die Antwort darauf war:

»Gehören Sie zur Karawane?«

Erstauntes »Nein!« von unserer Seite.

[Illustration: Arabische Typen]

Seine Erwiderung:

»Bedaure sehr, aber die Karawane muß zuerst bedient werden.«

Und nun stellte es sich zu unserer Überraschung heraus, daß man unter

»Karawane« hier eine Cooksche Reisegesellschaft meinte.

Der arabische Führer, nicht unbekannt in dem Hause, machte kurzen

Prozeß. Er ging in die Küche, half beim Anrichten und sorgte geschickt

dafür, daß uns die Speisen sofort serviert wurden. Und danken mußten

wir es ihm; denn als die, wie wir nun sahen, mit berechtigter

Aufregung erwartete »Karawane« die Speisestube stürmte, war für keinen

anderen Gast mehr etwas zu erreichen. Wie ein Schwarm ausgehungerter

Heuschrecken vertilgten sie alles, was kam. Aber selbst wenn noch

etwas übriggeblieben wäre! Bis die »Karawane« befriedigt war, war auch

die Zeit verstrichen, und der Zug zur Abfahrt nach Batna ließ seinen

Mahnruf zum Einsteigen ertönen.

Oh, diese kosmopolitischen Karawanen! Wieviel Ruhe, Lebensart und

Vornehmheit -- ja, ich kann kein anderes Wort als Vornehmheit

gebrauchen -- könnten sie von den Mitgliedern einer echten Karawane

lernen, von jenen armen, verachteten Beduinen, die heimatlos die Wüste

durchziehen!

Nun bestiegen wir wieder den Zug. Wo mag die französische Gesellschaft

wohl die Wagen her haben, die sie auf ihren Bahnen in Algier benutzt!

Stammen sie aus jener Zeit, da die Eisenbahn aufkam und man noch nicht

wußte, was Bequemlichkeit auf der Reise bedeutet? Sollten diese Wagen

irgendwo auf Abbruch verkauft werden, und man hat sie billig erstanden?

Jedenfalls sind sie für unsere heutigen Begriffe ganz unmöglich. Man

brauchte fast eine Leiter, um hinauf in das Coupé zu klettern, in ein

Coupé, das schmal und eng und so niedrig war, daß man mit dem Kopfe an

die Decke stieß. Und das Licht! Es war entsprechend der Beleuchtung

auf dem Bahnhof von El-Guerrah. Unmöglich, eine Zeile zu lesen.

Aber nebenan im Wagen brannte die Lampe überhaupt nicht -- das war

vielleicht noch schlimmer. Zu acht waren wir in ein Abteil erster

Klasse gepfercht wie die Heringe. Ein ältliches französisches Ehepaar

hatte zwei Eckplätze inne. In weislicher Fürsorge hatten die Leutchen

ihr Essen mitgebracht, und mit nicht endenwollendem Appetit vertilgten

sie aus buntfarbigen Tüten die unglaublichsten Dinge. Als man es schon

gar nicht mehr erwartete, machten sie aber doch Schluß, und befriedigt

lehnte sich jeder in seine Ecke. Und nun schnarchten sie ein Duett. Das

triste Licht, das, wie um uns zu höhnen, immer mit Erlöschen drohte, in

dem engen Raume die vielen Gesichter, die in der ungewissen Beleuchtung

bleich und gespenstisch wirkten, die schlechte und verbrauchte Luft --

denn der Empfindlichkeit eines Passagiers wegen konnte nur ein kleiner

Spalt eines Fensters geöffnet werden -- das schnarchende Dickhäuterpaar

in der Ecke, es war um Selbstmordgedanken zu bekommen.

Endlich, endlich Batna! Wir konnten unserem Gefängnis entrinnen. Ein

Omnibus war auf dem Bahnhofe, um uns nach dem Hotel zu befördern. Die

Pferde wollten wohl ihre letzte Arbeit an diesem Tage so schnell wie

möglich hinter sich haben. Wie wild geworden gingen sie los, daß der

Wagen auf dem schlechten Pflaster nur so flog und krachte und die

verschlafenen Köpfe der Insassen aneinander pufften. Ein Glück! Wir

hatten von Bougie aus bereits Zimmer bestellt. Wer diese Vorsicht nicht

gebrauchte, hatte schwere Mühe, ein Plätzchen zu finden, wohin er sein

müdes Haupt über Nacht betten konnte. Diese entsetzliche »Karawane«

hatte auch hier wieder alles mit Beschlag belegt.

* * * * *

Um elf Uhr am nächsten Morgen verließen wir das staubige, heiße,

schattenlose, grenzenlos nüchterne Batna, das ebenso wie Setif

hauptsächlich Militärstation bildet. Mit einigem Bangen bestiegen wir

den Zug. Er unterschied sich zu unserer Freude aber vorteilhaft von

seinem mißratenen Kollegen, der uns am vorhergegangenen Tage befördert

hatte. Dieser Zug, der in direkter Linie die Stadt Algier mit Biskra

verbindet, weist Schlafwagen und einigermaßen modernen Komfort auf und

gilt darum als der beste im Lande.

[Illustration: Flötenspieler]

Schnaubend und stöhnend verfolgte die Lokomotive ihren Weg durch

Täler, über Berge und Flüsse hinweg und an altersgrauen Bauresten aus

der Römerzeit vorüber. In Lambiridi, dem höchsten Punkte, den die

Bahnlinie erreicht, verpustete sie sich eine Weile und glitt dann

geräuschlos wieder bergab. Auf dieser Strecke wächst die Aufregung des

Reisenden, der zum ersten Male des Weges kommt. Zwar ist er erstaunt

und überrascht von den herrlichen Farben, die das kahle Felsgestein

hier zeigt: sattes Violett und tiefes Rot, leuchtendes Gelb und zartes

Blau, hartes Weiß und warmes Braun -- alles in einer harmonischen

Verteilung, wie es allein die große Natur zustande bringt. Aber von

diesen Betrachtungen hinweg wandern die Gedanken immer wieder voraus

zu dem Wunderbaren, das nun kommen soll: El-Kantara und dahinter die

gewaltige Wüste!

Der Weg zu diesem Kulminationspunkt könnte nicht besser in Szene

gesetzt sein, wenn mit allem Raffinement das geschaffen worden wäre,

wozu einfach die Bodenformation zwang. Man kommt durch einen Tunnel.

Ihm folgt ein anderer. Doch nichts Besonderes zeigt sich in den kurzen

lichten Pausen, die dazwischen eingeschoben sind. Aber nun geht es

wieder einmal in das Innere eines Berges hinein, und beim Austritt

hält mit einem sieghaften Ruf der Zug inne. Hoch oben steht trotzig

ein altes Römerkastell, tief unten liegt ein hübsches kleines Tal.

Ein paar europäische Häuser in hellen Farben, umwuchert von dichtem

Blattwerk, laden freundlich zu Gaste. Wilde Bergwasser rauschen und

verschwinden zwischen den steilen Wänden des Auresgebirges, das, breit

und wuchtig dahingelagert, jedes weitere Vorwärtsdringen auszuschließen

scheint. Aber es scheint nur so, denn unser Zug findet seinen Weg durch

den Spalt, den die Natur geschaffen und den der Strom in ungezählten

Jahren immer tiefer ausgefressen hat, durch die düstere Schlucht von

El-Kantara, und trägt uns in wenigen Sekunden hinaus in das mit solcher

Ungeduld Erwartete, in das Wunderbare, in eine andere Welt.

Etwas benommen schließt man im ersten Moment die Augen vor der

blendenden Helle, und wie um das große Erlebnis noch ein wenig zu

verzögern, haftet der Blick zuerst an dem üppig grünen Eiland, das sich

hier an den Saum der Wüste geflüchtet hat. Tausende und Abertausende

von herrlichen Palmbäumen stehen dichtgedrängt. So nahe sind sich

ihre Kronen, daß man glaubt, darüber hinwegschreiten zu können. Wohin

man blickt, ein Wachsen und Sprießen. Dank den Wassern des Oued

Kantara, die in vielen kleinen Rinnsalen durch das Gelände geleitet

sind, herrscht eine fast übertriebene Fruchtbarkeit. In das saftige

Grün gebettet und um die Insel herum, wie Perlen eines Rosenkranzes

aneinandergereiht, liegen fensterlose Lehmhütten mit flachen Dächern,

in jeder Hinsicht völlig anderen Charakters als alles, was wir bis

dahin gesehen hatten.

Und nun von diesem lieblichen Bilde hinweg wagt man hinauszuschauen in

die unter glühender Sonne sich dehnende Sahara. Ist es die Wüste, wie

wir sie uns als Kind nach Märchenerzählungen vorgestellt haben, wie

sie uns nach Begebenheiten aus der Bibel nahegebracht, wie wir sie in

Romanen geschildert fanden? Etwas von alledem und doch anders!

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste · 第 3 / 11 段