Der Junge führte uns in eines der ersten Häuser am Eingange des Dorfes.

Es war für kabylische Verhältnisse ein ziemlich großes Haus, vier

langgestreckte flache Hütten um einen offenen Hof herumgebaut. Die

erste, durch die wir hindurch mußten, um in das Innere zu gelangen,

diente als Scheune. Wir durchquerten dann den Hof und befanden uns nun

im Innern einer Wohnhütte. Die Einrichtung primitiv zu nennen, ist noch

viel zu viel gesagt. Vier nackte, niedrige, fensterlose Lehmwände.

In einer Ecke ein kleiner Aufbau, in dem die Krüge, die Wasser und

Öl enthalten, versenkt werden, um den Inhalt kühl zu halten, und in

der Mitte des Fußbodens, der aus festgestampftem Lehm besteht, eine

kleine Feuergrube, über der gerade der Kuskuskessel dampfte. Der Rauch

zieht durch die Ritzen und die Türe ab. Das Innere der Hütte ist

durch eine halbhohe, sehr breite Mauer, die zugleich dem Hausherrn

als Schlafstätte dient, in zwei Teile geteilt. Die zweite, etwa einen

Fuß niedriger gelegene Hälfte gehört dem Vieh, das im Winter gleich

die Wärme für den Wohnraum abgibt. Aber alle Tiere -- Kühe, Ziegen,

Maulesel -- müssen durch die Hütte und gelangen erst dann mit einer

feinen Schwenkung nach rechts in ihr Abteil. Eine Wiege, die in der

Form etwa einer an einem Querstock aufgehängten Futterkrippe gleicht,

war das einzige Mobiliarstück.

Man sitzt, liegt und schläft auf dem Boden, den man in der Nacht

mit einfachen Matten bedeckt. Einige Kochtöpfe, die hölzerne

Kuskusschüssel, ein Sieb und eine Handmühle, um das Getreide zu mahlen,

bilden die ganze Küchenausstattung. -- Als wir in die Hütte eintraten,

beherbergte sie niemand weiter als eine junge Frau, die mit einem

Säugling im Schoß neben dem schwelenden Feuer hockte. Der Junge stellte

sie uns als seine Mutter vor. Auf die Frage, wie alt die Mutter sei,

erhob er entsetzt beide Hände gegen uns, als ob er was Böses abwehren

müßte, und erwiderte ganz empört, das wüßte er nicht. Es war uns damals

noch unbekannt, daß es den Kindern der Kabylen wie denen der Araber

streng verboten ist, nach dem Alter ihrer Eltern zu fragen.

In wenigen Minuten hatten wir eine ganze Schar Kinder und Erwachsener

um uns versammelt. Mit großer Dreistigkeit umdrängten sie uns,

befühlten unsere Kleidung von oben bis unten, und die schmutzigen

Händchen der Kinder tauchten mit großer Geschicklichkeit in jede

auffindbare Tasche. Die Frauen waren entzückt von den großen

Automobilschleiern und ließen wie liebkosend die Hände darüber gleiten,

und eine von ihnen begeisterte sich an einem Brillantring, den ich

trug. Sie bestand darauf, daß sie ihn einmal auf ihren Finger ziehen

durfte, ließ ihn immer wieder im matten Schein des Feuers aufleuchten

und konnte sich nur mit Mühe davon trennen.

Alles, was um uns war, gehörte zur Familie und bewohnte die anderen

Hütten, die sich um den Hof schlossen. Dem Kabylen ist Vielweiberei

erlaubt, und der Besitzer des Hofes war zufällig vermögend genug, um

sich mehrere Frauen zu gleicher Zeit leisten zu können. Sonst weiß

sich der Kabyle, der sich eine Frau zulegt wie ein Stück Vieh, indem

er nämlich den Kaufpreis erlegt, so zu helfen, daß er eine Frau nach

der anderen nimmt. Der höchste Preis, der für eine Frau erlegt wird,

ist etwa tausend Franken. Doch ist manchmal eine solche auch schon für

fünfzig Franken erhältlich. Die Summe, die am häufigsten gezahlt wird,

ist etwa dreihundert Franken. Gefällt die Frau ihrem Manne nicht mehr,

so behandelt er sie so schlecht, daß sie von selbst geht, oder er sucht

und findet gewöhnlich auch einen Vorwand, unter dem er sie wieder zu

ihren Angehörigen zurückschicken kann. Bekommt sie keine Kinder, so ist

dies ebenfalls ein Grund, sich von ihr zu trennen. Kein Wunder, daß bei

solchen Erfahrungen die Frauen aus dem Erstaunen nicht herauskamen, als

sie auf ihre Fragen erfuhren, wie lange wir verheiratet waren und daß

wir keine Kinder hätten.

»Und der Mann lebt noch mit Ihnen, hat Sie noch nicht fortgeschickt?«

Wir verstanden die Worte nicht, die sie sprachen, aber man konnte sie

ihnen deutlich vom Gesicht ablesen, noch ehe sie uns übersetzt wurden.

Manchmal behält der Mann auch die Frau, die er nicht mehr mag, im

Hause, und sie darf dann alle schmutzigen und schweren Arbeiten

verrichten und zusehen, wie er eine Jüngere und Hübschere an ihren

Platz setzt.

Wir hatten unseren kleinen Führer gefragt, ob man im Dorfe wohl

irgendein Schmuckstück kaufen könnte. Allem Anschein nach hatte er

dies berichtet, denn nun kam eine Frau -- nicht die junge und schöne

Favoritin, sondern eine der älteren -- und bot ihre Ohrringe zum

Verkauf an mit einer Bewegung, die verständlich genug ausdrückte,

daß ihre Zeit vorbei sei und sie des Schmuckes nicht mehr bedürfe.

Der Kauf war bald abgeschlossen, und eben verhandelten wir über ein

Paar Agraffen, die sie ebenfalls losschlagen wollte, als der blasse

Schrecken in die ganze Versammlung fuhr. Die Kinder stoben auseinander

und verschwanden in den verschiedenen Hütten. Die Frauen verstummten,

und selbst unserem ziemlich redseligen Cicerone blieb das Wort im Munde

stecken. Wir folgten der Richtung ihrer Blicke und wußten, daß dies nur

der Herr des Hauses sein konnte, der da über den Hof geschritten kam,

ehe der Junge uns zuflüsterte: »C'est mon père!« Eine Erscheinung von

antiker Größe in Haltung, Gang und Ausdruck. In seinen Augen loderte

die helle Empörung. Kein Wunder, daß die Frauen davonschlichen wie

geprügelte Hunde. Selbst uns wurde etwas unheimlich zumute bei seinem

Anblick. Mit kurzem Gruß schritt er an uns vorüber ins Haus hinein,

seine Tiere hinter ihm her.

»Ich werde Sie jetzt noch etwas weiter im Dorf herumführen,« sagte der

vielversprechende Sproß des Hauses. »Vater sieht Besuch nicht gern.«

Das wußte er aber zuvor auch schon, daß Vater Besuch nicht gerne sah,

denn wenn der Kabyle auch keinem Fremden den Eintritt in seine Hütte

verweigert, so macht er doch die Bedingung, daß Besuch nur dann ins

Haus darf, wenn er vorher angemeldet ist und er selbst da sein kann, um

ihn zu empfangen.

Wir kletterten weiter in das Dorf hinab in das Gewirr von Hütten,

die sich innen und außen zum Verwechseln ähnlich sahen. Völlig

ausgestorben lagen sie da, als wir uns näherten. Aber als ob man in

ein Wespennest gestoßen, so kam es nun aus all den dunkeln Ecken und

Löchern herausgeschwärmt: kleine, schmutzige, bildhübsche Mädchen, bis

auf den Schmuck genau gekleidet wie ihre Mütter, ebenso dreckige Buben

mit intelligenten Gesichtern und dem kahlgeschorenen Kopf, auf dem nur

in der Mitte der schwarze Haarbüschel wippte, Frauen, jung und alt,

umringten uns, hingen sich an uns, alle von dem einen Wunsche beseelt,

Backschisch zu erlangen.

Die Frauen, deren jugendliches Aussehen leider selten länger als

bis zum zwanzigsten Jahre währt, sind von fesselnder Schönheit. Die

Gesichter zeigen etwas große, energische, dabei nicht unfeine Züge mit

lebhaften Augen, in denen eine kaum unterdrückte Wildheit flackert. Ihr

Anzug -- Melhalfa genannt -- ist von geradezu genialer Einfachheit.

Er besteht aus zwei Stücken Stoff, Kattun oder Musselin, meist von

dunkler Farbe. Aber auch Rot und Orange wird getragen. Das eine Stück

wird für vorne, das andere für hinten gebraucht, das hintere dann

über die Schultern herübergezogen und rechts und links auf der Brust

mit großen eigenartigen Agraffen festgehalten, die wie die meisten

Schmuckstücke aus Silber hergestellt und mit bunter Emaille ausgelegt

sind. Um die Taille eine Kordel oder ein schmales Stück Stoff, das als

Gürtel fungiert. Aus dem offenen Spalt zu beiden Seiten treten die

nackten Arme hervor. Von Schuhen und Strümpfen keine Spur. Um den Kopf

mit den dunkeln Haaren schlingt sich, kokett arrangiert, ein schwarzes

oder buntgerändertes Tuch. An der Art, wie dies getragen wird, auch

an den Schmucksachen läßt sich erkennen, ob eine Frau verheiratet

ist oder nicht. Für Schmucksachen, die mit zur Kleidung gehören und

immer getragen werden, haben die Kabylinnen eine große Vorliebe. Sie

behängen sich mit Ohrringen, die bis auf die Schultern reichen, und

ungezählte Silberspangen klirren an den schlanken, feingeformten Arm-

und Beingelenken.

Alle Frauen sind tätowiert auf Stirn, Wangen und Händen, und häufig

tragen die Angehörigen eines Stammes dasselbe Muster.

Von den Frauen wird verlangt, daß sie das Weben verstehen, um die

Burnusse für Mann und Söhne herstellen zu können. Es dauert Monate, ehe

sie einen solchen fertigbringen. Dafür hält er aber auch ungezählte

Jahre. Nachdem wird er bei den Ärmsten geflickt und wieder geflickt,

bis vom Original nicht das kleinste Fleckchen mehr daran ist, und wir

haben einige Exemplare gesehen, bei denen wir uns verwundert fragten,

durch welches Kunststück sie überhaupt noch zusammengehalten wurden.

Ebensoviel Wert, wie auf das Weben, legt der Mann darauf, daß die

Frau einen guten Kuskus zubereiten kann. Ja, man sagt, der Preis

für eine Frau wäre um so höher, je besser sie damit umzugehen weiß.

Kein Wunder, denn der Kuskus ist das Gericht, von dem der Kabyle des

Morgens, Mittags und des Abends lebt. Vom ersten Tage des Jahres bis

zum letzten. Von seiner Kindheit bis zu seinem seligen Ende.

Stunde um Stunde verbringt die Frau täglich damit, den Kuskus

herzustellen. Auf dem Boden hockend, nimmt sie eine große flache

Holzschüssel zwischen die Knie, wirft eine Handvoll Grieß hinein, der

für die wenigen Reichen aus Weizen, für die Armen jedoch aus Gerste

hergestellt wird, tut einige Tropfen Wasser darauf und rührt sie mit

der flachen Hand, bis sich die Masse zu kleinen Knötchen formt. So

geht das weiter, bis eine Menge davon fertig ist. Dann schüttet sie

alles in ein Sieb. Was in gleichmäßig großen Klümpchen durchfällt, ist

gut, das übrige wird von neuem geknetet und dieselbe Prozedur wieder

vorgenommen. So geschickt dies auch gemacht wird, sehr appetitlich

sieht es nicht aus, da die Hände in bezug auf Sauberkeit doch manches

zu wünschen übrig lassen.

Das richtige Rezept für den Kuskus verlangt nun, daß diese Klümpchen

in einem Sieb auf einen Topf gestellt werden, in dem ein tüchtiges

Stück Hammelfleisch zusammen mit allerhand grünen Gemüsen und kräftigen

Zutaten kocht. Darin bleiben sie so lange, bis sie durch den Dampf gar

geworden sind. Das Gericht, so zubereitet, ist sehr leicht und schmeckt

delikat. Der arme Kabyle aber, der während des ganzen Jahres vielleicht

nur dreimal Fleisch im Topfe sieht, kann den Kuskus nur über purem

Wasserdampf aufquellen. Um ihm Geschmack zu geben, ißt er ihn mit sehr

scharfen Saucen.

Eine Frau, in deren Hütte wir uns mit unserem kleinen Führer längere

Zeit über den Kuskustopf unterhielten, bot uns etwas davon zum

Kosten an und machte ein sehr verwundertes Gesicht, daß wir ihre

Freundlichkeit so energisch abwehrten.

Als wir den Rückweg nach dem Hotel antraten, war die Sonne bereits

hinter den Bergen verschwunden. Nur hoch oben auf einer stolzen

Bergeszinne lag noch ein Abglanz ihres königlichen Lichts. Mit jedem

Schritt, den wir aufwärts stiegen, versank das Dorf tiefer hinter uns.

Kein Lichtpunkt bezeichnete seine Lage, und nach ganz kurzer Zeit

war es wie in den Boden gesunken, in der überraschend schnell sich

einstellenden Dunkelheit der Farbe der Berge gleich.

Aber was wir da gesehen, gehört und beobachtet hatten an

Anspruchslosigkeit, an Armut und Unwissenheit, war tief in die

Erinnerung eingegraben.

[Illustration: Kabylenschule]

Von Michelet nach Bougie

Schon früh am nächsten Tage holte uns die Sonne heraus, um das seltsame

Bild zu bewundern, das sich unter ihren Strahlen entwickelte. Langsam

nahm sie dem Djurdjura die duftigen Morgenschleier ab und enthüllte

seine Formen in all ihrer wilden Schönheit und Größe. Über Nacht

schienen rundherum die Dörfer aus dem Boden gesprossen zu sein. Am

Abend zuvor hatten wir nur zwei oder drei entdeckt, jetzt hingen nah

und fern so und so viele an den Hängen, krochen auf den Graten entlang,

schmiegten sich in düstere Bergfalten. Schmale, steile Fußpfade, die

eigentlich nur für Maulesel, Ziegen und Kabylen gut gangbar sind,

verbinden diese Dörfer miteinander.

Wir hatten gehofft, von Michelet aus den Ausflug auf den Lella Khedidja

machen zu können, dessen Gipfel einen herrlichen Ausblick über die

ganze Kabylie ermöglicht. Aber man stellte uns dies im Hotel als

absolut unausführbar hin. Vor der völligen Schneeschmelze, die erst

Ende Mai eintritt, könnte eine Besteigung nicht unternommen werden.

So mußten wir ziemlich enttäuscht auf diese vielversprechende Tour

verzichten.

Gerade als wir uns zur Abfahrt rüsteten, passierte ein Kaid Michelet,

ein alter Mann mit interessantem graubärtigen Kopfe. Stolz wie ein

König saß er auf seinem abgetriebenen Maulesel; auf der Brust, an

den leidlich reinen Burnus geheftet, flimmerten ein paar bunte Orden

in der Sonne. Das ist auch so ziemlich alles, was ihm von seiner

früheren Herrlichkeit als Chef seines Stammes geblieben ist. Er wird

ebenso wie der Amin[1] und der Tamen,[2] die unter ihm stehen, von

der französischen Regierung zu seinem Posten ernannt. Sie alle sind

heute nichts weiter als deren Angestellte und haben die Vorschriften

zu erfüllen, die ihnen gemacht werden. Dem Kaid steht das Amt zu, die

Aminen zu beaufsichtigen, und außerdem hat er das Eintreiben der

Steuern zu besorgen, wofür er als Entgelt 10 Prozent erhält.

[1] Amin -- eine Art Bürgermeister.

[2] Tamen -- Gehilfe des Bürgermeisters.

Die Kabylen sind Demokraten vom reinsten Wasser, und es gibt nur wenige

Rassen, die es ihnen in der praktischen Ausübung des demokratischen

Prinzips gleichtun. Vor der Eroberung durch die Franzosen bildete

jedes Dorf eine kleine Republik für sich, in der das System des

Selbstregierens auf das radikalste angewandt wurde. Die Gesetzgebung

ging von der Dschema[3] aus, und jeder Mann, der majorenn geworden,

war zum Erscheinen und zum Mitstimmen berechtigt. In Wirklichkeit

bestand sie aber, einer alten Sitte gemäß, nur aus den angesehensten

und erfahrensten Männern des Ortes. Diese Dschema, die sich ihren Amin

jedes Jahr selbst wählte, besaß absolute Gewalt: sie machte Gesetze,

entschied über Frieden oder Krieg, setzte die Steuern fest und saß zu

Gericht.

[3] Dschema -- Gemeinderat.

Da der Kabyle von seinen Vorvätern, den Berbern, den Hang zum

Kämpfeführen ererbt hat und die benachbarten Orte immer miteinander

im Streit lagen, ja selbst die Dörfler unter sich immer in Parteien

gespalten waren, da außerdem durch das ungewöhnlich dichte

Zusammenleben -- man zählt in der Großen Kabylie allein über 500000

Seelen -- Reibereien nicht ausbleiben konnten, war die Aufgabe der

Dschema keine geringe.

Wenn nun unter der französischen Regierung auch die Formen dieser alten

politischen Einrichtungen beibehalten wurden, so steht deren Gewalt in

den hauptsächlichsten Dingen jetzt doch nur noch auf dem Papier.

Die Franzosen konnten dem Kabylen die regierende Macht entwinden,

aber ihn ändern konnten sie nicht: eigensinnig verharrt er in seinen

hergebrachten Ideen und sträubt sich hartnäckig gegen jeden neuen

Gedanken, den man ihm aufdrängen möchte. Jeder Bildungsmöglichkeit geht

er weit aus dem Wege. Wie arm und reich denselben Burnus trägt, so daß

sie äußerlich nicht zu unterscheiden sind, wie alle in den gleichen

ärmlichen Hütten wohnen, dieselbe magere Kost genießen, so ist auch

einer so unwissend wie der andere und will es sein. Für ein Mädchen

halten sie eine europäische Ausbildung direkt für ein Unglück, und wohl

mit Recht, da sich dann kaum noch ein Kabyle findet, der sie zur Frau

nimmt.

Ein Schulzwang existiert nicht. Wenn trotzdem mancher Vater seinen Sohn

zur Schule schickt, so geschieht das nicht, damit er sich französische

Bildung aneigne oder damit er in französischen Geist eingeweiht werde,

sondern es ist nichts weiter als eine Spekulation. Man hofft nämlich,

daß er dann später eine Anstellung in der französischen Verwaltung

findet.

Auch an der Blutrache hält der Kabyle fest wie an einem alten Recht,

und die Streitigkeiten, die früher offen, jetzt bei der strengen

Aufsicht der Franzosen heimlich ausgefochten werden, kosten vielen

tüchtigen Männern das Leben. Dabei gelingt es dem französischen Gericht

nur in den seltensten Fällen, den Täter zu ermitteln oder zu fassen,

trotzdem dieser gewöhnlich dem ganzen Dorfe wohlbekannt ist.

Es ist begreiflich, daß ein solch demokratisches und zugleich in seinen

Sitten so konservatives Volk sich nirgendwo anders wohlfühlen kann als

im eigenen Lande und mit leidenschaftlicher Liebe an seiner Heimat

hängt. Wer nur irgend kann, bleibt zu Hause. Die Viehzucht und der zu

einer wahren Kunst entwickelte Ackerbau ernähren wohl eine große Anzahl

der Eingeborenen, und die Verfertigung von Schmucksachen, die in Form

und Muster wenig wechseln, aber unbestreitbar von originellem Charakter

sind, sowie die Herstellung von Töpferwaren sind zwei blühende

Erwerbszweige. Aber für das Auskommen der Gesamtheit reicht es trotz

der geringen Lebensansprüche doch noch immer nicht. Und so suchen sich

alljährlich viele Männer Arbeit bei den Kolonisten, oder sie wandern in

die Städte bis nach Tunis hinunter, wo sie sich als Lastträger oder in

irgendeiner anderen untergeordneten Stellung ihr Brot verdienen. Jeder

Sou wird zurückgelegt, um so bald als möglich mit dem Ersparten wieder

in die Heimat zurückkehren zu können, wo dann gewöhnlich ein Stückchen

Land dafür gekauft wird, oft auch nur ein paar Bäume, die auf dem Acker

eines anderen stehen, oder ein paar Äste auf einem Baum, der wiederum

einem anderen gehört.

So wenig dies auch ist, es ist Heimat, bindet sie an die Heimat und

läßt sie leichter vergessen, was eine fremde Oberherrschaft ihnen

genommen, wie die bunten Eitelkeitspflästerchen auf dem Burnus des

alten Kaid diesen darüber hinwegtäuschen helfen, daß seine wirkliche

Macht geschwunden ist.

Über Azazga nach Bougie

Nach einer herzlichen Verabschiedung von unseren Wirten, die uns viel

Interessantes aus ihren langjährigen Erfahrungen in diesem eigenartigen

Lande zum besten gegeben hatten, machten wir uns wieder auf die Reise.

Die Fahrt sollte nun weiter nach Azazga gehen.

Da ein Teil des ursprünglich vorgesehenen Weges nicht befahrbar war,

mußten wir wieder ein ganzes Stück in der Richtung nach dem Fort

National zurück. Dann bogen wir rechts ab, kamen, in überraschender

Schnelligkeit von einer Berglehne auf die andere übergehend, durch

verschiedene der Dörfer, die wir am vorhergegangenen Tage von der

Festung aus gesehen hatten, und ließen nach einiger Zeit den gewaltigen

Djurdjura im Rücken.

In nahezu horizontaler Richtung führte die ausgezeichnet gehaltene

Straße an unaufhörlich wechselnden Bildern vorüber. Von mancher

Bergeshöhe herab grüßte der kleine weiße Kuppelbau, der das Grab

irgendeines Marabuts beherbergte. Wie der Araber bekennt sich auch der

Kabyle zum Islam, ohne jedoch dessen Vorschriften sehr gewissenhaft

zu befolgen. Seine Marabuts, die in der Kabylie diese hohe Stellung

nur durch Geburtsrecht erhalten können, verehrt er wie Heilige, und

der Einfluß dieser frommen, manchmal sehr weisen Männer ist auch noch

heutigestags ein ganz gewaltiger.

Als wir wieder einmal auf einer freien, lichten Höhe angelangt waren,

zeigte uns der Chauffeur in weiter Ferne einen langen, dichtbewaldeten

Höhenzug.

»Dort hinüber müssen wir heute noch, um Bougie zu erreichen,« sagte er.

Bougie sollte das Endziel des Tages sein. Wir hielten es kaum für

möglich, eine solche Strecke in wenigen Stunden zurücklegen zu können.

Und doch ging alles programmäßig vor sich.

Die Gegend, die wir nun durchfuhren, war wenig kultiviert und fast

völlig unbewohnt und bildete dadurch einen schroffen Gegensatz zu dem

Teil des Landes, den wir bereits kennen gelernt hatten.

Von Taka an fiel der Weg ab in das große unfruchtbare Tal des Sebaou.

Eine hohe massive Eisenbrücke, vor noch nicht allzu langer Zeit von den

Franzosen erbaut, führte über das breite, arg versandete Flußbett. Dann

stieg die Straße am anderen Ufer zwischen grünen Wiesen wieder hinan,

und kurze Zeit darauf fuhren wir in Azazga ein.

Auf einer kleinen Hochebene breitet sich das Dorf aus, völlig

französisch in seiner Art: gut gehaltene, mit schattigen Bäumen

bepflanzte Straßen, Rathaus und Schule, Post- und Gendarmeriegebäude,

sogar der öffentliche Platz mit dem üblichen Denkmal fehlt nicht, und

zwei Hotels sind vorhanden. So echt wie möglich hat man alles aus der

Heimat hierher verpflanzt. Aber man fühlt, es kommt sich verloren und

unbehaglich vor in diesem fremdartigen Lande und zwischen dem noch viel

fremdartigeren Volke.

Nachdem wir das Dorf mit seinen wenigen Merkwürdigkeiten besichtigt,

in einem der Hotels unser Mittagsmahl eingenommen und einen Kabylen

in seiner tristen Hütte bei der primitiven, aber außerordentlich

geschickten Herstellung einer Art Krapfen, die er zum Verkauf

bereitete, eine Weile bewundert hatten, setzten wir unsere Fahrt in

östlicher Richtung fort.

Nun sollte es in die großen geheimnisvollen Wälder hineingehen, die

sich zwischen Azazga und dem im Tal des Oued[4] Sahel gelegenen

El-Kseur hinziehen. Es waren dieselben Wälder, die uns am frühen

Morgen aus weiter Ferne bereits gegrüßt hatten. Niedriges Gestrüpp

drängt sich neugierig bis nahe an das Dorf heran. Aber bald sind wir

mittendrin im herrlichen Wald von Yacouren, in dessen dunkler Tiefe

ein feierliches Schweigen webt. An sanft abfallender Berglehne entlang

zieht sich der Weg, den man durch diese Wildnis gebahnt hat. Meilen-

und meilenweit nichts als Eichen! Hundertjährige Veteranen in voller

Kraft und Frische. Die gewaltigen Stämme werden von Schlinggewächsen

fast erstickt. Desto freier und mächtiger dehnen sich die königlichen

Kronen und vereinigen ihre Zweige zu einem kühlen, schattenspendenden

Baldachin. Kein Laut eines lebenden Wesens drang an unser Ohr. Nichts

erblickten wir als hin und wieder ein Vögelchen, das erschrocken

über unsere Köpfe hinweghuschte. Und doch sollen in diesem fast

undurchdringlichen Dickicht Eber und Schakale, Panther und Affen in

Menge ihr Wesen treiben.

[4] Fluß.

Aus der traumhaft grünen Dämmerung tiefer Schluchten ging es wieder

hinauf auf sonnenbeglänzte Halden. Der Chauffeur zeigte uns die Stelle,

wo vor noch nicht allzu langer Zeit ein Panther erlegt worden war.

Suchend wanderten unsere Augen: vielleicht war uns das Glück hold und

sandte uns eines dieser prächtigen Raubtiere über den Weg. Aber so oft

man dachte, etwas erspäht zu haben, stellte es sich heraus, daß es nur

ein buntgestreifter Felsen war, den einmal ein Sturmwind von der Höhe

herabgeweht hatte. Oben aber im klaren Äther zeigte sich Leben. Da

zogen fahlbraune Geier und raubgierige Bussarde, die durch die lebhafte

Zeichnung des Gefieders wie Riesenschmetterlinge aussahen, ihre stolzen

Kreise.

Von schattenloser Bergspitze mit herrlichem Rundblick, an unsagbar

tristen Dörfern vorüber, die noch viel ärmlicher aussahen als jene um

das Fort National herum, ging es wieder hinein in den nicht minder

faszinierenden, jungfräulichen Wald von Akfadou. Hier fesselte eine

neue Eichenart unser Interesse: viel heller als bei unseren deutschen

Eichen schimmerten die Stämme, und die Rückseite der Blätter gleißte

wie in flüssiges Silber getaucht, wenn ein Lüftchen sie bewegte oder

ein verirrter Sonnenstrahl darüber huschte. Auch hier, wie im Walde von

Yacouren, üppigste Vegetation, verzaubertes, geheimnisvollstes Leben,

in das das Surren unserer Maschine wie eine profane Entweihung klang.

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste · 第 2 / 11 段