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IM LAND DES LICHTS
[Illustration: In der Oase Chetma]
IM LAND DES LICHTS
Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste
von
THEA WOLF
Mit 64 Bildtafeln und einer Karte
[Illustration]
Stuttgart und Berlin
Deutsche Verlags-Anstalt
1913
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
vorbehalten
Copyright 1912
by Deutsche Verlags-Anstalt,
Stuttgart
Druck der
Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Papier von der Papierfabrik Salach
in Salach, Württemberg
MEINEM LIEBEN WEGGENOSSEN
ZUGEEIGNET
An einem grauen, tristen Februartage brachte uns das gehetzte Dampfroß
aus der Stadt des Kaisers nach Marseille an die Pforte, die in den
geheimnisvollen Orient führt. Aus Kälte, Schnee und Eis waren wir
plötzlich in den Frühling versetzt, unter einen tiefblauen Himmel, in
eine köstlich warme Sonne, und ein echter Frühlingssturm war gerade
dabei, seine unbändige Riesenkraft zu erproben.
In Marseille sein und die berühmte Kathedrale »Notre-Dame de la Garde«
nicht besuchen, wäre ungefähr dasselbe, wie in Rom weilen, ohne den
Papst zu sehen.
Der Aufzug, der an einer senkrechten Felsenwand hinaufklettert,
brachte uns auf die Spitze der Klippen. Aber seinen schützenden vier
Wänden entronnen, war man nur noch ein Spiel des Windes. Mit größter
Anstrengung kämpften wir uns das letzte Stückchen hinauf bis zum
massiven, allen Stürmen trotzenden Gotteshause. Hui, wie da der Wind
fauchte, jauchzte, triumphierte! Um dem wilden Sturmgesellen den
Eingang zu verwehren, waren alle großen Pforten fest verschlossen,
nur auf Umwegen durch ein kleines, fast verborgenes Türchen gelangte
man in das Innere. Leer und verödet lag das nach Weihrauch duftende
Kirchenschiff. Der junge, starke Frühling draußen hielt ihm die vielen
frommen Beter fern, die mit ihrem Leid und ihrer Trübsal sonst so
vertrauensvoll hierhin zur heiligen Gnadenmutter pilgern.
Mit wildem Freudengebraus empfing uns der Sturm, als wir uns wieder
hinaus ins Freie wagten, und trieb uns atemlos vor sich her. Kein
Wehren half. Hatte einer von uns wohl Zeit gefunden, hinunter in die
Tiefe zu schauen, wo die gewaltig aufgepeitschten Wellen an den weißen
scharfen Klippen zu Schaum zerstoben, hinaus auf das schwarzblaue
Meer, das in hohen dampfenden Wogen heranrollte?
»Das mag keine sehr bequeme Überfahrt werden,« bemerkte einer, als wir,
zwischen den vier Wänden des Aufzugs angekommen, wieder Luft schnappen
konnten.
Nein, gewiß nicht. Und wir wünschten, der herrliche Frühlingssturm
hätte an dem Tage gerade ein Gastspiel auf dem Mars gegeben, oder wenn
es schon bei uns sein mußte, dann doch lieber einen Tag später.
[Illustration: Gasse in der Kasba (Algier)]
An Bord des »Charles Roux«
Wir hatten ihn gewählt, weil er uns als der beste und schnellste
Dampfer der ganzen Linie bezeichnet worden war. Nur wenige Passagiere
fanden sich ein. Das überraschte uns nicht, denn im Hotel und von
den Gepäckträgern hatten wir bereits erfahren, daß eine ganze Anzahl
Reisender des Wetters wegen ihre Fahrt verschoben hätten. Die
Erinnerung an das schreckliche Ende des »General Chancy«, der wenige
Tage vorher auf dem Wege nach Algier mit Mann und Maus untergegangen
war, wirkte noch lähmend nach. Auch dem Kapitän und den Matrosen schien
der Frühlingssturm in den Gliedern zu liegen: der eine schrie, die
anderen schimpften, und nirgends konnte man etwas von der ruhigen und
besonnenen Art bemerken, die auf deutschen und englischen Schiffen so
angenehm berührt.
Hätten wir nicht auch lieber warten sollen, bis sich der Sturm gelegt
hatte? Aber während wir noch über die Frage debattierten, war die
letzte Fessel, die das Boot an der Kaimauer festhielt, gefallen, und
ein kleiner, keuchender, wüst aussehender Schlepper bugsierte unser
Schiff aus dem Hafen. Nach kurzer Zeit schon hatten die über das Deck
sich ergießenden Sturzwellen auch den Mutigsten in das Innere des
Schiffes getrieben. Die Hoffnung, daß der Sturm gegen Abend abflauen
würde, wie es ja häufig der Fall ist, erfüllte sich nicht. Je näher
die Nacht kam, desto wilder gebärdete sich das Meer. Es hob unser
armes Boot auf den Gipfel der höchsten Welle und warf es erbarmungslos
hinunter in die Tiefe, daß es in allen Fugen krachte und schauerlich
ächzte und stöhnte. Wie ausgestorben war das Innere. Nicht das
geringste Zeichen eines menschlichen Wesens. Selbst der Steward schien
verschwunden -- kein Klingelruf brachte ihn herbei. Aber schließlich
ging auch diese Nacht voll Qual und Schrecken vorüber, und eine
strahlende Morgensonne grüßte uns.
Gegen Mittag tauchten die Bergspitzen von Algier in blauer Ferne auf.
Welche Freude dieser Anblick in all den armen Reisenden auslöste,
deren Gesichter noch deutlich die Spuren der überstandenen Qualen
zeigten!
Je mehr wir uns dem neuen, unbekannten, fremdartigen Erdteil näherten,
desto herrlicher entwickelte sich das Bild. Im Vordergrunde das
türkisblaue Meer, an den Abhang des Berges geschmiegt, dessen Fuß im
Meere steht, die marmorweiße Stadt, und rechts und links, soweit das
Auge reichte, grünende Hügel und sanftlila schimmernde Bergkuppen. Als
Baldachin ein Himmel von einer ganz unwahrscheinlichen Bläue und eine
Sonne, ach! eine Sonne, die nur _der_ völlig zu würdigen weiß, der
gerade fünf Monate nordischen Winters hinter sich hat. Und welch ein
Farbengemisch, welch ein buntbelebtes Bild auf dem Kai! Vom hellsten
Braun bis zum tiefsten Schwarz sind alle Rassen vertreten. Schlanke,
geschmeidige Gestalten, die mit affenartiger Geschicklichkeit aufs
Schiff klettern und, ehe man sich versieht, mit dem Gepäck auf und
davon sind.
Der Zoll wird nur gelinde gehandhabt. Auf frische Blumen aber wird
streng gefahndet, und schon sollte ich für den Veilchenstrauß, mit dem
ich mich geschmückt hatte, die nötigen Abgaben entrichten, als man
entdeckte, daß er nur ein Kunstprodukt war, und wir wurden mit einer
Entschuldigung entlassen. Ich glaubte zu bemerken, daß meine Veilchen
vor lauter Freude erröteten -- wie schön mußten sie sein, daß selbst
das scharfe Auge eines Zollbeamten sie mit ihren echten Schwestern
verwechselte!
Um ein Uhr, also vierundzwanzig Stunden nach der Abfahrt von Marseille,
standen wir staunend und entdeckungsfreudig auf afrikanischem Boden.
[Illustration: Frauen aus dem Volke in Algier]
Algier
Bekannt und doch fremd mutet diese afrikanische Stadt einen beim ersten
Beschauen an. Da sind breite, wohlgepflegte Straßen, von Feigen-
und Eukalyptusbäumen beschattet. Elektrische Bahnen vermitteln den
Verkehr, in den Auslagen der Läden prangen die letzten Erzeugnisse der
europäischen Mode, die Firmenschilder tragen fast durchweg französische
Namen. Elegante Automobile flitzen dahin, und Radler jagen mit ihnen
um die Wette -- das alles könnte ebensogut in Paris sein. Aber die
Atmosphäre ist eine andere, grundverschiedene. Es schwebt ein Duft
in der Luft, den man nie und nimmer mit dem Parfüm eines Pariser
Boulevards verwechseln würde.
Und erst die verschiedenen Menschen, die dieses Straßenbild beleben! Da
schreiten gemächlichen Schrittes zwischen den dahineilenden lebhaften
Franzosen die hohen Gestalten der Araber, beturbant und beburnust.
Neben ihren Eselsfuhrwerken marschieren mit ernsten Gesichtern die
sehnigen Kabylen. Araberinnen, jedoch nur Frauen niederen Standes,
wandern zwischen den Passanten. Von Kopf bis Fuß in weite leinene
Gewänder gehüllt, gleichen sie weißen wandelnden Wäschebündeln. Kein
Fleckchen des Körpers ist unbedeckt, nur ein dunkles Auge lugt zwischen
dem geschickt gerafften großen Kopfschal hervor.
Auf dem belebten Stadtplatz, wo stolze Palmen und gigantische
Bambussträucher ihre Blätter im Winde wiegen, tritt das afrikanische
Element stark in die Erscheinung und bietet dem europäischen Fremdling
ein neues, fesselndes Bild. In der prallen Sonne fühlen sie sich zu
Hause, diese braunen und schwarzen Söhne des Landes, stehen in Gruppen
behaglich plaudernd, liegen auf der blanken Erde zum Dominospiel oder
zusammengekauert zu einem köstlichen Schläfchen.
Den modernen Teil der Stadt kann man gut und bequem allein
durchstreifen. Die Richtung nach der Rue Bab-Azoun, der fashionabelsten
Geschäftsstraße Algiers, ist nicht zu verfehlen, und die öffentlichen
Gebäude von größerem Interesse, wie der in wundervollem maurischem
Stil erbaute Palast des Erzbischofs, früher die Residenz einer
Sultanstochter, die Bibliothek, einstmals der Palast von Mustapha
Pascha, und einige andere durch Kunst oder Geschichte berühmte Bauten,
sind leicht zu finden. Um aber den alten Teil, die Kasba, die sich
von der halben Höhe des Berges bis zur Spitze hinaufzieht, kennen zu
lernen, ist es geratener, einen Führer zu nehmen.
Was ist das doch für ein Labyrinth von steilen Stiegen und
wunderlichen, abschüssigen Gäßchen! Und was für eine Ruhe, welch
befremdendes Schweigen liegt darüber! Nicht einmal Kinderstimmen
sind vernehmbar. Stumm schreiten die Männer nebeneinander. Lautlos,
wie Phantome, gleiten die vermummten Frauen und verschwinden in den
schmalen, vergitterten Hauseingängen.
Die kleinen weißen, oft windschiefen Häuschen mit ihren bunten
Fensterläden neigen sich so nahe zueinander, daß die Sonne Mühe hat,
mit ihren Strahlen dazwischen hindurch den Weg zu finden. Darum ist
es hier aber auch bei großer Hitze überraschend kühl und noch mehr so
in dem Innern der Häuser. Auf den Türschwellen und den Treppenstufen
hocken Goldsticker, Garnwinder und Schuhmacher bei der Arbeit. In
einigen wenigen der wirren, mit Kieselsteinen gepflasterten Gassen
wickelt sich das geschäftliche Leben ab. Da reihen sich die Läden
aneinander, in denen die Eingeborenen ihre bescheidenen Einkäufe machen
können. Laden ist allerdings ein etwas euphemistischer Ausdruck für
einen oft nicht mal zwei Meter großen, fensterlosen Verschlag. Aber
hier ist das Nationalgericht des Arabers, der Kuskus, zu haben, da gibt
es kleine, in Öl gebackene Fische und die beliebten, an einem Spieß
gebratenen Nierenfleckchen, die als besondere Leckerbissen gelten. Ein
anderer hat vielleicht nur ein Dutzend Brote, die er los werden will,
und sein Nachbar ein Häufchen Kohl oder ein paar kleine Säckchen voll
Hülsenfrüchte. Alles erscheint en miniature -- nur der Ladeninhaber
nicht. Mit untergeschlagenen Beinen sitzt er neben seinem winzigen
Vorrat und bedient mit einer bewunderungswürdigen Gemächlichkeit seine
verschiedenfarbigen Kunden.
[Illustration: Innenansicht der Moschee El-Dzama (Algier)]
Die Kasbabewohner, unter denen fast alle Rassen Afrikas vertreten sind,
lieben die Fremden nicht, die mit erstaunten und neugierigen Blicken
durch ihr Quartier wandern, und sie haben eine ungeheure Abneigung
gegen den Kodak. Als ob der Erdboden sie verschlungen hätte, so
verschwinden Männer, Frauen und Kinder im Nu, wenn der Apparat gezückt
wird.
Der Göttin Venus wird in der still-verschwiegenen Kasba viel geopfert,
und durch lichtblauen Anstrich, lachendes Blau, wie der Himmel, der
sich darüber wölbt, verraten sich die Häuschen, wo ihre gefälligen
Dienerinnen wohnen.
Wie eine Tonsur liegt der Marktplatz auf der Spitze des Berges. Hier
hat der Fremde das erste, echte und unverfälschte Bild arabischer
Anspruchslosigkeit und arabischen Nichtstuns. Es ist kein Markt,
wie wir ihn kennen. Kein Stand, kein Tisch, kein lebhaftes Hin und
Her. Auf einem alten Lumpen, der auf dem nackten Boden ausgebreitet
ist, liegen die Waren. Auch hier bemerkt man nichts weiter im Handel
als die wenigen zum Leben unbedingt nötigen Dinge, die bescheidenen
Nahrungsmittel und daneben noch Burnusse, alt und neu. Es reizt
zum Lachen und zur Rührung zugleich, wenn man sieht, wie der ganze
Warenvorrat eines Händlers nur aus einem Dutzend Apfelsinen oder aus
einer Handvoll Datteln besteht, die fein säuberlich, etwa fünf auf ein
Häufchen, nebeneinander aufgereiht sind. Von Waren anbieten ist keine
Rede. Die meisten Verkäufer liegen träumend oder schlafend neben ihrem
ausgestellten Gut und verlassen sich auf Allah, der ihnen die Käufer
schon schicken wird.
Der Markt ist der Rendezvousort für alle, die nichts zu tun haben, und
ihrer scheint es eine Menge zu geben. Hier liegen sie, wie auf dem
Stadtplatz, auf dem Boden, machen ihr Dominospiel, rauchen und plaudern
und ignorieren stolz die Fremdlinge, die in ihre Nähe kommen. Auf dem
Markt hat auch der Schriftgelehrte seinen Platz, der für wenige Sous
Briefe schreibt und übersetzt, der Märchenerzähler, der immer einen
aufmerksamen Kreis um sich schart, und der arabische Doktor, der alle
Krankheiten mit Schröpfköpfen heilt. Mit einer naiven Brutalität führt
er seine Behandlung aus, bei der noch nicht einmal von reinen Händen,
geschweige denn von Desinfektion die Rede ist. Wie er die Schröpfköpfe
über einem Feuer erhitzt und in den kahlen Nacken des Patienten setzt,
und wie er diese, nachdem sie vollgesogen, mit einem rohen Ruck
abreißt, daß das Blut wie ein Bächlein herunterrieselt, mutet wie ein
mittelalterliches Verfahren an, und der geduldige Patient, der dies
alles erträgt, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, wird für uns ein
Objekt der Bewunderung.
Unzählige Kinder wühlen im sandigen Boden wie die Spatzen und erheben
sich nur, um von den Fremden mit ausgestreckten Händen Backschisch
zu verlangen. Und diese entzückenden, braungebrannten, schmutzigen
Kerlchen bringen das einzige laute Leben auf den schattenlosen Platz,
auf dem mit sengenden Strahlen die grelle Sonne brütet.
Viel lieber als durch die steile, enggassige Kasba und das jüdische
Viertel, das durch seinen Schmutz und seine laute Geschäftigkeit im
auffallenden Gegensatze zu dem stillen arabischen Quartier steht, führt
uns unser arabischer Führer Ali ben Bachir in die kühlen Moscheen.
Kein Muselmann läßt sich durch die Gegenwart von Fremden in seiner
Andacht stören. Nichts existiert für ihn, solange er, auf dem Boden
hingestreckt, mit dem Gesicht nach Mekka gewendet, sein Gebet
verrichtet. Und ist er ein müder Wandersmann oder einer jener Armen,
die kein Dach über dem Haupte ihr eigen nennen, so findet er im Hause
seines Gottes Ruhe und Erholung. In seinen Burnus gewickelt, die Kapuze
übers Gesicht gezogen, schläft er dort den süßen Schlaf des Gerechten.
Den Frauen dagegen ist das Betreten der Moscheen streng verboten, denn
»die Frau hat die Seele eines Hundes«, wie es im Koran heißt, und ihre
Nähe würde die Männer nur beunruhigen.
[Illustration: Ein arabischer Doktor und sein Patient in Algier]
Er ist ein tüchtiger und geschickter Führer, unser Ali ben Bachir, mit
seinem feinen, scharfgeschnittenen, aber leider von der tödlichen Hand
der Schwindsucht gezeichneten Gesicht. Nachdem wir uns verschiedene
alte und neue Moscheen angesehen, führt er uns durch den von exotischen
Blumen duftenden Jardin de Marengo hinauf zur alten und berühmten
Moschee Abderrhaman. Gegen ein Entgelt ist es auch den Ungläubigen
erlaubt, den Ort zu betreten, wo der berühmte Prophet Abderrhaman
seine Ruhestätte gefunden. Tausende und Abertausende sind schon
hierhergewandert, um im Gebet Erhörung ihrer Bitten zu erflehen, und
wie in katholischen Wallfahrtsorten wächserne Hände und Füße und Herzen
ihre Geschichte erzählen, so reden hier hunderterlei Gegenstände von
dem felsenfesten Glauben und der Dankbarkeit der Anhänger Mohammeds.
Es ist allerdings ein seltsamer und wunderlicher Anblick: man glaubt
in einen überfüllten Trödelladen zu kommen. Die Gläubigen scheinen
anzunehmen, daß ihrem Gotte die Erzeugnisse anderer Länder die größte
Freude bereiten. Nur wenige Arbeiten arabischen Ursprungs sind zu
sehen, aber sonst ist alles vertreten, vom wundervollen venezianischen
Kronleuchter bis zur ordinärsten bunten Schlafzimmerampel, von herrlich
geschnitzten alten Standuhren bis zum Drei-Mark-Wecker, vom köstlich
gewebten Brokatstoff bis zum buntgedruckten Schnupftuch, wie es bei uns
die Bauern tragen.
Überhaupt diese Schnupftücher! Der findige Kopf, der sie einführte,
hat nicht schlecht spekuliert, denn es gibt kaum einen Araber, dem es
nicht vom Gürtel oder aus dem Knopfloch herunterbaumelt. Aber es wirkt
ordinär und zerstört die Vornehmheit, die der Kleidung selbst des
ärmsten Arabers sonst eigen ist.
Die Moschee Abderrhaman ist winklig und verschoben gebaut. Schmale,
dunkle Gänge führen von einem Betraum in den andern bis ins
Allerheiligste, wo der berühmte Marabut seinen ewigen Schlaf schläft.
Verblaßte, fadenscheinig gewordene Fahnen und Stoffreste verhüllen
seinen Sarg, und ein muffiger Geruch erfüllt den Raum. Wir laufen in
großen Pantoffeln, geradeso wie wenn man deutsche Schlösser besichtigt,
aber nicht etwa um wie dort das Parkett zu schonen -- denn das gibt es
hier nicht --, sondern weil der bloße Fuß des Ungläubigen den Boden
entweihen würde. Ich kam mir tief schuldig vor, als ich im Eifer der
Besichtigung, ohne es zu fühlen, den einen Pantoffel verloren hatte und
das Entsetzen in dem Gesicht des Moscheenführers sah, als er das Manko
bemerkte.
Kleine Kapellchen sind der Moschee angebaut, in denen ebenfalls die
sterblichen Reste einiger Marabuts ruhen. Fromme Beter lehnen außen
an den vergitterten Fenstern. Alte, berühmte Geschlechter haben hier
oben ihre Grabstätten, deren Schmuck aus gemalten Kacheln besteht,
meist blau und gelb, in wunderschönen satten Farben und in alter
arabischer Arbeit. Vereinzelte hohe Sykomoren spenden Schatten auf
die Gräber. Vermummte Frauengestalten wandeln dazwischen auf schmalen
Pfaden. In einer lauschigen Ecke murmelt ein Brünnchen; Ali ben Bachir
sagte, es sei eine Wunderquelle. Meilen- und meilenweit kämen die
Kranken, um von dem Wasser zu trinken, denn es mache gesund. Und die
Armen und Bedrückten kämen, denn es bringe ihnen Glück. All seine
Überredungskunst half jedoch nichts. Selbst auf die Gefahr hin, alle
diese schönen Dinge zu verscherzen, konnten wir uns nicht entschließen,
aus einem Becher zu trinken, den eben erst ein von Schmutz und
Ausschlag starrender Araber an die Lippen geführt hatte. Aber Ali
quälten keine solchen Bedenken, mit einer geradezu ergreifenden Andacht
leerte er den Inhalt. Armer, beneidenswerter Kerl! --
Die Sonne muß so leuchtend scheinen, der Himmel so herrlich blauen und
Land und Meer in solch übermütigen Farben einem zu Füßen liegen, wie es
hier von der Höhe der Moschee Abderrhaman der Fall ist, daß man seine
fröhliche, leichte Stimmung so schnell wiedergewinnen kann, wie es bei
uns geschah.
[Illustration: Moschee Abderrahman in Algier]
Fatme
Wir hatten an verschiedenen Abenden das bunte Leben und Treiben
der Stadt an uns vorüberfluten lassen, hatten zwischen berauschend
duftenden und blühenden Sträuchern, wie sie nur eine südliche
Vegetation hervorbringt, den Weg hinauf nach Mustapha gemacht, wo
entzückende Villen unter hohen Palmen träumen, wir hatten arabische
Cafés besucht und zu orientalischer Musik aus winzigen Täßchen den
braunen Trank geschlürft, wir waren im Eukalyptuswäldchen gewandelt
und hatten dem lebhaften Flüstern der schönen Baumriesen gelauscht,
und nun wollte uns Ali ben Bachir zu Fatme, sozusagen als der Pièce de
résistance, führen. Nicht zu der schon seit vielen Jahren berühmten
-- denn die sei alt und dick und nur selten noch zum Tanzen gestimmt
--, aber zu einer jungen, schönen Fatme, deren Anblick eine Augenweide
gewähre.
Er mußte ihr am Nachmittag einen Besuch machen, um anzufragen, ob
unser Kommen auch genehm sei. Es _war_ genehm, wie wohl gar mancher
schon im voraus prophezeit hätte. Aber warum soll man sich diese
kleinen Täuschungen nicht gern gefallen lassen? Warum dem grauen Alltag
nicht ein Mäntelchen umhängen, dessen Farbe uns entzückt? All diese
anscheinenden Schwierigkeiten, das bißchen Geheimnistuerei, reizt es
nicht unsere Phantasie und hilft das Leben verschönern?
Voller Aufregung und Erwartung machten wir uns auf den Weg. Ins
arabische Viertel ging es natürlich, über steile, steinerne Treppen,
durch enge, stockdunkle, totenstille Straßen, bis wir in einer kleinen
Sackgasse landeten. Nach einer bestimmten Art von Klopftönen, in
denen sich Ali wohl schon öfter geübt haben mochte, öffnete sich die
kleine Pforte, und wir traten in einen mäßig großen, nach der Gasse
zu fensterlosen Raum, der das ganze Erdgeschoß einnahm. Ein kleines,
schwelendes Petroleumlicht warf einen unsicheren Schein auf eine Frau,
die Zigaretten rauchend auf einer Matte kauerte. Kein Stuhl, kein
Möbelstück, nichts als ein Brunnen in einer Ecke, kaum erkennbar. Ein
paar Worte des Führers, und eine Handbewegung von ihr zeigte an, daß
wir uns nach oben begeben konnten. Wir kletterten die schmale Treppe
hinauf und kamen auf eine Art Balustrade, von der aus man hinunter in
den dunklen Raum mit dem flackernden Lichtchen und der rauchenden Frau
auf dem Boden blicken konnte.
»Da hockt sie immer,« sagte uns Ali ben Bachir. »Das ist ihr Platz und
das Rauchen ihre Beschäftigung.«
Wir hatten nicht erst Zeit, über die Freuden und Annehmlichkeiten
eines solchen Daseins nachzudenken, denn im selben Augenblicke wurde
ein Vorhang zurückgeschlagen, und im Rahmen einer Tür erschien die
entzückendste Mädchengestalt, die man sich träumen konnte. Ali hatte
nicht zuviel versprochen. Auch ohne daß man es uns sagte, wußten
wir, daß dies nur Fatme sein konnte. Mit einer schüchtern-anmutigen
Handbewegung lud sie uns ein, näherzutreten. In einem Raum, der kaum
so breit war, daß man sich darin umdrehen konnte, lagen bunte Matten
und Kissen auf dem Boden, und nach Arabersitte ließen wir uns mit
untergeschlagenen Beinen darauf nieder. Es wurde in winzigen Schälchen
Kaffee serviert, und während wir daran nippten, weideten wir uns an
Fatmes Schönheit. Von mittlerer Größe, nicht älter als höchstens
dreizehn oder vierzehn Jahre, hatte sie schlanke, weichgerundete
Formen, ein feingeschnittenes Gesicht mit großen dunklen Rehaugen und
einem Teint, anzuschauen wie altes Elfenbein, so mattglänzend und kühl.
Bunte Seide schmiegte sich um ihre Glieder, und ein weißer, reich
mit Silber bestickter Schleier verdeckte zum Teil ihr tiefschwarzes,
üppiges Haar. Wir plauderten, hatten ungezählte Fragen zu stellen, und
Fatme, die etwas Französisch gelernt hatte -- nur der fremden Besucher
wegen -- antwortete, so gut es ging. Aber sehr oft gab sie sich, wie
ein träges Kind, gar nicht erst Mühe, die Worte zu suchen, sondern
Ali mußte als Dolmetscher dienen. Er übersetzte unseren Wunsch, daß
wir sie tanzen sehen wollten. Sie zierte sich und ließ sich bitten.
Dann trug sie ihm auf, die Mutter zu holen. Es war die Zigaretten
rauchende Frau aus dem Erdgeschoß. Eine bessere Folie als dieses dicke,
häßliche Weib hätte die junge Fatme wahrlich nicht haben können. Das
Leben mochte die Frau hart mitgenommen haben. Aber neben dem Zug,
den die Sorge gegraben, lag noch so viel Verschlagenheit, List und
Gemeinheit in diesem Gesicht, in der ganzen Erscheinung, daß man
sich des Widerwillens nicht erwehren konnte. Wir nahmen an, es wäre
vielleicht nur eine Art Theatermama. Doch Ali versicherte uns, er kenne
die Familie seit langem und wisse bestimmt, es sei die richtige Mutter.
[Illustration: Grabmäler im Vorhof der Moschee Abderrahman in Algier]
Sie behandelte das Geschäftliche der Angelegenheit und setzte den
Preis fest, den wir zu zahlen hatten, wenn ihre Tochter tanzte.
Nachdem dieser Punkt zu ihrer Zufriedenheit erledigt war, ließ sie
sich von einer alten Dienerin ein Holzinstrument bringen, das in der
Form einer ägyptischen Vase glich. Auf dem flachen Boden dieser Vase
schlug sie nun den Takt, zu dem Fatme tanzte -- nein, tanzen konnte
man es wohl kaum nennen, es war eigentlich nichts weiter als ein
wohliges Sichwiegen, anmutige Arm- und Hüftbewegungen. Sie erinnerte
an ein junges Kätzchen, das sich spielerisch dehnt und streckt.
Aber man vermißte die Krallen. Die bezaubernde Hülle schien wenig
Temperament zu bergen, und da half auch alles Zureden der Alten mit
dem Kupplerinnengesicht nichts. Fatme, die schön war wie ein Märchen,
konnte wohl nicht etwas geben, was sie nicht besaß. Interessanter war
es, sie als Bild zu genießen, während die Alte erzählte, daß sie den
Mann schon früh verloren und ihr von neun Kindern nur dieses Mädchen
geblieben sei, ihr Stolz und ihre Stütze. Sie könnte ohne diese Tochter
nicht leben, versicherte sie, und man glaubte es ihr, wenn man den
Strahl von fast hündischer Treue und Ergebenheit sah, der dabei aus
ihren rotgeränderten Augen leuchtete.
Aber über all den Lobpreisungen ihrer schönen Tochter vergaß sie nicht,
uns mitzuteilen, daß sie noch ein anderes Mädchen im Hause habe, die
gern vor uns tanzen wollte, wenn ein Verdienst für sie dabei abfiele.
Nachdem diese wichtige Frage abermals erledigt war, wurde die Tänzerin
gerufen. Ein großes, hageres Geschöpf mit starkem Knochenbau und
einem scharfgeschnittenen, herben Gesicht, in dem ein paar düstere,
scheue Augen brannten. Weder Schmuck noch seidene Tücher zierten sie,
etwas Ernüchterndes ging im ersten Augenblick ihres Erscheinens von
ihr aus. Sie mochte das fühlen und vielleicht gerade darum zeigen,
was sie konnte, denn sie tanzte, langsam beginnend, schließlich mit
einer Verve, einem Temperament und einer Leidenschaft, die alles in
ihren Bann zwang. Da waren die Krallen, die wir bei der schönen Fatme
vermißten, und als wir -- es war lange nach Mitternacht -- uns von den
dreien verabschiedeten und die steile Treppe wieder hinunterkletterten,
waren wir uns noch nicht ganz einig darüber, ob wir nicht doch Fatmes
temperamentvoller Konkurrentin den Preis zuerkennen sollten.
Die Erlebnisse dieses Abends haben mich noch manchmal zum Nachdenken
veranlaßt. Man wußte, daß der Beruf dieser Mädchen nicht bloß im Tanzen
bestand, wußte, daß es der sauberen Mutter und Verwalterin des Hauses
viel lieber war, wenn sich nur Vertreter des männlichen Geschlechts
einfanden, die die Schönheiten ihrer jungen Hausbewohnerin noch etwas
höher einschätzten, man wußte das und vergaß es doch vollkommen in der
Gegenwart der Mädchen, denn nichts in ihrem Verhalten erinnerte an
ihr Gewerbe, und der Stempel der Verderbtheit und Gemeinheit, den in
europäischen Landen fast alle Priesterinnen der Venus tragen, fehlte
bei ihnen vollkommen. Sie leben ihr Leben mit einer Naivität, die
einfach alle Kritik entwaffnet -- »Honni soit qui mal y pense!« möchte
man hier beinahe sagen.
[Illustration: Ruhestätte des Propheten Abderrahman in Algier]
Durch die Kabylie
Am Morgen nach diesem nächtlichen Erlebnis nahmen wir Abschied von
Algier, das mit seinem fremdartigen Gemisch von Orient und Okzident
einen starken Eindruck auf uns gemacht hatte. Wir befanden uns in
richtiger Entdeckerstimmung; denn nun sollte es ja in ein ganz
geheimnisvolles Land gehen, das nur von wenigen Reisenden besucht wird.
Das Interessanteste wäre es wohl gewesen, die Tour auf Mauleseln zu
machen. Doch sind die Unterkunftsstellen in der Kabylie so selten
und die wenigen so schlecht, daß sich eine längere Reise aus diesem
Grunde von selbst verbietet. An die Diligence wagt man gar nicht
erst zu denken, wenn man sie nur einmal gesehen hat: ein ganz
unwahrscheinliches Vehikel, das alle Bedingungen für Unbequemlichkeiten
erfüllt. Schon daß es hauptsächlich von Kabylen benutzt wird,
macht seinen Gebrauch für den Europäer fast unmöglich. Es würden
Anforderungen an seinen Geruchssinn gestellt werden, denen er nicht
gewachsen wäre, und in der »drangvoll fürchterlichen Enge«, die
gewöhnlich herrscht -- denn Menschen, Tiere und Pakete, alles wird in
den verschiedenen Etagen zusammen untergebracht -- könnte er sich auch
der kleinen blutgierigen Freunde des Kabylen nicht erwehren, die dieser
meist in Menge mit sich führt.
Die Bahn durchschneidet nur einen Zipfel des Landes und verschwindet
jedesmal, wenn die Aussicht am schönsten wird, in einem finsteren
Tunnel. So bedienten wir uns des modernsten und unbestreitbar schönsten
Beförderungsmittels, des Automobils. Einige Tage zuvor hatten wir in
einem Automobilgeschäft alles Nötige arrangiert. Man hatte uns einen
ganz famosen Wagen gezeigt und uns den Chauffeur vorgestellt, der uns
fahren sollte -- Wagen und Mann paßten zusammen. Aber in Algier scheint
man, wie ja auch in manchen anderen Orten dieser Welt, der Ansicht
zu sein, daß man ein Versprechen wohl geben kann, jedoch nicht zu
halten braucht. Denn am bestimmten Morgen stand vor unserer Hoteltür
ein alter Klapperkasten, bei dessen bloßem Anblick einem die Glieder
schon schmerzten. Die abgenutzten Pneumatiks versprachen in Bälde die
allerschönsten Pannen, und der Führer machte einen Eindruck, daß sich
ihm wohl nur einer übergab, der sich mit Selbstmordgedanken trug. Auf
unsere erstaunte Frage, was das bedeute, belehrte uns der »Herr Chef«,
der selbst mitgekommen war, wohl weil er seinem Angestellten nicht über
den Weg traute, mit einer phänomenalen Dreistigkeit: dies seien Mann
und Wagen, wie wir sie ausgesucht hätten. Ganz erstaunt sahen wir uns
gegenseitig an mit dem unausgesprochenen Zweifel in den Augen, ob wohl
die Phantastereien der Nacht noch in uns nachwirkten? Aber nur einen
Moment, dann bekam der »Herr Chef« die ihm gebührende Antwort. Als sich
nun auch noch der Portier unseres Hotels auf unsere Seite stellte -- er
mochte den Kunden schon kennen --, rückte dieser das angezahlte Geld
heraus und steckte den »Lügner« in richtiger Selbsterkenntnis gelassen
ein.
Eine halbe Stunde später hatte das Hotel einen Wagen besorgt, etwas
teurer wohl, aber in jeder Hinsicht ausgezeichnet.
Zum Abschied hatte sich auch Ali ben Bachir eingefunden, um seinen Lohn
einzukassieren, den er erst in der Trennungsstunde haben wollte. Da er
sich durch seine Bescheidenheit wirklich unser aller Sympathie erworben
hatte, fiel die Zugabe bedeutend größer aus, als sie wohl sonst gewesen
wäre, und mit glückstrahlendem Gesicht bedankte er sich:
»Sehen Sie, wie recht ich hatte, als ich das Wasser in der Moschee des
Abderrhaman trank. Nun hat es mir doch schon Glück gebracht!«
Aufgeregt surrte die Maschine, und der Wagenkörper zitterte vor
Ungeduld, hinaus ins Weite zu kommen. Bald hatten wir die Stadt im
Rücken. Noch einen letzten Blick zurück auf die weißen, im strahlenden
Morgenglanze marmorschimmernden Häuser, auf das Gewinkel der Kasba,
auf die Kirche »Notre Dame d'Afrique«, wo die schwarze Himmelsmutter
schützend ihre Hände nach den Seefahrern ausstreckt, auf den Hügel,
der das entzückende Bouzareah trägt mit seinem an Schönheit kaum zu
übertreffenden Rundblick, und dann hieß es nur noch: mit Vollkraft
voraus dem Neuen und Unbekannten entgegen.
[Illustration: Straße im jüdischen Viertel (Algier)]
Zu Anfang führt der Weg durch die heiße, schattenlose Ebene des
Mitidscha mit einem wundervollen Ausblick auf die schroffgezackten
Linien des Atlasgebirges. Auf staubiger Landstraße passieren wir Herden
von müden, abgetriebenen Mauleseln, die in großen Körben den Ertrag
der Felder zu den Käufern in die Stadt befördern, wir flitzen vorüber
an der langsam dahinkriechenden, von vier unsagbar mageren Pferdchen
gezogenen Diligence und an gemächlich schreitenden hochbeladenen
Kamelen, die erschrocken zur Seite weichen. Immer näher zu den Bergen
hin, die in gewaltigen Formationen aus der Ebene emporwachsen. Gipfel
erscheint hinter Gipfel. Auf ihren Rücken tragen sie wohlbestellte
Äcker, üppige Wiesen, von zahlreichen Schafherden belebt, und
dunkelgrüne Wälder, die erst vor den stolzen, mit gleißendem Schnee
gekrönten Häuptern haltmachen. Bilder von lieblicher Schönheit wechseln
mit Szenen von erhabener Größe. Man hat nicht Augen genug, um alles in
sich aufzunehmen, nicht Zeit genug, um alles auskosten zu können.
Spielend nimmt unser Auto die Höhen, und immer weiter trägt es uns
hinein in das Herz der sogenannten »Großen Kabylie«.
Um die Mittagszeit erreichen wir Tizi Ouzou. Am Fuße des Berges Belloua
und im Mittelpunkte der Kabylie gelegen, beherrscht es das ganze Tal
des Sebaou. An 1500 Europäer haben sich hier niedergelassen, und das
Hotel, in dem wir absteigen, um zu Mittag zu speisen, wird von einem
Franzosen geführt. Das Haus ist uns durch seine wenig gute Küche und
seinen höchst unliebenswürdigen Wirt, der unser Erscheinen als eine
Störung zu empfinden schien, in Erinnerung geblieben.
Aber was interessierten uns in diesem Augenblick die Franzosen! Das
Kabylendorf war es, das unsre ganze Aufmerksamkeit erregte, denn es war
das erste seiner Art, das wir betraten. Es ist erstaunlich, wie dieses
Kabylenvolk, dicht neben den Franzosen wohnend und lebend, seine ganze
Eigenart bewahrt. Es baut seine primitiven Hütten nach demselben Plane
wie seit Jahrhunderten und bleibt seiner Kleidung und seinem Schmuck
bewunderungswürdig treu.
Da die Bahn bis Tizi Ouzou führt und der Ort von Algier aus nicht allzu
weit entfernt liegt, sind dort Fremde keine allzu große Seltenheit,
und der Kabyle dürfte es wohl gewöhnt sein, daß man ihn und sein Dorf
mit überraschten Blicken betrachtet. Er legt dem ungebetenen Besucher
auch nichts in den Weg, aber aus seiner unfreundlichen Miene und seinen
düster blickenden Augen spricht deutlich sein Widerwille gegen dessen
Erscheinen. Der neben ihm lebende Franzose soll ihm übrigens ein
ebensolcher Dorn im Auge sein, und es dürfte wohl seine guten Gründe
haben, daß ein Regiment Tirailleurs dort stationiert ist.
Als wir nach etwa zweistündiger Pause wieder in unserem Wagen
Platz nehmen wollten, hatte sich eine Mauer von dreckstarrenden
Kabylenkindern darum gebildet. Selbst an den Rädern klebten sie, wie
kleine Affen, und wir mußten uns erst durch Backschisch das Recht der
Weiterfahrt erkaufen.
Auf breiter, mit Eukalyptusbäumen bepflanzter Allee ging es aus Tizi
Ouzou hinaus. Die Straße, die rapid hinunter in das Tal des Sebaou
führt, war an diesem Tage ungewöhnlich belebt. Es war der Vorabend
eines Markttages. Scharenweise kamen die Kabylen gezogen, mittelgroße
Gestalten von derbem Knochenbau und von dunkelbrauner, manchmal ins
Schmutziggelbe spielender Hautfarbe. Unter dem Burnus, der vor langer
Zeit einmal weiß gewesen ist, tragen sie nichts als die Gandura, ein
ärmelloses Hemd, in der Taille mit einem Gürtel gehalten. Kopf, Nacken
und Schultern schützt ein Strohhut von der Größe eines Sonnenschirms.
Viele bedecken sich das Haupt aber auch nur mit einem roten Käppchen
in der Form, wie es bei uns die Priester tragen, oder sie umwickeln
den Kopf mit einem Turban, wie der Araber. Bis zu den Knien sind sie
nackt und laufen leichtfüßig mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten
neben ihren Tieren her, Schafen und Kühen und den Mauleseln, die
Getreide, Honig, Öl, gewebte Stoffe und einfache aber ganz eigenartige
Töpferwaren, die ebenso wie die Webarbeiten von Frauen verfertigt
werden, zu Markte tragen. Für den Kabylen ist der Markttag der große
Tag. Er tauscht da nicht nur seine Waren aus, da werden zu gleicher
Zeit auch politische Fragen erörtert und, wenn es glückt, sein höchster
Wunsch erfüllt, nämlich ein Gewehr geschmuggelt.
[Illustration: In der Kabylie]
Nachdem wir im Tal des Sebaou angekommen waren, dem größten Flusse der
Kabylie, der das ganze Jahr über -- bei den Flüssen in Algier eine
Seltenheit -- Wasser in seinem Bette führt, ging der Weg in nördlicher
Richtung weiter, und wieder begann ein stetiges Klettern.
An gähnenden Abgründen schlängelte sich unser Auto entlang. Eine
einzige sekundenlange Zerstreutheit des Chauffeurs, und wir lägen
zerschellt in der grausigen Tiefe. Der Gedanke stellte sich
unwillkürlich ein. Aber unser Führer lenkte seinen Wagen mit sicherer
Hand. Seit Jahren kam er durch die Kabylie, kannte jeden Felsen, jeden
gefährlichen Punkt, der seine Aufmerksamkeit besonders erforderte. Er
gab uns manche beruhigende Probe davon. So wußte er genau, an welcher
Stelle er einem Kabylen mit seinen verschlafenen Maultieren begegnen
würde, und noch ehe er die Kurve nahm, ließ er laut die Huppe ertönen,
und richtig, als wir um die Ecke kamen, da war er, und wie immer auf
der falschen Wegseite, auf der er einem Neuling sehr gefährlich werden
konnte.
Es war ein wundervolles, pittoreskes Panorama, das ununterbrochen an
uns vorüberzog. Schroffe, kapriziös gezackte nackte Gipfel, steile,
fruchtbare Hänge, bis zum letzten Quadratmeter bepflanzt und gepflegt
wie köstliche Gärten; düstere Schluchten und tiefe, sonnenlose Täler,
deren kühler Atem zu uns emporstieg. Riesenhafte Wälder aus Eichen, die
an unseren deutschen Wald erinnerten, meilenweite Bestände aus Eschen
und Zedern, an denen sich immergrüne Schlinggewächse emporrankten,
und graugrüne Olivenhaine, von melancholischen Schatten umweht.
Und wenn man es am wenigsten erwartete, sich von allen Seiten von
unüberwindlichen Bergen eingeschlossen glaubte, verschoben sich
plötzlich die Kulissen und eröffneten einen überwältigenden Ausblick
auf das azurblaue Meer, auf verschwimmende, duftige, märchenhafte
Fernen.
Einen ganz eigenartigen Einschlag in diese verblüffend
abwechslungsreiche Szenerie geben die Dörfer der Kabylen. Wie Kappen
sitzen sie zum Teil auf den Glatzen der alten Bergriesen, sie kleben an
den Hängen wie kolossale Vogelnester oder liegen hingeduckt in finstere
Bergeinschnitte, immer in ziemlich unzugänglicher Lage. Grauweiß ist
der Anstrich der Hütten, ein verblaßtes Rot die Farbe der Dächer. Kein
Schornstein erhebt sich in die Luft, nicht das kleinste Rauchwölkchen
schwebt über diesen Wohnstätten, wie ausgestorben wirkt das Land.
Und doch beherbergt es eine große, ebenso fleißige als kriegerisch
veranlagte Bevölkerung.
Von einem Gipfel der zweiten Gebirgskette, die vor uns aufstieg,
grüßte uns aus stolzer Höhe das Fort National. Doch nur auf kurze Zeit
blieb es in Sicht, dann führte unser Weg wieder eine Weile bergab an
den Ufern des Aïssi entlang, dem bedeutendsten Nebenfluß des Sebaou.
Am Ende des engen Tales sahen wir zum erstenmal die westlichen
Abhänge des Djurdjura, eines Teils des Atlasgebirges, das die Kabylie
durchschneidet. Wie eine gigantische rote Mauer schiebt er sich vor.
Bald nachdem wir den Aïssi überschritten hatten, verschwand der
Djurdjura wieder hinter den anderen Höhen.
An einigen europäischen Häusern vorbei, die sich verloren genug in
dieser Gegend vorkommen mögen, führte der Weg an dem Dorf Adeni vorüber
in überraschend starker Steigung wieder aufwärts. Es ist dies das Stück
Straße, das die Soldaten des Marschalls Randon in der erstaunlich
kurzen Zeit von zwanzig Tagen herstellten.
Die Hitze wurde immer intensiver, und unser armes Auto pustete unter
der anstrengenden Arbeit, die es zu leisten hatte. Von dieser Höhe aus
gab es einen herrlichen Blick über das Tal des Sebaou, das wir vorher
durchfahren hatten, und mit lebhaftem Interesse verfolgten wir die
Berglinie, die sich als Wall zwischen dieses Tal und das Meer schiebt.
In schleifenartigen Serpentinen ging es vor- und aufwärts.
[Illustration: Kabylendorf]
Hart am Wege stand eine französisch-kabylische Schule, die erste
ihrer Art. Ihrem lebendigen Inhalt, den sie gerade entleerte, war
unser Erscheinen ein Ereignis, das ausgenützt werden mußte. Schreiend
und lebhaft gestikulierend verfolgte die Jugend unseren Wagen. Die
Schwächeren gaben das Wettrennen bald auf, aber die Stärkeren hielten
aus. Burnus und Gandura, alles was ihnen beim Laufen im Wege war, wurde
bis unter die Arme hochgehoben oder mit den Zähnen festgehalten, und
das Rennen erst aufgegeben, als sich die Anstrengung mit einigen Münzen
gelohnt hatte.
Von Tamazirt aus bot sich abermals ein unvergleichliches Bild. Ein
voller Blick auf die grandiose Djurdjurakette, die gigantische rote
Mauer, die uns schon im Tale des Aïssi mit Erstaunen und Bewunderung
erfüllt hatte.
Dorfgekrönt die steilsten Gipfel in der Runde, und tief unten zwischen
den scharf abfallenden Hängen das Silberemaille des Flusses, an dessen
Ufer wir noch kurz zuvor entlang geflogen waren. Denn es schien
wirklich, als ob wir Flügel gehabt hätten, um so schnell auf diese Höhe
gelangen zu können.
Sobald man Tamazirt im Rücken hat, erscheint das Fort National in
dominierender Höhe. Von einer Berglehne geht es nun auf die andere,
bis zum Dorf Azouza. Noch einmal kommt eine rapide Steigung zum Kamm
hinan, und dann fahren wir durch ein von Soldaten bewachtes Tor in dem
mächtigen Walle in die trotzige Feste. Eine einzige dicht von Bäumen
beschattete Straße führt durch die Festung und das Dorf, das sich daran
gliedert. Im ersten Augenblick kann man völlig vergessen, daß man sich
hoch oben in einem der wildesten Teile der Kabylie befindet, da die
militärischen Bauten europäisch sind und nur französisches Militär zu
erblicken ist.
Auf eine Anfrage bei dem Kommandanten wird den Fremden gewöhnlich
die Erlaubnis erteilt, die Festung zu besichtigen. Auf Befehl eines
Unteroffiziers übernahm es ein Soldat, diese wichtige Persönlichkeit
aufzusuchen. Inzwischen übergab er uns einen großen sommersprossigen,
rotköpfigen Infanteristen zur Führung. Die Unzufriedenheit stand ihm
deutlich im Gesicht geschrieben, und auf unsere interessierten Fragen,
wie es ihm hier oben gefalle, erwiderte er auch offenherzig, daß er
wünschte, der Teufel hole den Ort und die ganze Kabylie. Es mag ja
nicht leicht sein für einen Jungen von den lieblichen Ufern der Seine,
in diesem Felsenneste auszuharren, wo im Winter die bitterste Kälte und
im Sommer die erschlaffendste Hitze herrscht, wo »des Dienstes ewig
gleichgestellte Uhr« nur von vorher militärisch festgesetzten kleinen
Vergnügungen unterbrochen wird.
Während wir ihn noch unserer aufrichtigsten Teilnahme versicherten, kam
die Antwort zurück, daß der Kommandant augenblicklich nicht aufzufinden
sei, daß aber der Besichtigung trotzdem nichts im Wege läge. -- Die
militärischen Gebäude interessierten uns nicht sehr, aber der Wall,
das heißt die Aussicht von dem Wall ist etwas, das sich nie und nimmer
vergessen läßt. Erst da wird einem klar, welch wichtigen strategischen
Punkt dieses Fort National bedeutet. Durch seine zentrale Lage kann
es mit Leichtigkeit eine ganze Anzahl Kabylenstämme überwachen, und
wie man uns mitteilte, ist es möglich, in wenigen Stunden 30000
Kabylenhäuser in Grund und Boden zu schießen. Es sind die wildesten und
am schwersten zu zähmenden Stämme, die rundherum in ihren Adlernestern
hausen; sie hielten diese immer für uneinnehmbar, bis 1857 Marschall
Randon kam, das ganze bis dahin unabhängige Gebiet unterwarf und die
französische Flagge auf den Höhen der Kabylie aufpflanzte. Frankreich
hat sich damit ein Land erobert, in dem vor ihm Araber, Türken und
selbst die Römer vergeblich versucht hatten, sich festzusetzen. Ob
dies den Galliern auf die Dauer gelingen wird? Nach jenem ersten Sieg
glimmte jedenfalls unter anscheinender Ruhe das Feuer der Empörung
unentwegt weiter, bis im Jahre 1871 ein großer Aufstand ausbrach,
dessen Ausgang den stolzen freiheitsliebenden Gebirgssöhnen vielleicht
klargemacht hat, daß sie sich der Übermacht der Fremden, die ihnen
nach der Niederlage auch noch zehn Millionen Kriegsentschädigung
aufbürdeten, in Zukunft zu beugen haben. Arme Vögel auf ihren Höhen!
Kein Wunder, daß sie scheu und finster blicken.
[Illustration: Blick vom Fort National]
Nach drei Seiten beherrscht das Fort National -- von den Eingeborenen
Souk-el-Arba, der Mittwochsmarkt, genannt -- das Land, und nach jeder
Richtung genießt man eine vollkommen verschiedene Aussicht. Das
Gruseln überkommt einen, wenn man das Auge an der 2000 Fuß hohen,
senkrecht abfallenden Wand hinuntergleiten läßt, auf deren Zinne der
Festungswall entlang läuft, und unvergleichlich ist der Blick auf die
Djurdjurakette, die sich hier in ihrer ganzen majestätischen Größe
zeigt mit ihren zerrissenen und zerfetzten Wänden, mit ihren starren
Zacken und unüberwindlichen Graten. Die Hänge nach Norden sind mit
wilden Schluchten genarbt, die sich erst tief unten im Tale des Sebaou
verlieren.
Das Endziel unserer Fahrt an diesem Tage sollte Michelet sein, etwa
25 Kilometer von Fort National entfernt. Der Weg schlängelte sich
abwärts nach dem Tale des Flusses Sahel zu, an schwindelerregenden
Abgründen entlang, zwischen einer Felsenlandschaft hindurch von einfach
klassischer Größe. Uns gegenüber erhob sich der mächtige Djurdjura, auf
der anderen Seite begleitete uns die interessante Kette des Beni-Yenni,
unvergeßlich mit ihren drei dorfgekrönten Spitzen, deren letzte Häuser
bis an schwindelerregende Abgründe vorgeschoben sind. Nach Übersteigung
einer anderen Gebirgshöhe sind wir endlich auf dem Rücken des Berges
gelandet, an dem Michelet liegt.
Michelet, das rein militärischen Gründen seine Entstehung verdankt,
besteht nur aus wenigen staatlichen Gebäuden, die von französischen
Beamten bewohnt werden. Auch eine Bordj besitzt es, eine Art
befestigtes und mit Schießscharten versehenes Haus, in dem die
Europäer in Zeiten der Gefahr Unterkunft finden. Das Ganze ein Ort,
der nach all den pittoresken, lieblichen und grandiosen Bildern,
die der Tag gebracht, unsagbar nüchtern wirkte, aber er besaß das,
was wir brauchten, ein Hotel, das noch ganz nach guter alter Sitte
gehalten wird: der Mann kocht, die Frau versieht das Haus, die Töchter
servieren, halten die Zimmer in Ordnung, und alle zusammen geben dem
Reisenden gern aus ihrer langjährigen Erfahrung mit dem Kabylenvolk
etwas zum besten.
Es war gegen fünf Uhr, als wir in Michelet ankamen, und auf unsere
Frage, wie wir den Abend noch möglichst gut ausnützen könnten, wurde
uns vorgeschlagen, das Kabylendorf Ain-el-Hammam zu besuchen. Ein
Führer fand sich in der Person eines kleinen, etwa zehnjährigen Kabylen
aus demselben Orte, den man im Hotel gut kannte, da er dort hin und
wieder kleine Arbeiten verrichtete, außerdem, da er die französische
Schule besuchte, leidlich Französisch sprach.
Auf einem schmalen Pfade führte der Weg hinunter in das an abschüssigem
Hange gelegene Dorf. Die Sonne war gerade im Untergehen, und der ganze
Westen, Himmel und Berge, glühten in einem goldigroten Farbenrausch.
Und im Abglanz dieser goldigroten Glut tauchten eine Strecke vor uns
zwei Mädchengestalten auf, die allem Anschein nach vom Brunnen kamen.
Die eine balancierte eine schwarz und rot ornamentierte Amphora mit
zwei Henkeln auf dem Kopfe, die andere trug einen Wasserkrug auf der
Schulter, ihn mit hocherhobenem nacktem Arme stützend. Leichtfüßig
schritten sie dahin, eine bezaubernde Anmut in jeder Bewegung. Um alles
in der Welt gern hätte ich von diesem entzückenden Bilde so viel nur
eben möglich war, auf einem Film festgehalten. Auf den Zuruf unseres
kleinen Begleiters eilte aber die eine von ihnen wie ein gescheuchtes
Wild davon, die andere blieb halb unschlüssig stehen und streckte die
offene Hand aus, was soviel heißen sollte als: erst das Geld und dann
die Gegenleistung. Alles wurde in rascher Hin- und Herrede bewilligt.
Aber bis wir sie erreichten, hatte sie ihre Meinung wieder geändert und
war nun ebenfalls im Nu unter den Bäumen verschwunden.
[Illustration: Beim Getreidemahlen]