eben deshalb so zutraulich, weil verächtlich), klopfte mir der Vorsteher
mit der Hand auf die Schulter und lachte mich mit seinem breiten aber
wohlgeformten Mund an. Die Zähne kamen dabei zum Vorschein. »Herr
Vorsteher,« sagte ich unglaublich zornig, »ich muß bitten, mich mit
etwas weniger kränkender Freundlichkeit zu behandeln. Noch bin ich Ihr
Zögling. Im übrigen verzichte ich, und das nicht ausdrücklich genug, auf
Gnaden. Seien Sie einem Lumpen gegenüber herablassend und gütig. Mein
Name ist Jakob von Gunten, und das ist ein zwar junger, aber trotzdem
seiner Würde bewußter Mensch. Ich bin nicht zu entschuldigen, das sehe
ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere ich.« -- Und mit
diesen geradezu lächerlich anmaßenden Worten, mit diesen so wenig ins
gegenwärtige Zeitalter passenden Worten stieß ich die Hand des Herrn
Vorstehers zurück. Darauf lachte Herr Benjamenta noch fröhlicher und
sagte: »Ich muß mich einfach halten, ich muß dich anlachen, Jakob, und
ich muß mich halten, daß ich dich nicht küsse, du prachtvoller Bursche.«
-- Ich rief aus: »Mich küssen? Sind Sie verrückt geworden, Herr
Vorsteher? Ich will nicht hoffen.« -- Ich staunte selber über die
Ungeniertheit, mit der ich das sagte, und ich trat, wie um einem Hieb
auszuweichen, unwillkürlich einen Schritt zurück. Herr Benjamenta aber,
die Güte und Schonung selber, sagte mit vor seltsamer Genugtuung
bebenden Lippen: »Junge, Knabe, du bist köstlich. Mit dir zusammen in
Wüsten oder auf Eisbergen im nördlichen Meere zu leben, das würde mich
locken. Komm' her. Ei, der Teufel, fürchte dich doch, bitte, nicht vor
mir. Nichts tu' ich dir. Was könnte, was vermöchte ich dir denn anzutun?
Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das muß ich, das tu' ich, aber
davor brauchst du doch keine Angst zu haben. Im übrigen, Jakob, und
jetzt ganz ernsthaft gesagt, höre: Willst du ganz, ganz bei mir bleiben?
Du verstehst das nicht recht, also laß dir das ruhig auseinandersetzen.
Hier geht es zu Ende, verstehst du das?« -- Ich platzte dumm heraus mit
den Worten: »Ah, Herr Vorsteher, meine Ahnungen!« -- Er lachte von neuem
und sprach: »Sieh da, geahnt hast du es schon, daß das Institut
Benjamenta gleichsam heute noch lebt und morgen nicht mehr. Ja, so kann
man sagen. Du bist der letzte Schüler gewesen. Ich nehme keine Zöglinge
mehr an. Blick' mich an. Mich freut es so mächtig, verstehst du, daß ich
dich, den jungen Jakob, noch habe kennen lernen dürfen, einen so
rechtgearteten Menschen, bevor ich hier zuschließe für immer. Und nun
frage ich dich, Schelm, der du mich mit so eigenartigen fröhlichen
Ketten fesselst, willst du mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben,
zusammen irgend etwas anfangen, etwas unternehmen, wagen, schaffen,
wollen wir beide, du der Kleine, ich der Große, zusammen versuchen, wie
wir das Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.« -- Ich erwiderte:
»Meiner Ansicht nach hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit, Herr
Vorsteher. Aber was Sie sagen, interessiert mich, und ich werde mir die
Sache, etwa bis morgen, überlegen. Doch glaube ich, daß ich mit ja
antworten werde.« -- Herr Benjamenta konnte sich, wie es schien, nicht
enthalten, zu sagen: »Du bist entzückend.« -- Nach einer Pause nahm er
das Wort wieder und sagte: »Denn schau', mit dir ließe sich so etwas wie
eine Gefahr, wie ein kühnes, abenteuerliches, entdeckerisches
Unternehmen bestehen. Aber es kann ruhig auch irgend etwas Feines und
Sittsames sein, das wir machen können. Du bist von beiderlei Blut, von
zartem und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man entweder etwas
Mutiges oder etwas sehr Delikates.« -- »Herr Vorsteher,« sagte ich,
»schmeicheln Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht. Und
dann halt! Wo ist die Geschichte Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu
erzählen versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern werden?« --
In diesem Augenblick riß jemand die Türe auf. Kraus, er war es, stürzte
atemlos, ganz blaß im Gesicht, und unfähig, die Meldung, die er offenbar
auf den Lippen hatte, vorzutragen, ins Zimmer herein. Er machte nur eine
hastige Geste, wir sollten kommen. Wir alle drei traten in die dunkelnde
Schulstube. Was wir hier sahen, machte uns erstarren.
Am Boden lag das entseelte Fräulein. Der Vorsteher ergriff ihre Hand,
ließ sie aber, wie von Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von
Entsetzen gepackt, zurück. Dann kam er wieder in die Nähe der Toten,
schaute sie an, entfernte sich wieder, um gleich wieder heranzutreten.
Kraus kniete zu ihren Füßen. Ich hielt den Kopf der Lehrerin in beiden
Händen, damit er den harten Boden nicht zu berühren brauchte. Die Augen
standen noch offen, nicht sehr weit, sondern gleichsam blinzelnd. Herr
Benjamenta schloß sie. Auch er kniete am Boden. Wir alle drei sprachen
kein Wort, aber wir waren nicht in »tiefe Gedanken versunken«.
Wenigstens ich konnte an nichts Ausgeprägtes denken. Aber ich war ganz
ruhig. Ich kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und schön vor.
Ich hörte von irgend woher ein ganz dünnes Geriesel von Melodien.
Linien und Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und her. »Ergreift
sie,« sagte leise Herr Vorsteher, »kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer.
Sachte, sachte, o sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um Gotteswillen,
nicht so rauh. Jakob, gib acht, ja? Nicht irgendwo anstoßen. Ich will
euch helfen. Ganz langsam vorwärts. So. Und einer strecke die Hand aus
und öffne die Türe. So, so. Es geht. Nur sorgfältig.« -- Er sprach
meiner Ansicht nach überflüssige Worte. Wir trugen Fräulein Lisa
Benjamenta aufs Bett, dessen Decke der Vorsteher rasch wegriß, und nun
lag sie da, wie sie es mir zum voraus gleichsam angekündigt hatte. Und
dann kamen die Schulkameraden, und alle sahen es, und dann standen wir
alle so da, am Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verständlichen Wink,
und wir Eleven und Knaben fingen an, im Chor gedämpft zu singen. Das war
die Klage, die das Mädchen gewünscht hatte zu vernehmen, wenn sie auf
dem Lager läge. Und jetzt, so bildete ich es mir ein, vernahm sie den
leisen Gesang. Es war uns, glaube ich, allen, als wäre es
Unterrichtsstunde, und wir sängen auf Befehl der Lehrerin, der wir immer
so rasch gehorchten. Als das Lied zu Ende gesungen war, trat Kraus aus
dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und sprach, ein wenig
langsam, aber um so eindringlicher, folgendes: »Schlafe, ruhe süß,
verehrtes Fräulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an. Mir gefiel
das.) Entwunden bist du den Schwierigkeiten, entfesselt vom Bangen,
befreit von den Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir am Bett
gesungen, Verehrte, wie du es befahlst. Sind wir, deine Zöglinge, nun
verlassen? So scheint es, so ist es. Doch du, Frühgestorbene, wirst
unsern Gedächtnissen nie, nie entschwinden. Du wirst am Leben bleiben in
unsern Herzen. Wir, deine Knaben, die du gemeistert und beherrscht hast,
wir werden uns im flatterhaften und mühevollen Leben, Gewinn und
Unterkommen suchend, zerstreuen, so, daß vielleicht alle alle nie wieder
finden und sehen. Aber wir alle werden an dich denken, Erzieherin, denn
die Gedanken, die du uns eingeprägt, die Lehren und Kenntnisse, die du
in uns befestigt hast, werden uns immer an dich, die Schöpferin des
Guten, was in uns ist, erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so wird uns
die Gabel sagen, wie du wünschtest, daß wir sie führen und handhaben
sollen, und wir werden anständig zu Tisch sitzen, und das Bewußtsein,
daß wir das tun, wird uns an dich zurückdenken machen. In uns
herrschest, gebietest, lebst, erziehst und fragst und tönst du weiter.
Irgend einer von uns Zöglingen, der es etwas weiter als der andere im
Leben bringt, wird vielleicht seinen zurückgebliebenen ärmeren
Kameraden, wenn er ihn antrifft, nicht mehr kennen wollen. Gewiß. Doch
dann denkt er unwillkürlich ans Institut Benjamenta zurück und an die
Herrin, und er wird sich schämen, deine Grundsätze so rasch und so
hochmütig verleugnet und vergessen zu haben. Und er wird dem Kameraden,
dem Bruder, dem Menschen ohne alle Überlegung die Hand zum Gruß reichen.
Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns stets, wir sollten
bescheiden und willig bleiben. Ah, das werden wir nie vergessen, so
wenig wie wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat, werden
überwinden und vergessen können. Schlaf' wohl, du Verehrte. Träume!
Schöne Einbildungen mögen dich flüsternd umschweben. Die Treue, die
glücklich ist, dir nahe zu sein, beuge ihr Knie vor dir, und die
dankbare Anhänglichkeit und das erinnerungslüsterne, zärtliche
Nie-Vergessen-Können streuen Blüten, Zweige, Blumen und Worte der Liebe
dir um Stirne und Hände. Wir, deine Zöglinge, wir wollen jetzt noch
eines singen, und dann haben wir die Gewißheit, daß wir an deinem
Totenlager, das uns das Lustlager frohen und hingebungsvollen Gedenkens
sein wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten. Du sagtest:
Singen sei Beten. Und du wirst uns hören, und wir werden uns einbilden,
du lächeltest. Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier liegen zu
sehen, dich, deren Bewegungen uns vorgekommen sind wie dem Durstigen
frisches, belebendes Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das. Doch wir
beherrschen uns, und gewiß wünschtest auch du das. So sind wir gefaßt.
So gehorchen wir dir und singen.« -- Kraus trat vom Lager zu uns zurück
und wir sangen noch ein Lied, das ebenso leise dahin- und daherklang wie
das erste. Dann traten wir, einer hinter dem andern, ans Bett, und jeder
drückte einen Kuß auf die Hand des toten Mädchens. Und jeder von den
Eleven sprach etwas. Hans sagte: »Ich will es Schilinski erzählen. Und
Heinrich muß es auch wissen.« -- Schacht meinte: »Lebe wohl, du warst
immer so gut.« Peter: »Ich will deine Gebote befolgen.« Dann traten wir
in die Schulstube zurück, indem wir den Bruder bei der Schwester, den
Vorsteher bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten, den
Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten bei der Vollendeten,
Herrn Benjamenta bei Fräulein Benjamenta allein ließen.
Ich habe von Kraus Abschied nehmen müssen. Kraus ist gegangen. Ein
Licht, eine Sonne ist geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt ab
in der Welt und Umwelt nur noch Abend sein könnte. Bevor eine Sonne
untertaucht, wirft sie noch rötliche Strahlen über die dunkelnde
Gegenwart, ähnlich Kraus. Er hat mich, bevor er ging, rasch noch einmal
ausgescholten, und der ganze veritable Kraus ist dabei noch ein letztes
Mal zum leuchtenden Vorschein gekommen. »Adieu, Jakob, bessere dich,
ändere dich,« sagte er zu mir, indem er mir, beinahe ärgerlich darüber,
daß er es tun mußte, die Hand reichte. »Ich gehe jetzt fort, in die
Welt, in den Dienst. Das wirst auch du hoffentlich bald tun müssen.
Schaden wird es dir sicher nicht. Ich wünsche dir Hiebe auf deinen
Unverstand hinauf. Man soll dich tüchtig bei den ungezogenen Ohren
nehmen. Lache nur nicht noch beim Abschied. Übrigens ziemte dir das. Und
wer weiß, vielleicht sind die Verhältnisse dieser Welt so töricht, daß
sie dich in die Höhe heben. Dann kannst du in der Unverschämtheit, im
Trotz, in der Überhebung und in der lächelnden Trägheit, in Spott und
allen möglichen Sorten Unarten ruhig und frech fortfahren und sorgenlos
bleiben, was du bist. Dann kannst du dich brüsten bis zum Zersprengen,
mit all dem, was du dir hier im Institut Benjamenta nicht hast
abgewöhnen wollen. Aber ich hoffe, daß Sorgen und Mühen dich in ihre
harte, untugendenzerschmetternde Schule nehmen. Sieh', Kraus spricht
hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit dir Bruder Lustig, als
die, die dir Glück in den Schoß und ins offene Maul wünschen würden.
Arbeite mehr, wünsche weniger, und noch etwas: bitte vergiß mich ganz.
Ich würde mich nur ärgern, wenn ich dächte, du habest für mich irgend
einen abgelegten alten, schäbigen, solch einen tänzelnden Komm' ich
heute nicht-komm' ich morgen-Gedanken übrig. Nein, Bürschchen, merke
dir's, Kraus braucht keinen von deinen von Guntenschen Späßen.« --
»Liebloser, lieber Mensch,« rief ich voller banger Abschiedsahnungen und
-empfindungen aus. Und ich wollte ihn umarmen. Doch er verhinderte das
auf die einfachste Art der Welt, indem er sich rasch, und für immer,
entfernte. »Heute noch ein Institut Benjamenta und morgen keines mehr,«
sprach ich laut zu mir selber. Ich trat zu Herrn Vorsteher herein. Es
war mir, als wenn die Welt einen glühend-zündend-klaffenden Riß von
einer räumlichen Möglichkeit bis zur entgegengesetzten andern bekommen
hätte. Mit Kraus war die Hälfte des Lebens gegangen. »Von jetzt ab ein
anderes Leben!« murmelte ich. Es ist übrigens ganz einfach: ich war
betrübt und ein wenig bestürzt. Wozu sich in großen Worten ergehen? Vor
dem Vorsteher verneigte ich mich förmlicher als je, und es erschien mir
schicklich, »guten Tag, Herr Vorsteher« zu sagen. »Bist du toll, alter
Junge?« rief er. Er kam mir entgegen und würde mich umarmt haben, aber
ich verhinderte das, indem ich ihm einen Schlag auf den ausgestreckten
Arm versetzte. »Kraus ist gegangen,« sagte ich tiefernst. Wir schwiegen
und begnügten uns, uns ziemlich lange anzuschauen.
»Ich habe,« sagte dann Herr Benjamenta in ruhigem, männlichem Ton, »den
andern allen, deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft. Nur noch
wir drei, du, ich und sie, die da drinnen auf dem Bett liegt, bleiben
noch hier. Die Tote (warum nicht ruhig über die Toten reden? Sie leben
ja. Nicht wahr?), sie wird morgen abgeholt werden. Das ist ein
häßlicher, aber notwendiger Gedanke. Heute sind wir drei noch zusammen.
Und wir werden die Nacht über wach bleiben. Wir beide werden reden an
ihrem Lager. Und wenn ich nun so denke, wie du da eines Tages mit der
Bitte, Forderung und Frage anlangtest, in die Schule aufgenommen zu
werden, packt mich eine unerhörte Lebens- und Lachlust. Ich bin über
Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch jetzt, wie du so da bist, Jakob,
bedeutet es grünende und kräftig knospende Jugend, dieses
Vierziger-Alter. Mit dir, du Gemüt von einem Jungen, ist frisches, ist
überhaupt erst Leben über mich und in mich hineingekommen. Ich habe
hier, siehst du, hier im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon ganz
eingetrocknet, habe mich hier geradezu begraben. Ich haßte, haßte, haßte
die Welt. Unsagbar ist von mir alles dies Wesen, Bewegen und Leben
gehaßt und gemieden worden. Da tratest du ein, frisch, dumm, unartig,
frech und blühend, duftend von unverdorbenen Empfindungen, und ganz
natürlich schnauzte ich dich mächtig an, aber ich wußte es, so wie ich
dich nur sah, daß du ein Prachtbursche seiest, mir, wie es mir vorkam,
vom Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden Gott mir gesandt
und geschenkt. Ja, dich brauchte ich gerade, und ich lächelte immer
heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest, um mich mit deinen
reizenden Frechheiten und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gemälde
erschienen, zu belästigen. O nein, zu betören. Ruhig, Benjamenta, ruhig.
-- Hast du es, sage mir das, nie bemerkt, daß wir Zwei Freunde waren?
Doch still. Und wenn ich dann so meine Würde vor dir bewahrte, o dann
hätte ich sie zerreißen mögen, zerreißen in Fetzen. Wie rasend förmlich
du dich sogar heute noch vor mir verbeugt hast! Doch höre, wie ist es
eigentlich nur mit dem Wutanfall von neulich? Habe ich dir wehtun
wollen? Wollte ich mir selber einen tödlichen Streich versetzen?
Vielleicht weißt du es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kläre mich sofort auf.
Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie? Was sagst du?« -- »Ich
weiß es nicht. Ich hielt Sie für wahnsinnig, Herr Vorsteher,« sagte
ich. Es überlief mich kalt angesichts der überströmenden Zärtlichkeit
und Lebenslust, die aus den Augen des Mannes hervorbrachen. Wir
schwiegen eine Weile. Plötzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta an
die Geschichte seines Lebens zu erinnern. Das war sehr gut. Das konnte
ihn unter Umständen zerstreuen, ihn von mörderischen neuen Anfällen
abhalten. Ich war in diesem Moment fest überzeugt, daß ich mich in den
Krallen eines halb-Verstandlosen befände, und ich sagte daher rasch,
indem mir der Schweiß über die Stirne herabrann: »Ja, Ihre Geschichte,
Herr Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie, daß ich Andeutungen
verabscheue? Sie haben mir dunkel angedeutet, daß Sie ein entthronter
Herrscher seien. Nun wohlan. Bitte, drücken Sie sich deutlich aus. Ich
bin sehr gespannt.« -- Er kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann
wurde er plötzlich geradezu böse, kleinlich böse, und er herrschte mich
im Feldwebelston an: »Abtreten. Mich allein lassen!« -- Nun, ich ließ
mir das nicht zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich. Schämte
er sich, grämte er sich um irgend etwas, dieser König Benjamenta, dieser
Löwe im Käfig? Jedenfalls war ich wieder einmal recht froh, draußen im
Korridor stehen und lauschen zu können. Es herrschte Totenstille. Ich
ging in die Kammer, zündete einen Kerzenstumpf an und vertiefte mich in
den Anblick des Bildes von Mama, das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte.
Später klopfte es an die Türe. Es war der Vorsteher, er war ganz schwarz
angezogen. »Komm,« befahl er mit eiserner Strenge. Wir gingen ins
Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen. Herr Benjamenta wies mir
mit einer leichten Handbewegung meinen Platz an. Wir setzten uns.
Gottlob, ich spürte wenigstens gar keine körperliche Müdigkeit. Das war
mir sehr lieb. Das Gesicht der Toten war schön geblieben, ja, es schien
sogar noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas: von Moment zu
Moment schien immer mehr Schönheit, Rührung und Anmut darauf
niederzufallen. Etwas wie lächelnde Vergebung jeder Art Fehltrittes
schien im Wohnzimmer zu schweben und leise zu tönen. Es zirpte so. Und
es war auf so helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts, nichts
Unheimliches. Mir wurde es schön zumut, denn schon das allein, daß ich
hier wachte, ließ mich die Ruhe, die in einer stillen Pflichterfüllung
liegt, angenehm empfinden.
»Später, Jakob,« ergriff der Vorsteher das Wort, indem wir so saßen,
»später erzähle ich dir alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich
glaube ganz fest, sogar felsenfest an deine Zustimmung. Du wirst morgen,
wenn ich dich nach deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das
weiß ich. Für heute muß ich dir sagen, daß ich kein wirklicher
abgesetzter König bin, ich meinte, ich sagte dir das nur so, des Bildes
halber. Wohl aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta, der hier neben
dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und als König fühlte, wo das
Leben vor mir zum Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft und an
Größe glaubten, wo meine Schritte mich elastisch dahin wie über
teppichähnliche Wiesen und Begünstigungen trugen, wo ich besaß, was ich
anschaute, genoß, an was ich nur flüchtig dachte, wo alles bereit war,
mich mit Befriedigung zu krönen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich
zu salben, wo ich König war, ohne es kaum zu ahnen, groß, ohne daß ich
nötig hatte, mir eine bewußte Rechenschaft davon abzulegen. In diesem
Sinne, Jakob, bin ich hoch gewesen, d. h. einfach jung und
vielversprechend, und in diesem Sinne geschah die Entfürstung und
Entthronung. Ich stürzte. Und ich zweifelte an mir und an allem. Wenn
man verzweifelt und trauert, lieber Jakob, ist man so jammervoll klein,
und immer mehr Kleinheiten werfen sich über einen, gefräßigem, raschem
Ungeziefer gleich, das uns frißt, ganz langsam, das uns ganz langsam zu
ersticken, zu entmenschen versteht. Also das mit dem König war eine
Phrase. Ich bitte dich, kleiner Zuhörer, um Entschuldigung, wenn ich
dich an Szepter und Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube ich,
daß du es eigentlich wußtest, wie es mit diesen gestammelten und
geseufzten Königreichen im Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig
gemütlicher komme ich dir jetzt vor? Jetzt, da ich kein König mehr bin?
Denn das gibst du doch selbst zu, daß solche Herrscher, wenn sie
genötigt sind, Unterricht usw. zu erteilen und Institute zu eröffnen,
gewiß unheimliche Patrone wären. Nein, nein, ich war nur zukunftsstolz
und -froh: das sind meine Ländereien und königlichen Einkünfte gewesen.
Dann war ich lange, lange Jahre entmutigt und entwürdigt. Und nun bin
ich wieder, d. h. fange an, wieder ich selber zu sein, und es ist mir,
als hätte ich eine Million geerbt, ach was, Million geerbt, nein, es ist
mir, als wäre ich -- -- zum Herrscher erhoben und gekrönt worden.
Allerdings kommen mir immer wieder die dunklen, grauenhaft dunklen
Stunden, wo mir alles schwarz vor den Augen und hassenswert vor dem
gleichsam, versteh' mich, verbrannten und verkohlten Gemüt wird, und in
solchen Stunden zwingt es mich, zu zerreißen, zu töten. O meine Seele,
du, würdest du, trotzdem du das nun weißt, bei mir bleiben? Könntest du
dich, vielleicht aus einfacher menschlicher Neigung zu mir, oder aus
irgend einer andern dir zusagenden Empfindung, dazu entschließen, der
Gefahr, die dir mit dem Zusammensein mit mir Unmenschen droht, zu
trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist du solch ein Trotzkopf?
Und nimmst du das alles nicht übel? Übel? Ach was, Dummheiten. Übrigens
weiß ich es ja, Jakob, daß wir zusammen leben werden. Es ist
entschieden. Wozu dich noch fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen
früheren Zögling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein Zögling. Ich
will nicht mehr bilden und lehren, sondern ich will leben und lebend
etwas wälzen, etwas tragen, etwas schaffen. O, es läßt sich so herrlich,
so herrlich leiden mit solch einem Herzen von Kameraden. Ich besitze,
was ich besitzen wollte, und drum ist mir, könnte ich alles, ertrüge und
litte ich fröhlich alles. Kein Gedanke, kein Wort mehr. Bitte, schweige.
Du sagst mir morgen, nachdem man mir dieses Leben da, das da auf dem
Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich die rein äußerliche
Feierlichkeit habe abstreifen dürfen und in eine innerliche habe
umwandeln dürfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du sagst nein. Wisse,
du bist ja jetzt vollkommen frei. Du kannst sagen und tun, was dir
beliebt.« -- Ich sagte ganz leise, zitternd vor Verlangen, diesen mir
etwas allzu zuversichtlichen Menschen ein wenig zu erschrecken: »Aber
der Brotkorb, Herr Vorsteher? Den andern verschaffen Sie Unterkommen,
und gerade mir nicht? Das finde ich seltsam. Das ist nicht recht. Und
ich bestehe darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen
Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt in Stellung und Amt
gehen.« -- Ah, er zuckte zusammen. Er erschrak. Wie mußte ich innerlich
kichern. Teufeleien sind doch das Netteste am Leben. Herr Benjamenta
sagte traurig: »Du hast recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines
Abgangszeugnisses eine Stelle zu verschaffen. Gewiß, du hast vollkommen
recht. Nur dachte ich, nur -- dachte ich -- --, du machtest eine
Ausnahme.« -- Ich rief wie in zündender Entrüstung: »Ausnahme? Ich mache
keine Ausnahmen. Niemals. Das schickt sich nicht für den Sohn eines
Großrates. Meine Bescheidenheit, meine Geburt, alles, was ich empfinde,
verbietet mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen bekommen
haben.« -- Von da an sprach ich kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn
Benjamenta einer sichtbaren, für mich schmeichelhaften Unruhe zu
überlassen. Den Rest der Nacht verbrachten wir schweigend.