Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. Hand geschüttelt und adieu

gesagt. Und fort. Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz die

Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat aber gerade das Passende

vergessen, und so sagt man nichts oder irgend eine Dummheit.

Abschiednehmen und -geben ist greulich. In solchen Momenten rüttelt es

am Menschenleben, und man fühlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche

Abschiede sind unliebevoll, und lange sind unerträglich. Was tut man?

Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. -- Fräulein Benjamenta sagte

mir etwas sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich sterbe. Erschrick

nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. Sag', warum bist du nur so mein

Vertrauter geworden? Ich habe dich gleich von Anfang an, als du hier

eintratest, für nett gehalten, für zart. Bitte, mach' keine

falsch-aufrichtigen Einwendungen. Du bist eitel. Bist du eitel? Höre,

ja, es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen? Du mußt nämlich

schweigen über das, was du jetzt erfährst. Vor allen Dingen darf dein

Herr Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, präge dir das fest ein. Doch

ich bin vollkommen ruhig, und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst

Wort halten und deinen Mund halten können, ich weiß es. Es nagt an mir,

und ich sinke in etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das ist so

traurig, mein lieber junger Freund, so traurig. Ich mute dir Stärke zu,

nicht wahr, Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark bist. Du hast

Herz. Kraus würde mich nicht zu Ende anhören können. Ich finde es so

hübsch, daß du nicht weinst. O es würde mich widerlich berühren, wenn

jetzt schon, jetzt schon deine Augen feucht würden. Das alles hat noch

Zeit. Und du horchst so schön. Du hörst meine elende Geschichte an wie

etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches, wie etwas, das einfach nur

Aufmerksamkeit heischt, weiter nichts, und so horchst du. Du kannst dich

ganz riesig gut benehmen, wenn du dir recht Mühe gibst. Freilich,

hochmütig bist du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen Ton

jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein Wort) steht dicht hinter mir.

Sieh', so, wie ich jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen

kalten scheußlichen Atem an, und ich sinke, sinke vor diesem Atem. Die

Brust preßt es mir ab. Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das

traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch du mußt das alles jetzt

noch vergessen, hast du gehört? Vergessen! Ich komme wieder zu dir, so

wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir geht. Nicht wahr, du wirst

es zu vergessen suchen. Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne

berühren. Du bist brav.« -- Sie zog mich ganz leicht an sich und drückte

mir so etwas wie Hauch auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, war

gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still und überließ mich meinen

Gedanken. Gedanken? I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir Geld

mangle. Das war mein Gedanke. So bin ich, so roh und so gedankenlos. Und

dann ist die Sache ja die: herzliche Erschütterungen senken etwas wie

Eiseskälte in meine Seele hinein. Unmittelbar zur Trauer veranlaßt,

entschlüpft mir die Trauer-Empfindung vollständig. Ich lüge nicht gern.

Überhaupt mir gegenüber lügen: was hätte das für einen Sinn? Ich lüge wo

anders, aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß der Kuckuck, da lebe

ich, und Fräulein Benjamenta sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der

ich sie anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, das ist es. Doch

halt. Zu sehr heruntermachen will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig,

und deshalb -- --. Lügen sind das, lauter Lügen. Ich habe das ja alles

eigentlich gewußt. Gewußt? Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht

möglich, mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche ich Fräulein und

schweige über diese Geschichte. Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr

gehorche, ist sie am Leben. --

Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin meiner Natur nach ein

ausgezeichneter Soldat), gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter

Napoleons Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab nach Rußland. Mit

meinen Kameraden stünde ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und

die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten verbänden uns wie zu etwas

zusammenhängend Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. Ja, der

Grimm, der unbewußte, stumpfe Zorn, der verbände uns. Und wir

marschierten, immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, durch die wir

zögen, würde uns eine müßige, schlaffe, durch den Tritt unserer Füße

entmoralisierte Menschenmenge begaffen. Aber dann würde es keine Städte

mehr geben, oder nur noch ganz selten, sondern unabsehbare

Länderstrecken würden sich vor unsern Augen und Beinen nach dem dünnen

Horizont hinschleichen. Das Land kröche und schliche förmlich. Und nun

würde der Schnee kommen und uns einschneien, aber immer würden wir

weitermarschieren. Die Beine, das wäre jetzt alles. Stundenlang würde

mein Blick zur nassen Erde gesenkt sein. Ich würde Muße haben zur Reue,

zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer würde ich Schritt halten, Beine

hin und her werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens gliche unser

Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin und wieder erschien in weiter,

weiter Ferne ein äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines

Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden wir wissen, daß jenseits

dieses Waldes, an dessen Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich

weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit zu Zeit fielen Schüsse. Bei

diesen vereinzelten Tönen würden wir uns an das erinnern, was käme, an

die Schlacht, die da eines Tages geschlagen werden würde. Und wir

marschierten. Die Offiziere würden mit traurigen Mienen umherreiten,

Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie gejagt von ahnungsvollem

Entsetzen, am Zug vorüber. Man würde an den Kaiser, an den Feldherrn

denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, man würde ihn sich vorstellen,

und das gewährte Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose

kleine, aber furchtbare Unterbrechungen hemmten für kurze Zeiten den

Marsch. Doch das würde man kaum merken, sondern marschierte weiter. Dann

kämen mir die Erinnerungen, nicht deutliche, und doch überdeutliche. Sie

würden mir am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen Beute,

sie würden mich ins Heimatlich-Trauliche versetzen, an den goldenen, von

zarten Nebeln bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich würde Kuhglocken

schallen und ans Gemüt schlagen hören. Ein liebkosender Himmel böge sich

wasserfarbig und tonreich über mir. Der Schmerz würde mich beinahe

verrückt machen, doch ich marschierte weiter. Meine Kameraden zur linken

und zur rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann, das bedeutete

alles. Das Bein würde arbeiten wie eine alte, aber immer noch gefügige

Maschine. Brennende Dörfer würden den Augen ein täglich wiederholter,

schon ganz uninteressanter Anblick sein, und über Grausamkeiten

unmenschlicher Art würde man sich nicht wundern. Da fiele eines Abends,

in der immer bitterer werdenden Kälte, mein Kamerad, er könnte ja

Tscharner heißen, zu Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber:

»Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und man marschierte

weiter. Dann, eines Mittags, sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch

er würde lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, diesem Menschen fiele es

nicht ein, seine Soldaten durch eine düstere Miene zu entnerven und zu

entmutigen. Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige Schlachten

gewonnen, marschierten wir in dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen

Märschen, würde es endlich zum Schlagen kommen, und es ist möglich, daß

ich am Leben bliebe und wieder weitermarschierte. »Jetzt geht es nach

Moskau, du!« würde einer in unserer Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich

weiß nicht was für Gründen darauf, ihm zu antworten. Ich wäre nur noch

der kleine Bestandteil an der Maschine einer großen Unternehmung, kein

Mensch mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern, nichts von Verwandten,

Liedern, persönlichen Qualen oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen

Sinn und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und Geduld würde mich zu

einem festen, undurchdringlichen, fast ganz inhaltlosen Körper-Klumpen

gemacht haben. Und so ginge es weiter, nach Moskau zu. Ich würde das

Leben nicht verfluchen, dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden,

kein Weh mehr empfinden, das Weh mit all seinen jähen Zuckungen würde

ich längst ausempfunden und fertigempfunden haben. Das ungefähr, glaube

ich, hieße Soldat unter Napoleon sein.

»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus zu mir, eigentlich ganz

ungerechtfertigt, »du gehörst zu denen, die sich, so wertlos sie sein

mögen, über gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich weiß es schon,

schweig' nur. Du willst in mir einen sauren Pädagogen und Rechthaber

erblickt haben. Geh' mir. Und was fühlst du denn, du und deinesgleichen,

Prahlhanse, was ihr seid, was ernst-sein und achtsam-sein eigentlich

sagen will. Du bildest dir auf deine springerische und tänzerische

Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne Zweifel ebenso viel Recht,

nicht wahr, Königreiche ein? Du Tänzer, o ich durchschaue dich. Immer

lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst du, das verstehst du

vortrefflich, ja, ja, darin seid ihr, du und deine Stammesbrüder,

Meister. Aber gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter,

Blitz und Donner und Schicksalsschläge, gewiß noch nicht abgeschafft

worden. Wegen eurer Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten sich

dem Schaffenden, überhaupt Lebendigen, gewiß nicht plötzlich weniger

Schwierigkeiten. Lerne du auswendig, das, was dir als Lektion

vorschweben sollte, statt mir zeigen zu wollen, daß du auf mich

herablachen kannst. Ist das ein Herrchen! Es will mir dartun, daß es

sich brüsten kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß Kraus solche

armseligen Schauspielereien einfach verachtet. Mach' etwas! Man kann dir

das nicht dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. Weißt du was,

Jakob, Herr des Daseins: laß mich in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich

bin überzeugt, es fallen dir welche vor die Füße, und du wirst sie nur

aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt euch ja, alles kommt euch

entgegen, euch Besenbinder. Was? Du hast die Hände noch in der Tasche?

Zwar, ich begreife es. Wem gebratene Tauben in den Mund fliegen, warum

sollte der sich noch je überhaupt Mühe geben, so auszusehen wie einer,

auf den eine Tat, eine Arbeit, eine händefordernde Anstrengung

hinzutreten könnte? Bitte, gähne noch ein wenig. Es macht sich dann

besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu bescheiden aus. Oder

willst du mir ein paar Vorschriften erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr

gespannt. Ach, mach' daß du wegkommst. An deiner albernen Gegenwart

werde ich sonst noch ganz und gar an mir selbst irre, du altes

-- -- -- ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet einen zu

sündhaften Ausdrücken, der Ärgerniserreger, was er ist. Mach' dich

unsichtbar oder beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand verlierst

du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's schon gesehen. Aber wozu rede

ich mit einem Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, wenn du kein

Narr wärst. Wenn du mir das gestehst, will ich dir um den Hals fallen.«

-- »O Kraus, liebster aller Menschen,« sagte ich, »du höhnst, du

spottest? Kann das Kraus? Ist das möglich?« -- Ich lachte hell auf und

schlenderte in meine Kammer. Bald ist hier im Institut Benjamenta alles

überhaupt nur noch ein Schlendern. Es sieht hier aus, als wenn so etwas

wie »die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. Vielleicht irrt sich

auch Fräulein Benjamenta. Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns

vielleicht alle.

Ich bin jetzt ein Krösus. Zwar, was das schätzenswerte Geld anbetrifft

-- -- still, nicht von Geldern reden. Ich führe ein sonderbares

Doppelleben, ein geregeltes und ein ungeregeltes, ein kontrolliertes und

ein unkontrollierbares, ein einfaches und ein höchst kompliziertes. Was

will Herr Benjamenta sagen, wenn er bekennt, noch nie einen Menschen

geliebt zu haben? Was hat es zu bedeuten, daß er mir, seinem Eleven und

Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven, junge, den Zweigen und

Stämmen entrissene, dem unbarmherzigen Sturmwind überlieferte, übrigens

schon ein wenig gelbliche Blätter. Ist Herr Benjamenta ein Sturmwind?

Sehr wohl denkbar, denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt, das

Brausen und Zürnen und dunkle Sichentladen dieses Sturmwindes zu spüren.

Und dann ist er ja so allmächtig, und ich Zögling, wie winzig bin ich.

Still, nicht von Allmacht reden. Man irrt sich stets, wenn man große

Worte in den Mund nimmt. Herr Benjamenta ist der Erschütterung und

Schwäche so fähig, so sehr fähig, daß es beinahe zum Lachen, vielleicht

sogar zum Grinsen ist. Ich glaube, alles, alles ist schwach, alles muß

wie Würmer zittern. Nun ja, und diese Erleuchtung, diese Gewißheit macht

mich zum Krösus, d. h. zum Kraus. Kraus liebt und haßt nichts, daher ist

er ein Krösus, es grenzt etwas in ihm ans Unanfechtbare. Wie ein Felsen

ist er, und das Leben, die stürmische Welle, zerspritzt sich an seinen

Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll behangen von Tugenden.

Man kann ihn kaum lieben, von hassen schon gar keine Rede. Das Hübsche,

Anziehende mag man gern, und daher ist auch das Schöne und Hübsche der

Gefahr des Gefressenwerdens oder Mißbrauchtwerdens in so hohem Maße

ausgesetzt. An Kraus heran wagen sich keine verzehrenden, fressenden

Lebens-Zärtlichkeiten. Wie verloren eigentlich, aber doch, wie fest, wie

unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott. Doch das versteht niemand, und

auch ich -- -- -- manchmal rede und denke ich geradezu über den eigenen

Verstand. Ich hätte daher vielleicht Pfarrer, Anführer einer religiösen

Sekte oder Strömung werden sollen. Nun, das kann ich ja noch. Ich kann

noch alles Mögliche aus mir machen. Aber Benjamenta? -- Ich weiß es

genau, er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte erzählen. Es

wird ihn drängen zu Offenheiten, zu Erzählungen. Sehr wahrscheinlich.

Und merkwürdig: manchmal ist mir, als wenn ich mich von diesem Mann,

diesem Riesen, nie trennen sollte, nie mehr, als ob wir beide in Eines

verschmolzen wären. Aber man irrt sich ja immer. Gefaßt, einigermaßen

gefaßt sein, das will ich. Auch nicht zu sehr, nein. Zu sehr gefaßt sein

hieße zu frech sein. Wozu Bedeutsames im Leben gewärtigen? Muß das sein?

Ich bin ja etwas so Kleines. Daran, daran halte ich ungebunden fest,

daran, daß ich klein, klein und nichtswürdig bin. Und Fräulein

Benjamenta? Wird sie wirklich sterben? An das wage ich nicht zu denken,

und ich darf auch nicht. Ein höheres Empfinden verbietet es mir. Nein,

ich bin kein Krösus. Und was das Doppelleben betrifft, so führt

jedermann eigentlich ein solches. Wozu sich da brüsten? Ach, all diese

Gedanken, all dieses sonderbare Sehnen, dieses Suchen, dieses

Hände-Ausstrecken nach einer Bedeutung. Mag es träumen, mag es schlafen.

Ich lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen.

Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am ganzen Körper. Es flackert

vor meinen Augen wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas Furchtbares

ist geschehen, scheint geschehen, kaum bin ich meiner selber und dessen

bewußt, was vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt und hat

mich -- erwürgen wollen. Ist das wahr? O weh, alle meine Gedankenkräfte

schwinden, und ich kann mir nicht sagen, ob alles das wahr ist, was da

vorging. Aber ich merke an der Zerrüttung, die mich beherrscht, daß es

wahr ist. Der Vorsteher kam in eine unbeschreibliche Wut hinein. Er

glich einem Simson, jenem Mann aus der Geschichte Palästinas, der an den

Säulen eines hohen, menschenerfüllten Hauses rüttelte, bis der

festliche, lüsterne Palast, bis der steinerne Triumph, bis die Bosheit

zusammenstürzte. Zwar hier, d. h. vor kaum einer Stunde, war ja durchaus

keine Bosheit, keine Niedertracht umzuwerfen, und Säulen und Pfeiler gab

es ebenfalls keine, aber es sah doch so aus, genau so, und ich geriet in

eine nie vorher gekannte, hasenartige, schreckliche Angst hinein. Ja,

ein Hase war ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache zur

hasenartigen Flucht, sonst wäre es mir sicher elend ergangen. Ich

entschlüpfte mit, ich kann es nicht anders sagen, wunderbarer

Behendigkeit seinen zusammenschnürenden Fäusten, und ich glaube, ich

habe ihn, den großen Herrn Benjamenta, den Riesen Goliath, sogar in den

Finger gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische Biß mir das

Leben, denn es ist leicht möglich, daß der Schmerz, den die Wunde ihm

beibrachte, ihn plötzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft und

Menschlichkeit erinnerte, derart, daß ich einer groben Verletzung des

zöglinghaften Anstandes möglicherweise das Leben zu verdanken habe.

Gewiß, die Gefahr, erdrückt zu werden, lag nahe, aber, wie ist das alles

gekommen, wie war das alles möglich? Gleich einem Rasenden hat er sich

auf mich gestürzt. Geworfen hat er sich mit seinem mächtigen Körper auf

mich wie ein dunkles Stück verrückt gewordenen Jähzornes; wie eine

Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu zerschmettern an den harten

Wasserwänden. Ich fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewiß, aber ich

bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt und erschüttert. »Was machen

Sie da, verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?« schrie ich aus und rannte

wie besessen zur Bureautüre hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie

ich mit heiler Haut im Korridor stand, schob ich, allerdings zitternd

mit all meinen Gliedern, mein Ohr ans Schlüsselloch und horchte. Da

hörte ich's leise lachen. Ich stürzte hierher an den Schultisch, und

hier bin ich, und ich weiß nicht, ob ich das geträumt, oder ob ich das

tatsächlich erlebt habe. Nein, nein, es ist, es ist Tatsache. Wenn doch

nur Kraus käme. Mir ist doch ein wenig bange. Wie nett wäre es, wenn der

gute Kraus käme und mir wieder ein wenig, wie schon so oft, die Leviten

läse. Ich möchte ein wenig ausgeschimpft, abgekanzelt, verknurrt und

verdonnert werden, das würde mir unsagbar wohltun. Bin ich ein Kind? --

Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich,

wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so

gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb. Ich finde an dummen

Streichen noch ebenso viel Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es

ja, ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht. Meinem Bruder habe

ich ganz früh einmal ein Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein

Geschehnis, kein dummer Streich. Gewiß, Dummheiten und Jungenhaftigkeiten

gab es die Menge, aber der Gedanke interessierte mich immer mehr als die

Sache selber. Ich habe früh begonnen, überall, selbst in den dummen

Streichen, Tiefes herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das ist

ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde ich nie Äste und Zweige

ausbreiten. Eines Tages wird von meinem Wesen und Beginnen irgend ein

Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein wenig, wie zu meinem eigenen

Vergnügen, duften, und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen dummen,

hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. Die Arme und Beine werden mir

seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles

wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur

so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre

so dahinleben und -sterben. Ich werde alt werden. Doch ich habe kein

Bangen vor mir. Ich flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere

ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt. O

in Wärme kommen! Wie herrlich! Ich werde immer wieder in Wärme kommen

können, denn mich wird niemals etwas Persönliches, Selbstisches am

Warmwerden, am Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie glücklich

bin ich, daß ich in mir nichts Achtens-und Sehenswertes zu erblicken

vermag. Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein

Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluß gebieten, ich würde

die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber

würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur

in den untern Regionen atmen.

Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die hier -- immer noch --

gelten, einig, wenn sie befehlen, daß die Augen des Zöglings und

Lebenslehrlings glänzen müssen vor Munterkeit und gutem Willen. Ja,

Augen müssen Festigkeit der Seele ausstrahlen. Ich verachte Tränen, und

doch habe ich geweint. Allerdings mehr innerlich, aber das ist

vielleicht gerade das Schauderhafteste. Fräulein Benjamenta sagte zu

mir: »Jakob, ich sterbe, weil ich keine Liebe gefunden habe. Das Herz,

das kein Würdiger zu besitzen, zu verwunden begehrt hat, es stirbt

jetzt. Ich sage dir adieu, Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du und

die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am Bett, in dem ich liegen

werde. Klagen werdet ihr, leise klagen. Und jeder von euch, ich weiß

es, wird eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch feuchte Blume

auf das Laken legen. Laß mich dich, junges Menschenherz, ganz ins

geschwisterliche, ins lächelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir, Jakob, etwas

anzuvertrauen, das ist so natürlich, denn man meint, du, der du so

aussiehst wie jetzt, du müßtest für alles und jedes, selbst für das

Unsagbare und Unhörbare, ein Ohr, eine horchende Brust, ein Auge, eine

Seele und ein mitleidendes, mitempfindendes Verständnis haben. Ich gehe

am Unverständnis derjenigen, die mich hätten sehen und fassen sollen, am

Wahn der Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit des Zauderns

und des Nicht-recht-mögens zugrunde. Man glaubte mich eines Tages zu

lieben, und mich zu haben zu wünschen, doch man zauderte, man ließ mich

stehen, und auch ich zauderte, aber ich bin ja ein Mädchen, ich mußte

zaudern, ich durfte und sollte es. Ah, wie hat mich die Untreue

betrogen, wie haben mich Leerheit und Fühllosigkeit eines Herzens

gepeinigt, an das ich glaubte, weil ich glaubte, es sei voll von echten,

drängenden Gefühlen. Etwas, das überlegen und unterscheiden kann, ist

kein Gefühl. Ich spreche zu dir von dem Mann, an den anmutige süße

Träume mich glauben, unbedenklich glauben hießen. Ich kann dir nicht

alles sagen. Laß mich lieber schweigen. O das Vernichtende, das mich

tötet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle, die mich brechen! -- Doch

genug. Sage, hast du mich lieb, wie junge Brüder Schwestern lieb haben?

Schon gut. Jakob, nicht wahr, es ist alles ganz gut, so wie es ist?

Nein, nicht wahr, wir beide, wir wollen nicht grollen, nicht zweifeln?

Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu begehren haben, ist schön?

Oder nicht? Ja, ja doch. Das ist schön. Komm' und laß mich dich küssen,

ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich. Ich weiß, du weinst nicht

gern, aber jetzt laß uns ein wenig zusammen weinen. Und ganz still

jetzt, ganz still.« Sie fügte nichts mehr hinzu. Es war, als wenn sie

vieles noch hätte sagen wollen, doch als wenn sie für ihre Empfindungen

keine Worte mehr fände. Draußen im Hof schneite es in nassen großen

Flocken. Das erinnerte mich an den Schloßhof, an die innern Gemächer, wo

es ebenfalls in nassen großen Flocken geschneit hatte. Die innern

Gemächer! Und ich dachte mir immer, Fräulein Benjamenta sei die Herrin

dieser innern Gemächer. Ich habe sie mir immer als zarte Prinzessin

gedacht. Und jetzt? Fräulein Benjamenta ist ein leidender feiner

weiblicher Mensch. Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages da

drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr sein, und um die leblose

Stirne werden sich die Haare trügerisch kräuseln. Doch wozu sich das

ausmalen? Jetzt gehe ich zum Vorsteher. Er hat mir sagen lassen, ich

solle zu ihm kommen. Auf der einen Seite eine Mädchenklage und -leiche,

auf der andern Seite ihr Bruder, der noch gar nicht gelebt zu haben

scheint. Ja, Benjamenta kommt mir wie ein ausgehungerter, eingesperrter

Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe mich in den gähnenden Rachen hinein?

Nur hinein! Mag er seinen Mut kühlen an einem wehrlosen Zögling. Ich

stehe ihm zur Verfügung. Ich fürchte ihn, und zugleich ist etwas in mir,

das ihn auslacht. Außerdem ist er mir ja noch die Erzählung seiner

Lebensgeschichte schuldig. Er hat mir das fest versprochen, und ich

werde ihn daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir vor: noch gar

nicht gelebt hat er. Will er sich jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er

etwa gar Verbrechenausüben Ausleben? Das wäre dumm, sehr dumm, und

gefährlich. Aber es zwingt mich! Ich muß zu diesem Menschen hineingehen.

Eine Seelengewalt, die ich nicht verstehe, nötigt mich, ihn immer wieder

von neuem aushorchen, ausforschen zu gehen. Mag mich der Vorsteher

fressen, mit andern Worten, mir Leid und Schmach antun. Jedenfalls bin

ich dann an etwas Großherzigem zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins

Kontor. Die arme Lehrerin! --

Jakob von Gunten: Ein Tagebuch · 第 9 / 11 段