Aber während ich so saß und wachte, überfiel mich doch der Schlaf. Zwar

nicht lang, eine halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas länger, war

ich der Wirklichkeit entrückt. Mir träumte (der Traum schoß von der

Höhe, ich erinnere mich, gewaltsam, mich mit Strahlen überwerfend, auf

mich nieder), ich befände mich auf einer Bergmatte. Sie war ganz

dunkelsamtgrün. Und sie war mit Blumen wie mit blumenhaft gebildeten und

geformten Küssen bestickt und besetzt. Bald erschienen mir die Küsse wie

Sterne, bald wieder wie Blumen. Es war Natur und doch keine, Bildnis und

Körper zugleich. Ein wunderbar schönes Mädchen lag auf der Matte. Ich

wollte mir einreden, es sei die Lehrerin, doch sagte ich mir rasch:

»Nein, das kann es nicht. Wir haben keine Lehrerin mehr.« Nun, dann war

es halt jemand anderes, und ich sah förmlich, wie ich mich tröstete, und

ich hörte den Trost. Es sagte deutlich: »Ah bah, laß das Deuten.« -- Das

Mädchen war schwellend und glänzend nackt. An dem einen der schönen

Beine hing ein Band, das im Wind, der das Ganze liebkoste, leise

flatterte. Mir schien, als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke

süße Traum. Wie war ich glücklich. Ganz flüchtig dachte ich an »diesen

Menschen«. Natürlich war es Herr Vorsteher, an den ich so dachte.

Plötzlich sah ich ihn, er war hoch zu Roß und war bekleidet mit einer

schimmernd schwarzen, edlen, ernsten Rüstung. Das lange Schwert hing an

seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte kampflustig. »Ei, sieh da!

Der Vorsteher zu Pferd',« dachte ich, und ich schrie, so laut ich

konnte, daß es in den Schluchten und Klüften ringsum widerhallte: »Ich

bin zu einem Entschluß gekommen.« -- Doch er hörte mich nicht. Qualvoll

schrie ich: »Heda, Herr Vorsteher, hören Sie.« Nein, er wandte mir den

Rücken. Sein Blick war in die Ferne, ins Leben hinab- und

hinausgerichtet. Und nicht einmal den Kopf bog er nach mir. Mir

scheinbar zuliebe rollte jetzt der Traum, als wenn er ein Wagen gewesen

wäre, Stück um Stück weiter, und da befanden wir uns, ich und »dieser

Mensch«, natürlich niemand anders als Herr Benjamenta, mitten in der

Wüste. Wir wanderten und trieben mit den Wüstenbewohnern Handel, und wir

waren ganz eigentümlich belebt von einer kühlen, ich möchte sagen,

großartigen Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide dem, was

man europäische Kultur nennt, für immer, oder wenigstens für sehr, sehr

lange Zeit entschwunden gewesen seien. »Aha,« dachte ich unwillkürlich,

und wie mir schien, ziemlich dumm: »Das war es also, das!« -- Aber was

es war, was ich da dachte, konnte ich nicht enträtseln. Wir wanderten

weiter. Da erschien ein Haufe von uns feindlich gesinnten Menschen, wir

aber zerstreuten ihn, ohne daß ich eigentlich sah, wie das zuging. Die

Erdgegenden schossen mit den Wandertagen blitzartig vorüber. Ich empfand

die Erfahrung von ganzen vorüberwinkenden, langen, schwer zu ertragen

gewesenen Jahrzehnten. Wie war doch das eigentümlich. Die einzelnen

Wochen sahen sich an wie kleine, glitzernde Steinchen. Es war lächerlich

und herrlich zugleich. »Der Kultur entrücken, Jakob. Weißt du, das ist

famos,« sagte von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein Araber aussah.

Wir ritten auf Kamelen. Und die Sitten, die wir sahen, entzückten uns.

Es war etwas Unverständlich-Mildes und Zartes in den Bewegungen der

Länder. Ja, mir war es, als marschierten, nein eher, als flögen die

Länder. Das Meer zog sich majestätisch dahin wie eine große blaue nasse

Welt von Gedanken. Bald hörte ich Vögel schwirren, bald Tiere brüllen,

bald Bäume über mir rauschen. »Also bist du nun doch mitgekommen. Ich

wußte es ja,« sagte Herr Benjamenta, den die Indier zum Fürsten erhoben

hatten. Wie toll! So grauenhaft überspannt es ist: Tatsache war, daß wir

in Indien Revolution machten. Und scheinbar glückte uns der Streich. Es

war so köstlich zu leben, das fühlte ich in allen Gliedern. Das Leben

prangte vor unsern weitausschauenden Blicken wie ein Baum mit Zweigen

und Ästen. Und wie stunden wir fest. Und durch Gefahren und Erkenntnisse

wateten wir wie in eiskaltem, aber unserer Hitze wohltuendem Flußwasser.

Ich war immer der Knappe, und der Vorsteher war der Ritter. »Schon

gut,« dachte ich mit einmal. Und wie ich das dachte, erwachte ich und

schaute mich im Wohnzimmer um. Herr Benjamenta war ebenfalls

eingeschlafen. Ich weckte ihn, indem ich ihm sagte: »Wie können Sie

einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß

ich mich entschlossen habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.« --

Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete viel.

Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und ich, wir sind mit Packen,

mit richtigem Zusammenpacken, Abbrechen, Aufräumen, Auseinanderzerren,

Schieben und Rücken beschäftigt. Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt

dieser Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das

Leben Wallungen verlangt, nicht Überlegungen. Meinem Bruder werde ich

heute Adieu sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen. Mich bindet

nichts, verpflichtet nichts, zu sagen: »Wie wär's, wenn ich -- --« Nein,

es gibt nichts mehr zu wären und zu wennen. Fräulein Benjamenta liegt

unter der Erde. Die Eleven, meine Kameraden, sind zerstoben in allerlei

Ämtern. Und wenn ich zerschelle und verderbe, was bricht und verdirbt

dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur eine Null. Aber weg jetzt

mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben. Ich gehe mit Herrn

Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der Wildnis

nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes wollen und tun und

nachts schlafen und träumen läßt. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts

mehr denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird mit mir sein. Was

brauche ich da an ihn zu denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun

denn adieu, Institut Benjamenta.

Jakob von Gunten: Ein Tagebuch · 第 11 / 11 段