war gegen Abend. Es war irgendwo etwas Rötliches, wie ein Abglanz von
einem gewaltig-schönen Sonnenuntergang. Wir stunden an meiner
Kammertüre. Ich hatte eben eintreten und mich meinen Ahnungen so ein
wenig überlassen wollen. »Fräulein Benjamenta,« sagte ich, »zweifeln Sie
am Ernst und an der Ehrlichkeit meines Strebens? Bin ich ein Schwindler,
ein Gaukler in Ihren hochverehrten Augen?« -- Ich glaube, ich blickte
geradezu tragisch, als ich das sagte. Sie wandte mir ihr schönes Gesicht
zu und sagte: »Bewahre, aber bewahre. Du bist ein netter Junge. Heftig
bist du, aber du bist mir lieb, recht, anständig und angenehm. Bist du
zufrieden? He? Was? Du bringst auch dein Bett immer noch hübsch jeden
Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften allen gehorchst du wohl
auch schon längst nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist ein ganz
braver Mensch, ich glaube es. Und man kann dich nicht genug mit
Lobeserhebungen überschütten. Nicht genug. Ganze Eimer voll
schmeichelnder Lobsprüche, denke, ganze Kübel und Kannen voll. Mit dem
Besen muß man sie zusammenwischen, die vielen anerkennenden schönen
Worte, die dein Betragen betreffen. Nein, Jakob, jetzt ganz im Ernst,
höre. Ich muß dir etwas ins Ohr sagen. Magst du's hören, oder willst du
jetzt lieber da hinein in deine Kammer schlüpfen?« -- »Sprechen Sie,
gnädiges Fräulein. Ich höre,« sagte ich voll angstvoller Erwartung. Die
Lehrerin schauderte plötzlich jählings zusammen. Sie faßte sich aber
rasch und sagte: »Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit mir. Doch ich
kann es dir nicht sagen. Vielleicht ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr,
vielleicht morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann noch immer Zeit
genug, es dir zu sagen. Sage mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb?
Bedeute ich deiner Brust, deinem jungen Herzen irgend etwas?« -- Sie
stand mit wütend zusammengekniffenen Lippen vor mir da. Ich beugte mich
schnell auf ihre Hand, die unsagbar wehmütig an ihrem Gewand herabhing,
hinunter und küßte sie. Ich war so glücklich, es ihr so sagen zu dürfen,
was ich für sie immer empfunden hatte. »Schätzest du mich?« fragte sie
mit ganz hoher, nach der Höhe zu schon fast erstickter, gestorbener
Stimme. Ich sagte: »Wie können Sie zweifeln? Ich bin unglücklich.« --
Aber mich empörte es, daß ich fast weinen mußte. Ich ließ ihre Hand
schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an. Und sie ging, indem sie
mich beinahe bittend anschaute. -- Wie hat sich hier im einst so
herrischen Institut Benjamenta alles verändert! Es schrumpft alles
zusammen, die Übungen, der Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem
Toten- oder in einem überirdischen Freuden- und Wonnenhause? Etwas ist
los, aber ich fasse es noch nicht.
Ich wagte es, Kraus gegenüber eine Bemerkung über Benjamentas fallen zu
lassen. Es mute mich, sagte ich, wie eine Trübung des Glanzes an, den
das Institut immer besessen habe. Was das sei? Ob Kraus vielleicht
etwas wisse? -- Er wurde ärgerlich und sprach: »Mensch, du bist wohl
schwanger mit albernen Einbildungen. Was für Ideen. Schaff du. Mach du,
dann fällt dir nichts Auffallendes auf. Dieser Schnüffler. Will sich in
Meinungen und Ansichten hineinschnüffeln. Geh' mir aus den Augen. Ich
kann dich bald überhaupt nicht mehr ansehen.« -- »Seit wann bist du
grob?« sagte ich, doch ich zog es vor, ihn in Ruhe zu lassen. -- Im
Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit, mich mit Fräulein Benjamenta über
Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: »Ja, Kraus ist gar nicht wie andere
Menschen. Er sitzt da, bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann kommt
er in Bewegung und kommt herbeigesprungen. Von solchen Menschen, wie er
einer ist, macht man kein Rühmens und Aufhebens. Man rühmt Kraus
eigentlich nie, und kaum ist man ihm dankbar. Man verlangt nur von ihm:
Tu' das, und dann wieder: Tu' dies. Und man spürt kaum, daß man, und wie
vollkommen, bedient worden ist, so vollkommen ist man bedient worden.
Die Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer, der Ausüber Kraus ist
etwas, aber der macht sich gar nicht bemerkbar. Z. B. dich, Jakob, lobt
man, es macht einem Freude, dir wohl zu tun. Für Kraus hat man kein
Wort, keine Neigung übrig. Du bist ganz liederlich, Jakob, gegenüber
Kraus. Doch du bist der Nettere. Anders sage ich es dir nicht, denn das
würdest du nicht verstehen. Und Kraus verläßt uns jetzt bald. Das ist
ein Verlust, Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein Kraus mehr da ist,
wer ist dann noch da? Du, ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist
mir jetzt böse, nicht wahr. Ja, du bist mir böse, weil ich betrübt bin,
daß Kraus weggeht. Bist du eifersüchtig?« -- »Nicht doch. Auch ich
bedaure lebhaft, daß Kraus uns verläßt,« sagte ich. Ich sprach mit
Absicht sehr förmlich. Auch mir war es weh zumut geworden, doch ich fand
es passend, ein wenig Kälte zu zeigen. Später versuchte ich, mit Kraus
ins Gespräch zu kommen, aber er verhielt sich unglaublich ablehnend.
Finster saß er am Tisch und sprach zu niemandem ein Wort. Auch er
empfindet, daß irgend etwas hier nicht gut geht, er sagt nur nichts, nur
sich sagt er es.
Oft habe ich die Empfindung von einer großen innern Niederlage. Dann
stelle ich mich mitten in der Stube auf und treibe Unfug, übrigens ganz
kindischen Unfug. Ich setze Kraus' Mütze auf meinen Kopf, oder ein
volles Glas Wasser usw. Oder Hans ist da. Mit Hans kann man
gemeinschaftlich Hüte auf Köpfe hinauflancieren, daß sie oben sitzen und
kleben bleiben. Wie verachtet uns Kraus jedesmal dafür. Schacht ist in
Stellung gewesen, drei Tage, aber er ist wieder zurückgekehrt, voll
Mißmut und allerhand zornigen, schmerzlichen Ausflüchten. Habe ich es
nicht früh schon gesagt, daß es Schacht draußen in der Welt übel ergehen
wird? Er wird immer in Ämter, Aufgaben und Stellungen hineinzappeln, und
es wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er habe zu schwer arbeiten
müssen, und er erzählt von listigen, boshaften, faulen Halb-Vorgesetzten,
die es gleich bei seinem Antritt unternommen hätten, ihn mit
ungebührlichen Pflichten schalkhaft zu überhäufen und ihn zu Boden zu
quälen und zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. Nur zu willig,
d. h. ich halte für absolut wahr, was er sagt, denn kränklichen,
empfindsamen Leuten gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich roh,
gebieterisch, launisch und grausam. Nun, Schacht wird vorläufig wieder
hier bleiben. Ein wenig ausgelacht haben wir ihn, als er ankam, das muß
auch sein, Schacht ist ein junger Mensch, und er darf schließlich auch
nicht der Meinung sein, für ihn gäbe es besondere Stufen, Vorteile,
Handhaben und Rücksichten. Er hat jetzt eine erste Enttäuschung erlebt,
und ich bin überzeugt, daß er zwanzig Enttäuschungen hintereinander
erleben wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für
gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden
bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden,
leidenden Abneigung geboren. Er möchte anerkennen und willkommen heißen,
aber er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose tritt ihm
zehnfach hart und unmitleidvoll entgegen, er empfindet es eben schärfer.
Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen und
sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte
es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn sollten blasse
zarte Abendhimmelwolken tragen in das Reich: »Ach, wie ist mir?« --
Seine Hände taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit. Vor ihm
sollten Winde wehen, und hinter ihm sollten süße freundliche Stimmen
flüstern. Seine Augen sollten selig geschlossen bleiben dürfen, und
Schacht sollte wieder ruhig einschlummern dürfen, wenn er des Morgens in
den warmen, lüsternen Kissen erwachte. Für ihn gibt es im Grunde
genommen keine ziemliche Tätigkeit, denn jede Beschäftigung ist für ihn,
der so aussieht, unziemlich, widernatürlich und unpassend. Ich bin der
reine grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah, zerschmettert wird er
werden, und eines Tages wird er im Krankenhaus verenden, oder er wird,
verdorben an Leib und Seele, in einem von unsern modernen Gefängnissen
schmachten. Jetzt drückt er sich so in den Ecken der Schulstube herum,
schämt sich und zittert vor dem ihm widerwärtigen, unbekannten
Zukünftigen. Das Fräulein sieht ihn besorgt an, doch ist sie jetzt vom
eigentümlichen Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie
sich sehr um Schacht bekümmern könnte. Übrigens könnte sie ihm nicht
helfen. Ein Gott müßte und könnte das vielleicht tun, doch es gibt keine
Götter, nur einen Einzigen, und der ist zu erhaben zur Hilfe. Zu helfen
und zu erleichtern, das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, so
fühle ich wenigstens.
Fräulein Benjamenta spricht nun jeden Tag ein paar Worte mit mir, sei es
in der Küche, sei's in der manchmal ganz stillen und vereinsamten
Schulstube. Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt gewärtigte, hier
im Institut zu verbleiben. Er lernt seine Lektionen trocken und
unverdrossen, ja doch, eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat er ja
immer ausgesehen, das will nichts zu bedeuten haben. Dieser Mensch ist
keiner Voreiligkeit, keiner Ungeduld fähig. »Abwarten,« so steht es ihm
auf der ruhigen Stirn beinahe hoheitsvoll geschrieben. Ja, Fräulein sagte
das auch schon einmal, sie sagte, Kraus besitze Hoheit, und das ist wahr,
die Unscheinbarkeit seines Wesens hat etwas Unsichtbar-Herrscherartiges.
Zu meinem Fräulein wagte ich gestern zu sagen: »Wenn ich Ihnen nur ein
einziges, nur ein verschwindend kleines einziges Mal selbstbewußter
gegenübergetreten bin, als ganz befangen von Gefühlen und Fesseln der
lautersten Ehrfurcht, so will ich mich hassen, verfolgen, an Stricken
aufhängen, mit Giften tötendster Art vergiften, mit Messern, gleichviel
was für welchen, mir den Hals abschneiden. Nein, es ist ganz unmöglich,
Fräulein. Ich konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre Augen. Wie sind sie
mir immer der Befehl und das unantastbare schöne Gebot gewesen. Nein,
nein, ich lüge nicht. Ihr Erscheinen an der Türe! Ich habe hier nie
einen Himmel nötig gehabt, nie Mond, Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind
mir die höhere Erscheinung gewesen. Ich rede wahr, Fräulein, und ich muß
annehmen, daß Sie empfinden, wie fern von aller, aller Schmeichelei
diese Worte sind. Ich hasse alles zukünftige Wohlergehen, ich
verabscheue das Leben. Ja, ja. Und doch muß ich bald auch, wie Kraus,
austreten, ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir die körperliche
Gesundheit gewesen. Habe ich in einem Buch gelesen, so waren Sie es,
nicht das Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft habe ich mich
unartig benommen. Ein paarmal mußten Sie mich vor dem Hochmut, der mich
fressen und unter Trümmer unschicklicher Einbildungen begraben wollte,
warnen. Wie sank er da, wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht,
was das Fräulein Benjamenta sprach. Sie lächeln? Ja, das Lächeln, es ist
mir immer ein Antrieb zum Guten, Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind
Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel zu gut zu mir Trotzkopf. Und an
Ihrem Anblick herunter stürzten meine vielen Fehler, um Verzeihung
flehend, herunter, zu Ihren Füßen. Nein, ich mag nicht in das Leben,
nicht in die Welt hinaustreten. Ich verachte alles Zukünftige. Wenn Sie
in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt ich mich stets einen
Dummkopf. Oft habe ich Sie, denken Sie sich, ja, ich muß es gestehen, im
geheimen der Würde und der Größe berauben wollen, aber ich fand in all
meinem zusammengepeitschten Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines
Wort der Schmähung und Schmälerung dessen, was ich ein wenig verletzen
wollte. Und die Strafe war jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer,
Fräulein, immer habe ich Sie verehren müssen. Sind Sie ungehalten, daß
ich so spreche? Ich, ich bin froh, daß ich so spreche.« -- Sie schaute
mich blinzelnd an und lächelte. Sie spottete ein wenig, war aber doch
ganz zufrieden. Außerdem, das merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas
Fernabliegendem beschäftigt. Sie war wie geistesabwesend, und daher,
einzig daher habe ich ja auch nur so zu sprechen gewagt. Ich werde mich
hüten, es wieder zu tun.
Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber es fällt mir auf, daß keine
neuen Schüler ins Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr
Benjamenta in der Umwelt als Erzieher genießt oder genossen hat, im
Abnehmen oder gar im Verschwinden sein? Das wäre traurig. Doch
vielleicht ist das alles nur meine überreizte Empfindung. Ich bin hier
ein wenig nervös geworden, wenn man eine gewisse Spannung und zugleich
Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. Es ist hier alles so
zart, und man steht wie in der bloßen Luft, nicht wie auf festem Boden.
Und dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, auch das macht es
vielleicht aus. Leicht möglich. Man wartet hier immer auf etwas, nun,
das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet man sich streng das
Horchen und Warten, weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt Kräfte
in Anspruch. Oft steht das Fräulein am Fenster und sieht lange hinaus,
als lebe sie schon anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde und
Natürliche, was hier webt: wir alle, Herrschaft sowohl wie Elevenschaft,
wir leben beinahe schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur noch
vorübergehend hier atmeten, äßen, schliefen und wach stünden und
Unterricht erteilten und genössen. Etwas wie treibende, schonungslose
Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen. Horchen wir alle
hier auf das Spätere? auf irgend welches Nachherige? Auch möglich. Und
was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle ausgetreten sind und doch
keine neuen mehr kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas arm und
verlassen? Wenn ich mir das ausmale, werde ich krank, einfach krank.
Nein, niemals, niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und doch wird
es sein müssen. Sein müssen?
Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, sondern rasch und ruhig
hineingehen in das, was erfüllt werden soll. Naß werden von den
Regengüssen des Bemühens, hart und stark werden an den Stößen und
Reibungen dessen, was die Notwendigkeit fordert. Ich hasse solche klugen
Redensarten. Ich wollte an etwas ganz anderes denken. Aha, ich habe es,
es betrifft Herrn Benjamenta. Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich
necke ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen Anstellung. So frug
ich ihn auch diesmal wieder, wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen
dürfe usw. Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt immer noch
wütend werden, und ich bin stets sehr kühn, wenn ich ihn reize. Ganz
laut, barsch und unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz
verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen Ohren zu reiben. Er
hat natürlich nicht das, was man große Ohren zu nennen pflegt, seine
Ohren sind verhältnismäßig durchaus nicht zu groß, nur ist eben alles
groß an dem Mann, folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf
mich zu, lachte mich merkwürdig gutmütig an und sprach: »In die Arbeit
hinaus willst du treten, Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber
noch. Hier ist es doch für dich und deinesgleichen ganz schön. Oder
nicht? Zögere du noch ein wenig. Ich möchte dir sogar anraten, ein wenig
schlendrianisch, vergeßlich und gedankenträge zu werden. Denn siehst du,
das, was man Untugenden nennt, das spielt im Dasein des Menschen eine so
große Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen, notwendig. Wenn
Untugenden und Fehler nicht wären, es würde der Welt an Wärme, Reiz und
Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht die im Grunde
schönere, würde mit den Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben. Nein,
sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, sei so, wie du bist
und hier wurdest, aber spiele, bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst
du? Sagst du ja? Mich würde es freuen, dich ein wenig den Träumereien
verfallen zu sehen. Hänge den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt,
nicht wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll von Willen, zu voll
von Charakter. Und stolz bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich?
Meinst du, in der offenen Welt Großes erreichen, erringen zu können? Zu
müssen? Hast du ernstliche Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast
machst du mir -- leider -- diesen etwas gewaltsamen Eindruck. Oder dann
willst du vielleicht, vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch
das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu festlich, zu heftig, zu
triumphatorisch aufgelegt. Doch das alles ist ja so gleichgültig, du
bleibst noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe ich noch
lange nichts derartiges. Weißt du, mich verlangt, dich noch zu haben.
Kaum besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen? Das gibt es
nicht. Langweile dich hier im Institut so gut als du eben kannst. O,
kleiner Welteroberer, in der Welt, draußen in der Welt erst, im Beruf,
im Streben, im Erringen, da, da werden dir Meere von Langeweile, Öde und
Vereinsamung entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du dich noch ein
Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch eine Seligkeit, welch eine
Größe im Sehnen, also im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich immerhin
innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. Höre, mich würde dein Weggehen
schmerzen, es würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, beibringen,
es würde mich fast töten. Töten? Ich muß dich bitten, mich auszulachen,
aber fest. Lach' mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube es dir.
Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich ich dir zukünftig noch zu
gestatten und zu verbieten? Ich, der ich dich soeben davon überzeugt
habe, daß ich fast, fast abhängig von dir bin? Mich schaudert's, mich
empört und beglückt es zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt
habe. Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. Doch das fassest du
nicht. Geh'. Marsch. Mach' daß du hinauskommst. Ungezogener, wisse, daß
ich noch strafen kann. Fürchte dich.« -- Nun, da hatte ich es, er war
eben mit einmal wieder wütend geworden. Rasch verschwand ich aus seinen
finster mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, das! Die des Herrn
Vorstehers. Ich muß hier bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal
eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin förmlich zum Kontor
hinausgeflogen, nein, hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr mir
sagte: »Fürchte dich.« O ja, man muß sich schon zuweilen vor ihm
fürchten. Ich würde es unanständig finden, wenn ich keine Furcht kennte,
denn dann hätte ich ja auch gar keinen Mut, der doch nichts anderes ist
als das Furchtüberwindende. Wieder horchte ich draußen im Korridor am
Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz still. Ich streckte sogar ganz
läppisch und echt zöglinghaft die Zunge heraus, und dann mußte ich
lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. Natürlich ganz leise.
Es war das denkbar echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache,
nun, dann steht nichts mehr über mir. Dann bin ich etwas an Umfassen und
Beherrschen nicht zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten einfach
groß.
Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, noch habe ich die
hier geltenden Satzungen zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt,
Fragen werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir alle auf
Kommando, noch immer klopft morgens früh Kraus mit seinem ärgerlichen
»Steh' auf, Jakob« und mit seinem zornig gebogenen Finger an meine
Kammertüre, noch sagen wir Zöglinge: »Guten Tag, Fräulein,« wenn sie
erscheint, und: »Gute Nacht«, wenn sie abends sich zurückzieht. Wir
stecken noch immer in den eisernen Klauen der zahlreichen Vorschriften
und ergehen uns immer noch in lehrhaften, eintönigen Wiederholungen. Ich
bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen innern Gemächern gewesen,
und ich muß sagen, es existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber
diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem aus. Sie sind
möbliert wie die Sparsamkeit und Gewöhnlichkeit selber, und sie
enthalten durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie bin ich nur auf
die wahnsinnige Idee gekommen, daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder
träumte ich, und habe ich jetzt ausgeträumt? Es sind allerdings
Goldfische da, und Kraus und ich müssen das Bassin, in welchem diese
Tiere schwimmen und leben, regelmäßig entleeren, säubern und mit
frischem Wasser auffüllen. Ist das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes?
Goldfische können in jeder preußischen mittleren Beamtenfamilie
vorkommen, und an Beamtenfamilien klebt nichts Unverständliches und
Absonderliches. Wunderbar! Und ich habe so felsenfest an die innern
Gemächer geglaubt. Ich dachte, es müsse da hinter der Türe, durch welche
das Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen Zimmern und
Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene Wendeltreppen und breite steinerne,
teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist hinter der einfachen
Türe. Auch eine uralte Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange
heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in meiner Phantasie von
einem Ende des »Gebäudes« zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und
Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung von schönen,
aber unzuverlässigen Einbildungen gründen. Kapital, scheint mir, ist
genug da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer solcher Papiere
kommen überall vor, wo der Gedanke und Glaube ans Schöne noch nicht ganz
ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles vor. Einen Park
natürlich. Ohne Park kann ich doch gar nicht existieren. Ebenso eine
Kapelle, aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte, sondern
eine sauber renovierte, ein kleines protestantisches Gotteshaus. Der
Pfarrer saß am Frühstückstisch. Und was noch alles. Man dinierte, man
veranstaltete Jagden. Man tanzte abends im Rittersaal, an dessen hohen
dunkelhölzernen Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes hingen. Was
für eines Geschlechtes? Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es
nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt und gedichtet zu
haben. Schnee fliegen sah ich auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren
nasse, große Schneeflocken, und es war morgens früh, immer war es
dunkle, winterliche Frühe. Ach, und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja,
eine Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme Greisinnen saßen beim
kichernden, knisternden Kaminfeuer. Sie häkelten. Welch eine Phantasie,
nicht weiter zu sehen als bis dort, wo gestrickt und gehäkelt wird. Aber
mich berauschte eben gerade das. Wenn ich Feinde hätte, würden sie
sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund zu haben glauben, mich zu
verabscheuen samt der lieben traulichen Häkelei. Dann gab es wieder ein
wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von silbernen Leuchtern
herabstrahlten. Die Tafelfreude glitzerte, blendete und plauderte. Ich
stellte mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was für Frauen. Die eine
sah einer veritablen Prinzessin ähnlich, und sie war es auch. Ein
Engländer war auch da. Wie die weiblichen Kleider rauschten, wie die
Brüste, die nackten, auf und nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms
wie von schlangenhaften Linien durchzogen. Die Pracht vereinigte sich
mit der Sittsamkeit, der gute Ton mit dem Genuß, die Freude mit der
Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der Geburt. Dann schwamm das
wieder, und es kam anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie lebten,
und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. Die karge Wirklichkeit:
was ist sie doch manchmal für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen
sie nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr eben einmal, wie es
scheint, Spaß, Wehmut zu verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder
sehr lieb, schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet.