eine beiden Teilen sichtbare, verbotene Frucht. Doch wir beide drücken
uns nicht deutlich aus. Wir scheuen vor der offenen Sprache zurück, und
das ist gewiß nur zu billigen. Mir z. B. ist eigentlich die
Freundlichkeit der Behandlung unsympathisch. Ich rede im allgemeinen.
Gewisse Leute, die mir zugetan sind, sind mir zuwider, ich kann das hier
nicht nachdrücklich genug betonen. Natürlich finde auch ich an der
Milde, am Herzlichen Geschmack. Wer könnte so roh sein, alle
Vertraulichkeit, alles wärmere Wesen gänzlich zu verabscheuen. Aber ich
hüte mich stets, nahezutreten, und ich weiß nicht, ich muß darin Talent
besitzen, jemanden von der Unklugheit gewisser Annäherungen stumm zu
überzeugen, wenigstens halte ich es für schwierig, sich in mein
Vertrauen zu stehlen. Und meine Wärme ist mir kostbar, sehr kostbar, und
derjenige, der sie besitzen will, muß äußerst vorsichtig vorgehen, und
das will nun Herr Vorsteher. Dieser Herr Benjamenta will, wie es
scheint, mein Herz besitzen und Freundschaft mit mir schließen.
Vorläufig behandle ich ihn aber eisig kalt, und wer weiß: ich will
vielleicht gar nichts von ihm wissen.
»Du bist jung,« sagt Herr Vorsteher zu mir, »du strotzest von
Lebensaussichten. Wart' mal, habe ich da etwas sagen wollen und es jetzt
vergessen? Du mußt wissen, Jakob, ich habe dir eine Menge Dinge zu
sagen, und da kann man das Schönste und Tiefste, eh' man bis drei
gezählt hat, vergessen. Und du schaust drein, siehst du, wie das gute,
frische Gedächtnis selber, während meines schon altet. Mein Kopf, Jakob,
ist am Sterben. Entschuldige, wenn ich etwas zu weich, zu vertraulich
rede. Ich muß einfach lachen. Da bitte ich dich, mich zu entschuldigen,
während ich dich durchprügeln könnte, wenn ich es für nötig fände. Wie
hart mich deine jungen Augen anblicken. Ei, ei, und ich könnte dich da
an die Wand werfen, daß dir Hören und Sehen für immer vergingen. Ich
weiß es gar nicht, wie es hat kommen können, daß ich mich dir gegenüber
so aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du lachst mich wohl
heimlich aus. Leise gesagt: Hüte dich da. Du mußt wissen, mich packen
Wildheiten an, und ehe ich mich verhindern kann, sind alle meine
Besinnungen geschwunden. O mein kleiner Bursch, nein, fürchte dich
nicht. Es ist ja so gänzlich, so gänzlich unmöglich, dir etwas zuleide
zu tun, aber sage, was wollte ich dich doch fragen. Sage, du fürchtest
dich wohl gar nicht ein bißchen? Und jung bist du und hast Hoffnungen,
und jetzt wirst du ja wohl bald in eine dir ziemende Stellung kommen?
Nicht? Ja eben, das ist es. Ja, das ist es, was mir leid tut, denn denke
dir, manchmal ist mir, als seiest du mein junger Bruder oder sonst etwas
Natürlich-Nahes, so verwandt kommst du mir, kommen mir deine Gebärden,
die Sprache, der Mund, alles, nun, mit einem Wort, du, mir vor. Ich bin
ein abgesetzter König. Du lächelst? Ich finde es einfach köstlich, weißt
du, daß dir jetzt gerade, wo ich von abgesetzten, ihrer Throne
enthobenen Königen spreche, ein Lächeln, solch ein spitzbübisches
Lächeln entflieht. Du hast Verstand, Jakob. O, man kann sich mit dir so
hübsch unterhalten. Es ist prickelnd reizvoll, sich dir gegenüber ein
wenig schwach und weicher, als gewöhnlich, zu benehmen. Ja, du forderst
geradezu heraus zu Fahrlässigkeiten, zur Lockerung, zur Preisgabe der
Würde. Man mutet dir, glaubst du das, Edelsinn zu, und da reizt es einen
ganz mächtig, sich vor dir in schönen, wohltuenden Erklärungen und
Geständnissen zu verlieren, so z. B. ich, dein Herr, vor dir, meinem
jungen armen Wurm, den ich, wenn's mich gelüstete, zermalmen könnte. Gib
mir die Hand. So. Laß mich dir sagen, daß du es verstanden hast, mir
Respekt vor dir abzunötigen. Ich achte dich hoch, und -- ich -- darf --
es dir sagen. Und nun habe ich eine Bitte an dich: willst du mein
Freund, mein kleiner Vertrauter sein? Ich bitte dich, sei es. Doch ich
will dir Zeit lassen, das alles zu bedenken, du darfst gehen. Bitte,
geh', laß mich allein.« -- So spricht zu mir mein Herr Vorsteher, der
Mann, der, wie er selber sagt, mich zermalmen kann, sobald er nur will.
Ich verbeuge mich jetzt nicht mehr vor ihm, es würde ihm weh tun. Was er
da nur von abgesetzten Königen gesprochen hat? Ich werde über diese
ganze Sache keine Gedanken verlieren, wie er mir anempfiehlt, sondern
ich werde einfach fortfahren, Form zu bewahren. Jedenfalls heißt es
aufpassen. Er spricht von Wildheit? Nun, ich muß sagen, das ist sehr
ungemütlich. Zum an der Wand zerquetscht zu werden, dazu bin ich mir
denn doch zu gut. Ob ich es dem Fräulein sage? O pfui, nicht doch. Ich
habe Mut genug, über etwas Seltsames Schweigen zu bewahren, und Verstand
genug, mit etwas Zweifelhaftem allein fertig zu werden. Vielleicht ist
Herr Benjamenta verrückt. Jedenfalls gleicht er dem Löwen, ich aber der
Maus. Nette Zustände sind das, die sich da jetzt im Institut
eingeschlichen haben. Nur niemandem etwas sagen. Eine verschwiegene
Angelegenheit ist manchmal schon eine gewonnene. Das alles sind
Dummheiten. Basta.
Was ich manchmal für Einbildungen habe! Es grenzt beinahe an das
Absurde. Mit einem Mal, ohne daß ich es habe verhindern können, war ich
Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400 herum, nein, etwas später, zur
Zeit der mailändischen Feldzüge. Ich und meine Herren Offiziere, wir
tafelten. Es war nach einer gewonnenen Schlacht, und unser Ruhm mußte
sich in den nächsten Tagen durch ganz Europa verbreiten. Wir tranken und
waren lustig. Nicht etwa in einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf
freiem Feld. Die Sonne war eben am Untergehen, da wurde vor meine Augen,
deren Strahl Schlachtenangriff und -sieg bedeutete, eine Kreatur
geführt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter Verräter. Der unglückliche
Mensch schaute zitternd zu Boden, wohl wissend, daß er nicht das Recht
hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn an, ganz leicht, dann
schaute ich diejenigen ebenso leicht und schnell an, die ihn hergeführt
hatten, dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas Wein, das vor
mir stand, und diese drei Bewegungen bedeuteten: »Geht. Und henkt ihn.«
Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie der Verruchte wie
verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen, zum voraus zerrissen von tausend
entsetzlichen Martertoden. Meine Ohren hatten in den Gefechten und
Kämpfen, die mein Leben erfüllten, schon allerlei Töne gehört, und meine
Augen waren an den Anblick des Furchtbaren und Jammervollen mehr wie
gewöhnt, doch merkwürdig, das konnte ich nicht ertragen. Wieder drehte
ich mich nach dem Verdammten um, außerdem winkte ich meinen Soldaten.
»Laßt ihn laufen,« sagte ich, das Glas an der Lippe, um es kurz zu
machen. Da geschah etwas ebenso Ergreifendes wie Widerwärtiges. Der
Mann, dem ich das Leben geschenkt hatte, das Verbrecher- und
Verräterleben, stürzte wie unsinnig zu meinen Füßen und küßte den Staub
meiner Schuhe. Ich stieß ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen erfaßt
worden. Mich berührte die Gewalt, die ich ausübte, die Macht, mit der
ich frei spielen konnte, wie der Sturmwind mit Blättern, peinlich, ich
lachte daher und befahl dem Menschen, sich zu entfernen. Er hatte
beinahe den Verstand verloren. Eine tierische Freude brach sich ihm
durch Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank und kroch weg. Wir
andern ergaben uns bis in die Nacht hinein einem ausgelassenen Gesöffe
und Gelage, und am frühen Morgen, noch immer saßen wir bei der Tafel,
empfing ich mit einer Würde, einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein
Lächeln abnötigte, den Gesandten des Papstes. Ich war der Held, der Herr
des Tages. Von meiner Laune, meiner Zufriedenheit hing der Frieden von
halb Europa ab. Doch ich spielte den diplomatischen Herren gegenüber den
Dummen, den Guten, es paßte mir so, ich war etwas ermüdet, mich
begehrte, in die Heimat zurückzukehren. Ich ließ mir die Vorteile, die
mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen. Natürlich bin ich später in
den Grafenstand erhoben worden, dann habe ich geheiratet, und jetzt bin
ich so tief gesunken, daß es mich gar nicht geniert, ein niedriger,
kleiner Eleve des Institutes Benjamenta zu sein und Kameraden zu haben
wie Kraus, Schacht, Hans und Schilinski. Man muß mich nackt auf die
kalte Straße werfen, dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der
allesumfassende Herrgott. Es ist Zeit, daß ich die Feder aus der Hand
lege.
Für so Kleine und Niedrige, wie wir Zöglinge sind, gibt es nichts
Komisches. Der Entwürdigte nimmt alles ernst, aber auch alles leicht,
beinahe frivol. Mir kommt unsere Tanz-, Anstands- und Turnstunde wie das
öffentliche, wichtige, große Leben selber vor, und dann verwandelt sich
vor meinen Augen die Schulstube in ein herrschaftliches Zimmer, in eine
Straße voller Menschenverkehr, in ein Schloß mit alten, langen
Korridoren, in eine Amtsstube, in ein Gelehrtenkabinett, in einen
Damen-Empfangsraum, je nachdem, in alles Mögliche. Wir müssen eintreten,
grüßen, uns verneigen, sprechen, eingebildete Geschäfte oder Aufträge
erledigen, Bestellungen ausrichten, dann plötzlich sitzen wir bei Tisch
und essen auf hauptstädtische Manier, und Diener bedienen uns. Schacht,
oder vielleicht gar Kraus, stellt eine hocharistokratische Dame vor, und
ich übernehme es, sie zu unterhalten. Wir sind dann alle Kavaliere, der
lange Peter nicht ausgenommen, der sich ja sowieso stets als Kavalier
fühlt. Dann tanzen wir. Wir hüpfen umher, verfolgt von den lächelnden
Blicken der Lehrerin, und plötzlich rennen wir einem Verwundeten zu
Hilfe. Er ist auf der Straße überfahren worden. Wir schenken
scheinbaren Bettlern irgend eine Kleinigkeit, schreiben Briefe, brüllen
unsern Burschen an, gehen in die Versammlung, suchen Orte auf, wo man
französisch spricht, üben uns im Hutabnehmen, sprechen von Jagd,
Finanzen und Kunst, küssen Damen, die wir uns gewogen wissen wollen,
untertänig die gnädig ausgestreckten fünf hübschen Finger, bummeln als
Bummler, schlürfen Kaffee, essen Schinken in Burgunder, schlafen in
eingebildeten Betten, stehen ebenso scheinbar wieder des Morgens in
aller Frühe auf, sagen: »Guten Tag, Herr Amtsrichter,« prügeln uns, denn
das kommt ja im Leben oft auch vor, und tun eben alles, was im Leben
vorkommt. Sind wir müde von all den Dummheiten, so klopft Fräulein mit
dem Stab gegen eine Kante und sagt: »Allons, vorwärts, Jungens.
Arbeiten!« -- Dann wird wieder gearbeitet. Wir treiben uns im Zimmer
umher wie Wespen. Man kann das gar nicht recht schildern, und sind wir
wieder ermattet, so ruft die Lehrerin: »Wie? Ist euch das öffentliche
Leben so rasch verleidet? Macht, macht. Zeigt, wie das Leben ist. Es ist
leicht, aber man muß munter sein, sonst wird man vom Leben zertreten.«
-- Und frisch geht es wieder los. Wir reisen, wobei unsere Bedienten
Dummheiten machen. Wir sitzen in Bibliotheken und studieren. Wir sind
Soldaten, echte Rekruten, und müssen liegen und schießen. Wir treten in
Kaufläden, um zu kaufen, in Badeanstalten, um zu baden, in Kirchen, um
zu beten: »Gott, führe uns nicht in Versuchung.« Und im nächsten
Augenblick sitzen wir mitten in der gröbsten Verfehlung und sündigen.
»Hört auf. Genug für heute,« sagt dann, wenn es Zeit ist, das Fräulein.
Dann ist das Leben erloschen, und der Traum, den man menschliches Leben
nennt, nimmt eine andere Richtung. Meist gehe ich dann auf eine halbe
Stunde spazieren. Ein Mädchen begegnet mir immer in der Anlage, wo ich
auf einer Bank sitze. Sie scheint Verkäuferin zu sein. Sie biegt
jedesmal den Kopf nach mir um und sieht mich lang an. Sie schmachtet zu
sehr. Übrigens hält sie mich für einen Herrn mit monatlichem Salär. Ich
sehe so gut, nach etwas so Rechtem aus. Sie irrt sich, und ich ignoriere
sie daher.
Dann und wann spielen wir auch Theater, und zwar Lustspiel, das ins
Possenhafte ausartet, bis uns die Lehrerin einen Wink erteilt,
aufzuhören: Die Mutter: »Ich kann Ihnen meine Tochter nicht zur Frau
geben. Sie sind zu arm.« Der Held: »Armut ist keine Schande.« -- Die
Mutter: »Papperlappa, Redensarten. Was haben Sie denn für Aussichten?«
-- Die Liebhaberin: »Mama, ich muß Sie bei aller Verehrung, die ich für
Sie empfinde, bitten, höflicher mit dem Mann, den ich liebe, zu reden.«
-- Mutter: »Schweig! Eines Tages wirst du mir danken, daß ich ihn mit
unnachsichtlicher Strenge behandelt habe. -- Mein Herr, sagen Sie, wo
haben Sie denn eigentlich studiert?« -- Der Held (er ist Pole und wird
von Schilinski dargestellt): »Gnädige Frau, ich bin aus dem Institut
Benjamenta hervorgegangen. Verzeihen Sie den Stolz, mit dem ich das
sage.« -- Die Tochter: »Ach, Mama, sehen Sie doch, wie er sich benimmt.
Welche feinen Manieren.« -- Mutter (streng): »Schweig von Manieren. Auf
aristokratisches Benehmen kommt es doch längst nicht mehr an. Sie, mein
Herr, bitte, sagen Sie mir gefälligst: Was haben Sie denn dort im
Institut Bagnamenta gelernt?« -- Der Held: »Verzeihen Sie: Benjamenta,
nicht Bagnamenta, heißt die Lehranstalt. Was ich gelernt habe? Nun
allerdings, ich muß sagen, ich habe dort sehr wenig gelernt. Aber es
kommt doch heutzutage gar nicht mehr aufs viele Wissen an. Das müssen
Sie selbst zugeben.« -- Die Tochter: »Hören Sie, liebe Mama?« -- Die
Mutter: »Schweig' mir, du Mißratene, vom Anhören oder gar Ernstnehmen
solch eines Geschwätzes. Mein hübsch aussehender junger Herr, Sie würden
mir einen Gefallen erweisen, wenn Sie sich auf Nimmerwiedersehen
entfernen wollten.« -- Der Held: »Was wagt man mir da zu bieten? --
Nun, sei es. Adieu, ich gehe.« -- Er tritt ab usw. usw. Der Inhalt
unserer kleinen Dramen nimmt stets Bezug auf die Schule und auf die
Zöglinge. Ein Zögling erlebt allerhand bunt durcheinandergeworfene
Schicksale, gute und schlechte. Er hat Erfolg in der Welt oder äußersten
Mißerfolg. Das Ende des Stückes ist immer die Verherrlichung und
Versinnbildlichung bescheidenen Dienens. Das Glück dient: das ist die
Moral unserer dramatischen Literatur. Unser Fräulein pflegt während der
Darstellungen die Zuschauerwelt zu spielen. Sie sitzt gleichsam in einer
Loge und blickt durch das Augenglas auf die Bühne, d. h. auf uns
Spielende. Kraus ist der schlechteste Schauspieler. So etwas liegt ihm
gar nicht. Am besten spielt entschieden der lange Peter. Auch Heinrich
ist reizend auf der Bühne.
Ich habe die etwas beleidigende Empfindung, als wenn ich in der Welt
immer zu essen haben werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben,
und man wird mich stets zu irgend etwas brauchen können. Ich werde
meinem Staat, meiner Gemeinde nie zur Last fallen. Das zu denken, d. h.
zu denken, daß man als ein niedriger Mensch sein tägliches Brot zu essen
haben wird, würde mich tief verwunden, wenn ich noch der frühere Jakob
von Gunten wäre, wenn ich noch der Abkömmling, der Sproß meines Hauses
wäre, aber ich bin ja ein ganz, ganz anderer geworden, ein gewöhnlicher
Mensch bin ich geworden, und daß ich gewöhnlich geworden bin, das
verdanke ich Benjamentas, und das erfüllt mich mit einer unnennbaren,
vom Tau der Zufriedenheit glänzenden und tropfenden Zuversicht. Ich habe
den Stolz, die Ehren-Arten gewechselt. Wie komme ich dazu, so jung schon
so zu entarten? Aber ist das Entartung? In gewisser Hinsicht ja,
andernteils ist es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als irgendwo
im Leben verlorner und verschollener Mensch ein echterer, stolzerer
Gunten, als wenn ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verdürbe,
entherzte und verknöcherte. Nun, mag das sein, wie es sein will. Ich
habe Wahl getroffen, und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare
Energie, das Leben von Grund auf kennen zu lernen, und eine
unbezwingliche Lust, Menschen und Dinge zu stacheln, daß sie sich mir
offenbaren. Hier fällt mir Herr Benjamenta ein. Aber ich will an etwas
anderes denken, d. h. ich mag an nichts mehr denken.
Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt, durch Johanns
Freundlichkeit. Es sind Künstler darunter, und es scheinen nette
Menschen zu sein. Nun, was kann man sagen bei so flüchtiger Berührung.
Eigentlich gleichen sich die Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt
zu haben, furchtbar. Es haben Alle dieselben Gesichter. Eigentlich
nicht, und doch. Alle sind einander ähnlich in einer gewissen, rasch
dahinsausenden Liebenswürdigkeit, und ich glaube, das ist das Bangen,
das diese Leute empfinden. Sie behandeln Menschen und Gegenstände rasch
herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue, das ebenfalls
Aufmerksamkeit zu fordern scheint, erledigen können. Sie verachten
niemanden, diese guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles,
aber das dürfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb nicht, weil sie
fürchten, plötzlich etwa eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Sie sind
liebenswürdig aus Weltschmerz und nett aus Bangen. Und dann will ja
jeder Achtung vor sich selber haben. Diese Leute sind Kavaliere. Und sie
scheinen sich nie ganz wohl zu befinden. Wer kann sich wohl befinden,
wer auf die Achtungsbezeugungen und Auszeichnungen der Welt Wert legt?
Und dann, glaube ich, fühlen diese Menschen, da sie doch einmal
Gesellschafts- und durchaus keine Naturmenschen mehr sind, stets den
Nachfolger hinter sich. Jeder spürt den unheimlichen Überrumpler, den
heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen Begabung dahergeschlichen
kommt, um Schädigungen und Herabsetzungen aller Art um sich herum zu
verbreiten, und deshalb ist in diesen Menschenkreisen der ganz
Neu-Auftretende immer der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den
Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent oder Naturgenie
irgendwie auszeichnet. Ich drücke mich übrigens etwas zu einfach aus. Es
ist da noch etwas ganz anderes. Es herrscht unter diesen Kreisen der
fortschrittlichen Bildung eine kaum zu übersehende und mißzuverstehende
Müdigkeit. Nicht die formelle Blasiertheit etwa des Adels von
Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz wahre, auf höherer und
lebhafterer Empfindung beruhende Müdigkeit, die Müdigkeit des
gesunden-ungesunden Menschen. Sie sind alle gebildet, aber achten sie
einander? Sie sind, wenn sie ehrlich nachdenken, zufrieden mit ihren
Weltstellungen, aber sind sie auch zufrieden? Übrigens gibt es reiche
Menschen unter ihnen. Von denen rede ich hier nicht, denn das Geld, das
ein Mann besitzt, zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen zu
der Beurteilung solch eines Mannes. Doch es sind alles höfliche und in
ihrer Art bedeutende Menschen, und meinem Bruder muß ich sehr, sehr
dankbar sein, daß er mich ein Stück Welt hat kennen lernen lassen. Man
liebt es jetzt schon, mich dort, nämlich in jenen Kreisen, den kleinen
von Gunten zu nennen, zum Unterschied von Johann, den sie den großen
von Gunten getauft haben. Das sind Späße, die Welt liebt eben Späße. Ich
nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend. Ich fühle, wie wenig mich
das angeht, was man Welt nennt, und wie mir groß und hinreißend
vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz im stillen. Mein Bruder hat sich
indes Mühe gegeben, mich unter Menschen zu führen, und es ist Pflicht
für mich, mir viel daraus zu machen. Und es ist ja auch viel. Mir ist
alles, sogar das Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen kennen zu
lernen, dazu bedürfte es eines Menschenlebens. Das sind nun wieder
Benjamentasche Grundsätze, und wie unähnlich sind Benjamentas dem, was
Welt bedeutet. Ich will schlafen gehen.
Ich vergesse nie, daß ich ein Abkömmling bin, der nun von unten, von
ganz unten anfängt, ohne doch die Eigenschaften, die nötig sind,
emporzugelangen, zu besitzen. Vielleicht, ja. Es ist alles möglich, aber
ich glaube nicht an die eitlen Stunden, in denen ich mir Glück,
verbunden mit Glanz, vorspiegle. Ich habe gar keine Emporkömmlingstugenden.
Ich bin manchmal frech, aber nur aus Laune. Der Emporkömmling aber ist
von einer permanenten bescheiden-tuenden Frechheit, oder von einer
frechen, fortwährend frechen Unbedeutendheitsgebärde. Und es gibt viele
Emporkömmlinge, und was sie errungen haben, das halten sie stupide fest,
und das ist ausgezeichnet. Sie können auch nervös sein, ungehalten,
verdrießlich und »all der Dinge« müde, aber der Überdruß dringt nicht
tief beim wahrhaften Emporkömmling. Emporkömmlinge sind Herren, und
solch einem Herrn, einem vielleicht etwas protzigen Herrn, werde ich
Abkömmling, oder was ich sonst bin, dienen, und ehrenhaft dienen, treu,
verläßlich, fest, ganz gedankenlos, ganz unerpicht auf persönliche
Vorteile, denn nur so, nämlich ganz anständig, werde ich überhaupt
jemandem dienen können, und jetzt merke ich, daß ich Verwandtes mit
Kraus habe, und ich schäme mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer
erreicht man mit Empfindungen, wie die sind, mit denen ich der Welt
gegenüberstehe, je Großes, es sei denn, man pfeife aufs glitzernde Große
und nenne das groß, was ganz grau, still, hart und niedrig ist. Ja,
dienen werde ich, und Verpflichtungen, deren Erfüllung nichts weniger
als schimmert, werde ich immer und immer übernehmen, immer wieder, und
ich werde kreuzdumm vor Seligkeit erröten, wenn man mir leichthin Dank
sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und ich bin nicht fähig, über
diese Wahrnehmung traurig zu sein. Ich muß es bekennen: ich bin nie
traurig, ich fühle mich nie, nie vereinsamt, und auch das ist dumm,
denn mit der Sentimentalität, mit dem, was man den Schrei nennt, macht
man die besten, die emporkömmlichsten und bekömmlichsten Geschäfte. Aber
ich bedanke mich für die Mühseligkeiten, für die unfeinen Anstrengungen,
auf solche Art zu Ehre und Ansehen zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und
Mutter, duftete es alle Wände entlang nach Takt. Nun gut, das meine ich
nur so. Es war vornehm bei uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt
glich einem graziösen, gütigen Lächeln. Mama ist ja so fein. Schon gut.
Also Abkömmling und verurteilt, zu dienen und die Person sechsten Ranges
im Weltleben zu spielen. Meiner Ansicht nach paßt das, denn, o wie sagte
doch Johann: »Die Mächtigen, das sind die Verhungerten.« -- Ich glaube
so etwas nicht gern. Und hab' ich es überhaupt nötig, mich trösten zu
lassen? Kann man einen Jakob von Gunten trösten? So lange ich gesunde
Glieder habe, ist das ausgeschlossen.
Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann ich alles verehren, sogar
das schlechte Benehmen, aber es muß von Gold strotzen. Die üblen
Manieren müssen Zwanzigmarkstücke hinter sich fallen lassen, dann
verneige ich mich vor, sogar noch hinter ihnen. Herr Benjamenta ist
übrigens auch dieser Meinung. Er sagt, es sei unrichtig, das Geld und
den Vorteil, die aus unschönen Händen kommen, zu verachten. Ein Eleve
des Institutes Benjamenta soll das Meiste eben achten, nicht verachten.
-- Zu was anderem. Turnen, das ist schön. Ich liebe es leidenschaftlich,
und ich bin selbstverständlich ein guter Turner. Mit einem edlen
Menschen Freundschaft schließen und Turnen, das sind wohl zwei der
schönsten Sachen, die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen Menschen
finden, der mir Achtung entlockt, ist mir ein und dasselbe. Ich bewege
so gern die Geister und Glieder. Nur allein Beinschwingen, ist das doch
hübsch! Turnen ist auch dumm, es führt auch zu nichts. Muß denn
eigentlich alles, was ich liebe und bevorzuge, zu nichts führen? Aber
horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich muß abbrechen.