Es ist hübsch, bis zu einem gewissen Grad wohlhabend zu sein und seine

weltlichen Verhältnisse ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der

Wohnung meines Bruders Johann gewesen, und ich muß sagen, sie hat mich

angenehm überrascht, sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet.

Schon daß der Fußboden ganz mit einem weichen, mattblauen Teppich belegt

und bedeckt ist, hat mir außerordentlich imponiert. Überall in den

Zimmern herrscht Geschmack, doch nicht auffälliger Geschmack, sondern

nur bestimmte, feine Wahl. Die Möbel sind anmutig verteilt, das mutet

gleich beim Eintritt in die Wohnung wie ein höflicher, zarter Gruß an.

Spiegel sind an den Wänden. Es ist sogar ein ganz großer Spiegel da, der

vom Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen Gegenstände sind

alt und doch nicht, elegant und doch nicht, reich und doch nicht. Es ist

Wärme und Sorgfalt in den Räumen, das fühlt man, und das ist angenehm.

Ein freier sorglicher Wille hat die Spiegel aufgehängt und dem zierlich

geschweiften Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich müßte kein von

Gunten sein, wenn ich das nicht merkte. Sauber und staubfrei ist alles,

und doch glänzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt einen

alles ruhig und heiter an. Nichts will scharf in die Augen stechen. Nur

das zusammenhängende Ganze hat einen vielbedeutenden, liebevollen

Ausdruck. Eine schöne schwarze Katze lag auf einem dunkelroten

Plüschsessel, wie die schwärzliche weiche Behaglichkeit, eingebettet in

Rot. Sehr hübsch. Wäre ich Maler, so würde ich die Traulichkeit solch

eines Tierbildes malen. Der Bruder kam mir sehr freundlich entgegen, und

wir stunden einander gegenüber wie wohlabgemessene Weltleute, die

wissen, was in der Schicklichkeit für ein Vergnügen liegen kann. Wir

plauderten. Da kam ein großer, schlanker, schneeweißer Hund auf uns

zugesprungen, in anmutigen, Freude ausdrückenden Sätzen. Nun, ich

streichelte das Tier natürlich. Alles ist schön an der Wohnung Johanns.

Er hat alle einzelnen Gegenstände und Stücke mit Liebe und Mühe in

Althändlerläden aufgestöbert, bis er das Wohnlichste und Anmutigste

zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat er verstanden, etwas in

bescheidenen Grenzen Vollkommenes zu schaffen, derart, daß in seiner

Wohnung das Taugliche und Nützliche sich mit dem Schönen und Graziösen

wie zu einem Stuben-Gemälde verbindet. Bald darauf, indem wir so

dasaßen, erschien eine junge Frau, welcher Johann mich vorstellte. Wir

tranken später Tee und waren sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch,

und der große schöne Hund wollte von dem Gebäck zu essen haben, das auf

dem Teetisch lag. Beider Tiere Wünsche wurden dann auch befriedigt. Es

wurde Abend, und ich mußte nach Hause gehen.

Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste empfinden und ertragen,

und das ist meiner Meinung nach ein Können, eine Übung, ohne die der

Mensch, mag er noch so bedeutend sein, stets ein großes Kind, eine Art

weinerlicher Schreihals bleiben wird. Wir Zöglinge hoffen nichts, ja, es

ist uns streng untersagt, Lebenshoffnungen in der Brust zu hegen, und

doch sind wir vollkommen ruhig und heiter. Wie mag das kommen? Fühlen

wir über unsern glattgekämmten Köpfen etwas wie Schutzengel hin und her

schweben? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und

sorgenlos aus Beschränktheit. Auch möglich. Aber ist deshalb die

Heiterkeit und Frische unserer Herzen weniger wert? Sind wir überhaupt

dumm? Wir vibrieren. Unbewußt oder bewußt nehmen wir auf vieles ein

wenig Bedacht, sind da und dort mit den Geistern, und die Empfindungen

schicken wir nach allen möglichen Windrichtungen aus, Erfahrungen und

Beobachtungen einsammelnd. Uns tröstet so vieles, weil wir im

allgemeinen sehr eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns

selber wenig schätzen. Wer sich selbst sehr schätzt, ist vor

Entmutigungen und Herabwürdigungen nie sicher, denn stets begegnet dem

selbstbewußten Menschen etwas Bewußtseinfeindliches. Und doch sind wir

Schüler durchaus nicht ohne Würde, aber es ist eine sehr, sehr

bewegungsfähige, kleine, bieg- und schmiegsame Würde. Übrigens legen wir

sie an und ab je nach Erfordernissen. Sind wir Produkte einer höheren

Kultur, oder sind wir Naturkinder? Auch das kann ich nicht sagen. Das

eine weiß ich bestimmt: wir warten! Das ist unser Wert. Ja, wir warten,

und wir horchen gleichsam ins Leben hinaus, in diese Ebene hinaus, die

man Welt nennt, aufs Meer mit seinen Stürmen hinaus. Fuchs ist übrigens

ausgetreten. Mir ist das sehr lieb. Ich wußte mit diesem Menschen nichts

anzufangen.

Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen, d. h. er hat mit mir

gesprochen. »Jakob,« sagte er zu mir, »sage mir, findest du nicht, daß

das Leben, das du hier führst, karg ist, karg? Was? Ich möchte gern

deine Meinung wissen. Sprich offen.« -- Ich zog es vor, zu schweigen,

doch nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir längst vergangen. Aber ich

schwieg, und zwar ungefähr so, als wenn ich hätte sagen wollen: »Mein

Herr, gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche Frage könnte ich

höchstenfalles etwas Unziemliches sagen.« -- Herr Benjamenta schaute

mich aufmerksam an, und ich glaubte, er verstehe mein Schweigen. Es war

auch tatsächlich so, denn er lächelte plötzlich und sagte: »Nicht wahr,

Jakob, du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut so träge, so

gleichsam geistesabwesend dahinleben? Ist es so? Ist dir das

aufgefallen? Doch ich will dich durchaus nicht zu unverschämten

Antworten verleiten. Ich muß dir ein Geständnis machen, Jakob. Höre, ich

halte dich für einen klugen, anständigen jungen Menschen. Jetzt, bitte,

werde frech. Und ich fühle mich veranlaßt, dir noch etwas anderes zu

gestehen: ich, dein Vorsteher, ich meine es gut mit dir. Und noch ein

drittes Geständnis: Ich habe eine seltsame, eine ganz eigentümliche,

jetzt nicht mehr zu beherrschende Vorliebe für dich gewonnen. Du wirst

jetzt mir gegenüber recht frech sein, nicht wahr, Jakob? Nicht wahr,

junger Mensch, jetzt, nachdem ich mir vor dir eine Blöße gegeben habe,

wirst du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln? Und du wirst jetzt

trotzen? Ist es so, sage, ist es so?« -- Wir beide, der bärtige Mann und

ich, der Junge, schauten einander in die Augen. Es glich einem

innerlichen Wettkampf. Schon wollte ich den Mund öffnen und irgend

etwas Unterwürfiges sagen, doch ich vermochte mich zu beherrschen und

schwieg. Und nun bemerkte ich, daß der riesenhaft gebaute Herr Vorsteher

leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick an war etwas Bindendes

zwischen uns getreten, das fühlte ich, ja, ich fühlte es nicht nur, ich

wußte es sogar. »Herr Benjamenta achtet mich,« sagte ich mir, und

infolge dieser wie ein Blitz auf mich niederstrahlenden Erkenntnis fand

ich es für schicklich, ja sogar für geboten, zu schweigen. Wehe mir,

wenn ich ein einziges Wort gesagt hätte. Ein einziges Wort würde mich

zum unbedeutsamen kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte ich

doch eine ganz unzöglinghafte, menschliche Höhe erklommen. Das alles

empfand ich tief, und wie ich jetzt weiß, habe ich mich in jenem Moment

ganz richtig benommen. Der Vorsteher, der dicht zu mir getreten war,

sagte dann folgendes: »Es ist etwas Bedeutendes an dir, Jakob.« -- Er

hielt inne, und ich fühlte sogleich, warum. Er wollte ohne Zweifel

sehen, wie ich mich jetzt benähme. Ich merkte das, und daher verzog ich

auch nicht eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern schaute starr,

wie gedankenlos, vor mich hin. Dann schauten wir uns wieder an. Ich

blickte meinen Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte irgend

welche Kälte, irgend welche Oberflächlichkeit, während ich doch am

liebsten hätte in sein Gesicht lachen mögen, vor Freude. Aber ich sah es

zu gleicher Zeit: er war zufrieden mit meiner Haltung, und er sagte

endlich: »Mein Junge, geh' wieder an deine Arbeit. Beschäftige dich mit

etwas. Oder geh' dich mit Kraus unterhalten. Geh'.« -- Ich verbeugte

mich tief, ganz gewohnheitsgemäß, und entfernte mich. Draußen im

Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal früher, eigentlich auch ganz

gewohnheitsgemäß, stehen und horchte durchs Schlüsselloch, ob sich da

drinnen etwas rege. Aber es war alles still. Ich mußte leise und

glücklich lachen, ganz dumm lachen, und dann ging ich ins Schulzimmer,

wo ich Kraus im Halbdunkel, scheinbar von einem bräunlichen Lichtstrahl

umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen. Tatsächlich, lange stund

ich so, denn ich konnte etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es

war mir, als sei ich zu Hause. Nein, es war mir, als sei ich noch nicht

geboren, als schwämme ich in etwas Vor-Gebürtigem. Es wurde mir heiß und

meerhaft-undeutlich vor den Augen. Ich ging zu Kraus und sagte ihm: »Du,

Kraus, ich habe dich lieb.« -- Er knurrte, was das für Redensarten

seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer zurück. -- Und jetzt? Sind wir

Freunde? Sind Herr Benjamenta und ich Freunde? Jedenfalls besteht

zwischen uns beiden ein Verhältnis, aber was für eins? Ich verbiete

mir, mir das erklären zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter

bleiben. Fort mit den Gedanken.

Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta sagt mir, er bemühe

sich. In ganz schroffem Gebieterton sagt er das und fügt hinzu: »Wie?

Ungeduldig? Kommt alles. Warte!« -- Von Kraus heißt es unter den

Zöglingen, daß er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so

berufshaft-komischer Ausdruck. Kraus geht bald fort? Hoffentlich sind

das nur leere Gerüchte, Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns

Zöglingen etwas wie einen aus Luft und Nichts herausgegriffenen

Zeitungenklatsch. Die Welten, merke ich, sind überall dieselben. Ich bin

übrigens wieder bei meinem Bruder Johann von Gunten gewesen, und dieser

Mensch hat den Mut gehabt, mich unter Leute zu führen. Ich habe am Tisch

reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und Weise, wie ich mich

benommen habe, nie vergessen. Einen alten, aber immerhin feierlichen

Gehrock habe ich angehabt. Gehröcke machen alt und gewichtig. Nun, und

da habe ich getan wie ein Mann von jährlich zwanzigtausend Mark

Einkommen, mindestens. Ich habe mit Leuten geredet, die mir den Rücken

gedreht hätten, wenn sie hätten ahnen können, wer ich bin. Frauen, die

mich total verachten würden, wenn ich ihnen sagte, ich sei nur Zögling,

haben mir zugelächelt und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich bin

verblüfft gewesen über meinen Appetit. Wie gelassen man doch an fremden

reichen Tischen zugreift. Ich sah, wie es alle machten, und ich machte

es talentvoll nach. Wie gemein ist das. Ich empfinde etwas wie Scham

darüber, dort, nämlich in jenen Kreisen, ein fröhliches Eß- und

Trinkgesicht gezeigt zu haben. Von feiner Sitte habe ich wenig bemerkt.

Dagegen merkte ich, daß man mich als schüchternen Jungen empfunden hat,

während ich doch (in meinen Augen) platzte vor Frechheit. Johann benimmt

sich gut in Gesellschaft. Er besitzt die leichte angenehme Fasson eines

Menschen, der etwas gilt, und der das auch weiß. Sein Betragen ist für

die Augen, die es betrachten, ein Labsal. Rede ich zu gut von Johann? O

nein. Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder, aber ich bemühe

mich, ihn zu sehen, ganz, nicht nur halb. Vielleicht ist das allerdings

Liebe. Meinetwegen. Sehr schön war es auch im Theater, doch ich will

mich darüber nicht weiter verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann

wieder abgestreift. O, es ist hübsch, in eines geschätzten Menschen

Kleidern zu gehen und herumzuschwirren. Ja, schwirren! Das ist es. Man

zirpt und schwirrt so herum, dort, in den Kreisen der Gebildeten. Dann

bin ich wieder ins Institut gekrochen und in meinen Zöglingsanzug. Ich

bin gern hier, ich fühle es, und ich werde mich dummerweise später

wahrscheinlich nach Benjamentas zurücksehnen, später, wenn ich etwas

Großes geworden bin, doch ich werde ja nie, nie irgend etwas Großes, und

ich zittere vor eigentümlicher Genugtuung, daß ich das zum voraus

bestimmt weiß. Ein Schlag wird mich eines Tages treffen, so ein recht

vernichtender Schlag, und dann wird alles, werden alle diese Wirrnisse,

diese Sehnsucht, diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und

Undankbarkeit, diese Lügen und Selbstbetruge, dies Wissen-Meinen und

dies Doch-nie-etwas-Wissen zu Ende sein. Doch ich wünsche zu leben,

gleichviel wie.

Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. Vielleicht hat es auch gar

nichts zu bedeuten. Ich bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien

bewältigen zu lassen. Ich saß, es war schon halb Nacht, ganz allein in

der Schulstube. Plötzlich stand Fräulein Benjamenta hinter mir. Ich

hatte sie nicht eintreten gehört, sie mußte also ganz leise die Türe

geöffnet haben. Sie fragte mich, was ich da mache, doch in einem Ton,

daß ich gar nicht zu antworten brauchte. Sie sagte sozusagen, indem sie

fragte, sie wisse es schon. Da gibt man natürlich keine Antwort mehr.

Sie legte, wie wenn sie müde gewesen wäre und der Stütze bedurft hätte,

die Hand auf meine Achsel. Da fühlte ich so recht, daß ich ihr gehörte,

d. h. ihr gehörte? -- Ja, einfach so ihr angehörte. Ich bin immer

mißtrauisch gegenüber Empfindungen. Aber daß ich da ihr, dem Fräulein,

quasi gehörte, das war wahr empfunden. Wir gehörten zusammen. Natürlich

mit Unterschied. Doch wir stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer

aber mit Unterschied. Ich hasse es geradezu, so gar wenig oder keine

Unterschiede zu empfinden. Darin, daß Fräulein Benjamenta und ich zwei

sehr verschieden geartete und gestellte Wesen waren, das zu spüren,

darin lag für mich ein Glück. Ich verachte es im übrigen, mich zu

belügen. Die Auszeichnungen und Vorteile, die nicht ganz, ganz echt

sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war da also ein großer

Unterschied. Ja, was ist denn das? Komme ich über gewisse Unterschiede

nicht hinaus? Doch da sagte das Fräulein plötzlich: »Komm' mit. Steh'

auf und komm'. Ich will dir etwas zeigen.« -- Wir gingen zusammen. Vor

unseren Augen, wenigstens vor den meinigen (vor ihren vielleicht nicht),

lag alles in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. »Das sind die innern

Gemächer,« dachte ich, und ich täuschte mich auch nicht. Es verhielt

sich so, und meine liebe Lehrerin schien entschlossen zu sein, mir eine

bisher verborgen gewesene Welt zu zeigen. Doch ich muß Atem schöpfen.

Es war, wie gesagt, zuerst ganz dunkel. Das Fräulein nahm mich bei der

Hand und sagte in freundlicher Tonart: »Siehe, Jakob, so wird es dunkel

um dich sein. Und da wird dich jemand dann an der Hand führen. Und du

wirst froh darüber sein und zum erstenmal tiefe Dankbarkeit empfinden.

Sei nicht mißgestimmt. Es kommen auch Helligkeiten.« -- Kaum hatte sie

das gesagt, so brannte uns ein weißes, blendendes Licht entgegen. Ein

Tor zeigte sich, und wir gingen, sie voran, ich dicht hinter ihr, durch

die Öffnung hindurch, ins herrliche Licht-Feuer hinein. Ich hatte noch

nie etwas so Glanzvolles und Vielsagendes gesehen, daher war ich auch

wie betäubt. Das Fräulein sprach lächelnd, noch freundlicher wie vorher:

»Blendet dich das Licht? Dann strenge dich an, es zu ertragen. Es

bedeutet Freude, und man muß sie zu empfinden und zu ertragen wissen. Du

kannst meinetwegen auch denken, es bedeute dein zukünftiges Glück, doch

sieh', was geschieht da? Es schwindet. Das Licht zerfällt. Also, Jakob,

sollst du kein langes, kein anhaltendes Glück haben. Schmerzt dich meine

Aufrichtigkeit? Nicht doch. Komm' weiter. Wir müssen uns ein wenig

beeilen, denn noch manche Erscheinung soll durchwandert und durchzittert

werden. Sag', Jakob, verstehst du auch meine Worte? Doch schweig'. Du

darfst hier nicht reden. Glaubst du, daß ich etwa eine Zauberin sei?

Nein, ich bin keine Zauberin. Gewiß, ein ganz klein wenig zu zaubern, zu

verführen, das verstehe ich schon. Jedes Mädchen versteht das. Doch

komm' jetzt.« -- Mit diesen Worten öffnete das verehrte Mädchen eine

Bodenlucke, wobei ich ihr helfen mußte, und wir stiegen zusammen, sie

immer voran, in einen tiefgelegenen Keller hinunter. Zuletzt, als die

steinernen Stufen aufhörten, traten wir auf feuchte weiche Erde. Es war

mir, als befänden wir uns in der Mitte der Erdkugel, so tief und einsam

kam es mir vor. Wir schritten einen langen, finstern Gang entlang,

Fräulein Benjamenta sagte: »Wir sind jetzt in den Gewölben und Gängen

der Armut und Entbehrung, und da du, lieber Jakob, wahrscheinlich dein

Lebenlang arm bleibst, so versuche bitte schon jetzt, dich an die

Finsternis und an den kalten, schneidenden Geruch, die hier herrschen,

ein wenig zu gewöhnen. Erschrick nicht und sei ja nicht böse. Gott ist

auch hier, er ist überall. Man muß die Notwendigkeit lieben und pflegen

lernen. Küsse die nasse Kellererde, ich bitte dich, ja, tu' es. Damit

lieferst du den sinnlichen Beweis deiner willigen Unterwerfung in die

Schwere und in die Trübnis, die dein Leben, wie es scheint, zum größten

Teil ausmachen werden.« -- Ich gehorchte ihr, warf mich zur kalten Erde

nieder und küßte sie voller Inbrunst, wobei mich ein unnennbarer kalter

und zugleich heißer Schauer durchrann. Wir gingen weiter. Ah, diese

Gänge des Not-Leidens und der furchtbaren Entsagung schienen mir endlos,

und sie waren es vielleicht auch. Die Sekunden waren wie ganze

Lebensläufe, und die Minuten nahmen die Größe von leidvollen

Jahrhunderten an. Genug, endlich langten wir an einer trübseligen Mauer

an, Fräulein sagte: »Geh' und liebkose die Mauer. Es ist die Sorgenwand.

Sie wird stets vor deinen Blicken aufgerichtet sein, und du bist unklug,

wenn du sie hassest. Ei, man muß das Starre, das Unversöhnliche eben zu

erweichen versuchen. Geh' und probier' es.« -- Ich trat rasch, wie in

leidenschaftlicher Eile, zur Mauer heran und warf mich ihr an die Brust.

Ja, an die steinerne Brust, und sagte ihr einige gute, beinahe

scherzende Worte. Und sie blieb, wie zu erwarten war, unbeweglich. Ich

spielte Komödie, schon meiner Lehrerin zulieb, gewiß, und doch war es

wiederum nichts weniger als Komödie, was ich tat. Und doch lächelten wir

beide, sie, die Meisterin sowohl, wie ich, ihr unreifer Schüler.

»Komm',« sagte sie, »wir wollen uns jetzt ein wenig Freiheit, ein wenig

Bewegung gönnen.« -- Und damit berührte sie mit dem kleinen weißen

bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war der ganze garstige Keller,

und wir befanden uns auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- oder

Glasbahn. Wir schwebten dahin wie auf wunderbaren Schlittschuhen, und

zugleich tanzten wir, denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie

eine Welle. Es war entzückend. Ich hatte nie so etwas gesehen, und ich

rief vor lauter Freude: »Wie herrlich.« -- Und über uns schimmerten die

Sterne in einem sonderbarerweise ganz blaßblauen und doch dunklen

Himmel, und der Mond starrte, überirdisch leuchtend, auf uns Eisläufer

herab. »Das ist die Freiheit,« sagte die Lehrerin, »sie ist etwas

Winterliches, Nicht-lange-zu-Ertragendes. Man muß sich immer, so wie wir

es hier tun, bewegen, man muß tanzen in der Freiheit. Sie ist kalt und

schön. Verliebe dich nur nicht in sie. Das würde dich nachher nur

traurig machen, denn nur momentelang, nicht länger, hält man sich in den

Gegenden der Freiheit auf. Bereits sind wir etwas zu lang hier. Sieh',

wie die wundervolle Bahn, auf der wir schweben, langsam sich wieder

auflöst. Jetzt kannst du die Freiheit sterben sehen, wenn du die Augen

aufmachst. Im späteren Leben wird dir dieser herzbeklemmende Anblick

noch oft zuteil werden.« -- Kaum hatte sie ausgesprochen, so sanken wir

von der erklommenen Höhe und Lustigkeit in etwas Müdes und Trauliches

hinunter, es war ein kleines, mit raffiniertem Wohlbehagen ganz

gefüttertes und erfülltes, köstlich nach Träumereien duftendes, reich

mit allerhand lüsternen Szenen und Bildern tapeziertes Ruhe-Gemach. Es

war ein geradezu gemächliches Gemach. Oft schon hatte ich von richtigen

Gemächern geträumt. Hier befand ich mich nun in einem solchen. Musik

rieselte an den bunten Wänden wie Anmutsschnee herunter, man sah es

direkt musizieren, die Töne glichen einem bezaubernden Schneegestöber.

»Hier,« sagte das Fräulein, »kannst du ruhen. Sage dir selber, wie

lange.« -- Wir lächelten beide über diese rätselhaften Worte, und

obgleich mich ein unsagbar zartes Bangen beschlich, zögerte ich nicht,

es mir in dem Lustgemach auf einem der Teppiche, die da vor mir lagen,

bequem zu machen. Eine Zigarette von selten gutem Geschmack flog mir von

oben herab in den unwillkürlich geöffneten Mund, und ich rauchte. Ein

Roman schwirrte herbei, mir gerade in die Hände, und ich konnte

ungestört darin lesen. »Das ist nichts für dich. Lies nicht in solchen

Büchern. Steh' auf. Komm' lieber. Die Weichlichkeit verführt zur

Gedankenlosigkeit und Grausamkeit. Hörst du, wie es zornig einherdonnert

und -rollt? Das ist das Ungemach. Du hast jetzt in einem Gemach Ruhe

genossen. Nun wird das Ungemach über dich herabregnen und Zweifel und

Unruhe werden dich durchnässen. Komm'. Man muß tapfer ins Unvermeidliche

hineingehen.« -- So sprach die Lehrerin, und kaum hatte sie zu Ende

gesprochen, da schwamm ich in einem dickflüssigen, höchst unangenehmen

Strom von Zweifel. Durch und durch entmutigt, wagte ich gar nicht, mich

umzuschauen, ob sie noch neben mir sei. Nein, die Lehrerin, die

Hervorzauberin all dieser Erscheinungen und Zustände, war verschwunden.

Ich schwamm ganz allein. Ich wollte schreien, aber das Wasser drohte mir

in den Mund zu laufen. O dieses Ungemach. Ich weinte, und ich bereute

bitter, mich der lüsternen Bequemlichkeit hingegeben zu haben. Da

plötzlich saß ich wieder im Institut Benjamenta, in der dunkelnden

Schulstube, und Fräulein Benjamenta stand noch hinter mir, und sie

streichelte mir die Wangen, aber nicht so, als wenn sie mich, sondern,

als wenn sie sich selber trösten müsse. »Sie ist unglücklich,« dachte

ich. Da kamen Kraus, Schacht und Schilinski von einem gemeinsamen

Ausgang zurück. Rasch zog das Mädchen die Hand von mir weg und ging in

die Küche, um das Abendbrot zuzubereiten. Träumte ich? Aber wozu mich

fragen, wenn es jetzt doch ans Abendessen geht? Es gibt Zeiten, wo ich

entsetzlich gern esse. Ich kann dann in die dümmsten Speisen

hineinbeißen wie ein hungriger Handwerksbursche, ich lebe dann wie in

einem Märchen und nicht mehr als Kulturmensch in einem Kulturzeitalter.

Sehr amüsant sind manchmal unsere Turn-und Tanzstunden. Geschick zeigen

zu müssen, das ist nicht ohne Gefahr. Wie kann man sich doch blamieren.

Zwar, wir Zöglinge lachen uns nicht aus. Nicht? O doch. Man lacht mit

den Ohren, wenn man mit dem Mund nicht lachen darf. Und mit den Augen.

Die Augen lachen so gern. Und den Augen Vorschriften zu machen, das ist

zwar ganz gut möglich, aber doch ziemlich schwer. So z. B. darf hier

nicht geblinzelt werden, blinzeln ist spöttisch und daher zu vermeiden,

aber man blinzelt halt doch manchmal. So ganz die Natur zu unterdrücken,

das geht eben doch nicht. Und doch geht's. Aber hat man sich auch die

Natur total abgewöhnt, es bleibt immer ein Hauch, ein Rest übrig, das

zeigt sich immer. Der lange Peter z. B. kann sich die höchsteigene,

persönliche Natur sehr schlecht abgewöhnen. Manchmal, wenn er tanzen,

sich graziös bewegen und erweisen soll, besteht er gänzlich aus Holz,

und das Holz ist bei Peter eben Naturanlage, gleichsam Gottesgeschenk. O

wie muß man doch über ein Klafter Holz, wenn es in Form eines langen

Menschen erscheint, lachen, so prächtig in die Brust hineinlachen. Ein

Gelächter ist das reine Gegenteil von einem Stück Holz, es ist etwas

Entzündendes, etwas, was da in einem drinnen Streichhölzer anzündet.

Streichhölzer kichern, genau wie ein unterdrücktes Gelächter. Ich mag

mich sehr, sehr gern am Herausschallen des Lachens verhindern lassen.

Das kitzelt so wunderbar: es nicht loslassen zu dürfen, was doch so gern

herausschießen möchte. Was nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist

mir lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich wertvoller, dieses

Unterdrückte. Ja ja, ich gestehe, ich bin gern unterdrückt. Zwar. Nein,

nicht immer zwar. Herr Zwar soll mir abmarschieren. Was ich sagen

wollte: etwas nicht tun dürfen, heißt, es irgendwo anders doppelt tun.

Nichts ist fader als eine gleichgültige, rasche, billige Erlaubnis. Ich

verdiene, erfahre gern alles, und z. B. ein Lachen bedarf auch der

Durch-Erfahrung. Wenn ich innerlich zerspringe vor Lachen, wenn ich kaum

noch weiß, wo ich all das zischende Pulver hintun soll, dann weiß ich,

was Lachen ist, dann habe ich am lächerigsten gelacht, dann habe ich

eine vollkommene Vorstellung dessen gehabt, was mich erschütterte. Ich

muß demnach unbedingt annehmen und es als feste Überzeugung aufbewahren,

daß Vorschriften das Dasein versilbern, vielleicht sogar vergolden, mit

einem Wort reizvoll machen. Denn wie mit dem verbotenen reizenden

Lachen ist es doch sicher mit fast allen andern Dingen und Gelüsten

ebenfalls. Nicht weinen dürfen z. B., nun, das vergrößert das Weinen.

Liebe entbehren, ja, das heißt lieben. Wenn ich nicht lieben soll, liebe

ich zehnfach. Alles Verbotene lebt auf hundertfache Art und Weise; also

lebt nur lebendiger, was tot sein sollte. Wie im Kleinen, so ist es im

Großen. Recht hübsch, recht alltäglich gesagt, aber im Alltäglichen

ruhen die wahren Wahrheiten. Ich schwatze wieder ein wenig, nicht wahr?

Geb' es gern zu, daß ich schwatze, denn mit etwas müssen doch Zeilen

ausgefüllt werden. Wie entzückend, wie entzückend sind verbotene

Früchte.

Jakob von Gunten: Ein Tagebuch · 第 6 / 11 段