Kraus hat etwas Altes in Gesicht und Wesen, und dieses Alte, das er

ausstrahlt, führt den, der ihn anschaut, nach Palästina. Abrahams Zeiten

werden auf dem Antlitz meines Mitschülers wieder lebendig. Das alte

patriarchalische Zeitalter mit seinen mysteriösen Sitten und

Landschaftsgegenden taucht hervor und schaut einen väterlich an. Es ist

mir, als wenn es damals lauter Väter mit steinalten Gesichtern und

langen braunen, verwickelten Bärten gegeben hätte, was ja natürlich nur

Unsinn ist, und doch ist vielleicht etwas, das Tatsachen entspricht, an

dieser sonst ganz einfältigen Empfindung. Ja, damals! Schon dieses Wort:

damals: wie elterlich und häuslich mutet es an. Zu den alt-israelitischen

Zeiten durfte es ruhig noch hin und wieder einen Papa Isaak oder Abraham

geben, er genoß eben Achtung und lebte seine alten Tage in einem

natürlichen Reichtum, der in Länderbesitz bestand, dahin. Damals wob um

das graue Alter etwas wie Majestät. Greise waren damals wie Könige, und

die gelebten Jahre bedeuteten dasselbe wie ebensoviele erworbene

Hoheitsrechte. Und wie jung diese Alten blieben. Sie schufen noch mit

hundert Jahren Söhne und Töchter. Damals gab es noch keine Zahnärzte,

und darum muß man annehmen, daß es damals überhaupt keine verdorbenen

Zähne gab. Und wie schön ist z. B. Joseph in Ägypten. Kraus hat etwas

von Joseph in Potiphars Haus. Da ist er als jugendlicher Sklave verkauft

worden, und siehe, man bringt ihn zu einem schwerreichen, redlichen und

feinen Mann. Da ist er nun Haussklave, aber er hat es ganz schön. Die

Gesetze waren damals vielleicht unhuman, gewiß, aber die Sitten und

Gebräuche und Anschauungen waren dafür um so zarter und feiner. Heute

hätte es ein Sklave viel schlechter, Gott behüte! Übrigens gibt es sehr,

sehr viele Sklaven mitten unter uns modernen, hochmütig-fix und fertigen

Menschen. Vielleicht sind wir heutigen Menschen alle so etwas wie

Sklaven, beherrscht von einem ärgerlichen, peitscheschwingenden,

unfeinen Weltgedanken. -- Gut, und da verlangt nun eines Tages die Herrin

des Hauses von Joseph, er solle ihr willig sein. Wie merkwürdig, daß man

solche uralten Treppen-und Türensachen heute genau noch weiß, daß es in

alle Zeiten, von Mund zu Mund, fortlebt. In allen Primarschulen wird die

Geschichte gelehrt, und da will man an den Pedanten etwas aussetzen? Ich

verachte die Leute, die die schöne Pedanterie unterschätzen, das sind

durchaus geistlose, urteilsschwächliche Menschen. Schön, und da weigert

sich Kraus, wollte sagen Joseph. Aber es könnte ganz gut Kraus sein,

denn er hat so etwas Joseph-in-Ägypten-haftes. »Nein, gnädige Frau, so

etwas tu' ich nicht. Ich bin meinem Herrn Treue schuldig.« -- Da geht

nun die übrigens reizende Frau und verklagt den jungen Diener, er habe

eine Schnödigkeit begangen und habe seine Gebieterin zu einem Fehltritt

verführen wollen. Aber weiter weiß ich nichts. Merkwürdig, ich weiß

nicht, was jetzt Potiphar sagte und machte. Den Nil sehe ich aber immer

ganz deutlich. Ja, Kraus könnte so gut Joseph sein wie nur irgend etwas.

Haltung, Gestalt, Gesicht, Frisur und Gebärde passen unvergleichlich.

Sogar seine leider Gottes immer noch nicht geheilte Hautauszeichnung.

Pickel sind etwas Biblisches, Orientalisches. Und die Moral, der

Charakter, der feste Besitz keuscher Jünglingstugenden? Wundervoll paßt

das. Joseph in Ägypten muß auch ein kleiner, sattelfester Pedant gewesen

sein, sonst würde er der lüsternen Frau gehorcht und seinem Herrn die

Treue gebrochen haben. Kraus würde genau wie sein altägyptisches

Ebenbild handeln. Die Hände würde er beschwörend hochheben und mit halb

flehender, halb strafender Miene sagen: »Nein, nein, das tue ich nicht«

usw.

Der liebe Kraus. Immer zieht es mich in Gedanken wieder nach ihm hin. An

ihm sieht man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. Kraus

wird später im Leben, wohin er auch kommen wird, immer als brauchbarer,

aber als ungebildeter Mensch angesehen werden, für mich aber ist gerade

er durchaus gebildet, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er ein

festes, gutes Ganzes darstellt. Man kann gerade ihn eine menschliche

Bildung nennen. Das flattert um Kraus herum nicht von geflügelten und

lispelnden Kenntnissen, dafür ruht etwas in ihm, und er, er ruht und

beruht auf etwas. Man kann sich mit der Seele selber auf ihn verlassen.

Er wird nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, das vor allen

Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte, nenne ich Bildung. Wer schwatzt, ist

ein Betrüger, er kann ein ganz netter Mensch sein, aber seine Schwäche,

alles, was er gerade denkt, so herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen

und schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er behält immer etwas für

sich, er glaubt, es nicht nötig zu haben, so drauf los zu reden, und

das wirkt wie Güte und lebhaftes Schonen. Das nenne ich Bildung. Kraus

ist unliebenswürdig und oft ziemlich grob gegen Menschen seines Alters

und seines Geschlechtes, und gerade deshalb mag ich ihn so gern, denn

das beweist mir, daß er sich auf den brutalen und gedankenlosen Verrat

nicht versteht. Er ist treu und anständig gegen alle. Denn das ist es

ja: aus gemeiner Liebenswürdigkeit pflegt man meist hinzugehen und Ruf

und Leben seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines Bruders auf die

entsetzlichste Weise zu schänden. Kraus kennt wenig, aber er ist nie,

nie gedankenlos, er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten

Geboten, und das nenne ich Bildung. Was an einem Menschen liebevoll und

gedankenvoll ist, das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles. So

von aller und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht entfernt, dagegen

aber der Selbstzucht so nah zu sein, wie Kraus, das ist es, wie ich

denke, was Fräulein Benjamenta veranlaßt hat zu sagen: »Nicht wahr,

Jakob, Kraus ist gut?« -- Ja, er ist gut. Wenn ich diesen Kameraden

verliere, gehen mir Himmelreiche verloren, ich weiß es. Und ich fürchte

mich jetzt fast, ferner mit Kraus in ausgelassener Weise zu zanken. Ich

möchte ihn nur noch anschauen, immer, immer anschauen, denn ich werde

mich ja später mit seinem Bild begnügen müssen, da uns beide ja doch

das gewaltsame Leben trennen wird.

Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine äußern Vorzüge, keine

körperlichen Zierlichkeiten besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft

zerdrückt und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas mit ihm, sie hat

etwas mit ihm vor, oder sie hat von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt.

Dieser Mensch ist der Natur vielleicht zu rein gewesen, und deshalb hat

sie ihn in einen unansehnlichen, geringen, unschönen Körper geworfen, um

ihn vor den verderblichen äußern Erfolgen zu bewahren. Vielleicht ist es

auch anders gewesen, und die Natur ist ärgerlich und boshaft gewesen,

als sie Kraus schuf. Aber wie leid muß es ihr jetzt tun, ihn

stiefmütterlich behandelt zu haben. Und wer weiß. Vielleicht freut sie

sich des anmutlosen Meisterwerkes, das sie hervorgebracht hat, und

wirklich, sie hätte Ursache, sich zu freuen, denn dieser ungraziöse

Kraus ist schöner als die graziösesten und schönsten Menschen. Er glänzt

nicht mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten und unverdorbenen

Herzens, und seine schlechten, schlichten Manieren sind vielleicht trotz

alles Hölzernen, das ihnen anhaftet, das Schönste, was es an Bewegung

und Manier in der menschlichen Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg

wird Kraus nie haben, weder bei den Frauen, die ihn trocken und häßlich

finden werden, noch sonst im Weltleben, das an ihm achtlos vorübergehen

wird. Achtlos? Ja, man wird Kraus nie achten, und gerade das, daß er,

ohne Achtung zu genießen, dahinleben wird, das ist ja das Wundervolle

und Planvolle, das An-den-Schöpfer-Mahnende. Gott gibt der Welt einen

Kraus, um ihr gleichsam ein tiefes unauflösbares Rätsel aufzugeben. Nun,

und das Rätsel wird nie begriffen werden, denn siehe: man gibt sich ja

gar nicht einmal Mühe, es zu lösen, und gerade deshalb ist dieses

Kraus-Rätsel ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt, es zu

lösen, weil überhaupt gar kein lebendiger Mensch hinter diesem namenlos

unscheinbaren Kraus irgend eine Aufgabe, irgend ein Rätsel oder eine

zartere Bedeutung vermuten wird. Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein

Nichts, ein Diener. Ungebildet, gut genug gerade, die sauerste Arbeit zu

verrichten, wird er jedermann vorkommen, und sonderbar: darin, nämlich

in diesem Urteil, wird man sich auch nicht irren, sondern man wird

durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus, die Bescheidenheit

selber, die Krone, der Palast der Demut, er will ja geringe Arbeiten

verrichten, er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im Sinn, als

zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, und das wird man gleich merken

und wird ihn ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, liegt eine so

strahlende, von Güte und Helligkeit schimmernde, goldene, göttliche

Gerechtigkeit. Ja, Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz

eintönigen, einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand wird die

Schlichtheit dieses Menschen verkennen, und deshalb wird ihn auch

niemand achten, und er wird durchaus erfolglos bleiben. Reizend,

reizend, dreimal reizend finde ich das. O, was Gott schafft, ist so

gnädig, so reizvoll, mit Reizen und Gedanken über und über behangen. Man

wird denken, das sei sehr überspannt gesprochen. Nun, das ist, ich muß

es gestehen, noch lange nicht das Überspannteste. Nein, kein Erfolg,

kein Ruhm, keine Liebe werden Kraus je blühen, das ist sehr gut, denn

die Erfolge haben nur die Zerfahrenheit und einige billige

Weltanschauungen zur unabstreifbaren Begleitschaft. Man spürt es sofort,

wenn Menschen Erfolge und Anerkennung aufzuweisen haben, sie werden

quasi dick von sättigender Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bläst sie

die Kraft der Eitelkeit auf, zum Niewiedererkennen. Gott behüte einen

braven Menschen vor der Anerkennung der Menge. Macht es ihn nicht

schlecht, so verwirrt und entkräftet es ihn bloß. Dank, ja. Dank ist

etwas ganz Anderes. Doch einem Kraus wird man nicht einmal danken, und

auch das ist durchaus nicht nötig. Alle zehn Jahre wird jemand

vielleicht einmal zu Kraus sagen: »Danke, Kraus«, und dann wird er ganz

dumm, gräßlich dumm lächeln. Verliederlichen wird mein Kraus nie, denn

es werden sich ihm immer große, lieblose Schwierigkeiten

entgegenstellen. Ich glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen,

vielleicht der einzige, oder vielleicht sind es zwei oder drei Menschen,

die wissen werden, was sie an Kraus besitzen oder besessen haben. Das

Fräulein, ja, die weiß es. Auch Herr Vorsteher vielleicht. Ja ganz

gewiß. Herr Benjamenta ist gewiß tiefblickend genug, um wissen zu

können, was Kraus wert ist. Ich muß aufhören, heute, mit Schreiben. Es

reißt mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und die Buchstaben flimmern und

tanzen mir vor den Augen.

Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster Garten. Wenn ich ihn

morgens früh vom Bureaufenster aus sehe (ich muß mit Kraus zusammen

jeden zweiten Morgen aufräumen), tut er mir leid, daß er so unbesorgt

daliegen muß, und ich hätte jedesmal Lust, hinunterzugehen und ihn zu

pflegen. Das sind übrigens Sentimentalitäten. Mag der Teufel die

irreführenden Weichseligkeiten holen. Es gibt bei uns im Institut

Benjamenta noch ganz andere Gärten. In den wirklichen Garten zu gehen,

ist verboten. Kein Zögling darf ihn betreten, warum eigentlich, weiß

ich nicht. Aber wie gesagt, wir haben einen andern, vielleicht schöneren

Garten als der tatsächliche ist. In unserem Lehrbuch: »Was bezweckt die

Knabenschule« heißt es auf Seite acht: »Das gute Betragen ist ein

blühender Garten.« -- Also in solchen, in geistigen und empfindlichen

Gärten, dürfen wir Schüler herumspringen. Nicht übel. Führt sich einer

von uns schlecht auf, so wandelt er wie von selber in einer garstigen,

finstern Hölle. Hält er sich aber brav, so geht er unwillkürlich zum

Lohn zwischen schattigem, sonnenbetupftem Grün spazieren. Wie

verführerisch! Und es liegt meiner armseligen Knabenmeinung nach etwas

Wahres in dem netten Lehrsatz. Benimmt sich einer dumm, so muß er sich

schämen und ärgern, und das ist die peinliche Hölle, in welcher er

schwitzt. Ist er dagegen aufmerksam gewesen und hat er sich geschmeidig

benommen, so nimmt ihn jemand Unsichtbares an der Hand, etwas

Trauliches, Genienhaftes, und das ist der Garten, die gute Fügung, und

er lustwandelt nun unwillkürlich in traulichen, grünlichen Gefilden.

Darf ein Schüler des Institutes Benjamenta zufrieden mit sich sein, was

selten vorkommt, da es bei uns von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit

und regnet, so duftet es um ihn herum, und das ist der süße Duft des

bescheidenen, aber wacker erkämpften Lobes. Lobt Fräulein Benjamenta,

dann duftet es, und rügt sie, dann wird es im Schulzimmer finster. Welch

eine sonderbare Welt: unsere Schule. Ist ein Zögling artig und

schicklich gewesen, so wölbt sich plötzlich über seinem Kopf irgend

etwas, und das ist der blaue, unersetzliche Himmel über dem

eingebildeten Garten. Sind wir Eleven recht geduldig gewesen, und haben

wir uns in der Anstrengung recht brav aufrecht gehalten, haben wir, was

man warten und ausharren nennt, können, dann goldet es mit einem Mal vor

unsern etwas ermüdeten Augen, und dann wissen wir, daß es die himmlische

Sonne ist. Dem, der sich aufrichtig und berechtigt müde fühlt, scheint

die Sonne. Und haben wir uns auf keinen unlauteren Wünschen zu ertappen

brauchen, was immer so unglücklich macht, so horchen wir: ei, was ist

das? Da singen ja Vögel! Nun, dann sind es eben die glücklichen,

schönbefiederten kleinen Sänger unseres Gartens gewesen, die da gesungen

und anmutig gelärmt haben. Jetzt sage man selber: Brauchen wir Zöglinge

des Institutes Benjamenta noch sonstige Gärten, als die, die wir uns

selbst schaffen? Wir sind reiche Herren, wenn wir uns zierlich und

anständig aufführen. Wenn z. B. ich wünsche, Geld zu besitzen, was

leider nur allzu oft vorkommt, dann sinke ich in die tiefen Schlünde des

hoffnungslosen, wütenden Begehrens, o, dann leide und schmachte ich,

und ich muß am Erretten zweifeln. Und blicke ich dann Kraus an, dann

erfaßt mich ein tiefes, murmelndes, quellenhaftes, wundervolles Behagen.

Das ist der friedliche Bescheidenheitsquell, der in unserem Garten auf

und nieder plätschert, und ich bin dann so glücklich, so gut aufgelegt,

so gestimmt auf das Gute. Ah, und ich sollte Kraus nicht lieben? Ist

einer von uns, d. h. wäre einer von uns ein Held gewesen, hätte er etwas

Mutiges mit Gefahr seines Lebens vollbracht (so heißt es im Lehrbuch),

so würde er in das marmorne, mit Wandmalereien geschmückte Säulenhaus

treten dürfen, das im Grün unseres Gartens heimlich verborgen liegt, und

dort würde ihn ein Mund küssen. Was für ein Mund, das steht nicht im

Lehrbuch. Und wir sind ja doch keine Helden. Wozu auch! Erstens fehlt

uns die Gelegenheit, uns heroisch zu benehmen, und zweitens, ich weiß

nicht recht, ob z. B. Schilinski oder der lange Peter für Aufopferungen

zu haben wären. Unser Garten ist auch ohne Küsse, Helden und

Säulenpavillons eine hübsche Einrichtung, glaube ich. Mich friert es,

wenn ich von Helden rede. Da schweige ich lieber.

Ich fragte Kraus neulich, ob er nicht auch von Zeit zu Zeit etwas wie

Langeweile empfinde. Er schaute mich vorwurfsvoll mit zurechtweisenden

Augen an, überlegte ein wenig und sagte: »Langeweile? Du bist wohl nicht

ganz gescheit, Jakob. Und erlaube mir, dir zu sagen, daß du ebenso naive

wie sündhafte Fragen stellst. Wer wird sich in der Welt langweilen?

Vielleicht du. Ich nicht, das sage ich dir. Ich lerne hier aus dem Buch

auswendig. Nun? Habe ich da Zeit, mich zu langweilen? Welch törichte

Fragen. Noble Leute langweilen sich vielleicht, nicht Kraus, und du

langweilst dich, sonst würdest du gar nicht auf den Gedanken kommen, und

würdest gar nicht hierher zu mir kommen, so etwas zu fragen. Man kann

immer, wenn nicht nach außen, so doch wenigstens nach innen, ein wenig

tätig sein, man kann murmeln, Jakob. Gewiß wolltest du mich schon oft

auslachen wegen meines Murmelns, aber, höre und sage mir, weißt du denn,

was ich murmle? Worte, lieber Jakob. Ich murmle und wiederhole immer

Worte. Das ist gesund, kann ich dir sagen. Verschwinde mit deiner

Langeweile. Langeweile gibt es bei Menschen, die da immer gewärtigen, es

solle von außen her etwas Aufmunterndes auf sie zutreten. Wo üble Laune,

wo Sehnsucht ist, da ist Langeweile. Geh' nur, belästige mich nicht, laß

mich lernen, geh' du an irgend ein Stück Aufgabe. Plag' dich an etwas,

dann langweilst du dich gewiß nicht mehr. Und bitte, vermeide in

Zukunft solcherlei einen fast aus aller Fassung bringende, über und über

dumme Fragen.« -- Ich fragte: »Hast du jetzt ausgeredet, Kraus?« und

lachte. Doch er blickte mich nur ganz mitleidig an. Nein, Kraus kann

sich nie, nie langweilen. Ich wußte das ja zur Genüge, ich habe ihn nur

wieder einmal reizen wollen. Wie unschön ist das von mir, und wie leer.

Ich muß mich entschieden bessern. Wie schlecht das ist, Kraus immer

äffen und ärgern zu wollen. Und doch: wie reizend. Seine Vorwürfe

klingen so lustig. Es ist etwas so Vater-Abraham-mäßiges in seinen

Ermahnungen.

Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares geträumt. Ich war im

Traum ein ganz schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch, das

wollte sich mir nicht offenbaren. Roh war ich vom Wirbel bis zur Sohle,

ein aufgedonnertes, unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. Ich

war dick, es ging mir scheinbar ganz glänzend. Ringe blitzten an den

Fingern meiner unförmigen Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem

zentnerschwere, fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich fühlte so

recht, daß ich befehlen und Launen losschießen durfte. Neben mir, auf

einem reichbesetzten Tisch, prangten die Gegenstände einer nicht zu

befriedigenden Eß- und Trinkbegierde, Wein- und Likörflaschen, und die

auserlesensten kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen, und das tat ich

von Zeit zu Zeit. An den Messern und Gabeln klebten die Tränen zugrunde

gerichteter Gegner, und mit den Gläsern klangen die Seufzer vieler armer

Leute, aber die Tränenspuren reizten mich nur zum Lachen, während mir

die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. Ich brauchte Tafelmusik

und ich hatte sie. Anscheinend hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf

Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und das freute mich in alle

Gedärme hinein. O, o, wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen

den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben, erlabte! Und ich griff

zur Klingel und schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon, kroch

herein, es war die Lebensweisheit, und sie kroch an meine Stiefel heran,

um sie zu küssen. Und ich erlaubte dem entwürdigten Wesen das. Man

denke: die Erfahrung, der gute edle Grundsatz: er leckte mir die Füße.

Das nenne ich Reichtum. Weil es mir grad so einfiel, klingelte ich

wieder, denn es juckte mich, ich weiß nicht mehr, wo, nach sinnreicher

Abwechslung, und es erschien ein halbwüchsiges Mädchen, ein wahrer

Leckerbissen für mich Wüstling. Kindliche Unschuld, so nannte sie sich,

und begann, die Peitsche, die neben mir lag, flüchtig mit dem Auge

streifend, mich zu küssen, was mich unglaublich auffrischte. Die Angst

und die frühzeitige Verdorbenheit flatterten in den schönen rehgleichen

Augen des Kindes. Als ich genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat

auf: der Lebensernst, ein schöner, schlanker, junger, aber armer Mensch.

Es war einer meiner Lakaien, und ich befahl ihm stirnrunzelnd, mir das

Ding da, wie hieß es schon, nun ja, hab' ich's endlich, mir die Lust zur

Arbeit hereinzuführen. Bald darauf trat der Eifer herein, und ich machte

mir das Vergnügen, ihm, dem Voll-Menschen, dem prachtvoll gebauten

Arbeitsmann, eins mit der Peitsche überzuknallen, mitten ins ruhig

wartende Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben, das urwüchsige

Schaffen, es ließ sich's gefallen. Nun allerdings lud ich es mit einer

trägen, gönnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein, und das dumme Luder

schlürfte den Schandwein. »Geh', sei für mich tätig,« sagte ich, und es

ging. Nun kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von für jeden

Nicht-ganz-Hartgefrorenen überwältigender Schönheit, weinend herein. Ich

nahm sie auf meinen Schoß und trieb Unsinn mit ihr. Als ich ihr den

unaussprechlichen Schatz geraubt hatte, das Ideal, jagte ich sie

höhnisch hinaus, und, nun pfiff ich, und es erschien Gott selber. Ich

schrie: »Was? Auch du?« Und erwachte schweißtriefend, -- wie froh war

ich doch, daß es nur ein böser Traum war. Mein Gott, ich darf noch

hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir. Wie im Traum doch alles

an die Grenze des Wahnsinns streift. Kraus würde mich schön anglotzen,

wenn ich ihm das erzählte.

Die Art, wie wir Fräulein verehren, ist doch eigentlich komisch. Aber

ich z. B. bin sehr fürs Komische, es enthält unbedingt Zauber. Um acht

beginnt immer der Unterricht. Nun, da sitzen wir Zöglinge schon zehn

Minuten vorher voll Spannung und Erwartung an unsern Plätzen und schauen

unbeweglich nach der Türe, in welcher die Vorgesetzte erscheinen soll.

Auch für diese Art von vorauseilender Respektsbezeugung haben wir exakte

Vorschriften. Es gilt als Gesetz, nach derjenigen hinzuhorchen, ob sie

bald komme, die dann und dann bestimmt eintreten wird. Wir Schüler

sollen uns echt dummejungenhaft zehn Minuten lang auf das Aufstehen von

unsern Plätzen vorbereiten. Eine kleine Entehrung liegt in all diesen

kleinlichen Forderungen, die eigentlich lächerlich sind, aber uns soll

nichts an unserer persönlichen, sondern uns soll alles an der Ehre des

Institutes Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich auch das

Richtigste, denn hat ein Schüler Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet

und gezwiebelt zu werden, das höchstens kann eine Ehre für uns sein.

Gedrillt werden ist für Zöglinge ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir

rebellieren auch gar nicht. Würde uns nie einfallen. Wir haben,

zusammengerechnet, ja so wenig Gedanken. Ich habe vielleicht noch die

meisten Gedanken, leicht möglich ist das, aber ich verachte im Grunde

genommen mein ganzes Denkvermögen. Ich schätze nur Erfahrungen, und die

sind in der Regel von allem Denken und Vergleichen vollkommen

unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine Türe öffne. Im Türöffnen

liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage. Nun ja, es regt eben

alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern an. Gewiß muß man auch

denken, sehr sogar. Aber sich fügen, das ist viel, viel feiner als

denken. Denkt man, so sträubt man sich, und das ist immer so häßlich und

Sachen-verderbend. Die Denker, wenn sie nur wüßten, wieviel sie

verderben. Einer, der geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas, nun,

und das ist nötiger. Zehntausende von Köpfen arbeiten in der Welt

überflüssig. Sonnen-sonnenklar ist das. Der Lebensmut geht den

Menschengeschlechtern verloren mit all dem Abhandeln und Erfassen und

Wissen. Wenn z. B. ein Zögling des Institutes Benjamenta nicht weiß, daß

er artig ist, dann ist er es. Weiß er es, dann ist seine ganze

unbewußte Zier und Artigkeit weg, und er begeht irgend einen Fehler. Ich

laufe gern Treppen hinunter. Welch ein Geschwätz.

Jakob von Gunten: Ein Tagebuch · 第 5 / 11 段