praktischen Teil. Aber beide Abteilungen muten mich auch noch heute wie
ein Traum, wie ein sinnloses und zugleich sehr sinnreiches Märchen an.
Auswendiglernen, das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne sehr
leicht auswendig, Kraus sehr schwer, daher ist er immer am Lernen. Die
Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat, sind das Geheimnis seines
Fleißes und dessen Lösung. Er hat ein schwerfälliges Gedächtnis, und
doch prägt er sich, wenn auch mit vieler Mühe, alles fest ein. Das, was
er weiß, ist dann in seinem Kopf sozusagen in Metall graviert, und er
kann es nicht wieder vergessen. Von Verschwitzen oder dergleichen ist
bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird, da paßt ein Kraus hin,
demnach paßt er ins Institut Benjamenta vorzüglich. Einer der
Grundsätze unserer Schule lautet: »Wenig aber gründlich«. Nun, in
diesem Prinzip steckt Kraus fest, der einen etwas harten Schädel mit auf
die Welt bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder dasselbe! Nach und
nach fange auch ich an, zu begreifen, was für eine große Welt hinter
diesen Worten verborgen ist. Etwas sich in der Tat fest, fest einprägen,
für immer! Ich sehe ein, wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie
würdig das ist. Der praktische oder körperliche Teil unseres
Unterrichtes ist eine Art fortwährend wiederholtes Turnen oder Tanzen,
ganz gleich, wie man das nennen will. Der Gruß, das Eintreten in eine
Stube, das Benehmen gegenüber Frauen oder ähnliches wird geübt, und zwar
sehr langfädig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich jetzt merke und
empfinde, steckt ein tiefverborgener Sinn. Uns Zöglinge will man bilden
und formen, wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen. Man
erzieht uns, indem man uns zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen
Seele und unseres eigenen Körpers genau kennen zu lernen. Man gibt uns
deutlich zu verstehen, daß allein schon der Zwang und die Entbehrungen
bilden, und daß in einer ganz einfachen, gleichsam dummen Übung mehr
Segen und mehr wahrhaftige Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen
von vielerlei Begriffen und Bedeutungen. Wir erfassen eines ums andere,
und haben wir etwas erfaßt, so besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen
es, sondern im Gegenteil, was wir scheinbar zu unserem Besitz gemacht
haben, herrscht dann über uns. Uns prägt man ein, daß es von wohltuender
Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres Weniges anzupassen, d. h. sich
an Gesetze und Gebote, die ein strenges Äußeres vorschreibt, zu gewöhnen
und zu schmiegen. Man will uns vielleicht verdummen, jedenfalls will man
uns klein machen. Aber man schüchtert uns durchaus nicht etwa ein. Wir
Zöglinge wissen alle, der eine so gut wie der andere, daß Schüchternheit
strafbar ist. Wer stottert und Furcht zeigt, setzt sich der Verachtung
unseres Fräuleins aus, aber klein sollen wir sein und wissen sollen wir
es, genau wissen, daß wir nichts Großes sind. Das Gesetz, das befiehlt,
der Zwang, der nötigt, und die vielen unerbittlichen Vorschriften, die
uns die Richtung und den Geschmack angeben: das ist das Große, und nicht
wir, wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar ich, daß wir nur
kleine, arme, abhängige, zu einem fortwährenden Gehorsam verpflichtete
Zwerge sind. So benehmen wir uns auch: demütig, aber äußerst
zuversichtlich. Wir sind alle ohne Ausnahme ein wenig energisch, denn
die Kleinheit und Not, in der wir uns befinden, veranlassen uns, fest an
die paar Errungenschaften, die wir gemacht haben, zu glauben. Unser
Glaube an uns ist unsere Bescheidenheit. Wenn wir an nichts glauben
würden, wüßten wir nicht, wie wenig wir sind. Immerhin, wir kleinen
jungen Menschen sind irgend etwas. Wir dürfen nicht ausschweifen, nicht
phantasieren, es ist uns verboten, weit zu blicken, und das stimmt uns
zufrieden und macht uns für jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt
kennen wir sehr schlecht, aber wir werden sie kennen lernen, denn wir
werden dem Leben und seinen Stürmen ausgesetzt sein. Die Schule
Benjamenta ist das Vorzimmer zu den Wohnräumen und Prunksälen des
ausgedehnten Lebens. Hier lernen wir Respekt empfinden und so tun, wie
diejenigen tun müssen, die an irgend etwas emporzublicken haben. Ich
z. B. bin ein wenig erhaben über alles das, gut, um so besser tun mir
auch alle diese Eindrücke. Gerade ich habe nötig, Hochachtung und
zutraulichen Respekt vor den Gegenständen der Welt fühlen zu lernen,
denn wohin würde ich gelangen, wenn ich das Alter mißachten, Gott
leugnen, Gesetze bespotten und meine jugendliche Nase schon in alles
Erhabene, Wichtige und Große stecken dürfte? Meiner Ansicht nach krankt
gerade hieran die gegenwärtige junge Generation, die Zeter und Mordio
schreit und nach Papa und Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und
Geboten und Beschränkungen ein wenig beugen soll. Nein, nein, hier sind
Benjamentas meine lieben leuchtenden Leitsterne, der Herr Bruder sowohl
wie das Fräulein, seine Schwester. Ich werde mein Lebenlang an sie
denken.
Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten
Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet.
Es war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und
ich wahrscheinlich mich auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes
Restaurant getreten und haben dort geplaudert. »Bleib' nur der, der du
bist, Bruder,« sprach Johann zu mir, »fange von tief unten an, das ist
ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen -- --« Ich machte eine
leichte, verneinende Handbewegung. Er fuhr fort: »Denn sieh', oben, da
lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen nämlich. Versteh' mich
recht, lieber Bruder.« -- Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon
zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat ihn, weiterzureden, und
er sprach: »Oben, da herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben
eine Atmosphäre des Genuggetanhabens, und das hemmt und engt ein. Ich
hoffe, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich verstündest,
Bruder, dann wärest du ja eigentlich gräßlich.« -- Wir lachten. O, mit
einem Bruder zusammen lachen zu können, das ist sehr hübsch. Er sagte:
»Du bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber wenn man jung
ist, soll man auch eine Null sein, denn nichts ist so verderblich wie
das frühe, das allzufrühe Irgendetwasbedeuten. Gewiß: dir bedeutest du
etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber der Welt bist du noch nichts, und das
ist fast ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst mich nicht
ganz, denn wenn du mich vollkommen verstündest -- --« »Wäre ich ja
gräßlich,« fiel ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es war sehr
lustig. Ein merkwürdiges Feuer fing an, mich zu beseelen. Meine Augen
brannten. Das liebe ich übrigens sehr, wenn's mir so verbrannt zumut
ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit
pflegen mich dann zu bestürmen. Johann fuhr fort, er sagte folgendes:
»Bruder, bitte, unterbrich mich nicht immer. Dein dummes junges
Gelächter hat etwas Ideenerstickendes. Höre. Paß gut auf. Was ich dir
sage, kann dir vielleicht eines Tages von Nutzen sein. Vor allen Dingen:
komme dir nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt es gar nicht,
denn es gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich
Erstrebenswertes. Und doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar.
Aber damit du nie allzu sehnsüchtig bist: präge dir ein: nichts, nichts
Erstrebenswertes gibt es. Es ist alles faul. Verstehst du das? Sieh',
ich hoffe immer, du könntest das alles nicht so recht verstehen. Ich
mache mir Sorgen.« -- Ich sagte: »Leider bin ich zu intelligent, um
dich, wie du hoffst, mißverstehen zu können. Aber sei ohne Sorgen. Du
erschreckst mich durchaus nicht mit deinen Enthüllungen.« -- Wir
lächelten uns an. Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und Johann,
der übrigens sehr elegant aussah, fuhr fort zu sprechen: »Es gibt ja
allerdings einen sogenannten Fortschritt auf Erden, aber das ist nur
eine der vielen Lügen, die die Geschäftemacher ausstreuen, damit sie um
so frecher und schonungsloser Geld aus der Menge herauspressen können.
Die Masse, das ist der Sklave von heute, und der Einzelne ist der Sklave
des großartigen Massengedankens. Es gibt nichts Schönes und
Vortreffliches mehr. Du mußt dir das Schöne und Gute und Rechtschaffene
träumen. Sage mir, verstehst du zu träumen?« -- Ich begnügte mich, mit
dem Kopf zweimal zu nicken und ließ Johann, indem ich gespannt
aufhorchte, fortreden: »Versuche es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld
zu erwerben. Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst an allem. Alles,
alles ist verdorben, halbiert, der Zier und der Pracht beraubt. Unsere
Städte verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Klötze nehmen den Raum
ein, den Wohnhäuser und Fürstenpaläste eingenommen haben. Das Klavier,
lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern! Konzert und Theater
fallen von Stufe zu Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es gibt
ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende Gesellschaft, aber sie
hat nicht mehr die Fähigkeit, Töne der Würde und des Feinsinnes
anzuschlagen. Es gibt Bücher -- -- mit einem Wort, sei niemals verzagt.
Bleib arm und verachtet, lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken schlage
dir weg. Es ist das Schönste und Triumphierendste, man ist ein ganz
armer Teufel. Die Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und unglücklich.
Die reichen Leute von heutzutage: sie haben nichts mehr. Das sind die
wahren Verhungerten.« -- Ich nickte wieder. Es ist wahr, ich sage sehr
leicht ja zu allem. Übrigens gefiel mir und paßte mir, was Johann sagte.
Es war Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, und dies beides,
Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang. Wieder bestellten wir
Bier, und mein Gegenüber sagte: »Du mußt hoffen und doch nichts hoffen.
Schau empor an etwas, ja gewiß, denn das ziemt dir, du bist jung,
unverschämt jung, Jakob, aber, gesteh' dir immer, daß du's verachtest,
das, an dem du respektvoll emporschaust. Du nickst schon wieder? Teufel,
was bist du für ein verständnisvoller Zuhörer. Du bist geradezu ein
Baum, der voll Verständnis behangen ist. Sei zufrieden, lieber Bruder,
strebe, lerne, tu womöglich irgend jemandem etwas Liebes und Gutes.
Komm', ich muß gehen. Sag', wann treffen wir uns wieder? Du
interessierst mich, offen gesagt.« -- Wir gingen, und draußen auf der
Straße nahmen wir Abschied voneinander. Lange schaute ich meinem lieben
Bruder nach. Ja, er ist mein Bruder. Wie freut mich das.
Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen Diener, den alten Fehlmann.
Mama hat ihre eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen der Stadt
mit den achtundzwanzigtausend Einwohnern darum. Mutter ist eine noch in
den vorgeschrittenen Jahren hübsche, ja schöne Frau. Ich erinnere mich
an ein hellblaues, enganschließendes Kleid, das sie einmal trug. Sie
hielt den zartweißen Sonnenschirm offen. Die Sonne schien. Es war
prächtiges Frühlingswetter. In den Straßen duftete es nach Veilchen. Die
Menschen promenierten, und unter dem Grün der Anlage-Bäume spielte die
Stadtmusik Promenadenkonzert. Wie süß und hell war alles. Ein Brunnen
plätscherte, und Kinder, hell angezogene, lachten und spielten. Und ein
feiner liebkosender Wind strich mit Düften, Sehnsucht nach Unsagbarem
erweckend, umher. Aus den Fenstern der Neuquartierplatzhäuser schauten
Leute. Mutter hatte lange hellgelbe Handschuhe an den schmalen Händen und
lieben Armen. Johann war damals schon in der Fremde. Aber Vater war dabei.
Nein, nie nehme ich je Hilfe (Geld) von den zärtlich verehrten Eltern an.
Mein verletzter Stolz würde mich aufs Krankenlager werfen, und futsch
wären die Träume von einer selbsterrungenen Lebenslaufbahn, vernichtet
für immer diese mir in der Brust brennenden Selbsterziehungspläne. Das
ist es ja: um mich quasi selbst zu erziehen, oder mich auf eine künftige
Selbsterziehung vorzubereiten, deshalb bin ich Zögling dieses Institutes
Benjamenta geworden, denn hier macht man sich auf irgend etwas Schweres
und Düster-Daherkommendes gefaßt. Und deshalb schreibe ich ja auch nicht
nach Hause, denn schon das Berichterstatten allein würde mich an mir
irre machen, würde mir den Plan, ganz von unten anzufangen, vollkommen
verleiden. Etwas Großes und Kühnes muß in aller Verschwiegenheit und
Stille geschehen, sonst verdirbt und verflaut es, und das Feuer, das
schon lebendig erwachte, stirbt wieder. Ich kenne meinen Geschmack, das
genügt. -- Ach so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener Fehlmann,
der noch lebt und dient, habe ich eine lustige Geschichte auf Lager. Die
Sache ist die: Fehlmann ließ sich eines Tages ein grobes Verfehlen
zuschulden kommen und sollte entlassen werden. »Fehlmann,« sagte Mama,
»Sie können gehen. Wir brauchen Sie nicht mehr.« -- Da stürzte der arme
Alte, der einen am Krebs gestorbenen Jungen noch vor kurzer Zeit
begraben hatte (lustig ist das nicht), meiner Mutter zu Füßen und bat um
Gnade, direkt um Gnade. Der arme Teufel, er hatte Tränen in den alten
Augen. Mama verzeiht ihm, ich erzähle den Auftritt andern Tags meinen
Kameraden, den Brüdern Weibel, und die lachen mich fürchterlich aus und
verachten mich. Sie entziehen mir ihre Freundschaft, weil es, wie sie
meinen, in unserem Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-Füßen-fallen
finden sie verdächtig, und sie gehen hin und verleumden mich und Mama in
der abgeschmacktesten Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte
kleine Republikaner, denen das Waltenlassen persönlicher und
herrschaftlicher Gnade oder Ungnade ein Greuel und ein Gegenstand des
Abscheus ist. Wie kommt mir das jetzt komisch vor. Und doch, wie
bezeichnend ist dieser kleine Vorfall für den Lauf der Zeiten. So wie
die Buben Weibel, so urteilt heute eine ganze Welt. Ja, so ist es: man
duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr. Es gibt keine Herren mehr,
die machen können, was sie wollen, und es gibt längst keine Herrinnen
mehr. Soll ich darüber traurig sein? Fällt mir nicht ein. Bin ich
verantwortlich für den Geist des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie
ist, und behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen zu machen.
Der gute Fehlmann: ihm, ihm ist noch auf altväterliche Art verziehen
worden. Tränen der Treue und Anhänglichkeit, wie schön ist das. --
Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven fast ganz uns selbst
überlassen. Niemand kümmert sich mehr um uns. Vorstehers sind in den
innern Räumen verborgen, und im Schulzimmer herrscht Öde, eine Öde, die
einen beinahe krank macht. Lärm soll nicht vorkommen. Es darf nur
gehuscht und geschlichen und nur im Flüstertone gesprochen werden.
Schilinski schaut sich im Spiegel, Schacht schaut zum Fenster hinaus,
oder er gestikuliert mit dem Küchenmädchen von gegenüber, und Kraus
lernt auswendig, indem er Lektionen vor sich hinmurmelt. Eine
Grabesstille herrscht überall. Der Hof liegt verlassen da wie eine
viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und übe mich, auf
einem Bein zu stehen. Oft halte ich zur Abwechslung den Atem lang an.
Auch eine Übung, und es soll sogar, wie mir einmal ein Arzt sagte, eine
gesundheitfördernde sein. Oder ich schreibe. Oder ich schließe die
unmüden Augen, um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln Gedanken,
und daher schließe ich sie von Zeit zu Zeit, um nichts denken zu müssen.
Wenn man so da ist und nichts tut, spürt man plötzlich, wie penibel das
Dasein sein kann. Nichtstun und dennoch Haltung beobachten, das fordert
Energie, der Schaffende hat es leicht dagegen. Wir Zöglinge sind Meister
in dieser Art Anstand. Sonst fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa
an, ein wenig zu flegeln, zu strampeln, hochaufzugähnen oder zu seufzen.
Das tun wir Eleven nicht. Wir pressen die Lippen fest und sind
unbeweglich. Über unsern Köpfen schweben immer die mürrischen
Vorschriften. Manchmal, wenn wir so dasitzen oder dastehen, geht die
Türe auf, und das Fräulein geht langsam, uns sonderbar anschauend,
durchs Schulzimmer. Wie ein Geist mutet sie mich dann an. Es ist, als
wenn da jemand von weit, weit her käme. »Was macht ihr, Knaben?« fragt
sie dann etwa, wartet aber gar keine Antwort ab, sondern geht weiter.
Wie schön sie ist. Welch eine üppige Fülle von tiefschwarzen Haaren.
Meist sieht man sie gesenkten Auges. Sie hat Augen, die sich zum
Niederschlagen herrlich eignen. Ihre Augendeckel (o, ich beobachte das
alles scharf) sind üppig gewölbt und der raschen Bewegung wundersam
fähig. Diese Augen! Sieht man sie einmal, so blickt man in etwas
Abgrund-Banges und Tiefes hinein. Diese Augen scheinen in ihrer
glänzenden Schwärze nichts und zugleich alles Unsagbare zu sagen, so
bekannt und so unbekannt zugleich muten sie an. Die Augenbrauen sind bis
zum Zerreißen dünn und rund darüber gezeichnet und gezogen. Wer sie
betrachtet, fühlt Stiche. Sie sind wie Mondsicheln an einem krankhaft
blassen Abendhimmel, wie feine, aber um so stechendere Wunden, innerlich
schneidende. Und ihre Wangen! Das stille Sehnen und Zagen scheint Feste
darauf zu feiern. Unverstandene Zartheit und Zärtlichkeit weint darauf
auf und nieder. Zuweilen erscheint auf dem schimmernden Schnee dieser
Wangen ein leises bittendes Rot, ein rötliches, schüchternes Leben, eine
Sonne, doch nein, nur der schwache Abglanz einer solchen. Dann ist es,
als lächelten plötzlich die Wangen, oder als fieberten sie ein wenig.
Wenn man Fräulein Benjamentas Wangen ansieht, vergeht einem die Lust,
weiterzuleben, denn dann hat man das Gefühl, als müsse das Leben ein
Höllengewimmel voller schnöder Roheiten sein. Etwas so Zartes läßt in
etwas so Schweres und Bedrohliches fast gebieterisch blicken. Und ihre
Zähne, die man hervorschimmern sieht, wenn der üppig-gütige Mund
lächelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint man, müsse aus den Punkten
ihres Halts herabstürzen, aus Scham und aus Weh, sie weinen zu sehen.
Und wenn man sie erst weinen -- -- hört? O, dann vergeht man. Neulich
hörten wir es, mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert wie
Espenlaub. Ja, wir alle, wir lieben sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser
höheres Wesen. Und sie leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank?
Fräulein Benjamenta hat mit mir ein paar Worte gesprochen, in der Küche.
Ich wollte gerade in die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne
mich im übrigen eines Blicks zu würdigen: »Wie geht es dir, Jakob? Geht
es dir gut?« Ich nahm sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt,
und sagte im Ton der Unterwürfigkeit: »O ganz gewiß, gnädiges Fräulein.
Mir kann es nicht anders als gut gehen.« -- Sie lächelte schwach und
fragte: »Wie meinst du das?« -- So über die Schulter fragte sie das. Ich
antwortete: »Es fehlt mir an nichts.« -- Sie blickte mich kurz an und
schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Du kannst gehen, Jakob. Du bist
frei. Du brauchst nicht dazustehen.« -- Ich erwies ihr die
vorgeschriebene Ehre, indem ich mich verneigte, und drückte mich in die
Kammer. Es vergingen keine fünf Minuten, so wurde geklopft. Ich stürzte
an die Türe. Ich kannte das Klopfen. Sie stand vor mir. »Du, Jakob,«
fragte sie, »sage einmal, wie verträgst du dich mit den Kameraden?
Nicht wahr, es sind nette Menschen?« -- Ich gab zur Antwort, daß sie
mir alle, ohne Ausnahme, liebens- und achtenswert vorkämen. Die Lehrerin
blinzelte mich mit den schönen Augen listig an und machte: »Na, na. Und
mit Kraus zankst du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der Liebe
und Achtung?« -- Ich erwiderte ohne Zaudern: »In gewissem Sinne ja,
Fräulein. Übrigens ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn
Kraus Scharfsinn besäße, würde er merken, daß ich ihn sogar allen andern
vorziehe. Ich achte Kraus sehr, sehr. Es würde mich schmerzen, wenn Sie
mir das nicht glaubten.« -- Sie erfaßte meine Hand und drückte sie
leicht und sagte: »Beruhige dich nur. Sieh' einmal, wie du in Hitze
kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie du sagst, so muß ich ja wohl
zufrieden mit dir sein. Ich bin es auch, wenn du fortfährst, artig zu
sein. Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller Junge, und du
kränkst mich, wenn du Kraus unartig begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz
ausdrücklich wünsche ich das. Aber sei nicht traurig. Sieh' doch, ich
mache dir ja keine Vorwürfe. Welch ein verzogener, verwöhnter
Aristokratensohn! Kraus ist ein so guter Mensch. Nicht wahr, Kraus ist
ein guter Mensch, Jakob?« -- Ich sagte: »Ja.« Nichts weiter als ja, und
dann mußte ich plötzlich ziemlich dumm lachen, ich wußte gar nicht
warum. Sie schüttelte den Kopf und ging. Warum ich nur habe lachen
müssen? Noch jetzt weiß ich es nicht. Aber die Sache ist ja auch viel zu
unbedeutend. Wann werde ich zu Geld gelangen? Diese Frage scheint mir
bedeutsam. Das Geld besitzt in meinen Augen gegenwärtig einen vollkommen
idealen Wert. Wenn ich mir den Klang eines Goldstückes vorstelle, werde
ich beinahe rasend. Ich habe zu essen: Pfui. Ich möchte reich sein und
den Kopf zerschmettert haben. Ich mag bald überhaupt nichts mehr essen.
Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs um die Erde reisen. Zwar, das
wäre ja gar nicht so übel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter,
das Fremde flüchtig kennen zu lernen. Im allgemeinen würde ich es
verschmähen, mich, wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich würde eher
die Tiefe, die Seele, als die Ferne und Weite locken. Das Naheliegende
zu untersuchen würde mich reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts. Ich
würde mir keinen Besitz anschaffen. Elegante Kleider, feine Wäsche,
einen Zylinder, bescheidene goldene Manschettenknöpfe, lange Lackschuhe,
das wäre ungefähr alles, damit würde ich losziehen. Kein Haus, keinen
Garten, keinen Diener, doch, ja, einen Diener, einen würdevollen braven
Kraus würde ich mir engagieren. Und nun könnte es losgehen. Da würde
ich im dampfenden Nebel auf die Straße gehen. Der Winter mit seiner
melancholischen Kälte würde vorzüglich zu meinen Goldstücken passen. Die
Banknoten trüge ich in der einfachen Brieftasche. Zu Fuß ginge ich
einher, ganz wie gewöhnlich, in der unbewußt-geheimen Absicht, es mich
nicht so sehr merken zu lassen, wie fürstlich reich ich wäre. Vielleicht
würde es auch schneien. Mir egal, im Gegenteil, mir sehr recht. Weicher
Schneefall zwischen den abendlich leuchtenden Laternen. Das würde
glitzern, reizend. Nie im Leben würde es mir einfallen, in eine Droschke
zu steigen. Das tun Leute, die es entweder eilig haben oder nobel tun
wollen. Ich aber würde weiter gar nicht nobel tun wollen, und eilig
hätte ich es schon ganz und gar nicht. Gedanken würden mir kommen, indem
ich so ginge. Plötzlich würde ich irgend jemanden grüßen, sehr höflich,
und siehe, es wäre ein Mann. Ganz artig würde ich nun den Mann
anschauen, und da würde ich sehen, daß es ihm schlecht geht. Merken
würde ich das, nicht sehen, so etwas merkt man, man sähe es kaum, aber
an irgend etwas sähe man es. Nun, und dieser Mann würde mich fragen, was
ich will, und es läge Bildung in der Frage. Diese Frage wäre ganz sanft
und einfach gestellt worden, und das würde mich erschüttern. Denn ich
wäre ja auf etwas Barsches durchaus gefaßt gewesen. »Etwas Tief-Wundes
muß der Mann haben,« würde ich mir sogleich sagen, »sonst wäre er
ärgerlich geworden.« -- Und dann würde ich gar nichts, absolut nichts
sagen, sondern ich begnügte mich, ihn mehr und mehr anzuschauen. Nicht
scharf, o nein, ganz einfach, vielleicht sogar ein wenig fröhlich. Und
nun wüßte ich, wer er wäre. Ich öffnete meine Brieftasche, entnähme ihr
glatt zehntausend Mark in zehn einzelnen Noten und gäbe diese Summe dem
Mann. Darauf würde ich den Hut ebenso artig wie vorhin lüften, gute
Nacht sagen und gehen. Und es würde fortfahren zu schneien. Im Gehen
würde ich gar nichts mehr denken, ich könnte nicht, es wäre mir viel zu
wohl zu so etwas. Einem eklig darbenden Künstler, das wüßte ich ganz
bestimmt, hätte ich's gegeben, das Geld. Ja, das wüßte ich, denn ich
würde mich nicht haben täuschen können. O, eine große, eine heiße, eine
aufrichtige Sorge würde es weniger in der Welt geben. Nun, und in der
folgenden Nacht würde ich vielleicht auf ganz andere Einfälle kommen.
Jedenfalls reiste ich nicht um die Erde, sondern ich beginge lieber
irgend welche Tollheiten und Torheiten. So z. B. könnte ich ja auch ein
wahnsinnig reiches und lustbeladenes Gastmahl geben und Orgien
niegesehener Art veranstalten. Ich wollte es mich Hunderttausend kosten
lassen. Ganz bestimmt müßte das Geld auf sinnverwirrende Art und Weise
verbraucht werden, denn nur das echt vertane Geld wäre ein schönes Geld
-- -- gewesen. Und eines Tages würde ich betteln, und da schiene die
Sonne, und ich wäre so froh, über was, das würde ich gar nicht zu wissen
begehren. Und da käme Mama und fiele mir um den Hals -- --. Nette
Träumereien sind das!