Endlich sind meine Photographien fertig geworden. Ich blicke sehr, sehr

energisch in die Welt hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild. Kraus

will mich ärgern und sagt, ich sehe wie ein Jude aus. Endlich, endlich

lacht er ein wenig. »Kraus,« sage ich, »bitte, bedenke, auch die Juden

sind Menschen.« Wir zanken über den Wert und über den Unwert der Juden

und unterhalten uns damit prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten

Meinungen er hat. »Die Juden haben alles Geld,« meint er. Ich nicke

dazu, ich bin einverstanden, und ich sage: »Das Geld macht die Menschen

erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein Jude, und reiche Christen, ich

pfeife, das sind noch die ärgsten Juden.« -- Er nickt. Endlich, endlich

einmal habe ich dieses Menschen Beifall gefunden. Aber er ärgert sich

schon wieder und sagt sehr ernsthaft: »Schwatz' nicht immer. Was soll

das mit den Juden und mit den Christen. Das gibt es gar nicht. Es gibt

liederliche und brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst du, Jakob?

Zu welcher Sorte gehörst du?« -- Und nun unterhalten wir uns erst recht

noch lange. O, Kraus redet sehr gern mit mir, ich weiß es. Die gute,

feine Seele. Er mag es nur nicht zugeben. Wie liebe ich Menschen, die

sich nicht gern Geständnisse machen. Kraus hat Charakter: Wie deutlich

man das fühlt. -- Den Lebenslauf habe ich allerdings geschrieben, aber

ich habe ihn wieder zerrissen. Fräulein Benjamenta ermahnte mich

gestern, aufmerksamer und folgsamer zu sein. Ich habe die schönsten

Vorstellungen von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit, und sonderbar: es

entwischt mir. Ich bin tugendhaft in der Einbildung, aber wenn es darauf

ankommt, Tugenden auszuüben? Wie dann? Nicht wahr, ja, dann ist es eben

etwas ganz anderes, dann versagt man, dann ist man unwillig. Übrigens

bin ich unhöflich. Ich schwärme sehr für die Ritterlichkeit und

Höflichkeit, wenn es aber gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die

Türe ehrfürchtig zu öffnen, wer ist dann der Flegel, der am Tisch sitzen

bleibt? Und wer springt wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen?

Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis zu Fuß. Er gehört eigentlich

ins Mittelalter, und es ist sehr schade, daß ihm kein zwölftes

Jahrhundert zur Verfügung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer und

das unauffällige, selbstlose Entgegenkommen selber. Über Frauen hat er

kein Urteil, er verehrt sie bloß. Wer hebt das Fallengelassene vom Boden

auf und reicht es eichhornhaft schnell dem Fräulein? Wer springt zum

Haus hinaus auf Kommissionen? Wer trägt der Lehrerin die Markttasche

nach? Wer scheuert die Treppe und Küche, ohne daß man es ihm hat

befehlen müssen? Wer tut das alles und frägt nicht nach Dank? Wer ist so

herrlich, so gewaltig in sich selbst froh? Wie heißt er? Ah, ich weiß es

schon. Manchmal möchte ich von diesem Kraus gehauen sein. Aber Menschen

wie er, wie könnten sie hauen. Kraus will nur Rechtes und Gutes. Das ist

durchaus nicht übertrieben gesprochen. Er hat nie schlechte Absichten.

Seine Augen sind erschreckend gut. Dieser Mensch, was will er eigentlich

in solch einer auf die Phrase, Lüge und Eitelkeit gestellten und

abgerichteten Welt? Sieht man Kraus an, dann fühlt man unwillkürlich,

wie unrettbar verloren die Bescheidenheit in der Welt ist.

Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak kaufen zu können. Ich

kann ohne Uhr, aber nicht ohne Tabak leben, das ist schändlich, aber es

ist zwingend. Ich muß irgendwie zu ein wenig Geld gelangen, sonst wird

es mir bald an reiner Wäsche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir ein

Bedürfnis. Das Glück eines Menschen hängt nicht und hängt doch von

solchen Dingen ab. Glück? Nein. Aber man soll anständig sein.

Reinlichkeit allein ist ein Glück. Ich schwatze. Wie hasse ich all die

treffenden Worte. Heute hat Fräulein geweint. Warum? Mitten in der

Schulstunde stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den Augen. Das berührt

mich seltsam. Jedenfalls werde ich die Augen offen behalten. Es macht

mir Spaß, auf irgend etwas, was keinen Ton geben will, zu horchen. Ich

passe auf, und das verschönert das Leben, denn ohne aufpassen zu müssen,

gibt es eigentlich gar kein Leben. Es ist klar, Fräulein Benjamenta hat

einen Kummer, und es muß ein heftiger Kummer sein, da sich unsere

Lehrerin sonst sehr gut zu beherrschen weiß. Ich muß Geld haben.

Übrigens habe ich den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet

folgendermaßen:

Lebenslauf.

Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den

und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das

Institut Benjamenta eingetreten, um sich die paar Kenntnisse

anzueignen, die nötig sind, in irgend jemandes Dienste zu treten.

Ebenderselbe macht sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er

wünscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, was es heißt,

sich zusammenraffen müssen. Jakob von Gunten verspricht nicht viel,

aber er nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten. Die von

Gunten sind ein altes Geschlecht. In früheren Zeiten waren sie

Krieger, aber die Rauflust hat nachgelassen, und heute sind sie

Großräte und Handelsleute, und der Jüngste des Hauses, Gegenstand

dieses Berichtes, hat sich entschlossen, gänzlich von aller

hochmütigen Tradition abzufallen. Er will, daß das Leben ihn

erziehe, nicht erbliche oder irgend adlige Grundsätze. Allerdings

ist er stolz, denn es ist ihm unmöglich, die angeborne Natur zu

verleugnen, aber er versteht unter Stolz etwas ganz Neues,

gewissermaßen der Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft,

daß er modern, einigermaßen geschickt zu Dienstleistungen und nicht

ganz dumm und unbrauchbar ist, aber er lügt, er hofft das nicht nur,

sondern er behauptet und weiß es. Er hat einen Trotzkopf, in ihm

leben eben noch ein wenig die ungebändigten Geister seiner

Vorfahren, doch er bittet, ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn

das nichts nützt, zu züchtigen, denn dann glaubt er, nützt es. Im

übrigen wird man ihn zu behandeln wissen müssen. Der Unterzeichnete

glaubt, sich in jede Lage schicken zu können, es ist ihm daher

gleichgültig, was man ihm zu tun befehlen wird, er ist der festen

Überzeugung, daß jede sorgsam ausgeführte Arbeit für ihn eine

größere Ehre sein wird als das müßig und ängstlich zu Hause

Hinter-dem-Ofen-Sitzen. Ein von Gunten sitzt nicht hinter dem Ofen.

Wenn die Ahnen des gehorsam Unterzeichneten das ritterliche Schwert

geführt haben, so handelt der Nachkomme traditionell, wenn er

glühend heiß begehrt, sich irgendwie nützlich zu erweisen. Seine

Bescheidenheit kennt keine Grenzen, wenn man seinem Mut schmeichelt,

und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz, der ihm befiehlt,

hinderliche und schädliche Ehrgefühle zu verachten. Zu Hause hat

Immerderselbe seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten Herrn Doktor

Merz, durchgeprügelt, eine Schandtat, die er bedauert. Heute sehnt

er sich danach, den Hochmut und die Überhebung, die ihn vielleicht

zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen Felsen harter Arbeit

zerschmettern zu dürfen. Er ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten

niemals ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich noch an eine

Hölle. Die Zufriedenheit desjenigen, der ihn engagiert, wird sein

Himmel, und das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle sein,

aber er ist überzeugt, daß man mit ihm und dem, was er leistet,

zufrieden sein wird. Dieser feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu

sein, der er ist.

Jakob von Gunten.

Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht. Er hat ihn

durchgelesen, ich glaube, sogar zweimal, und das Schreiben scheint ihm

gefallen zu haben, denn es trat etwas wie ein schimmerndes Lächeln auf

seine Lippen. O gewiß, ich habe meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig

gelächelt hat er, das ist und bleibt Tatsache. Also endlich ein Zeichen

von etwas Menschlichem. Was muß man doch für Sprünge machen, Menschen,

denen man die Hände küssen möchte, zu einer nur ganz flüchtigen

freundlichen Regung zu bewegen. Absichtlich, absichtlich habe ich den

Lauf meines Lebens so stolz und frech geschrieben: »Da lies es. Wie?

Reizt es dich nicht, mir das Ding ins Gesicht zu schmeißen?« -- Das sind

meine Gedanken gewesen. Und da hat er ganz schlau und fein gelächelt,

dieser schlaue und feine Herr Vorsteher, den ich leider, leider Gottes

über alles verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein Vorpostengefecht

gewonnen. Heute muß ich unbedingt noch irgend einen Streich verüben. Ich

muß mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber Fräulein Vorsteher

weint? Was ist das? Warum bin ich so seltsam glücklich? Bin ich

verrückt?

Ich muß jetzt etwas berichten, was vielleicht einigen Zweifel erregt.

Und doch ist es durchaus Wahrheit, was ich sage. Es lebt ein Bruder von

mir in dieser gewaltigen Stadt, mein einziger Bruder, ein meiner Ansicht

nach außerordentlicher Mensch, Johann heißt er, und er ist so etwas wie

ein namhaft bekannter Künstler. Ich weiß um seine jetzige Stellung in

der Welt nichts Bestimmtes, da ich es vermieden habe, ihn zu besuchen.

Ich werde nicht zu ihm gehen. Begegnen wir uns zufällig auf der Straße

und erkennt er mich und tritt auf mich zu: schön, dann ist es mir lieb,

seine brüderliche Hand kräftig zu schütteln. Aber herausfordern werde

ich solch ein Begegnen nie, nie im Leben. Was bin ich, und was ist er?

Was ein Zögling des Institutes Benjamenta ist, das weiß ich, es liegt

auf der Hand. Solch ein Zögling ist eine gute runde Null, weiter nichts.

Aber was mein Bruder zur Stunde ist, das kann ich nicht wissen. Er ist

vielleicht umgeben von lauter feinen, gebildeten Menschen und von weiß

Gott was für Formalitäten, und ich respektiere Formalitäten, deshalb

suche ich nicht einen Bruder auf, wo mir möglicherweise ein soignierter

Herr unter gezwungenem Lächeln entgegentritt. Ich kenne ja Johann von

Gunten von früher her. Er ist ein durchaus ebenso kühl abwägender und

berechnender Mensch wie ich und wie alle Gunten, aber er ist viel älter,

und im Altersunterschied zweier Menschen und Brüder können

unübersteigliche Grenzen liegen. Jedenfalls ließe ich mir von ihm keine

guten Lehren erteilen, und das ist es gerade, was ich befürchte, das er

tun wird, wenn er mich zu Gesicht bekommt, denn wenn er mich so arm und

unbedeutend vor sich sieht, wird es ihn, den Gutsituierten, doch ganz

sicher reizen, mich meine niedrige Position von oben herab leicht fühlen

zu lassen, und das würde ich nicht ertragen können, ich würde den von

Guntenschen Stolz hervorkehren und entschieden grob werden, was mir

hinterher dann doch nur weh täte. Nein, tausendmal nein. Was? Von meinem

Bruder, vom selben Blut Gnade annehmen? Tut mir sehr leid. Das ist

unmöglich. Ich stelle mir ihn sehr fein vor, die beste Zigarette der

Welt rauchend, und liegend auf den Kissen und Teppichen der bürgerlichen

Behaglichkeit. Und wie? Ja, es ist jetzt in mir so etwas Unbürgerliches,

so etwas durchaus Entgegengesetzt-Wohlanständiges, und vielleicht ruht

mein Herr Bruder mitten drinnen im schönsten, prächtigsten Welt-Anstand.

Es ist beschlossen: wir beide sehen uns nicht, vielleicht nie! Und das

ist auch gar nicht nötig. Nicht nötig? Gut, lassen wir das. Ich

Schafskopf, da rede ich wie eine ganze würdevolle Lehrerschaft per wir.

-- Um meinen Bruder herum gibt es sicher das beste, gewählteste

Salon-Benehmen. Merci. O, ich danke. Da werden Frauen sein, die den Kopf

zur Türe herausstrecken und schnippisch fragen: »Wer ist denn jetzt

wieder da? Wie? Ist es vielleicht ein Bettler?« -- Verbindlichsten Dank

für solch einen Empfang. Ich bin zu gut, um bemitleidet zu werden.

Duftende Blumen im Zimmer! O ich mag gar keine Blumen. Und gelassenes

Weltwesen? -- Scheußlich. Ja, gern, sehr gern sähe ich ihn. Aber wenn

ich ihn so sähe, so sähe im Glanz und im Behagen: futsch wäre die

Empfindung, hier stehe ein Bruder, und ich würde nur Freude lügen

dürfen, und er auch. Also nicht.

In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, starr vor uns herblickend,

da, unbeweglich. Ich glaube, man darf sich nicht einmal die persönliche

Nase putzen. Die Hände ruhen auf den Kniescheiben und sind während des

Unterrichtes unsichtbar. Hände sind die fünffingrigen Beweise der

menschlichen Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher bleiben sie unter dem

Tisch hübsch verborgen. Unsere Schülernasen haben die größte geistige

Ähnlichkeit miteinander, sie scheinen alle mehr oder weniger nach der

Höhe zu streben, wo die Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend

schwebt. Nasen von Zöglingen sollen stumpf und gestülpt erscheinen, so

verlangen es die Vorschriften, die an alles denken, und in der Tat,

unsere sämtlichen Riechwerkzeuge sind demütig und schamhaft gebogen. Sie

sind wie von scharfen Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets

ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift. Eigentlich sollte

man gar keine Augen haben, denn Augen sind frech und neugierig, und

Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden Standpunkt aus

verdammenswert. Ziemlich ergötzlich sind die Ohren von uns Zöglingen.

Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter gespannten Horchens. Sie

zucken immer ein wenig, als fürchteten sie, von hinten plötzlich mahnend

gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu werden. Arme Ohren das,

die derart Angst ausstehen müssen. Schlägt der Ton eines Rufes oder

Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern sie wie Harfen, die

berührt und gestört worden sind. Nun, es kommt ja auch vor, daß

Zöglingsohren gern ein wenig schlafen, und wie werden sie dann geweckt!

Es ist eine Freude. Das Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er

ist stets gehorsam und devot zugekniffen. Es ist ja auch nur zu wahr:

ein offener Mund ist die gähnende Tatsache, daß der Besitzer desselben

mit seinen paar Gedanken meist anderswo sich aufhält als im Bereich und

Lustgarten der Aufmerksamkeit. Ein festgeschlossener Mund deutet auf

offene, gespannte Ohren, daher müssen die Türen da unten, unter den

Nasenflügelfenstern, stets sorgsam verriegelt bleiben. Ein offener Mund

ist ein Maul ohne weiteres, und das weiß jeder von uns genau. Lippen

dürfen nicht prangen und lüstern blühen in der bequemen natürlichen

Lage, sondern sie sollen gefalzt und gepreßt sein zum Zeichen

energischer Entsagung und Erwartung. Das tun wir Schüler alle, wir gehen

mit unsern Lippen laut bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um,

und daher sehen wir alle so grimmig wie kommandierende Wachtmeister aus.

Ein Unteroffizier will die Mienen seiner Soldaten bekanntlich genau so

schnauzig und grimmig haben wie seine, das paßt ihm, denn er hat Humor

in der Regel. Im Ernst: Gehorchende sehen meist genau aus wie

Befehlende. Ein Diener kann gar nicht anders als die Masken und Allüren

seines Herrn annehmen, um sie gleichsam treuherzig fortzupflanzen. Unser

verehrtes Fräulein ist ja nun gar kein solcher Feldwebel, im Gegenteil,

sie lächelt sehr oft, ja, sie gestattet sich manchmal, uns Murmeltiere

von vorschriftenbefolgenden Menschenkindern einfach auszulachen, aber

sie gewärtigt eben, daß wir sie ruhig, und ohne unsere Mienen zu

verändern, lachen lassen, und das tun wir auch, wir tun so, als hörten

wir den süßen Silberton ihres Gelächters überhaupt gar nicht. Was sind

wir für aparte Käuze. Unser Haar ist stets sauber und glatt gekämmt und

gebürstet, und jeder hat sich einen geraden Scheitel in die Welt da oben

auf dem Kopf einzuschneiden, einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde

Haar-Erde. So gehört sich's. Scheitel sind nun einmal auch

vorschriftsmäßig. Und daher, weil wir so reizend frisiert und

gescheitelt sind, sehen wir uns alle eigentlich ähnlich, was für einen

Schriftsteller z. B. zum Totlachen wäre, wenn er uns besuchte, um uns in

unserer Herrlichkeit und Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr

Schriftsteller zu Hause bleiben. Windbeutel sind das, die nur studieren,

malen und Beobachtungen anstellen wollen. Man lebe, dann beobachtet

sich's ganz von selber. Unser Fräulein Benjamenta würde übrigens solch

einen hergewanderten, -geregneten und -geschneiten Artikelschreiber

derart anherrschen, daß er vor Schreck über die Unfreundlichkeit des

Empfangs zu Boden fiele. Nun, dann würde die Lehrerin, die es liebt,

selbstherrlich zu verfahren, vielleicht zu uns sagen: »Geht, helft dem

Herrn von der Erde aufstehen.« Und dann würden wir Zöglinge des

Institutes Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die Türe ist. Und

das Stück neugierigen Schriftstellertums würde wieder verschwinden.

Nein, das sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften, die uns Knaben

engagieren wollen, und nicht Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren.

Entweder sind die Lehrer unseres Institutes gar nicht vorhanden, oder

sie schlafen noch immer, oder sie scheinen ihren Beruf vergessen zu

haben. Oder streiken sie vielleicht, weil man ihnen die Monatslöhne

nicht ausbezahlt? Wunderliche Gefühle ergreifen mich, wenn ich an die

armen Eingeschlummerten und Geistesabwesenden denke. Da sitzen sie nun,

oder kauern an den Wänden eines extra für die Ruhebedürftigen

eingerichteten Zimmers. Da ist Herr Wächli, der vermeintliche

Naturgeschichtslehrer. Sogar im Schlaf hält er noch immer seine

Tabakspfeife im Mund eingeklemmt. Schade, er hätte vielleicht besser

getan, Bienenzüchter zu werden. Wie rot sein Kopf doch ist und wie fett

seine ältliche, weichliche Hand. Und hier nebenan, ist das nicht Herr

Blösch, der sehr geehrte Französischlehrer? Ei ja doch, das ist er

wahrhaftig, und er lügt, wenn er zu schlafen vorgibt, er ist ein ganz

schrecklicher Lügner. Auch seine Schulstunden sind immer nur eine Lüge

und papierne Maske gewesen. Wie blaß er aussieht, und wie böse! Er hat

ein schlechtes Gesicht, dicke harte Lippen, grobe unbarmherzige Züge:

»Schläfst du, Blösch?« -- Er hört nicht. Er ist eigentlich widerwärtig.

Und das, wer ist denn das da? Herr Pfarrer Strecker? Der lange, dürre

Herr Pfarrer Strecker, der den Religionsunterricht erteilt? Zum Teufel,

ja er selber ist es. »Schlafen Sie, Herr Pfarrer? Nun, dann schlafen

Sie. Es schadet nichts, daß Sie schlafen. Sie versäumen nur Zeit mit

Religionsunterrichterteilen. Religion, sehen Sie, taugt heute nichts

mehr. Der Schlaf ist religiöser als all Ihre Religion. Wenn man schläft,

ist man Gott vielleicht noch am nächsten. Was meinen Sie?« -- Er hört

nicht. Ich will anderswo anklopfen. He, wer ist denn das hier, der so

bequeme Stellungen wählt? Ist es Merz, Doktor Merz, der die Geschichte

Roms lehrt? Ja, er ist es, ich erkenne ihn am Spitzbart. »Sie scheinen

mir böse zu sein, Herr Doktor Merz. Nun, schlafen Sie und vergessen Sie

die unpassenden Auftritte, die zwischen Ihnen und mir vorgefallen sind,

zürnen Sie nicht in Ihren Spitzbart hinein. Übrigens tun Sie gut, zu

schlafen. Die Welt dreht sich seit einiger Zeit um Geld und nicht mehr

um Geschichte. All die uralten Heldentugenden, die Sie auspacken,

spielen ja, wie Sie selbst wissen werden, längst keine Rolle mehr. Ich

verdanke Ihnen einige wundervolle Eindrücke. Schlafen Sie wohl.« --

Hier aber, wie ich sehe, scheint sich Herr von Bergen, der Knabenquäler

von Bergen, angesiedelt zu haben. Tut, als wenn er träume, und erteilt

doch so gern, mit so kitzlich-himmlischer Vorliebe, »Tatzen«. Oder er

kommandiert »Rumpfbeuge vorwärts«, und dann ist es ihm solch ein Genuß,

aufs Hinterstück des armen Jungen ein Meerrohrgeschenk anzuflicken. Sehr

elegante Pariser-Erscheinung, aber grausam. -- Und wer ist dieser hier?

Progymnasialdirektor Wyß? Sehr nett. Bei rechtlichen Leuten braucht man

sich nicht lange aufzuhalten. Und wer ist hier? Bur? Lehrer Bur? »Ich

bin entzückt, Sie zu sehen.« Bur ist der genialste gewesene Rechenlehrer

des Kontinents. Fürs Institut Benjamenta ist er nur zu freisinnig und zu

geistvoll. Kraus und die andern sind keine Schüler für ihn. Er ist zu

hervorragend und stellt zu hohe Ansprüche. Hier im Institut existieren

keine solchen überspannten Voraussetzungen. Aber ich träume wohl von

meinen heimatlichen Lehrern? Dort im Progymnasium gab's Kenntnisse die

Menge, hier gibt es etwas ganz anderes. Uns Zöglinge hier wird etwas

ganz anderes gelehrt.

Werde ich bald Stellung erhalten? Ich hoffe es. Meine Photographien und

mein Bewerbeschreiben machen zusammen, wie ich mir einbilde, einen

günstigen Eindruck. Neulich bin ich mit Schilinski in einen ersten

Café-Konzert-Raum getreten. Wie hat da Schilinski am ganzen Leib gebebt

vor Schüchternheit. Ich benahm mich ungefähr wie sein liebevoller Vater.

Der Kellner wagte es, indem er uns von unten bis oben fixierte, uns

sitzen zu lassen; da ich ihn aber mit enorm strenger Miene ersuchte, uns

gefälligst zu bedienen, wurde er sogleich höflich und brachte uns in

hohen, zierlich-geschliffenen Kelchen helles Bier. Ah, man muß

auftreten. Wer sich mit gemessenem Anstand in die Brust zu werfen weiß,

der wird als Herr behandelt. Man muß Situationen beherrschen lernen. Ich

verstehe es ausgezeichnet, meinen Kopf, so, als wenn ich über etwas

empört, nein, nur erstaunt wäre, zurückzuwerfen. Ich blicke um mich her,

als wollte ich sagen: »Was ist das? Wie? Ist man denn hier toll?« -- Das

wirkt. Auch habe ich mir ja im Institut Benjamenta gottlob Haltung

angeeignet. O mir ist manchmal, als hätte ich es in der Gewalt, mit der

Erde und all den Dingen darauf beliebig spielen zu können. Ich verstehe

mit einemmal das liebliche Wesen der Frauen. Ihre Koketterien amüsieren

mich, und ich erblicke Tiefsinn in ihren trivialen Bewegungen und

Redensarten. Wenn man sie nicht versteht, wenn sie eine Tasse zum Mund

führen oder den Rock raffen, so versteht man sie nie. Ihre Seelen

trippeln mit den hochaufgeschweiften Absätzen ihrer süßen Stiefelchen,

und ihr Lächeln ist beiderlei: eine alberne Angewohnheit und ein Stück

Weltgeschichte. Ihr Hochmut und ihr geringer Verstand sind reizend,

reizender als die Werke der Klassiker. Oft sind ihre Untugenden das

Tugendhafteste unter der Sonne, und wenn sie erst wütend werden, und

zürnen? Nur Frauen verstehen zu zürnen. Doch still. Ich denke an Mama.

Wie heilig ist mir das Andenken an die Augenblicke, wo sie zürnte. Doch

ruhig, doch still. Was kann ein Schüler des Institutes Benjamenta über

alles das wissen?

Ich habe mich nicht bezwingen können, ich bin ins Bureau gegangen, habe

mich gewohnheitsgemäß tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta

folgendes gesprochen: »Ich habe Arme, Beine und Hände, Herr Benjamenta,

und ich möchte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie zu bitten, mir

recht bald Arbeit und Geldverdienst zu verschaffen. Sie haben allerlei

Beziehungen, ich weiß es. Zu Ihnen kommen die allerfeinsten

Herrschaften, Leute, die Kronen auf den Aufschlägen ihrer Mäntel tragen,

Offiziere, die mit den schneidigen Säbeln rasseln, Damen, deren

Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen, ältere Frauen mit enorm

viel Vermögen, Greise, die ein halbes Lächeln mit einer Million

bezahlen, Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen, die im

Automobil vorfahren, mit einem Wort, Herr Vorsteher, die Welt kommt zu

Ihnen.« -- »Hüte dich, frech zu werden,« warnte er mich, doch ich weiß

nicht, ich empfand gar keine Furcht mehr vor seinen Fäusten, und ich

sprach weiter, die Worte flogen mir nur so heraus: »Verschaffen Sie mir

unbedingt irgend eine anregende Tätigkeit. Übrigens ist meine Meinung

die: eine jede Tätigkeit ist anregend. Ich habe schon so viel gelernt

bei Ihnen, Herr Vorsteher.« -- Er sagte ruhig: »Du hast noch gar nichts

gelernt.« -- Da nahm ich wieder den Faden auf und sagte: »Gott selbst

gebietet mir, ins Leben hinaus zu treten. Doch was ist Gott? Sie sind

mein Gott, Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld und Achtung

verdienen zu gehen.« -- Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Du machst

jetzt, daß du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.« -- Das ärgerte

mich furchtbar. Ich rief laut aus: »Ich erblicke in Ihnen einen

hervorragenden Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gewöhnlich wie das

Zeitalter, in dem Sie leben. Ich werde auf die Straße gehen und dort

irgend einen Menschen anhalten. Man zwingt mich, zum Verbrecher zu

werden.« -- Ich erkannte die Gefahr, in der ich schwebte. Zugleich mit

den Worten, die ich aussprach, war ich zur Türe gesprungen, und jetzt

schrie ich wütend: »Adieu, Herr Vorsteher,« und drückte mich mit

wunderbarer Geschmeidigkeit zur Türe hinaus. Im Korridor blieb ich

stehen und lauschte am Schlüsselloch. Es blieb alles ganz mäuschenstill

drinnen im Bureau. Ich ging ins Schulzimmer und vertiefte mich in die

Lektüre des Buches: »Was bezweckt die Knabenschule?«

Jakob von Gunten: Ein Tagebuch · 第 3 / 11 段