genossen hat. An einer der vier Wände unseres Schulzimmers hängt eine
große Photographie, auf der man die Abbildungen einer ganzen Anzahl
Knaben eines früheren Schuljahrganges sehen kann. Unser Schulzimmer ist
im übrigen sehr trocken ausstaffiert. Außer dem länglichen Tisch,
einigen zehn bis zwölf Stühlen, einem großen Wandschrank, einem
kleineren Nebentisch, einem kleineren zweiten Schrank, einem alten
Reisekoffer und ein paar anderen geringfügigen Gegenständen enthält es
kein Möbel. Über der Türe, die in die geheimnisvolle unbekannte Welt der
innern Gemächer führt, hängt als Wandschmuck ein ziemlich langweilig
aussehender Schutzmannssäbel mit dito quer darüber gelegtem Futteral.
Darüber thront der Helm. Diese Dekoration mutet wie eine Zeichnung oder
wie ein zierlicher Beweis der Vorschriften an, die hier gelten. Was mich
betrifft, ich möchte diese wahrscheinlich bei einem alten Trödler
erhandelten Schmuckstücke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn Tage
werden Säbel und Helm heruntergenommen, um geputzt zu werden, was eine
sehr nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt werden muß. Außer
diesen Verzierungen hängen im Schulzimmer noch die Bilder des
verstorbenen Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich friedlich
aus, und die Kaiserin hat etwas Schlicht-Mütterliches. Oft putzen und
waschen wir Zöglinge das Schulzimmer mit Seife und Warmwasser aus, daß
nachher alles von Sauberkeit duftet und glänzt. Alles müssen wir selber
machen, und jeder von uns hat zu dieser Zimmermädchenarbeit eine Schürze
umgebunden, in welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsstück
wir alle ohne Ausnahme komisch aussehen. Aber es geht lustig zu an
solchen Aufräumetagen. Der Fußboden wird fröhlich poliert, die
Gegenstände, auch die der Küche, werden blank gerieben, wozu es Lappen
und Putzpuder in Menge gibt, Tisch und Stühle werden mit Wasser
überschüttet, Türklinken werden glänzend gemacht, Fensterscheiben
angehaucht und abgeputzt, jeder hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt
etwas. Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen an die
märchenhaften Heinzelmännchen, die, wie es bekannt ist, alles Grobe und
Mühselige aus reiner übernatürlicher Herzensgüte getan haben. Was wir
Zöglinge tun, tun wir, weil wir müssen, aber warum wir müssen, das weiß
keiner von uns recht. Wir gehorchen, ohne zu überlegen, was aus all dem
gedankenlosen Gehorsam noch eines Tages wird, und wir schaffen, ohne zu
denken, ob es recht und billig ist, daß wir Arbeiten verrichten müssen.
An solch einem Putztag hat sich mir einmal Tremala, einer der Kameraden,
der älteste unter uns allen, mit einem häßlichen Unfug genähert. Er
stellte sich leise hinter mich und griff mir mit der abscheulichen Hand
(Hände, die das tun, sind roh und abscheulich) nach dem intimen Glied,
in der Absicht, mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres
grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich jäh um und schlage den
Verruchten zu Boden. Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel
stärker. Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche Kräfte. Tremala hebt
sich empor und wirft sich auf mich, da geht die Türe auf, und Herr
Benjamenta steht auf der Schwelle derselben. »Jakob, Schlingel!« ruft
er, »Komm einmal her!« Ich trete zu meinem Vorsteher hin, und er frägt
gar nicht, wer den Streit angefangen habe, sondern gibt mir einen Schlag
an den Kopf und geht weg. Ich will ihm nachlaufen, um es ihm
entgegenzubrüllen, wie ungerecht er ist, doch ich beherrsche mich,
besinne mich, werfe einen Blick über die gesamte Knabenschar und gehe
wieder an meine Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort mehr, und
auch er weicht mir stets aus, und er weiß warum. Aber ob es ihm leid tut
oder dergleichen, das ist mir vollkommen gleichgültig. Die unzarte
Angelegenheit ist schon längst, wie soll man sagen, vergessen. Tremala
ist früher schon auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener
Mensch, und es scheint, er freut sich seiner schändlichen Anlagen.
Übrigens ist er rasend ungebildet, daher interessiert er mich nicht.
Verschmitzt und zugleich unglaublich dumm: wie uninteressant. Aber das
Eine hat mir dieser Tremala zu erfahren gegeben: man muß auf alle
möglichen Angriffe und Kränkungen stets ein wenig gefaßt sein.
Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine ich, in einem ganz wild
anmutenden Märchen zu leben. Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch ein
Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme.
Und alles so eng zusammengepfercht. Dicht neben den Rädern der Wagen
gehen die Menschen, die Kinder, Mädchen, Männer und eleganten Frauen;
Greise und Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden haben, sieht man
in der Menge. Und immer neue Züge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen
der elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte Schachteln
aus. Die Omnibusse humpeln wie große, ungeschlachte Käfer vorüber. Dann
sind Wagen da, die wie fahrende Aussichtstürme aussehen. Menschen
sitzen auf den hocherhobenen Sitzplätzen und fahren allem, was unten
geht, springt und läuft über den Kopf weg. In die vorhandenen Mengen
schieben sich neue, und es geht, kommt, erscheint und verläuft sich in
einem fort. Pferde trampeln. Wundervolle Hüte mit Zierfedern nicken aus
offenen, schnell vorbeifahrenden Herrschaftsdroschken. Ganz Europa
sendet hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht dicht neben
Niedrigem und Schlechtem, die Leute gehen, man weiß nicht wohin, und da
kommen sie wieder, und es sind ganz andere Menschen, und man weiß nicht,
woher sie kommen. Man meint, es ein wenig erraten zu können und freut
sich über die Mühe, die man sich gibt, es zu enträtseln. Und die Sonne
blitzt noch auf dem allem. Dem einen beglänzt sie die Nase, dem andern
die Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden und
sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen fahren in Wagen, auf dem Schoß
alter, vornehmer Frauen, spazieren. Brüste prallen einem entgegen, in
Kleidern und Fassonen eingepreßte, weibliche Brüste. Und dann sind
wieder die dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen
Mundteilen. Und ungeahnte Straßen denkt man sich, unsichtbare neue und
ebenso sehr menschenwimmelnde Gegenden. Abends zwischen sechs und acht
wimmelt es am graziösesten und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die
beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser Flut, in diesem
bunten, nicht endenwollenden Strom von Menschen? Manchmal sind alle
diese beweglichen Gesichter rötlich angezärtelt und gemalt von
untergehenden Abendsonnengluten. Und wenn es grau ist und regnet? Dann
gehen alle diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren rasch
unter dem trüben Flor dahin, etwas suchend, und wie es scheint, fast nie
etwas Schönes und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles sehnt sich
nach Reichtümern und fabelhaften Glücksgütern. Hastig geht man. Nein,
sie beherrschen sich alle, aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die
Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus. Dann ist
wieder alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. Alles scheint
zu schlafen, auch die Wagen, die Pferde, die Räder, die Geräusche. Und
die Menschen blicken so verständnislos. Die hohen, scheinbar
umstürzenden Häuser scheinen zu träumen. Mädchen eilen dahin, Pakete
werden getragen. Man möchte sich jemandem an den Hals werfen. Komme ich
heim, so sitzt Kraus da und spottet mich aus. Ich sage ihm, man müsse
doch ein wenig die Welt kennen lernen. »Welt kennen lernen?« sagt er,
wie in tiefe Gedanken versunken. Und er lächelt verächtlich.
Ungefähr vierzehn Tage nach meinem Eintritt in die Schule ist Hans in
unsern Räumen erschienen. Hans ist der rechte Bauernjunge, wie er in
Grimms Märchenbuch steht. Er kommt tief aus Mecklenburg, und er duftet
nach blumigen üppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof. Schlank, grob
und knochig ist er, und er spricht eine wunderliche, gutmütig-bäuerische
Sprache, die mir eigentlich gefällt, wenn ich mir Mühe gebe, die
Nasenlöcher zuzuhalten. Nicht als ob Hans etwa übel dünste und dufte.
Und doch tut man irgend welche empfindlichen Nasen zu, meinetwegen
geistige, kulturelle, seelische Nasen, und ganz unwillkürlich, womit man
den guten Hans auch gar nicht kränken will. Und er merkt so etwas ja gar
nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser Land-Mensch viel zu
gesund und zu schlicht. Etwas wie die Erde selber und Erdrinnen- und
Krümmungen tritt einem entgegen, wenn man sich in den Anblick dieses
Burschen vertieft, aber zu vertiefen braucht man sich gar nicht. Hans
fordert keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist mir nicht
gleichgültig, durchaus nicht, aber, wie soll ich sagen, ein wenig fern
und leicht. Man nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das schwer
zu ertragen wäre, weil es Empfindungen wachriefe. Der Grimmsche
Märchenbauernjunge. Etwas Uralt-Deutsches und Angenehmes, verständlich
und wesentlich auf den ersten, flüchtigen Blick. Sehr wert, dem Ding ein
guter Kamerad zu sein. Hans wird im späteren Leben schwer arbeiten, ohne
zu seufzen. Er wird Mühen und Sorgen und Mißgeschicke kaum recht
wahrnehmen. Er strotzt ja von Kraft und Gesundheit. Und dazu ist er
nicht unhübsch. Überhaupt: ich muß bald lachen über mich selber: ich
finde an allem und in allem irgend etwas Geringfügig-Hübsches. Ich mag
sie alle so gern leiden, meine Zöglinge da, die Schulkameraden.
Bin ich der geborne Großstädter? Sehr leicht möglich. Ich lasse mich
fast nie betäuben oder überraschen. Etwas unsagbar Kühles ist trotz der
Aufregungen, die mich überfallen können, an mir. Ich habe die Provinz in
sechs Tagen abgestreift. Übrigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz
kleinen Weltstadt aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen und -empfinden mit
der mütterlichen Milch eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene
Arbeiter hin und her taumeln. Die Natur ist mir schon als ganz klein als
etwas Himmlisch-Entferntes vorgekommen. So kann ich die Natur entbehren.
Muß man denn nicht auch Gott entbehren? Das Gute, Reine und Hohe
irgend, irgendwo versteckt in Nebeln zu wissen und es leise, ganz, ganz
still zu verehren und anzubeten, mit gleichsam total kühler und
schattenhafter Inbrunst: daran bin ich gewöhnt. Ich sah als Kind eines
Tages einen im Blut schwimmenden, von zahlreichen Messerstichen
durchbohrten wälschen Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und
ein anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten, hieß es unter der Jugend,
es werden auch bei uns bald Bomben geschleudert werden usw. Alte Zeiten.
Ich wollte von etwas ganz anderem sprechen, nämlich von Kamerad Peter,
dem langen Peter. Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu drollig, er
stammt aus Teplitz in Böhmen und kann slawisch und deutsch sprechen.
Sein Vater ist Schutzmann, und Peter ist in einem Seilergeschäft
kaufmännisch erzogen worden, er scheint aber den Unwissenden,
Unbrauchbaren und Ungeratenen gespielt zu haben, was ich, ganz für mich,
sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch ungarisch und polnisch, wenn
es von ihm verlangt werde. Aber hier verlangt kein Mensch so etwas von
ihm. Was für ausgedehnte Sprachenkenntnisse! Peter ist ganz entschieden
der Dümmste und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das belegt und
bekränzt ihn in meinen unmaßgeblichen Augen mit Auszeichnungen, denn
unglaublich lieb sind mir die Dummen. Ich hasse das alles
verstehenwollende, mit Wissen und Witz glänzende, und sich breitmachende
Wesen. Verschmitzte und gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer
Greuel. Wie nett ist doch gerade in diesem Punkt Peter. Schon, daß er so
lang ist, zum Mittenentzweibrechen lang, ist schön, aber noch viel
schöner ist die Gutherzigkeit, die ihm beständig einflüstert, er sei
Kavalier und habe das Aussehen eines edlen und eleganten Verbummelten.
Zum Kugeln ist das. Er redet immer von erlebten, aber sehr
wahrscheinlich nicht erlebten Abenteuern. Nun, das ist wahr, Peter
besitzt den feinsten und zierlichsten Spazierstock der Welt. Und nun
zieht er stets los und geht in den belebtesten Straßen mit seinem
Spazierstock spazieren. Ich traf ihn einmal in der F...straße. Die
F...straße ist der entzückende Brennpunkt des hiesigen Großstadtweltlebens.
Schon aus weiter Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken und
Spazierstockschwenken. Dann, wie ich in seiner Nähe war, schaute er mich
väterlich-sorgenvoll an, als hätte er sagen wollen: »Was, du auch hier?
Jakob, Jakob, das ist noch nichts für dich.« -- Und dann verabschiedete
er sich wie einer der Großen dieses Erdenlebens, wie ein
Weltblattredakteur, der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren hat.
Und dann sah ich sein rundes dummes nettes Hütchen in der Menge anderer
Köpfe und Hüte verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt, in der Masse
unter. Peter lernt absolut nichts, obgleich er es in so humorvoller
Weise nötig hätte, und in das Institut Benjamenta ist er scheinbar nur
deshalb eingetreten, um hier mit köstlichen Dummheiten zu glänzen.
Vielleicht wird er hier sogar noch um wesentliche Portionen dümmer, als
er war, und warum sollte sich seine Dummheit denn eigentlich nicht
entfalten dürfen? Ich z. B. bin überzeugt, daß Peter im Leben
unverschämt viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich gönne es ihm.
Ja, ich gehe noch weiter. Ich habe das Gefühl, und es ist ein sehr
trostreiches, prickelndes und angenehmes, daß ich später einmal solch
einen Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen werde, wie Peter einer
sein wird, denn solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren,
Hochkommen, Wohlleben und Befehlen geschaffen, und solche in gewissem
Sinn Gescheite, wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen, im
Dienst anderer blühen und entkräften lassen. Ich, ich werde etwas sehr
Niedriges und Kleines sein. Die Empfindung, die mir das sagt, gleicht
einer vollendeten, unantastbaren Tatsache. Mein Gott, und ich habe
trotzdem so viel, so viel Mut, zu leben? Was ist mit mir? Oft habe ich
ein wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein, nein, ich vertraue
mir. Aber ist das nicht geradezu komisch?
Für meinen Mitschüler Fuchs habe ich nur einen einzigen sprachlichen
Ausdruck: Fuchs ist schräg, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein
mißlungener Purzelbaum und benimmt sich wie eine große, zu Menschenform
zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit. Alles an ihm ist unsympathisch,
daher unbeherzigenswert. Über Fuchs etwas zu wissen, das ist Mißbrauch,
unfeiner, störender Überfluß. Man kennt solche Schlingel nur, um sie zu
verachten; da man aber überhaupt nicht gern irgend etwas verächtlich
finden will, vergißt oder übersieht man das Ding. Ein Ding, ja, das ist
er. O Gott, muß ich heute böse reden? Fast möchte ich mich dafür hassen.
Fort, zu irgend etwas Schönerem. -- Herrn Benjamenta sehe ich sehr
selten. Zuweilen trete ich in das Bureau ein, verbeuge mich bis zur
Erde, sage »guten Tag, Herr Vorsteher« und frage den Herrscherähnlichen,
ob ich ausgehen darf. »Hast du den Lebenslauf geschrieben? Wie?« werde
ich gefragt. Ich antworte: »Noch nicht. Aber ich werde es tun.« Herr
Benjamenta tritt auf mich zu, d. h. bis zum Schalter, an welchem ich
stehe, und drückt mir die riesige Faust vor die Nase. »Du wirst
pünktlich sein, Bursch, oder -- -- -- du weißt, was es absetzt.« -- Ich
verstehe ihn, ich verbeuge mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie
viel Lust es mir bereitet, Gewaltausübende zu Zornesausbrüchen zu
reizen. Sehne ich mich denn eigentlich danach, von diesem Herrn
Benjamenta gezüchtigt zu werden? Leben in mir frivole Instinkte? Alles,
alles, selbst das Niederträchtigste und Unwürdigste, ist möglich. Nun
gut, bald werde ich den Lebenslauf ja schreiben. Ich finde Herrn
Benjamenta geradezu schön. Ein herrlicher brauner Bart -- was?
Herrlicher brauner Bart? Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher
ist nichts schön, nichts herrlich, aber man ahnt hinter diesem Menschen
schwere Schicksalswege und -schläge, und dieses Menschliche ist es,
dieses beinahe Göttliche ist es, was ihn schön macht. Wahre Menschen und
Männer sind nie sichtbar schön. Ein Mann, der einen wirklich schönen
Bart trägt, ist ein Opernsänger oder der gutbezahlte Abteilungschef
eines Warenhauses. Scheinmänner sind in der Regel schön. Immerhin kann
es auch Ausnahmen und männliche Schönheiten, erfüllt von Tüchtigkeit,
geben. Herrn Benjamentas Gesicht und Hand (die ich schon zu spüren
bekommen habe) haben Ähnlichkeit mit knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die
zu irgend einer traurigen Stunde schon irgendwelchen unbarmherzigen
Beilhieben haben widerstehen müssen. Wäre ich eine Dame von Noblesse
und Geist, ich wüßte Männer, wie diesen scheinbar so armseligen
Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen, aber wie ich vermute,
verkehrt Herr Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die Welt
bedeutet. Er sitzt eigentlich immer zu Hause, er hält sich ohne Zweifel
so auf eine Art im Verborgenen auf, er verkriecht sich »in der
Einsamkeit«, und in der Tat, schauderhaft einsam muß dieser sicher edle
und kluge Mann dahinleben. Irgend welche Ereignisse müssen auf diesen
Charakter einen tiefen, vielleicht sogar vernichtenden Eindruck gemacht
haben, aber was weiß man? Ein Eleve des Institutes Benjamenta, was, was
kann ein solcher wissen? Aber ich forsche wenigstens immer. Um zu
forschen, sonst um nichts anderen willen trete ich öfters in das Kontor
und richte so läppische Fragen, wie die: »Darf ich ausgehen, Herr
Vorsteher?« an den Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan, er
interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt mein höchstes Interesse.
Ja, und deshalb, um etwas herauszukriegen aus all diesem
Geheimnisvollen, reize ich ihn, damit ihm etwas wie eine unvorsichtige
Bemerkung entfahre. Was schadet es mir, wenn er mich schlägt? Mein
Wunsch, Erfahrungen zu machen, wächst zu einer herrischen Leidenschaft
heran, und der Schmerz, den mir der Unwille dieses seltsamen Mannes
verursacht, ist nur klein gegen die bebende Begierde, ihn zu verleiten,
sich ein wenig mir gegenüber auszusprechen. O ich träume davon, --
herrlich, herrlich, -- dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen zu
besitzen. Nun, es wird noch lange dauern, aber ich glaube, ich glaube,
ich bringe es fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich noch
einzudringen. Geheimnisse lassen einen unerträglichen Zauber
vorausahnen, sie duften nach etwas ganz, ganz unsäglich Schönem. Wer
weiß, wer weiß. Ah -- -- --.
Ich liebe den Lärm und die fortlaufende Bewegung der Großstadt. Was
unaufhörlich fortläuft, zwingt zur Sitte. Dem Dieb z. B., wenn er all
die regsamen Menschen sieht, muß unwillkürlich einfallen, was für ein
Spitzbube er ist, nun, und der fröhlich-bewegliche Anblick kann
Besserung in sein verfallenes, ruinenartiges Wesen schütten. Der
Prahlhans wird vielleicht etwas bescheidener und nachdenklicher, wenn er
all die Kräfte, die sich schaffend zeigen, erblickt, und der
Unschickliche sagt sich möglicherweise, wenn ihm die Schmiegsamkeit der
Vielen ins Auge fällt, er sei doch ein entsetzlicher Wicht, derart auf
der Breitspurigkeit und Anmaßung dumm und eitel zu thronen. Die
Großstadt erzieht, sie bildet, und zwar durch Beispiele, nicht durch
trockene, den Büchern entnommene Lehrsätze. Es ist nichts Professorales
da, und das schmeichelt, denn die aufgetürmte Wissenswürde entmutigt.
Und dann ist hier noch so vieles, was fördert, hält und hilft. Man kann
es kaum sagen. Wie schwer ist es, Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck
zu geben. Man ist hier dem bescheidenen Leben schon dankbar, man dankt
immer ein wenig, indem es einen treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit
zu verschwenden hat, weiß nicht, was sie bedeutet, und er ist der
natürliche, blöde Undankbare. In der Großstadt fühlt jeder Laufbursche,
daß Zeit etwas wert ist, und jeder Zeitungsverkäufer will seine Zeit
nicht vertrödeln. Und dann das Traumhafte, das Malerische und
Dichterische! Menschen eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun, das
hat etwas zu bedeuten, das regt an, das setzt den Geist in einen
lebhafteren Schwung. Während man zaudernd steht, sind schon Hunderte,
ist bereits hunderterlei einem am Kopf und Blick vorübergegangen, das
beweist einem so recht deutlich, welch ein Versäumer und träger
Verschieber man ist. Man hat es hier allgemein eilig, weil man jeden
Augenblick der Meinung ist, es sei hübsch, etwas erkämpfen und erhaschen
zu gehen. Das Leben erhält einen reizenderen Atem. Die Wunden und
Schmerzen werden tiefer, die Freude frohlockt fröhlicher und länger als
anderswo, denn wer sich hier freut, der scheint es stets sauer und
rechtschaffen durch Arbeit und Mühe verdient zu haben. Dann sind wieder
die Gärten, die so still und verloren hinter den zierlichen Gittern
liegen wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften. Dicht
daneben rauscht und poltert der geschäftliche Verkehr, als wenn es nie
Landschaften oder Träumereien im Leben gegeben hätte. Die Eisenbahnzüge
donnern über die zitternden Brücken. Abends glitzern die märchenhaft
reichen und eleganten Schaufenster, und Ströme, Schlangen und Wellen von
Menschen wälzen sich am ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum
vorbei. Ja, das alles erscheint mir gut und groß. Man gewinnt, indem man
mitten im Gestrudel und Gesprudel ist. Man empfindet etwas Gutes an den
Beinen, an den Armen und in der Brust, indem man sich Mühe gibt, sich
schicklich und ohne viel Federlesens durch all den lebendigen Kram
hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu zu leben, und am Abend
sinkt alles einer neuen, nie empfundenen Träumerei in die
wildumschlingenden Arme. Das ist sehr dichterisch. Fräulein Benjamenta
würde mich ganz gehörig zurechtweisen, wenn sie lesen würde, was ich
hier schreibe. Von Kraus nicht zu reden, der macht zwischen Dorf und
Stadt keinen so leidenschaftlichen Unterschied. Kraus erblickt erstens
Menschen, zweitens Pflichten und drittens höchstens noch Ersparnisse,
die er zurücklegen wird, wie er denkt, um sie seiner Mutter zu schicken.
Kraus schreibt immer nach Hause. Er besitzt eine ebenso einfache wie
rein menschliche Bildung. Das Großstadtgetriebe mit all seinen vielen
törichten glitzernden Versprechungen läßt ihn vollständig kalt. Welch
eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele.