»Und jetzt, Bübel, geh schlafen!« mahnte die Mutter. Wohl machte ich

die Einwendung, daß sie im Himmel erst die Lichter angezündet hätten

und also gewißlich auch noch nicht schlafen gingen; aber die Mutter

versetzte mit entschiedenem Tone, im Himmel könnten sie machen, was sie

wollten, und wenn ich fein brav wäre und einmal in den Himmel käme, so

könnte ich auch machen, was ich wollte.

Ging zu Bette und hörte in selbiger Nacht die lieben Englein singen. –

Wieder ein andermal saß ich mit der Ahne auf der hölzernen Bank unter

den Tannen.

»Guck, mein Bübel,« sagte sie, gegen das funkelnde Firmament weisend,

»dort über das Hausdach hin, das ist dein Stern.« Ein helles,

flimmerndes Sternchen stand oft und auch heute wieder über dem Giebel

des Hauses; aber daß selbes mein Eigentum wäre, hörte ich nun von der

Ahne das erstemal.

»Freilich,« belehrte sie weiter, »jeder Mensch hat am Himmel seinen

Stern, das ist sein Glücksstern oder sein Unglücksstern. Und wenn ein

Mensch stirbt, so fällt sein Stern vom Himmel.«

Todeserschrocken war ich, als gerade in diesem Augenblicke vor unseren

Augen eine Sternschnuppe sank.

»Wer ist jetzt gestorben?« fragte ich, während ich sogleich schaute, ob

mein Sternchen wohl noch über dem Dachgiebel stehe.

»Kind,« sagte die alte Ahne, »die Welt ist weit, und hätten

wir nur Ohren dazu, wir täten Tag und Nacht nichts hören als

Totenglockenklingen.«

Focht mich dieweilen nicht an.

»Ahndl,« fragte ich; denn Kinder, die in ihrem Haupte so viel Raum für

Vorstellungen und Eindrücke haben, sind unermüdlich im Fragen. »Ahndl,

wo hast denn du deinen Stern?«

»Mein Kind,« antwortete sie, »der ist schon völlig im Auslöschen, den

sieht man nimmer.«

»Und ist das ein Glücksstern gewesen?«

Da schloß sie mich an ihre Brust und hauchte: »Wird wohl so sein, du

herzlieber Enkel, wird wohl so sein!«

Ein alter Schuhmacher kam zuweilen in unser Haus, der redete wie ein

Heide. Wir Menschen, meinte der alte Schuhmacher, kämen nach dem Tode

weder in den Himmel, noch in die Hölle, sondern auf einen Stern, wo

wir so wie auf dieser Welt wiedergeboren würden und je nach Umständen

weiterlebten.

[Illustration]

Das Närrischste aber sagte schon der Schulmeistersohn aus Grabenbach,

der als Student einmal zu uns kam. Der schwätzte von Bären und Hunden

und Wasserschlangen, die da oben am Himmel herumliefen, und ein

Widder und ein Walfisch sei auch dabei; und gar eine Jungfrau wollte

er durch seine Augengläser gesehen haben. Dieser Schulmeistersohn war

schuld daran, daß mich mein Vater nicht studieren lassen wollte.

»Wenn sie solche Narrheiten lernen in der Stadt,« sagte mein Vater,

»daß sie auf unseres Herrgotts goldnem Firmament lauter wilde Tiere

sehen, nachher hab ich genug. Mein Bub, der bleibt daheim.«

* * * * *

Eine junge Magd hatten wir im Hause; die war gescheit, die hat einmal

was gesagt, was mir heute das Herz noch warm macht. Sie hatte es

sicherlich von ihrem alten Ziehvater, der so ein Waldgrübler gewesen

war. Der Mann hat etwas Wundersames in seinem Kopfe gehabt; er wäre

gern Priester geworden; aber blutarm, wie er war, sind ihm alle Wege

dazu verlegt gewesen. Da wurde er Kohlenbrenner. Ich habe den Alten oft

heimlich belauscht, wenn er auf seinem Kohlenmeiler stand und Messe las

oder wenn er den Vögeln des Waldes vorbetete, wie voreinst der heilige

Franziskus in der Wüste. Von diesem Manne mag unsere junge Magd das

seltsame Wort gehört haben.

»Der Sternenhimmel da oben,« sagte sie einmal, »das ist ein

großmächtiger Liebesbrief mit goldenen und silbernen Buchstaben.

Fürs erste hat ihn der liebe Herrgott den Menschen geschrieben, daß

sie doch nicht ganz auf ihn vergessen sollten. Fürs zweite schreiben

ihn die Menschen für einander. Das ist so: wenn zwei Leut, die sich

rechtschaffen liebhaben, weit auseinander müssen, so merken sie sich

vorher einen hellen Stern, den sie beide von aller Fremde aus sehen

können und auf dem ihre Augen zusammenkommen. – Dasselbig funkelnde

Ding dort,« setzte die Magd leise und ein wenig zögernd bei, indem sie

auf ein glühend Sternlein deutete, das hoch über dem Waldlande lag,

»dasselbe Ding, das schaut zu dieser jetzigen Stund auch der Hans an,

der weit drin in Welschland ist bei den Soldaten. Ich weiß wohl, er

wird nicht darauf vergessen, es glänzt wie der kein Stern so hell am

ganzen Firmament.«

* * * * *

Eines Tages mußte ich am Waldrande spät abends noch die Rinder weiden,

die tagsüber im Joche gegangen waren. Sonst war in solchen Stunden

lieb Ahne bei mir, aber die war nun schon seit länger unwohl und mußte

zu Hause bleiben. Jedoch hatte sie mir versprochen, oftmals vor das

Haus herauszutreten und den Hühnerpfiff zu tun, damit mir in der

einschichtigen stillen Nacht nicht zu grauen beginne.

Ich stand zagend neben meinen zwei Rindern, die auf der taunassen Wiese

eifrig grasten, aber ich hörte heute keinen jener lustigen Pfiffe,

welche meine Ahne mittelst zweier Finger, die sie in den Mund legte,

so vortrefflich zu machen verstand, gewöhnlich zu dem Zwecke, um die

Hühner damit zusammenzulocken.

Das Haus lag still und traurig oben auf dem Berge. Von der tiefen

Schlucht herauf hörte ich das Rieseln des Wässerleins, das ich sonst

hier noch nie vernommen hatte. Hingegen schwiegen heute die Grillen

ganz und gar. Ein Uhu krähte im Walde und erschreckte mich dermaßen,

daß ich die Hörner des Rindes erhaschte und dieselben gar nicht mehr

loslassen wollte.

Der Sternenhimmel hatte heute einen so heiligen Ernst; mir war, als

hörte ich durch die große Stille das Saitenspiel des heiligen Sängers

David klingen. – Siehe, da löste sich plötzlich ein Stern und fiel in

einem scharfen Silberfaden, der gerade über unser Haus niederging, vom

Himmel herab. – –

Mir zuckte es heiß durchs Herz, mir blieb der Atem stehen. »Jetzt

ist die Ahne gestorben!« sagte ich endlich laut, »das ist ihr Stern

gewesen.« Ich hub an zu schluchzen. Da hörte ich vom Hause her bereits

des Vaters Stimme, ich sollte eilends heimzutreiben.

Bald jagte ich in den Hof ein. Das Haus war in allen Fenstern

beleuchtet; ein Geräusch und Gepolter war, und Leute eilten hin und her

nach allen Ecken und Winkeln.

»Geschwind, Peterle, geh her!« rief es mir von der Tür aus zu, und das

war die Stimme der Ahne. Ich lief in das Haus – was hab ich gehört?

Klein Kindesgeschrei.

»Ein Brüderlein hast kriegt,« rief die Ahne, »das hat ein Engel vom

Himmel gebracht!«

So war es. Mutter lag schon im Bette, und sie hielt das winzige Büblein

an der Brust.

Ein Engel vom Himmel! Ja, ich habe ihn fliegen gesehen. »Ahndl,« sagte

ich, »es ist nicht wahr, daß Sterne fallen, lauter Engel sind es, die

mit kleinen Kindlein niederfliegen vom Himmel!«

Ich verharre bei diesem Glauben noch heute, da ich vor einer Wiege

stehe, in die mir selbst ein liebes himmlisches Wunder gegeben ist.

Peter Rosegger

Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht ans Land,

Lehnt träumend an der Berge Wand,

Ihr Auge sieht die goldne Wage nun

Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;

Und kecker rauschen die Quellen hervor;

Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr

Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,

Sie achtet’s nicht, sie ist es müd;

Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,

Der flücht’gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.

Doch immer behalten die Quellen das Wort,

Es singen die Wasser im Schlafe noch fort

Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage.

Eduard Mörike

Sternentrost

Es gäb noch mehr der Zähren

In dieser trüben Welt,

Wenn nicht die Sterne wären

Dort an dem Himmelszelt;

Wenn sie nicht niederschauten

In jeder klaren Nacht

Und uns dabei vertrauten,

Daß Einer droben wacht.

Martin Greif

Der Sternseher

Die Jahre gehn vorüber,

Auch ich geh bald zur Ruh,

Da schau ich immer lieber

Dem Lauf der Sterne zu.

Ich kann mich oft noch freuen

Recht wie ein großes Kind,

Wenn abends die Getreuen

Auf ihren Wegen sind.

Mich dünkt, sie stehn so stille,

Sie schaun und ruhn zumeist,

Da doch ein ew’ger Wille

Sie zur Vollendung reißt.

So staun ich wohl in Fernen

Und sinn und blick empor.

Da spricht mir aus den Sternen

Mein Herz ein Gleichnis vor:

Du füllst den Tag mit Hasten,

Und bleibt doch leeres Spiel.

Hier glaubst du still zu rasten

Und näherst dich dem Ziel.

Carl Busse

In Harmesnächten

Die Rechte streckt’ ich schmerzlich oft

In Harmesnächten

Und fühlt’ gedrückt sie unverhofft

Von einer Rechten –

Was Gott ist, wird in Ewigkeit

Kein Mensch ergründen;

Doch will er treu sich allezeit

Mit uns verbünden.

C. F. Meyer

Ansage

Ein Käuzlein rief vergangne Nacht

Vom Berg ins Dorf hinein: »Komm mit!«

Lang horcht ich hin, als ich erwacht,

Und immer rief es noch: »Komm mit!«

Wie dann vom Turm die Zwölfe schlug,

Ins Läuten kam die Glock’: »Komm mit!«

Als käm’s zum letzten Atemzug

Von einem bald, so rief’s: »Komm mit!«

Martin Greif

Mondspuk

Der Vollmond leuchtet hoch am bläulichen Himmel; sein Glanz hat das

letzte, weiße Wölkchen verzehrt; sogar die Sterne sind in seiner

Lichtflut ertrunken, und nur die großen Himmelsbilder glänzen noch

neben ihm. Von unten herauf funkelt die Wintererde festlich im Schnee;

Berge recken dort ihre Silberköpfe empor, und mitten in den Bergen

drin, am Fuß eines Hügels, liegt das Dorf lautlos im Mondschein.

Leer und hell sind alle Gassen des Dorfs. Riesig ragt die Kirche aus

den niedrigen Häuschen hervor, ein mächtiges, steinernes Ungetüm; wie

ein hoher Zaubererhut glitzert der spitze Kirchturm darüber. Zwei

Lukenaugen schauen finster aufgerissen unter dem Hut. Auf einmal fängts

an, im Innern des steinernen Tiers zu rumoren; es rasselt, es stöhnt,

es zieht schwerfällig Atem: ’s will Mitternacht schlagen. Aber seltsam:

es stöhnt und rasselt, es wird wieder still, und kein Glockenschlag hat

geschallt. Statt dessen in den dunklen Lukenaugen droben glüht’s auf,

und eine schnarrende Stimme schreit hinaus ins Land:

»Eins, zwei, drei ... zwölf!«

Da tut’s einen Rumpler unten im Dorf. Das ist im Haus vom

Wegmacher-Jackl gewesen. Der selber ist aus dem Bett hart auf die Füße

gefahren und wandelt quer durch die Stube. Aber ganz abwesend schaut

er drein. Er geht ans Fenster; ’s ist dicht mit Efeu zugewachsen; und

sitzt nieder. Der Mond scheint durch den Efeu, malt helle Flecke aufs

wetterbraune Runzelgesicht und blickt grad hinein in die Augen ...

Ganz stad ist’s draußen, und grausam hell, und alle Haustüren stehn

weit offen.

»Was ist denn des?« denkt der Jackl: »is doch nachtschlafende Zeit!«

Aber die Haustüren stehen offen, und jetzt sieht er’s: eine ganz leise,

leuchtende Schafherde wimmelt die Gasse hinab; schneeweiß, wollig,

flockig wimmelt’s, wuselt’s durcheinander. Ein mondheller Wolfshund

rennt an ihr hin, umkreist sie; Funken tanzen aus seinem Borstenfell,

flüssiges Silber trieft ihm aus dem Maul. Und hinter der Herde drein

wankt der Hirt, in blauem Mantel, ein alter Mann. Tief sitzt ihm der

große Glanzhut im Gesicht, daß nur der welke Mund und das bleiche Kinn

hervorschauen; an langem Stecken wankt er hin und bewegt die Lippen. Er

singt.

»In Gottes Namen

Die Mondschaf treib ich. Amen!«

klingt’s kaum hörbar in die Stube, während er vorbeischwankt. Und Hirt

und Hund und Herde sind verschwunden.

Lange Eiszapfen funkeln an den Dachrinnen. Der Schnee strahlt von

tausend feurigen Sternlein. Mit schlafschwerem Blick schaut der Jackl

hinaus in die weiße Pracht, die so stumm ist und so kalt.

»Wie einsam, daß is, ha, wie einsam!«

Auf einmal träppelt’s daher durch die Mondnacht – ein Hündlein

träppelt über den glitzernden Schnee. Ganz allein. Graufarben ist’s,

ein Krummbein, ein Dackeltier ist’s. Kerzengerade hat’s seinen

Schwanz aufgestellt und wedelt leis mit der Spitze, und seine langen

Ohrwatscheln zittern, wie es dahinläuft. –

»Ah, Narr! Is denn das nit der Woidl! Ja bist denn nit tot? Was bist

denn so grau, Woidl?«

Aber Jackl’s Stimme hat gar keine Kraft. Der Waldl hört ihn nicht,

schon ist er weg – und die Gasse hinab kommt eine junge Dirn gezogen,

wie im Schlaf, mit geschlossnen Augen. Sie hat ein volles Gesicht; doch

ist es so weiß wie das Licht, das draufscheint. Einen Augenblick bleibt

sie stehen und wendet den Kopf mit den geschlossenen Augen in der Luft,

als suchte sie etwas. Dann geht sie grad aufs Haus vom Maurer Franz zu.

Die Eckenlisl ist’s, die so schnell hat sterben müssen, ein Jahr ist’s

her! Sie tritt ans Fenster. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand

schlägt sie leicht ans Glas, daß es klingt. Dann setzt sie sich aufs

Bänklein darunter, legt die Hände in den Schoß und lächelt still vor

sich hin.

Aber da rauscht es auf in der Ferne; rauscht wie ein Menschenflüstern,

zieht näher; die Lisl verblaßt, zergeht; jetzt schwillt’s ins Dorf und

schau! durch die Gasse stäubt’s heran, eine blasse Schar, Männer und

Weiber. Eben grad sichtbar blinken sie im Mondlicht durcheinander.

Bekannte, Unbekannte wechseln, wogen hin, verdrängen einander, und

alle steigen sie dort hinten bei der Kirche ins Mondlicht hinein und

verschwinden einer um den andern. Der Jackl will sie anrufen, den,

jenen, zurückhalten will er sie – zu rasch treibt alles dahin. Wie er

sich aber noch anstrengt, sie zu erkennen, da knarrt’s ihm zu Häupten,

knarrt und rasselt, als täte sich die Decke auseinander, als schütte

der Kalk herab, und die schnarrende Stimme schreit durch die offene

Decke: »Eins!«

Der Jackl steht auf – sein Bewußtsein ist ausgelöscht, die Augen haben

sich geschlossen – und marschiert zurück in sein Bett.

Reingefegt ist die Gasse von allem Spuk, nirgends regt es sich mehr.

Die Haustüren sind zu. In den Lukenaugen des Kirchturms ist das

heimliche Glühen ausgegangen. Der Mond scheint aufs weiße Zifferblatt,

und unten biegt der bärtige Nachtwächter ums Eck beim Krämer und singt

in die Gasse hinein:

»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:

Die Glocke hat eins geschlagen.

B’hüt euch Gott und Maria!«

Leopold Weber

[Illustration]

Alter Spruch

So dunkel ist doch keine Nacht,

Daß Gottes Aug nicht drüber wacht.

Volksmund

Stimme im Dunkeln

Es klagt im Dunkeln irgendwo.

Ich möchte wissen, was es ist.

Der Wind klagt wohl die Nacht an.

Der Wind klagt aber nicht so nah.

Der Wind klagt immer in der Nacht.

In meinen Ohren klagt mein Blut,

Mein Blut wohl.

Mein Blut klagt aber nicht so fremd.

Mein Blut ist ruhig wie die Nacht.

Ich glaub, ein Herz klagt irgendwo.

Richard Dehmel

Alp

Ich stellte den Stuhl nicht an die Wand

Und wandte die Schuh am Bett nur halb

Und nahm den Daumen nicht in die Hand,

Da kam des Nachts der böse Alp.

Er bohrte durch ein Wandloch sacht;

Ich dacht und nahm es genau in acht:

»Sollst dich auf mir nicht wiegen,

Wart, wart, ich will dich kriegen!«

Und als er zur Wand hereingeschlüpft

Und auf den Zehen leise ging,

Da war ich zum Loch an der Wand gehüpft

Und stopft es zu, da schrie das Ding

Mit feiner Stimm’: »O Pein, o Pein,

Nun muß ich hier gefangen sein!

O weh, wie werden weinen

Zu Hause meine Kleinen!«

»O Menschlein,« wimmert er bitterlich,

»Hab sieben Kinderchen zu Haus,

Die müssen verhungern fürchterlich,

O Menschenkind, laß mich hinaus!«

Da sprach ich: »Komm nicht wieder herein.«

Da sprach er: »Nein, gewiß nicht, nein.«

Kaum, daß ich mich aufmachte ...

Husch, war er hinaus und lachte. –

Und wie er so lachte, ging ich nach,

Und als ich vor die Haustür kam,

War er schon unten an dem Bach;

Ich sah, wie er ein Ruder nahm,

Und lief hinab und hielt den Kahn:

Da winselt er von neuem dort

Und sah zuletzt mich drohend an.

Ich ließ den Kahn – da glitt er fort! –

Mich überkam ein Grauen

Vor seinen Augenbrauen!

August Kopisch

Närrische Träume

Heute Nacht träumte mir, ich hielt

Den Mond in der Hand,

Wie eine große, gelbe Kegelkugel,

Und schob ihn ins Land,

Als gält es alle neune.

Er warf einen Wald um, eine alte Scheune,

Zwei Kirchen mitsamt den Küstern, o weh,

Und rollte in die See.

Heute Nacht träumte mir, ich warf

Den Mond ins Meer.

Die Fische all erschraken, und die Wellen

Spritzten umher

Und löschten alle Sterne.

Und eine Stimme, ganz aus der Ferne,

Schalt: »Wer pustet mir mein Licht aus?

Jetzt ist’s dunkel im Haus.«

Heute Nacht träumte mir, es war

Rabenfinster rings.

Da kam was leise auf mich zugegangen,

Wie auf Zehen ging’s.

Da wollt ich mich verstecken,

Stolperte über den Wald, über die Scheune vor Schrecken.

Über die Kirchen, mitsamt den Küstern, o weh,

Und fiel in die See.

Heute Nacht träumte mir, ich sei

Der Mond im Meer.

Die Fische alle glotzten und standen

Im Kreis umher.

So lag ich seit Jahren,

Sah über mir hoch die Schiffe fahren,

Und dacht, wenn jetzt wer über Bord sich biegt,

Und sieht, wer hier liegt,

Zwischen Schollen und Flundern,

Wie wird der sich wundern!

Gustav Falke

[Illustration]

Der Traum

Es war ein niedlich Zeiselein,

Das träumte nachts im Mondenschein:

Es säh am Himmel Stern bei Stern,

Davon wär jeder ein Hirsekern,

Und als es geflogen himmelauf,

Da pickte das Zeislein die Sterne auf.

Piep –

Wie war das im Traume so lieb!

Und als die Sonne beschien den Baum,

Erwachte das Zeislein von seinem Traum.

Es wetzte das Schnäbelchen her und hin

Und sprach verwundert in seinem Sinn:

»Nun hab ich gepickt die ganze Nacht,

Und bin doch so hungrig aufgewacht!

Ping –

Das ist mir ein närrisches Ding!«

Victor Blüthgen

Ein Traum

Heut Nacht hatt ich ’nen tollen Traum,

Der hat mich zum Kamel gemacht,

Im Maule fühlt ich scharfen Zaum

Und auf dem Buckel schwere Fracht.

Und Wüste hier und Wüste dort,

Rückwärts und vorwärts, links und rechts,

Und durch die Glut ging’s langsam fort,

Im Sand tief watend mit Geächz.

Zum Knuspern fand sich da kein Strauch,

Kein Wind zur Kühlung fern und nah,

Zum Saufen war gefüllt kein Schlauch,

Kein Platz zum Niederstrecken da.

Da plötzlich – fern am Himmelssaum

Sieh! Palmen nicken, Quellenglanz!

Dorthin! – Da schwindet’s wie ein Traum,

Es war ein leerer Dünstetanz.

Und immerfort sich aufgerafft,

Und immer fort mit Ach und Uff!

Der Treiber braucht die letzte Kraft,

Mich anzufeuern durch ’nen Knuff.

Geäfft, gebrochen im Genick,

Schon war ich dem Verschmachten nah,

Als ich ganz nah der Quelle Blick

Durch grüne Schatten prachten sah.

Da hat das Glück mich so erschreckt,

Daß ich mit eins zusammenfuhr,

Da hat der Schreck mich aufgeweckt,

Und ach! ein Traum war alles nur.

O hätt’ ich ewig fortgeträumt!

Dann läg’ ich an der Quelle jetzt,

Weich hingestreckt und abgezäumt,

Vom frischen Schattentrunk geletzt.

So aber zieh ich fort und fort,

Auch wachend, als Kamel einher.

Dicht vor mir winkt der kühle Ort,

Doch ich erreich ihn nimmermehr.

Friedrich von Sallet

Traumland

Wo gibt’s diese Welt wie im Traume?

So seltsame Luft, so milchig-kalt,

Solch Haus von Holze so silbrig-alt,

Solch seltsame Blätter am Baume –

Und Menschen gehen und kommen

Mit fremden Gesichtern, doch seltsam bekannt,

Die reden – ich weiß nicht, warum ich verstand,

Was ich von ihnen vernommen ...

Drauf hab ich das Städtlein verlassen:

Da schwamm ein seltsam bleierner Fluß,

Der wälzte tiefab mit schweigendem Schuß

Die ungeheuren Massen ...

Ich stieg auf den Berg, den vertrauten:

Da sah ich ein Land, das ich nie gesehn,

Erdfremde beleuchtet, so selig-schön! –

Meine Augen vor Wonne tauten ...

Nun, wo ich am Tag so gehe,

Verfolgt mich die Sehnsucht überall

Nach dem seltsamen Fluß mit dem Wasserfall

Und dem Lande hinter der Höhe.

Victor Blüthgen

Der kleine Häwelmann

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Häwelmann. Des Nachts schlief

er in einem Rollbett und auch des Nachmittags, wenn er müde war. Wenn

er aber nicht müde war, so mußte seine Mutter ihn darin in der Stube

hin und her fahren, und davon konnte er nie genug bekommen.

Nun lag der kleine Häwelmann eines Nachts in seinem Rollbett und konnte

nicht einschlafen. Die Mutter aber schlief schon lange neben ihm in

ihrem großen Himmelbett. »Mutter!« rief der kleine Häwelmann, »ich

will fahren!« Und die Mutter langte im Schlaf mit dem Arm aus dem Bett

und rollte die kleine Bettstelle hin und her, immer hin und her. Und

wenn ihr der Arm müde werden wollte, so rief der kleine Häwelmann:

»Mehr, mehr!« Und dann ging das Rollen wieder von vorne an. Endlich

aber schlief die Mutter fest ein, und so viel Häwelmann auch schreien

mochte, sie hörte es nicht.

Da dauerte es nicht lange, so sah der Mond in die Fensterscheiben,

der gute alte Mond. Und was er da sah, war so possierlich, daß er

sich erst mit seinem Pelzärmel über das Gesicht fuhr, um sich die

Augen auszuwischen. So etwas hatte der alte Mond all sein Lebtag nicht

gesehen. Da lag der kleine Häwelmann mit offenen Augen in seinem

Rollbett und hielt das eine Beinchen hoch in die Höhe. Sein kleines

Hemd hatte er ausgezogen und hing es wie ein Segel an seiner kleinen

Zehe auf. Dann nahm er ein Hemdzipfelchen in jede Hand und fing mit

beiden Backen an zu blasen. Und allmählich leise, leise fing es an zu

rollen, über den Fußboden, dann die Wand hinauf, dann kopfüber die

Decke entlang und dann die andere Wand wieder hinunter. »Mehr, mehr!«

schrie Häwelmann, als er wieder auf dem Boden war, und dann blies er

wieder seine Backen auf, und dann ging es wieder kopfüber und kopfunter.

Als er dreimal die Reise gemacht hatte, guckte der Mond ihm plötzlich

ins Gesicht. »Junge,« sagte er, »hast du noch nicht genug?« »Nein,«

schrie Häwelmann, »mehr, mehr! Mach die Tür auf! Ich will durch die

Stadt fahren. Alle Menschen sollen mich fahren sehen.« »Das kann ich

nicht,« sagte der gute Mond. Aber er ließ einen langen Strahl durch das

Schlüsselloch fallen, und darauf fuhr der kleine Häwelmann zum Hause

hinaus. Auf der Straße war es ganz still und einsam. Es rasselte recht,

als der kleine Häwelmann in seinem Rollbette über das Straßenpflaster

fuhr, und der gute Mond ging immer neben ihm und leuchtete. So fuhren

sie straßenaus, straßenein. Aber die Menschen waren nirgends zu sehen.

Als sie bei der Kirche vorbeikamen, da krähte auf einmal der goldene

Hahn auf dem Glockenturme. Sie hielten still. »Was machst du da?«

rief der kleine Häwelmann hinauf. »Ich krähe zum erstenmal,« rief

der goldene Hahn herunter. »Wo sind die Menschen?« rief der kleine

Häwelmann hinauf. »Die schlafen,« rief der goldene Hahn herunter. »Wenn

ich zum drittenmal krähe, dann wacht der erste Mensch auf.« »Das dauert

mir zu lange,« sagte Häwelmann; »ich will in den Wald fahren. Alle

Tiere sollen mich fahren sehen.« »Junge,« sagte der gute alte Mond,

»hast du noch nicht genug?« »Nein,« schrie Häwelmann, »mehr, mehr!

Leuchte, alter Mond, leuchte!« Und dann blies er die Backen auf, und

der gute alte Mond leuchtete, und so fuhren sie zur Stadt hinaus und

übers Feld und in den dunkeln Wald hinein. Der gute Mond hatte alle

Mühe, zwischen den vielen Bäumen durchzukommen. Mitunter war er ein

ganzes Stück zurück. Aber er holte den kleinen Häwelmann doch immer

wieder ein.

Im Walde war es still und einsam. Die Tiere waren nicht zu sehen, weder

die Hirsche, noch die Hasen, auch nicht die kleinen Mäuse. So fuhren

sie immer weiter, durch Tannen und Buchenwälder, bergauf und bergab.

Der gute Mond ging nebenher und leuchtete in alle Büsche. Aber die

Tiere waren nicht zu sehen. Nur eine kleine Katze saß oben in einem

Eichbaum und funkelte mit den Augen. Da hielten sie still. »Das ist der

kleine Hinze,« sagte Häwelmann, »ich kenne ihn wohl. Er will die Sterne

nachmachen.« Und als sie weiterfuhren, sprang die kleine Katze mit, von

Baum zu Baum. »Was machst du da?« rief der kleine Häwelmann hinauf.

»Ich lasse meine Augen funkeln,« rief die kleine Katze herunter. »Wo

sind denn die anderen Tiere?« rief der kleine Häwelmann hinauf. »Die

schlafen,« rief die kleine Katze herunter und sprang wieder einen Baum

weiter. »Horch nur, wie sie schnarchen! Wenn ich mein letztes Auge

zumache, so wacht der erste Hase auf.« »Das dauert mir zu lange,« sagte

Häwelmann, »ich will in den Himmel fahren. Alle Sterne sollen mich

fahren sehen.« »Junge,« sagte der gute alte Mond, »hast du noch nicht

genug?« »Nein,« schrie Häwelmann, »mehr, mehr! Leuchte, alter Mond,

leuchte!« Und so fuhren sie zum Walde hinaus und dann über die Heide

bis ans Ende der Welt und dann gerade in den Himmel hinein.

Tag und Nacht · 第 2 / 3 段