Und nun war der Abendfriede erst recht glücklich.

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter

Text ist _so ausgezeichnet_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Der deutsche Spielmann

_Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung_

für Jugend und Volk

Herausgegeben von Dr. Ernst Weber

✥

Tag und Nacht

Der Stunden schneller Wechsellauf

vom Morgengraun bis Mitternacht

Bildschmuck von Otto Bauriedl

Zweite, veränderte Auflage

✥

_München 1924_

Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns

Druck von Kastner & Callwey, München

Geleitspruch des deutschen Spielmanns

Tag und Nacht – im Wechsel schweben

Sie durch unser Erdenleben;

Ihnen folgt der Stunden Schar.

Morgenlicht und Dämmerdunkel,

Sonnenglanz und Sterngefunkel

Tragen sie als Kranz im Haar.

Leicht und frisch und frei von Sorgen

Tritt der schöne Knabe Morgen

Aus dem goldbesonnten Tor.

Tausend Hände werden rege,

Menschenlaut die stillsten Wege;

Froh erschallt der Vöglein Chor.

Mittag naht – und ernster schreiten

Seine Stunden ihm zur Seiten;

Immer müder wird ihr Schritt,

Bis aus kühlem Waldesschatten

Auf die taubenetzten Matten

Leichtbeschuht der Abend tritt.

Seiner Hand entsinkt die Leier,

Und ein sternbesäter Schleier

Spannt sich wie ein Baldachin

Über weite Himmelsräume,

Und ins Reich der schönen Träume

Lockt die stille Königin.

Tag und Nacht hält uns umwunden:

Alle unsre Lebensstunden,

Dunkel bringen sie und Licht,

Bis beim letzten Abendglühen

Eine Hand den Flor darf ziehen

Über unser bleich Gesicht.

Der deutsche Spielmann

Vor dem Morgen

Es zieht ein fahler Schein

Am Himmel auf; hellroter Schimmer

Glänzt schon die Wolken an von Osten her.

Die Sterne sinken unter, wie im Meer

Todmüde Schwimmer.

Vom Bett aufsteht der Wind.

Schlaftrunken noch, im halben Traume,

Greift in die Luft ein Zweig, kühl angeweht,

Und schwankt und zittert, und ein Schauer geht

Von Baum zu Baume.

Ein Vogel ruft im Holz,

Ein andrer noch; aus allen Nestern

Wird froh der Tag begrüßt, der sich erneut.

Begehrend drängt das Leben sich zum Heut,

Fern liegt das Gestern.

Johannes Trojan

Morgengrauen

Noch ist im sternenvollen Raum

Der frischen Nacht kein Hauch zu spüren.

Zuweilen nur im halben Traum

Wie schauernd sich die Wipfel rühren.

Noch liegt es rings auf Feld und Au

Wie namenloser Trauer Schweigen;

Die Gräser stehn gebeugt im Tau,

Die Vögel schlummern in den Zweigen.

Da trägt ein Hauch vom Himmelszelt

Den ersten Lerchenjubel nieder;

Ein Schimmer überhaucht die Welt,

Und rein ersteigt der Tag uns wieder.

Wilhelm Weigand

Das Christusbild

Im Walde oben auf dem Berge, im Gerank von wilden blühenden Rosen,

hängt Christus am Kreuze an der weißgetünchten alten Kapelle.

Sein Mund ist im Schmerz halb geöffnet, rote, schwere Blutstropfen

quellen unter dem Dornenkranze hervor und rieseln aus der Seitenwunde

über den grauen Schurz, der seine Blößen deckt.

So hat er dort gehangen, Jahrhunderte hindurch, Mitleid und Schrecken

allen Betern.

Aus dem Dorf unten im Tal klingen die Glocken der Frühmette herauf ...

Ein Vogel beginnt mit leisem Gesange ... und nun geht die Sonne groß

hinter dem Walde auf ...

Sie sendet ihre hellen Strahlen durch Birkengrün und Tannendunkel ...

feines Klingen läuft vor ihnen her.

Und weiter fliegen die Strahlen bis an die alte Kapelle ... Die weiße

Wand entlang ... und treffen das Heilandsbild mit ihrem vollen warmen

Glanze ...

Ein heimliches Flüstern wacht auf in den Bäumen, die wilden Rosen

neigen sich im Morgenwind, und über das traurige schmerzerfüllte

Antlitz des Gekreuzigten geht ein mildes, sonniges Lächeln ...

Albert Sergel

Neues Leben

Der Himmel glänzt wie Seide,

Ein junger Tag erwacht;

Was ich gelitten habe,

Es starb in dieser Nacht.

Das war ein stilles Sterben

– Die Bäume rauschten kaum –

Das war ein süßes Sterben,

Ein Sterben wie im Traum.

Nun soll durch meine Nächte

Ein tiefer Friede gehn,

Und meine junge Sehnsucht

So in der Sonne stehn.

Oskar Wiener

In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,

Dort gehet schon der Tag herfür,

An meinem Kammerfenster.

Es wühlet mein verstörter Sinn

Noch zwischen Zweifeln her und hin

Und schaffet Nachtgespenster.

– Ängste, quäle

Dich nicht länger, meine Seele!

Freu dich! Schon sind da und dorten

Morgenglocken wach geworden.

Eduard Mörike

Morgendämmerung

Die Nacht liegt ausgebreitet,

Erquickt die Erde ruht,

Der Mond, der zitternde, gleitet

Hinab in düsterer Glut.

Noch stehn am Himmelsraume

Gestirne sonder Zahl.

Am fernen dämmernden Saume

Zuckt schon ein purpurner Strahl.

Die Vögel werden munter,

Der Hahn ist längst erwacht,

Leis ziehen die Schatten hinunter,

Hinunter die tauende Nacht.

Martin Greif

Vogelmette

Dringt das erste Dämmerlicht

Grüßend mir ans Bette,

Hör ich vor dem Fenster dicht

Eine Vogelmette.

Hell vom Platz vor meinem Haus,

Wo die Sträucher ranken,

Klingt sie in die Stadt hinaus

Wie ein kindlich Danken.

Leise da und dort erwacht

Erst ein Vogelseelchen,

Und halb schlummernd noch und sacht

Stimmen sich die Kehlchen.

»Guten Morgen!« hör ich’s dann,

»Fehlen denn auch keine?«

»Munter, Kinder, fangt nur an:

Noch sind wir alleine!«

Und nun setzt es silbern ein,

Keusch in jedem Klange,

Vogelfröhlich, glockenrein,

Frisch zum Morgensange!

Innig wie ein Kinderlied,

Wie ein Märchen traulich,

Daß es durch die Lüfte zieht

Wundersam erbaulich.

Wie es schwillt und wogt und rollt

Und zum Schöpfer schwebt,

Bis das erste Sonnengold

Um die Dächer webt!

Ferdinand Avenarius

Die Wolke

Noch ist es still. Noch schlummert rings die Erde.

Nur frühe Vöglein zwitschern, halb im Traum.

Hoch droben segelt eine lichte Wolke

Im Morgendämmern durch den Himmelsraum.

Und schwebend, wie auf weitgespannten Schwingen,

Gleicht einem Engel sie, der heimwärts zieht;

Vielleicht hat an verlaßnem Sterbelager,

Ein stiller Hüter, er zur Nacht gekniet,

Vielleicht auf eine Stirn in Fiebergluten

Mit lindem Trost die kühle Hand gelegt,

Vielleicht ein leidgeprüftes Herz beruhigt,

Das hoffend nun dem Licht entgegenschlägt ...

... Da ich noch sinnend in die Ferne träume,

Zerfließt die Wolke still im Sonnenschein.

Der Himmel öffnet seine blauen Tore:

Er läßt den heimgekehrten Seraph ein.

Alice von Gaudy

Der Morgen

Der erste Strahl von Osten her

Fliegt kräftig, wie ein lichter Speer,

Die Finsternis zu töten.

Es steigt von ungesehnem Chor

Der Lerchen Sang zum Herrn empor

In jubelnden Gebeten.

Die Blume wacht aus Träumen auf

Und schaut zum Himmel still hinauf,

Ihr Auge weint und lächelt,

Und rascher jeder Pulsschlag strebt,

Und alles jauchzt, und alles lebt,

Vom frischen Hauch umfächelt.

Und alldurchdringend blitzt der Strahl,

Er gleitet in das stille Tal,

Was er berührt, das scheinet;

Er trifft ein niederes Hüttendach,

Wo grad ein treues Herze brach,

Das lang umsonst geweinet.

Friedrich von Sallet

In Hangen und Bangen

Zerstoben sind die Wolkenmassen,

Die Morgensonn ins Fenster scheint:

Nun kann ich wieder mal nicht fassen,

Daß ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte,

Das Aug ist klar, der Sinn ist frei,

Und was nur je mein Herz entzückte,

Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh betroffen,

Geblendet schier von all dem Licht:

Das alte, liebe, böse Hoffen –

Die Seele läßt es einmal nicht.

Theodor Fontane

[Illustration]

Für und für

Im ersten matten Dämmer thront

Der blasse, klare Morgenmond.

Der Himmel zeigt ein kühles Blau,

Der Wind knipst Perlen ab vom Tau.

Der Friede zittert: ungestüm

Reckt sich der Tag, das Ungetüm,

Und schüttelt sich und brüllt und beißt,

Und zeigt uns so, was leben heißt.

Die Sonne hat den Lauf vollbracht,

Und Abendröte, Mitternacht.

Im ersten matten Dämmer thront

Der blasse, klare Morgenmond.

Und langsam frißt und frißt die Zeit

Und frißt sich durch die Ewigkeit.

Detlev v. Liliencron

Stille Tränen

Du bist vom Schlaf erstanden

Und wandelst durch die Au,

Da liegt ob allen Landen

Der Himmel wunderblau.

So lang du ohne Sorgen

Geschlummert schmerzenlos,

Der Himmel bis zum Morgen

Viel Tränen niedergoß.

In stillen Nächten weinet

Oft mancher aus den Schmerz,

Und morgens dann ihr meinet,

Stets fröhlich sei sein Herz!

Justinus Kerner

In der Frühe

Goldstrahlen schießen übers Dach,

Die Hähne krähn den Morgen wach;

Nun einer hier, nun einer dort,

So kräht es nun von Ort zu Ort;

Und in der Ferne stirbt der Klang –

Ich höre nichts, ich horche lang.

Ihr wackern Hähne, krähet doch!

Sie schlafen immer, immer noch.

Theodor Storm

[Illustration]

Morgenwind

Wenn noch kaum die Hähne krähen,

Macht sich auf der Morgenwind,

Feget aus mit starkem Wehen

Stadt und Flur und Wald geschwind.

Allen Bäumen in der Runde

Schüttelt er die Locken aus,

Weckt die Blümlein in dem Grunde,

Lockt die Lerch ins Tal hinaus.

Nebel, die an Bergen hangen,

Jagt er ohne Gnade fort;

Kommt Frau Sonne dann gegangen,

Find’t sie sauber jeden Ort.

Will sie bei dem treuen Winde

Sich bedanken in Person,

Ist er, daß ihn keiner finde,

Über alle Berge schon.

Paul Heyse

Gruß der Sonne

Aus den braunen Schollen springt die Saat empor,

Grüne Knospen rollen tausendfach hervor.

Und es ruft die Sonne: »Fort den blassen Schein!

Wieder will ich Wonne, Glut und Leben sein!

Wieder wohlig zittern auf dem blauen Meer

Oder zu Gewittern führen das Wolkenheer!

In den Frühlingsregen sieben Farben streun

Und auf Weg und Stegen meinen goldnen Schein!

Ruhn am Felsenhange, wo der Adler minnt,

Auf der Menschenwange, wo die Träne rinnt!

Dringen in der Herzen kalte Finsternis,

Blenden alle Schmerzen aus dem tiefsten Riß!

Bringt – ich bin die Sonne – an das Kerkertor,

Was ihr habt gesponnen winterlang, hervor.

Alle finstern Hütten sollen Mann und Maus

Auf die Aue schütten, an mein Licht heraus!

Mit all euren Schätzen lagert euch herum,

Wendet eure Fetzen vor mir um und um!

Daß durch jeden Schaden leuchten ich und dann

Mit dem goldnen Faden ihn verweben kann!«

Gottfried Keller

Morgenlied

[Illustration]

Mit edlen Purpurröten

Und hellem Amselschlag,

Mit Rosen und mit Flöten

Stolziert der junge Tag.

Der Wanderschritt des Lebens

Ist noch ein leichter Tanz,

Ich gehe wie im Reigen

Mit einem frischen Kranz.

Ihr taubenetzten Kränze

Der neuen Morgenkraft,

Geworfen aus den Lüften

Und spielend aufgerafft –

Wohl manchen ließ ich welken

Noch vor der Mittagsglut;

Zerrissen hab ich manchen

Aus reinem Übermut!

Mit edeln Purpurröten

Und hellem Amselschlag,

Mit Rosen und mit Flöten

Stolziert der junge Tag –

Hinweg, du dunkle Klage,

Aus all dem Licht und Glanz!

Den Schmerz verlorner Tage

Bedeckt ein frischer Kranz.

C. F. Meyer

Pförtners Morgenlied

Verschwunden ist die finstre Nacht,

Die Lerche schlägt, der Tag erwacht,

Die Sonne kommt mit Prangen

Am Himmel aufgegangen.

Sie scheint in Königs Prunkgemach,

Sie scheinet durch des Bettlers Dach,

Und was in Nacht verborgen war,

Das macht sie kund und offenbar.

Lob sei dem Herrn und Dank gebracht,

Der über diesem Haus gewacht,

Mit seinen heilgen Scharen

Uns gnädig wollt bewahren!

Wohl mancher schloß die Augen schwer

Und öffnet sie dem Licht nicht mehr;

Drum freue sich, wer neu belebt

Den frischen Blick zur Sonn erhebt!

Friedrich Schiller

Guter Rat

Des Morgens denk an deinen Gott,

Des Mittags iß vergnügt dein Brot,

Des Abends denk an deinen Tod,

Des Nachts verschlafe deine Not!

Volksmund

Mittagsstille

Am Waldsaum lieg ich im Stillen,

Rings tiefe Mittagsruh,

Nur Lerchen hör ich und Grillen

Und summende Käfer dazu.

Die Falter flattern im Kreise,

Kein Blatt rührt sich am Baum,

Die Gräser beugen sich leise,

Halb wach ich, halb lieg ich im Traum.

Martin Greif

[Illustration]

Um die dritte Stunde

Die dritte Stunde nachmittags,

Das ist die _müde_ Stunde,

Es geht das Zittern ihres Schlags

Wie Lähmung in die Runde.

Da liegt sie stumm, die heiße Welt,

Verschmachtet und begraben;

Der Glutengott alleine hält

Die Fackel noch erhaben.

Wie Wüstenodem tödlich drückt

Sein schwüles Reich die Matten,

Und von des Turmes Kuppel bückt

Sich welk der müde Schatten.

Verlechzend ist auf dürrem Moos

Das Flurgeräusch entschlafen,

Die Welle schlürft gedankenlos

Ums träge Schiff im Hafen.

Wie ein erschlagner Riese schweigt

Die glühe Felsenflanke;

Im Menschenhaupt hat sich geneigt

Zum Schlummer der Gedanke.

Kein Laut ergeht, kein Hauch, kein Lied

Gibt noch von Leben Kunde,

Als ob der Erdengeist verschied

Um diese dürre Stunde.

J. G. Fischer

Nach trübem Tage

Der Tag war trüb; nun will das Licht

Im Scheiden noch den Gram besiegen;

Es übt die alte Liebespflicht,

Und Stadt und Hain im Schimmer liegen.

Die Bäume standen schwer vergrollt,

Als gäb es nirgends einen Retter –

Nun brach hervor das Sonnengold

Und leuchtet lächelnd durch die Blätter.

Hanns von Gumppenberg

Abendlied

Ich stand auf Berges Halde, als heim die Sonne ging,

Und sah, wie überm Walde des Abends Goldnetz hing.

Des Himmels Wolken tauten der Erde Frieden zu,

Bei Abendglockenlauten ging die Natur zur Ruh.

Ich sprach: »O Herz, empfinde der Schöpfung Stille nun,

Und schick mit jedem Kinde der Flur dich auch, zu ruhn.«

Die Blumen alle schließen die Augen allgemach,

Und alle Wellen fließen besänftiget im Bach.

Nun hat der müde Sylphe sich unters Blatt gesetzt,

Und die Libell am Schilfe entschlummert taubenetzt.

Es ward dem goldnen Käfer zur Wieg ein Rosenblatt;

Die Herde mit dem Schäfer sucht ihre Lagerstatt.

Die Lerche sucht aus Lüften ihr feuchtes Nest im Klee,

Und in des Waldes Schlüften ihr Lager Hirsch und Reh.

Wer sein ein Hüttchen nennet, ruht nun darin sich aus;

Und wen die Fremde trennet, den trägt ein Traum nach Haus.

Mich fasset ein Verlangen, daß ich zu dieser Frist

Hinauf nicht kann gelangen, wo meine Heimat ist.

Friedrich Rückert

Der letzte Glanz

Vom Berge kamen wir daher

Nach Sonnenuntergang;

Tief unten stieg ein Nebelmeer

Empor den Fluß entlang.

Wie dunkel drüben Wald und Rain,

Schwarz dort die Felsenkluft! –

Doch lag noch roter Sonnenschein

Hoch oben in der Luft.

So scheidet alles – auch das Glück,

Wenn’s dir entwichen ganz,

Es läßt doch in der Luft zurück

Noch einen letzten Glanz.

Adolf Bartels

Der Sandmann

[Illustration]

Der Abendwind säuselt im Strauche der Schlehn.

Die Herbstzeitlosen im Felde stehn.

Die Mondsichel blitzt aus ätherischem Blau,

In den Wiesengräsern glitzert der Tau.

Auf der Landstraße zieht eine eigne Gestalt –

Hat Flugsand zu Menschenleib sich geballt?

Was will denn der Wandrer abends noch spät,

Daß er Körner ausstreut, wie ein Mann, der sät?

Sein Haupthaar ist Sand, und sein Vollbart ist Sand,

Und in sandigen Falten fließt sein Gewand.

Von Sand ist sein Mantel, von Sand ist sein Hut,

Nur die Augen schillern in grünlicher Glut;

Drin lodert bald grünlich, bald bläulich der Brand,

Und es knistert sein Wandeln wie rieselnder Sand.

Vom wachsgelben Körper im Mondsichelschein

Die Sandkörner glühn wie Geschmeid und Gestein.

Von fern aus milchweißem Nebelflor

Tauchen Mauern und Türm einer Stadt empor.

Und er schlüpft, eine Welle sickert so fein,

In die mondhellen Gassen durchs Tor hinein.

Durch die Fenster die Menschen er sitzen sieht,

Beim Abendbrot und beim Abendlied.

Die Mutter erzählt im Kinderkreis

Ein grusliches Märchen, flüsternd leis.

Da tönt von den Türmen Spätglockengeläut,

Und der Sandmann ins Zimmer die Körner streut.

Er schleudert in Garben aus blinkender Hand,

Wie ein Regen von Sternen, den goldenen Sand.

Und den Kleinen, pausbäckig und märchenfrisch,

Sinken traumschwer die Wimpern über den Tisch.

Das sticht so dornig, das prickelt so spitz,

Sie reiben die Augen, da leuchtet’s wie Blitz.

Die Mutter den Ruf aber schallen läßt:

»Der Sandmann ist da! Flugs, Kind, ins Nest!«

Heinrich Vierordt

Maiabend

Amsel singt ihr letztes Lied

Und versteckt ihr Köpfchen,

Vom vergangnen Regen müd

Sickert’s noch in Tröpfchen.

Zarte Frühlingswehmut webt

Träumerisches Schweigen,

Und ein süßes Sehnen schwebt

In den dunkeln Zweigen.

Ferdinand Avenarius

[Illustration]

Die Sonne liegt im Sterben

Die Sonne liegt im Sterben, da kommen allzumal

In langen, weißen Kleidern die Wolken in den Saal.

Als alle sich versammelt an ihres Bettes Rand,

Vermacht sie jeder Wolke ein feuerrotes Band.

Und mit den roten Bändern, wie prahlen sie so sehr!

Und wenn die Sterne kommen, so hat es keine mehr.

Hermann von Gilm

Mailied

Ich sah dem Glanz der Sonne nach,

Sie brückte ganz mit Gold den Bach.

Und als ihr Bild ich sah nicht mehr,

Da glänzt’ es mild vom Rücken her.

Um wandt ich mich, der Mond ging auf.

Die Sonn entwich; nun komm im Lauf!

Der Sonne Gold zerschmolz im Bach;

Nun streu ihm hold dein Silber nach!

So zwischen Gold und Silberglanz,

O flösse hold mein Leben ganz!

Friedrich Rückert

Sonnenuntergang

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir

Von aller deiner Wonne; denn eben ist’s,

Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne

Voll, der entzückende Sonnenjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt’;

Es tönten rings die Wälder und Hügel nach,

Doch fern ist er zu frommen Völkern,

Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Chr. Friedr. Hölderlin

Die Großmutter

Großmutter, wie wir noch Kinder waren,

War selbst schon ein Kind mit schneeweißen Haaren,

Nun hatte sie gar keine Freude mehr,

Und bloß ihre Lampe liebte sie sehr.

Mit der hat sie immerfort was gesprochen.

Und war kaum die Dämmrung angebrochen,

Saß sie beim Tisch im Lampenlicht

Und wackelte mit dem Runzelgesicht.

Und wollten wir Schlimmen sie abends erschrecken,

Mußten bloß die Köpfe zur Türe reinstecken.

Dann weinte sie: »Macht doch die Türe zu,

Laßt doch die arme Lampe in Ruh!« –

Und hob die kleinen, verschrumpelten Hände

Und hielt sie vors Lämplein wie eine Blende

Und weinte: »Aber, aber! Ihr Schlimmen! Nein, nein!

Macht doch zu! Ihr laßt ja das Dunkel herein!«

Aber einmal, da sind wir’s nicht gewesen,

Und die Lampe war doch erloschen gewesen,

Und die Tür stand auf und der Tag war schon licht,

Und Großmutter saß und rührte sich nicht ...

Hugo Salus

Mondaufgang

Seltsam in den Büschen Schatten und fahles Licht –

Sie stehen rings um mich herum mit fragendem Gesicht,

Sehn alle ernst zum Monde hin – der steigt aus der Erd empor,

Steigt wie eines toten Königs Geist aus seiner Gruft hervor

Blickt groß und traurig um sich her – da wandelt’s bleich übers Feld,

Wird alles eine andere, wird wieder seine Welt.

Ferdinand Avenarius

Feierabend

In einen brennenden Abendhimmel

aus Staub und Dunkel

steigt der Dom.

Seine Glocken läuten.

Die kleinen Linden stehen schwarz,

vor ihren Türen sitzen die alten Leute.

Feierabend!

Die Gassen schweigen.

Die Glut erlischt,

am Himmel

leise

ziehn die ewigen Sterne auf.

Arno Holz

Abendlied

[Illustration]

Der Mond ist aufgegangen,

Die goldnen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –

Er ist nur halb zu sehen

Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder

Sind eitel arme Sünder

Und wissen gar nicht viel;

Wir spinnen Luftgespinste

Und suchen viele Künste

Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns _dein_ Heil schauen,

Auf nichts Vergänglichs trauen,

Nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden

Und vor dir hier auf Erden

Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Mathias Claudius

Der Abendfriede

Es saßen zwei alte Leute, Mann und Frau, auf der Steinbank vor ihrem

Häuschen; zwei steinalte Leute. Sie waren schon so lange miteinander

verheiratet, daß sie sogar die goldene Hochzeit gefeiert hatten, und

das will schon etwas sagen.

Recht würdige alte Menschen geben immer ein rührendes Bild ab! Sie

gleichen ein wenig jenen hohen, einsamen, schneeweißen Alpengipfeln,

die man auch nie ohne tiefe Rührung sehen kann: so spärlich und einsam

stehen sie unter den zahlreichen Häuptern jüngerer Geschlechter,

so still und ernst und groß muten sie an, so weit vermag ihr Blick

in die Ferne zu schweifen; und wie jene entbehren sie den Schmuck

blühender, schwellender Lebenskraft: weiß liegt es auf ihrem Scheitel,

und runzlig ist ihre Haut wie der zerrissene und zerklüftete Fels der

Firnen. Besonders rührend aber ist ein altes Ehepaar, welches durch

ein ganzes Leben mit Leid und Lust wie zu einem einzigen Menschen

zusammengeschmiedet worden ist, so daß Mann und Frau gar nicht mehr

fühlen, wie sie sich lieb haben.

Sie saßen beide ganz still; denn die Stunde war nahe, wo der

Abendfriede durch die Luft zieht, und da wird es in jedem Herzen still,

am meisten aber bei alten Leuten.

Sie dachten an dies und das, an die Vergangenheit und an die Zukunft.

Die laue Sommerabendluft strich um das Häuschen so weich wie

Kinderatem. Über die Wiesen und Äcker mit dem grünen Sammet und dem

gilbenden Ährensegen zog sich der Widerschein der Abendröte; die

Grillen zirpten, die letzten Lerchen wirbelten im Trichterfluge

zu ihren Nestern nieder, und ferne begannen die Geisterrufe des

Wachtelkönigs.

Im Dorfe scholl munterer Kinderlärm und über allem Irdischen in hoher

Luft Glockenläuten, das Läuten der Feierabendglocken.

Immer stiller ward es; die Glocken verklangen, das Abendrot verglühte,

und jetzt tauchte blitzend an dem dämmernden Himmel der erste Stern auf.

Da kam er, der Abendfriede. Von dem Stern flog er her, schnell wie das

Licht fliegt, ganz etwas Unsichtbares. Wenn einmal einen Augenblick gar

nichts weiter zu hören war, selbst nicht das leise Wehen des Windes,

dann spürte man im Ohr ein Flügelrauschen, aber ganz schwach; das kam

von ihm. Er war eine Art Engel und der blinkende Stern droben seine

Wohnung.

Er blieb heute lange bei den zwei alten Leuten; er schwebte um sie,

und so oft er über sie hinstrich, schüttelte er ein wenig die Flügel,

da rieselte es auf sie nieder, wunderbare Tropfen der Erquickung, daß

ihnen das Herz freudiger schlug als sonst.

»Es ist doch schön auf Gottes Welt, Gertrud,« sagte der alte Mann; »es

will mir gar nicht recht zu Kopf, daß wir nun bald fort müssen. Ich

glaube, ich könnte dreimal so alt werden, wie ich bin, und ich würde

mir nicht wünschen, meines Leibes ledig zu werden.«

»Red nicht so, Heinrich,« antwortete das alte Mütterchen und hüstelte

ein wenig; »das ist doch dein Ernst nicht. Wir haben beide allerlei

Gebresten, die uns quälen, wenn auch gerade nicht auf diese Stunde. Ich

weiß wohl, was ich mir alle Nächte wünsch, wenn der Husten kommt, daß

man nicht schlafen kann und denkt: Hüter, ist die Nacht schier hin?

Oder wenn mir die Hand zu zittern anfängt, daß die Arbeit hinausfällt

auf den Estrich. Ein älter Mensch ist so mürbe und zerrieben, daß er

froh sein muß, wenn er auseinandergeht und die müde Seele Frieden

findet.«

[Illustration]

»Nein,« sprach der Greis wieder, »ich fühl’s nimmer, daß mir so zumute

wäre. Der Tod ist alleweg ein bitteres Kraut, da wollen wir uns nichts

einreden. Vielleicht wenn ich meine Kräfte nicht mehr hätte, daß

mir das Auge trübe oder das Ohr taub wäre oder mir kein Essen mehr

schmecken möchte: daß ich dann lieber stürbe als jetzt. Aber so weiß

ich schon, ich werd ein schweres Sterben haben, wenn ich denke, daß ich

nachher Gottes Sonne nicht mehr sehe und das liebe Gewächs, mit dem ich

mich mein Lebtag abgegeben habe, und alles das nicht mehr höre, was

mich immer gefreut hat, die Vögel, die Kinder im Dorf, die Orgel und

die Glocken.«

So redeten sie eine Weile hin und her, und über ihnen auf der Laube saß

unsichtbar der Abendfriede und lächelte so lieb, wie Engel lächeln.

Er hörte jedem Wort zu, das sie sprachen, und endlich wurde er

nachdenklich.

Er dachte sich etwas aus, etwas recht, recht Schönes. Und endlich hatte

er das Richtige. Aber er konnte es nicht ausführen, wie er wollte. Ohne

den lieben Gott, der erst ja dazu sagte, ging das nicht.

Die beiden alten Leute begaben sich in das Häuschen, und er flog

weiter und schüttelte seine Schwingen recht oft; denn er war jetzt

ganz besonders froh. Reichlicher als sonst lag die Welt voll von dem

Wundertau der Erquickung, als er zum Himmel aufstieg.

Er schwebte diesesmal bei seinem Stern vorüber, zu Gott hin. Und als

er dort gesagt, was er sich ausgedacht hatte, da lächelte ihm der

himmlische Vater zu und nickte.

Und nun war der Abendfriede erst recht glücklich.

Einmal des Abends blieb er bei dem Häuschen und wartete, bis die beiden

alten Leute schliefen. Da huschte er in die Schlafstube hinein und

erlöste die Seele des alten Mütterchens von ihrem Leibe, ganz in der

Stille.

Wie ward die so froh und jung! Sie sah den Abendfrieden an und sagte:

»Dich kenne ich, du mußt des Abends manchesmal um uns gewesen sein.«

»Ja,« nickte der ihr zu. »Ich bin der Abendfriede. Ich will dich mit zu

meinem Stern hinaufnehmen. Er hat das allersanfteste Licht, und sanft

und friedlich wie sein Licht ist alles auf ihm.«

»Ach,« sagte die Seele des alten Mütterchens, »willst du mich allein

erlösen und ihn dort nicht?«

Und sie zeigte nach dem Bett, in dem der alte Mann schlief, welcher

keine Lust hatte, von der Erde zu scheiden.

»Noch nicht,« nickte der Abendfriede zu dem Bett hinüber. »Aber bald!«

Und er lächelte wie in Gedanken.

Das sah die Seele der alten Frau, und es überkam sie so friedlich und

freudig; und die beiden schwebten himmelauf, zu dem Stern hin.

Acht Tage lang ließ sich der Abendfriede nicht bei dem Häuschen spüren;

nur im weiten Bogen flog er um dasselbe herum. Dann kam er wieder zu

der Steinbank.

Aber der alte Mann war nicht auf der Steinbank.

Er guckte in das Fenster, und da sah er ihn drinnen auf der Ofenbank

sitzen und schlüpfte zu ihm in das Stübchen.

Der arme alte Mann war ganz allein. So wehmütig sah es aus, wie er ganz

versunken dasaß, die braunen, schwieligen Hände zwischen den Knien

zusammengelegt. Er weinte nicht; aber seine Augen waren rot, und er

hatte das weiße Haupt gesenkt und rührte sich nicht. Die Kuckucksuhr an

der Wand tickte so eilig, als ob sie etwas versäumt hätte, und das Herz

des Greises tickte auch, aber so müde, so langsam!

Neben ihm lagen das Gesangbuch und die Brille; und in dem

aufgeschlagenen Gesangbuch war ein Lied zu sehen, das fing an:

»Jerusalem, du hochgebaute Stadt,

Wollt Gott, ich wär in dir:

Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat

Und ist nicht mehr bei mir.

Weit über Berg und Tale

Und über blaches Feld

Schwingt es sich über alle

Und eilt aus dieser Welt.«

Der Abendfriede las das und hatte wieder ein Engelslächeln auf den

Lippen.

Nun fing der alte Mann an, vor sich hin zu sprechen.

»Sonst saßen wir um diese Zeit auf der Bank draußen. Aber nunmehr

bringe ich es nicht über das Herz, hinauszugehen. Es ist mir alles

vergällt. Das Licht tut meinen Augen weh, von dem Vogelgepiep und

Kinderschreien schmerzen mir die Ohren, und wenn ich die Glocken so

läuten höre, quält es mich da drinnen, wo das Herz sitzt. Die Glocken

haben auch geläutet, als wir mein altes Mütterchen Gertrud begraben

haben.

Was soll ich auch noch auf der Welt? Das möchte ich wissen. Ich ginge

je eher je lieber hinaus. Aber da läßt mich’s nicht, als ob die Welt

ohne mich nicht bestehen könnte. Jeder kann froh sein, der erlöst ist.

Ach, lieber Tod, komme bald!

Ich glaube, daß er wirklich kommt; denn ich weiß nicht, wovon mir jetzt

so wohl wird.«

Er konnte es nicht merken, daß der Abendfriede über ihm flog und seine

Flügel schüttelte. Der Wundertau rieselte über ihn, das war es, was ihm

so wohl tat.

Der Tod kam nicht; aber erlöst wurde er doch in der Nacht, so sanft

wie das alte Mütterchen, und es war wieder der Abendfriede, der ihn

erlöste. Der Tod mit der Sense schneidet bloß in ein Leben, das anders

nicht zerreißen will.

»Ach, das ist schön,« sagte die Seele des alten Mannes zu dem Engel.

»Nun führe mich zu meinem lieben alten Mütterchen!«

Und der Abendfrieden nickte.

»Weißt du noch,« sprach er unterwegs, »wie du die Erde so schön fandest

und gar nicht begreifen mochtest, daß man sie gern verlassen könnte?«

Die Seele dachte nach.

»Das muß wohl gewesen sein, ehe Gertrud starb.«

»Freilich,« meinte der Abendfriede; »ich habe sie dir eben genommen,

damit du anderen Sinnes würdest; denn ich wußte, alsdann würdest du

dich bekehren. Und soll ich dir sagen, warum ich das wünschte?«

»Nun?«

»Die da widerwillig sterben, mäht der Tod, und sie kommen an einen

anderen Ort als die, welche den ewigen Frieden ersehnten. Ich aber

wollte euch beide gern zusammen und bei mir haben: das war’s.«

Wie das Antlitz des Abendfriedens leuchtete! Hast du schon eines

Menschen Gesicht glänzen gesehen, der eben eine gute Tat getan? So

ungefähr, aber viel verklärter.

Victor Blüthgen

Abendsegen

I.

[Illustration]

Das ist des Abends Segen

Und seine stille Tat,

Daß Sturm und Kampf sich legen,

Wenn seine feuchten Schwingen

Hinschatten übern Pfad.

Das hat er vor dem Tage,

Daß er des Herzens Drang,

Daß Sorgen er und Plage

Besänftigt still mit mildem,

Mit süßem Schlafgesang, –

Daß er mit dichtem Schleier

Des Landmanns Pflug umhüllt,

Mit stiller Dankesfeier

Die Hütten und die Herzen

Allüberall erfüllt ...

Hans Benzmann

II.

Die Abendglocken ferne

Läuten den Tag zur Ruh,

Die Augen tun auf die Sterne,

Die Blumen die Augen zu.

Die Vöglein in den Bäumen,

Sie schweigen alle still:

Ein jedes heimlich träumen

Vom goldnen Morgen will.

Die Schiffe ruhn im Hafen,

Keine Welle regt sich mehr,

So geh auch du nun schlafen

Und bange nicht so sehr.

Und laß den Vater sorgen,

Der über den Sternen wacht:

Er segnet mit Freuden den Morgen,

Er segnet mit Frieden die Nacht.

Friedrich Güll

Heimgang

Der Mond steigt überm Hügel her,

Mein Weg erglänzt in seinem Licht,

Der Wind hebt kaum die Flügel mehr,

Legt sich ins Korn und rührt sich nicht.

Vom Tal herauf rauscht leis ein Gruß,

Ist es durch Wiesen hin der Bach?

Was zögerst du und sinnst, mein Fuß

Geh nur der lieben Stimme nach.

Da drängt sich Hütt an Hütte traut

Ums Kirchlein hin. Ein Glöcklein geht,

Und friedeselig übertaut

Spricht still mein Herz sein Nachtgebet.

Gustav Falke

[Illustration]

Abendwolke

So stille ruht im Hafen

Das tiefe Wasser dort.

Die Ruder sind entschlafen,

Die Schifflein sind im Port.

Nur oben in dem Äther

Der lauen Maiennacht,

Dort segelt noch ein später,

Friedfert’ger Ferge sacht.

Die Barke still und dunkel

Fährt hin in Dämmerschein

Und leisem Sterngefunkel

Am Himmel und hinein.

C. F. Meyer

Ruhetal

Wann im letzten Abendstrahl

Goldne Wolkenberge steigen

Und wie Alpen sich erzeigen,

Frag ich oft mit Tränen:

»Liegt wohl zwischen jenen

Mein ersehntes Ruhetal?«

Ludwig Uhland

Der Abendfriede

Von Disteldolden tropft der Tau,

Die Wiese schwimmt in Nebelgrau,

Und zitternd über die Blumenflur

Wellt schrill der Schlag der Klosteruhr ...

Schwül weht des Abends feuchter Hauch,

Schwer überm Moore liegts wie Hauch

So fahl und grau, – und her und hin

Glimmt’s wie ein Lämplein goldig drin ...

Und über Moor und Wiesenrain

Zieht stumm ein Mann im Heiligenschein:

Ein Klostermännlein, grau und krumm,

Ein Heiliger geht im Felde herum ...

Sein Lämplein schwingt er dann und wann,

Summt übers Korn den Friedensbann –

Dünn klingt und schrill die Klosteruhr ...

Ein Leuchtwurm zieht die goldne Spur ...

Hans Benzmann

Abend

Wir stehn und schaun und sprechen kein Wort –

Der Abend zerflattert auf dunklen Wiesen.

Strenge Schatten kommen vom Torf,

Steigen als stumme Riesen

Über die Schollen behutsam fort

Ins Dorf. –

Wilhelm von Scholz

Meeresabend

Sie hat den ganzen Tag getobt

Als wie in Zorn und Pein,

Nun bettet sich, nun glättet sich

Die See und schlummert ein.

Und drüber zittert der Abendwind,

Ein mildes, heiliges Wehn,

Das ist der Atem Gottes,

Der schwebet ob den Seen.

Es küßt der Herr aufs Lockenhaupt

Die schlummernde See gelind

Und spricht mit säuselndem Segen:

»Schlaf ruhig, liebes Kind!«

Moritz von Strachwitz

[Illustration]

Ein Tageslauf

Sitz ich sinnend, Haupt in Hand gestützt;

Schöner Tag, hab ich dich recht genützt?

Einen Kuß auf meines Weibes Mund,

Liebesgruß in früher Morgenstund.

Sorg ums Brot in treuer Tätigkeit,

Offnes Wort in scharfem Männerstreit.

Einen guten Becher froh geleert,

Kräftig einem argen Wunsch gewehrt.

Leuchtend kommt aus ewigem Sternenraum

Noch zuletzt ein seliger Dichtertraum.

Sinnend sitz ich, Haupt in Hand gestützt:

Schöner Tag, ich hab dich ausgenützt.

Gustav Falke

Am Abend

Sinkt der Tag in Abendgluten,

Schwimmt das Tal in Nebelfluten.

Heimlich aus der Himmelsferne

Blinken schon die goldnen Sterne.

Flieg zu Nest und schwimm zum Hafen!

Gute Nacht! Die Welt will schlafen!

Heinrich Seidel

Abendlandschaft

Der Hirt bläst seine Weise,

Von fern ein Schuß noch fällt,

Die Wälder rauschen leise

Und Ströme tief im Feld.

Nur hinter jenem Hügel

Noch spielt der Abendschein –

O hätt ich, hätt ich Flügel,

Zu fliegen da hinein!

Joseph von Eichendorff

Abendstille

[Illustration]

Abendstille, weich und warm,

Kaum ein Hauch zu spüren,

Stehn die Mädchen Arm in Arm

Plaudernd vor den Türen.

Fliegt das Mäulchen noch so spät

Sonder Rast und Maßen,

Horchen, wie der Wagen geht

Durch die stillen Straßen.

Kläfft der Spitz den Rädern zu,

Die gemach entschwinden,

Süße, sanfte Sommerruh

Sinkt ins Laub der Linden.

Nur ein ferner Burschensang

Tönt noch hin und wieder,

Alles lauscht dem Heimatklang

Der gewohnten Lieder.

Lauscht und sieht im Strahlenkleid

Erste Sterne glänzen,

Und die Seele wandert weit

Ohne Ziel und Grenzen.

Carl Busse

Abendlieder

I.

Die Sonne, die breite behäbige Frau,

Schon rüstet sie sich zur Nacht.

Die Goldsträhnen läßt durch den Himmel sie wehn,

Hat’s Purpurkleid aufgemacht.

Doch unten im Abend ein grauliches Tier,

Ein Drache rührt sich und ruckt.

Den zackigen Rücken drängt er empor –

Frau Sonne, o weh, ist verschluckt.

Der Lurch, was grummelt und grollt er denn?

Er krümmt sich, er bäumt sich, er klafft:

Frau Sonne durchstach ihn von innen her,

Strahlt wieder in glühender Kraft.

Hans Böhm

II.

Der Wächter tutet in sein Horn,

Und stille sind die Straßen;

Vor unserm Fenster nur der Born

Kann nicht vom Plaudern lassen.

Wir wollen schlafen gehn.

Die Lichter löschen langsam aus,

Schwarz hängt die Nacht hernieder;

Der Schlummer geht von Haus zu Haus

Und schließt die Augenlider.

Wir wollen schlafen gehn.

Die Uhr schlägt zehn, die Welt schlief ein.

Die Winde gehen müde.

Vom Himmel glänzt der Sterne Schein.

Kehr auch in unsre Herzen ein,

Du stiller Sternenfriede!

Wir wollen schlafen gehn.

Albert Sergel

[Illustration]

III.

Augen, meine lieben Fensterlein,

Gebt mir schon so lange holden Schein,

Lasset freundlich Bild um Bild herein:

Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,

Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;

Tastend streift sie ab die Wanderschuh,

Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn

Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,

Bis sie schwanken und dann auch vergehn,

Wie von eines Falters Fügelwehn.

Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld,

Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,

Von dem goldnen Überfluß der Welt!

Gottfried Keller

Abendlied

Die Nacht ist niedergegangen,

Die schwarzen Schleier hangen

Nun über Busch und Haus.

Leis rauscht es in den Buchen.

Die letzten Winde suchen

Die vollsten Wipfel sich zum Neste aus.

Noch einmal leis ein Wehen,

Dann bleibt der Atem stehen

Der müden, müden Welt.

Nur noch ein zages Beben

Fühl durch die Nacht ich schweben,

Auf die der Friede seine Hände hält.

Otto Julius Bierbaum

Ein geistlich Abendlied

Es ist so still geworden,

Verrauscht des Abends Wehn,

Nun hört man allerorten

Der Engel Füße gehn.

Rings in die Tale senket

Sich Finsternis mit Macht –

Wirf ab, Herz, was dich kränket

Und was dir bange macht.

Es ruht die Welt im Schweigen,

Ihr Tosen ist vorbei,

Stumm ihrer Freude Reigen

Und stumm ihr Schmerzensschrei.

Hat Rosen sie geschenket,

Hat Dornen sie gebracht –

Wirf ab, Herz, was dich kränket

Und was dir bange macht!

Und hast du heut gefehlet,

O schaue nicht zurück;

Empfinde dich beseelet

Von freier Gnade Glück.

Auch des Verirrten denket

Der Hirt auf hoher Wacht –

Wirf ab, Herz, was dich kränket

Und was dir bange macht!

Nun stehn im Himmelskreise

Die Stern’ in Majestät;

In gleichem festem Gleise

Der goldne Wagen geht.

Und gleich den Sternen lenket

Er deinen Weg zur Nacht –

Wirf ab, Herz, was dich kränket

Und was dir bange macht!

Gottfried Kinkel

Wanderers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist,

Alles Leid und Schmerzen stillest,

Den, der doppelt elend ist,

Doppelt mit Erquickung füllest,

Ach, ich bin des Treibens müde!

Was soll all der Schmerz und Lust?

Süßer Friede,

Komm, ach komm in meine Brust!

Wolfgang von Goethe

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,

Fühl ich, wird mein Auge heller;

Schon versucht ein Stern zu funkeln,

Und die Grillen klingen schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,

Das Gewohnte sonderbarer,

Hinterm Wald der Himmel bleicher,

Jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,

Wie das Licht verhundertfältigt

Sich entringt den Dunkelheiten,

Plötzlich stehst du überwältigt.

Richard Dehmel

Die tröstende Nacht

O Nacht – du treue Trösterin!

Wenn ich auf meinem Lager zage,

So schwebst du vor das Fenster hin

Und hörst geduldig meine Klage.

Und wenn ins Kissen ich mit Stöhnen

Mein tränend Angesicht verhülle,

Hör ich auf einmal eine Fülle

Von Wohllaut mir zu Herzen tönen:

»Getrost, getrost! Ich bin ja hier!

Will dich nach jedem Tage heilen

Und werde kommen einst zu dir,

Um immerdar bei dir zu weilen.

Dann ruhst du, selig vom Vergessen

Durchschauert, fern von Tagesrauschen

Und magst dem sanften Liede lauschen,

Das Winde harfen in Zypressen.«

Bruno Wille

Nachtgefühl

O stille Nacht, o Nacht der Stille,

Zur Ruh gebracht der ganze Wille –

Zum Schlaf bereit das Herz voll Sorgen;

O schöne Zeit bis an den Morgen!

Martin Greif

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall!

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall,

Laß deine Stimm’ mit Freudenschall

Aufs Lieblichste erklingen!

Komm, komm und lob den Schöpfer dein,

Weil andre Vöglein schlafen fein

Und nicht mehr mögen singen!

Laß dein Stimmlein

Laut erschallen,

Denn vor allen

Kannst du loben

Gott im Himmel hoch dort oben.

H. J. von Grimmelshausen

Trost der Nacht

Weiche Hände hat die Nacht,

Und sie reicht sie mir ins Bette;

Fürchtend, daß ich Tränen hätte,

Streicht sie meine Augen sacht.

Dann verläßt sie das Gemach;

Rauschen hör ich, sanft und seiden:

Und den Dornenzweig der Leiden

Zieht sie mit der Schleppe nach.

Ludwig Jacobowski

[Illustration]

Nähterin Nacht

Nun naht die Nacht!

Eine alte, ergraute Nähterin,

Zieht sie die seidnen

Zwirnfäden der Dämmerung

Über die Dächer des Dorfes,

Räufelt sie hin und her

Und wickelt sie flink

Um Büsch und Bäume,

Buchen und Pappeln,

Daß sie starrn wie umsponnene Spulen ...

Von der schwarzen Marmorkonsole

Der östlichen Berge

Hebt sie die weiße Milchglasglocke

Des Mondes empor

Und legt einen

Flimmernden Funken hinein:

Rötlich leuchtet zuerst

Der kohlende Docht,

Gelblich flackernd und unbestimmt,

Dann schimmert weiß und bläulich

Das matte, milde Lampenlicht

Der Nähterin Nacht ...

Und sie steckt

Ins schwarze Sammetkissen des Himmels

Die silbernen Sternennadeln ...

Nähend sitzt sie dann

An der leise summenden

Nähmaschine der Welt

Und zieht aus ihrem Gefüge,

Langsam breitend über die Lande

Von Osten nach Westen,

Die mit Goldzwirn gestickten,

Mit Silberseide besäumten

Purpurgewänder des Morgens ...

Hans Benzmann

[Illustration]

Lichter

Wo ist der Tag?

Rauschend versunken.

Nacht hat mit schwarzem Hammerschlag

Das Licht zersprengt zu stillen Funken,

Die lautlos glühn in Straßen, Prachtgemächern,

In Kammern und hoch über allen Dächern.

Wilhelm von Scholz

Der Nachtwächter

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat neun geschlagen!

Die Lämmer sind schon längst im Stall,

Im Nest die Vöglein allzumal;

Drum lasset euer Spielzeug stehn,

’s ist hohe Zeit, zu Bett zu gehn,

Und lobet Gott den Herrn!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat zehn geschlagen!

Die Lämmer schliefen ruhig ein,

Sie können ohne Sorge sein;

Im Hofe wacht der treue Hund,

Der macht um ihren Stall die Rund’,

Läßt keinen Wolf hinein.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen;

Die Glock’ hat elf geschlagen!

Gar lieblich ist der Vöglein Ruh;

Ihr Mütterlein, es deckt sie zu

Mit beiden Flügeln früh und spät,

Wenn kalt die Nacht ums Nestchen weht.

Das liebe Mütterlein!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat zwölf geschlagen!

Auch eure Eltern ruhen beid’

Im Bette schon seit langer Zeit;

Doch schlafen sie nicht alsogleich;

Sie sorgen treulich noch für euch.

Ihr schlaft und hört es nicht.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat eins geschlagen!

So viele Kinder auf der Welt,

So viele Stern’ am Himmelszelt,

So viele Engel im Himmelsraum,

Die bringen euch manch schönen Traum

Von oben mit herab.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat zwei geschlagen!

Und mit dem blanken Sternenheer

Kam auch der liebe Mond daher

Und steckte sein Laternchen an;

Doch schlich sich wo ein Dieb heran,

Den jagt er schnell davon.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat drei geschlagen!

Und bleibt der Mond einmal zu Haus

Und sagt: »Nun schlaf ich auch mal aus.«

Da bin ich hier, der euch bewacht;

Laut blas ich durch die stille Nacht

Und lobe Gott den Herrn.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat vier geschlagen!

Was hilft doch aller Menschen Macht,

Wenn Gott der Herr sie nicht bewacht?

Vor Krankheit und viel andrer Pein

Bewahrt nur einzig er allein;

Drum lobet Gott den Herrn!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat fünf geschlagen!

Horcht auf, es krähet schon der Hahn

Und ruft: »Erwacht, der Tag bricht an!«

Die Lerch’ ist längst zum Nest heraus;

Der Wächter aber geht nach Haus,

Und alles lobt den Herrn.

Robert Reinick

Die beiden Wächter

Zween Wächter, die schon manche Nacht

Die liebe Stadt getreu bewacht,

Verfolgten sich aus aller Macht

Auf allen Bier- und Branntweinbänken

Und ruhten nicht, mit pöbelhaften Ränken

Einander bis aufs Blut zu kränken;

Denn keiner brannte von dem Span,

Woran der andre sich den Tabak angezündet,

Aus Haß den seinen jemals an.

Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach’ erfindet,

Den Feinde noch den Feinden angetan,

Den taten sie einander an,

Und jeder wollte bloß den andern überleben,

Um noch im Sarg ihm einen Stoß zu geben.

Man riet und wußte lange nicht,

Warum sie solche Feinde waren;

Doch endlich kam die Sache vor Gericht,

Da mußte sichs denn offenbaren,

Warum sie seit so vielen Jahren

So heidnisch unversöhnlich waren.

Was war der Grund? Der Brotneid? War er’s nicht?

Nein. Dieser sang: »Verwahrt das Feuer und das Licht!«

Allein so sang der andre nicht;

Er sang: »Bewahrt das Feuer und das Licht!«

Aus dieser so verschiednen Art,

An die sich beid’ im Singen zänkisch banden,

Aus dem _ver_wahrt und dem _be_wahrt

War Spott, Verachtung, Haß und Rach’ und Wut entstanden.

»Die Wächter,« hör ich viele schrein,

»Verfolgten sich um Kleinigkeiten?

Das mußten große Narren sein.«

Ihr Herren! Stellt die Reden ein,

Ihr könntet sonst unglücklich sein;

Wißt ihr denn nichts von so viel großen Leuten,

Die in gelehrten Streitigkeiten

Um Silben, die gleichviel bedeuten,

Sich mit der größten Wut entzweiten?

Fürchtegott Gellert

Sturmnacht

Im Hinterhaus im Fliesensaal

Über Urgroßmutters Tisch’ und Bänke,

Über die alten Schatullen und Schränke

Wandelt der zitternde Mondenstrahl.

Vom Wald kommt der Wind

Und fährt an die Scheiben;

Und geschwind, geschwind

Schwatzt er ein Wort,

Und dann wieder fort

Zum Wald über Föhren und Eiben.

Da wird auch das alte verzauberte Holz

Da drinnen lebendig;

Wie sonst im Walde will es stolz

Die Kronen schütteln unbändig,

Mit den Ästen greifen hinaus in die Nacht,

Mit dem Sturm sich schaukeln in brausender Jagd,

Mit den Blättern in Übermut rauschen,

Beim Tanz im Flug

Durch Wolkenzug

Mit dem Mondlicht silberne Blicke tauschen.

Da müht sich der Lehnstuhl, die Arme zu recken,

Den Rokokofuß will das Kanapee strecken,

In der Kommode die Schubfächer drängen

Und wollen die rostigen Schlösser sprengen;

Der Eichschrank unter dem kleinen Troß

Steht da, ein finsterer Koloß.

Traumhaft regt er die Klauen an,

Ihm zuckt’s in der verlornen Krone;

Doch bricht er nicht den schweren Bann.

Und draußen pfeift ihm der Wind zum Hohne,

Und fährt an die Läden und rüttelt mit Macht,

Bläst durch die Ritzen, grunzt und lacht,

Schmeißt die Fledermäuse, die kleinen Gespenster,

Klitschend gegen die rasselnden Fenster.

Die glupen dumm neugierig hinein –

Da drinn steht voll der Mondenschein.

Aber droben im Haus

Im behaglichen Zimmer

Beim Sturmgebraus

Saßen und schwatzten die Alten noch immer,

Nicht hörend, wie drunten die Saaltür sprang,

Wie ein Klang war erwacht

Aus der einsamen Nacht,

Der schollernd drang

Über Trepp’ und Gang,

Daß dran in der Kammer die Kinder mit Schrecken

Auffuhren und schlüpften unter die Decken.

Theodor Storm

Was bei den Sternen war

Selbst der Naturforscher gibt es diesmal zu, was der Poet behauptet,

daß nämlich im Waldlande die Sterne heller leuchten als sonstwo. Das

macht die reine feuchte Luft, sagt der eine; der andere hingegen meint,

der kindliche Glaube der Einschichtbewohner sei Ursache, daß der

Sternenhimmel so hell und hold niederfunkle auf den weiten, stillen

Wald.

Hat doch mein Vater zu mir gesagt, als wir noch beisammen auf dem

Holzbänklein unter der Tanne gesessen:

»Du bist mein liebes Kind. Und jetzt schau zum Himmel hinauf, die Augen

Gottes blicken auf uns herab.«

Ei freilich, ich konnte mir’s wohl denken, einer, der auf des Menschen

Haupt die Haare zählt, muß hunderttausend Augen haben. Nun war es aber

schön zu sehen, wie mir der liebe Gott mit seinen Augen zublinzelte,

als wollte er mir was zu verstehen geben; – ja, und ich konnte es doch

um alles nicht erraten, was er meinte. – Ich nahm mir wohl vor, recht

brav und folgsam zu sein, besonders bei Nacht, wenn Gott da oben seine

hunderttausend Augen auftut und die guten Kinder zählt und die bösen

sucht und recht scharf anschaut, auf daß er sie kennt am Jüngsten

Tage ...

Ein andermal saß ich auf demselben Holzbänkchen unter der Tanne, an

Seite meiner Mutter. Es war bereits späte Abendstunde, und die Mutter

sagte zu mir:

»Du bist ein kleiner Mensch, und die kleinen Leute müssen jetzt schon

ins Bett gehen, schau, es ist ja die finstere Nacht, und die Engel

zünden schon die Lichter an, oben in unseres Herrgotts Haus.«

Mit solchen Worten ein Kind zur Ruhe bringen? Das war übel geplant.

»In unseres Herrgotts Haus die Lichter?« fragte ich, sofort durchaus

für den Gegenstand eingenommen.

»Freilich,« entgegnete die Mutter, »jetzt gehen alle Heiligen von der

Kirche heim, und im Hause ist eine große Tafel, und da setzen sie sich

zusammen und essen und trinken was, und die Englein fliegen geschwind

herum und zünden alle Lichter an und den großen Kronleuchter auch, der

mitten hängt, und nachher laufen sie zu den Pfeifen und Geigen und

machen Musik.«

»Musik?« entgegnete ich, in die Anschauung des Bildes versunken. »Und

der Wollzupfer-Michel, ist der auch dabei?«

Der Wollzupfer-Michel war ein alter, blinder Mann gewesen, der bei

uns Waldbauern das Gnadenbrot genossen und dafür zuweilen Schafwolle

gezupft und gekraut hatte. Wenige Wochen vor diesem Abendgespräche war

er gestorben.

»Ja du,« versetzte die Mutter auf meine Frage, »der Wollzupfer-Michel,

der sitzt ganz vorn bei unserem lieben Herrgott selber, und er ist

hoch in Ehren gehalten von allen Heiligen, weil er auf der Welt so arm

gewesen ist und so verachtet und im Elend hat leben müssen, und weil er

doch alles so geduldig ertragen hat.«

»Wer gibt ihm denn beim Essen auf den Teller hinaus?« war meine weitere

Frage.

»Nu wer denn?« meinte die Mutter, »das wird schon sein heiliger

Schutzengel tun.« Sogleich aber setzte sie bei: »Du Närrisch, der

Michel braucht jetzt gar keine Behelfer mehr, im Himmel ist er ja

nimmer blind; im Himmel sieht er seinen Vater und seine Mutter, die er

auf der Welt niemalen hat gesehen. Und er sieht den lieben Herrgott

selber und unsere liebe Frauen und alle, und zu uns sieht er auch

herab. Ja freilich, mit dem Michel hat’s gar eine glückselige Wendung

genommen, und hell singen und tanzen wird er bei der himmlischen Musik,

weil der heilige David Harfen spielen tut.«

»Tanzen?« wiederholte ich und suchte mit meinen Augen das Firmament ab.

Tag und Nacht · 第 1 / 3 段