und funkelten, daß der ganze Himmel blitzte. »Platz da!« schrie
Häwelmann und fuhr in den hellen Haufen hinein, daß die Sterne links
und rechts vor Angst vom Himmel fielen. »Junge,« sagte der gute alte
Mond, »hast du noch nicht genug?« »Nein,« schrie der kleine Häwelmann,
»mehr, mehr!« Und – hast du nicht gesehen! fuhr er dem alten guten Mond
quer über die Nase, daß er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. »Pfui!«
sagte der Mond und nieste dreimal, »das ist nicht hübsch von dir,« und
damit pustete er seine Laterne aus, und alle Sterne machten die Augen
zu. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so dunkel, daß man es
ordentlich mit Händen greifen konnte. »Leuchte, alter Mond, leuchte!«
schrie der kleine Häwelmann. Aber der Mond war nirgends zu sehen und
auch die Sterne nicht. Sie waren schon alle zu Bett gegangen. Da
fürchtete der kleine Häwelmann sich sehr, weil er so allein im Himmel
war. Er nahm seine Hemdzipfelchen in die Hände und blies die Backen
auf. Aber er wußte weder aus noch ein. Er fuhr hin und her, kreuz und
quer, und niemand sah ihn fahren, weder die Menschen, noch die Tiere,
noch die Sterne.
Da guckte endlich unten, ganz unten am Himmelsrande, ein rotes, rundes
Gesicht zu ihm herauf, und der kleine Häwelmann meinte, der Mond sei
wieder aufgegangen. »Leuchte, alter Mond, leuchte!« rief er, und dann
blies er wieder die Backen auf und fuhr quer durch den ganzen Himmel
und gerade darauf los. Es war aber die Sonne, die eben aus dem Meere
herauskam. »Junge,« rief sie und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins
Gesicht, »was machst du hier in meinem Himmel?« Und eins, zwei, drei!
nahm sie den kleinen Häwelmann und warf ihn mitten in das große Wasser.
Da konnte er schwimmen lernen.
Und dann? Ja, und dann? Weißt du nicht mehr? Wenn ich und du nicht
gekommen wären und den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten,
so hätte er doch leicht ertrinken können.
Theodor Storm
Kätzchen
Die Nacht ist still, der Mond geht auf,
Wer klettert da zum Dach hinauf?
Drei Sänger: Miez und Hinz und Mohr,
Beginnen ihren Katzenchor.
Die Leut erwachen ringsumher,
Bald schleicht der Herr vom Haus daher,
Musikdirektor will er sein,
Schlägt mit der Peitsch den Takt darein!
Robert Reinick
[Illustration]
Stille der Nacht
Willkommen, klare Sommernacht,
Die auf betauten Fluren liegt!
Gegrüßt mir, goldne Sternenpracht,
Die spielend sich im Weltraum wiegt!
Das Urgebirge um mich her
Ist schweigend, wie mein Nachtgebet;
Weit hinter ihm hör ich das Meer
Im Geist und wie die Brandung geht.
Ich höre einen Flötenton,
Den mir die Luft vom Westen bringt,
Indes herauf im Osten schon
Des Tages leise Ahnung dringt.
Ich sinne, wo in weiter Welt
Jetzt sterben mag ein Menschenkind –
Und ob vielleicht den Einzug hält
Das vielersehnte Heldenkind.
Doch wie im dunklen Erdental
Ein unergründlich Schweigen ruht,
Ich fühle mich so leicht zumal
Und wie die Welt so still und gut.
Der letzte leise Schmerz und Spott
Verschwindet aus des Herzens Grund;
Es ist, als tät der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund.
Gottfried Keller
Ammenuhr
Der Mond, der scheint,
Das Kindlein weint,
Die Glock’ schlägt zwölf,
Daß Gott doch allen Kranken helf!
Gott alles weiß,
Das Mäuslein beißt,
Die Glock’ schlägt ein,
Der Traum spielt auf ein Kissen dein.
Das Nönnchen läut’t
Zur Mettenzeit,
Die Glock’ schlägt zwei,
Sie gehn ins Chor in einer Reih.
Der Wind, der weht,
Der Hahn, der kräht,
Die Glock’ schlägt drei,
Der Fuhrmann hebt sich von der Streu.
Der Gaul, der scharrt,
Die Stalltür knarrt,
Die Glock’ schlägt vier,
Der Kutscher siebt den Haber schier.
Die Schwalbe lacht,
Die Sonn erwacht,
Die Glock’ schlägt fünf,
Der Wandrer macht sich auf die Strümpf.
Das Huhn gagakt,
Die Ente quakt,
Die Glock’ schlägt sechs,
Steh auf, steh auf, du faule Hex!
Zum Bäcker lauf,
Ein Wecklein kauf,
Die Glock’ schlägt sieben,
Die Milch tu an das Feuer schieben.
Tut Butter nein,
Und Zucker fein,
Die Glock’ schlägt acht,
Geschwind dem Kind die Supp’ gebracht!
Volksmund
[Illustration]
Die Nacht
Die Nacht ist mir so nah bekannt,
Wir können unsre Gedanken lesen,
Wir haben dasselbe Vaterland,
Wir sind vor Zeiten Geschwister gewesen.
Und abermal um eine Zeit,
Da wird sie mich so ganz umfangen!
Sie nickt, sie streichelt meine Wangen
Und fragt: »Bist du bereit?«
Hermann Hesse
Reiter bei Nacht
Im Wirtshaus, unruhvoll erwacht,
Hinlugt ich aus dem dunklen Haus:
Der Hof war weiße Vollmondpracht,
Und lautlos führte in die Nacht
Ein Mann sein Roß hinaus.
Er führte es am losen Zaum,
Sie gingen beide Schritt für Schritt,
Und neben beiden wie im Traum
Ging durch des Hofes Silberraum
Ihr schwarzer Schatten mit.
Ich weiß nicht, wer der Reiter war ...
Er trat mit seinem Roß zum Tor:
Das lag umwipfelt wunderbar –
Ich weiß nicht, wer der Reiter war,
Der still mein Herz beschwor.
Und vor ihm still das Tor erklang,
Und ein unendlich tiefes Blau,
Das Tor erfüllend, aufwärts drang,
Und Stern auf Stern vor ihm entsprang,
Als tropfte Silbertau.
Da raffte sich auf seinen Rapp
Mit weitem Mantelschwung der Mann,
Es klang der Hufe Klipp und Klapp –
Und alle Sorge warf ich ab,
Die mir der Tag ersann ...
Ich weiß nicht, wer der Reiter war,
Und wie so schwarz sein Schatten glitt;
Doch eine Stille kühl und klar
Rann mir noch lang um Stirn und Haar
Aus seinem Ruheritt.
A. K. T. Tielo
Tag und Nacht
Wenn abends vom glutroten Himmel
Der Sonne Roß heruntersteigt,
Der Sohn des Lichts, der tageshelle Schimmel,
Und seinen Hals, den schöngebognen, neigt,
Dann aus den Nebeln mit bereifter Mähne
Steigt _auf_ das Pferd der Nacht,
Und gähnend weist es seine weißen Zähne
Den Umgekommenen der Schlacht.
Es schlängelt sich gleich blauem Stahle
Durch breite Ström’ und Eisgefild’
Und fließt dahin im Mondenstrahle,
Wie Blut von eines Helden Schild.
Der Sturmwind hängt an seinen Hufen,
Die Schiffe jagt’s im wilden Meer,
Es saust vorüber, wo die Wächter rufen,
An Turm und Lager um ein schlafend Heer.
Indessen grast auf einer bunten Wiese
Das Sonnenroß, geführt am Zaum
Von einem Zwergen, und es sitzt ein Riese
Im Sattel, ein Gigant, der schwere Traum.
Es ruhet aus im Waldesdunkel
An blühender Violen Saum,
Wo kaum durchblinkt der Sterne müd Gefunkel
Der Esche schwarzen Zauberbaum.
Auf einmal ist’s, als fühl’ es wieder
Den alten Mut, die Erde bot
Ihm neue Kraft, es schüttelt Mähn’ und Glieder
Und stampft, daß Feuer aus der Erde loht.
Und schnaubend stürzt es sich ins Flutgewühle,
Der Riese fällt, der Zwerg ist tot;
Es wiehert und erweckt die Morgenkühle –
Am Himmel glüht das Morgenrot.
Hermann Lingg
Ewiger Wechsel
Ewig unsre Sehnsucht dringt
Aus dem Dunkel in das Helle,
Ewig von der lichten Schwelle
Sie zurück ins Dunkle springt.
Hörte einst ihr Hasten auf,
Daß sie endlich Ruhe fände –
Sei’s im Tag-, im Nachtgelände –
Endete des Lebens Lauf.
Ernst Weber
Inhalt
Seite
Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
Vor dem Morgen (Trojan) 4
Morgengrauen (Weigand) 4
Das Christusbild (Sergel) 5
Neues Leben (Wiener) 5
In der Frühe (Mörike) 6
Morgendämmerung (Greif) 6
Vogelmette (Avenarius) 6
Die Wolke (Gaudy) 7
Der Morgen (Sallet) 8
In Hangen und Bangen (Fontane) 8
Für und für (Liliencron) 11
Stille Tränen (Kerner) 11
In der Frühe (Storm) 12
Morgenwind (Heyse) 12
Gruß der Sonne (Keller) 13
Morgenlied (Meyer) 14
Pförtners Morgenlied (Schiller) 15
Guter Rat (Volksmund) 15
Mittagsstille (Greif) 16
Um die dritte Stunde (Fischer) 16
Nach trübem Tage (Gumppenberg) 17
Abendlied (Rückert) 17
Der letzte Glanz (Bartels) 18
Der Sandmann (Vierordt) 19
Maiabend (Avenarius) 21
Die Sonne liegt im Sterben (Gilm) 21
Mailied (Rückert) 22
Sonnenuntergang (Hölderlin) 22
Die Großmutter (Salus) 22
Mondaufgang (Avenarius) 23
Feierabend (Holz) 23
Abendlied (Claudius) 24
Der Abendfriede (Blüthgen) 25
Abendsegen I (Benzmann) 32
Abendsegen II (Güll) 33
Heimgang (Falke) 33
Abendwolke (Meyer) 34
Ruhetal (Uhland) 35
Der Abendfriede (Benzmann) 35
Abend (Scholz) 35
Meeresabend (Strachwitz) 36
Ein Tageslauf (Falke) 36
Am Abend (Seidel) 37
Abendlandschaft (Eichendorff) 37
Abendstille (Busse) 38
Abendlieder I (Böhm) 39
Abendlieder II (Sergel) 39
Abendlieder III (Keller) 40
Abendlied (Bierbaum) 41
Ein geistlich Abendlied (Kinkel) 41
Wanderers Nachtlied (Goethe) 42
Manche Nacht (Dehmel) 43
Die tröstende Nacht (Wille) 43
Nachtgefühl (Greif) 43
Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall! (Grimmelshausen) 44
Trost der Nacht (Jacobowski) 44
Nähterin Nacht (Benzmann) 44
Lichter (Scholz) 48
Der Nachtwächter (Reinick) 48
Die beiden Wächter (Gellert) 50
Sturmnacht (Storm) 51
Was bei den Sternen war (Rosegger) 52
Um Mitternacht (Mörike) 59
Sternentrost (Greif) 59
Der Sternseher (Busse) 59
In Harmesnächten (Meyer) 60
Ansage (Greif) 60
Mondspuk (Weber) 61
Alter Spruch (Volksmund) 63
Stimme im Dunkeln (Dehmel) 64
Alp (Kopisch) 64
Närrische Träume (Falke) 65
Der Traum (Blüthgen) 66
Ein Traum (Sallet) 67
Traumland (Blüthgen) 68
Der kleine Häwelmann (Storm) 69
Kätzchen (Reinick) 71
Stille der Nacht (Keller) 73
Ammenuhr (Volksmund) 73
Die Nacht (Hesse) 75
Reiter bei Nacht (Tielo) 75
Tag und Nacht (Lingg) 76
Ewiger Wechsel (Weber) 77
[Illustration]
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Zur
besseren Navigation wurde der Titel des ersten Gedichts im Text
ergänzt.
Korrekturen:
S. 6: wir → mir
Grüßend {mir} ans Bette,