Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech.
Das neue Jahr soll uns eine andere Behandlung der Majestätsbeleidigung
bringen. Ich will es nicht entscheiden, ob die Neuerung viel verbessern
wird in der deutschen Welt.
Aber eines weiß ich, und eines bedauere ich.
Mein alter Freund Simon Lackner wird sich nicht mehr so leicht ein
billiges Winterquartier verschaffen können.
Und das ist hart.
Denn Simon Lackner ist neunundsechzig Jahre alt; ein herzensguter Kerl.
Jetzt soll er als Greis eine neue Methode ersinnen, nachdem er sechzehn
lange Jahre hindurch mit der alten so schöne Erfolge erzielt hat.
Ihr lieben Mitmenschen, denkt euch in seine Lage!
Von Jugend auf war er ein stellenloser Schreinergehilfe; ein fahrender
Handwerksbursche. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn der Apfelbaum am
Straßenrand blüht, und wenn ein Mensch, der auf dem Rücken im Grünen
liegt, mit blinzelnden Augen der Lerche hoch hinauf in die blaue
Luft nachschaut. Das ist wohl ein schöner Beruf, wenn die Kornähren
sich über dem müden Haupte wiegen und am heißesten Sommertag einen
erquickenden Schatten spenden. Auch ist es fröhlich und freudenvoll,
wenn noch eine mildtätige Herbstsonne auf den Buckel brennt, und wenn
die zerrissenen Schuhe durchs gelbe Buchenlaub rascheln.
Aber wenn die kalten Novemberwinde pfeifen und alte Felber[24] in
die Gräben rollen? Wenn die Landstraßen aus dem Leim gehen und
pfundschwerer Brei an den Sohlen hängen bleibt?
Wenn der kalte Regen mit tausend Nadeln sticht, oder die Schneeflocken
wirbeln? Wenn alle warmen Ofenbänke von hartherzigen Bauern besetzt
sind, die für einen armen Handwerksburschen nicht zusammenrücken?
Da wird's dem abgehärteten Landstreicher wehmütig ums Herz, und er
sehnt sich nach einem trockenen Platz, nach einem Dach, unter dem es
nicht tropft.
Simon Lackner widerstand lange, aber endlich kriegte er das Reißen in
seinen Gliedern, und er fand ein Mittel, sich zu helfen. --
Im Herzogtum Neuburg regierte Karl III., ein gemütlicher, braver
Landesfürst.
Natürlich, Simon Lackner kannte ihn nicht, aber er stand doch in
gewissen Beziehungen zu ihm.
Denn wo er in einem Bauernwirtshaus um Gotteslohn eine Halbe Bier
trank, sah er von der Wand das dicke Gesicht Karls III. herunterlächeln.
Und er begriff die Gutherzigkeit, welche sich in dem breiten Mund, in
den hängenden Backen des Landesherrn ausdrückte.
Er sah mit Liebe in die kleinen, hinter Fettpolstern verschwimmenden
Schweinsäuglein und dachte sich, wie bürgerlich und selchermäßig
doch oft der liebe Gott die von seinen Gnaden regierenden Häupter
ausgestaltet. Kein kleinstes Restchen Feindseligkeit haftete im Herzen
des Simon Lackner.
Er liebte den Fürsten auf seine bescheidene Weise und nahm es ihm nicht
übel, wenn seine Gendarmen grob und rauhhändig waren.
Denn nicht einmal der allmächtige Gott hat alle seine Geschöpfe
liebenswürdig geschaffen.
Warum sollte man's von einem irdischen Fürsten verlangen?
Trotz seiner Hinneigung war aber Simon Lackner gezwungen, alle Jahre
einmal dem Herzog Karl III. eine Despektierlichkeit zu zeigen, die ihm
nicht innewohnte.
Aber es war eben seine Methode, und es war notwendig, um unter ein
schützendes Dach zu kommen.
[Illustration]
Wenn zu Ende Oktober die kalten Winde anhuben, ging Simon Lackner zum
herzoglich neuburgischen Gefängnisse, welches auf freiem Felde lag,
hinaus.
Dort versteckte er sich in einen Holzschuppen, welcher gegenüber dem
Eingange der Anstalt lag, und wartete.
Wenn dann einige Gendarmen kamen, trat er allsogleich hervor und schrie
mit lauter Stimme:
»Unser guater, alter Herzog Karl is a Rindviech!«
Das erstemal und das zweitemal stürzten die Gendarmen gierig auf den
frevelhaften Menschen und glaubten, daß sie einen wichtigen Fang
gemacht hätten. Aber schon im dritten Jahre erlahmte ihr Eifer, denn
sie wußten jetzt, daß Simon Lackner sich nur auf diese harmlose Weise
ein Winterquartier verschaffen wollte.
Simon Lackner mußte oft und oft schreien, bis sie ihn gefangen nahmen.
Und das wiederholte sich sechzehn Jahre lang mit schöner Regelmäßigkeit.
Man wußte es nicht mehr anders.
Wenn gegen Ende Oktober schwere Wolken am Himmel aufzogen, schaute der
Gefängnisinspektor in die herbstliche Natur hinaus und sagte: »Jetzt
wird der Lackner bald wieder schreien.« Und richtig: den andern Tag
zogen sich nasse Bindfaden vom Himmel zur Erde herunter, und vom
Holzschuppen herüber brüllte es: »Unser guater, alter Herzog Karl is a
Rindviech.«
Die Gendarmen lächelten; Simon Lackner lächelte und betrat freudig die
Halle des Gefängnisses, wo ihm der Inspektor wohlwollend entgegentrat.
Lackner wiederholte zur Sicherheit: »Unser guater, alter Herzog Karl is
a ...«
»Weiß schon, weiß schon,« sagte der Inspektor, »Sie kriegen schon Ihre
fünf Monat.«
Wenn die Amseln pfiffen, kam Simon wieder heraus und walzte fröhlich
durch das Herzogtum Neuburg.
Und wo er in einem Wirtshaus das Konterfei seines lieben Karls III.
sah, lächelte er ihm verständnisinnig zu. Er hatte ja nie vergessen,
ihn den guten, alten Herzog zu nennen, und das mit dem Rindvieh war
nicht ernst gemeint.
Jetzt wollen sie den schönen Paragraphen ändern, mit dem mein Freund
Simon Lackner seit sechzehn Jahren sich recht und schlecht über die
Wintersnot hinweggeholfen hat.
Ist das nicht hart?
[Illustration]
Wilhelm Fischer-Graz: