L. Adelt.

Jochen Appelbaums Galion.

Kap Lizard hatten wir längst hinter uns, und wir liefen vor

einem steifen Ostsüdost durch den Atlantik. Eines Tages, es war

Sonntagnachmittag, hatten wir es uns hinter der Back[17] bequem

gemacht und lagen und saßen in zwanglosen Gruppen herum. Einige hatten

ihren Nähbeutel neben sich und besserten ihre Sachen aus. Jochen

Appelbaum, der Segelmacher, war dabei, mit kunstgeübter Hand einen

Bettvorleger für seine Frau herzustellen. Die Vorlage dazu, eine

Fregatte unter vollen Segeln, hatte ich, der ich zeichnerisch veranlagt

war, ausgeführt und war dadurch noch eine Stufe höher in seiner Gunst

gestiegen. Nun zog er bunte Wolle, Faden neben Faden, die Farben zu der

Zeichnung passend, durch das Stück Segeltuch, welches die Grundlage

darstellte, und worauf die Zeichnung ausgeführt war. Über ein Jahr

brauchte er zu dieser Arbeit. Als sie fertig war, war es wirklich ein

Prachtstück seemännischer Kunstfertigkeit und Geduld und fand unter den

Kameraden die höchste Bewunderung.

Es wurde hin und her geredet, über dies und jenes, und als eine

Stockung eintrat und das Gespräch nicht weiter wollte, meinte der

Karpenter[18]: »Wie wär dat, wenn ein von uns ein Ende Schimannsgarn

spinnt, de Tid löbt denn so moy und een wird nicht dümmer davon. Laat

man ein los, Sailmocher, du heß veel von de Sort in't Hellegatt[19].

Man los!«

Jochen Appelbaum schmunzelte und meinte: »Tja, wenn't jug Spaas mokt,

will ik jug ein lütt Geschicht ut mine Orlogstid[20] vertellen.«

»Ja, man tau! Man tau!« riefen die Gasten im Chor und rückten dichter

zusammen, damit ihnen ja nichts von der Erzählung verloren ginge.

»In den Jahren achteinhundertvierundföftig und fifundföftig diente

ich in der dän'schen Marine als Matrose, und zwar an Bord von de

Kreuzerfregatt ›Jülland‹.«

»Wie kömmt dat, dat du in de dän'sche Marin deint hast, wo wir

alle sonst in die dütsche deinen möten?« fragte der Matrose Franz

Klattstert, ein Danziger.

[Illustration]

»Dat will ich di seggen,« erwiderte der Segelmacher. »Erstens hatte

Deutschland damals noch keine Marine, zweitens war Schleswig noch

dänisch und die jungen Leute mußten darum noch ihre Militärpflicht in

Dänemark absolvieren, und drüttens bis du een Schaapskopp, wenn du dat

nicht weißt ...

Ich war also als Orlogsgast eingezogen und diente auf der

Kreuzerfregatte ›Jülland‹. Nun müßt ihr euch aber nicht so 'n Fregatt

mit den heutigen Schlamasselkastens, die sie Kriegsschiffe nennen,

vergleichen. Nein, das war ein richtiges Schiff, wie unser hier,

mit richtigen Masten, mit Rahen, Segel und Takel; von richtigen

Schiffsbauers gebaut und getakelt, und nicht so 'n Mißgeburt, wie die

Eisenfritzen jetzt bauen. Damals mußte das Schiff mit Seeleute bemannt

sein, wie unser Schipp hier, und nicht, wie die heutigen Kriegskastens,

mit schmeerigen Heizers und sottigen Trimmers; und de Offizeers wären

Seeleute, die von der Pike auf gedient hatten, wie unsereins, und

ebensogut ein Ende splissen konnten wie ihr Besteck machen, und anderes

zu denken hatten als an't Zähne- und Nägelputzen. Seeleute waren es,

die mit 'n Schipp sailen konnten wie unser Keppen Claasen. Das waren

Seeleute dörch und dörch und keine Herrens von die Marineakademie mit

Lacksteweln und Jungfernmaneeren. Frag mal einen von dissen Herrens

Offizeers auf den eisernen Kriegskastens, ob sie es wagen, mit einer

Kreuzerfregatte unter vollen Segeln und mit guter Brise auf ihren

Ankerplatz im Hafen raufzufahren und dort mit dem Schiff um die Boje

wenden und stillhalten wie ein Streichholtschachtel im Nachttopp! Tja!

Das waren Seeleute, düsse Offizeers von damals! -- Seeleute!

Nu also, mit so 'n Schipp war ich los, und wir waren an zweihundert

Mann an Bord, lauter junge Seebären, die sich vor kein Düwel und kein

Wetter fürchteten. Wir waren auf eine Tour ins Mittelmeer, als wir

plötzlich Order kriegten, nach den dänischen Besitzungen in Westindien

zu gehen. Die Niggers auf der Insel Sankt Thomas waren aufrührerisch

geworden und murksten ihre weißen Herren ab. Wir sollten nun hin und

die schwarzen Banditen beruhigen.

Das war wenigstens mal was anderes. Ein willkommenes Abenteuer, eine

Unterbrechung in dat ewige Einerlei. Na, nun steuerten wir so schnell

wie die Schute laufen wollte quer dörch den Atlantik nach den Kleinen

Antillen, wo die Insel Sankt Thomas liegt. In ohngefähr fünf Wochen,

nachdem wir die Order gekriegt hatten, warfen wir Anker auf der Reede

von Charlotte Amalie. Tja, so heißt die Hauptstadt von der Insel. Als

die nötigen Formalitäten nun erledigt waren, wurden hundertundfünfzig

Mann an Land gesetzt, die im Verein mit der Besatzung der Insel

die Niggers, die im Inneren die Plantagen verwüsteten, die Häuser

ansengelten und ihre Herren abmurksten, bändigen sollten.

Ich war zu meinem Unglück auch mit bei die Landpartie.

Der erste Tag verging mit An'tlandsetten, Lagerinrichten und

Teltupschlagen[21].

Am zweiten Tag ging de Jagd los. In kleinen Abteilungen ging es in die

Plantagen und Wälder, wo die schwarzen Deuwels sich versteckt halten

sollten.

O, Gottegott, wie hatten die schwarzen Beesters gehaust: überall

verwüstete Zuckerplantagen und niedergebrannte Häuser, aber nirgends

eine Spur von die Schwarzen.

Wir waren strenge gewarnt worden, jo und jo nicht im Vordringen die

Fühlung miteinander zu verlieren. Die Schwarzen liebten es, vereinzelnd

gehende Mannschaften zu überfallen und niederzumachen.

Nun weiß ich nicht mehr, wie es eigentlich zuging und wie es kam,

aber mit einmal hatte ich und noch zwei Kameraden die bewußte Fühlung

verloren.

Wir befanden uns gerade in einem Palmenwald. Es war eine Hitze darin

wie in ein Backofen beim Feinbrotbacken, und uns lief der Schmalz in

dicken Tränen man immer so den Puckel herunter. ›Gottsverdammi,‹ sagt

dann mit einmal der eine Kamerad, Chrischan Kluth hieß er mit Namen,

›wißt ihr was,‹ sagt er, ›ich will euch man was sagen und ein Vorschlag

machen: Ich hab' es nu satt, in diese gräuliche Bruthitze immer so

bergab und bergauf zu laufen und nichts zu fressen als trocknes Brot

und nichts zu trinken als lummeriges Wasser aus der Feldflasche. Wenn

man wenigstens die Niggers zu sehen bekäme, damit man 'n bischen

losballern konnt, oder 'n paar lüttje Niggerdeerns, woran man sacht

seine Freude hatte, denn ließe ich es mir wohl gefallen; aber so? Nei.

Ich hab' keine Lust mehr. Ich mache euch einen Vorschlag: Wir drei

machen unter diesen schönen Bäumen eine halbe Stunde Pause, machen uns

lang und nehmen ein Auge voll Schlaf.‹

›Du haßt 'n anschläg'schen Kopp, wenn du einen mit 'n Knüppel

drankriegst,‹ sagte darauf der andere Kamerad, Anders Lütgen, ›aber

wenn wir nu bei das Langmachen überrascht werden, was dann? Wir

befinden uns sozusagen auf dem Kriegspfad, und wenn wir hier beim

Schlafen überrascht werden sollten, denn so glaub' ich allemal, daß

uns das ganz eklich bekommen würde.‹

›Ich will euch mal was sagen,‹ sagte ich dann, ›der Vorschlag ist

beachtenswert und durchaus nicht zu verachten. Ich für meinen Teil

hab' es auch schon längst dick und satt, denn mir ist am heutigen Tage

in der entfamigten Hitze mindestens drei Pfund Schmalz aus dem Puckel

gelaufen. -- Nu will ich euch mal was sagen, zwei Mann machen eine

halbe Stunde lang und einer hält unterdessen die Wache. Kömmt denn

was, purrt er die beiden raus. Wir sagen dann, wir hätten verdächtige

Geräusche gehört und hätten uns aufs Lauern gelegt.‹

›Und wenn die Niggers nu kommen,‹ meinte Chrischan Kluth, ›was dann?‹

›Na, dann muß die Wache natürlich auch purren und gleich mit die

Ballerbüx da mank ballern,‹ sagte ich dann.

Na, wir wurden schließlich über die Sache einig und suchten mank die

Bäume und Büsche nach einem schönen molligen Lagerplatz.

Wir finden auch bald einen, an 'ne kleine Lichtung, unter einem großen

Baum.

Durch Los wurde Chrischan Kluth zur Wache bestimmt.

Wir verabredeten uns, daß er nach einer halben Stunde mich wecken

sollte, worauf er eine halbe Stunde schlafen konnte.

Nun legten wir uns in den Schatten von dem großen Baum, ins weiche,

schöne Gras und schliefen in der bannigen Hitze auch baldigst ein.

Wie lange wir geschlafen haben, weiß ich nicht, Chrischan wußte es

nachher auch nicht, denn als er sah, wie friedlich wir schliefen,

dachte er: ›Ach wat, 'n lütt bitten Nicken kannst du auch, hier ist's

ja still und friedlich wie daheim in Mudders Schlafstube; hier findet

uns kein Minsch. Schlafen tue ich ja auch nicht, blots 'n lütt bitten

Nicken.‹

Und Chrischan nickt und schläft ein.

Als wir endlich aufwachten, war es schon spät am Nachmittag, und um uns

rum krimmelte und wimmelte es von Niggers. Einige waren schon dabei,

uns festzubinden.

O Gottegott, dachte ich, nu is deine letzte Stunde gekommen. Und ich

dachte, ob der liebe Gott mir auch alle meine Sünden vergeben würde ...«

»Du dachst also, dat du mit alle dine Sünden in den Himmel kämest?«

bemerkte hier der Karpenter.

»Tja, dacht hew ik dat, denn ich bin doch as en Kristenmensch getauft

und konfirmeert worden, und wenn ich auch veel sündigt hev, von wegen

das Fluchen und das Kömtrinken und de lütten Deerns, so dacht ich und

denk ich noch: wenn de Köm nicht zum Saufen und de lütten Deerns nicht

tom Leifhewen da sind, denn had de leif Gott se ok nicht erschaffen.

Also so schlimm mit meine Sünden wäre das nu nicht. -- -- -- Ja, wo

wär' ich nu noch? Ach so! Bei die Niggers, als sie uns festbanden.

Na, die verankerten uns nun, jeden an einen Baum; die beiden anderen

mir gegenüber. Dann drehten sie aus trockenes Gras dicke Knebels, die

sie uns in die Hälse wrangten, so daß wir weder schreien noch jappen

konnten. Darauf käm ein von die schwarzen Kerle mit ein Pott voll rote

Farbe und begann unsere Nasen damit einzuseifen. Ich hatte, wie gesagt,

ein Grasknebel im Halse, wenn ich den nicht gehabt hätte, hätte ich

lauthals lachen müssen, so sahen die beiden anderen aus!

Ihre Gurken glühten und glommten wie frisch geputzten

Backbordpositionslaternen in dunkler Nacht.

Aber, wie gesagt, lachen konnte ich nicht, denn mir stach ja ein Bündel

Gras ins Maul, und außerdem würde mir auch schnell genug das Lachen

vergangen sein, denn ich, oder richtiger mein Galion, erhielt Besuch;

wie es schien, ein Liebhaber von die rote Farbe. Und das war so eine

Art Wespe, die sich ohne weiteres und ohne viel zu fragen auf meine

Nase niederließ und sich dort breit machte. Sie lief hin und her,

schnurrte und tanzte und wollte schließlich auch nach Binnenbord. Doch

das kitzelte ganz infam; ich mußte niesen.

Nun wurde die Bestie wild, brummelte ein paarmal in fürchterlicher

Fahrt hin und her und stach mir dann pardauz mitten auf die

Nasenspitze. Kaum war dies geschehen, kamen noch so ein paar fleigende

Beesters und machten das erste Beest Gesellschaft. Meine Kollegen

drüben ging es auch nicht besser; sie hatten auch Besuch bekommen und

mußten auch gräsig niesen und prusten.

Und de entfamigten schwatten Kierls lachten und lachten, als wenn sie

sich kaputt lachen sollten; und dabei riefen sie: ›Dannebrogsnäs',

Dannebrogsnäs'!‹ und lachten und lachten immer döller.

Na, ich glaube, ich hätte selbst mitgelacht, wenn ich an ihre Stelle

gewesen wäre. Auf unsere Galione waren nun nicht mehr ein, zwei oder

drei Stück, nein, hunnert! dusend! Wespen, fleigende Ameisen und weiß

der Deuwel was für ein entfamigtes Krabbelzeug da zugange war. Wie

Immenklumpen an Immenkörben im Hochsommer sahen unsere Nasen aus. Und

da es ganz grauenhaft juckte und kitzelte, mußten wir immerfort niesen,

und dafür zwickten und zwackten die Beesters uns, daß uns grün und geel

vor den Augen wurde.

Währenddessen waren immer mehr Niggers hinzugekommen, und bei jedem,

der hinzukam, riefen sie: ›Dannebrogsnäs'!‹ und wollten sich vor Lachen

rein ausschütten.

Da, mit einmal hör' ich einen scharfen Pfiff, und im selbigen

Augenblick sind die Schwarzen futsch; verschwunden, als wenn sie

weggeblasen wären. Dann nach einer Weile raschelte es im Busch,

und eine Abteilung von unseren Leuten, die auf der Suche nach uns

waren, kam zum Vorschein. Na, sie befreiten uns ja nun und wrangten

uns die Knebels aus den Hälsen, aber als sie uns richtig besahen,

lachten sie auch, noch veel döller als de Niggers. Und der Führer,

ein Decksoffizeer, schrie, indem er sich den Bauch vor Lachen hielt:

›Himmeldonnerfrikandelle und Schwarzsauer! Hat man je im Leben so

was gesehen! Eure Galione glühen ja wie Bomben vor der Explosion! An

Bord mit euch, ihr Schweinehunde! Vierzehn Tage Kasten bei Wasser und

Brot soll euch gewiß und sicher sein, so wahr als ich Offizeer Seiner

Majestät Schiff »Jülland« bin. Ich will euch zeigen, was es bedeutet,

sich den Galion verschampfeeren zu lassen!‹

Na, als wir an Bord kamen. Dieses Leben! Was haben sie gelacht!

Unsere Gurken sahen aber auch aus! Angeschwollen waren sie und dick wie

Bürgermeisterbirnen; und glühen täten sie wie Mardelspicker im Feuer.

Gott bewahre, war das eine Qual!

Wir kühlten ja so viel wie möglich, und der Schwulst ging schließlich

auch weg, aber die rote Farbe konnten wir nicht wegkriegen, die ist

geblieben bis zum heutigen Tag. Sie ist in die Nase eintätowiert, aber

nicht von Tätowatöre, sondern von westindische Insekters.«

Hier schwieg der Sailmacher; sein Garn war zu Ende. Ich aber sprang auf

und lief ins Logis, setzte mich auf meine Kiste und lachte, lachte mit

der ganzen unbändigen Lachlust der Jugend.

Nun polterte auch der Jungmann herein, warf sich auf die Bank und

lachte.

»Nei, Minsch!« schrie er, »dat is jo rein zu doll!«

Er krümmte sich vor Lachen.

Der verehrte Leser fragt jedenfalls erstaunt, warum die Jungen nach dem

Logis laufen, um zu lachen.

Tja, dat is nu man so.

Das übermäßige Lachen und das Führen vorlauter Redensarten ist ein für

allemal dem Jungen an Bord verboten, wenn er die Erlaubnis erhält,

den Erzählungen der Vollbefahrenen zuzuhören. Hierüber hatte mich

rechtzeitig der Zimmermann aufgeklärt:

»Solang as du noch nicht drög[22] achter de Ohren büßt, büßt du 'n

Näswaater. Und wat 'n Näswaater is, de heet dat Mul to hollen, wenn

vernünftige Leute reden, und hat aufzumerken und ornlich zuzuhören,

damit er was lernt und nachher was versteht. Und dunn hett 'n Näswaater

nicht zu lachen, wie 'n dumme Aujust in't Zirkus, und nicht zu

fnistern[23] wie 'n unschüllig Jumfer op de Hochtid.«

Unter sotanen Verhältnissen blieb uns also nichts anderes übrig, als

uns seitwärts ins Logis zu schlagen und dort zu lachen. Und das taten

wir diesmal gründlich und mit gebührender Andacht.

Ludwig Thoma:

Deutsche Humoristen, 7. Band (von 8) · 第 27 / 38 题