Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, -- meine Lehre war falsch. --

Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. -- Abdallah fuhr zurück.

-- Hinweg! hinweg! brüllte er, -- wir kennen uns nicht mehr!

Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend mit der Faust auf den

Schädel, daß er laut und fürchterlich erklang. -- --

Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden

sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen.

Die Brüder.

Eine Erzählung.

1795.

In der Nähe von _Bagdad_ lebten _Omar_ und _Machmud_, die Söhne einer

armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen,

und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glück

bringen könne. _Omar_ zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den

Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. _Machmud_ begab sich nach

_Bagdad_, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein

Vermögen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und

eingezogen, und sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale,

um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er

bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil

der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm

versuchten. Durch wiederholtes Glück ward _Machmud_ dreister, er wagte

größere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und

nach ward er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte bei

vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in

den Händen hatte, und das Glück schien ihm beständig zu lächeln. _Omar_

war im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen

war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach _Bagdad_,

hörte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu suchen.

_Machmud_ freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine

Armuth. Da er sehr gutmüthig und weich war, gab er ihm sogleich eine

Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden

ein. _Omar_ fing an mit Seidenwaaren und Kleidern für Frauen zu handeln,

und das Schicksal schien ihm in _Bagdad_ günstiger, sein Bruder hatte

ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nöthig, sich

wegen der Wiederbezahlung zu ängstigen. Er war in allen Unternehmungen

unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; er war

bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit _Machmud_ ihre

Geschäfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu

machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine

Seite fiel. _Machmud_ hatte sich jetzt eine Gattin gewählt, die ihn zu

manchem Aufwande nöthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er

mußte von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen.

Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und

er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von

seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das mindeste habe retten

können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, der dringend die Bezahlung

seiner Schuld verlangte. _Machmud_ sah ein, daß an dieser Zahlung sein

ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also in dieser äußersten

Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm,

und fand ihn sehr verdrüßlich, weil er gerade einen kleinen Verlust

erlitten hatte. -- Bruder, begann _Machmud_, ich komme in der äußersten

Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.

_Omar._ Sie betrifft?

_Machmud._ Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger drängen mich und

wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem

Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.

_Omar._ Zehntausend Zechinen? -- Du versprichst dich doch nicht, Bruder?

_Machmud._ Nein, _Omar_, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre,

und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der

schimpflichsten Armuth retten.

_Omar._ _Zehntausend Zechinen?_

_Machmud._ Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in

kurzem wieder zu erstatten.

_Omar._ Wer sie hätte! -- mir sind Schulden ausgeblieben, -- ich weiß

selbst nicht, was ich anfangen soll, -- man hat mich noch heut erst um

hundert Zechinen betrogen.

_Machmud._ Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen können.

_Omar._ Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mißtraun von allen

Seiten: nicht _ich_ bin mißtrauisch, das weiß der Himmel! -- aber es

würde jedermann vermuthen, daß ich das Geld für _dich_ verlange, und du

weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft das Zutrauen hängt,

das man zu einem Kaufmanne hat.

_Machmud._ Lieber _Omar_, ich muß dir gestehen, ich hatte diese

Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich würde mich in umgekehrtem

Falle nicht so argwöhnisch und saumselig finden lassen.

_Omar._ Das sagst du _jetzt_. Auch bin ich gar nicht argwöhnisch -- ich

wollte, ich könnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen

würde.

_Machmud._ Du kannst es, wenn du nur willst.

_Omar._ Alles, was ich besitze, würde die verlangte Summe noch nicht

vollmachen.

_Machmud._ O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß

mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hülfe suchte, -- und

warlich es schmerzt mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last

gefallen bin.

_Omar._ Du wirst böse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht.

_Machmud._ Unrecht? -- Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? --

Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder.

_Omar._ Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, dreihundert

andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich muß mich auf ihren

Verlust gefaßt machen. -- Wärst du in der vorigen Woche zu mir gekommen,

o -- ja, da herzlich gern --

_Machmud._ Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern?

-- Ach, wie tief kann uns das Unglück erniedrigen!

_Omar._ Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen

sollte.

_Machmud._ Dich beleidigen? --

_Omar._ Wenn man alles mögliche thut, -- wenn man selbst Noth leidet

und fürchten muß, noch mehr zu verlieren; -- soll man da nicht gekränkt

werden, wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe

Verachtung zurück empfängt?

_Machmud._ Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wärmsten

Dank empfangen.

_Omar._ Zweifle nicht länger daran, oder du bringst mich auf; ich

bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf

solche ausgesuchte Art kränkt --

_Machmud._ Ich merke es recht gut, _Omar_, daß du den Beleidigten

spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen.

_Omar._ Du würdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht

auf solchen Kleinlichkeiten ertappt hättest. _Die_ Laster argwöhnt man

von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist.

_Machmud._ Nein, _Omar_, weil du mich doch durch diese Sprache zum

Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein

unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst.

_Omar._ Also für die fünfhundert Zechinen, die du mir damals gabst,

verlangst du jetzt von mir zehntausend?

_Machmud._ Hätte ich's vermocht, ich hätte dir damals mehr gegeben.

_Omar._ Freilich, wenn du es verlangst, muß ich dir die fünfhundert

Zechinen zurück geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen

kannst.

_Machmud._ Ach, mein Bruder! --

_Omar._ Ich will sie dir schicken. -- Erwartest du keine Briefe aus

Persien?

_Machmud._ Ich erwarte nichts mehr.

_Omar._ Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas mehr einschränken

sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen

habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das zur

Warnung dienen.

_Machmud._ Du hattest ein Recht, mir die verlangte Gefälligkeit zu

verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwürfe zu machen.

_Machmud_ verließ mit tiefgerührtem Herzen seinen undankbaren Bruder.

-- So ist es denn wahr, rief er aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des

Menschen ist! -- Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke!

für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten Gefühle

von sich weg, um das nichtswürdige Metall zu besitzen, das uns mit

schändlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! -- Eigennutz ist

die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, -- die Menschen sind

ein verworfenes Geschlecht! -- Ich habe keine Freunde und keinen Bruder

gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von

Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke muß man

ihnen wechseln!

Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas

erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie

jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung

einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit

seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos,

wie Zahlen. -- Er ging trostlos nach Hause.

Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen,

die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie

waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward

öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die

Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der

Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen

Bruders vorüberzugehen.

Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte

seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken

seines Unglücks war noch zu frisch in _Machmuds_ Gedächtniß, er sah noch

immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt

und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war.

_Omar_ fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu

dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen

sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten,

man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm

nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß

_Omar_ jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward,

so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend

einen Schaden erlitt.

Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen

Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den

andern. _Omar_, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte,

wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf,

Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward

allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, _Omar_ kannte

niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah

keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu

verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend

günstiger sein würde. --

Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald

verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er

sah der drückendsten Armuth entgegen, -- und doch keinen Ausweg ihr zu

entfliehen.

Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische

Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen

ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer

Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon

zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in

welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen

könne.

Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das

Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet

sich mir! -- Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen,

es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen,

wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt,

und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. -- O

Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! -- wie ungleich und

ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen

Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers

sterben.

Die Felsen, die _Omar_ überstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf

eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an

Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche

Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief

im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es

zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit _Omars_ ward wider seinen Willen auf

diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand

nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte

jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.

O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, -- und ich klage

noch? Warum kann ich nicht arbeiten; -- warum nicht durch das Werk

meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende

mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den

Himmel.

Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen

aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke

seinen Weg fortsetzte.

_Omar_ fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit

hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein

könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu

erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane,

wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit

herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem

edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er

ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie

er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.

Ein steiler Fels stand an der Seite, und _Omar_ bestieg ihn mit leichtem

Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne

verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit

ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern

und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths

ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche,

und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.

Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken.

Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise

fortzusetzen.

Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr

folgte bald die finstre Nacht. -- Die Sterne flimmerten am dunkelblauen

Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille.

_Omar_ sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor

sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die

Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.

Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe,

blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer

dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück,

und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen

Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. -- _Omar_

erstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem

schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten,

die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt

wölbte sich der Schein über _Omar_ zusammen.

Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme

von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit

Wohlgefallen auf dich herab.

Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht um _Omar_,

seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein

Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt

eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es war

_Asrael_, der glänzende Engel Gottes. -- Steige mit mir auf diesen

rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn

du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen

Seligkeiten zu schauen.

Herr, sprach _Omar_ zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher

folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.

Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. -- _Omar_ reichte sie ihm

mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch

die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen

hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte

würzten die Luft.

Plötzlich ward es Nacht, _Omar_ schrie laut auf, und lag in dicker

Finsterniß unten am Fuße des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen.

Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf

die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.

O ich dreimal Unglücklicher! rief _Omar_ jammernd aus, als er seine

Besinnung wieder gesammelt hatte. -- Hatte der Himmel nicht genug an

meinem Elende, daß er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze

des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum

Raube werden soll? -- Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem

Elenden hatte? -- Wer war jemals unglücklicher als ich?

Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, die _Omar_ für den Bettler

erkannte, dem er heut den Rest seines Vermögens gegeben hatte. _Omar_

rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen,

mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte gleichgültig in seinem Wege

weiter, und _Omar_ wußte nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich

nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kümmern. Bin

ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte _Omar_ durch die

Nacht. -- Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist,

was mich noch trösten konnte?

Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glühende Feuer brannte

es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte

schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen

Bruder. --

O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert

des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der

drückendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem

armen Bruder geflucht. -- Ach ich habe es um dich verdient, ich leide

jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine Hartherzigkeit, der Himmel

ist gerecht! -- Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum

Zeugen meiner Tugend anrufen? -- O Himmel! vergieb dem Sünder, der sich

ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft.

_Omar_ verlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher

brüderlicher Liebe ihn _Machmud_ damals, als er zum erstenmale verarmet

war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen

habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder

abzubezahlen; er wünschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner

Leiden.

Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von

einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben

erwachte bei _Omar_, er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher Stimme

um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nächsten

Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch

des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglücklichen selbst,

und _Omar_ erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschämung war ohne

Gränzen, so wie das Mitleiden _Machmuds_. Der eine Bruder bat um

Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thränen flossen von dem

Angesichte beider, und die rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen

gefeiert.

_Machmud_ hatte sich nach seiner Verarmung nach _Ispahan_ gewandt, und

war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald

lieb gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das Glück war dem

Vertriebenen günstig, und er erlangte sein verlorenes Vermögen in kurzer

Zeit wieder; sein alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein.

--

Als _Omar_ geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach _Ispahan_, wo

ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. _Omar_ vermählte sich und

vergaß nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten

von dieser Zeit in der größten Eintracht, und waren für die ganze Stadt

ein Muster der brüderlichen Liebe.

Almansur.

Ein Idyll.

1790.

Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thräne

rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie

an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze

Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm,

Abendroth und Regennächte. Noch einmal blickte er rückwärts nach Bagdad

und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge

langsam hinabzog. -- Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging

langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die

Vögel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das

goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hörte nicht die

Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte

mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig hängen und eilte weiter

vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick.

Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen Thale, rings um von

grünen Bergen umschlossen, im Thale glänzte ein silberner See, auf den das

Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher

und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhängen und wiegten

sich rauschend über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich

zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen

ein so süßes Licht um alle Gegenstände, daß Almansur sich in einem

Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen

Berge, wie der Abendschein über die grünen Abhänge herüberschwamm

und sanftes Roth auf den gegenüberstehenden Berg streute, durch einen

Palmenhain schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels,

und bebte zurück in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt,

an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern

Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen Wälder sangen

der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das

Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf

jedem leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlüpfte

und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und

Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich

sein Gefühl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung

seines Unglücks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter

den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald

hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden Abhang,

oder auf den Spiegel des tief unten glänzenden Sees.

Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drängte

und sein Silber hinuntergoß; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo

unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches

hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen

zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem

Eingang einer kleinen Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin

und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und band sie an die

schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen

See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. -- »Der Himmel

schütte seinen Segen auf dich herab!« rief _Almansur_ dem Greise zu;

liebevoll dankte der Greis und führte den Jüngling in die dämmernde

Hütte.

Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten.

Der Greis und der Jüngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann

holte der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln.

»Iß!« sprach er. -- _Almansur_ aß wenig; bald sah er die niedren Wände

der Hütte an, bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der Mahlzeit

setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte.

Du bist recht glücklich! fing _Almansur_ nach einer langen Stille an, wenn

man je glücklich werden kann. -- Ja, war die Antwort des Greises; ich

stahl mich aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand vermißte mich;

ängstlich, mit Schweißtropfen auf der Stirn jagte ich dem Glücke nach

-- umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll

schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es stand neben

mir. -- Ja! Dank dir großer Prophet! Ich bin hier recht glücklich! -- O,

wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener

neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen heißen Dank, dann

seh ich auf mein voriges Leben zurück, wie der müde Pilger am Grabe des

Propheten auf die zurückgelegten Steppen; -- dann schwebt vor mir die

ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des

Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug

um die glühenden Räder des Sonnenwagens. -- Jeder meiner Blicke schaut

dann voll Dank zum Himmel!

_Almansur_ horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises,

er sah in seinen Augen eine Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die

Wangen _Almansurs_. -- Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises;

o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle

dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! -- Versuch' es in

todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu malen. --

O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser fühlen, als dies

Gefühl sich in Worten zwängen läßt. -- Leise schleicht sich durch das

helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und

flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen,

und sehe wie die Sonne majestätisch hinab ins Thal schreitet, die Natur

wacht auf und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glüht der

See, über mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt,

der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die

Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel

stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blöken mir entgegen,

die Lämmer hüpfen um mich her. -- O ich lebe hier nicht ganz verlassen!

Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn

das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings

erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein

längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste

Sommerlüftchen, das meiner Wange vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden

ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von

meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um

den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon

geführt. Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen Mahomets Paradies

vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Königreichen, diese

Bäume gelten mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. Ich

besuche oft drüben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die

ich selber pflanzte, und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater

über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner Hütte scheint die

Gluth der Rose auf die weiße Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der

stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich

im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am

Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bäume sind meine Freunde,

von ihnen brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner

höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen nicht über diese Berge fliegen,

des Glückes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen

jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden

Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glück und die Ruhe fliegen

hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder

Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt ruhige Freude.

Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, wenn der Herbst auf

selbst gesponnenen Seidenfäden durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume

wickelt, und das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' ich,

wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden Schwanenbette

schläft, um gestärkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen

herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, wenn

die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor sich her wirbelt --

dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem

Frühlinge meines Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang meiner

Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit,

dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung

ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der Zukunft. -- In diesem

Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser

schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit. -- --

O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du meine Hand, eine Thräne

zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, -- sprich -- führte dich

Kummer zu meiner einsamen Hütte?

_Almansur._ Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! -- Ach, laß mich mit

Dir diese Hütte bewohnen, laß mich dein Sohn sein. Die Freude ist für

mich gestorben. -- Ich muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier

laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon führen,

laß am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. -- Warum sollt' ich zu

jenen Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke nachläuft,

und keiner den Saum seines Kleides berührt, wo einer des andern lacht,

und blind für eigne Fehler ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn,

die sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. -- Nein, hier

will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum

denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine

Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich ein Fünkchen Freude

mehr als hier. Schon lange war es mir unerträglich, mich ohne Zweck und

Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen,

warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir

zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so

wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin

mir selbst und andern verhaßt! zu welchem Endzweck schuf der Schöpfer

die Menschheit? Einer den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu

rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerfälligen Tanz

um ihre Sonnen? Warum ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung

hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir

hier leben, ohne glücklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken;

wozu dann dies quaalenvolle Leben? -- Oder harrt schönerer Sonnenschein

unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, über

Felsen? -- -- O Greis! dies, dies hat mich schon längst unglücklich

gemacht! --

Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« sprach er dann. Ein

frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines

Buch; es ist nur ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir

lesen. -- --

Er ging fort. _Almansur_ sah indeß starr vor sich hin ins Thal, sein

Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer

war zurückgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner

Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein Auge zurück; der Greis kam,

setzte sich nieder und las: -- --

_Nadir._ Ein Mährchen.

Der finstre Menschenhasser _Nadir_ wandelte über eine von Arabiens

Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre

glühenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch,

welches einen erquickenden Schatten darbot; _Nadirs_ Auge suchte

vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu löschen, er ging

matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke

herbeischweben wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; so weit

sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne

Strahlen wurden immer heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm

Kühlung zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel waren

im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, und kein Dorf, kein

Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah _Nadir_ nur eine

unermeßliche Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den

Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.

_Nadir_ verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal

der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte

folgen. Durch den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter

Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über die Ebne.

Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende _Nadir_, indem er

über sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich

langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O

ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, könnt' ich jetzt

durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein

kühlender Wind über die Haide, _Nadir_ kam in einen Wald. Der Wind

ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, und löschten mit ihren

schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schüttelte

den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen stürzte

herab. Endlich sah _Nadir_ durch den verschränkten Wald ein fernes,

flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm

entgegenblickte: er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die

ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch die Waldung, und

sah über eine Ebne das Licht vor sich glänzen.

Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er

schlug an die kleine Thür, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen,

der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich die Thür

des Hauses, eine alte Frau trat heraus. -- Wollt ihr einem armen Wandrer

erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte _Nadir_. Sehr gern war

die Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das

Licht durch die Thüre flimmern siehst, dort geh' hinein; -- sie verließ

ihn. _Nadir_ bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, seine

Schritte hallten von der Mauer zurück, als er durch die Stille ging.

Er stand vor der Thür, aus der das Licht ihm entgegenglänzte, -- er

öffnete sie -- und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er

trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten;

die Wände glänzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik

schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. -- Wo bin ich? rief

_Nadir_. -- Ein prächtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie

führte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; _Nadir_ aß und

wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken

hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er

sah um sich. Tausend Lichter glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant.

Saphir, Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände hingestreut,

unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte um _Nadirs_ Ohr, sein Auge

verlor sich ermüdet in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende

erreicht zu haben; _Nadirs_ Staunen ward immer größer.

»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und führte ihn durch

die blendenden Säle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefüllt

und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen

einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen Reihen. Dieser

Pallast, begann _Nadirs_ Führerin, ist ein Werk meines gestorbenen

Gatten, er suchte das Glück lange vergebens und fand es endlich mit

mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk

hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. -- Er war ein

mächtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot

entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen.

Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt

ein König, seine Stirn schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der

Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich

den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gütiger

Regent, er macht andre glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener

Volkslehrer lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil er ihn

mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Säulen gelehnt steht ein Haufe

unglücklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die

Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch

von Reichthümern blenden, ihre Wünsche scheinen so mäßig und sind doch

so vielumfassend, werden fast nie erfüllt. -- Dort stehen andre, für

welche die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie können

keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Blätter zu

zählen, keinen schönen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten

und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen jeden

Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf

und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren

Rang in der Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt sei.

-- Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemälden

ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles

ernsthaft, auf der andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert

eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerührt,

jener auf der andern Seite lacht. -- Siehst du jene dort, die so bleich

sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend

Thränen über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie

können über ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fällt,

sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glücklich,

aber kein Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann

sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln ist als wenn die

Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglück

wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen bleich,

sie sind die ärmsten Geschöpfe. -- Jener jauchzende Haufe verspottet

sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen,

die Welt nennt sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für

weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr

Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne

wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und

gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. -- Jene spielten

mit ihrer Phantasie, der Verstand löste die Fesseln der gebundenen

Einbildung, sie schoß wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der

Verstand an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht einholen,

jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen

falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglückliche; aber sie sind

wirklich glücklich. Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält,

für ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel des

Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schätze Indiens zu

besitzen und fühlt sich beseligt. -- Jener ist taub für jeden Harfenton,

blind für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele

sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch

setzt, er hört nicht die himmlische Musik, die ihn umfließt, aber er

lächelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine

Seele. -- Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in

den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn ließ? -- O jener,

rief _Nadir_, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist

der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn

durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glücklichste,

er kann viermal täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern

Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen hervor!

-- Sieh, jener Mann, fing die Führerin _Nadirs_ an, der dort unbekannt

herumgeht, ist ein verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner

achtet auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; manche

heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn vom Himmel, manche Brust

athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt

den Beruf des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu schuf uns

die Natur. -- Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm

und überzeuge dich, daß der Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich

zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen,

warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre

Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der

Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was ihm die

freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht über die Gränze

hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch

die hundert Bogengänge und _Nadir_ bewunderte die Pracht des Pallastes;

seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß es Frevel sei, sich von

den Menschen zurückzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er

durchdrang den Plan der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft

der Menschen zurückzukehren.

Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog über die

Ebne und schimmerte an den Fenstern; _Nadirs_ Führerin verließ ihn, ein

Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde und ihre

Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von

den Wänden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner

und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle Sonnenschein glänzte

endlich an den Wänden einer niedern Hütte. _Nadir_ öffnete vor Staunen

stumm die niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die alte

Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, die Thür ward hinter

ihm verschlossen; dieselbe kleine Hütte, an deren Thür er gestern klopfte

-- der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den

Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das

Morgenroth schwamm in den großen Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt'

ich?« rief _Nadir_ aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten

neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte sich Kirschen von

einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch

einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück

nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten weißen Schimmer

von ihr ihm entzog. -- --

Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien

hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten.

Kehre zurück, Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, wer

weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur

Gesellschaft geboren, gehe hin und erfülle deine Bestimmung, genieße

ohne zu grübeln und du wirst gewiß glücklich sein.

_Almansur._ Verzeihe, edler Greis, daß ich dich täuschte, dir meinen

Gram nicht ganz enthüllte. Wenn du die Geschichte meines Unglücks hörst,

und du räthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren,

so will ich dein Verlangen erfüllen.

Ich heiße _Almansur_, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte

einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor

wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine

Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. -- _Roxane_ war schön, wie

der werdende Tag, schöner wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß

Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die

sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln war der Sonnenschein des Frühlings,

in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden

Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der

Morgensonne um Felsen sich kräuselt; -- sie kannte meine Liebe. -- Ihr

Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten,

aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht

nach ihren Zellen zurückzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen

Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. _Roxane_ liebte ihren Vater,

ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, ich schwang mich auf mein

Roß, eilte hin, füllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich

stürzte zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche raubte mir

meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tönte

laut, ich kam zurück; _Roxanens_ Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte

mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von Schweiß und Staub bedeckt,

mein gutes treues Roß starb noch an demselben Abend, _Roxanens_ Lächeln

dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte ich die heißen Ebnen

Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, für sie hätte ich unbedeckt

den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich träumte eine so heitre

goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir,

aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich;

vorgestern ward ihre Vermählung gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus

der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner

der Pauken, stieß einen glühenden Dolch durch meine Brust; in der

Mitternacht verließ ich Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo

jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele

zurückriefen, die Sonne war für mich auf ewig untergegangen; ich ging

fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glücklichen

Einsamkeit. Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige

Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner Seite, im Schooße

der Ruhe und der Einsamkeit, meine übrigen Tage verleben; ach, die

Einsamkeit hat ja Trost für so manche Leiden, sie trocknet so manche

Zähre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen Thale

will ich den Traum meiner Jugend noch einmal träumen, hier will ich

weinen, wenn ich erwache. Laß mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich

an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind

von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut,

laß sie mich hier wiedersuchen; laß sie mich wiederfinden, Greis, denn

beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich

sein. -- Aber warum glänzen Thränen in deinen Augen und verlieren sich

in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust

erheben? Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen?

_Greis._ Ach, _Almansur_! -- deine Worte haben meinen entschlafenen

Kummer erweckt, ich hielt ihn für todt, aber er schlief nur. -- O

Jüngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder

vorübergeführt. -- Ein ähnlich Schicksal führte mich hierher; ach,

_Fatime_! diese Thränen fließen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor

meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im

Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. -- O _Almansur_,

bewohne mit mir diese Hütte, trinke mit mir von meiner Milch, laß uns

beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist

mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, du bist mir theuer

geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des

Tages, wie der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser Leben

verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht,

so leben, wie eine Welle beständig um ihr grünes Eiland murmelnd fließt;

beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem

Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Gärtchen pflanzen, du

begießest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den

Zweigen und freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden Wandrer,

der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken,

und ihn dann auf die rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir

den Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern Kummer in

unsrer Brust verschließen. Wir erzählen uns dann die Geschichte unsrer

verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein,

ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du beschreibst

mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn,

ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thränen

vergoß, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede

Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in

der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen

wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser

spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die

Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns wunderbare Mährchen so

vertraut als wären es die alltäglichsten Dinge; wir träumen uns unser

Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder ein;

so leben wir, bis der Tod mir immer näher und näher schleicht und mich

unvermerkt aus deinen Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel

unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine

Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du

beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen _Abdallah_, dann brichst du

das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hülfe, dem verirrten

Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht

ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und hörst

den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem

Lichtkranze entgegenfliege.

Das grüne Band.

Eine Erzählung.

1792.

Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über

einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren

zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen

Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen

Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen

die Veste _Mannstein_ zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog

zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche

Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. -- Da schmetterte von der

Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den

Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und _Friedrich

von Mannstein_ zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde

sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde

wohlbehalten zurück gekehrt sey.

Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf

ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine _Emma_!« rief

Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« -- »Kommt

Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich

blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. -- »Habt

Ihr viele von euren Leuten verloren?« -- »Ja,« antwortete _Friedrich_,

»zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« -- »Doch nicht«

-- fiel _Emma_ schnell ein, -- der Name _Adalbert_ zitterte auf ihren

Lippen, sie ward bleich, -- »doch nicht -- _Wilibald_?« sagte sie, indem

sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte.

Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker,

-- aber er fiel, -- er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem

Kriegesmanne, der so wie er stirbt! -- Ich werde seinen Verlust fühlen;

ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. -- Aber komm in die Burg, liebe

Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume,

dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich

aus, -- du bist doch wohl?

Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.

»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt

Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder _Konrad von Burgfels_

harrt Eurer drinnen.«

»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den

Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm.

-- Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. -- Wie viel sagten sie sich

nicht in diesem Blick! -- Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die

Rettung, zärtliche Besorgniß, -- dieß und hundert Fragen und hundert

Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. -- Adalbert führte sein

treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe

hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und

begab sich dann in ihr Gemach.

Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh

in seine Arme. -- »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe!

-- Du kommst aus einer Fehde mit _Manfred_?«

_Friedrich._ Ja, Freund! und du?

_Konrad._ Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden

mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. -- Seit mein _Karl_

nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf

dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider

Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die

eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß

dann jedesmal an den Tod denken. -- Ach! es ist traurig, Freund, wenn

man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können

nur noch wenig hoffen, -- aber dieß wenige wünschen wir mit einer

Sehnsucht, mit einer Wehmuth -- So lange sich mein Sohn in Palästina

unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg

heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.

Sie waren indeß in den Saal getreten. -- »Setz dich, Freund!« sprach

Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange

nicht auf jenem Sessel.«

_Konrad._ Es soll von itzt an öfter geschehen. -- Du hast ihn

geschlagen?

_Friedrich._ Den räuberischen Manfred, -- ja -- Zwölf meiner besten Leute

hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. -- Mein Knappe Adalbert,

du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne

ihn stand es so so -- wir waren schon einmal zurückgetrieben, -- ich sage

dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn.

-- Bringt Wein, Buben! --

Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.

_Konrad._ Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein

Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.

_Friedrich._ Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es

war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir

einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte,

der -- doch, wir wollen ja nicht traurig sein.

_Konrad._ Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein

Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. -- Du weißt

nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn

der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. -- Bald siehst

du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem

Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem

Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er

ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der

Nacht, -- und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten,

-- erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. -- Alle

Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne

Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in

_einen_ freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings,

-- ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen.

Wir setzen unser ganzes Vermögen auf _einen_ Wurf, und in jedem

Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. -- Es ist warlich besser

der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!

_Friedrich._ Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. -- Den Knaben

zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden,

-- nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. -- Und wenn er nun

zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm

her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine

erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?

_Konrad_ (der sich die Augen trocknet). Dann? -- Nun dann will ich dir

Recht geben, aber eher nicht.

_Friedrich._ Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder,

der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. -- Trink!

stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes!

_Konrad._ Und das Glück deiner Tochter!

_Friedrich._ Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? -- Wollen wir

mit unsern Kindern tauschen, Konrad?

_Konrad._ Freund und Waffenbruder! -- ein Gedanke kömmt mir wieder, den

ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer

schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, -- sei du der

Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von

uns das Recht auf sein Kind verliert.

_Friedrich._ Topp, alter Freund! -- Da hast du die Hand eines Ritters,

der noch nie sein Wort brach! -- Bei Gott und Ritterehre! keiner als

dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, -- nur muß er mit Ehre

zurückkehren.

_Konrad._ Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad

bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. --

_Friedrich._ Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. -- Welch

eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! -- Allenthalben winkt die

schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! -- In diesem Garten wollen wir

ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern.

Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine

wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren

Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie

merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume

in Erfüllung gehn?«

Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich

noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die

Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie

Greise waren.

Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder

ging heiter in sein Schlafgemach.

* * * * *

Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine

dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte

über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte

durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's

längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte,

hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm

itzt wie von ungefähr zu begegnen.

Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem

Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das

Mädchen rasch in seine Arme.

»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, -- »O! wüßtest du, wie vielen

Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng

wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge

und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. -- Der

Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer

als sonst über meinem Haupte -- sage mir doch, -- was hat itzt alles

wieder so hell und frei gemacht?«

_Adalbert._ Die Sonne der Liebe, Emma!

_Emma._ Dein schönes Auge, Adalbert! -- Ach! wie viel hab' ich um dich

gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir

bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch

noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben

Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien,

war doch unmittelbar eins mit der Liebe. -- Bei Dingen, wobei ich bis

itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und

-- dich! -- Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja

geschwätzig. --

_Adalbert._ Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern?

_Emma._ Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, -- ich bin vor

ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl

-- ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich

war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur

überschaute; -- er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in

seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, -- die ganze

Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; -- itzt stand er da, als

wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht

mehr fröhlich seyn könnte. -- Wie ganz anders war itzt alles um mich

her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern.

-- Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. --

_Adalbert._ Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich

traurig gemacht.

_Emma._ Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen

Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die

Zukunft ein Schatten. -- Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte

mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. --

_Adalbert._ Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele

deiner Einbildung! -- Emma kann, darf nicht unglücklich sein!

_Emma._ Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner

Abwesenheit. -- Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr

wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.

_Adalbert._ Du hast Recht. -- Unglück ist ja der Preis, um den wir unser

weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. -- Du seufzest, Emma?

-- Himmel! du weinst? -- O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen.

-- Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?

_Emma._ Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß

sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen.

_Adalbert._ Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird

diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? -- Ach, Emma!

-- der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner

Traum gewesen. -- Wie dann?

_Emma._ Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie

Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.

_Adalbert._ Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen

Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand

beglücken? -- Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer

Schätze? Wird er das je?

_Emma._ Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht.

-- Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? -- Er hat dich erzogen, er

liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit -- Adalbert! wir

wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn

über künftige Jahre hinwegschauen? -- Trage von itzt an dieß grüne Band

um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht

unnöthig zu wagen.

_Adalbert._ Grün ist die Farbe der Hoffnung.

_Emma._ Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand

meiner ewigen Liebe und Treue.

_Adalbert._ Auch wenn die Farbe verbleicht ist? --

_Emma._ Auch dann.

Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten

heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. -- --

Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon

seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein

Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten

sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten

Friedrich geführt.

Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm

einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?

»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.

»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich

-- »Aber wer sendet Euch?«

_Ritter._ Der Ritter _Manfred_, der Euch wohl bekannt sein wird.

_Friedrich._ Was verlangt er?

_Ritter._ Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu

schließen und Euer Freund zu werden.

_Friedrich._ Mein Freund? --

_Ritter._ Aber nur unter einer Bedingung --

_Friedrich._ Sie ist? --

_Ritter._ Eure schöne Tochter! --

Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und

blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten

auf und ab. -- Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange

und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen

nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und

sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen

soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in

seinen Armen wissen will. -- Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr

Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein,

denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und

ein Räuber ist Manfred. -- Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen,

wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des

Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden;

sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern

bereit sei, den Kampf zu erneuen. -- Will er Euch nicht glauben, so mag

er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.«

Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte

hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen.

Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem

freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach

verlor.

* * * * *

Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds

vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich

erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos

und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein

Unglück erzeugen könne.

Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend

hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft

hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen

sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.

Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder

rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem

Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der

Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen

Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung

vorigen Glücks betrachtet.

Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er

langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die

Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten

westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen

goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt,

finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet.

»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. -- »So stirbt die letzte Hoffnung

auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze

menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom

verdorrenden Baum.«

Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.

Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken

hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon

begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle -- da braust

es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm

Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, -- ein unwillkührlicher

Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. --

Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen.

-- Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt

eine düstre Schaar um die Mauer der Burg.

Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte

sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie

drängte sich bebend in die Ecke des Altans.

Itzt schwebte es über den Wall herüber, -- schon rauschte es durch den

Graben der Burg -- da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der

Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig

zusammen.

Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte

fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut

durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, -- ihr war,

wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn,

und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem

schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums

erwartete.

Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen

erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem

neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei

Gewitter gegeneinander. -- Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch

die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein

Ton stand ihr zu Gebot.

Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« -- Aber er konnte diesen

Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig

durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in

welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine

verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem

offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem

Haupte zu flimmern schienen.

Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der

Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. -- Das Schmettern

der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang

über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen

Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs

versanken. --

Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten

flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken

boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich

das Gesicht mit den Händen verdeckte.

Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber,

andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und

schauderte noch stärker.

Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und

stürzt athemlos in seine Arme! -- Es war Adalbert. --

»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast

ohne Bewußtsein an seine Brust, -- »rette mich!«

»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich

dich finden, meinen Muth zu stärken. -- Zurück in den Kampf! -- Ha! die

Meutrer! -- die Burg brennt!«

Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.

Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen

Worte: die Burg brennt! -- Endlich blickte sie matt und schüchtern

auf, -- welcher Anblick! -- Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg

himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her,

und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. -- Der Burggraben glühte

im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden

Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und

sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! --

Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen

Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes

Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner.

-- Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.

Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück

gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste

Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. -- Zweifel

schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat

an die Stelle des vorigen Entsetzens. -- »Gott!« rief sie lautseufzend,

und im Ton der Verzweiflung.

»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden

Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. -- »Mein

Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet

hieher geflohen und niedergesunken war. --

»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher

Stimme.

»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«

»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich.

Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises

über ihre Hand fließen.

»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« -- Schnell zerriß

sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die

Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm

an seine Brust. -- »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich

dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen,

wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn

ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. -- Ich bin nicht

unglücklich!« --

Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem

Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus

der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das

Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den

östlichen Horizont.

Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er

aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen

sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.

»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal

mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne

der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog

ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah

wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war.

Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er,

»nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.«

Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme.

»Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter

Sohn!«

»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf

Emma, die bei diesem Blicke erröthete.

»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir

nicht alles? -- Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem

Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«

Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma

aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. -- Sie schlug

schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts

Lippen statt _Emma_ -- »das _Ritterschwert_.« --

Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.

* * * * *

Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs

Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur

wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern

gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert

Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte

bezahlen müssen.

Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu

besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste

mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder

einzukehren.

Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein

Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten

Umständen. -- »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? --«

Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in

welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; -- kam es nicht

bloß auf dich an, glücklich zu seyn? -- Ein Wort aus meinem Munde, und

sie war mein, ewig mein! -- Dein? Ist das so gewiß? -- Welcher Sterbliche

wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche

anzuvertrauen? -- Hätte mir nun das _Nein_ wie meine Sterbeglocke

fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? -- Itzt bleibt

dir doch noch die tröstende Hoffnung. -- Aber hoffen, und ewig nur hoffen,

indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter

aus meinen Augen gerückt wird. -- Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für

Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und

uns so in unser Grab lockt, -- lieber Gewißheit des Unglücks als dieses

peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in

jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal

mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? -- Ja! es sei gewagt, noch

heut muß sich mein Schicksal entscheiden, -- und was wag' ich denn

dabei?

»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit

dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine

Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! -- Aber

sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm

zu würfeln wagte, -- mag das Spiel um Tod und Leben gehn! -- was ist mir

ein _solches_ Leben? der Tod sei mir willkommen! --

»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht

wieder anbieten, er nannte mich Sohn -- Wird er mich je wieder so

nennen? -- Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze

ist?

»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie

er? -- Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat

mich noch über ihn gestellt.

»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich?

Wem dankst du _dein_ Leben? -- O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner

Seele wird nie enden.«

So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab,

bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann

ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder

auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.

»Wir sind ja Beide _Menschen_!« sprach er endlich langsam und beruhigt,

»es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich

werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein

pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine

Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und

ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«

So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war

schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem

Zimmer.

Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die

Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war

es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.

»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst,

ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander

getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das

letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«

»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn;

er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.

_Friedrich._ Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein

lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen.

Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken.

Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank,

Friedrich desto fröhlicher.

_Friedrich._ Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie

ein Mädchen. -- Was ist dir?

_Adalbert._ Nichts. -- Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen

und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner

Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell

und zerstreut hinzu: O ja!

_Friedrich._ Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher

Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.

_Adalbert._ Heut?

_Friedrich._ Am ersten Tage deines Lebens?

_Adalbert._ Ich bin unzufrieden, -- eine peinigende Reue verscheucht

allen Frohsinn.

_Friedrich._ Reue? worüber?

_Adalbert._ Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem

heutigen Morgen.

_Friedrich._ Wie? -- Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den

Orden der Ritterschaft zu treten?

_Adalbert._ Nicht mein heißester, -- meine Zunge sprach es wider meinen

Willen, -- ich hätte Euch -- um _Emma_ bitten sollen! --

Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte

er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach

einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der

Becher fiel aus seiner zitternden Hand.

Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und

zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch

einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.

»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn

der Blitz getroffen.

»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, -- du bist mein

Freund, bist du damit nicht zufrieden?

_Adalbert._ Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. --

Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er

hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief

vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.

»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze

Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? -- Nein, Adalbert!

-- _diese_ Bitte muß ich dir abschlagen.«

»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich

fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. -- Aber die Bahn war

gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte,

daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«

_Friedrich._ Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter

einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, -- die fehlt

dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, -- sie

erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, -- du

hast diese nicht. -- Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.

_Adalbert._ Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt!

-- Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den

Armen der Liebe! -- Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem

Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! -- Können Euch Ruhm

und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter

auf? -- Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!

_Friedrich._ Adalbert!

_Adalbert._ Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name

Adalbert einfallen? -- O Friedrich! Friedrich!

Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters.

-- Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!«

sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.«

_Adalbert._ O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen --

»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort

brechen! -- Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und

den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! -- Geh!

du entehrst das Schwert an deiner Seite.

Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und

unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.

»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig;

du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner

Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte

Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.«

Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still,

seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter

und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit

einander getrunken.«

Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »_zum letztenmale_« aus.

Dann verließ er schnell und stumm das Gemach.

Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts,

die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre

nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange.

Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es

zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe.

Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in

welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, -- aber

die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.

Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er

wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann

mit schrecklicher Kälte hinzu, -- wie konnte ich auch auf einen Gewinn

rechnen? -- Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das

Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.

Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich

entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch

dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein

ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und

Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf

jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch

die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der

Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen;

die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und

unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in

den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen

Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg

erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus

dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine

Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des

Mondes.

Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der

Wehmuth auf. -- Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein

Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze

heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. -- Wie könnte Unglück diese

schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das

angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.

Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des

Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma,

bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem

Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der

mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten,

dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, -- sie

reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden

Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen,

bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.

So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs

lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in

seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung,

-- als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das

erste graue Licht des Tages zitterte.

Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft

umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die

Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in

der Natur -- und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem

Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle

Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der

kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist

unglücklich!

Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, -- dachte er jetzt,

-- ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen

war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! -- jetzt

wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen

die dürre Hand entgegenstrecken. -- Ach, Emma! wirst du mich vergessen?

-- O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer

Treue zu erinnern. -- Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft

vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig

verschläft. -- Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde

ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?

Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem

Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte

aufmerksam auf jeden Zug des Windes. -- Schon hundertmal hatte er die

Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es

fiel ihm jedesmal ein, daß er auf _ewig_ Abschied nehme, daß er, wenn

er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe,

ohne sie wiederzusehen. -- Eine Stunde nach der andern eilte hinweg,

sie kam nicht, -- da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken

empor -- wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.

* * * * *

Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein

Träumender. _Kurd_, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im

Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert

wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den

Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm

anzunehmen.

Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend

auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als

müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon

kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer

Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. -- Halb wider

seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte

sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn

empor. -- Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief

er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft

begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge

sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du

bist kein _Mensch_!

Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das äußere Thor.

Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der

Burg zurück. Der Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein

kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens

plätscherten schwermüthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tönte

aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem

Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, wo er als Knabe mit dem alten

Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo

er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, -- wie war das jetzt

alles so verändert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag

wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, -- und jetzt! -- Er

dachte an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem verdorrten

Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens.

Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge zu ihrer Arbeit

hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drückenden Joch, und schleppten

den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief

Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder

Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche Menschen! die bloß heute

leben, um morgen eben so wie heut für einen andern Tag zu sorgen, die

das unerbittliche Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu

spielen.

Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke plötzlich

still, denn er erinnerte sich, daß man von hier aus die Gegend der Burg

zum letztenmale sähe. Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten

Empfindung zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm

jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bäume und Felsen standen wie

Leichensteine auf ihren Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich

und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der

Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen.

Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte

sich Wege durch einsame Wälder und wildes Obst und Waldwurzeln mußten

seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der

Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehaßt, er

findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu

verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste

mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen.

Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch

das grüne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen

rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte

an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen Bande Emma's,

das an seinem Arme flatterte. -- Ha! du willst zu ihr zurück! rief er

aus. -- Nein, du mußt bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der

Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling

der Verzweiflung. Du bist das _letzte_, das _einzige_, was mir von

Emma übrig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich _dann_ noch

rechnen? -- Die erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne

Band. -- Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter Stimme fort.

-- Nur auf Thränen soll ich rechnen? Thränen sollen meine ganze Erndte

sein. -- Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie

hingefallen war. -- Emma! rief er plötzlich aus, -- die Farbe der

Hoffnung schwindet! -- Wenn du mich je vergessen könntest!

Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; die einförmige

Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus

welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. -- Das graue Licht

des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume und furchtbar tönte

das Waffengeräusch durch die Einsamkeit.

Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein

kleiner Fußsteig führte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er

drei Männer gegen einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt

mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er stürzte hervor

und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in

eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters,

zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht

des Waldes.

Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er

Adalberts Hand herzlich schüttelte; seid mir willkommen! Euch verdank'

ich mein Leben!

_Dafür_ will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert

bitterlächelnd.

Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? -- fragte der Fremde, -- daß das

Leben seinen Werth bei dir verloren hat?

_Adalbert._ Verschont einen Unglücklichen; ihn um sein Unglück fragen,

heißt ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben.

Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den Adalbert erlegt hatte.

-- Ha! _Manfred_! rief er aus.

Manfred? schrie Adalbert. -- Ja, bei Gott! Mußtest du mir hier deine

Schuld bezahlen? -- Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen

wollen. --

Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner

Burg, ich bin der Ritter _von Löwenau_, wenn euch mein Name nicht

unbekannt sein sollte.

Sie gingen. -- Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schändliche Manfred

hatte während Eures Aufenthalts in Palästina eure Ländereien in Besitz

genommen.

Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, legte er sich mit

seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, weil er wußte, daß

mich meine Straße hindurchführte. Wir sind meiner Veste nahe, ich

schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort.

Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern Beistand verloren

gewesen.

Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert

wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Löwenau.

Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen sehe, antwortete

Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stören?

_Löwenau._ Bist du ein Verbrecher? -- Er ließ seine Hand fahren.

_Adalbert._ Nein, dem Himmel sei Dank!

_Löwenau._ Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich

wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den

Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die

Folter spannt? -- Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge

des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern.

-- Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten

soll. --

Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu

gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.

* * * * *

In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete

seinen Gast genau.

Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel

zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft,

meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen

Schuld abtragen, kann ich dir helfen?

_Adalbert._ Du mir? -- O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen,

auf dem das Schicksal zürnt?

_Löwenau._ Das Schicksal? -- Daß der Unglückliche doch so gern so stolz

ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! -- Sei aufrichtig gegen

deinen Freund. -- Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie

sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich

bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr

Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen

halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal,

wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll

Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. -- Noch immer so stumm?

Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann,

du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir

vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst.

-- Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen

Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin

ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf

ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt

sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich

bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein

unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem

Sturme übrig blieb, -- ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem

Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem

Unglücklichen gesichert.

_Löwenau._ Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so

unumschränkt von der Liebe beherrschen lassen?

_Adalbert._ O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles,

was nicht an mir verächtlich ist. -- Nur sie rief mich zur Tapferkeit,

zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle

geläutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe.

Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von

dem Abendgewölk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt.

_Löwenau._ Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit

meiner Kindheit leb' ich im Geräusch der Waffen; ein schönes Pferd war

für mich das Meisterstück der Natur, und ich verstand die Schönheit nur

an Harnischen zu bewundern, -- und du glaubst gewiß, daß es für dich in

dieser Welt kein andres Glück als die Liebe giebt. --

_Adalbert._ Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind für mich

alle Blumen in der Natur gestorben.

_Löwenau._ Und Emma ist das einzige Mädchen, das du je lieben kannst?

_Adalbert._ Ich würde mir selbst verächtlich sein, wenn ich sie nicht

mehr lieben könnte.

_Löwenau._ Sie muß sehr schön sein. -- Adalbert, ich will dir einen

Vorschlag thun, den du aber nicht zurückweisen mußt. Schon während

deiner Erzählung faßte ich einen Gedanken, der gewiß, so sonderbar er

ist, auszuführen wäre. -- Doch noch vorher ein Wort. -- Du nanntest mir

in deiner Erzählung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse

Nachricht geben, daß er in Palästina geblieben ist. Er fiel im Kampf an

meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderniß aus dem Wege

geräumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine

Tochter anhieltest?

_Adalbert._ Um von neuem schimpflich zurückgewiesen zu werden? -- Mein

Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. -- Deinen andern

Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. --

_Löwenau._ Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du

mußt mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. -- Du bleibst hier auf

meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. -- Ich will zu Friedrich

von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlägt sie mir

gewiß nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses

Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberühmt -- Auf

meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher,

wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann

diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters

deine rechtmäßige Gemalin, nachher magst du sie auch öffentlich dafür

erkennen. -- Wende mir nichts ein, zu viel kann ich für dich nie thun.

-- Ich weiß, tausend Freunde an meiner Stelle würden nicht so handeln,

und hundert Liebhaber würden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben;

aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder

liebt, so müßt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten

in den Weg legen, Ängstlichkeit darf kein Menschenglück verhindern. --

_Adalbert._ O wie soll ich dir danken? -- Er umarmte ihn rasch und drückte

ihn heftig an seine klopfende Brust. -- Bruder, du bezahlst, wie man

einem Bettler eine Wohlthat vergilt. -- Wie wenig ist ein Leben ohne

Liebe gegen die Krönung der feurigsten Wünsche?

_Löwenau._ Du traust doch meiner Redlichkeit?

_Adalbert._ Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes?

_Löwenau._ Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma

verirren.

Beide waren so munter, daß sie sich nicht schlafen legen mochten; sie

tranken die Nacht hindurch und überdachten noch mehr ihren Entwurf.

Adalbert lächelte wieder und Löwenau versprach alles für seinen Freund

zu unternehmen.

Als die Morgenröthe durch die Bogenfenster dämmerte, ließ sich Wilhelm

ein Roß satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis

der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.

* * * * *

Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den

Unglücklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg

zurück, als wenn sein Glück schon entschieden wäre. Er sahe wieder die

Möglichkeit, glücklich zu werden, und eine kühne Hoffnung riß ihn um so

höher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglück gestürzt hatte. Er

athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit

eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele

auszuruhen kömmt.

Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er

dachte sich schon Emma in die Säle, setzte sich in einen Sessel, und

träumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemälde suchte er

mühsam die Züge zusammen, die auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit

dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel

an der glückliche Ausführung des Entwurfs seines Freundes in seiner

Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen

Vertrag geschlossen hätte.

Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blühte für ihn

von neuem, ein neuer Frühling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung

nieder, und goß um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schöne

Träume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle

seine Sinne waren dem Gefühl der Freude aufgeschlossen.

Wie ein Genesender die Rückkehr seiner Kräfte fühlt, wie ein sanfter

Purpur wieder über die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen

Augen das erste Feuer zuckt, so fühlte sich Adalbert jetzt wieder mit

der Welt, mit allen Menschen ausgesöhnt; er empfand, daß er itzt Niemand

hasse, oder auch nur hassen könne; in jedem Wesen ahnete er den Geist

der Liebe, er hätte die ganze Natur an sein Herz drücken mögen.

So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der

holden Betrügerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewähren, als die

Stunden des Genusses. -- Der Knabe steht vor einer grünen Anhöhe, die ein

goldnes Morgenroth beglänzt, durch die grünen Büsche funkelt freundlich

der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu

kommen, -- aber die Sonne ist indeß heraufgekommen, der lockende Schimmer

verschwunden.

Adalbert wäre auch ohne Emma nie unglücklich gewesen, wenn er nur immer

so hätte hoffen können.

* * * * *

Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen Einsamkeit gelebt.

An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein

erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wußte,

welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untröstlich, als sie seine

Abreise erfuhr.

Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich ohne ihn ihr Dasein

gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen,

sie hatte nur immer für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er

das Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie

nie einen schönern Mann gesehen. -- Sie dachte sich alles zurück, was

sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt

und unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen Phantasien

gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, in dem sich nichts als

schwarze Wolkengebilde spiegelten. -- Sie fiel nach und nach in eine

Art von Betäubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur

Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, deren jugendliche

Phantasie vor dem Bilde des Todes zurückschauderte, war das letzte der

Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz

hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschöpft. Ihr

Gram ward gemäßigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an,

mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar

flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts

geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heißstürzenden Thränen, die

die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der

Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück sieht; es waren

die Thränen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch fließen. Als sie

zum erstenmal wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das

zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu

lächeln, und nachher glaubte sie, man könne doch trauern, ohne im Äußern

die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer

seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die

sie bewegte, ihn zu unterdrücken. Hätte er von Adalbert gesprochen,

so hätte sie Muth gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte

einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. -- So

verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die

Leidenschaft vom höchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern

herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte

nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen

eines abwesenden Freundes bekümmert.

Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher

am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm

fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich

milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren

habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermißte er weit mehr,

als er je vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn

er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn

noch nicht wieder besucht.

So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der

Mutter Emma's war diese Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser

Einsamkeit überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest

anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines

männlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft

ein, ließ einen grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten,

und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers,

Emma sollte ihn überreichen.

Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste,

aber stiller und verschlossener als je. -- Was ist dir, Konrad? fragte

Friedrich ihm entgegeneilend. -- Bist du krank?

Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad.

_Friedrich._ Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglück begegnet. --

_Konrad._ Ach! Friedrich! -- siehst du, ich hatte wohl Recht; falle

nieder und danke, daß dir kein Sohn geboren ist, -- ich hatte Recht.

_Friedrich._ Dein Sohn --

_Konrad._ Schläft in Palästina den eisernen Schlaf. -- Friedrich, nun

werden die Fahnen meiner Burg _ewig_ »Karl« rufen, und trauriger als je,

-- mein Geschlecht ist ausgestorben. -- Nun werde ich nicht mehr nach

jenen Berg hinblicken, denn _ihn_ werde ich nie heruntersprengen sehn

mit einer erbeuteten Fahne; -- mußte _er_ gerade fallen? -- Der einzige

Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mußte _ihn_ gerade der

schadenfrohe Tod erwürgen? -- Nun kann ich ihn nicht anders als in

meinen _Träumen_ sehn.

_Friedrich._ Tröste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt

und nimmt? -- Laß ihn, wer als Jüngling stirbt, der hat nur das Schöne

dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorübergegangen. Wie

viele Greise wünschen nicht, als Jünglinge gestorben zu sein. -- Zu viele

Klagen über seinen Tod ist Gotteslästerung. --

_Konrad._ Wie gut doch die Reichen immer über Ertragung der Armuth zu

predigen wissen! -- Du bist noch im Besitz deiner Schätze, du ersteigst

einen Hügel, auf dem die Aussicht umher immer schöner und schöner wird,

oben entschlummerst du vom Strahl eines schönen Abends beleuchtet in den

Armen deiner Kinder und Enkel; -- ich gehe den Berg hinab, einsam und

ohne Gefährten, in das enge schwarze Thal des Todes.

_Friedrich._ Auch _ich_ habe einen Sohn verloren.

_Konrad._ Du?

_Friedrich._ Adalbert. -- Er erzählte ihm die Geschichte seiner

Verbannung.

Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, -- rufe ihn

zurück, mache ihn durch Emma glücklich, mache dich selbst in der Freude

deiner Kinder glücklich. Ich habe nie so lebhaft gefühlt, _was_ das

eigentliche Glück des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr

darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schätze, -- betrügerische

Schatten die uns necken, indeß das wahre Glück mitleidig lächelnd hinter

unsern Rücken entflieht. -- Wie gern möcht' ich mir durch meine Burgen,

meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen können! unberühmt, arm und

ohne Ahnen würd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben.

-- Friedrich, folge meinem Rathe.

_Friedrich._ Wenn er hier wäre! -- Niemand weiß, wohin er sich gewandt

hat. --

Indeß waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem

festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen.

Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in

die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend

versammelte sich. Emma saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter

gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und

Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer

geworden.

Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang,

als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den

Schranken näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller

Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der

weniger groß, nicht diesen majestätischen Anstand hatte. Sie gestand

sich, der Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche erflehten

ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte.

Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche

zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma

genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja

eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr getäuscht; aber

doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets

wieder nach ihr zurück, er fing an zu glauben, daß eine vollkommene

Schönheit für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender

Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen.

-- Emma schlug einigemal die Augen nieder und erröthete. --

Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank

zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des

Fräuleins. -- Er öffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Löwenau_.

Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und

sanken in eben dem Augenblick beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß

in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte

sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den

Anblick der vollkommnen männlichen Schönheit zu genießen. Löwenau kniete

noch immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen Augen; das

Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem süßen Rausch und

er erhob sich.

Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die übrigen Ritter

begrüßten ihn und man begab sich zur Tafel.

Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und ihm gegenüber die

schüchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte.

-- Löwenau aß und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend.

Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft

lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und

man brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf und ging in den

Burggarten.

* * * * *

Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf

und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er

stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmüthigen

Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte

Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster

und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte.

War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestümer

bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgültig tönte mir noch gestern

dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt,

daß heut mein Blut ihm schneller hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm?

Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters.

-- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher,

wohlwollend gegen jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den

Namen Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist

nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand

macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich

gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr saß? Wie

konnt' ich ihn beneiden, daß ihn der Saum ihres Kleides berühre? Warum

haßte ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte

mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist

dieß Gefühl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist

es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft

besiegt.

Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. -- Als ob es schon

ausgemacht wäre, daß _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein.

Ich will mich mit aller meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert,

er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein

Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darüber zu

Grunde ginge.

Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses Sieges.

* * * * *

Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster genähert, ohne von

Löwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine

gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch

über: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie

denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen

mit der Frage: Du liebst ihn also?

Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon während der Mahlzeit

hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz

an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe

sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser

Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß war der erste Augenblick, in

welchem sie eine Art von Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht

in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz

schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls

beim majestätischen Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert

noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben könne, ja sie fing so

gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte,

nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt

auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit zurückgeworfen, aus

dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht.

Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie

ungleich vollkommner an Löwenau wieder und jener behielt am Ende nichts

als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte;

und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so

glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen

habe, einen Beweis zu finden, daß auch er sie nie geliebt habe. -- In

dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie

endlich Überzeugung.

Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger;

den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt

zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument

in andern Tönen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte,

schien ihr itzt wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein großes

Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen haben, sie gestand

sich dieß Gefühl, und beschloß von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere

Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert

darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen

war.

Löwenau wollte eben durch den großen Gang in die Versammlung der Ritter

gehn, als Emma, vielleicht zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie

ihn hatte zurückkommen sehn, aus dem Gemache trat.

Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig.

Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er

sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken,

sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie,

indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. --

Ihr flieht mich? sprach der Ritter.

Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band · 第 20 / 21 题