Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter Löwenau sein. --

Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends

überflog mit freundlicher Röthe das Gesicht des Mädchens. --

Fräulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne

nimmt durch einen holdseligen Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen

wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser

Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige halten.

Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte

Emma schalkhaft.

_Löwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung käme? -- Würdet Ihr mein

Gebet erhören, schöne Emma? --

_Emma._ Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie

sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie fürchtete

und hoffte viel.

So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell von mir in den

Garten zu eilen.

Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen

über ihre getäuschte Erwartung. --

_Löwenau._ Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, so werdet Ihr mich

leicht zu einem ungestümen Bitter machen.

_Emma._ Was könntet Ihr noch mehr wünschen? --

_Löwenau._ Euch sehen und nicht wünschen? --

_Emma._ Ihr sprecht in Räthseln.

_Löwenau._ Daß Euer Herz sie verstehen _wollte_!

Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen wurzelten auf ihrem

Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte Empfindung bebte durch seinen

Körper, wie mit Ketten riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich

und sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe dich! --

Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen

Händen lag in der ihrigen, sie drückte sie schweigend.

Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises

flüsterndes »Ja,« nur der Liebe hörbar, flog ihm entgegen.

Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen brennenden zitternden

Kuß auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat

vor seine Seele, als daß er _sie_ in seinen Armen halte; selbst daß sie

ihn liebe, hatte er vergessen. --

Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch einen Kuß drückte sie

auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich

athemlos auf einen Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer

verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße Schimmer ihres

Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen

Punkt geheftet, als wäre ihm ein Gespenst begegnet.

Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch fröhlich bei den

Pokalen saßen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Söhne

vergessen.

Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur

unvollständig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom

Turnier ermüdet und ließ ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen.

Auch die übrigen Ritter gingen aus einander. -- Löwenau entschlief, als

sich seine Phantasie müde geschwärmt, und seine Leidenschaften in

Erschöpfung gekämpft hatten.

* * * * *

Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster

Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn

schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten

angefangen habe. -- Aber wie war es möglich rückwärts zu gehn? Er hatte

ihr seine Liebe gestanden, und sie, daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß

Geständniß nicht über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen

seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde er sich und

Emma zugleich unglücklich gemacht haben. -- Er überließ sich und sein

Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles

Nachsinnen, alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem

Vater um sie anhalten wollte. -- Weiß ich doch noch nicht gewiß, ob sie

mir der Vater nicht abschlägt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja

auch dann noch immer für Adalbert handeln. -- Mit diesen Täuschungen

beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern seiner Seele fühlte.

Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du

verdrängte bald die fremde steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete

alle Zurückhaltung, alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es

zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprüft zu

mißtrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund

zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma,

die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur

mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besaß noch weniger

Zurückhaltung; sie äußerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung

kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.

Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, daß sie ihn

nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Löwenau fühlte sich durch

diese Erklärung glücklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und

Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen Ritter die Burg

verließen, sehr gern Gehör. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er

sich selbst zur Last; jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch

verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei

Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fühlte sich in der Täuschung

etwas beruhigt, daß er noch immer nicht gegen Adalbert handle.

Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte

ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine

stille, leidende Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern

Mann anschließt und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Stürme

des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick

gegeben, in welchem ein schönes Feuer brannte. -- Der heftige Löwenau

liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. --

Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschloß noch heute

mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater

um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel

nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an.

_Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in

der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden.

_Löwenau._ Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben?

_Friedrich._ In der Rückerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in

der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in

jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und _ein_ Windstoß sie alle

niederreißt: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- Über dem

Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der

Entfernung etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, ist

es eine überhangende Klippe, die sich im nächsten Augenblick auf unser

Haupt herabwirft. --

_Löwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen?

_Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, nicht zu meiner

täglichen Gesellschaft machen. Das größte Glück erscheint klein, neben

dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt.

_Löwenau._ Die Hoffnung trägt für Euch die Gestalt Emma's, und eine

solche Tochter -- --

_Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu fürchten, und je

mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wär' mit ihr

dahin! Ich wünsche nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es

auch sein.

_Löwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht?

_Friedrich._ Er schläft in Palästina, Konrad von Burgfels, ihr mußt ihn

gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken!

-- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wäre er jetzt

hier, sie wäre sein. --

Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt

Ihr sie keinem Ritter von berühmtem Hause geben? fragte er endlich.

_Friedrich._ Wer weiß ob sie mit einem solchen glücklich wäre?

_Löwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?

_Friedrich._ Dann würd' ich mich keinen Augenblick bedenken.

Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine

Liebe rangen hartnäckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert

aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an

Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Würdet Ihr mich als Eidam

verschmähen, Ritter?

_Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst?

_Löwenau._ Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen?

_Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.

_Löwenau._ Dafür kann ich Bürge sein. --

_Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glücklicher Vater

zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man muß sich gewöhnen, an

allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht.

_Löwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. --

_Friedrich._ Ich will es nicht länger bleiben, mein Eidam muß nicht

glauben, daß er an mir einen mürrischen Vater erhält.

Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter,

Löwenau ging endlich spät in sein Schlafgemach.

Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es

fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darüber mein

Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen.

Die Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wäre

unglücklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu

sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges

Geschenk ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen,

denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der große Vertrag mit seinem Gewissen

war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für

die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glücklichen

Träumen ein.

* * * * *

Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein!

so rief Löwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte.

-- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reißen.

_Emma._ Ich dein? du mein? --

_Löwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glück und dieses Wort umfaßt noch

mehr.

_Emma._ Was könnte dieses Etwas sein?

_Löwenau._ Daß Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange

wir noch fürchten müssen, daß er zwischen unsre Umarmungen tritt, so

lange sind wir nur halb glücklich. -- Emma, ich weiß den Ort seines

Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm

sagen, daß du ihn nicht mehr liebst, daß er jeden Gedanken an dich

vergessen solle, daß du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma.

Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glück unsrer Liebe

überlassen, dann soll keine ängstliche Furcht uns nahe treten, dann will

ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im

Stande sei, meine Liebe zu schwächen.

Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau setzte sich und

schrieb diesen Brief:

_Adalbert!_

Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht

mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und

verspielten ihr ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der

Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. -- Emma gehört Dir

nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt.

Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt.

Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du

Dich rächen mußt; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen.

Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige

werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, muß

mich erst tödten.

_Löwenau._

Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte

sie in seinen Brief und siegelte ihn.

_Ritter_,

Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie

an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und

darf mich daher nicht mehr nennen:

Eure Emma.

Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein

begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so früh als

möglich auf der Burg Löwenau's anzukommen.

Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das Vermählungsfest, welches

sie recht glänzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres

Geliebten so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann.

* * * * *

Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter seinen schönen

Hoffnungen und erwartete täglich die Bothschaft seines Glücks. Sein

vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn

dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang des

Unternehmens zu bestätigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die

schönen Gegenden in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der

Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.

Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen und stand an eine

Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der

Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. Er erkannte

bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. -- Schnell eilte er mit der

Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete

mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. --

Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift

betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glück,

oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin

ich glücklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer,

den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm

feierlich, eine heilige Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs,

eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den Berg

herüber. -- Er lößte das Siegel.

Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und küßte das

Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute

wild mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich,

er wußte nur, daß er elend sei, kalt und fürchterlich faßte ihn diese

Überzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.

Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, indem seine Besinnung

zurückkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den

Brief Löwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu großen

Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zähne zusammen und hing kalt

und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht

erwartet.

Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie ein Rasender: Fluch über

alle, die in dieser Stunde glücklich sind! Fluch über alle Elende! -- Ja,

ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten!

kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma?

_Eure_ Emma? -- Du lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! --

Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat

mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück,

wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen

jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zärtlicher

Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe

die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefähr würfelt

mit Glück und Unglück, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange

ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren

Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den Schuppenhals eines Drachen

berührt. -- Ich will nicht _allein_ unglücklich sein, die _Liebe_ haßt

mich, der _Haß_ soll mich itzt glücklich machen.

_Eure_ Emma? -- Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand,

die mir so oft den Schweiß des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe

Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte

-- o Himmel! was für ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich

in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen

Bösewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster für

seine Richter! -- Tugend? -- Für mich ist keine Tugend, kein Gott mehr,

denn sie, das Unterpfand für beide, ist mir verloren.

Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, sein Athem drängte sich

schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewälzt.

-- Sein Blick fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner

Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß es wüthend herab.

Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! -- -- Sie will mich vergessen. -- Ich

kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? -- wenn ich sie

vergessen könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln -- aber das werd'

ich nie wieder.

Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie

eine Todtengruft.

Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe

Einsamkeit nicht zu stören; ich werde bald sterben und habe umsonst

gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur

über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, -- Emma, ich weise den

fürchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm!

_Eure_ Emma! -- Hättest du mir doch wenigstens das armselige »Du« übrig

gelassen, -- aber _nichts_ sollte mir übrig bleiben. -- Gut, setzte er

mit schrecklicher Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen.

Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund hätten nur auf eine grausame

Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen;

er dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu stark empfunden,

er suchte dann nochmals in den Briefen nach und quälte sich den

fürchterlichen Sinn zu mildern, -- aber umsonst! der kalte, gefühllose

Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.

Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er konnte nicht

schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand

vor dem fürchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten

vorüberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten;

in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur

ein fürchterlicher Traum gewesen; er drückte sie an sein Herz,

und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest

eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus

seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um Tod und Leben und sah

ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine

große wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben

ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister

fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure

Reich der ewigen Öde.

Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich

diese Nacht sterben müßte! ohne sie noch einmal zu sehn! -- Mein Geist

muß von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich _muß_, ich muß sie

sehn.

Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm

Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. -- Endlich zitterte

der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf,

riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der

ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn.

Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Roß unaufhörlich,

denn die größte Eile war ihm zu langsam.

Eine drückende Hitze zog herauf und sein Roß war schon ermüdet, als er

einen Ritter einholte, der auch diese Straße zog. -- Wohin? fragte er

diesen. -- Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln

Löwenau und der schönen Emma. -- Adalbert lachte wild auf. -- Worüber

lacht Ihr? -- Voll Freude, daß wir einen Weg haben. -- In eben dem

Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie

rasend hinweg. -- Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. -- Seht

Ihr nicht, schrie Adalbert zurück, wie mir der bleiche Tod nachjagt?

-- Er war ihm bald aus den Augen.

Das grüne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach;

Todtenblässe hatte sein Gesicht überzogen, sein Roß keuchte und sein

treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, -- aber ohne

Bewußtsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. -- Am Abend

stürzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm

umsah. -- Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue

Gefährte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege.

Adalbert reiste zu Fuß die ganze Nacht hindurch, seine Kräfte schienen

übermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermüdet vor sich hin

zu jagen. -- Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen

versteckten Thale eine Schäferhütte, sein Gaumen war von der Hitze

aufgeschwollen, er trat in die Hütte und begehrte von einem Greise, den

er dort fand, eine Schale Wasser. -- Ihr sollt kühle Milch bekommen,

sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu

holen. -- Das kleine Mädchen eilte willig hinweg und Adalbert stand

düster an die Thür gelehnt. -- Das Mädchen verweilte etwas lange. Wo

bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mädchen trat in

eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lächelnd die Schale.

Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wüthend auf den Boden, daß

sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger

weiter.

Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen

Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; -- tausend Erinnerungen kamen

in seine Seele zurück, -- es war die Burg Mannstein.

* * * * *

Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten

väterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige

Tropfen der Wehmuth, sie _so_ wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll

da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter.

Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen

grünen Berg; der Mond brach hervor, und glänzte durch die zitternden

Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg,

schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewiß hin und wieder

schwebten, schon hörte er immer näher und näher das Tönen der Trompeten

und den Donner der Pauken, -- tausend brennende Dolche fuhren durch

seine Brust.

Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das

frohe Getümmel der Gäste lärmte ihm entgegen, er hätte gern geweint,

aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und

setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald

sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend,

bald nach der geräuschvollen Burg. -- Alle seine Empfindungen wurden

nach und nach abgespannt; er war betäubt, als er zwei Gestalten auf sich

zukommen sah, -- es waren Löwenau und Emma. --

Löwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich für stärker

gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur

unterdrückt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er

begann zu ahnen, daß er in Emma's Armen nie recht glücklich sein würde,

aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still

und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang

durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.

Emma war indeß immer froh und guter Laune gewesen; sie fühlte sich als

Löwenaus Geliebte ganz glücklich -- nur itzt, -- so plötzlich aus dem

Gewirre der Gäste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten

in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, -- itzt fühlte

sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing

an dem Arme Löwenaus und schloß sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte

sie endlich, -- warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und

gedankenvoll gesehn. -- Deine Hand ist heiß.

_Löwenau._ Und die deine kalt. Du zitterst Emma?

_Emma._ Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; -- aber Wilhelm, es

ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die

Büsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie

einen Geist gesehn, Wilhelm?

_Löwenau._ Nie Geliebte; aber wie kömmst du zu der Frage?

_Emma._ Und wie kömmt dieser Gedanke zu mir? _heut_ zu mir? -- Mein

Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau

angesehn, der Gedanke ängstigte mich drinnen über eine Stunde lang: wie

er mir so gegen über saß, schien er mir schon todt. -- Der Anblick eines

todten Menschen muß schrecklich sein, -- wie mag ich wohl als Leiche

aussehn?

_Löwenau._ Du quälst mich, Emma.

_Emma._ Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde.

_Löwenau._ Wie der Frühling, der im Irrthum um einige Tage zu früh seine

Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder übereilt wird.

_Emma._ Wilhelm!

_Löwenau._ Was ist dir Emma? Warum fährst du zusammen?

_Emma._ Mir ist, als stünd' ich unter tausend Gespenstern! -- sieh! jene

Bäume dort sehn fürchterlich aus! --

_Löwenau._ Wir wollen in den Saal zurückgehn.

_Emma._ Wilhelm! -- hörtest du kein Ächzen in der Nähe?

_Löwenau._ Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht.

_Emma._ Es war ein schweres Athmen -- wie eines Sterbenden, -- horch,

wie die Blätter zusammenschlagen! -- Gott im Himmel!

Sie sank ohnmächtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und

entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise

wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewürgter Stimme rief er:

Emma!

Ihr Bewußtsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurück, starr wie eine

Leiche sahe sie in Adalberts Auge. -- Emma! Emma! rief dieser wüthend,

kennst du dies Band noch? -- Er hielt es ihr mit zitternden Händen vor.

-- Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Löwenaus werfen;

Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stieß ihn wüthend in ihre

Brust. -- Kaum war der Todesstreich geführt, so erwachte er wie aus

einem tiefen Schlaf. -- Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen;

stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glücklich! vergieb mir

und lebe! laß mich für dich sterben! du _darfst_, du _sollst_ nicht

sterben. -- Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepreßt,

als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fühlte nicht, wie sein Blut

aus zehn tödtlichen Wunden rieselte, die ihm indeß Löwenaus Dolch

gestoßen hatte.

Endlich fühlte er seine Kraft ermatten, er ließ sie sanft auf den Rasen

fallen. -- Du stirbst, Emma? -- Du stirbst? -- Er sank neben ihr zur

Erde.

Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge

Braut zu suchen. -- Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.

Er wieß stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin.

Wo? fragte Friedrich.

Löwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich

erkannte sie und Adalbert. Stumm schloß er Konrad in seine Arme und

drückte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu

hoffen!

_Konrad._ Das stille Grab, -- und Jenseits!

Ein Minnesänger sang die traurige Geschichte und schloß mit diesen

Versen:

Jenseit des Grabes wurden sie gekrönt,

Dort wurden ihre Herzen ausgesöhnt.

Oft schweben sie in feierlichen Stunden

Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain,

Sie küssen wechselsweis im Mondenschein

Sich liebevoll die Todeswunden.

Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben,

Und fühlt ein leises schauerliches Beben:

O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein,

Durchfahren Geister itzt den Hain. --

Die Mutter spricht: sei ruhig Kind,

In Silberpappeln wühlt der Abendwind.

* * * * *

Hinweise zum Text:

Folgende Änderungen wurden vorgenommen:

Zweifel wälzen sich auf Zweifel (Original: dich)

Abdallah sah ihm traurig nach (Original: ihn)

der Frühling wird dich heitrer machen (Original: heitre)

bis sich (...) etwas besänftigt hatte (Original: sich (...) sich)

sobald dich meine Laute gerufen hat (Original: hast)

Oder sie ungesehn in den Strom (...) versenke (Original: ungegesehn)

fing nun an, an die Macht (...)zu glauben (Original: an, die Macht)

andre stürzten todt nieder (Original: Tod)

an dem gräßlichen Thor (Original: gräßlichem)

ich erlasse sie ihm (Original: ihn)

der ihm am nächsten stand (Original: ihn)

wann und wie ich sie pflanzte (Original: wie sie pflanzte)

rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu (Original: zu zu)

die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten (Original: ihm)

sah ihn winselnd an (Original: ihm)

Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band · 第 21 / 21 题