Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. --

Du glaubst, fragte er ihn höhnisch, nichts kann dich mehr erschüttern,

nun dieser Abschied vorüber ist?

_Selim._ Nichts. --

_Ali._ Hüte dich, daß ich dich nicht schaamroth mache und du als ein

Lügner vor mir stehst.

_Selim._ Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm

mit festem Auge in's Angesicht sehen. --

_Ali._ Du stirbst gern? --

_Selim._ Ja.

_Ali._ Du liebst, du achtest die Menschheit?

_Selim._ Würd' ich _dich_ sonst je haben hassen können? -- Ja, könntest

du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann würd' ich dich

für meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, würd' ich mein Leben

bereuen, dann, dann hätt' ich umsonst gelebt, dann wäre mein Stolz

eine verächtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges

Kinderspiel gewesen, ich würde die Stunden zurückwünschen, in denen ich

Menschenglück aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte,

_dann_ würd' ich wünschen, Ali gewesen zu sein.

_Ali._ Und wenn ich dich nun dahin bringen könnte?

Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, -- dann, sagte er

schüchtern, dann würd' ich vor dir zittern. -- Aber nein, unmöglich,

diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was

willst du von ihrem Adel wissen? --

Ali lächelte ihn höhnisch an. -- Bist du nicht neugierig, den kennen zu

lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden

Blicken.

Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle.

Ali ergriff die Hand Selims und führte ihn dann zu Abdallah. -- Dieser

ist es! sagte er schnell.

Selim fuhr blaß zurück. -- Soll ich dieser Lüge glauben? sagte er

nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug

ersonnen.

Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene.

_Selim._ O Lügner, sieh dies Auge, diese entstellten Züge, diese

Todesblässe, und wiederhole dann deine Worte noch einmal.

_Ali._ O dann wäre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt

nicht bereute. --

Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah

schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten.

Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. -- Nicht mit _einem_ Ton,

durch _einen_ Blick widerlegt er diese gräßliche Lüge? -- Soll ich dies

Stillschweigen für Bewußtsein halten?

Abdallah drängte sich fester an die Mauer, er wünschte, daß ihn die Erde

verschlingen möchte und schwieg.

Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. -- O wenn ich _hier_

zweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann -- o

ich Unglückseliger! -- dann Ali, geb' ich mich besiegt. -- O Himmel!

Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, höre meine letzte Bitte.

-- Er faßte die Hand Abdallah's. -- Sprich, und zerrisse der Ton mein

Ohr, nur _eine_ Sylbe, nur _einen_ Athemzug: sprach er Wahrheit? --

Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte stärker, sein Busen kochte,

mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja!

Ja? -- sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand niederfallen. -- Ja?

-- Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. -- Auch _dir_ hab'

ich verziehen. --

Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. -- Auf _diese_ Verdammniß

hättest du nicht gerathen und hättest du dein Gehirn zersprengen sollen?

fragte er ihn boshaft. -- Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört zu

den Edelsten der Menschheit? -- Sieh, dies sind die _Verehrungswürdigen_

unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun

ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein

Meineid, -- ich habe, was ich wollte, ich sehe dich _zittern_!

Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie

gekannt, sagte er sehr ernst. -- Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach

seinem Sohn, dann verließ er stumm den Saal, -- die Leibwache folgte ihm.

-- Ali sahe ihm schadenfroh nach. -- Ich bin gerächt! sprach er freudig,

für die Menschheit hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde

treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen!

So groß hätt' ich meinen Sieg nie geträumt. -- Er wagte es nicht, mich

anzusehen, -- nun kann ich ihn verachten!

Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich,

alle Glieder in einer fürchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe

kaum, daß er Athem holte.

Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. -- Er schwieg wieder,

alles war still, nur zuweilen tönte ein abgerissener brüllender Schrei

Abdallah's durch den Saal. -- Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust,

tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich,

Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen stürmten durch seine Seele.

-- Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme.

-- O dies war sein letzter Blick! -- dies! -- o Ewiger, warum starb

ich nicht vor diesem Blick? -- Er hat mir vergeben? -- Nein, eine

heißhungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o

mein Vater! -- Stille, daß ich diesen Namen nicht nenne! Vater? -- Ich

bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! -- Nein, wie Abdallah sieht kein

Sohn aus, -- ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel sind meine

Brüder, die Hölle ist meine Heimath.

Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man

gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging.

In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht!

-- Ha, wie die bösen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre

ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. -- Mein Name ist aus

der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammniß steh' ich

eingeschrieben, -- bald wird mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen

werden! -- --

Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben

zu sehn. -- Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich

leeren. Höhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner

Thaten und seiner Begeistrung schämen. -- Diese Wonne will ich mir nicht

versagen.

Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten ihn. -- Abdallah

blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit

fürchterlichen Gesichtern anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf

gegen die Mauer.

Itzt! itzt! -- sprach er leise, -- itzt trinkt er den Becher, itzt

lachen Ali und sein schändliches Gefolge über die Todeszuckungen meines

Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch

schrecklichern Krämpfen. -- O Abdallah! Abdallah! -- Wardst du darum

geboren? -- O nun ist jenes fürchterliche Ziel herangerückt! -- Auf

ewig, auf ewig bin ich verloren! -- Selim! -- Abdallah! -- Die ganze

Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe ist todt, alle

Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kämpfen und die Welt

in Trümmern schlagen. -- O warum gerade _ich_, unter Millionen ich der

Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? -- Nur _ich_? -- In diesem

Gedanken grinst mich die ganze Hölle an.

Er stand von neuem in einer dumpfen Betäubung.

Siebentes Kapitel.

Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und stürzte sich

wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. -- Omar, reiß

mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert;

o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschützt allen diesen

fürchterlichen Quaalen überlassen? -- Bin ich deiner Hülfe nicht mehr

werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu

geworden ist? -- Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast

wahnsinnig, o könnt' ich es ganz werden, ich wäre glücklich!

Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nicht _so_ zu finden.

_Abdallah._ Nicht so? -- O und wie anders? Wie kann ich anders sein?

-- Wundre dich, daß du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat

noch mit so vielen Martern gerungen. -- Ich sollte ruhig sein, itzt, da

mein Vater unter gräßlichen Schmerzen knirscht? --

_Omar._ Er leidet nicht mehr. --

_Abdallah._ Itzt?

_Omar._ Er ist todt!

_Abdallah._ Todt? -- Todt? -- Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie

viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen

abgebüßt. --

Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen

suchte. -- Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. -- _Gehabt?_ -- O

Himmel, mein Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst

liebte, _dieser_ ist _todt_. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben

der Mordgier durch Abdallah. -- Ach, Omar! Omar! -- So eben hätt' ich

durch Zulma seine Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, daß

er sie nicht mehr fühlt. --

_Omar._ Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen ist, vergangen sein.

-- Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle

an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen

kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen

Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt.

-- Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der seine Braut

erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne des Glücks zu genießen, das dein

ist. _Zulma_! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten,

feigherzig entflieht dann jeder Kummer.

_Abdallah._ Zulma? -- O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so

sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen,

auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. -- Du

zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund

schlummert, der einst meine Wonne war.

_Omar._ O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl

jener Entzückungen zurück, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. --

_Abdallah._ Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichniß meiner Verbrechen

sein, alle beseligenden Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen,

nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich an jedes

Wesen, an jede Erwartung. --

_Omar._ Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, zeige den Schaudern

eine Heldenbrust, und sie werden zurückstürzen!

_Abdallah._ Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermörder rechnen?

Jedem andern Verbrecher verzeiht der gütige Himmel einst, aber des

Vatermörders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel

würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit

Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhängnisses zu

sein und dies fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. -- Ach! könnt'

ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu dir sagen: weck mich auf!

und ich erwachte dann und alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände

dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wärst du

derselbe Omar, der du ehedem warst, -- ach! als ich deine Lehren noch

mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zürnender Blick

meines Vaters oder von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich

froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen

Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln

jedem Tage überließ, der mich dem folgenden überlieferte, -- o wann kann

ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so

plötzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? -- Himmel!

wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken _Mörder_

zurückbebte? -- Und _selbst_ ein Mörder sein und der verworfenste von

allen Mördern, _Vatermörder!_ -- o dürft' ich an die Unmöglichkeit

glauben, dürft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit

mir selber wieder versöhnen. -- Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es

ist? --

_Omar._ Es war.

_Abdallah._ Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige selbst kann mein

Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. -- Ach, Omar, als mein Vater

hörte, daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, -- ach, da

sahe er mich mit einem Blicke an, -- o es war ein entsetzlicher Blick,

nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines

Lebens war mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine

Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles

Entsetzen lag darin. Laß mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und

ich will das freche Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen!

_Omar._ Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. --

Ali und sein Gefolge kamen zurück. -- Auch keinen Schrei konnte ihm der

Tod auspressen, sagte Ali mürrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein

Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf

sein Lager wirft; der Schmerz wühlte in allen seinen Zügen und trieb

seine Glieder fürchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem gräßlichen

Anblick wie einem Spiele zu. -- Auch kein Seufzer ist ihm entschlüpft.

Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betäubten Abdallah in

ein Bad führten. In Träumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man

von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit köstlichem Balsam und schmückte

ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Veränderungen. -- Mit

Gold und Purpur geschmückt ward er in den Saal zu Ali zurückgeführt.

Alle Großen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von

Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmückt lagen an den Seiten

des Saales. Jedermann begrüßte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich

tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gruß mit Freundlichkeit

zu erwiedern.

Prächtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie

so schön gesehn, er fuhr unwillkührlich auf und eilte ihr entgegen: mit

ihr trat ein Priester herein. --

Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. -- Ich

gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheißen habe; deine Treue

gegen deinen Fürsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und

meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken.

Der Priester sprach den Segen über beide aus, die Gäste warfen sich

nieder und wünschten ihnen Glück. -- Abdallah sahe immer starr vor sich

nieder, nur zuweilen drückte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe

oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brütete

wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter.

Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gäste entfernten sich, um im

Garten die frische Kühle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma

standen allein im Saale. --

O so ist denn endlich, begann Zulma, der große, der fürchterlich schöne,

der langerwünschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher

zweifelte? -- So sind denn nun alle meine Wünsche erfüllt? -- O wie

zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurück, als ich dich vor dem

Pallast stehen sahe, ich wußte wie sehr mein Vater dem deinigen zürnt,

-- aber nun ist ja alles vorüber, -- ich sinne vergebens, wie du durch

die Unmöglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekämpft

hast, -- aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen

Armen und bin glücklich, und was will ich denn noch mehr als dieses

Glück? Daß ich glücklich bin, daran weiß ich genug, alles übrige ist

mir heute gleichgültig und ohne Werth. -- Aber warum bist du so stumm,

Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles

Nachsinnen verloren?

Abdallah sahe auf. -- Fühlst du dich glücklich in meinen Armen? fragte

er leise.

_Zulma._ So glücklich wie im Paradiese.

_Abdallah._ Ganz glücklich?

_Zulma._ Könntest du daran zweifeln? --

_Abdallah._ O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprägt,

-- und du fühlst nicht, daß du in den Armen eines Mörders liegst?

_Zulma._ Eines Mörders?

_Abdallah._ Hörtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen?

Himmel! -- du hast nicht, -- sagte Zulma mit banger Ahndung, -- sie

konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen.

Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich,

dich zu gewinnen!

Zulma fuhr erblassend zurück, sie wollte ohnmächtig niedersinken, aber

Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe

sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie

wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen

Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrückt. Du bist mein! mein!

schrie er laut, -- ich habe dich der Hölle abgerungen und keine Hölle

soll dich mir wieder rauben, -- so wie du mir gehörst, gehörte noch kein

Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft.

-- O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? -- Für dich hab' ich

mich ja der Verdammniß verpfändet, für dich, nur für dich bin ich der

Natur und meiner Menschheit abtrünnig geworden und habe wüthend an meinen

eignen Gebeinen genagt, -- o hier ist noch die letzte Freistatt meiner

Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher

wagen, nur die Liebe nimmt ihn gütig auf. -- O Zulma! an deinen Busen

gelehnt sollen mich deine süßen Lippen Vergessenheit lehren, hier will

ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genießen, -- o dich hatt' ich

vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkündigte.

Ein Mörder? Ein _Vatermörder_? schrie Zulma schrecklich auf. -- O hinweg

Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah!

Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir

diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslästerung! -- Wenn mir

auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer

der Verdammniß hineinwerfen, da Rettung doch unmöglich ist! Nein, Zulma

muß mir bleiben, oder der Allmächtige ist mehr als grausam, er hat

ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese

wenigen Jahre hier unten.

Gräßlicher! sagte Zulma. -- O du hast mir ein entsetzliches Geheimniß

enträthselt. -- Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkühnen? Wo das

Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren

Wächter sind? -- Nein Abdallah, -- meine Liebe ist seit diesem Augenblick

erloschen; o Entsetzlicher, ich fürchte dich, wie sollt' ich dich lieben

können?

Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit

entsetzlichen Flüchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe

dich zur Verdammniß und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich

und reisse dich mit mir in die Hölle, die meiner wartet.

_Zulma._ Du rasest, Abdallah. -- O hast du mich so gewinnen wollen?

-- So? -- hinweg! -- die Menschheit hat dich ausgestoßen, was will der

Verworfne in _meinen_ Armen? Ich gehöre ihr noch an, -- ich habe meinen

Vater nicht ermordet, -- wenn ich mit seinem Blute besprützt zu dir komme,

dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!

Abdallah ließ sie fahren. -- Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an

der gräßlichen Zahl, Zulma weicht zurück; nun ewige Quaalen nehmt mich

in Empfang! -- die Liebe vergiebt mir nicht, -- was soll ich von dem

strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber

bleibe mir übrig. Vernichtung, stürme hervor! Brause heran, Verderben!

-- Hölle, öffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in

welchem ich dich zuerst erblickte!

Abdallah warf sich erschöpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht,

ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thränen des Entsetzens

von den Augen. -- Ihr Vater kam mit den Gästen aus dem Garten zurück.

Achtes Kapitel.

Auch Omar trat itzt mit den übrigen Gästen herein und bewillkommte

Abdallah. -- In einem bunten Gewühl durchkreiste sich alles fröhlich und

sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch

den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter

glänzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer

zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen fröhlich umher, alle lachten

und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand

ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte

dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, der

ihm am nächsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne

es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem gräßlichen Stillschweigen.

-- Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem

Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. -- Endlich erblickte

Abdallah seinen Omar im Gedränge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte

ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefühlen vertraut

war. Abdallah und Omar gingen auf und ab.

Auch das letzte Glück, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrünnig

geworden, Zulma liebt mich nicht.

Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.

O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. -- Diese Liebe war nur ein

sehr kurzer Frühling, der schwarze Winter kömmt zurück. Siehst du, wie

mir alles, alles ungetreu wird? -- Ach Omar, ich wanke wie in einem

Traum einher, -- könnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O hätt'

ich nie gelebt!

Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hörte nicht auf seine Worte, er

blieb in sich selbst zurückgezogen und seufzte schwer.

Das Gastmahl war indeß angeordnet, die Lichter glänzten in helleren

Schimmern, das Gewühl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich

an den Tisch. Zulma saß zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.

Man aß und alle waren froh und vergnügt, Sklavinnen tanzten, sangen und

spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken,

andre Cymbeln.

Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen

wagte er nicht. --

Unter einer fröhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen:

Schwebt in süßen Melodieen

Sanftgesungne Hochzeitslieder,

Und in immer süßern Tönen

Grüßt des Bräutigams,

Grüßt das Ohr der Braut. --

Wonnelieder

Sprechen in den frohen Tanz,

Jauchzende Gesänge

Schweben in leisem Fluge

Um euer beglücktes Haupt.

Wie ein goldner Blüthenregen

Schwimme Glück auf euch herab,

Wie nach Wettergewölken

Sich Regenbogen

Durch die Finsterniß spannen,

So komme stets nach trüben Stunden

Die Freude unermüdet wieder. --

Die Tänze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer

Wohlgeruch floß durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glänzten

von Fröhlichkeit. Abdallah war betäubt, er hatte alles vergessen, die

Tänze und Gesänge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen,

daß er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem fröhlich entgegenlachte.

Von einer wilden, thierischen Fröhlichkeit berauscht umarmte er bald

Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lächelte zuweilen und spiegelte

sich munter in seinen Augen. Die Gesänge jauchzten und Abdallah jauchzte

zuweilen laut in die tanzenden Chöre. Auch Ali schien fröhlich, seine

Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in

seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. --

Eine lange Gestalt drängte sich itzt aus dem Gewühl hervor, dicht

eingewickelt in schwarzen Gewändern zog sie einher, ein stiller Schauer

begleitete sie, alles wich zurück. -- Zu einer Laute hörte man leise

singen:

Die Hölle hat den Sünder angenommen. --

Dem Feigen ziemen keine Kronen,

Nur der Muth kann sie erringen;

Seht ihr den Frevler

Unwissend

Neben seinem Verderben sitzen? --

Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken hinunterging. Die

seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorüber, sie schlug das Gewand

vom Kopf zurück, es war _Nadirs_ altes todtenbleiches Gesicht; er trug

einen Spiegel unter seiner Hülle; -- Omar's Gesicht spiegelte sich von

ohngefähr, -- und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah

in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte.

Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge.

Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, -- horch!

-- hörst du nicht unter den Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder!

ächzen? -- horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, -- das ist sein

Geist, -- Vatermörder! seufzt es so schwer, so abgestoßen, wie mit einer

innigen Herzensbangigkeit. -- O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief

er laut, bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen Mahner

und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt die Pauken lauter donnern!

-- Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde

Stimme hörbar werde! --

Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze wüthender, wie schießende

Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer künstlichern

Geweben verschlungen:

Schlag an das Sterngewölbe

Stürmender Wonnegesang!

Daß weit durch die stille Nacht

Die rauschende Freude töne!

Trage zum Meeresstrande

Tönender Wiederhall

Unsern Wonnegesang!

Daß ferne Klippengestade

Den Namen _Abdallah_ hallen,

Daß über grüne Wiesen

Der Name _Zulma_ wandle,

Die Blumen schöner färbe.

Daß der Mond sich freue

Und goldner scheine,

Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasse

Vor der Sonne fliehend.

Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende Wand

geheftet, seine Augen starrten fürchterlich aufgerissen wild in die

Leere hinaus. -- Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir?

Sieh! Omar! ächzte Abdallah. -- Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor

mir! -- Eine weiße dürre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus

der Wand heraus und winkt mich unermüdet hinein, -- was mag es sein, das

mich so ruft? -- Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, -- sieh'

den zernagten gekrümmten Finger! -- Ha! es hat dich gesehn, denn die

Hand hat sich zurückgezogen! -- Omar, sie kömmt wieder, -- sieh, der

Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, -- es will sich aus der Mauer

herausdrängen, -- sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will,

um an meiner Freude Theil zu nehmen? -- Stich mir die Augen aus, Omar,

ich mag es nicht länger sehn! --

Omar lächelte ihn wehmüthig an. -- Omar, sieh umher! sagte Abdallah

ängstlich, -- mir ist plötzlich, als sitze ich hier unter todten fremden

gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen

öffnen, -- sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen Schädel nickt,

der sich Ali nennt, -- ich bin betrogen! -- das sind keine Menschen, ich

sitze einsam hier unter leblosen Bildern, -- ha! nickt nur und hebt die

nachgemachten Arme auf, -- mich sollt ihr nicht hintergehn! -- Sieh doch,

dies hier sollte Zulma sein? -- Ha! ein beinernes Gerippe, scheußlich

mit Fleisch eingehüllt, -- sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen

aus dem Schädel fallen, -- hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie

in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem Fleisch, -- rette mich, -- o

hinweg! du bist nichts besser als diese!

Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band · 第 16 / 21 题