Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wüthet, wie er noch nie
gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater
lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger,
dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden
Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige
Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen
Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie
durch Selims Tod wird gesättigt werden können. -- Dein Haus wird zerstört
werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim,
denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem
Sultan verrathen würde.
Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen
Hütte zurück. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel
der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes,
als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde
der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. -- Ich habe dich schon
vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du
hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner
Hoffnung trauen. --
Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.
Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte
zurückgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen
Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich
mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch
hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber
ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine
Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen
tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer
Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten.
Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen,
noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an
diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen;
wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen
werfen.
Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin
noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese
Welt zurückhalten.
Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet,
selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater,
er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es
war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu
verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett
seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten
Zimmer gefunden hatte.
Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg
aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren
Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf
durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem
Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle
Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein,
sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese
Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen
Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter:
* * * * *
-- -- -- -- -- »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung
überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen.
-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie
ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung
geb' ich dich frei.«
»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm
mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das
Unmögliche möglich machen!« --
»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der
wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne
Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch
neben mir.«
»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das
gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann
dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That söhnt
dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche
deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn
umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt.
Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen,
die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich
wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten
und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft
soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. -- Geh zurück und lies dir
einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich
deine Rechenschaft.«
Ich ging. -- Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine
Quaalen bezahlen. -- »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme,
-- »dort liegt mein Unterpfand!«
Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen
hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit
tausend Armen zurückgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach
langem Stillschweigen aus. --
»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich
von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache
sättige.«
Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir
alles zu sagen. -- Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme,
du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte
zusammenstürzen will!
»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, -- »o hab' ich mich an der Menschheit
wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern
wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar
zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als
dein Freund?« --
Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen
Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!
Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir
rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert
Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns
durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große
glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben
der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich
mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und
Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.
Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und
wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.
Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt,
die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich
her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe
allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die
Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft
gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn
entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen
wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine
Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie
eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den
unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich!
Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle
Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine
blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine
heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde
zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß
endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck;
ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth;
bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir
dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt
noch für die Tugend.
Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich
gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche
diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter
Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das
dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt
gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und
es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen
glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei
wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des
Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet,
diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere
Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht
da. -- Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron
der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft,
dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts
halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß
dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der
Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel
gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein
Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das
innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt
hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über
die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der
Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl,
das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch
dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.
Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne
Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch
der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater
sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir
ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen
tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig
untersinkst.
Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe
nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand
deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst
nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein
Glück und Unglück scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner
Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese
Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber
vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse
des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich
in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine
Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters
hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir
bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund
_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht,
voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am
sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen
Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben
wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit
flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die
Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen
entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück.
-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze
Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne
nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem
dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger
entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die
bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thräne
endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor
deinem eigenen Schatten zurückstürzest? -- Verehre den Schöpfer und
seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma
nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten
Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang
wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen
hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer
meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem
Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig
irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt,
du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen
Gebäude nicht um Rath befragte.
Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so
komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein
Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich
werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch
nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch
da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen,
um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben,
mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer
ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es
sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen
sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich
dich.
Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an
Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der
der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band
zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder
zu.
Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im
Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun
Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich
beten.
Achtes Kapitel.
Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah
noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend
wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt
endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit
der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte
ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt
und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob
sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle
zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser
und leiser flüsterte es um Abdallah her.
Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die
Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen
Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser
Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand
erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so
fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen,
die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es,
als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und
doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar,
fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder.
Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der
Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren.
Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal
verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes
voriges Leben! --
Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein
Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, -- ein Gedanke überraschte
ihn. --
Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen,
das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst
vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser
Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften
Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will
ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen?
Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres
Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum
Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die
Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit
meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche
begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling
will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber
wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann
mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie
ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? -- Ich will hinaus und das
Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser
Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu
verschlingen drohen.
Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den
Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über
der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf
ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe
Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter
zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte
sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich
die Heerstraße und das enge Thal.
Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o
glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von
einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann,
Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und
so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir
fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen
entgegenrauschen?
Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen,
rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte.
-- Zeige mir den Weg zu meinem Glücke!
Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber
laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere
Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts
verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist
du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich
und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das
ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen,
denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn
du zitterst, oder sie muthig verachtest. --
O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein
Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei
mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und
mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. --
Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Plötzlich
sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten
unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das
Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher
Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein
betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie
ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein
scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte
wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen
und verflogen wie sinkende Sterne.
Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht
täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen
Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so
seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so
vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles
ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann,
ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran
vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir
nicht schaden. --