Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! --

Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wüthet, wie er noch nie

gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater

lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger,

dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden

Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige

Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen

Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie

durch Selims Tod wird gesättigt werden können. -- Dein Haus wird zerstört

werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim,

denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem

Sultan verrathen würde.

Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen

Hütte zurück. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel

der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes,

als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde

der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. -- Ich habe dich schon

vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du

hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner

Hoffnung trauen. --

Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.

Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte

zurückgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen

Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich

mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch

hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber

ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine

Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen

tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer

Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten.

Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen,

noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an

diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen;

wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen

werfen.

Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin

noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese

Welt zurückhalten.

Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet,

selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater,

er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es

war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu

verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett

seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten

Zimmer gefunden hatte.

Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg

aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren

Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf

durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem

Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle

Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein,

sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese

Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen

Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter:

* * * * *

-- -- -- -- -- »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung

überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen.

-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie

ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung

geb' ich dich frei.«

»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm

mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das

Unmögliche möglich machen!« --

»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der

wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne

Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch

neben mir.«

»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das

gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann

dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That söhnt

dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche

deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn

umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt.

Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen,

die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich

wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten

und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft

soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. -- Geh zurück und lies dir

einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich

deine Rechenschaft.«

Ich ging. -- Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine

Quaalen bezahlen. -- »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme,

-- »dort liegt mein Unterpfand!«

Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen

hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit

tausend Armen zurückgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach

langem Stillschweigen aus. --

»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich

von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache

sättige.«

Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir

alles zu sagen. -- Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme,

du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte

zusammenstürzen will!

»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, -- »o hab' ich mich an der Menschheit

wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern

wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar

zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als

dein Freund?« --

Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen

Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!

Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir

rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert

Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns

durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große

glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben

der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich

mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und

Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.

Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und

wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.

Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt,

die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich

her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe

allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die

Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft

gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn

entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen

wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine

Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie

eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den

unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich!

Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle

Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine

blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine

heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde

zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß

endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck;

ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth;

bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir

dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt

noch für die Tugend.

Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich

gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche

diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter

Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das

dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt

gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und

es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen

glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei

wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des

Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet,

diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere

Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht

da. -- Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron

der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft,

dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts

halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß

dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der

Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel

gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein

Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das

innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt

hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über

die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der

Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl,

das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch

dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.

Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne

Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch

der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater

sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir

ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen

tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig

untersinkst.

Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe

nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand

deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst

nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein

Glück und Unglück scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner

Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese

Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber

vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse

des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich

in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine

Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters

hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir

bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund

_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht,

voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am

sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen

Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben

wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit

flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die

Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen

entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück.

-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze

Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne

nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem

dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger

entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die

bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thräne

endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor

deinem eigenen Schatten zurückstürzest? -- Verehre den Schöpfer und

seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma

nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten

Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang

wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen

hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer

meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem

Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig

irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt,

du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen

Gebäude nicht um Rath befragte.

Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so

komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein

Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich

werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch

nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch

da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen,

um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben,

mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer

ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es

sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen

sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich

dich.

Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an

Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der

der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band

zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder

zu.

Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im

Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun

Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich

beten.

Achtes Kapitel.

Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah

noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend

wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt

endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit

der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte

ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt

und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob

sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle

zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser

und leiser flüsterte es um Abdallah her.

Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die

Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen

Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser

Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand

erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so

fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen,

die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es,

als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und

doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar,

fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder.

Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der

Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren.

Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal

verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes

voriges Leben! --

Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein

Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, -- ein Gedanke überraschte

ihn. --

Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen,

das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst

vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser

Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften

Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will

ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen?

Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres

Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum

Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die

Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit

meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche

begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling

will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber

wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann

mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie

ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? -- Ich will hinaus und das

Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser

Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu

verschlingen drohen.

Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den

Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über

der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf

ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe

Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter

zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte

sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich

die Heerstraße und das enge Thal.

Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o

glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von

einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann,

Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und

so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir

fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen

entgegenrauschen?

Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen,

rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte.

-- Zeige mir den Weg zu meinem Glücke!

Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber

laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere

Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts

verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist

du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich

und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das

ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen,

denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn

du zitterst, oder sie muthig verachtest. --

O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein

Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei

mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und

mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. --

Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Plötzlich

sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten

unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das

Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher

Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein

betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie

ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein

scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte

wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen

und verflogen wie sinkende Sterne.

Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht

täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen

Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so

seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so

vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles

ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann,

ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran

vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir

nicht schaden. --

Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band · 第 5 / 21 题