Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't sich alles auf;
gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so
kömmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt
dir deine verlorne Ruhe wieder. --
Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem
Geiste, wie dieses schwere Räthsel aufzulösen möglich sei. --
Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn sähest
du in der Tiefe der Ungewißheit den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge
dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen
sollst, o so wäre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurückzagen
könnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein
falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes Glück
abgewönne.
Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. -- Aber du
traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir
dieser Ring. -- O möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! -- Itzt lebe
wohl. --
Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände.
Neuntes Kapitel.
Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring
vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der
Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah
ging mit langsamen Schritten vorwärts.
Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es
ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die
Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage
durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze,
undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen,
war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die
Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene
unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe
den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er
laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte.
Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die
Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte
Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken
nieder. -- Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes
unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. -- Er athmete
bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie
ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf
dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte
es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so
einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das
erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang
ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues
Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das
bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte
mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich
durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre
nahe, ihn zu trösten. --
In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere,
als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht
entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in
hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht
sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um
die ferne Helle. -- Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher,
das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. -- Schon sah er
deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller
von seinen Augen hinweg, -- als er vor einem Pallaste stand, aus welchem
ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse
vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. -- Der Strom
floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das
Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden
Tönen nach.
Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer,
und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen
in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und
wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig
sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend
und klagend weiter. --
Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr
zusammen. -- Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem
benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück,
das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe
wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, _zurück_ führt
es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab,
um es wieder aufwärts zu tragen. --
Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese
Worte geschrieben:
»Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter
dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der
Pfad der Rettung. -- Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen,
so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter
der Thür.«
Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den
hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn
hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling
staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten
wimmelte um ihn her. -- Er ging über den gepflasterten Hof, jeder
Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die
Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles
stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu
öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das
Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie
ein Grab. -- Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch
viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür
und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.
Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der
Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich
umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein
Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust
herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem
Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. --
Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den
schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn
zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im
Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und
Anbetung in seine Augen drängten.
Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel
vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein
Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe
und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf
Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von
wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der
letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu
schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell,
der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer
zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den
entzückenden Melodieen.
Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer
größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt
der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges
auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von
neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen
Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich,
er glich einem leicht gewundnen Nebel, -- endlich öffnete er die Augen,
es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen
Rauch bricht.
Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und
erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das
ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den
Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die
große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?
Abdallah schwieg. -- Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich
fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich
gefunden hast. -- Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit
aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will
dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen,
um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will
ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich
dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in
die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.
Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien
ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen
ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig
seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern.
Tugend? rief er geängstigt, -- o wo geht der Strahl auf, nach welchem
die Menschheit so ungestüm sich drängt? -- Wo ist der Grund, auf dem der
Thron der Gottheit ruht? --
Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißt _Genuß_!
-- Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz
in die Wirklichkeit warf -- wie kann er sich so trotzig aufrichten und
nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? -- Wie kann er
vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen
Waage abwägen zu lassen? -- Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und
träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der
eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den
Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht
verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. -- -- Ein
Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu
brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die
Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück,
woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder
bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.
Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der
Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben
ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am
Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen,
sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen
wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt
wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung.
Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens,
tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die
Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt
nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?
Das Kochen seines Busens ward wüthender, er schlug heftig an seine
Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen
glühten und schwangen sich herum wie Feuerräder. -- Ein Grinsen
fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte und hielt dem
bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln in starrer Wuth entgegen.
Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt
wankte es hin und her wie _Omars_ Gesicht. --
Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genuß ist die
Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist
zertrümmert, ein blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne
Hand aus, -- alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit thront in
der Schöpfung!
Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater
wirft sich deinem Glück entgegen, -- Vatermörder! Stoß ihn nieder und
sei mir gegrüßt! --
Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit
zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder goß sich
über seinen Körper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß
benetzte seine Stirn.
Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemächer
und Säle öffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wüster
Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsäuselt. -- Er kam an eine
Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drängten. -- O es
ist fürchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu öffnen und
zu wissen, daß mir Schrecken entgegenspringen.
Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder
wieder zurück. -- In einem großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm
und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten
tanzend auf und ab. -- Ein Riesenkopf mit verzerrten Zügen wankte auf
zwergartigen Körpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in
wilden Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie
rauschten immer schneller und ungestümer vorüber, die Flammen der Kerzen
zitterten. -- Vatermörder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und
riß ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, man führte
ihn taumelnd in den fürchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn
der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die
Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lächerlicher
Entsetzlichkeit wälzten sie sich um einander her und hüpften mit
fürchterlichen Geberden. -- Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine
schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen;
eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe rückwärts, deine _Zulma_
steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen
stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an,
alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. -- Sie reichte ihm eine
lange dürre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit
lautem Gebrüll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem
Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. --
Zehntes Kapitel.
Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen
durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dämmerung erhellten.
Ein schneidender Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde wehte
traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes Grab fiel es hinter ihm
zu.
Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen eiligst, Gestalten
gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten,
er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden
Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling.
Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im
Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem
Mark meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur Welt nicht zurück,
die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem gräßlichen Thor
angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in
Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wüste
hinausgestoßen, begrüßen mich nur die Ungeheuer der Nacht. -- Über
welche Steppen soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung
streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt
und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im
Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine
Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hörte, aufgespart,
um eine Hölle hier aufzubauen.
Er ging über eine große Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrückt,
von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, von jedem erquickenden
Gedanken abgewiesen. Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie
von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen
den letzten Schrei ausbrüllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der
zerschmettert von Felsen stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf
Klippen zerspringt:
Wir sind des großen Hauses
Gewaltge Wächter. --
Das Thor ist Verzweiflung,
Der Eingang Wahnsinn,
Jammergeschrei,
Schaudergebrüll
Sind die jauchzenden
Wonnegesänge,
Die aus der Wohnung
Dem Fremdling tönen. --
Ewig! Ewig!
Sieht der Gequälte
Marterzermalmte
Mit schwerem Ächzen
Nach der letzten Quaal.
Aber sie kömmt nicht,
Aber sie naht nicht,
Nimmergesättigt
Knirscht der grausame Zahn
An ihren Gebeinen. --
Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie des Gesanges.
Abdallah kam näher. --
Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen
Felsenweges, der sich in geschlängelten Krümmungen wand. Sie standen
gebleicht und zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie des
Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr
weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften
flatternd durch die dämmernde Finsterniß und seufzten in dem feuchten
Nachtwind; mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die Wüstniß hinaus
und aus den grinsenden nackten Gebissen drängte sich der zerschmetterte
Gesang hervor.
Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn angefaßt und ging in
einer dumpfen Gleichgültigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. --
Vatermörder!
Auf des Vaters Leichnam
Tritt in das Heiligthum der Schauder! --
so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen
näher.
Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewälzt, blaß, mit
geschwollenem Gesicht und fürchterlich aufgerissenen Augen. -- Er
schritt über den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr
ihm knirschend nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern
verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war kühn
durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser
Erinnerung bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den Gesang
und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte mit Verzweiflungseil durch
die Krümmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte
ihren Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. --
Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen
schroffen Winkel, er hörte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre
Schädel über die Felsen her blinken, -- stumm, ohne Gefühle stand er
da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in seinem
dämmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her,
-- er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.
* * * * *
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Hütte, er
öffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten
Gegenstände wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte
die Decke und die Wände des Zimmers lange mit weit geöffneten Augen an,
es schien ihm unmöglich, daß er das sähe, was vor ihm stand. -- Der
Morgen säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher Strahl
schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch
das Fenster, -- lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Händen,
denn _Omar_ saß neben ihm. -- Er stritt lange mit sich selbst, ob er es
wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien
ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste
von allen.
Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum zurück, sagte Omars
freundliche Stimme.
Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt vor sich nieder.
-- Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme,
-- o wo fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß mich sie
finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. --
Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit
plötzlichem Schrecken zurück. -- Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum
sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner
Stimme?
Warum? rief Abdallah lauter. -- Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und
ihren Schrecken gehört, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den
Flüchtling einholen, der dir entlaufen ist? -- Geh, wo mitternächtliche
Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung,
taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein _Mensch_!
Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei
meiner Zurückkunft giebt?
Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem gräßlichen
Schlunde, in welchem tausend Mißgestalten sich übereinander wälzten und
verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, sein
Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge
zu betrachten, aber ein trüber Schleier zog sich vor sein Gesicht.
Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft gemacht, sprach
er, die Hölle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingeführt, ein
großes Siegel hat sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief
gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich weiß
nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen
Menschenbusen gewagt, die Hölle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder,
die du pflanztest, sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich
selbst vergiftet. -- Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurück,
bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugniß bringst, das
dich wieder unter die Menschen einschreibt.
Abdallah! Abdallah! rief _Omar_ aus, deine Träume sprechen noch aus dir;
nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich
Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?
Zulma! rief Abdallah aus, -- dieser Klang ist der einzige in der ganzen
Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlägt, diese
Melodie ist mir in der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine
Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür gewonnen. -- O
alle meine Erinnerungen sind Lügner, oder du warst es, der mir diesen
Diamant in der Finsterniß schenkte.
_Omar._ Ich that es, -- aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder
hat mich ein Lästerer aus deinem Herzen gerissen? -- Welche Hand hat
jene Gemälde verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in deiner
zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel
verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das
Meer verweht, daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem aus dem Boden
keimt? -- o dann hab' ich meine schönsten, meine letzten Jahre wie ein
Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe
anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, -- dann hab'
ich keine Freude mehr, als das Grab. --
_Abdallah._ Du willst in meinem Herzen Fürsprecher erwecken, die ich
selber nicht wiederfinden kann. -- Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht
wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O
allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, die mich unbarmherzig
zurückwirft. -- Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach,
vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer
leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen
Possenspielen und Furchtbarkeiten träumt und beim Erwachen sich selbst
verspottet.
Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu
Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben,
wie lange ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen hast,
unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit
dir hat mir Arbeit gekostet, du ließest dich von meinem Mißtrauen nur
schwer zu Boden ringen.
Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die ihm Nadir in der Nacht
gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. -- Siehe, schloß er
seine Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen
Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Gräßlichkeiten nach einem
Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit
täuschender Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von sich jagte,
-- ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermählen, meine Hochzeit wird
sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam
meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die
Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft
vorübergezogen ist.
_Omar._ Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, daß alle diese
Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden
gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges
zurückfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher
und fand dich schlafend.
_Abdallah._ Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette?
_Omar._ Beim Propheten!
_Abdallah._ Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die
wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. -- Was sind alle
meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? -- Wenn der Herr
in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder
zurechtweisen läßt? -- Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich
gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie
eine Schlange meinen Händen entschlüpft? -- Woran soll ich dann nicht
zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß
ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer
stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf
diese bedenkliche Behauptung schwören! -- Welchen Gehalt hat dann der
Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze
erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und
glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht
sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in
die dämmerungsvolle Grube fährt.
_Omar._ Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis
der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist,
den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum
willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu
gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so
lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte?
_Abdallah._ Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem
Schicksal!
_Omar._ Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd'
ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so
genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten.
-- An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel
dich aus dem Schlafe weckte, -- an jenem Abend sannest du über neue, dir
unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne
mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, -- ein
Greis eilt auf deinen Omar zu, -- wer könnte Omar hassen, da _du_ ihn
liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde -- und du bist
eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieser _Nadir_ ist schon
seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt
bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah,
warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in
mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den
Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese
Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen
Jünglings-Herzen den _menschlichen_ Freund zu nehmen und ihm ein fremdes,
kaltes Wesen dafür zurückzugeben. -- Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit
geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer
ich bin. -- Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du
staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du
erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun
deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn
ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine
verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem
Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. -- Ich nehme Abschied von dir
und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden
würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser
Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für
Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind
Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der
dich unglücklich machen will. -- Du kömmst in Gedanken zurück, du bist
nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf
und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. -- Nadir
will dich retten, Omar will dich elend machen. -- Nur etwas Großes,
Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, -- in diesem
Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so
entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen
glaubst. -- Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir
Zulma ewig verloren sein? -- Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung
schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen
vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der
Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße
Versprechungen an sich und du schläfst ein. -- Schwarze Traumgestalten
nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen
in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer,
Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen
dich mit höllischen Gesängen. -- In diesem Traume finde ich dich, von
meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das
ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft'
ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden,
daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah
mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem
alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. -- Ja Abdallah, du mußt mir es
glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich!
-- Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet
und dürstet nach Liebe, -- dich hab' ich gefunden, dich hab' ich
ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in
mein Grab einschließen, -- o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges
Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück;
willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam
und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das
wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser
innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir
ausgehalten. -- Ja, Abdallah, du bist wieder mein!
Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die
Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen
redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe
geliebt hatte, -- er fiel weinend an seine Brust. -- Ja! ja! rief er
laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen
auseinander reissen!
Selim erwachte. -- Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in
dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich
nicht wecken wollten.
_Omar._ Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine
schwere Hand gegen dich ausgestreckt.
_Selim._ Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine
Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung
halten, -- sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel,
meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?
_Omar._ Ich sehe nichts. --
_Selim._ O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich
verdrossen in den Wellen untertauchen. -- Nun erst fängt mein Unglück
an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab
gegeben, auf dem ich mich stützte, -- aber itzt wird mir das Leben eine
Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk
ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. -- In
dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der
Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach
und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten
emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? -- Nein, Omar, blicke noch
einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft
umher, -- kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die
das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?
_Omar._ Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen.
_Selim._ O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. -- Aber
ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück und
_selbst_ den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel,
-- o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist
glücklich.
_Omar._ Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit
erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. --
Abdallah verließ das Zimmer.
Zweites Kapitel.
In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des
Waldes auf und ab. -- Ja, -- sprach er zu sich selbst, -- Omar ist mir
zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer
Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er _soll_ es sein, mir und dem
Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen:
denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige
Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle
Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und
ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist
richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner
Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen
Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen.
Mein Vater wünscht zu sterben, -- o ich sehe schon in der Ferne die Woge
schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe,
herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. -- Das
Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf
jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe
plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der
Gegenwart. -- Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und
zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter
goldnen Flammen auf, -- das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und
der Geliebten wählen, -- o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Es
_muß_ sein, es kann, es will nicht anders. -- Welcher Sterbliche kann
den Eigensinn des Schicksals brechen?
Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen
und stand itzt auf der Landstraße. -- Die Stadt mit ihren runden Moscheen
lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne,
er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei
sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an
die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in
die Stadt hinein.
Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß
Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm
selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken
reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen
Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn
unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer
geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu
lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen,
alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts
sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.
Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen
nach den Fenstern des Altans hinauf, -- er sahe Zulma, sie blickte
verstohlen hinter einem zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum
aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend
zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer
ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe
nach den Blumen des Altans. -- Die Rose war hinter den Citronenbaum
gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das
Sinnbild der Furcht. --
Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt an den Pallast seines
Vaters. -- Wehmüthige Thränen traten ihm in die Augen, als er so
unbarmherzig alles zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie
verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und
Balken aufeinander gehäuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers
auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf
denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich
noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das
bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und väterlich aufgenommen
hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt
hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er
sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken
seiner Seligkeit schien ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und
bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den
schönsten Freuden genährt hatte.
Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das
laute Schmettern einer Trompete hörte, von einem verwirrten Getöse und
Geschrei des Volks begleitet; er kümmerte sich nicht um das Geräusch,
nur klang es ihm, als wenn er den Namen _Selim_ laut habe nennen hören.
-- Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und er sahe einen Herold auf einem
Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß
und dann laut ausrief:
»Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den
Verräther _Selim_ lebendig in die Hände des Sultan's liefern
würde, seine berühmte, schöne Tochter _Zulma_ als Gemalin dafür
zum Lohn erhalten solle.«