Der Greis verschwand wieder in den Felsen. --

Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde

heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken

langsam zur Stadt zurück.

Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn

durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen

Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.

Zweites Kapitel.

Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast

Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu

gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausführung

unsers großen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen,

es sei. -- Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer

Unternehmung die Hand.

Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert,

zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude

und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten

vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen

ihren Anschlag gegründet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in

dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage,

einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen

und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die

Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen

waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der

Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.

Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf,

schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre

Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große

Wurf gewagt werde?

Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an

die Mauer.

Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!

Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die

Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und

handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war fürchterlich, ein

kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt

ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in

die Kindheit zurückgeführt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und

aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das

mein Blut in Eis verwandelte? -- Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein

Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen

winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus

mit Leichen angefüllt. -- Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister

mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen

schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in

sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals

bereit. --

Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von

Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das

Dach des Pallastes. --

Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem

herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal

entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir

auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück

seine holden Zeichen entgegensendet. --

Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:

Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart

angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht,

und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen

Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen

gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth

vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der

Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte

Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie

enträthseln _wollen_, heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine

Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große

Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen

warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen

müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu

zittern? -- Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die

Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen

nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so

sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich.

-- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln

Ahndung der Gefahr zurückzittert? -- Kein so begünstigender Tag als

der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist

es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber

aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben

benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen

Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir

erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen

Erwartungen zu leben.

Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten

seinem Beispiel. -- Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den

Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle

warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.

Drittes Kapitel.

Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh,

drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen

die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen

Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert

Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht

wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben

dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren

ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen,

seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten

wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten

überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die

Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.

Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die

Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine

knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte

Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man

von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Blätter lese? Oder

sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann

meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden

Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel!

was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm

ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir,

-- sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab

-- und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er

nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht

unendlich ersetzen könnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar

sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken

soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in

dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß

kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst

einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren,

mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst

verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter

lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher

an dir zu hangen.

Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:

* * * * *

Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und

jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte

zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe

sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen,

durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der

ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten

dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete,

was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die

edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach

erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der

Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum,

das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit

Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern,

diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. --

Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur

Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten

sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du

stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel,

von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch

von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen

Nachsinnen stehst. --

Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten

Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar

die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf

der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens

hinaufklimmst, -- o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen

und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen

Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen

-- und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Könntest

du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest

da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist

unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums

dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem

zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein

Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen

Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer

ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des

Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der

Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen

schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt

vom Himmel herabsteigen zu sehen.

Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen?

Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein

Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als

ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel

entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen

und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten,

wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie,

wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große

Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht

sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den

Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu

Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große

Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein

gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest.

Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne

dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über

die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen,

die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten

und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze

verschmachten will. --

Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein

achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des

Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. -- Seit meiner

Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren

und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling

schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine

gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein

Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche

durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die Schwäche

_meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten

Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus,

und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung,

ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum

Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch

meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich

mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung

geläugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dämonen zu

glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der

Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt

lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich

hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu

liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche

möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege

durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.

Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weise _Achmed_, der

die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab,

mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die

Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen

und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm

mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich

durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine

Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die

zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen

Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. -- _Omar_ war wie ich ein

Schüler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in

den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir mußten beide dem edeln Achmed

mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude

zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und

so dem Ewigen ähnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt

war die unsrige.

Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der

Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth

sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen,

ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich

die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der

menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift

höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß

sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die

Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet

hat -- und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine

eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir

durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine

Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nur _einen_

Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte.

Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte

nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen

einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund

und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber.

Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem

Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt

und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und

der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte

ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem

Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise

setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.

Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier

wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst

und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. -- Er eilte in

meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir

erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:

»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich

herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer

Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins

raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«

Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah

schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar

fuhr also fort:

»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des

weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum

unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir

Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter

Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds

Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen,

denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne,

hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich

eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.«

»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie

Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern

Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des

Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein

Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich

-- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher

wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg

ewig unmöglich zu machen.«

Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine

Rede. -- Mein Freund fuhr fort:

»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen

die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß

sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt

und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern

streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden

ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit

entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig,

ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt

sei. -- Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist

gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste

der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den

Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe,

denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er

ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von

gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein

Name war die Loosung zum Schrecken.«

»_Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen,

hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben

finden. -- Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die

hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften

Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt

vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern

und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche

Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer

und kühner aufgethürmt.«

»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die

unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren

Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das

Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten

winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll

nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen

hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe

gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit

zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß

auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich

setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die

Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die

Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder

angewinkt zu werden.«

»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher

die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich

erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen.

-- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser

wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier

eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und

unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere.

-- Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine

meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt

zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon

vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« --

»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen

zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch,

erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod

seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und

dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete

mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle

gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz

und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«

»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das

rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder

brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein

verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste,

kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen

grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier

selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften

Stille.«

»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste

Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber

fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten

Schlünden.«

»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen?

fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch

darf ich selber über meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der

Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle

bleibt den Unbefriedigten übrig, -- ich kann nicht anders, ich würde

nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: -- und zugleich stieg ich

in das fürchterliche Thal hinab.«

»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den

unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.

»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. -- In einer halb dunkeln Grotte saß ein

Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem

Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine

Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen

sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen,

um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich

bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht,

die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften

Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen

aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit

Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«

»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem;

sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten,

von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«

»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift!

Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das

Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude

suchen.«

»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der

meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.«

»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze

hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es

gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele

und Schauder mir die Zeit verkürzen. -- Was suchst du hier?« --

»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme

mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und

vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.«

»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in

ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verläugnest

die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst.

_Ein_ Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen

zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht

tödtet!«

»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine

Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«

»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so

kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet

werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst

du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du

ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, -- so hat es der

Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wenn

_Vernichtung_ möglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und

beherrschten -- o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« --

»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. -- Voll Frechheit kömmst du hierher,

sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem

meinigen nähern könne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht

verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken,

die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist

verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.«

»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das

mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein

Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner

Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als

deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne

Bewußtsein zu deinen Füßen windet.«

»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen!

Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht

erfüllen.«

»Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur reiß mich aus diesem peinvollen

Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch

dafür verabscheuen!« --

»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der

Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und

Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht

zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von

ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen,

_meine_ Freude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie

in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn,

dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das

Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre

Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte

schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann

ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang

dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du

mein!«

»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.«

»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung,

jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund

des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie

sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem

großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge

sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum

Greise wird.« --

Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. -- »Und du schwurst den Eid?«

rief ich erschrocken aus. --

»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war

ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte

bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« --

»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken

waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine

vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren

ehern, mein Busen Diamant.«

»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche

segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen

entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten

das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit

hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem

Leben auf der dürren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück,

die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein

ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend

Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd,

so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt,

die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind,

ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit

ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit

wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann

sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu

enthüllen strebe.«

»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht

um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören.

Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde

entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt

reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen

und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die

Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in

ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß

der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine

Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine

Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich

mußte ihn _strafen_.« --

»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er

war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber

ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er

endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des

Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und

tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_;

Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem

kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur

noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. -- Ich ging unter

den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte

liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden

Menschengedanken von mir zurück, -- so fand ich den armen, vormals

glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da

flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den

entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick

vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in

den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz

finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab'

ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich

ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht,

wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.«

»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück,

ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. -- Mondal trat

mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem

Hohnlächeln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen

war so frech -- und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm

ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er

spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung,

die donnernd wieder zusammensprang.« --

»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich

am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen

bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte

Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer

von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des

Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und

schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen.

Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von

Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid

um mich her. -- So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten

dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen

flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich

herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den

unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerührt, oder der alten

Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust

bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und

neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer

schweren Bedingung geb' ich dich frei.« -- -- -- --

Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes

Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestürzt eilte er an's Fenster

-- und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. --

Viertes Kapitel.

Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze

entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit

der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit

entblößtem Säbel stürzte er hinaus.

Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven

wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die

Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen

Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der

Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen,

einige Sklaven flohen, andre stürzten todt nieder, -- und itzt sahe

Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken.

Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine

blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht,

die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und

ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund

_Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wüthend, -- auch du bist mit meinem

Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und

gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh'

er lebt noch.

Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit

einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem

Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem

Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid

Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so

brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der

Stadt.

Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken

schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus

seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.

Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen

Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah

verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich

nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt?

-- Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest,

denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. --

Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach

und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit

geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr

seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus,

-- o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel

herausriß und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, daß dein

Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir

durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht,

-- ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen!

Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf

ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum

hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste

Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein großes Spiel

gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus

-- und das Schicksal rief _Selim_!

Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.

O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich

weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. -- O warum kann ich nicht der

verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht?

Er ist freier und glücklicher als ich! --

Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn

auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er

ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde

fürchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu

einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. --

Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis,

sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu

spät und findet nur noch meine Schande. -- O dürft' ich eure verhaßten

Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute!

-- Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht

und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen

Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute

triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner

älteren Weisheit nicht traute. --

So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines

Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich

gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und

mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt

werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor

seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so

unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren

anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem

heutigen. --

Er ging getröstet weiter.

Fünftes Kapitel.

In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten

verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten

Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein

dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines

ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen,

um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz

zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein

Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert

Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen

Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt

den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen

Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in

einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur

mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. --

Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen

durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt

und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan,

Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die

Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den

benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber.

Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker

Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.

Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf

ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nähe rieselte eine Quelle vom

Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank

für seinen entkräfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o

daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner

Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger

Dankbarkeit verehre.

Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater,

ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei,

was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig

aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so

tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit

lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen,

alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber

auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. -- Der Himmel selber

wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück.

-- Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's

Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. -- Ich

wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß

sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen

Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der

Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit

Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel

bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier

verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, -- o wenn nur

_Omar_ zurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte

Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist,

ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist

kein Trost für mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig

bleiben, als mich in mein Grab zu legen.

Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß

über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die

Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas

über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters

und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim

umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz

ausgegossen. -- Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne

und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände.

Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich

durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß

sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften

Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und

schien auf das Athemholen Selims zu horchen.

Sechstes Kapitel.

Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe

plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte

immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines

Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer

kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein

Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die

Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele

zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte

ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so

gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. -- Omar! sprach er leise zu

sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist

wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu

ihm hinaufkämpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren,

mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum

Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich

seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung

vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine

Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr

Wesen zu verändern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele

durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner

Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht

Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein

Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe,

Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor

ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln

an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus

der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen

Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich

dann in einen Abgrund zu zerschmettern.

Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst

meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war!

-- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir

auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit

sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte

so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die

Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir

einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus

der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner

Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst

am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann?

-- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten

dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und

schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so

fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich

in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als

diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl

verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete?

-- Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben

herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? -- Nein,

nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann

nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! --

Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern

Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken

schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den

Namen _Omar._

Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der

Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann

und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer

Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den

alten _Nadir_ hin, der mir die Blätter reicht. -- Nein, es ist kein

Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist

und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die

Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind

verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in

tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde!

-- Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke

knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend

Verderben brütet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist

die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien

mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll,

nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles

weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir

übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.

Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige

Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus

seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, -- zurück, zurück von

meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als

ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du

Betrüger dein Herz gelassen? --

Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze

Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger

Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist

noch übrig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja,

der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch

dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals

fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit

zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch

geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. --

Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter

wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise

auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er

schnell das Zimmer. --

Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der

wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken.

-- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne

weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde.

-- Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche,

flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein,

wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die

Heerstraße. --

Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der

Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich

leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger

Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne

sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen

schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den

Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer

»Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als

sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan

hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterniß

warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im

kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern

blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf

traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in

tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks.

Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen.

Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem

Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim

mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so

fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.

Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben

getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine

Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.

Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann,

er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben,

so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.

Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und

ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die

Strafe Ali's verdient.

Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie

hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah

hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast

seines Vaters.

Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe.

Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen

Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der

Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem

Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich.

Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des

Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals

Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer.

-- Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher

und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. -- Wie? -- rief er aus,

-- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht

einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe

Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit

rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?

Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine

Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem

Augenblicke ab, -- jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu

dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und

unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß

stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte

seine Hand darnach aus, -- es waren die erwünschten fürchterlichen

Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen

hatte. --

Siebentes Kapitel.

Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen

durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte,

trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen

und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln

hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch

die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein

einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine

Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie

unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte

lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige

Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung

Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die

tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte

Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche

und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen,

aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter

Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf,

aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung

einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.

Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht

entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück

und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn

kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren.

Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen,

ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte

fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen.

-- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth

gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, daß durch

meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich

dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert?

Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band · 第 4 / 21 题