und nach in dem schräg gegenüberliegenden Mützenladen einfanden. Sie
sah näher zu und entdeckte, daß einer nach dem andern herauskam, einen
Flor um den untern Rand der Mütze und um das Band. Ach, die Cimbern
hatten tiefe Korpstrauer? Wer mochte denn gestorben sein? Sie hatte
doch gar nichts gehört!
Da kam die Babett durch die Hintertür in den Laden:
»Freile Rosalie! Freile Rosalie!«
»Was is?«
»Habbe Se's denn noch nit geheert? Der Doktor Scholz von dene Cimbern,
wo vorgestern nacht hier geschlafen hat, den habe se heut morge im Wald
erschosse!«
»Ach, mach doch kee Geschwätz!« -- --
»Das is kee Geschwätz -- die Lies vom Friseer Boß driebe hat's mer
erzählt!«
Der Scholz ... erschossen ... im Wald --?!
Es war Rosalie plötzlich, als legten sich zwei kalte Fäuste um ihren
schönen Hals und drückten ihn langsam, immer mehr, immer mehr zusammen.
Aber sie mochte das nicht glauben -- es konnte ja nicht wahr sein ...
Aber ... wenn es nun doch ... und -- erschossen?! -- Im Wald
erschossen?! Das konnte doch nur ein Duell -- Straßenräuber gab's doch
keine mehr im Hessenland ... ein Duell ... und -- der andere? Wer war
der andere?!
Herrgott -- und Simon morgens um fünf aus dem Haus -- ohne Frühstück --
ohne Abschied -- --
»Mama!!«
»Was schreist du?«
»Wo is der Simon?!«
»Is er noch immer nit heemkomme? Ich hab en nit gesehen!«
»Gott sei mer gnädig!«
Sie stürzte zum Friseur Boß hinüber.
»Herr Boß -- is es wahr, daß der Herr Scholz von de Cimbre --«
Herr Boß sah sie von oben herab an mit der Miene eines Richters.
»Na, ich denk, Sie müßte das doch am erschte wisse, Fräulein Markus!«
»Ich?! Warum ich?!«
»Weil's Ihr eigne Herr Bruder is, wo en totgeschosse hat!«
Da schrie die schöne Rosalie auf und fiel gegen einen Barbierstuhl.
Und bald wußte die ganze Wettergasse, daß der Zweikampf, in dem der
weiland Cimbernsenior gefallen war, um der Rosalie willen ausgefochten
worden war. -- --
Indessen war bei Cimbria ein Telegramm aus Hannover eingegangen:
»Treffe halb acht dort ein, nehme meinen Sohn Hannover mit.+Dr.+
Scholz.«
Das hatte die Chargierten der Cimbria sehr erleichtert, denn allerhand
peinliche Sorgen traten nun an sie heran.
Eine Beerdigung in Marburg hätte zunächst ohne Beteiligung der
Geistlichkeit stattfinden müssen, denn diese würde schwerlich einem
Duellanten das letzte Geleit gegeben haben, der noch dazu um eines
Weibes willen gefallen war. Und das wußte schon am Nachmittag, infolge
der Szene im Boßschen Friseurladen, ganz Marburg.
Und wie stand es alsdann mit der Beteiligung der Studentenschaft?
Durfte das Korps überhaupt in der üblichen Weise mit einer Aufforderung
zur Beteiligung an die übrige Studentenschaft herantreten? Scholz hatte
zwar zuletzt in Berlin gearbeitet, war aber in Marburg immatrikuliert
geblieben und gehörte demnach noch der Marburger Studentenschaft
an. Wie peinlich aber wäre es für das Korps gewesen, wenn es die
Studentenschaft zur Beerdigung seines Seniors aus drei Semestern
eingeladen hätte, und einige oder gar viele Korporationen hätten sich
nicht beteiligt mit der Begründung: es scheine ihnen nicht angezeigt,
einem Toten die letzte Ehre zu geben, der unter solchen Umständen
gefallen sei! Und diese Antwort wäre zum Beispiel von den theologischen
Korporationen unfehlbar gekommen, meinten die Cimbern.
Der Entschluß des Vaters, den Sohn in der Heimat beizusetzen, überhob
das Korps aller dieser Unannehmlichkeiten. Es handelte sich nun nicht
um eine Beerdigung, sondern nur um die Überführung der Leiche von der
Anatomie zum Bahnhof. Und dieses Zeremoniell konnte das Korps füglich
als interne Angelegenheit behandeln. Nur den beiden andern Korps wurde
Anzeige gemacht, und beide erklärten sofort, daß sie um die Ehre bäten,
sich an der Feierlichkeit beteiligen zu dürfen.
Aber die Cimbern sollten die Erfahrung machen, daß der Tod die
Schranken niederlegte, die im Leben die verschiedenen Gruppen der
akademischen Jugend trennten. Im Laufe des Nachmittags fanden
sich von sämtlichen Korporationen, mit Ausnahme der Wingolf, der
katholischen Verbindung Rhenania und des Evangelisch-theologischen
Vereins, Vertreter auf der Cimbernkneipe ein, erkundigten sich nach
den Absichten des Korps betreffend die Beisetzung des Gefallenen und
erklärten gleichfalls, daß sie es für selbstverständlich erachten, sich
der letzten Ehrenerweisung für den in ehrlichem Männerkampfe gefallenen
Kommilitonen anzuschließen. Und dankbar und in beschämter Ergriffenheit
nahmen die Cimbern das Anerbieten der Kommilitonen an.
Inzwischen hatte die medizinische Fakultät ihre Genehmigung erteilt,
daß mit Rücksicht darauf, daß Scholz in Marburg noch nicht wieder
eine Wohnung gemietet habe, das Prosektorzimmer der Anatomie zur
Aufbewahrung der Leiche benutzt werden dürfe. Man hatte sofort beim
Gärtner Gewächsschmuck bestellt, und korpsbrüderliche Sorge schmückte
die kahle Stube, die schmale Holzpritsche feierlich mit akademischem
Totenprunk.
Als die Aufbewahrung der Leiche und die Ausschmückung des Zimmers
vollendet war, trat die Totenwache ihren Dienst an. Zunächst standen
der erste und zweite Chargierte. Von Stunde zu Stunde sollten sie dann
durch zwei andere Korpsburschen abgelöst werden, und danach sollten die
Füchse darankommen.
Werner hatte sich an all diesen Vorbereitungen nicht beteiligen können.
Die Fahrt vom Dammelsberg bis zur Anatomie zu viert mit der Leiche,
dann ...
Ja dann --!
Dann hatten sie Scholzens Leiche durch den hallenden Flur des
Anatomiegebäudes hinübergeschleppt in das Prosektorzimmer und hatten
sie auf den Tisch am Fenster gelegt ... und Wichart hatte sie in
Empfang genommen, hatte die breite Brust entblößt, die Wunde mit der
Sonde untersucht und dann still gesagt:
»Das Herz is glatt durchgeschlage --«
Und dann hatte der Anatomiediener Michel die Leiche entkleidet, und
in ihrer nackten, frischen Schönheit, noch unberührt vom Hauch der
Auflösung, hatte sie dagelegen im strahlenden Mittagslicht ...
Und wieder war Werner hinausgestürzt und hatte sich in seine Stube
geflüchtet -- hatte seinen fieberschauergeschüttelten Leib in die
Decken gewühlt und in dumpfem Grübeln um den Sinn dieses Schicksals
gerungen ...
War das Sühne?! War das die strafende Gerechtigkeit eines Ewigen?! Oder
war es nur ein Zufall ... ein Zufall, der nur für ihn, den Wissenden,
die Grimasse eines gerechten Gerichts, einer Sühne trug?
War es nicht Sentimentalität, war es nicht Romantik, in dieser
zufälligen Aufeinanderfolge deutungstiefe Symbolik zu suchen ... eine
Symbolik, eine Predigt, die der doch nicht vernehmen konnte, den sie
zuvörderst anging? Oder wurde gar die Seele des Entschlafenen in dieser
Stunde von einem Engel des Gerichts zur Konfrontation in den kahlen
Raum hineingeschleppt ... zur Konfrontation mit ihrem starren Leibe,
zur Konfrontation mit ihrer schlotternden Erinnerung an einen andern
starren Leib, der einmal auf der gleichen Stelle gelegen hatte, gleich
nackt und bloß? Zur Konfrontation mit der Erinnerung an eine andere
Stunde, da diese beiden nackten Leiber sich umschlungen gehalten hatten
in heißem, fieberndem Lebensüberschwang, und ein anderes Leben gezeugt
... ein Leben, dessen Wachsen und Schwellen die Mutter in Verzweiflung
und Tod getrieben hatte?!
Ja, ~wer das wüßte~! Wer Zeuge sein dürfte nicht bloß einer
willkürlichen Aufeinanderfolge von Ereignissen, die heute wirr- und
sinnlos nacheinander abrollten, morgen einmal für einen Augenblick den
Schein eines inneren, gesetzmäßigen Zusammenhanges annehmen, einer
höheren Ordnung, eines waltenden Oberwillens ... um schnell wieder aus
dem Kosmos in das Chaos zu zerflattern!
Ja, in das Chaos ... denn draußen auf dem Flur hatte in diesem
Augenblicke das wahnsinnige Verzweiflungsgeschrei eines Weibes
eingesetzt -- eines Weibes, das sich schuldig zieh am Tode des Mannes,
der vorgestern nacht in ihren Armen gelegen -- --
Schuldig?! Ach, Himmel ... war sie schuldig?! War sie nicht einfach
dem Gesetz ihrer Natur gefolgt, ihrer Natur, die sie zur Liebe, zum
gedankenlosen Genusse des Augenblicks, zum Kusse der Sinnenliebe
geschaffen hatte?!
Warum war der gestorben an ihrem Kusse und jene andern nicht, seine
Korpsbrüder, die doch auch in ihren Armen gelegen haben sollten?! Warum
nicht er, Werner selbst, den doch wahrlich nicht sein Wille gehindert
hatte, ein Gleiches zu tun?!
Nein, es war vergebens, in der ungeheuren Wirrnis dieses Daseins nach
einem Sinn zu suchen ...
Und jene Stimme, die er droben vernommen, als es zuerst geheißen hatte:
in die Prosektorstube mit ihm ... jene Stimme, die gesprochen hatte:
die Rache ist mein -- war sie etwas anderes, denn ein Reflex aus
Jugendtagen, der Widerhall eines jahrtausendalten Wahns?
Und vor dem frierenden Knaben, dem am sengenden Augustmittag unter
warmen Decken die Zähne schlugen und die Glieder schauerten ... vor
dem reckte sich das starre Riesenantlitz der Sphinx ... die blicklosen
Augen ins Unendliche gerichtet ... ins Unendliche.
* * * * *
Am Nachmittage ging Werner dann, Band und Mütze frisch umflort, zur
Anatomie, um einen Strauß weißer Rosen als Scheidegruß auf die Knie
seines Leibburschen zu legen.
Unterwegs begegnete ihm Klauser ... auch er trug einen weißen
Rosenstrauß.
Die Freunde hatten sich seit dem Dammelsberg-Abend noch nicht gesehen.
Stumm, ein Würgen in der Kehle, drückten sie sich die Hände.
Und schritten stumm selbander.
Nach einer Weile zog dann Klauser ein Zeitungsblatt hervor. Er gab es
dem Korpsbruder, wies auf den Rosenstrauß und sprach:
»Den hat mir eben ein Dienstmann gebracht.«
Werner entfaltete das Zeitungsblatt; er wußte, was er dort finden
würde; und unter der Rubrik der Familienanzeigen begann er zu lesen:
»Die Verlobung ihrer Tochter Marie mit Herrn Professor +Dr. jur.+
Wilhelm Dornblüth beehren sich ...«
Er konnte nicht weiter lesen. Seine Blicke umschleierten sich. Und er
schob seinen Arm in den des Korpsbruders und zog ihn an sich.
Und schweigend schritten die Jünglinge dem Hause des Todes zu.
Die Vorhalle der Anatomie war in einen grünen Gang ernsten dunklen
Laubes verwandelt. In der Prosektorstube stand nun der Tisch, vom
Fenster ab, mitten in die Stube hinein. Am Fußende Papendieck und
Krusius, in Wichs, Cerevis und Schärpe, Band und Verschnürungen
umflort, im Arm den blanken Schläger mit umflorten Farben. So hielten
sie die Totenwacht.
Über Scholzens Haupt hing das Cimbernbanner. Auf dem bleichen Gesichte,
das noch im Tode den hochmütig-starren Ausdruck wies, spielten
die flackernden Kerzen, glühten und mischten sich mit den letzten
Abendstrahlen, die durchs Fenster fielen.
Und Werner legte zuerst seine Rosen auf den toten Freund. Klauser aber
zögerte noch. Eine der weißen Blüten brach er ab und steckte sie rasch
in die linke Brusttasche. Dann senkte auch er seinen Strauß auf die
Bahre -- den Strauß, den ihm Marie zum Abschied geschickt hatte.
* * * * *
Der Frankfurter Schnellzug brauste heran. Der ganze Bahnhofsperron war
dicht gedrängt von dem Schwall der Studenten besetzt. Die Fremden,
die den Zug benutzen wollten, konnten sich kaum Bahn schaffen. Vorn,
wo der Gepäckwagen halten mußte, stand, mit Kränzen übersät, auf zwei
zusammengeschobenen Gepäckwagen, der Sarg. Obenauf der Kranz der
Cimbria mit riesiger, umflorter blau-rot-weißer Schleife. Und neben dem
Sarge, im Zylinder, eine totenblasse, hochaufgerichtete Männergestalt;
die hochmütigen, unnahbaren, herbgeschlossenen Züge waren den Cimbern
seltsam bekannt und vertraut: nur daß diese Augen, dieser schmale Mund
von buschigem Grau überschattet waren ...
Und rings umdrängten die Chargierten der Marburger Korporationen den
Sarg. Keine fehlte: auch die theologischen Verbindungen hatten sich,
unangemeldet, zu allgemeinem Staunen noch eingefunden. Voran das
leidtragende Korps, dahinter der übrige S. C. Und dann in bunter Reihe
Burschenschaften, Wingolf, freie Verbindungen und alle die andern. Alle
in Wichs, alle Farben umflort, heut einmal alle geeinigt unterm Banner
des Todes. Und hinter den Chargierten die ganze Studentenschaft, Kopf
an Kopf, alle die Tausend ... auch der Russe vom Dammelsberg fehlte
nicht.
Nun hielt der Zug. Neugierig staunend fuhren die Gesichter der
eleganten Reisenden ans Fenster, erst belustigt, dann mitergriffen von
dem feierlichen Schauspiel jugendlicher Totenklage.
Und wie man den Sarg in den Waggon hob, da senkten sich auf einmal alle
Fahnen der Verbindungen, die Mützen und Hüte der Tausend flogen von den
Köpfen, und Musik hob erschütternd an:
»Jesus, meine Zuversicht,
Und mein Heiland ist im Leben ...
Dieses weiß ich: soll ich nicht
Darum mich zufrieden geben?
Was die langemTodesnacht
Mir doch für Gedanken macht!«
Dann begleiteten die Cimbern den Vater zum Coupé, das graue Haupt
entblößte sich, dankend schüttelte er die Hände der Jünglinge, dankend,
doch starr, gemessen, tränenlos ...
»Fertig!« -- »Fertig!« -- »Fertig!«
»Abfahren!«
Schrille Pfiffe ... Pfauchen der Lokomotive.
Und die Schläger der Chargierten flogen blitzend in die Luft.
Aus tausend Kehlen schwoll zum feierlichen Klang der Hörner das
Burschenabschiedslied:
»Ist einer unser Brüder dann geschieden,
Vom blassen Tod gerufen ab,
Dann weinen wir und wünschen tiefen Frieden
In unsres Bruders stilles Grab.
Wir weinen und wünschen den Frieden hinab
In unsres Bruders stilles Grab.«
Und taktmäßig schlugen die Klingen zusammen ... in stillem Gruß wehten
tausend Mützen und Hüte dem Zuge nach ...
Ade -- ade -- ade -- --
Draußen sammelte sich dann der Zug.
Das leidtragende Korps Cimbria zog zuerst von dannen, stumm, zur Kneipe
hinauf, zum feierlichen Trauersalamander.
Die andern Korporationen aber nahmen die Flöre von Fahnen und
Cerevisen und Schlägern. Und bald klang ein flotter Marsch, und zu
schmetternden Lebensfanfaren ging's in endlosem Zuge, wie neulich zum
Dammelsbergfeste, dem Marktplatze zu.
Da traten die Chargierten inmitten des Platzes abermals zusammen, aber
diesmal senkten die Fahnen sich nicht, sie flatterten lustig in Wind
und Sonne.
Und abermals klangen die Schläger, hob sich Burschengesang:
+Gaudeamus igitur,
juvenes dum sumus;
post jucundam juventutem
post molestam senectutem
nos habebit humus+ ...,
+Vita nostra
brevis est,
brevi finietur --
venit mors velociter, rapit nos
atrociter, nemini parcetur -- -- --+
+Vivat academia,
vivant professores,
vivat membrum quodlibet,
vivant membra quaelibet,
semper sint in flore+ ...
Ja, und als sei schon vergessen, um wessen willen das jüngst
verloschene Jugendleben sich verblutet habe, klang's huldigend und
heiter auch also:
+Vivant omnes virgines
faciles, formosae,
vivant et mulieres
tenerae, amabiles,
bonae, laboriosae!+
Und:
+Pereat tristitia!+
klang's zum Schluß ...
Da schwollen, tief aufatmend, die Busen der jungen Studenten dem
Sonnenlicht, dem jungen Tage, der ersehnten Weibeshuld, dem Leben, ach
ja, dem lachenden, blühenden, hochaufschäumenden Leben entgegen --
Nieder die Traurigkeit ...
+Pereat tristitia!+
so klang's über Marburgs altehrwürdigen Marktplatz ...
-- -- -- --
+Pereat tristitia!+
-- -- -- --
Eine Straße weiter aber schrie ein junges Weib wild auf, als die
lebenlockenden Klänge herüberrauschten, daß die ganze alte Stadt zu
klingen und zu schwingen schien ... sie schrie auf in ihrer Kammer, in
ihrem Bett, unter den Händen des Arztes und der Mutter ...
Und stumm und verbissen schluchzte nebenan ein Jüngling in das
Taschentuch ... der einzige Student in Marburg, der ausgeschlossen
gewesen war an diesem Tage von der Scheideklage, wie vom Hymnus des
Lebens.
XI.
Der letzte Bestimmtag des Sommersemesters!
Die tiefe Korpstrauer hätte den Cimbern eigentlich die Verpflichtung
auferlegt, sich an den Mensuren nicht zu beteiligen. Aber das ging
einfach nicht, das ließ sich nicht durchführen. Und da ohnehin am
Abend der S. C. Abschiedskommers sein sollte und Cimbria hier aus
Rücksicht auf den S. C. nicht fehlen durfte, so wurde die Korpstrauer
für diesen Tag, es war der siebente August, ganz aufgehoben. Und
ohne die Abzeichen der Trauer erschien das Korps zu gewohnter früher
Morgenstunde auf der Wahlstatt in Ockershausen.
Vor allem hatten jene Korpsburschen noch einmal zu fechten, die Marburg
verlassen wollten, sei es, um mit Semesterschluß inaktiviert zu werden,
sei es, um im nächsten Semester als Vertreter des Korps bei einem
befreundeten Kartell oder befreundeten Korps aktiv zu werden.
Von den Chargierten wünschten Papendieck und Dettmer, welche beide
schon vier Semester aktiv gewesen waren, inaktiviert zu werden; der
Erste hatte die Inaktivierung auch ohne Mensur sicher, Dettmer, der
die dritte Charge tadellos geführt hatte, sollte doch noch eine letzte
Probe seiner Fechtsicherheit ablegen. Noch drei weitere Korpsburschen
baten um ihre Inaktivierung; von ihnen mußte Klauser nach seiner
Reinigungspartie noch eine tadellose Mensur schlagen, um Anspruch
auf sofortige Inaktivität zu haben. Böhnke wollte nach Leipzig zu
den Lausitzern, der Zweite, Krusius, nach Heidelberg zu den Schwaben
gehen. Das gab vier Partien, die unter allen Umständen gefochten
werden mußten. Aber der Zweite, Krusius, hatte den Ehrgeiz, am letzten
Tage seiner Führung der zweiten Charge noch mit einem möglichst
langen Bestimmzettel aufzuwarten, und hatte noch für drei weitere
Korpsburschen Partien verlangt und bekommen. Wenn man eine Stunde auf
die Partie rechnete, so konnte es, da der erste Hieb um sieben Uhr
morgens fiel, immerhin bis zwei Uhr nachmittags dauern, dann blieb
gerade noch Zeit zum Essen, Schlafen und Mensuren-C. -C., und dann
mußte man zum Abschiedskommers. Also ein gut besetzter Tag.
Und programmäßig wickelte sich das »Schlachtfest« ab. Jeder setzte
sein Bestes ein, das Blut floß in Strömen, und Wichart sowohl wie
seine Kollegen bei Hasso-Nassovia und Guestphalia hatten viele
Dutzende Nadeln einzufädeln, auch die Lieferanten von Sublimat und
Verbandstoffen kamen auf ihre Rechnung.
Klauser hatte das Unglück, seinen ihm eigentlich überlegenen Gegner im
dritten Gang auf eine mächtige Quart abzuführen. Da es sich um seine
Inaktivierung handelte, so mußte er noch einmal ordentliche Hiebe
bekommen, um dem Korps den Beweis zu liefern, daß er die gute Haltung
seiner Reinigungsmensur dauernd bewähre.
Krusius fragte sofort bei den Westfalen an, ob sie eine zweite Partie
für Klauser stellen könnten, und Paschke, der Senior, erklärte sich
bereit. Klauser blieb gleich anbandagiert in der Flickstube sitzen
und wartete geduldig auf seinen zweiten Gegner. Nach wenig Gängen
hatte Paschke ihn so zugedeckt, daß den kühnsten Anforderungen an eine
Inaktivierungsmensur +in puncto+ der Quantität der empfangenen
Prügel Genüge geleistet war, und ein Durchzieher, der die Unterlippe
bis auf die Zähne spaltete, gab den Rest.
Im Korps herrschte nur eine Stimme staunender Bewunderung über Klauser.
Der war mit seinem nervösen Temperament, seinem ausgesprochenen
Fechtehrgeiz -- immer ein nicht so ganz sicherer Mann gewesen, trotz
seines unverkennbaren Elans. Heute hatte er die beiden Mensuren mit
einer so vollkommen unerschütterlichen Gleichmütigkeit hingenommen,
als sei das einzig Lebendige an ihm der Mechanismus der bei der Mensur
beteiligten Muskeln. Und daß er inaktiviert werden könne, darüber war
kein Zweifel mehr im C. C.
Die nächste Partie hatte der Jungbursch Ehlert gegen Bandler, den
Dritten der Hessen-Nassauer, ein elegantes, fixes kleines Männchen, das
leicht, doch mit großer Gewandtheit focht.
»Sag mal, Krusius -- meinst du eigentlich, daß ich mit ~dem~
Handgelenk fechten kann?« meinte Ehlert im Augenblick, als der
Korpsdiener ihm das Paukhemde überstreifen wollte, zum Zweiten, der
selbst seine Abschiedspartie schon hinter sich und mit einem Dutzend
Nadeln hüben und drüben ausgepaukt hatte und nun schon wieder im
Sekundierwichs stand, um eine Partie nach der andern zu sekundieren.
»Donnerwetter! Das ist ja die reinste Knolle! Hast du das schon länger?«
»Ja, ich schlag mich schon vierzehn Tage damit herum!«
»Ja, Menschenskind -- das ist ja ... eh, lieber Wichart, willst
du dich mal einen Augenblick herbemühen? Der Ehlert scheint eine
Sehnenscheidenentzündung zu haben.«
Wichart tupfte Klausers zerfetzte Visage mit einem mächtigen
Wattebausch und befahl Werner, der auch dieses Mal beim Flicken des
Freundes Hilfsdienste leistete, zu halten. Dann trat er zu Ehlert.
»Nanu?! Mit dem Ärmche willst du fechte, Menschenskind? Du bist ja
e chloroformierte Kindsleich! Gleich machst du, daß du die Kleider
widder an den Leib bekommst, und dann Prießnitz, bis die Lappe nur so
runnerfalle!«
»Verdammt! Wen stell ich nun gegen den Bandler? Das hättest du mir auch
eher sagen können, Ehlert!« schalt Krusius.
Da fiel sein Auge auf Werner.
»Na, Leibfuchs Achenbach, wie wär's? Hättest du Lust, noch vor
Toresschluß vors lange Messer zu kommen?«
Ein siedender Schreck und zugleich ein jäher Stolz durchfuhr Werner.
»Selbstverständlich, Leibbursch.«
»Bist auch aufgelegt? Hast heut morgen nicht zu viel getrunken? Bist
gestern und vorgestern nicht beim Mädchen gewesen?«
»Alles in Ordnung, Leibbursch.«
»Na, dann runter mit der Weste und rin in die Lappen.«
Werner bebte denn doch am ganzen Leibe vor Aufregung, als er nun an
Ehlerts Stelle trat, Rock, Weste, Hemd ablegte und sich das Paukhemd
überstreifen ließ.
Und dann wurde das Herz durch ein kreisrundes Blech in Lederfassung,
die Achselhöhle durch einen seidenen gesteppten Latz geschützt, die
Hand schlüpfte in den wildledernen, ungefügen Kettenhandschuh, der
rechte Arm wurde vom Korpsdiener langsam und sorgfältig durch eine
endlose Umwicklung mit seidenen, zerfetzten und blutgetränkten Binden,
schließlich durch einen langen Zopf aus Seidengeflecht der Länge nach
verwahrt. Ekelhaft war das Gefühl, als nun die Halsbinde umgelegt
wurde, an der noch Klausers, Dettmers, Krusius' erkaltetes, klebriges
Blut starrte. Dann kam der Schurz, schwerfällig, steif von Strömen
angetrockneten Bluts. Inzwischen hatte schon ein anderer krasser
Fuchs, nicht ohne Neid auf das Glück seines Konsemesters, das Amt des
Schleppfuchses übernommen und stützte Werners schwer verpackten rechten
Arm.
Und über all den Vorbereitungen fühlte Werner dennoch nichts anderes
als das stürmische Klopfen seines Herzens, das immer munter trommelte:
»Du, jetzt geht's los! Du, jetzt geht's los!«
»So, nu stehe Se mal auf, Herr Achebach!«
Und Werner stand auf. Es war inzwischen im Saale laut geworden, daß der
krasse Fuchs Achenbach an Ehlerts Stelle einspringen solle, und fast
alle Korpsburschen kamen neugierig in die Flickstube, um zu sehen, wie
er sich halte. Es regnete Witze:
»Du, kleiner Achenbach, der Mann, der gleich auf dich zukommt, der will
dir was tun, den mußt du feste hauen, sonst haut er dich!«
»Du, Füchschen, stich den Gegner ab und nicht deinen Sekundanten, das
kostet fünfundzwanzig Em Korpsstrafe!«
»Macht mir meinen Leibfuchs nicht dammelig!« rief Krusius dazwischen.
»Aha! Wenn man den Herrn Zweiten zum Leibburschen hat, dann kommt man
als Krasser schon auf Mensur!«
Und Papendieck kam auch heran, sah Werner stumm und herablassend an und
zitierte schließlich wieder einmal seinen Landsmann Bräsig:
»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!«
Dammer kam mit einem Spiegel, hielt ihn Werner vor und griente:
»Nu darfste Abschied nähm von dei'm glatten Gesichte -- so kriegst es
nich wieder zu sähn!«
Und mit einem seltsamen Gemisch aus Grauen und Stolz erkannte Werner
sein jugendrosiges Gesicht in der abschreckenden Vermummung von
Halsbinde und Paukbrille, die Peter ihm eben anlegte und von hinten mit
so kräftigem Ruck zusammenschnallte, daß Werner rief:
»Donnerwetter, Peter, Sie sprengen mir ja den Schädel!«
»Schad't nix, muß so sinn,« sagte Peter gleichmütig.
»Bandler schon drinnen?« fragte Krusius.
»Ja!«
»Also los -- raus! Nein, warte -- liegt dir der Speer gut in der Hand?«