»Klauser --!! Himmel ... ~so elend~ hab' ich dich gemacht?!«

Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus.

Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die

plötzlich feucht geworden war.

»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten

suchend -- »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ...

daß das ~so~ bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne

Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...«

»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du

von mir?«

»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht

Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: >Einer

für alle, alle für einen?< Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht

und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben

soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung.

Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt

miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt

die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen könnte.

Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen

Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich

reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben

hinüber und herüber! Willst du?!«

»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt

sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen

Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos

aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ...

Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu

hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich

noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten

wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen

dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich

dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ...

dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im

vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen

... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht

wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die

acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch

deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich

dir dankbar sein ... Alter Herr.«

»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem

Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen

kann?!«

»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.«

Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling

hinüber, dessen Augen die seinen mieden.

»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir

selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden

kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf

berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst --

doch nein --«

»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?«

»Nein -- das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich

einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich

scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das

ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ...

ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.«

Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern

Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte,

schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor.

Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff

er langsam zu seiner Korpsmütze.

Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte!

Cimbria +vivat, crescat, floreat+!

Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen

brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung

gekämpft hatte ...

Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im

Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte

in der Sonne.

Wo wollte er denn hin?

Ach so ...!!

Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder.

IX.

Selbstverständlich hatte Werner von dem Ausfall des Ehrengerichts

nichts erfahren. Krusius, sein zweiter Leibbursch, hatte ihn noch

einmal auf dem Frühschoppen beiseite genommen: »Leibfuchs, du hast

heute morgen nichts gehört -- aber auch nicht das Geringste, verstehst

du mich?!«

»Nein, nein, Leibbursch, das versteht sich ja ganz von selber.«

»Also, allen Ernstes, auch nicht den leisesten Ton zu irgend

jemanden, wenn ich dir's raten soll! Du könntest die allertollsten

Unannehmlichkeiten haben.«

»Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein.«

Um halb drei waren dann beim Kaffee die beiden ersten Chargierten still

verschwunden, mit ihnen Scholz. Und keinen von ihnen hatte Werner mehr

zu sehen bekommen.

Auch Klauser war zwar beim Frühschoppen erschienen, hatte eine Zeitlang

stumm, teilnahmslos, unzugänglich inmitten der katerfidelen Runde

gesessen, war dann aber, kurz bevor das Korps zum Mittagessen aufbrach,

plötzlich verschwunden.

Und Werner war allein geblieben mit all seinem bedrängenden,

beängstigenden Wissen um das Schicksal der anderen. Und schließlich

hatte er sich dann aus dem Kreise der ahnungslosen Korpsbrüder, deren

inhaltlose Unterhaltung ihn heute geradezu anwiderte, losgemacht und

war stundenlang allein in den Wäldern herumgerannt, unfähig, das Grauen

vor dem Erlebten wie dem Kommenden zu besiegen.

Was mochte zwischen Dornblüth und Klauser vorgefallen sein, wenn

Willy Klauser, der Unberührte, der immer wie auf einer Wolke von

Reinheit zwischen den andern, den alltäglichen, gewöhnlichen Naturen

hingeschritten war, wenn der sich zur Lina geflüchtet hatte?! Was

mochte jetzt in ihm vorgehen? Welche Lösung würde er finden für das

Sphinxrätsel seines sinnlosen Elends?

Und der andere, der Vielerfahrene, der kalt überlegene Sieger --

hatte sich nicht auch vor dem plötzlich das Gorgonenhaupt aufgereckt?

Standen nicht beide, der Schuldlose wie der Schuldbesudelte, plötzlich

dem spöttisch grinsenden Schicksal gegenüber, das nach ihrem Herzblut

lechzte?

Daß Klausers junges Leben aus unheilbaren Wunden seine Kraft

vertropfte, das war offenbarer scheußlicher Hohn des Fatums -- hier

mußte jeder Versuch nach einer sittlichen Erklärung scheitern.

Aber was für ein Sinn lag denn darin, daß um eine Liebesnacht zwei

Jünglingsleben vor die Pistolenmündung gestellt werden sollten,

bis eins von ihnen die Kraft nicht mehr hätte, den Hahn der Waffe

abzuziehen? Und wenn nun einer fiele? Der arme, tapfere, kleine

Jude, der sein Leben so mannhaft für eine Tugend einsetzte, die

wahrscheinlich längst zerlöchert war, zum mindesten aber doch zum Falle

reif gewesen, wie nur ein rotbäckiger Apfel im September? Wenn der nun

fiele -- was für ein Sinn darin?

Aber selbst Scholz ... war er des Todes schuldig? War er es um

Rosaliens willen?

Also alle diese Not ohne Sinn, ohne irgendwelchen Zusammenhang mit

irgendwie erkennbaren, konstruierbaren Weltgesetzen ... wenn nicht eben

dies das Gesetz war, daß es kein Gesetz gab ...

Wenn nicht am Ende gar der Mensch wehrlos und machtlos dem Ansturm

der Dinge und Geschehnisse ausgesetzt war, auf nichts angewiesen

als auf seine eigene Kraft und Schläue, gezwungen, sich selber sein

Schicksal zu schmieden in trotziger Auflehnung wider die Brutalität

des Weltganges, und äußersten Falles noch mit der Herzensmacht begabt,

unbeugsamen Grausamkeiten des Daseins gegenüber unerschüttert und

trotzig zu fallen ...?

Und was war es denn, was jenen erst an das Herz des reinen Mädchens

und dann in die Arme der Buhlerin geführt, was diesen von einer zur

andern getrieben hatte zu immer neuem, flüchtigem Augenblicksentzücken,

dem dann immer, ach so rasch, Erkaltung, Ermattung, Abkehr und Jammer

folgen mußten?

War es nicht die gleiche, grauenvoll herrschergewaltige Macht, die

auch Werner wie ein unstetes Wild durch alle Abgründe des einsamen

Begehrens, des schaudernden Ergreifens gehetzt hatte?

Jene Macht, von deren Gnaden, auf deren Geheiß doch alles lebte, was da

war?!

Wie sie nennen, diese teuflisch-göttliche, paradiesisch-höllische,

dunkellichte, küssetränenblutbrünstige Macht?!

Die Liebe?!

Was war ein Name? Ein Name gab keinen Sinn, vermittelte kein Begreifen,

schmiedete keine Waffe ...

Und der einsame Knabe, der da oben am Waldrand im Moose lag und

herniederstarrte auf die alte Stadt, in der seinem jungen Leben so

Ungeheures aufgegangen war, der wußte keine Lösung für die stürmenden

Schauer, die dahinrasten über sein bebendes, schluchzendes Herz. --

Am Abend war dann Spielkneipe. Klauser hatte sich mit Unwohlsein beim

ersten Chargierten schriftlich entschuldigt; Scholz erschien nicht; die

beiden Ersten spielten ein Quodlibet mit zwei Inaktiven. Niemanden als

Werner konnte es auffallen, daß die beiden jungen Männer sehr blaß,

fieberhaft aufgeregt waren: die anerzogene Haltung verschleierte ihre

Stimmung vor jedem Auge, das nicht durch Mitwisserschaft geschärft war.

»Nun, was ist denn geworden, Leibbursch?« Schüchtern hatte Werner die

Frage gewagt.

»Geht dich nichts an!« schnauzte Krusius nervös ... dann sah er das

heißerregte Gesicht des Leibfuchsen und setzte in freundlicherem Tone

hinzu: »Nimm mir's nicht übel, Leibfuchs ... ich darf dir's nicht

sagen, auf Ehrenwort nicht!«

Da glaubte Werner genug zu wissen ... also wirklich ... morgen früh ...

Schon um zehn Uhr waren Papendieck und Krusius verschwunden ...

Da machte sich auch Werner von dannen ... er meinte Scholz noch einmal

sprechen zu müssen, ihm vielleicht die schwere Nacht, die vor ihm lag,

tragen helfen zu können ... sie waren ja Zimmernachbarn.

Aber in dem Zimmer, das in der vergangenen Nacht Rosaliens wilden

Liebesrausch umschlossen, war kein Licht. Bang klopfte Werner an: keine

Antwort ... er drückte die Klinke ... das Zimmer war leer -- keine Spur

von einem Bewohner -- Schränke, Schubfächer leer -- offenbar war Scholz

ins Hotel übergesiedelt, um nicht in der letzten Nacht mit jenem unter

einem Dache zu sein, der ihm morgen ...

Ins Hotel? Vermutlich ... und dann natürlich ins Pfeiffer ... das war

ja das Cimbernhotel.

Und von einer unwiderstehlichen Macht getrieben, rannte Werner

den Steinweg hinab und patrouillierte in der Dunkelheit vor dem

Pfeiffer auf und ab. Der Gasthof war schon geschlossen, in den

Wirtschaftsräumen jedes Licht erloschen. Nur in einem Zimmer des ersten

Stocks schimmerte noch Licht; das Fenster war geöffnet, und sachtes,

oft verlöschendes Geplauder von Männerstimmen drang auf die totenstille

Straße. Werner meinte einmal die sonore Stimme des Ersten zu erkennen.

Sonst vermochte er nichts zu unterscheiden.

Schließlich schien man droben aufzubrechen. Nach einigen Minuten Stille

rasselte in der Tür des Hotels ein Schlüssel; Werner drückte sich in

eine dunkle Haustürnische und sah, wie Papendieck und Krusius aus dem

Gasthof kamen und sich von Scholz verabschiedeten.

»Also schlaf nur gehörig,« sagte Papendieck. »Wir kommen um punkt halb

sechs und wecken dich, da kannst di man up verlaten.«

Sie drückten ihm die Hände und schritten wortlos, Arm in Arm der Stadt

zu.

Die Hoteltür wurde geschlossen. Nach kurzer Zeit erschien droben am

offenen Fenster Scholzens riesige, hagere Gestalt. Lange stand sie am

Fenster, regungslos; das Haupt schien, in den Nacken zurückgeworfen,

den Sternenhimmel zu suchen.

Werner aber blieb regungslos in seiner Nische. Er fühlte, daß er nicht

das Recht hatte, sich in die Seele des andern einzudrängen, die der

seinen nicht wesensverwandt war und ihrer nicht bedurfte, nicht nach

ihr verlangt hatte angesichts dieser lichtlosen Nacht, durch die sie

sich hindurchzuringen hatte.

Und er schaute nur stumm aus seinem Versteck zu dem Einsamen droben

empor und empfand zum ersten Male in seinem jungen Leben mit

erschütternder Gewalt die finstere Erkenntnis, daß es unter Menschen

keine Gemeinsamkeit gibt ... daß gerade in den dunkelsten Stunden des

Lebens auch der letzte Schimmer des fröhlichen Wahns zerfällt, als

könnte einer dem andern irgend etwas sein ...

* * * * *

Aus wirrem Schlummer fuhr Werner auf und war sich rasch bewußt, daß

dieser erwachende Tag ein verhülltes Schrecknis heranführe ... Er

fuhr auf; unmöglich, noch eine Sekunde länger im Bett zu bleiben ...

Luft, Luft ... und etwas tun, um zu vergessen ... um über die Stunden

hinwegzukommen, die ihn von der Gewißheit trennten ...

Er kleidete sich an, und während er sich wusch, vernahm er über sich

die leisen Tritte eines andern, der auch schon munter war ... der sich

auch ankleidete, um sein junges Leben an den wirrsten und zerfahrensten

Wahn zu setzen ...

Wie verrückt, was jener tat!! --

Und doch, wie begriff Werner den Juden da oben!

Ob jenes Mädchen vorher rein gewesen war -- was ging das den Bruder an?

Für ihn war sie rein gewesen bis zu der Nacht, als er, weiß der Himmel

wie, gewahr werden mußte, daß sie jenem andern das Lager schmückte ...

ihm hatte man sie entehrt, ihm besudelt in dem Augenblick, da er ihrer

Schande wissend geworden war ... und so lechzte jener nach Rache nicht

für die Unschuld seiner Schwester, sondern für das eigene, in den Kot

getretene Herz, für seine eigene, geschändete Bruderliebe ...

Nun tappte er die Treppe hinunter ... und durch die Vorhänge sah

Werner ihn auf die Gasse treten ... drüben standen zwei Herren, die

ihn empfingen: Herr Seydelmann und Herr v. Göhren, der erste und der

zweite Chargierte der Hasso-Nassovia, beide im Hut, nur das Band

schimmerte unter ihren Röcken hervor. Stumm begrüßten die Nassauer

ihren Waffenbeleger und schritten dann mit ihm von dannen, den Bergpfad

hinan, der über die Cimbernkneipe zum Schlosse führte ...

Und nicht lange, da klangen auch Schritte vom Steinweg her ... zwischen

Papendieck und Krusius kam Scholz ...

Aller dreier Gesichter waren fahl ... Krusius strich ohne Unterlaß den

blonden Schnurrbart, Papendieck rieb mit dem Zeigefinger immerfort an

seiner mächtigen Hakennase, Scholz hatte den Kopf hoch in den Nacken

geworfen und die Augen in das durchgoldete Blau des jungen Morgens

gerichtet ...

Da gingen sie hin ...

Und Wernern hielt es nicht länger. Er schlich hinter ihnen drein ...

sah sie hinter der Sternwarte zur Cimbernkneipe hinan einbiegen ...

erreichte dann wieder ihren Anblick, als ihre hellgekleideten Gestalten

sich durch die Heckenwege zum Schloß hinaufschoben ... sah sie unter

dem Torbogen des Schlosses verschwinden ... dann hatte er sie wieder

vor sich, als sie den Weg zum Dammelsberg einschlugen ... und so

schritten sie immer vor ihm her, die beiden Gruppen ... ganz fern die

Hessen-Nassauer, den kleinen, schäbig gekleideten, hochschultrigen

Simon Markus in der Mitte ... und dahinter, ihm zunächst, die drei

stattlichen Cimbern, der stattlichste in der Mitte ...

So schritten die Jünglinge in den Morgen des ersten August hinein ...

Und ringsum erwachte die Welt. Schon kräuselte erster Rauch aus manchem

Schornstein im Tal. Ein Bahnzug brauste von Frankfurt her die Lahnebene

hinauf ... lustig schwoll der Pfiff der Lokomotive, klang das Rasseln

der Wagen auf den Schienen. Und der Weg, auf dem man schritt, trug noch

die Spuren der Festnacht. Welke Blumensträußchen dorrten hier und dort,

verkohlte Lampions lagen am Wege.

Und nun nahm der Dammelsbergwald die vorderste Gruppe auf -- Werner

wartete, bis auch die zweite ein Stück in den Wald hineingedrungen

war, damit nicht ein zufällig zurückschweifender Blick ihn erspähen

möchte.

Und ein Wagengeroll hinter ihm ... schnell barg er sich hinter einem

Busch und sah einen der wenigen schwerfälligen Marburger Mietwagen auf

dem schmalen und steilen Wege sich emporwinden. Darin saßen der erste

Chargierte der Guestphalia und ein älterer Herr, in dem Werner nach

einigem Besinnen den Sanitätsrat Doktor Kuhlemann erkannte ... auf dem

Rücksitz des Wagens standen zwei Kästen: ein großer, verschlissener und

ein schmaler, niederer, eleganter.

Und dem Geräusch des Wagens folgte Werner. Es ging mitten durch den

Festplatz hindurch, wo von vorgestern noch fast der ganze Aufbau

vorhanden war. Die Arbeiter, welche die Aufräumungsarbeiten zu

besorgen hatten, waren gestern offenbar nicht sehr eifrig beim Werke

gewesen. Zerfetzt, zerschlissen schillerte das lustige Prunkgewand

des Festtages. Und spukhaft huschten durch das Hirn des Jünglings die

Bilder jener wirren Nacht.

Und plötzlich verstummte das Knirschen der Wagenräder. Werner bog ins

Gebüsch ab, schlich näher und sah, wie der Wagen auf dem Platze hielt,

den vorgestern der akademische Senat mit seinen Familien innegehabt

hatte. Herr Paschke, der Westfalensenior, war ausgestiegen und half

mit dem Kutscher zusammen den größeren der beiden Koffer aus dem

Wagen zu heben. Dann lud der Kutscher den Koffer auf seine Schultern,

und die Herren stiegen zwischen Büschen einen letzten Treppenpfad zu

dem obersten und größten der Festplätze hinauf, der vorgestern die

Marburger Bürgerschaft beherbergt hatte ...

Werner suchte sich durch das Gestrüpp einen Weg zu irgendeinem Punkte

zu bahnen, der ihm eine Übersicht über den Kampfplatz gewähren könne.

Eine fieberhafte Neugier war in ihm erwacht, die das Grauen seines

Herzens besiegte. Er wollte, er mußte nun alles sehen.

Aber der Festplatz war ringsum dicht mit einer Kette niederer, kaum

mannshoher Fichtenbäume umpflanzt. Unmöglich, da hindurchzudringen.

-- Werner mußte versuchen, auf einem Umwege einen höheren

Beobachtungspunkt zu erreichen.

Eine geraume Zeit verging, bis er sich orientiert hatte. Und plötzlich

fiel ihm ein, daß sein Tun nicht gefahrlos sei ... denn da oben würden

gleich Kugeln fliegen ... und daß jemand im Gebüsch herumkriechen

könnte, darauf war man da oben nicht gefaßt ...

Über diesem Sorgen, Erwägen, dem planlosen Hin- und Herklettern war

einige Zeit vergangen ... doch Werner gab seine Absicht nicht auf ...

das Abenteuerliche des eigenen Beginnens ließ ihn vergessen, daß

droben schon die Todeslose geschüttelt wurden:

Und plötzlich klang's vernehmlich durch die Stille:

»Eins ... zwei ... drei ...«

Und paff ... paff ... knallten zwei Schüsse, und dicht über Werners

Kopfe pfiff's hin, riß Blätter und dünne Äste von den Bäumen ...

Da packte ihn eine Angst ... und er stand ab und kroch durchs Gebüsch

zurück, dem Platze zu, wo das Wiehern und Scharren der Pferde den

Standpunkt des Wagens verriet ...

Wie still auf einmal alles ... Gott ... vielleicht war alles schon

vorbei ...

Da war der Weg; der Kutscher stand bei den Pferden, hielt die unruhigen

am Gebiß, sprach ihnen zu und lauschte dabei gespannt nach oben ...

Und plötzlich kamen rasche Schritte von droben. Und tief gesenkt den

Kopf, den Hut in der Stirn, daß fast nur die wüste Nase hervorschaute,

kam der Student Markus die Treppe herunter, schritt, ohne den Kopf zu

heben, an dem Kutscher vorüber ... und ... auf einmal wurde sein Gang

zum Lauf ... er raste zu Tal ...

Also ... Scholz ...

Und dann, nach einer Weile dumpfen, gedankenlosen, blöden Wartens,

klang der Ruf:

»Michel! Michel! Komme Se mal da nauf!«

Da ließ der zitternde Kutscher die Pferde und stürmte mit drei Sätzen

die Treppe hinan ...

Und bald hörte Werner die keuchenden Atemzüge, die

schwerfällig-unsicheren Tritte schwer tragender Männer. Nun kam der

Sanitätsrat die Treppe herunter. Er trug seinen Strohhut in der Hand,

wischte mit dem Taschentuch die kahle, schweißbedeckte Stirn, besah

mit blöden Blicken seine Rechte -- sie war dunkelgefärbt. Er machte

eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er sie an seinem hellen

Flanellanzuge abwischen, ließ es aber, rieb sie mit dem Taschentuch,

riß dann den Wagenschlag auf, strich sich immer wieder krampfhaft über

das gelichtete Haar und durch den langsträhnigen grauen Bart. Dann

erschien der Kutscher zwischen den Büschen. Er tappte mühsam Stufe für

Stufe herunter; die Ellenbogen trug er angewinkelt; ein Paar lange

Unterschenkel in hellen Beinkleidern und gelben Schuhen baumelten

darunter hervor. Und da wußte Werner, was geschehen war. So trug man

keinen Verwundeten.

Papendieck und Krusius hielten den Oberkörper, hinter ihnen kamen die

beiden Hessen-Nassauer und der Westfale. So schob sich die Gruppe

langsam die Stiege herunter. Die Arme des Toten hingen lang herab,

tief auf der Brust das Haupt mit dem wirren Haar. Unter dem Korpsband

waren Weste und Hemd aufgerissen; die weiße, behaarte Brust zeigte

Blutflecke.

Und keuchend, die Stirnadern zum Platzen aufgeschwellt, machten die

Träger inmitten der Stiege einen Augenblick halt und senkten die Leiche

auf die Bohlen. Da hielt sich Werner nicht länger: aufschluchzend

sprang er aus dem Gebüsch und fiel neben dem Toten in die Knie.

Es war, als seien die Jünglinge durch den Anblick des Todes abgestumpft

gegen irdisches Staunen.

»Ja, kleiner Achenbach,« sagte Papendieck, »deinen Leibburschen haben

sie totgeschossen.« --

Als man die Leiche im Wagen untergebracht hatte, fragte der Kutscher,

der das Verdeck geschlossen hatte:

»Wo soll ich die Herre hinfahre?«

Die drei Cimbern sahen sich an.

»Ins Hotel dürfen wir ihn nicht bringen,« sagte Papendieck. »Das dürfen

wir dem Wirt nicht antun.«

»Der würde uns auch wohl schwerlich aufnehmen,« meinte Krusius. »Und

in seine neue Wohnung bei der alten Markus ... ist ja selbstredend

ausgeschlossen.«

»Könnte man ihn nicht ... auf die Kneipe --?« meinte Werner schüchtern.

Die Chargierten überlegten. Es schien so naheliegend. Es war doch das

Heim des Korps, nicht ein gewöhnlicher Ausschank.

Doch schließlich meinte Krusius: »Ich weiß nicht ... das wird man dann

nie wieder los. Keiner von uns. Gibt's denn nicht eine Leichenhalle

oder so was?«

»Dazu müßte man erst die Genehmigung der Gemeinde haben,« erklärte der

Sanitätsrat. »Und der Kirchhof liegt ja dann wieder so weit draußen.

Wird er denn hier beerdigt werden? Vermutlich werden doch ... Sie

sagten ja, er hat noch Eltern ... die werden die Leiche doch wohl

heimholen?«

»Zweifellos,« sagte Krusius.

»Dann schlage ich Ihnen vor, meine Herren, Sie bringen ihn in die

Anatomie. Da kann er in der Prosektorstube untergebracht werden, bis

der Vater ihn holen kommt.«

Und in diesem Augenblicke war's Werner, als ob eine Stimme aus ewigen

Fernen erklungen wäre. Eine ruhige, doch übergewaltige Stimme.

»Die Rache ist mein,« sprach diese Stimme. »Ich will vergelten.«

Also die gab's doch -- diese Stimme? Oder klang sie nur aus dem eigenen

Herzen herauf?

Und er sah Papendieck an. Und wie in des Seniors Augen plötzlich die

Erinnerung an jene Erzählung Achenbachs aufflackerte, da ruhten die

Blicke der Jünglinge eine Weile lang ineinander. Und jeder fühlte

Anbetung, Ergebung, Sühne.

»Gut,« sagte Papendieck. »Also in die Anatomie.«

Er stieg in den Wagen und setzte sich neben den toten Korpsbruder.

Krusius und Werner gegenüber. Ein stummes Lüften der Hüte zu dem

Sanitätsrat, dem Unparteiischen, den Hessen-Nassauern, und der Wagen

zog an.

X.

Munter trällerte Rosalie Markus durch das Haus. Daß ihr Bruder nicht

zum Mittagessen gekommen war, kümmerte sie nicht sonderlich. Er

war schon früh am Morgen aufgebrochen -- er mochte einen Ausflug

unternommen haben.

Und daß der Doktor Scholz gleich am Morgen nach jener Nacht seinen

Koffer vom Korpsdiener hatte verpacken lassen und ins Pfeiffer schaffen

... das grämte sie auch nicht sonderlich. Ach ja ... es war schon ein

ganzer Kerl, der Scholz ... aber wenn er nach einem Male genug hatte

von ihr ... na, sie würde sich zu trösten wissen. Mama Markus sollte

ihm einen Brief schreiben und ihn um Einhaltung des Mietvertrages

ersuchen. So einfach ausrücken ... das gab's denn doch nicht.

Jedenfalls war es hübsch, daß sie ihn nun auch kannte ... den

berühmtesten Studenten der letzten Semester ... den gefürchteten,

gefährlichen Scholz ... Haha! Er war schließlich auch nicht viel anders

als die andern ...

Der krasse Fuchs · 第 15 / 17 段