nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu
beglücken ...
Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte -- und Werner
stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen
Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen da oben ...
und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ...
Da ... ha!
Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet?
Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ...
Was?! Unmöglich ...
Doch ... seine Stimme ... Scholz ...
Und nun -- eine andere Stimme ... eine -- Frauenstimme --
Barmherzigkeit --!! Rosalie!!
Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes
Liebesgeschwätz ...
Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen -- nun eine werbende,
dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende
Weibeslaute ...
Und wieder still ... und Rascheln wieder und ...
Und nun -- und nun -- -- Werner mußte alles hören ... alles ... mußte
er hören ... alles.
Stille dann ... Stille ...
~Das also war die Liebe?! -- Gott -- -- das war die Liebe --?!~
* * * * *
Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über
die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger
den Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen
Stock, dann zur Tür -- --
Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes,
bares Geld ...
Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ...
so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so
....
Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die
Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne
schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ...
Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das
massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als
schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein.
Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende!
Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet
sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch
...
Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift
nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im
Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird
mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt,
gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht
ein stieres Antlitz vorbei, die Augen tief in schwarze Schattenlöcher
versunken ... Willy Klauser ...
Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch!
Das ist das Ende!!
Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ...
Hahaha! Der auch!!
Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde,
aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ...
Das ist das Ende!!
Wozu sich noch sträuben!
Hinein, hinein in den Pfuhl --!!
Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele,
für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ...
Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ...
Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ...
Trinken ... trinken!! ...
Und Werner klopfte an Linas Tür.
VII.
»Mein Herzensjunge!
Das ist nun der letzte Brief, den ich Dir in Dein erstes Semester
schreibe, denn heute in acht Tagen werden wir Dich ja, wie Du
schreibst, schon wieder bei uns haben! Ich kann es noch gar nicht
recht glauben, daß uns dann unser Ältester wieder für mehr als
zwei Monate gehören soll, denn die vier Monate, daß Du fort bist,
wollten gar nicht vorübergehen, und kann ich mir kaum vorstellen,
daß es nicht wenigstens ein Jahr war seit Deinem Abiturientenexamen.
Hoffentlich wird es Dir nun aber, nach dem schönen Burschenleben da
draußen in Saus und Braus, in Deinem einfachen Elternhause auch noch
gefallen. Wir freuen uns alle riesig auf Dich, die Brüder schwatzen
von nichts anderem als vom Bruder Student und freuen sich, alle Deine
Herrlichkeiten zu sehen; ich glaube, sie denken, Du läufst immer mit
einem Schläger an der Seite herum. Und unser guter Vater freut sich
schon sehr darauf, mit Dir über das Römische Recht, das Du ja nun
schon kennst, tüchtig fachsimpeln zu können.«
Hier mußte Werner, trotz seiner Rührung, lächeln, halb verlegen, halb
verschmitzt.
»Vor allem aber freut sich Deine Mutter auf Dich: ich bin ganz stolz
darauf, einen so großen und wohlgeratenen Sohn zu haben, der auch
draußen in der Fremde dem Namen seines Vaters Ehre macht und im Leben
bewährt, was wir Eltern nach unsern schwachen Kräften versucht haben
ihm mitzugeben. So schließe ich denn für heute mit dem Wunsche, daß
Dir, mein lieber Sohn, noch einige schöne Sommertage in Deiner neuen
Heimat beschert sein mögen und Du dann zurückkehrst, gestärkt und
gereift an Leib und Seele und beglückt in dem Bewußtsein, täglich
vorwärts zu schreiten in allem Guten und Tüchtigen.«
Werner ließ den Brief einen Augenblick sinken. Mechanisch trank er
einen Schluck Kaffee und starrte zur Decke empor.
Täglich vorwärts in allem Guten und Tüchtigen --! Ach ja ... der
Dammelsberg ... der heiter-prächtige Anfang und das wüste, scheußliche
Ende: der Heimweg in stolperndem Rausch, und --
Äh -- das mußte der wüste Kopf doch nur geträumt haben ...
Nein ... nein ... es war Wirklichkeit: er ~war~ nun wissend ... er
hatte die Blume der Sehnsucht gepflückt ... und sie war ihm in den Kot
gefallen ...
Ah -- pfui -- pfui! Der Ekel, die Schmach!!
Und alles stand auf einmal wieder vor ihm da!
Das Entsetzen dieser Nacht ... die schreckhafte Erkenntnis, daß auch
ihn, wie seinen Freund, ein Reifer, ein Sicherer, ein Mann um seine
Liebe betrogen hatte ...
Um seine Liebe --? Hahaha!!
Und doch ... war das nicht auch Liebe, was ihn zu Rosalien gezogen?
War dieser Schmerz, in dem seine Seele sich krümmte, war der Jammer
um ihren Verlust, der ihn blindlings hinaus und in die Arme der Dirne
gehetzt hatte ... war das nicht auch ein Gram um ein verlorenes
Liebesglück?!
Liebe? Was war Liebe überhaupt anderes als das Verlangen nach dem
Besitz?
Ja, sie war ihm verloren, an die sich sein Sehnen angeklammert, in der
es die Erfüllung heißesten Erdenglücksbegehrens erblickt hatte ... sie,
die ihm nicht ein armes Judenmädel, ein armes Käseladenfräulein gewesen
war, sondern Aphrodite, die süße und schreckliche Herrin der Erde ...
Sie hatte am Morgentore seines Lebens stehen sollen als Spenderin
erlösender Erstlingswonnen, hatte ihn hineinführen sollen in das
Allerheiligste des Daseins, das ihm Liebe, Liebe -- Liebe!! hieß!
Und nun war sie jenem andern, dem Erfahrenen, dem Desillusionierten,
dem Pascha in die Arme geweht worden, dem ihre Liebe nicht ein
ungeheures, umwälzendes, erlösendes Erlebnis war ... nein, ein Blatt
mehr in einem Notizbuch flüchtiger Erinnerungen an lustige Stunden ...
Und Werners Blume lag im Kot ... gemein, trivial, weihelos, ekel war
die erste Stunde in Weibesarmen gewesen, Sünde, weil sie schmutzig und
würdebar, Schande, weil sie käuflich und häßlich gewesen war ...
Das war nicht wieder gut zu machen ... der Fleck aus dem Leben nicht
mehr wegzuwischen ... nein, das würde bleiben ... die Erinnerung an
die frechen, entehrenden Zärtlichkeiten, die rohe Vertraulichkeit, die
hungrige Groschengier der Dirne würde sich besudelnd eindrängen in
alles Glück, das ihm künftig zuteil werden möchte ...
Unsühnbar -- untilgbar das Andenken an die erste Liebesstunde, besudelt
-- besudelt ...
* * * * *
Ein hartes Klopfen an der Tür.
Und Scholz trat ein.
»Morgen, Leibfuchs -- na? Jammer? Sieht so aus!«
Stumm stand Werner auf. Ihm war's, als hätte er dem andern ins Gesicht
schreien müssen, was alles er ihm genommen ... wie jener, jener schuld
sei an der Katastrophe seines Liebeslebens ...
Aber der würde ihn nicht verstanden haben ... eiskalt, höhnisch ihn
angegrinst ...
Nein ... Schweigen ... Haltung ... herunter das Visier ...
Er hieß den Älteren willkommen. Scholz streckte sich aufs Kanapee,
schob die Beine lang in die Stube hinein, gähnte geräuschvoll und
bedeckte eine Sekunde lang die Augen.
»Verdammt müde ... aber schön war's doch ... na und du, Leibfuchs?
Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin? Ich bin nämlich seit gestern
abend dein Nachbar. Habe da nebenan die kleine Bude für nächstes
Semester gemietet und bin gleich eingezogen. Laß dir erzählen, wie
das gekommen ist. Ich kam gestern abend von Berlin mit dem Casseler
Schnellzug an; zugleich kam von der andern Seite der Frankfurter D-Zug
auch, ich sah zufällig hin, und aus der dritten Klasse klettert wer?
die schöne Rosalie, deine +filia hospitalis+ nee, ~unsere~!
Na, ich begrüßte sie natürlich, machte mich mit Gepäckbesorgung galant,
erzählte ihr, daß ich promoviert hab' und nun zum Abschiedskommers
zurückkomme ... daß ich nächstes Semester wieder nach Marburg will ...
frage ganz im Spaß, ob bei ihr nicht eine Wohnung frei ist ... und ...
+me voilà!+ was sagst du dazu?!«
Auf der Straße klang der Cimbernpfiff und überhob Werner der Antwort.
Beide gingen ans Fenster; unten stand der Zweite, Krusius, und neben
ihm der Senior der Hasso-Nassovia, Herr Seydelmann.
Krusius bemerkte zuerst Werner und rief:
»Sag mal, Achenbach, ist das richtig, daß i. a. C. B. Doktor Scholz
jetzt bei dir im Hause wohnt?«
»Allerdings, zu dienen!« sagte Scholz und ließ seinen Oberkörper
am Fenster erscheinen. »Guten Morgen, Krusius, guten Morgen, Herr
Seydelmann -- na? Wie schaut's aus? Wieviel Gramm Antipyrin haben Sie
heute morgen schon gefressen?«
»Lieber Scholz,« sagte Krusius mit tiefernstem Gesicht, »Herr
Seydelmann hat etwas mit dir zu besprechen.«
Scholzens Gesicht versteinerte sofort ebenfalls in offiziellen Falten.
»Wenn die Herren sich freundlichst heraufbemühen wollen?«
Die Angeredeten tappten die Treppe hinauf und standen bald darauf an
der Tür, die Scholz ihnen höflich geöffnet hatte.
»Bitte einzutreten.«
»Möchten wir nicht lieber in dein Zimmer --?« meinte Krusius mit einem
Seitenblick auf den Fuchs Achenbach.
»Ich habe nur ein Zimmer, und das ist noch nicht aufgeräumt,« sagte
Doktor Scholz. »Ich denke, mein Leibfuchs erlaubt uns einen Augenblick
seinen Salon?«
»Selbstverständlich, Leibbursch -- ich gehe so lange hinaus.«
»Nee, nee, bitte bleib nur --«
»Es ist aber eine sehr ... persönliche Angelegenheit --« meinte
Seydelmann.
»Tut nichts, hier, mein Leibfuchs, der kann ruhig zuhören, schad't
ihm nichts, wenn er auch ein bißchen Schimmer bekommt. Also. Herr
Seydelmann --?«
»Herr Doktor Scholz,« sagte Seydelmann, »ich habe den Auftrag,
Ihnen namens des +studiosus medicinae+ Simon Markus
eine Pistolenforderung auf fünfzehn Schritt Barriere bis zur
Kampfunfähigkeit zu überbringen.«
Eine Sekunde lang standen alle vier jungen Männer in der engen Stube
regungslos; langsam zog Scholz die Augenbrauen ganz hoch in die Höhe.
Eine Kälte, ein Schauer wehte allen ans Herz.
»Hm --« machte Scholz. Wieder ein paar Herzschläge lang Schweigen.
»-- -- bitte, teilen Sie Ihrem Auftraggeber mit, daß ich die Forderung
annehme,« sagte Scholz dann in eisiger Ruhe.
»Nein, Scholz, das darfst du nicht!« fuhr da Krusius dazwischen. »Das
darfst du nicht! Es handelt sich doch jedenfalls um -- um das Mädel ...
die Schwester von dem Kerl --«
»Wir brauchen darüber kein Wort zu verlieren,« sagte Scholz. »Die
Forderung kann binnen vierundzwanzig Stunden ausgetragen sein. Wann
kann das Ehrengericht zusammentreten?«
»Nun, heut nachmittag um drei, denke ich,« sagte Herr Seydelmann. »Ihr
Gegner hat sich dem S. C. Ehrengericht und dem S. C. Pistolenkomment
ohne weiteres unterworfen, die Sache ist also sehr einfach.«
»Ich leid's nicht, Scholz!« rief Krusius erregt. »Du wirst dich doch um
so'n Frauenzimmer nicht schießen? Und mit so 'nem Judenjungen, dessen
Schwester nicht viel besser als 'ne Hure ist?«
»Oho?!« meinte Scholz. »Woher weißt du das?«
»Ja, ja, woher weiß man das? Ich kann nichts Positives gegen das Mädel
behaupten, aber seit Ewigkeiten wohnen hier Korpsbrüder von uns, und es
müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn die alle sich den Bissen da bis
jetzt hätten entgehen lassen!«
»Wenn du nichts Positives weißt -- dann braucht man ja gar nicht
darüber zu reden. Hat Ihnen, Herr Seydelmann, Ihr Auftraggeber einen
Grund der Forderung angegeben --?«
»Allerdings,« sagte Seydelmann mit diskreter Zurückhaltung im Ton.
»Herr +studiosus+ Markus behauptet, Sie hätten heut nacht seine
Schwester ... in Ihrem Schlafzimmer gehabt.«
»Also gut, Herr Seydelmann ... ich werde, wenn Sie mir keinen
anderweitigen Bescheid mehr zukommen lassen, um drei Uhr auf Ihrer
Kneipe zum S. C. Ehrengericht erscheinen.«
»Nein, meine Herren, das ist einfach Wahnsinn,« sagte Krusius, »da darf
nichts draus werden! Ich telegraphiere sofort an unsere Inaktiven, die
in den letzten Jahren hier im Hause Markus gewohnt haben, und frage an,
ob sie das Schicksel da unten nicht auch gehabt haben, und wenn auch
nur einer ja sagt, dann hast du doch wahrhaftig keine Veranlassung,
dich mit ihrem Bruder zu schießen, als wenn du sie verführt hättest --!
Was sagen Sie, Herr Seydelmann?«
»Da mein Auftrag noch nicht erledigt ist, so bedaure ich, eine
Ansicht über diesen Punkt nicht äußern zu können,« erwiderte der
Hessen-Nassauer.
»Sie haben vollkommen recht,« sagte Doktor Scholz. »Lieber Krusius,
deine Anfrage an die Inaktiven ist überflüssig. Das Mädchen ist keine
Dirne, und nach meiner Auffassung ist der Bruder berechtigt, sich jeden
zu kaufen, der sie mit der Fingerspitze berührt. Und gegen den Herrn
Markus liegt meines Wissens auch nichts vor ... ich würde es also
geradezu als Kneiferei auffassen, wenn ich mich weigern wollte, ihm
Satisfaktion zu geben.«
»Nun, dann bin ich wohl fertig,« meinte Seydelmann. »Mein Bedauern,
Herr Doktor, daß ich in so fataler Angelegenheit gegen Sie tätig sein
muß -- nachdem wir uns beide bisher --« er lächelte diskret, korrekt,
verbindlich, wies mit leichter Handbewegung erst auf seine, dann auf
Scholzens Narben, die sie beide einer dem andern verdankten -- »immer
so ausgezeichnet vertragen haben.«
Als der Hessen-Nassauer fort war, bestürmte Krusius nochmals mit aller
Entschiedenheit den Korpsbruder, das Duell nicht anzunehmen.
»Ich finde, Scholz, du kannst das deinen Eltern gegenüber einfach nicht
verantworten, dich wegen so einem Frauenzimmer zu schießen! Denn daß du
bei der nicht der erste gewesen bist, dafür laß ich mich hängen! Zwar
die Korpsbrüder, die früher hier gewohnt haben, die haben anscheinend
immer nach dem bekannten Grundsatz vom dankbaren und verschwiegenen
Jüngling gehandelt. Aber wenn's um Tod und Leben eines Korpsbruders
geht, dann werden sie wohl herausrücken. Du brauchst gar nicht selbst
zu telegraphieren, gib nur deine Zustimmung, daß ich es tu.«
»Ich hab' dir schon einmal gesagt, es kommt, meiner Auffassung nach,
gar nicht darauf an, ob das Mädel unschuldig war oder nicht. Ja, es
ist wahr: ich habe sie heut nacht hier, im Hause ihrer Mutter, im Bett
gehabt. Und daß sie einen Bruder hat, der Student ist, und gegen dessen
Honorigkeit nicht das geringste vorliegt, das hab' ich auch gewußt.
Also es wäre die tollste Drückebergerei, wenn ich mich jetzt der
Verantwortung entziehen wollte.«
»Das finde ich verrückt, nimm mir's nicht übel,« sagte Krusius und
ließ sich wütend in eine Sofaecke fallen. »Das heißt wirklich, die
Schneidigkeit ins Fatzkenhafte übertreiben.«
»Lieber Krusius, du weißt, ich bin immer ein großer Sünder gewesen.
Wie viele Weiber ich im Arm gehabt habe, ich glaub', ich krieg's
nicht mehr zusammen. Aber eins ist mir dabei stets klar gewesen: der
Korpsstudent kann tun und lassen was er will, wenn er nur stets bereit
ist, mit seiner Person für all seine Handlungen einzutreten. Und wenn
ich Geschichten mit einem Mädel mach', dann muß ich jeden Augenblick
daraus gefaßt sein, daß irgendeiner, der des Mädels natürlicher
Beschützer ist, mich vor die Mündung fordert. Ja -- so weit wäre ich
nun diesmal glücklich gekommen ... da heißt's eben, die Nase hinhalten
... aber an die Korpsbrüder telegraphieren ... und das Mädel, das sich
mir ... na -- die zur Hure machen, bloß damit ich ihrem Bruder nicht
vor die Pistole brauch' ... nee ... das macht Hubert Scholz nicht. Also
gib dir keine Mühe, lieber Krusius, um drei Uhr ist Ehrengericht.«
Krusius stürzte in großer Erregung hinaus. Im Weggehen rief er noch:
»Na, jedenfalls besprech ich die Sache zunächst noch mal mit
Papendieck.«
Als der Zweite fort war, wurde Scholzens Haltung plötzlich matt und
schlaff. Er schien Werners Gegenwart ganz vergessen zu haben; wie eine
tiefe, haltlose Müdigkeit ging es über seine Züge, seine Glieder, er
setzte sich schwerfällig in das Sofa und bedeckte das Gesicht mit
beiden Händen.
Werner rührte sich nicht in seiner Fensternische, in die er sich
beim Eintritt des Nassauer-Seniors zurückgezogen, von der aus er mit
fliegenden Pulsen, fröstelnden Fingern die Vorgänge verfolgt hatte.
Und mit einem Male begriff er diese undurchdringliche Seele. Er
verstand, was diesem jungen Manne die sieghafte Rücksichtslosigkeit,
die brutale Überlegenheit gegeben hatte. Und noch tiefer meinte er
hineinzuschauen in das innerste Herz des Korpsbruders; er wähnte zu
sehen, wie vor dessen innerem Auge langsam, unabweisbar das Bild eines
verlassenen, ausgestoßenen Mädchens aufstieg, eines kinderjungen,
holdselig-grauenvollen Leibes, den er einst besessen, in dem er die
Keime des Lebens geweckt, um sie dann schutzlos, wehrlos dem Schicksal
zu überlassen, das ihr den Wellentod befahl ... ihm war's, jener lechze
danach, dem Sühnetode die Brust zu bieten, um mindestens sich selber
zu zeigen, daß er nicht nur die Dreistigkeit habe, Glück zu stehlen,
sondern auch den Mut, es bar zu bezahlen.
Und während Werner den Starken, den Gefürchteten, den Unnahbaren da
sitzen sah, stumm, aufgelöst, von der unerschütterlichen Haltung
verlassen, da kam über ihn eine große, feierliche Liebe zu dieser
schuldbeladenen, doch edlen und mannhaften Seele. Da fühlte er
plötzlich, daß der Drang, der jenen von Munde zu Munde, von Busen
zu Busen getrieben hatte, kein anderer sei, als jener, unter dessen
Geißelhieben auch er geblutet hatte -- er und jener andere auch, der in
dieser Nacht zuerst seinen Verzweiflungswahnsinn zur Dirne geschleppt
hatte.
Und er ging auf Scholz zu, setzte sich auf die Sofalehne und legte den
Arm um den Nacken des Brütenden.
»Es wird gut gehn, Leibbursch.«
»Ach -- Leibfuchs -- entschuldige ... ich hatte dich ganz vergessen.«
Er ließ die Hände sinken ... trocken, glanzlos starrten seine Augen.
»Wenn sie mich nun morgen früh so ... zurückbringen ... und dann
telegraphieren sie meinem Vater ... und dann kommen meine Eltern und
wollen wissen, was eigentlich passiert ist ... das begreift dann doch
kein Mensch ... ein Lump, den der Teufel geholt hat ... ja ... so reden
dann die Menschen ... und daß das alles so hat sein müssen ... äh --
bah ... is ja egal ... is ja egal.«
Er stand mit hartem Ruck auf.
»Komm, Leibfuchs, wollen zum Frühschoppen gehn -- morgen trinkt ihr ihn
vielleicht ohne mich.«
VIII.
Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr
früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für
den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften
Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg
das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ...
eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus
dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die
Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich.
Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner
eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von
unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und
er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden
hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende
Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und
mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was
er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun
zurückgedrängten Verehrers nannte.
Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner Mission ... doch empfand
er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen
Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr
passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als
noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen?
O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach,
und dennoch ...
Jugend -- Jugend ...
Wann fing denn eigentlich das Leben an -- das wahre Leben? Wenn man
begann, der Meister der Dinge zu werden -- dann hatten sie auch schon
den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns
so begehrenswert erscheinen ließ.
War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht
heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner
Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite
Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was
der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet?
Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb
das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte
zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden
Sinfonie des Lebens?!
War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte?
Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des
Brautglücks aufgestrahlt wäre?
Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen
mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell
geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte
angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit
abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ...
Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ...
Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen.
Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine
Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte
aus tausend Beobachtungen, was das heißt -- daß Unvollkommenheit und
Entsagung Menschenlos ist ...
Ach, und doch -- und doch ...
Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe
und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und
reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite
schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des
abgeklärten Mannes zu bergen ...
Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach
dem Seelenreichtum des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen
so spielend verdrängt hatte ...
Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen
hatte.
Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum
hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten
Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem
Haupte gezielt hatte.
Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor
seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr
auf, stand starr und steif.
»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!«
begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand
in die ausgestreckte des Besuchers.
»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was
hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer
Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach
Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf
angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun
kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am
Ende bekneipt, hä?«
»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe.
»Wa--?! Wo bist du gewesen?!«
»Bei der Lina -- der Sau da oben im Marbacher Tal.~Zum
erstenmal.~«