»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft
angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe -- als
Träger dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine:
das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der
Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum
Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.«
Mit einem Ruck stand Klauser still.
»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh
meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?«
Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren
Schulter.
»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen
zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu
zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir
Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?«
»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts
gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben.
»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber:
ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren,
daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du
diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu
glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick lang
gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen
lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und
... du -- gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage,
daß sie ... mir sehr wert geworden ist.«
Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine
stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen.
»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student
gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß
Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um
sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ...
andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin
ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus
... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das
darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch
nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ...
auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. --«
Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten.
»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten
von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als
deine Braut betrachtet ...«
»Bis heute?!«
»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich
als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu
erwarten, daß du von mir Sühne verlangst -- Genugtuung. Darum laß mich
dir als Korpsbruder -- und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu
diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese
deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte
mir, ob du mir das glauben willst --!«
»Ich ... will's glauben.«
»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir
schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch
keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.«
»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese
Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was
Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber
das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.«
»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht,
was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch
wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal
ein wenig zusammennehmen ... solch schwere Stunden ... Männer müssen
die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das
da?«
»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?«
»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht -- deshalb
laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal -- wenn zwei Männer ...
wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib
... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?«
»Die Waffe!!«
»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz
zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ...
die, meine ich, hat dann zu entscheiden! -- Sieh mal, es könnte doch
immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich
nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie
hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du
bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber --«
»Aber --?!«
»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich
Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier
in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu
vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger,
herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein
Student, das ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und,
glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge
Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu
ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes.
Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis
heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir
ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde
als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ...
jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ...
da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar
ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück.
Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde
... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns
beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren
Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche
Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie
als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem
sie die Trauer, die Entsagung bringt?!«
Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine
Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten.
»Na, deine Antwort, mein Junge?!«
Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise,
ging sein Atem -- und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges,
trockenes Schluchzen.
»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang
den linken Arm um Klausers Nacken.
Der suchte sich loszumachen und schrie:
»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie
haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! -- Es ist nichts
mehr zu entscheiden -- Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los!
Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ...
dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit
Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie
überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und
darum werden wir uns woanders weiter sprechen --!!«
Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und
sagte:
»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? -- Gehöre? -- Kann ein
Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als
des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie
sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf
wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun, zu glauben, sie
täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie
wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß
sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer
liebt ... mich, den Mann. Und dann -- dann wolltest du dem Mädchen,
das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ...
der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden
hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich,
männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache
betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund,
du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen
bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und
so oft schon deinem Gegner auf Mensur -- so wirst du auch dem Schmerz
gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen,
was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!«
Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne
klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende
Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille
herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm
Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die
breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß. Und Kühle webte durch die
Eichenhallen ... Kühle ... Stille ...
Und alles -- alles aus -- das Jugendglück entschwindend ... ach, schon
verloren ...
Und er -- der andere? Der Räuber?!
Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem
Freundesauge --
Wozu?!
Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben -- die
Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und
Leben ...
Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute?
Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?!
Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen?
Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz.
Wozu noch kämpfen? Es war ja aus -- nicht nur der Sieg, die Waffe
selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge,
den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe
trennten.
Und plötzlich warf er sich herum.
»Gute Nacht, Herr Professor.«
»Wohin?«
»Ich will nach Hause. Schlafen.«
Herrgott! durchfuhr's da den Professor -- hatte er's am Ende doch
falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?!
Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm
nach, holte ihn ein:
»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst --!«
»Dummheiten?«
»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...«
Da erwachte der Knabentrotz.
»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um
ein Mädel, das ... äh!! Nee -- das nicht!! So armselig bin ich denn
doch nicht!! -- Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!«
Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan
führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden.
Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! --
Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie --!
V.
Nein -- so doch nicht! so doch nicht!
Was, so einfach verschwinden? Stumm, schattenhaft dahinhuschen ...
hinaus aus ihrem Leben?
Er, der ihre ersten Küsse gepflückt hatte?
Er, dessen Leben hinfort nur Qual und sinnlos zehrendes Heimweh sein
würde?!
Nein -- das letzte Wort wenigstens, das Abschiedswort -- das wollte er
ihr nicht ersparen! Wenigstens sehen, fühlen, wissen sollte sie's, was
sie ihm getan hatte! --
Hahaha! Darum so treu, so rein, so unberührt sich erhalten -- darum
bezwungen Jugendfieber und Stürme des Bluts ... darum, um weggestoßen
zu werden wie ein verbrauchtes Spielzeug?
Ach, sie hatten ja recht, die andern, die ihn ausgelacht hatten, wenn
er nicht mitgemocht hatte zu den losen Mädchen ...
Liebe -- Treue -- Keuschheit -- alles Blödsinn!
Weiber! Weiber! Dirnen allesamt! Die eine wie die andere!
Die Dummen, die waren für zwei Taler zu haben ... die Gerissenen, die
taten's nur um einen goldenen Ring und eine lebenslängliche Versorgung
--!
Und so lange, bis einer kam, der das beides auf den Tisch des Hauses
legen konnte, nahm man auch mit einem vorlieb, auf den man warten mußte!
Aber, wenn sich's dann doch noch schickte ... wenn er kam, der
Ersehnte, der Mann mit dem großen Portemonnaie ... dann weg mit dem
Jungen, dem armen, dem dummen Buben!
Weg -- Fußtritt -- aus -- vergessen!
Nein, Mädel, du hast dich verrechnet!!
So einfach in die Ecke fliegen, stumm, wehrlos, wie eine zerknüllte
Puppe ... das gibt's nicht! Das gibt's nicht!
Wenigstens will ich dir noch sagen, wer du bist! will dir sagen, daß
ich dich jetzt kenne! daß der Traum von der Göttin ausgeträumt ist! daß
ich dich erkannt hab' in deiner ganzen Erbärmlichkeit! -- -- daß ich
nun weiß: du bist wie alle!
Feil für Gold, nur verschmitzter, nur raffinierter als die arme Lina da
hinten im Marbacher Tal! feil ... feil! --
Und durch die Büsche brach er sich Bahn, dorthin, wo die Walzerrhythmen
hüpften, wo der rauhe Dielenboden knarrte ... wo arme, betrogene,
verblendete Bürschlein die nichtsnutzigen, verschlagenen,
ränkespinnenden Weiberchen im Tanze drehten ...
Mit rötlichem Schein überflutete das unstete Licht von Hunderten
buntschimmernder Lampions den Tanzplatz. Glühenden Auges starrte
Klauser in das wirbelnde Gewühl -- fahndete gierig nach einem lichten
Scheitel über der wohlbekannten, adlig reinen, ernst geschwungenen
Stirn, den vergötterten, heilig strahlenden Augen ...
Da -- -- da kam sie heran, sicher geleitet durchs Getümmel der Paare
von einem starken, tragenden Arm ... sie ... in seinem Arm ...
Daß die Adern nicht sprangen, das Herz nicht riß, die Brust nicht barst
in einem wilden, weidwunden Todesschrei -- --!!
Und aus war der Tanz ... durcheinander, auseinander quollen die Paare,
strudelten den Ausgängen zu ...
Alle überragend die Hochgestalt des Blondbarts unter der vergilbten
Cimbernmütze ... die wies ihm den Weg ...
Ein paar Minuten dumpfen Harrens am Eingang des Platzes der
Professorenschaft ... dann hüpfte eine kecke Masurkaweise auf ... und
Willy Klauser stand mit abgezogener Mütze neben Marien.
»Gnädiges Fräulein -- darf ich um den Tanz bitten?«
Entsetzen stand in Mariens Blicken, düsterer Schreck im grauen
Augenblitz des Professors ...
»Ich danke ... ich möchte nicht mehr tanzen ... meine Eltern wollen
eben aufbrechen --«
»Ach, so eilig ist's nicht, Mariechen!« klang da des alten Geheimrats
behagliche Stimme von der andern Tischseite, und:
»Den einen Tanz kannst du schon noch riskieren, Mariechen!«
lächelte wohlwollend, festlich heiter auch Frau Hollerbaums mildes
Madonnengesicht ...
»Nein, wirklich, ich danke, Herr Klauser -- ich möchte mich noch ein
wenig abkühlen!« Sie hatte die Augen tief gesenkt, ihre Stimme versagte.
»Ich habe heut' noch gar nicht Gelegenheit gehabt, Sie um einen Tanz
zu bitten ... schlagen Sie mir den letzten Tanz nicht ab, ich bitte
darum!« Es war ein befehlender Ton in der Bitte.
»Tanz nur, Mariechen, es ist noch ein Rest in der Bowle, den laß ich
nicht umkommen!« lachte der Vater.
Ein hilfesuchender Blick flog aus Mariens Augen zu Dornblüth hinüber.
Er erwiderte mit einem unmerklichen, ruhigen Kopfnicken.
Und wortlos, totenblaß stand Marie auf. Ihre zitternden Fingerspitzen
schob sie in Klausers Arm, und hochaufgerichtet machte er sich Bahn ...
Am Tanzplatz führte er sie vorüber ...
»Wohin?!«
»Komm mit! ich rat es dir gut!!« Und mit der Linken griff er nach ihrer
Hand, zog sie fest in seinen Arm, riß sie von hinnen, in den Laubgang
hinein ... aus dem blendenden Lichterspiel ins nächtige Dunkel.
»Ich geh nicht weiter -- laß mich los!«
»Du bleibst! Bist du zu feige, meinen Glückwunsch zu deiner Verlobung
in Empfang zu nehmen?«
»Ich habe mich nicht verlobt!«
»Also noch zu früh? Tut nichts -- er hält sich bis morgen!«
»Laß mich! Ich will dir schreiben ... will dir alles ... erklären!«
»Die Mühe spar dir! Ich weiß schon Bescheid! Ich weiß alles -- alles!«
»Willy ... ich kann nicht anders ... vergib mir ... und laß mich gehn!«
Er faßte sie an beiden Handgelenken. Durch die Zweige drang ein letzter
Schein der Illumination; der gab in seinen Augen düster flackernden
Widerschein, und rum-tata-tita-rum-tata! klang die Masurka.
»Laß mich, Willy ... ich hab' ihn lieb ... ich ...«
»Hast ihn lieb! wirklich! und mich? was? wann hast du denn eigentlich
gelogen? Hä? damals? oder jetzt? oder gar damals ~und~ jetzt?«
»Ich hab' dich nicht belogen, Willy. Ich hab' dich lieb gehabt ... ich
hab' dich noch lieb --«
»Marie!«
»Ja, Willy -- das ist wahr! Immer, immer werd' ich dir dankbar sein ...
für all das Glück ... für deine Liebe ... für alles ... aber jetzt ...
jetzt ... laß mich!«
»Ja, geh! geh! und lach, daß du mich zertreten hast! zertreten und
zerschmissen!«
»Willy -- ach Willy -- verzeih mir!«
»Verzeihen? Niemals -- niemals! Werde glücklich, wenn du kannst!
wenn du den Mut hast, zu vergessen, was du aus mir gemacht hast! du
Verräterin! du Lügnerin!« Und er schleuderte ihre Hände von sich weg,
daß sie fast taumelte.
»Jetzt ist's genug!« klang da eine schneidende Stimme, und Professor
Dornblüth trat aus dem Dickicht. Er legte seinen Arm um die Wankende.
»Marie steht unter meinem Schutze!«
»Hahaha! gut -- nimm sie, Alter Herr! und laß dich von ihr betrügen,
wie sie mich betrogen hat!«
»Knabe?!« Einen mächtigen Schritt trat Dornblüth auf Klauser zu.
Da fiel von dem Jüngling ab, was Elternhaus und Schule, was die
Erziehung des Korps, was das Menschentum von Generationen an ihm
gebildet. Die Bestie brüllte nach Blut. Und weit ausholend führte er
einen wuchtigen Faustschlag nach des Nebenbuhlers Haupt.
Aber mit Riesenkraft fing der den Angriff auf. Mit beiden Tatzen packte
er den Gegner am Unterarm und zwang ihn in die Knie.
»Danke du Gott, daß du mich nicht getroffen hast!«
Und er zog die wild aufweinende Marie von dannen.
VI.
Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes
Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann,
ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht
mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten.
Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch
an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie
bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte
schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische,
dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann
war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen;
Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem
Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer
verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß
des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er
wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum
zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes
erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und
erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete
Beleuchtung der Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider
Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum
auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern,
ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden
Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte
geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von
Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen.
Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund
sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die
Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren
verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den
Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken.
Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch
das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die
Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt.
Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne
Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse
saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den
Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den
Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken.
Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust. All die Erregung
der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm
in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei
zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in
die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte
nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden.
Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die
Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der
monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages.
Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich
schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte
Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich.
Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine
fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der
ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine
vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich
den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und
tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die
den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte
sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den
unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen.
So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten
Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm
in die Augen schoß.
Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst
du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen?
Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens
immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?!
Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende,
rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die
fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz!
Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende,
jagende Sinnenpein -- einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu
bergen!
Liebe -- Liebe --!!
Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene
blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen
Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die
Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende,
die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe --!!
Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor
seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge
gewährungsfrohe Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten
... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte?
Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen
Nächte?!
Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch
der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner
Ecke hinter dem Ladenpult ...
Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!!
Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der
verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen
die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ...
Darum schnell! schnell!
Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so
wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre
Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte.
Rosalie ... Rosalie ...