hinauf. Alle Fenster der mit Fahnen und Girlanden buntgeschmückten
Häuser waren besetzt, der Geringste in Marburg nahm teil an dem
Jubelfest der Hochschule, aus den Dachluken selbst lugten hellgewandete
Mädchengestalten, wehten winkende Tücher. Und von Fensterbrüstungen
und Balkons flogen Blumensträußchen ohne Zahl auf die Studenten, die
Helden des Tages, hernieder. Die griffen eifrig in die Luft, hielten
die Mützen hin, schmückten jedes Knopfloch, jedes Täschchen, den Rand
der Mützen, ja selbst die Ränder des Rockkragens mit den lieblichen
Spenden. Und als es gar keinen Platz mehr gab, da ließ man die lustigen
Wurfgeschosse dahin zurückfliegen, von wannen sie gekommen waren
-- hinauf, hinunter flogs, mit Jauchzen, Gelächter, sinnigem oder
täppischem Scherz.
»Paßt auf, Kinder, das da ist für die Schönste von euch!«
Und zwischen drei blühenden Töchtern tauchte der lachende Graukopf der
Mutter auf, und ihr flog das Sträußchen mitten ins Gesicht.
»Wie galant!« rief die und nestelte das Sträußchen ans dunkelseidene
Festgewand.
»Sie waren, auf Ehre, nicht gemeint, gnädige Frau!«
»So? Na, da haben Sie's wieder!«
»So! Nun paßt aber auf, ihr drei! Wer's schnappt, ist die Schönste!«
Und diesmal blieb's in den zierlichen Fäusten eines braunzöpfigen
Backfischchens.
»Is so recht?«
»Allemal!«
Und wenn's nun gar bei Bekannten vorbeiging!
»Herr Papendieck, passen Sie auf, die weiße Rose sollen Sie haben!«
Schwapp! mitten auf des Cimbernseniors stattlichem Gesichtshaken.
»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« zitierte der Mecklenburger
seinen berühmten Landsmann.
Eine keckere Mädchenstimme schrie:
»Schöner Krusius, das hier ist für dich!«
»Ich fühle mich getroffen,« rief Krusius, denn das Sträußchen hatte ihm
unsanft die linke Backe mit dem kaum verheilten Durchzieher von der
letzten Mensur gestreift. Er führte es an die Lippen und schwenkte es
dann grüßend nach oben.
»-- Das da ist für die, die mich liebt!«
Jungbursch Ehlert ließ drei, vier rasch zusammengebundene Sträußchen
mitten in einen Balkon voll schmucker Weibchen hineinsausen.
Und: »Ich! ich! ich!« schrien sie alle, alle und streckten die Hände.
Im Nu war das Sträußchen in tausend Fetzen zerrissen.
Und die Musik spielte:
»Wenn wir durch die Straßen ziehen!«
Da fielen sie alle, alle ein, die Studenten, die jungen Damen, die
Väter, die Mütter, der Friseur und seine Gehilfen vor der Ladentür, die
sich eifrig verbeugten, wenn ihre Kundschaft im strahlenden Schmuck
der frisch durchgezogenen Scheitel vorüberkam, die Ladenfräuleins im
Erdgeschoß und die rotbemützten Dienstmädchen oben unterm Dach, die
Gymnasiasten und die Spielkinder, alle, alle sangen sie mit:
»Wenn wir durch die Straßen ziehen,
Recht wie Bursch in Saus und Braus,
Schauen Mädchen, schwarz und braune,
Rot und blond aus manchem Haus,
Und ich laß die Blicke schweifen
An den Fenstern hin und her,
Fast als wollt ich eine suchen,
Die mir die allerliebste wär.«
Und als gält es nur für ihn allein, so inbrünstig sang Werner Achenbach
heraus:
»Und doch weiß ich, daß die Eine
Wohnt viel Meilen weit von mir,
Und doch kann ich's Schau'n nicht lassen
Nach den schmucken Mädchen hier.
Liebchen, laß dich's nicht betrüben,
Wenn dir eins die Kunde bringt,
Und daß dich's nicht überrasche,
Dieses Lied ein Wandrer singt.«
Ja -- an wen dachte er dabei! An Elfriede -- oder an Rosalie?
Vielleicht an beide ... und an keine so recht ... es war so ein wildes,
formloses, gegenstandsloses Sehnsuchtsgefühl, dem dies Lied Worte,
Klänge lieh ...
Eben kam der Zug an Werners Bude vorbei: aus dem Fenster seines
Wohnzimmers hätte Rosalie schauen müssen, aber sie war fern: die blonde
Babett guckte heraus, mit ein paar Freundinnen aus ihrem Heimatdorf,
sie errötete selig, als Werner ihr zunickte -- im Erdgeschoß stand
Mama Markus welken, gütig lächelnden Angesichts in der Ladentür, und
hinter den Flaschen und Büchsen im Schaufenster gewahrte Werner einen
Augenblick die verzerrte, qualzerrissene Grimasse Simons ... nanu --
warum hockte denn der zu Haus? War denn der nicht auch Student?! --
gehörte denn der nicht mit dazu, wenn Alma Philippina feierte?! -- ach
so ...
Musik, jauchzender Gesang, flatternde Fahnen und Blumen, Blumen
überall, Blumen fliegend aus jedem Fenster, Blumen an jeder Brust,
Blumen den Boden bedeckend wie den Einzug ruhmreicher Sieger, und doch
nur eine Huldigung der Jugend an die Jugend, ein Gruß des Lebens ans
Leben ... lächelnd, lachend, jubelnd jeder Mund, leuchtend jede Wange
...
Doch nein -- eine nicht --
»Klauser, was ist dir?«
»Nichts ... was soll mir denn sein?«
»So freu dich doch! Bist du nicht vergnügt? Fehlt dir was?«
»Nicht das geringste!«
»Vorhin ist's mir schon aufgefallen -- du bist nicht wie sonst -- ist
dir was passiert?!«
»Was sollte mir passiert sein? Nicht das mindeste ... ich bin bloß
nicht in Stimmung. Ich bin kein Freund von so viel Rummel.«
»Nanu? Das ist doch das erstemal, daß ich das an dir merke?! Dann
rapple dich aber jetzt gefälligst ein bißchen auf -- gleich sind wir
am Barfüßertor ... weißt du, wer da wohnt? Haha! Da mußt du aber ein
andres Gesicht machen!«
»Ach -- lieber Kerl -- ich ... mir ist hundemäßig zumute ...«
»Ja, was ist denn?!«
»Nichts -- laß mich -- da sieh, wie schön der Markt!«
Und wahrlich, hier entrollte sich das Bild des feiernden Städtchens
in seiner ganzen ehrwürdig-lieblichen Pracht. Der enge Platz war
ganz von Zuschauern freigehalten, und in langem Bogen umzog nun der
Festzug den Markt, dicht unter den Fenstern der niederen, altersdunklen
Häuserfronten, des schlichten, strengen Rathauses entlang. Hier hatten
alle Häuser noch ein übriges an Festschmuck aufgeboten. Girlanden von
Tannen- und Eichengrün, lange Reihen kleiner Fähnchen überspannten den
ganzen Platz der Länge und Quere nach ... und wieder war bis obenhin
ein jedes Fenster mit geputzten, jubelnden, blumenstreuenden Menschen
besetzt ... und durch die flatternden Tücher der Fahnen, die wehenden,
winkenden Hände, die harzig duftenden Girlanden zog es wie ein Sturm,
wie ein Rausch der Jugend, der Kraft, des Glückes ... als seien alle
diese Jünglinge hier nur zusammengeströmt, um in einem Fest ohne Ende
sich ihrer blühenden Jahre zu freuen, als hieße Student sein nichts
anderes als Olympier sein, als heiter, wunschlos, herrscherhaft wandeln
auf blumenbestreuten Pfaden, von Rosen umduftet, von Schönheit und
Liebe gefeiert und begnadet, selig, selig, selig ...
Aber ein anderes sprach sich auf dem Gesichte des Freundes aus, dessen
Arm schwer in dem Werners lag, der nur lässig ein Blumensträußchen an
die Brust gesteckt, dessen Herz sich ausschloß vom Jubel der Stunde,
dessen Auge düster hineinstarrte in ein unfaßbares, ungreifbares
Verhängnis, das seine leuchtende Jugend zu überschatten schien mit der
Ahnung unabwendbarer Seelenstürme, unversiegbarer Tränenschauer ...
»Klauser -- du sollst mir sagen, was du hast! Ich finde das einfach
unfreundschaftlich von dir, mir hier die Stimmung zu verderben, wenn du
keinen Grund hast ...«
»Keinen Grund?! Ich hoffe, ich habe keinen Grund.«
»Klauser? Gott, sei doch nicht so albern. Ich bin doch dein Freund.
Rede jetzt, sonst laß ich dich stehen und geh mit einem andern.« Das
war scherzhaft gesprochen, doch Werners Stimme bebte dabei leise, und
Klauser verstand die Meinung des Freundes.
»Ach ... ich bin verrückt, wirst du sagen. Es ... ist eigentlich nichts
... Marie hat seit acht Tagen nicht zu mir wie sonst ... sie hat
mich zweimal beim Rendezvous warten lassen ... das drittemal ist sie
gekommen, aber ... ganz verändert ... ganz ... ich weiß nicht ... äh
... ich werd's mir wohl nur eingebildet haben.«
»Ja ... so sprich doch ... was ... sagte sie denn ... was machte sie
denn ..«
»Ja, Himmel, sie war eben ... anders ... zurückhaltend, befangen,
sonderbar ... eben anders ... und dann auf einmal zum Abschied küßte
sie mich so wild und so wehmütig ... als ob ... ich sage dir, Achenbach
... es war --«
»Himmel, du bist ja ein Tor -- vielleicht hat's zu Hause Kummer oder
Verdruß gegeben --«
»Dann hätte sie mir erzählen sollen --«
»Oder was sonst gewesen ist ... du ... du wirst doch nicht gar -- an
Marien ... ich meine, du bildest dir doch nicht gar ein, sie könnte am
Ende --«
»Ich bilde mir gar nichts ein ... nur daß mir elend seitdem ist ...
einfach schauderhaft ist mir --«
»Nimm dich zusammen! Da ist das Haus!«
Zur Rechten des zum Schloß hinanführenden Weges lag inmitten
eines altprächtigen Gartens über hoher Böschungsmauer das
behaglich-altfränkische Schweizerhaus des Geheimrats Professor Doktor
Hollerbaum. Der alte Herr stand oben, auf dem weißen Scheitel die
verschossene hellgrüne Mütze der Hessen-Nassauer, das falb gewordene
Band umzog seine Brust unter dem Überrock, auf dessen Klappe ein langes
Ordenskettchen klingelte. Er grüßte höflich die Farben der Cimbria,
gegen die er vor Jahrzehnten so manches Mal auf Mensur gestanden; alle
Cimbernmützen flogen herunter; und neben des Professors Silberkopf
neigte sich ein anderes, noch jugendlicheres Haupt ... Mariens Mutter
... aber wo war ~sie~?
Halb verborgen hinter den Eltern hatte sie gestanden. In weißem Kleide,
nicht im gewohnten Hellgrün -- nun neigte sie sich über die Mauer,
nickte den grüßenden Cimbern zu, suchte mit den Augen, fand Werner und
Klauser und goß plötzlich aus einem Körbchen, das auf der Mauer stand,
einen Schwall weißer Rosen über Willys Haupt, das sich eben grüßend
entblößt hatte.
Einen Schwall weißer Rosen.
Und neben ihr tauchte da eine blaue Cimbernmütze auf. Darunter ein
lächelndes, leuchtendes Angesicht -- das Gesicht eines Mannes ...
Professor Dornblüth.
Er winkte den bergansteigenden Korpsbrüdern mit der Hand lächelnd zu --
rief:
»Auf Wiedersehen auf dem Dammelsberg!«
Werner suchte Klausers abgewandtes Gesicht. Es war fahl geworden ...
fahl ... es mahnte Werner an jenes Mädchenantlitz, das auf dem Tisch
der Prosektorstube dem Messer des Anatomiedieners entgegengeharrt
hatte. Eine Rose hielt Klauser in der Hand ... eine einzige, weiße Rose
... an der hingen seine starren Augen.
Gott ... wäre das möglich?!
Werner hatte Mariens Blick gesehen, als sie die Rosen über Klauser
ausgoß. Ein Unsägliches hatte darin gelegen, das Werner vergebens zu
enträtseln suchte: Weh ... und Scham ... und Dank ... und Liebe ...
ja, auch Liebe ... aber eine Liebe, sterbend, verwelkend wie jene
weiße Rose in Klausers Hand ... und Dank ... ach, ein Dank, der den
Empfänger quält wie ein Schimpf ... und über alles ... Abschied ...
Abschied ... Abschied ...
Und Werner fragte nicht. Er zog den Arm des Freundes fest an sich heran
... und stumm stiegen die Jünglinge bergan, inmitten der lachenden,
schwatzenden Korpsbrüder, durch die flimmernde Herrlichkeit des
glühenden Julinachmittags, dem Dammelsberg entgegen, dem Fest der
Jugend entgegen.
III.
Wenige Schritte nur hatten die Freunde in dumpfem Schweigen
zurückgelegt. Da riß Klauser seinen Arm aus dem des Freundes, ballte
die Fäuste und zischte zwischen den Zähnen:
»Vor die Pistole muß er mir! Vor die Pistole --«
»Wer -- der Alte Herr?!«
»Was schiert mich das?! Meinst du, ich lasse sie mir so einfach
wegnehmen? Ich schieß ihn über den Haufen --!!«
»Komm, Klauser, nimm dich ein bißchen zusammen, die andern werden schon
aufmerksam auf dich. Höre mich doch bitte einmal einen Augenblick lang
ruhig an. Ich glaube, du bildest dir das alles nur ein.«
Klauser lachte wild auf.
»Doch, Klauser, wahrhaftig, ich glaub's! Sieh mal, der Alte Herr ist
noch nicht drei Wochen in Marburg. Der alte Hollerbaum ist Dekan der
Juristenfakultät, außerdem ist er doch auch Pandektist; also da ist
doch das ganz erklärlich, daß Dornblüth bei ihm verkehrt! Und daß
der Alte seinen Kollegen eingeladen hat, sich von seinem Garten aus
den Festzug anzusehen ... na, das ist doch alles ganz natürlich, da
brauchst du doch nicht gleich auf Gedanken zu kommen!«
»Haha! und sie?! Ihr Benehmen gegen mich?! Ach geh mir doch mit
deinem faden Trost ... es ist aus ... oder es soll aus sein! Ach,
diese Weiber! Da kommt einer in Amt und Würden, und eins, zwei, drei,
wird man beiseite geschoben wie ein dummer Junge --! Na, wartet, ihr
da unten, in mir sollt ihr euch geirrt haben! Ich laß mich nicht
abschieben, ich habe Rechte! Rechte!«
»Komm, liebster, einziger Klauser, sei doch nur nicht so wild! Denk
doch, die andern müssen ja was merken! Sieh mal, ich kann's nicht
glauben, ich kann's einfach nicht, daß der Alte Herr Absichten auf
Marie hat --«
»Ja, warum denn nicht? Was sollte ~den~ denn hindern?«
»Klauser, ich muß dir etwas gestehen. Neulich, auf dem Wege nach
Ockershausen, am Samstag vor drei Wochen, als du dich wieder in den
Bund hineinpauktest, da tauchte ja der Alte Herr Dornblüth zum ersten
Male auf, erinnerst du dich? Du mußt doch gesehen haben, daß ich mit
ihm vor dir marschierte, weißt du's noch --?«
»Ja -- mir fällt's ein -- nun, und --?«
»Also da bin ich mit dem Alten Herrn ganz zufällig zusammengetroffen,
und da fragte er mich nach allem aus, was los sei im Korps, und dann
ist uns Marie begegnet, und da fragte er auch, wer die wäre, und -- da
ist's mir eben entschlüpft, daß sie und du ... daß ihr verlobt wärt.«
»So -- und --?!«
»Du mußt mir nicht böse sein, es kam so ganz von selber ... na und
siehst du, nun weiß also der Alte Herr doch, daß die Marie mit einem
Korpsbruder von ihm verlobt ist, und einem Korpsbruder die Braut
abspenstig machen ... so eine Gemeinheit, so eine verdammte Schurkerei
wirst du dem doch nicht zutrauen? So sieht der mir wahrhaftig nicht
aus!«
Klauser sann einen Moment schweigend vor sich hin. Dann brach er aus:
»Und wenn du recht hast -- um so schlimmer für mich!! Dann hätte die
Marie sich eben ohne sein Zutun ... denn daß sie von mir nichts mehr
wissen will ... das weiß ich, das fühl ich, da kann mir keiner dawider
reden!! Aber sie soll mich kennen lernen! Kämpfen will ich um sie,
kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!!!«
Ȇbereile doch nur nichts, Klauser, um Himmels willen! Marie kommt ja
doch jedenfalls hernach auf den Dammelsberg, ihr könnt zusammen tanzen,
du kannst sie ja einfach fragen, und ich bin überzeugt, sie lacht dich
aus und fragt dich, ob du toll bist! Oder sie haucht dich gründlich an,
daß du überhaupt so abscheulich an ihr zweifeln kannst!«
So tröstete Werner den Freund. Und der Trost wirkte. Er wirkte, weil
so vieles ihm half. Das gläubige, vergötterungsbedürftige Herz des
verliebten Jünglings, der Rausch der Festfreude ringsum, der lustige
Anstieg zum Schloßberg, der hoffnungatmende Sommerhauch.
Und als Werner den Erfolg seiner Trostgründe beobachtete, da begann er
schließlich selber an sie zu glauben ...
Und über den Einmarschierenden wölbte sich nun der Eichenwald. Noch
einen letzten Blick vom Waldrand rückwärts! Da wand sich der Zug vom
Schloßberg hernieder durch heckenumsäumte Wiesenpfade, eine Schlange,
deren Schuppen in den Farben des Regenbogens glänzten. Und von rechts
und links auf Nebenpfaden wallfahrtete nun auch Marburgs Bürgerschaft
heran. Überall tauchten blinkende Gewänder auf, dazwischen die
hellen Sommeranzüge, die Strohhüte, die dunkleren Seidenkleider und
Sonnenschirme schwitzender Väter und Mütter. Und alles verschlang der
Festwald.
Drinnen war's kühl und herrlich. Alle die geräumigen Festplätze, die
für solche Tage, wie den heutigen, geschaffen waren, hatte man für
den Andrang einer ganzen festfrohen Stadtgemeinde vorbereitet. Von
Baum zu Baum zogen sich buntbebänderte Tannengirlanden, spannten
sich Wimpelketten, lange Reihen bunter Lampions. Und unten waren
Tische und Bänke aufgeschlagen -- jeder Tisch trug auf mächtigem
Pappschild in schwarzen Lettern den Namen der Korporation, für welche
er reserviert war. Ein ganzer Festplatz gehörte dem akademischen
Senat, einer den Stadtbehörden, ein größter der Bürgerschaft, soweit
sie nicht Anschluß bei den Korporationen hatte. Und inmitten all der
Feststätten war der Tanzboden aufgeschlagen ... Überall aber walteten
schon die Küfer ihres Amtes, stellten auf Kreuzböcken mächtige Fässer
Casseler Lagerbier auf, schlugen sie an, daß der Gischt schäumte, und
ließen sich's nicht nehmen, als erste zu probieren. Und über all dem
Treiben bauschten sich Fahnen in den Farben der Stadt Marburg, des
Reiches, Preußens, der Provinz Hessen-Nassau, endlich der sämtlichen
Marburger Korporationen. Und noch höher droben rauschten und webten die
Eichen- und Buchenwipfel, von flatternden, hüpfenden Sonnenlichtern
durchwirrt. Und in das ganze wohlbereitete Festgefilde ergoß sich nun
der Strom der feierlustigen Menge. Das rannte und schrie durcheinander,
das begrüßte sich, wies einander zurecht, lachte, schalt, schnauzte
mit Füchsen, Kellnern, Korpsdienern -- und zwischen den trotzigen
Knabengesichtern, dem Gewimmel bunter Mützen und den Sommerhüten der
farblosen Verbindungen und der Finken, die erhitzten, augenblitzenden
Mädchenlarven unter wippenden Blumenhüten, die hin und her pendelnden,
krampfhaft hochgehobenen Sonnenschirmchen ... ein Wirrwarr, ein Lärm,
ein quirlendes Chaos ... da würde niemals Ordnung werden.
Doch nach einer Viertelstunde hatte sich alles zurechtgefunden. Alles
saß an seinem Platze, ein wenig eng, doch dafür war eben Festtag -- und
wer hätte gar nach mehr Platz verlangt, wenn er eine hübsche Nachbarin
erwischt hatte -- man würde sich einzurichten wissen ...
Und das Fest begann. Gedruckte Liederhefte waren schnell verteilt,
und bald brauste durch den ganzen weiten Festwald das alte festliche
Burschenlied:
»Wo zur frohen Feierstunde
Lächelnd uns die Freude winkt« --
Und ein zweites Lied -- und ein drittes --
»Du -- da oben steigt wieder eine Rede!«
»Laß sie reden! Kannst dir's denken, was da oben offiziell gequasselt
wird!! Die Herren Professoren hören für uns alle mit!«
Plötzlich Orchestertusch ... und lautes Hoch da droben --
»Los, Kinder! Hoch! hoch! hoch!!«
»Auf wen geht's denn?!«
»Is ja egal! Is ja ganz schnuppe! Brüllt nur ordentlich mit!«
»Hoch! hoch! hoch!!«
»Und nun -- Umtrunk!«
»Prost!«
»Prost doppelt!«
Einer kam hinzu: »Stellt euch vor, ihr Herren, eben hat der
>Tausendste< geredet!«
»Was hat er denn gesagt?«
»Das hat kein Mensch verstanden. Heimtückischerweise ist's ein Russe,
der kaum drei Töne deutsch reden kann!«
»Aber schön war's doch -- was?!«
»Allemal! Kinder, gebt mir was zu saufen -- ich verdurste!«
* * * * *
»Sie sitzt auf dem Professorenplatz bei ihren Eltern,« berichtete
Werner, der auf Erkundung ausgegangen war, dem harrenden Freunde am
Cimberntisch.
»Und -- ist der -- auch dabei?«
»Professor Dornblüth -- ja -- der ist auch dabei.«
»Hm. Setz dich. Wann fängt der Tanz an?«
»Um halb sieben.«
»Gut. Inzwischen -- prost -- einen Halben auf dein Wohl.«
»Du, Klauser, trink nicht ... denk nur, was heut alles auf dem Spiel
steht für dich.«
»Ja, ja, schon gut.«
In diesem Augenblicke entstand oben am Cimberntisch eine Bewegung.
Man erhob sich, die Mützen flogen von den Köpfen. Einige der älteren
Alten Herren des Korps waren herangetreten, begrüßten die Korpsbrüder
und nahmen oben neben dem Ersten Platz, während die übrigen
zusammenrückten. In ihrer Mitte auch Dornblüth.
Eine Weile verging. Man trank, ein allgemeines Lied wurde gesungen,
von droben klang wieder der entfernte Tonfall einer Festrede; am
Cimberntisch lärmte und schwatzte man munter weiter, die Alten Herren
tranken den Chargierten zu, schließlich beim Tusch schrie alles munter
mit: Hoch! und stieß mit den wuchtigen Henkelgläsern an.
Da trat der Korpsdiener zu Klauser heran und sagte halblaut:
»Herr Klauser, der Alte Herr Professor Dornblüth täte sich erlaube,
Ihne eins zu komme, und ob er Ihne hernach gelegentlich kennt e paar
Minute spreche!«
»Sagen Sie dem Herrn Professor, Peter, ich werde zu seiner Verfügung
stehen und erlaube mir, nachzukommen.« Er trank, warf aber keinen Blick
hinüber, obwohl Werner ihn anstieß:
»Du -- er schaut herüber.«
»Meinetwegen. Hast du verstanden, was Peter sagte?«
»Ja.« Werner legte die Hand auf des Freundes Arm und drückte ihn leise.
In diesem Augenblick entstand oben am Tisch ein wahres Hallo. Die
Freunde blickten hinüber und sahen neben dem Senior Papendieck, der
sich in seiner ganzen Länge erhoben hatte, eine Riesengestalt in
Reiseanzug und leichtem Filzhut -- Scholz ...
Eben warf der seinen Hut dem Korpsdiener zu, nahm aus dessen Hand eine
Mütze entgegen, stülpte sie sich auf den Hinterkopf, streckte beide
Hände den andrängenden Korpsbrüdern hin und lächelte, soweit es seine
starren Gesichtszüge, sein herber Mund gestatteten. Und die meisten der
Cimbern sprangen auf, ihn zu begrüßen, aber er wehrte ab:
»Bleibt sitzen, Herrschaften, ich komme zu euch.«
Und er schritt den Tisch entlang, streckte immerfort die langen Arme
über die Schultern der Nächstsitzenden nach jenseits zur Begrüßung,
antwortete auf einen Schwall von Fragen, kam so näher.
Werner schauderte bei diesem Anblick. Wie ihn begrüßen ... den
Entsetzlichen, der es wagte zu leben und zu lachen, dieweil ...
»Guten Tag, Leibfuchs Achenbach ... na, da wär ich wieder!«
»Guten Tag, Leibbursch.« Werner fühlte die hagere, eiserne Tatze des
weiland Cimbernseniors in seiner Hand.
»Na, laß dich mal besehen -- noch alles glatt? Gut schaust du aus --
ordentlich dick geworden. Das macht die gute Luft im Korps, seit ich
weg bin. Du, Leibfuchs, gratulier mir mal schnell: ich hab vorgestern
in Berlin den Doktor gemacht -- +magna cum+!«
Werner gratulierte und schüttelte nochmals die Hand, von der ein
Eisstrom ihm die Glieder durchlief.
»Ah, und da ist ja auch Klauser. Gratuliere zu -- na du weißt schon.
Donnerwetter, du hast dir aber ein hübsches Lokal zugelegt! Wer hat
denn das gekonnt?«
Aber er wartete gar nicht erst auf Antwort, begrüßte die Füchse im
Ramsch mit einer winkenden Handbewegung:
»Tag, Füchse -- na, munter!« und schritt dann zurück zum oberen Ende
des Tisches, wo er mitten zwischen den Alten Herren Platz nahm und
bald in ein eifriges Gespräch verwickelt war, an dem er sich in seiner
kalten, gemessenen, doch entschiedenen Weise beteiligte.
Scholz wieder da -- Doktor Scholz ... und nächstens müßte Rosalie
wiederkommen -- --
Nun trat Professor Dornblüth, ein gefülltes Bierglas in der Hand, von
hinten an Klauser heran und sprach:
»Herr Korpsbruder, ich glaube, wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt,
Bruderschaft zu trinken ... darf ich Ihnen also Schmollis anbieten?«
Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar,
erwiderte er:
»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir
... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung
verschieben?!«
Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch über den Ton der
Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte
mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines
Blickes stand:
»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern
können.«
Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der
Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches -- sie stießen mit
den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten
sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe.
Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und
sagte:
»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.«
Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen.
Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende
Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde
seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als
alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was
würde werden? Was würde werden?!
Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt.
Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ...
IV.
Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange
dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er
die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem
Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm
fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter.
Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden
blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden
Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten
Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden,
bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und
hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad
in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es
dämmerte durch den Bergpark.
»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine
Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.«