»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle

nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der

Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen

vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender

Locken trug.

»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur

Besprechung. Wer wünscht das Wort?«

»Ich bitte ums Wort.«

»Ich auch.«

»Ich auch.«

Von allen Seiten klang's.

»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der

anderen Bewerber.

»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer

Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor

vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich

noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich

die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg.

So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst

ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« -- Der Sprecher schlug

sein Notizbuch auf -- »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter

etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen

aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus.

Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch

aufgefallen ist, hat er sich beim +a-tempo+-Hieb ganz deutlich

zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar

nicht mit dem Kopf gemuckt, das nicht, aber die Augen zugekniffen und

das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.«

»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste.

»Überhaupt nicht.«

»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.«

Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den

Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig:

»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich

einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur

habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die

Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem

Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen.

Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und

uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir

sehr schlecht gefallen.«

»Silentium für Dettmer!«

»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde,

Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder

einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts

aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.«

»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann

hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur

sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren

ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach

meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie

Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem

Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen

bekommen haben.«

Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie

wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus.

Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei.

»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit

Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann

nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich

gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur

darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut

hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich

meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is,

der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal

mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen

'ch.«

»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja

schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte

einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen

hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es

scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr

findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten,

Krusius, daß du einen ents--prechenden Antrag s--tellst.«

»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte

es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick

ein jähes Frösteln durch die Versammlung.

»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den

Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben -- so daß

also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?«

»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest.

»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar

genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide

Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl

wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?«

»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte es mit markiger

Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das,

tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon

etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte

ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen

Knabengesichtern stand.

»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst

seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe

seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser

Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben

ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht

wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor

der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in

Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem

Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner

Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das

voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte

von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr

starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv,

war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher

souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst

vergangener Ansichten und Auffassungen herabsahen, welche sich in den

Alten Herren verkörperten.«

Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein

verständnisinniges Schmunzeln.

»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen -- wenigstens möchte

Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als

glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu

veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen.

Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein

Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen

zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das

ist ein herausgeschmissener Korpsstudent -- herausgeschmissen, weil

er sich auf der Mensur feige benommen hat!! -- Und das wird der Mann

sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer

bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu

werfen!! -- Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre

Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder

genannt haben, so ins Leben hinausstoßen --? Hat er das verdient?!«

Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen,

Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen,

die jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn

zuzujubeln.

»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie,

meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter

Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat

Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht

einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab'

das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus

dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ...

aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?«

»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn

nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille

hinein.

»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich,

dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.«

»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig

dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung

des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der

Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem

Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum

als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede

Bewegung bei seiner Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken:

es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes

zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht

so?!«

Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die

Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen

war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von

Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal

ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem

Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu

sühnen.

»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem

Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie

den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als

daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat --«

»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen

Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf.

»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder,

Ihren Antrag anzunehmen.«

»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit

zurück,« sagte Krusius.

»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission

auf unbestimmte Zeit des C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite

hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der

jüngste Korpsbursch. Also bitte?«

»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!«

ging's von Mund zu Munde.

Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten

gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias

verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch

eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten

Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit

lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man

die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben

den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der

Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des

Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn

durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest

schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald

aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben,

ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband

gerettet hatte. -- --

Oben hatte es ~allen~ dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch

dem guten, teilnahmsvollen Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen

wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart

fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch

eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die

Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand

des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am

Fenster stand: »Sie komme!«

Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen

... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!«

Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn

Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun

der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit

den gleichen formelhaften Worten:

»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission

aufgehoben ist. Gratuliere!«

Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die

beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton

von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das

Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief

niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete.

Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges,

doch lächelnden Mundes:

»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's

schon!«

Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber

das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser

behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte

ihm dabei selig zu:

»Du ... Marie --!!«

Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten

Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem

Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht

erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn

Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles?

warum?!

Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen -- aber er war es nicht.

II.

Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm

Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen

geblieben.

Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die

folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele,

wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ...

Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem

Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten

Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten

Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den

Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten,

lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal

kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht

eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende

Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten

hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der

Versuchung hinweg ...

Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte

stellten sich ein, die immer wieder nach Sättigung schrien ... und

manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte

die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in

den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse

ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich

sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte

Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd.

Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen

Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der

Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte

dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser,

kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen

Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem

ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen

Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb.

Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden,

machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter

Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei

den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens.

Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte

er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren, führte er sie

stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort

beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine

tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte

nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener

raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem

Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen

würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder

glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute

bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof

des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte.

Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte

... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die

Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten,

die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn

man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere

Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an

dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen

am Golde.

Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den

trug seine Liebe, seine junge, heilige Liebe über den Schlamm der

Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und

die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein

einziges Mal von Elfrieden gehört hätte:

Mein Süßer! Mein Geliebter! --

O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die

Straßen von Marburg gerannt ...

Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein

stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit

Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen

Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt

rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft,

und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über

einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier

bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden

Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein

zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die

Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie

ablösen würden.

Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon

standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit.

»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!«

Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres

Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet

hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich

ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem

alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes,

in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines

deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist,

dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren

Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus

wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte

mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte,

knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das

wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die

blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen

Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand

des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender

Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte.

Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein

hübscher, doch zu schmächtiger Bursche, eine unbedeutende, der

baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur.

Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien

Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch

die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell-

und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren,

um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim

Feste imposanter zu gestalten.

Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich

alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen

Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte.

»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!«

»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit

Achenbach gehen.«

Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser.

Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem

dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es

unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls

im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes

Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier

befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur

Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene

Banner im Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das

Korps das Symbol seines Bundes.

Und nun zog das Korps auf dem nächsten Wege zur Ketzerbach hinab, wo

der Festzug der Studentenschaft sich versammelte. Unten standen schon

fast alle Korporationen aufgereiht: nach langen Verhandlungen hatte man

sich geeinigt, daß die beiden ältesten Verbände, der Seniorenkonvent

der Korps und der Delegiertenkonvent der Burschenschaften, um Spitze

und Schluß des Zuges losen sollten, und dem S. C. war die Spitze

zugefallen. So eröffnete Cimbria diesmal als zurzeit im S. C.

präsidierendes Korps den ganzen Zug. Die Cimbern marschierten an den

schier endlosen Linien der aufmarschierten Studentenschaft vorbei;

selbstverständlich ohne die geringste Begrüßung hinüber und herüber:

auch heute fiel die Schranke nicht, welche die Farben zwischen den

Kommilitonen, den Söhnen eines Volkes, eines Reichs, einer Hochschule

gezogen hatten. Nur als man vorne an der Spitze angelangt war und an

den Reihen der bereits aufgezogenen beiden andern Korps vorbeizog,

flogen die blauen Deckel hüben, die hellgrünen und weißen drüben von

den Köpfen.

Musik erklang:

»Stoßt an, Marburg soll leben!

Hurra hoch!

Die Philister sind uns gewogen meist,

Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt

Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch!

Frei, frei, frei ist der Bursch!«

Feierlich tönte der in Marburg übliche verlängerte Schluß der alten

Jubelweise über die breite Allee, die niederen Häuschen, weckte stolzes

Echo an Sankt Elisabeths braunem Doppelgetürm und wogte weit hinaus, zu

den grünen Lahnbergen hinüber.

Der krasse Fuchs · 第 11 / 17 段