»Die Cimbre sinns gewese! aber wenn ich nur tät wisse, welche! es sinn

doch Stücker vierzig ihre hier!«

Aber er beschloß, reinen Mund zu halten. Er würde sonst nur den Spott

seiner Kollegen ernten ... und wenn ihm morgen nacht auf einmal ein

paar Biermarken in die Tasche regneten, dann würde er ja auch wissen,

woher die kämen.

XII.

Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die

Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und

Lachen, es mußte noch etwas geschehen.

»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die

Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!«

Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei

den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber

es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die

Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die

Westen stecken und die Röcke zuknöpfen.

Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da

lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster

offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise

hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht.

Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann

im Nachthauch. Fern raunte die Lahn.

Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im

tiefen Schatten einer Blutbuche geborgen. Und da war keiner unter

ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt

wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut,

dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert

nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens.

Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht:

»Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht,

Stumm irr ich und träumend umher,

Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht,

Es taumeln die Wellen ins Meer.

Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen Altan,

Hell flattert im Winde ihr Haar,

Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan,

Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar!

Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell,

Nie hab ich die Dirne geschaut -- --

Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell --

Was lacht sie und küßt mich so traut?!«

Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite

Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die

Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's;

hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug,

um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches

Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises

Kichern klang doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war,

zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch

die Adern.

Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an;

es schloß:

»Seh ich ein Haus von weitem,

Wo ein lieb Mädel träumt,

Sing ich zu allen Zeiten

Ein Lied ihr ungesäumt.

Und wird's im Fenster helle,

Wär es auch noch so spat,

So weiß ich auf der Stelle,

Wie viel's geschlagen hat.«

Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues

Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu

Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ...

»Die Mademoiselle! die revidiert!«

Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen,

in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung

überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus:

»Nachtwächter --! Nachtwächter!!«

Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus -- hielten's dann

aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt,

dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen.

Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen

seinen Pfad.

»Was lacht sie und küßt mich so traut?«

»Und wird's im Fenster helle --

-- So weiß ich auf der Stelle,

Wie viel's geschlagen hat ...«

Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder

hinein in ein einsames Knabenstübchen.

Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett

des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich

entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen

gewesen ...

Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes

und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes

stillen, die Wonne der Jugend auskosten ...

Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines

Herzens ...

Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung

des Augenblicks dräuend geschwebt hatte:

»Kinder -- wir gehn zur Lina!!«

Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte:

»Wir sind doch in Couleur!«

»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer. »Die Lina wohnt

draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem

Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer

sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab'

ich schon öfter so gemacht!«

»Na, denn in Deibels Namen!«

Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg

man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter

ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in

schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend.

Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man

ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem

Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den

Nacken der Schreitenden.

Zeit genug, nachzudenken ...

Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn --

und im Nacken klatschte die Geißel.

Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen

Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich

erfüllen, nun würde er wissend werden ...

Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die

Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten

wirren Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm

entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend

sich an ihn schmiegte -- Rosaliens glühende Brüste, die sich aus

blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten --

Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten -- ein grünlich

schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll

winkende Gottheit ... Elfriede ...

Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die

Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ...

Und das würde nun das Ende sein -- Lina ... irgendeine Lina.

Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das

war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er

erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen.

Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem

verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck

ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün.

Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem

einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen.

Dettmer klopfte.

Nichts rührte sich.

Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig.

Er hätte sterben mögen.

Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. --

Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte

und rief halblaut:

»Lina!«

Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen

vorsichtig geöffnet.

»Wer is es denn?«

»Ich bin's -- der Theodor!«

»Bist denn allein?«

»Nein -- ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine

Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!«

»Oh, ne -- wann du nit allein bist ... ich bin müd -- was kommt ihr

auch so spät in der Nacht -- geh nach Haus!«

»Du bist verrückt, Lina -- schnell mach auf -- sonst komm ich nicht so

bald wieder!«

»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang -- ich bleib in

meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du

ja.«

»Is jut, riegle man auf.«

Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer

klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut.

Eine Tür knallte.

Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten

die beiden andern Korpsburschen.

Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem

machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien.

Renonce Achenbach war verschwunden.

* * * * *

Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein -- das durfte nicht das

Ende sein!! Das nicht!!

Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende

Sehnsucht da drinnen ...

Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie

brüllte wilder denn je ...

Aber so nicht -- so nicht!

Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines

Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! --

Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und

so begehrenswert ...

Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde

er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ...

Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen

...

Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im

Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete --

Und bald sollte es sein -- vielleicht schon morgen -- übermorgen ...

Mochte daraus werden, was wollte ...

Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte -- er mußte!!

Aber nicht bei der da oben -- nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im

Pfuhl! ...

Rosalie! -- Rosalie! -- --

Hell schien am Himmel noch der Vollmond.

Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen.

Und Werner schritt zu Tal.

Rosalie -- -- Rosalie -- -- --

Zweites Buch

I.

Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen

Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie

fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen.

Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern

morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer

Freundin nach Frankfurt gefahren sei. -- -- --

Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende,

breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine

aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig

mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie

ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen,

taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch

des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines

rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück.

Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner,

dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt

im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die

Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier, eine Lodenjoppe mit lose

baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen,

daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und

Korrektheit legte.

Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben,

überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen

flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas

erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das

blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog

Werner die Mütze und hielt den Schritt an.

Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die

Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke,

ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des

anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen

Namen:

»Achenbach!«

»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres

Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?«

»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn

Partien.«

»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich

eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.«

»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?«

»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.«

»Auf der Durchreise?«

»O nein -- -- na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ...

ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor

Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.«

»Ach? Das -- davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher

Fakultät, wenn ich fragen darf?«

Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind

wohl Mediziner?«

»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.«

»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer

Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden

Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser,

und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen

Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom

Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit

dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins

alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...«

Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner.

»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem

Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht

Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei

Brander.«

»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir

eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es

Ihnen?«

»Oh -- selbstverständlich wundervoll -- großartig.«

»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen

Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei

Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?«

Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei

Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.«

»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.«

»Dann -- fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie.

Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia

gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann

Guestphaliae Dritten.«

»Wird's da was zu sehen geben?«

»Nun -- besondere Fechter sind die beiden gerade nicht. Aber dann --

dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war

... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten

Reinigungsmensur.«

»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?«

»Allerdings.«

Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt

er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser

eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen

seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern.

»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ...

der besteht noch immer? Aber na -- darüber werd ich mich mit den

Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann?

Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut

abschneidet?«

»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein

bester Freund im Korps.«

»Ach -- sieh da. Also ein guter und braver Kerl?«

»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.«

»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das

wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in

solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art --« Wieder

schwieg der Professor.

Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da

bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und

unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte

eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und

richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam

Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt.

Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal

begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ...

Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne

Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß

mit einem ernsten Blick des Einverständnisses.

»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz

seltsamen Tone an Werners Ohr.

»Das -- o -- das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.«

Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen

und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen

Knabenantlitz.

»Ihre Flamme wohl, wie?«

»Nein, meine nicht ...«

»Aber?«

»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen

das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ...

Braut.«

»Ach?! Seine Braut? Offiziell?«

»Offiziell natürlich nicht --«

»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?«

»Einundzwanzig.«

»Und -- sie?«

»Auch einundzwanzig -- meines Wissens.«

»Kinder, Kinder!! -- Und er -- welche Fakultät?«

»Mediziner.«

»Vor dem Staatsexamen?«

»Nein -- hat das Physikum noch vor sich.«

»Und dann -- Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet

... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank

in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte

Marie an Klauser vorbei -- er zog den Hut tief, sie neigte das

flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ...

Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die

Begrüßung.

»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl --?«

»Ja -- das ist Klauser.«

Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam

auf dem Wege zur -- Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend

... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das

letzte halb zu sich selbst gesprochen.

»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ...

das ist heiliger Ernst --!«

»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch

schöner, mit ~so einem~ Mädchen anders als in heiligem Ernst ...

Wollen wir nicht auf Klauser warten?«

»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht,

verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.«

»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde

nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder

eingewöhnen.«

Einen Augenblick schwiegen beide und sannen.

Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln.

»Na -- nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg

... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken,

daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male

diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver

Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut >hab' ich Semester

und heiß altes Haus< ... aber das da, das Schloß da oben und diese

wunderbaren Berge ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie,

Herr Korpsbruder, erzählen Sie!«

Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps

... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und

wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn

erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von

dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören

würde.

Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der

eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in

seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu.

Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen.

»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?«

»Ja -- so heißt sie.«

»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ...

mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt

habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.«

»Das ist der Vater der jungen Dame.«

»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter.

Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht

gewöhnen Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich

meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft

etwas genießbar machen könnte.«

»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja

ganz schön -- aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich

glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde

einem dann viel besser schmecken.«

»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies

Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings

die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen,

und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine

Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten

Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise

in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude

aneinander erleben.«

»Das wäre herrlich, Herr Professor!«

»Von wegen Verschwindens des >Moralischen<, nicht wahr?«

»Nein -- überhaupt, Herr Professor, überhaupt!«

* * * * *

Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes

verfolgt. Er hatte noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten

zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte

er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht,

um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung

auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der

jugendlichen Richter.

Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der

Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine

Stunde gedauert hatte, endlich verkündete:

»Silentium -- zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren

Sekundanten noch Erklärung? -- Silentium. Mensur ex --!«

Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und

frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz

des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er

hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu

sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der

Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband

aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus

den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie

Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen

zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm

wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth

dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter

Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube

und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während

Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und

Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die

körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was

mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?!

In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und

Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen.

Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr

Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen

waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers

Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich

die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken

nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube.

Der krasse Fuchs · 第 10 / 17 段