Korpsbruders -- »laß nur -- ich weiß Bescheid. Das ist Marie. Deine
Braut. Ich gratuliere dir tausendmal.«
»Achenbach?«
»Ich ... hab' euch im Museumsgarten zusammen gesehen ... neulich auf
der Reunion. Ich habe ein paar Worte aufgeschnappt ... aber du mußt
nicht denken, daß ich gehorcht hätte!«
»Das denk' ich auch nicht von dir, Achenbach. Nun, wenn du's weißt,
dann ... ich danke dir. Du bist ... der erste, der ... ich danke dir.«
Die Jünglinge schüttelten sich die Hände. Beider Augen schimmerten,
ihre Lider schlossen und öffneten sich rasch ein paarmal.
»Setz' dich! Was trinkst du? Einen Schnaps -- Bier?«
»Was du hast.«
»Ich brauche nur zu klingeln.«
»Na, dann natürlich ein Bierchen.«
Eine alte Wirtin erschien, nahm den Befehl entgegen und verschwand.
»Zigarre oder Zigarette?«
»Erst das letztere, dann das erstere.«
»Recht so!« Die Dunstwölkchen kräuselten um Mariens Bild, das in seiner
schlanken Herbheit zwischen den Jünglingen stand.
»Und wie geht's dir, Klauser?«
»Na, wie's einem geht, wenn -- na, du weißt ja.«
»Verzeih, aber mir kommt das alles entsetzlich wunderlich vor. Was hast
du denn eigentlich verbrochen, daß man dich so einfach ...«
»Ja, was hab' ich verbrochen? Meine Mensur hat eben dem C. C. nicht
genügt. Und dann fliegt man raus. Das ist nun mal so.«
»Ja, ich begreife das alles wirklich nicht.«
»Warum hast du's dir nicht von deinem Leibburschen erklären lassen? Der
ist doch dafür da.«
»Mein Leibbursch ist Scholz --«
»Ach so -- dann freilich --! Na, dann will ich dir helfen. Also sieh
mal, bei uns Korpsstudenten ist die Mensur nicht ein einfacher Sport,
ein Waffenspiel, sondern ein ... Erziehungsmittel. Es soll nämlich der
Korpsstudent auf der Mensur beweisen, daß ihm körperlicher Schmerz,
Entstellung, selbst schwere Wunden und Tod ... daß ihm das alles
gleichgültig ist. Verstehst du? Und dazu erzieht die Mensur.«
»Das begreif' ich sehr wohl und find' es auch sehr schön. Aber ... hast
du dich denn so benommen, als wenn du ... ja, du mußt mir nicht böse
sein, ich frage ja nur -- als wenn du Angst hättest?«
»Angst?! Ich und Angst? Haha!«
»Ja -- warum hat man dich denn dann --«
»Ja, warum? Sieh mal, wenn du länger im Korps bist, dann wirst du das
alles besser begreifen lernen. Im Korps sind seit einigen Jahren die
-- Anforderungen an die Mensur ... ein bißchen überspannt worden. Man
... verlangt da Dinge, die ... die eben nicht jeder leisten kann. Und
mancher kann sie heute leisten und morgen wieder nicht. Es kommt da
viel auf die Stimmung an ... auf den Gesundheitszustand ... auf die
Verfassung, in der die Nerven sind ...«
»Ja, mein Himmel -- dann bist du also dafür bestraft worden, daß du ...
dich am Abend vorher verlobt hast --?!«
»Ja -- wenn man's deutsch nennt -- dann stimmt's.« -- -- --
»Das ist Wahnsinn. Wahnsinn ist das.«
»Ja, sieh mal ... du darfst eben nie vergessen ... das sind Menschen,
die uns beurteilen ... junge Dächse, wie du und ich auch ... die sind
natürlich nicht unfehlbar. Der C. C. ist der Ansicht gewesen, daß meine
Mensur schlecht war, und dann ist sie eben schlecht. Das ist gerade
wie vor Gericht. Da wird auch manchmal ein Unschuldiger verknackt. Das
nennt man dann persönliches Pech.«
»Persönliches Pech?! Ich meine, das ist eine furchtbare Härte, eine
schauderhafte Unvollkommenheit des Korps --! Ach -- Klauser ...
überhaupt das Korps!! --«
»Achenbach --?!«
»Ach, Klauser -- ich bin ja einfach fast am Verzweifeln!! -- Na und du?
Dir muß es doch ähnlich gehen! Du fühlst doch wahrhaftig die Segnungen
dieser famosen Institution am eigenen Fleisch und Blut ... in diesem
Augenblick!«
»Am eigenen Fleisch und Blut! Ja, das tu ich.«
Ernst, mit bitter zusammengezogenem Munde, lehnte sich Klauser einen
Augenblick in seinem Stuhle zurück. Er ließ schwere Rauchwolken zur
Decke steigen und starrte ihnen nach.
»Ja ... wenn man's noch einmal zu tun hätte --!«
Aber dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf.
Er setzte sich aufrecht, legte seine Hand auf die des Freundes und
sagte:
»Kind, sieh mich an. Wie ich hier sitze, hat mich das Korps auf meine
fünfzehnte Mensur herausgeklebt, mir meine Charge genommen, und ich
weiß noch nicht, komme ich Samstag in acht Tagen wieder hinein in den
Bund, oder fliege ich perpetuell raus. Also, kannst mir glauben, zum
Schönfärben und Vertuschen ist mir grad' nicht zumut. Ja, vieles ist
bei uns nicht schön. Vieles könnte anders sein -- milder, menschlicher,
weniger nach Schema F. Aber ... wenn ich noch mal krasser Fuchs wär ...
ich würde doch wieder Korpsstudent!!«
»Doch wieder? Trotz alledem?«
»Ja -- trotz alledem! Ich weiß nicht, mein Gefühl sagt mir: das muß
alles so sein. Das ist alles so eingerichtet, damit wir brauchbar
werden für das, was später kommt ... Damit wir lernen, die Zähne
zusammenbeißen -- -- damit wir Männer werden! -- Und du -- -- halt nur
zwei Semester aus ... dann sprichst du geradeso!! --«
Eben kam die Alte mit dem Bier. Sie schenkte ein, schlich hinaus.
»Prost, Achenbach!«
»Prost, Klauser!«
»Was soll's gelten? -- Ich weiß: auf ein ewiges +Vivat, crescat,
floreat+ unserer lieben Cimbria! Auf daß sie grüne und gedeihe in
alter Herrlichkeit! Auf daß sie Freude erlebe an uns, ihren getreuen
Söhnen! Rest!!«
Leuchtenden Auges tranken sie aus und schauten einen Augenblick ins
leere Glas. Dann füllte Klauser stumm aufs neue die Gläser.
»Und nun,« sagte Werner, »nun will ich auch eins ausbringen. Aber dabei
müssen wir aufstehen! -- Auf ... ~die da~! Klauser! Auf die da ...
und auf ... auf eure Liebe, Klauser! Auf daß sie euer Leben reich mache
... reich ... und schön ... schön ... Marie soll leben! Deine Marie!«
»Marie! -- -- Marie!«
Die Gläser stießen aneinander, Auge ruhte in Auge, feierlich tranken
sie aus.
Und wie ein Goldglanz wob es durch die Stube. Heller, leuchtender noch
als das Bild auf dem Tische schwebte vor den Herzen der Jünglinge
strahlend ein Mädchenantlitz vorüber und grüßte die Zecher ...
»Na und nun?« Klauser schenkte zum dritten Male ein. »Wie heißt der
dritte Spruch?
Es lebe die Liebste ~deine~,
Herzbruder, im Vaterland!
denn -- -- du hast auch eine, Achenbach, oder ich will ein schlechter
Kerl sein.«
»Ja, Klauser ... ich habe eine -- im Vaterland ... daheim!«
»Die heißt?!«
»Elfriede --«
»Also -- Elfriede soll leben!«
»Elfriede!«
Still war's im Zimmer. Zwei junge Herzen schlugen dem Glück entgegen.
Dem fernen, dem unerreichbar fernen Glück ...
»Ach, Klauser,« rief Werner, »es ist ja alles Unsinn -- sich zu grämen
über die Welt -- --«
»Ist auch Unsinn! Haha! Die Welt! Ist ja viel Dummes und Blödes und
Scheußliches drin ... aber auch das andre ... das ist auch da!«
»Ja, das Gute, das Heilige ... das Schöne.«
»Da wollen wir uns dran halten, wenn uns bange wird ...«
Und die glücklichen Knaben erzählten einander. Jeder von seiner Liebe
... sie konnten kein Ende finden.
Und lächelnd, rätselvoll lächelnd stand Mariens Bild zwischen ihnen.
Das Bild eines Weibes ... eines reifen Weibes ...
Plötzlich zog Klauser die Uhr und rief: »Menschenskind ... es ist ja
die höchste Zeit, daß du auf die Kneipe gehst! Zu spät kommen zu
spezieller Kneipe kost' zwei Em! Raus! raus!«
»Ich danke dir, Klauser ... es war schön.«
»Ja, es war schön, und du hast mir verdammt gut getan in meiner
Einsamkeit ... mir ist so wohl, so ... und Samstag in acht Tagen ...
ich hab' so'n Gefühl ... es wird gut gehn mit mir ... ich komm schon
wieder hinein in den Bund ... läßt du dich mal wieder sehn inzwischen?«
»Wenn ich darf?«
»Du darfst! Brauchst nur um Dispens zu bitten!«
»Mach ich! Also ... auf Wiedersehn!«
»Auf Wiedersehn, lieber Achenbach! Und nochmals tausend Dank!«
Und als die Jünglinge sich zum Abschied in die Augen sahen, da
löste sich für einen Augenblick die glatte Rinde korpsstudentischer
Gemessenheit um ihre jungjungen Herzen. Sie lagen sich plötzlich in den
Armen.
Halb beschämt über diese Selbstvergessenheit, halb glückselig in einem
nie erlebten Gefühl des Einklangs, trennten sie sich mit einem derben
Lachen. Und doch war ihnen beiden so warm und stark im Herzen.
Sie waren noch etwas Besseres als Korpsbrüder geworden in dieser Stunde.
Sie waren Brüder geworden.
XI.
Seit Werner mit Klauser und Mariens Bilde ein fein Kollegium gehalten,
war ihm heller zu Sinn.
Allmählich verblaßte in seiner Erinnerung das Grauengesicht des
ertrunkenen Lenchens. Das zurückgekrampfte Totenhaupt mit den
halbgeschlossenen, geschwollenen Augenlidern verschwebte im
Dämmerlichte der Erinnerung, und dafür hob sich Mariens lebenswarmes
Gesicht, von innen mit strahlender Glut erhellt. Er liebte das Mädchen
nun mit der ritterlichen Schwärmerei eines dienstgetreuen Bruders.
Wenn er ihr auf der Straße begegnete, grüßte er ehrerbietig, obgleich
er ihr noch nie vorgestellt war. Das erstemal dankte sie erstaunt und
kühl, bei der zweiten Begegnung hatte Werner die stolze Freude, von
ihr, der Fremden, ein vertrauliches, kameradschaftliches Nicken zu
ernten. Das sagte deutlich: er hat mir von dir erzählt! Er! Und da
wußte Werner auf einmal auch noch etwas anderes von Marien: daß sie
Mut habe ... daß sie, die »Hessen-Nassauer-Dame«, deren Vater, der
Universitätsprofessor Geheimrat Hollerbaum, wie auch ihre drei Brüder,
Alte Herren des rivalisierenden Korps waren, den armen verbannten
Cimbern die Strafe nicht hatte entgelten lassen, die sein junges Glück
ihm eingetragen ... daß sie ihn gesehen, getröstet hatte ... einerlei
wo und wann ... Oh, wie er sie liebte dafür! Ach, es hatten doch nicht
alle Jugendträume gelogen! So ganz anders war sie doch nicht, die Welt!
Wohl gab es manches darinnen, wovon seine Lehrer, seine Dichter ihm
nichts verraten hatten; aber auch das andere, das Schöne, das Heilige
war da, es wandelte wie auf leuchtenden Wolken mitten durch Blut und
Tränen, durch Schmutz und Alltäglichkeit ...
Und auch im Korps fand Werner sich nun besser zurecht. Er begann sich
einzufügen, einzuordnen in die Jahrzehnte alte Organisation, die
sicherlich nicht auf ihn gewartet hatte, um sich alsbald nach seinen
Ideen zu wandeln ... die am starren Zaun der Tradition entlang ihren
eisenklirrenden Weg schritt.
Eifriger als je war er auf dem Fechtboden. Zum Leibburschen hatte er an
Scholzens Stelle den neuen Zweitchargierten, Krusius, gewählt. Einen
Augenblick hatte er daran gedacht, zu warten, bis Klauser sich aus der
Dimission gepaukt haben würde, und diesen dann zum Leibburschen zu
wählen. Aber nein, ein solches offizielles Verhältnis dünkte ihm unwert
des Bundes, den ihre Herzen geschlossen hatten ... und der stramme
Fechtchargierte schien ihm der rechte Erzieher, nun er sich ernstlich
entschlossen hatte, seine ohnmächtige Kritik an den Zuständen des Korps
aufzugeben und zunächst einmal sein ganzes Wesen in die harte Form
pressen zu lassen, die sich ihm darbot und ihm zum mindesten einen Halt
versprach.
Und noch eine andere Quelle der Unruhe und Qual schien versiegt in dem
ungeheuren Riß, den jene erste Berührung mit dem Ursprung und Ende des
Seins durch seine Seele gezogen hatte. Sein wildes Begehren nach dem
Weibe war einem tiefen Entsetzen gewichen. Des Weibes nackte Schönheit,
die ihn so gequält: er hatte sie zum ersten Male geschaut im Stande der
Auflösung -- der Vergänglichkeit -- der Vernichtung, und die Schauer
dieser Erinnerung hatten die Sehnsucht in ein fröstelndes Grauen
verwandelt. Und aus diesem Grauen rang sich nach und nach eine Ruhe los
... eine tiefe, entsagende Ruhe.
Rosalie!
Wie ein schönes Bild nur sah er die jüngst so wild Begehrte noch an.
Und sie schien zu empfinden, daß die Flammen erloschen waren, die sie
so hoffnungsgierig geschürt hatte. Sie blieb Wernern fern, und wenn
sich ja einmal ein Zusammentreffen fügte, so verkehrten sie ruhig und
heiter zusammen, wie ein paar gute Kameraden. Vollends Babett war ihm
zu einem geschlechtslosen Wesen geworden, zu einem guten, dienstbaren
Geistlein, das um ihn schwebte wie ein körperloser Hauch.
Und mit ausgebreiteten Armen warf sich Werner hinein in den lustigen
Strudel des Korpslebens. Nun focht's ihn nicht mehr an, wenn er
des Morgens auf dem Fechtboden einmal von einem Korpsburschen derb
gerüffelt wurde. Dann holte er selbst die Filzmaske, ließ sich mit
zusammengebissenen Zähnen den Schädel verdreschen und klopfte weidlich
wieder, so daß der Fechtchargierte Krusius mehr als einmal beifällig
äußerte:
»Wenn das mit dir so weiter geht, Leibfuchs, dann stell ich dich noch
als Krassen am Semesterschluß ein- oder zweimal raus.«
Das Kolleg hatte sich Werner nun gänzlich abgewöhnt. Dafür ging's vom
Fechtboden stracks zur Lahn zum Schwimmen. Dann lag er stundenlang im
Grönländer auf dem Wasser. Ach, das war schön! Von dichtem Gebüsch
umrandet, schlängelte sich der schmale Flußlauf durch die breite
Ebene; zur Rechten und Linken säumten die ernsten Bergschranken das
Talbett ein. Blau lag über dem friedvollen Tale das Himmelsdach ...
weiße Wolken segelten von Westen herauf über den Buchenwäldern zur
Linken, wanderten still über Fluß und Ebene und versanken hinter den
Tannen von Spiegelslust. Als Ziel der Ruderfahrt winkte das Dörfchen
Wehrda, friedlich in eine Bergmulde eingebettet, zwei Dutzend schlichte
Häuschen um einen ehrwürdigen Turmstumpf gedrängt; dort gab's saure
Milch und würzigen Handkäs. Und dann zurück ... gar zu gern ließ Werner
die Doppelschaufel des Ruders ein Weilchen ruhen und träumte in die
sommerliche Schönheitsstille hinaus, bis ein plötzlicher Ruck, ein
Schwanken des Bootes ihn gemahnte, daß er sich einem gar empfindlichen
Fahrzeug anvertraut.
Oder es ging vom Fechtboden aus gleich auf die Wanderschaft. Oft
allein, oft auch in Gesellschaft zweier oder dreier Korpsbrüder
marschierte er los: bald kannte er Weg und Steg der Umgegend. Und er
schloß diese wundersame, versonnene, geheimnisstille Landschaft in sein
Herz. Es war gar nicht auszudenken, was alles diese weiten Bergwälder,
was diese weltverlorenen Hochebenen mit ihren vereinzelten Eichenriesen
über jungem Buschdickicht der Seele sagten.
Zum Frühschoppen mußte man dann wieder im Quartier sein, und Werner saß
nun nicht mehr als steinerner Gast, nicht mehr als dumpfer, düsterer
Grübler inmitten der munteren Schar. Er sang die derbsten Katerlieder
lachenden Mundes mit, errötete nicht mehr über die massivste
Landsknechtszote, wenn er auch nie selber solche kolportierte. Das
Mensursimpeln langweilte ihn nicht mehr, und niemals mehr fiel's
ihm ein, ein Gespräch über Literatur und Kunst oder Politik und
Religion anfangen zu wollen. Kurz, er war auf dem besten Wege, ein
Korpsfuchs nach dem Herzen des Seniors Papendieck zu werden. Sein neuer
Leibbursch, der Zweite Krusius, war geradezu stolz auf ihn und erzog
ihn mit zärtlichster Vaterliebe.
Und im stählenden Betrieb des Fechtstudiums, in Luft und Sonne blühte
Werner auf. Der schmächtige Körper streckte sich in Länge und Breite,
die verräterischen Ringe unter den Augen, die Zeugen heimlicher Kämpfe
und Qualen, verschwanden. Die Ströme Biers, die Dammer, der nun zum
Fuchsmajor ernannt worden war, durch seiner bisherigen Mitfüchse
Verdauungsapparat allabendlich hindurchleitete, gaben Werners Gliedern
eine behagliche Rundung, seinem Gesicht eine frische Röte; dabei
bewahrten Ruder und Wanderstab und Rappier den jungen Körper vor
Stauung und Fülle.
Schöne Wochen waren gekommen. Hinter ihm lag die Zeit der Kritik.
Hinter ihm die Erinnerung an seine kunstgeweihte, lernfreudige
Gymnasiastenzeit. Nicht mehr war sein Wahlspruch das Homerwort, das
ihn allezeit auf dem ersten Platze der Klasse festgehalten bis zum
+primus omnium+ -- nicht mehr trachtete er »immer der Erste zu
sein und vorzustreben den andern« -- nein -- aufzugehn in der Menge,
nicht herauszufallen aus dem engen Rahmen, der straffen Norm, die
das Korps der Persönlichkeit vorzeichnete, sich anzupassen der neuen
Lebensform, in die er hineingeraten, das war nun das Trachten seiner
Tage.
Und Werner wurde heiter. Er wurde lustig, geräuschvoll, ausgelassen
im Kreise der Korpsbrüder. Mit Staunen sahen die, wie er, der früher
manchem unheimlich gewesen war in der grüblerischen Unruhe seines
haltlosen Wesens, auf einmal als überschäumend munterer Kumpan
sich entpuppte, plötzlich begann, gar in Tollheiten zu schwelgen.
Eines Abends kamen Werner Achenbach, mit ihm der jüngst gewählte
Dritte, Dettmer, die Jungburschen Böhnke und Dammer, der Fuchsmajor,
von der Kneipe herunter auf gemeinsamem Nachhausewege und lenkten
in die Wettergasse ein. Dort war das Pflaster aufgerissen: bei
der mangelhaften Beleuchtung stolperte Dettmer über einen Haufen
Pflastersteine und fluchte barbarisch.
In diesem Augenblick fiel Werners Auge auf die offenen Fenster eines
niedern Bürgerhauses: der Schneidermeister Ackermann wohnte da, ein
geriebener Bursche, der den Korpsstudenten pumpte, solange sie in
Marburg waren, und sie dadurch zu bösartigem Kleiderluxus verleitete
-- und kaum, daß sie den Rücken gewandt, an die Eltern schrieb und mit
den Gerichten drohte. Er war deshalb vor kurzem in den S.-C.-Verruf
geflogen.
»Herrschaften, ich hab' 'ne Idee!« rief Werner.
»Silentium für Achenbachs Idee!« kommandierte Dettmer.
»Also da oben hinter den offenen Fenstern ist Ackermanns beste Stube,
das weiß ich, man kann sie von meiner Bude aus sehen! Wie wär's, wenn
ich da hineinkletterte -- ihr reicht mir Pflastersteine an, und wir
verzieren ihm seine Renommierbude ein bißchen!«
Jubel! Im Augenblick war der Plan durchgedacht: Böhnke lehnte sich
an die Wand zwischen Ackermanns kleinen Schaufenstern, und mit
der Sicherheit und Kühnheit, welche der zwanzigste Schoppen dem
ausgepichten Korpsfuchsen verleiht, turnte Renonce Achenbach auf
Böhnkes Schultern. Von da aus konnte er bequem die Fensterbrüstung im
ersten Stock erreichen: ein kräftiges Ziehen: Böhnke, der als Oberjäger
der Reserve etwas vom Turnen verstand, schob mit den Händen unter
Werners Fußsohlen nach, und mit einigem Gepolter langte Werner in der
Stube an. Nun klopfte ihm doch das Herz: er lauschte einen Augenblick,
aber Familie Ackermann schlief den Schlaf des ungerechten Mammons. Nun
ließ Werner einen Stuhl zum Fenster hinaushängen: die andern Cimbern
packten Pflastersteine hinauf, ein kräftiges Heben, die Ladung war
oben. Und mit dem Behagen eines Künstlers arrangierte nun Werner die
Basaltklötze auf Salontisch, Vertikow, Sofa und Plüschsesseln, mitten
zwischen den geschmackvollen Nippsachen eines Schneidermeistersalons.
Noch eine zweite Ladung konnte untergebracht werden: dann turnte Werner
zurück, und voll Hochgefühls zog man fürbaß. Schlafen gehen mochte
keiner: der Tatendrang war einmal geweckt. Das sonst so beliebte
Laternenausdrehen reizte heute nicht sonderlich, denn der Vollmond
stand schmunzelnd über Stadt und Schloßberg und beschämte die
armseligen Funzeln der Gasflammen. Und Dettmers Vorschlag, den Mond
auszudrehen, mußte man nach längerer Beratung als unausführbar fallen
lassen.
Aber es mußte etwas geschehen. Und man kam auf folgende Idee -- diesmal
war Dammer das Ingenium gewesen:
Von der Barfüßerstraße führten viele kleine dunkle Gassen steil hinab
zur unteren Stadt. In eine solche wollte man aus Pflastersteinen
eine Barrikade bauen; dann sollte unten skandaliert werden, um einen
Wächter der Nacht herbeizulocken: dieser sollte, abwärts eilend, über
die Barrikade stolpern und schmählich zu Falle kommen. Damit aber der
Dienst der Pflicht für ihn nicht mit schwerer Körperverletzung endige,
sollte hinter der Barrikade ein hoher Sandhaufen aufgetürmt werden.
So ward's, nachdem mancher Schweißtropfen geflossen, und bald konnten
die Exzedenten den tiefen Fall eines Polypen bejubeln, dessen
schlaftrunkenes Haupt sich im Sande begrub.
Aber die Rache kam. Ein Brunnen plätscherte silbertönig in die stille
Nacht. Es war gar nicht einzusehen, warum die vier Strahlen Wassers
sich nun immer und immer in die vier darunter befindlichen Steinbecken
ergießen sollten. Mit Hilfe je zweier Bretter von einem nahen Neubau
und einiger Pflastersteine ließen sich leicht ein paar Rinnen
improvisieren, die das Wasser auf das Pflaster ablenkten. Das würde
bald eine hübsche Überschwemmung absetzen.
Schon plätscherte das Wasser lustig auf den Steinen, da griff plötzlich
eine kräftige Faust in die Gruppe der Bauenden: an dieser Faust blieb
der C. B. Dammer aus Dräsen zappelnd hängen.
»Na, Ihne hab ich!«
Wie der Wind waren Dettmer, Böhnke und Achenbach auseinandergeflogen.
Ihre Schritte verhallten in der Ferne der nächtlichen Straßen.
»So,« sagte der Wächter des Gesetzes, »wenn Se nun vernünftig sinn und
bringe die Geschicht da wieder in Ordnung, und schleppe da die Bretter
wieder an ihr Stell un die Pflasterstein, hernach will ich Ihne laafe
lasse, weil die Herre Cimbre immer so anständig sinn.«
Das letztere war ein Wink der Sehnsucht nach den üblichen Biermarken
der Sühne.
Aber Dammer fand es unter seiner Würde, die angerichtete Störung der
öffentlichen Ordnung +in integrum+ zu restituieren.
»Nu heern Se mal, mei Gutester,« sagte er, »wie kommen Se mir denn vor
-- eegentlich, heern Se? Bin ich denn hier der Wächter der effentlichen
Ordnung, oder sind's gar am Ende Sie, mei Gutester? Also sein Se so gut
und tun Sie, was Ihres Amtes ist.«
Das ging dem Beamten übern Spaß. Sein Biermarkentraum versank, und der
ehemalige preußische Unteroffizier tauchte aus dem Schlummer zweier
Jahrzehnte empor.
»Sie komme mit zur Wach!«
»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«
»Sie zeige mir Ihre Studentekart!«
»Nu, da mißt ich doch närr'sch sein!«
»Na, alsdann kurze Prozeß!«
Und eine energische Faust packte den kleinen Dammer, und der, als
Jurist plötzlich eingedenk, daß es irgendeinen geheimnisvollen
Paragraphen über Widerstand gegen die Staatsgewalt geben mußte, ließ
sich schieben.
Inzwischen hatten seine drei Komplizen die Entwicklung der Dinge
vorsichtig beobachtet und machten Rettungspläne. Auch hier hatte
Werner eine Idee. Auf einem halsbrechenden Wege, durch berganklimmende
Seitengassen, überholten sie den Wächter des Gesetzes und sein Opfer.
Als der Nachtrat Dammern bis in die Nähe des Marktplatzes geschafft
hatte, standen da auf einmal zwei Cimbern über eine dunkle Masse
gebückt, die auf dem Straßenpflaster lag. Bei näherem Besehen war es
ein Mensch. Ein junger. Ein Student ohne Kopfbedeckung oder sonstige
Abzeichen.
Der eine der Zuschauer näherte sich dem Nachtwächter -- fragte
zunächst: »Was hat denn dieser unglückliche Jüngling da verbrochen,
daß er in Ketten und Banden in das Haus des Entsetzens geschleift wird?«
»Das geht Ihne gar nichts an, verstehn Se mich? Gehe Se Ihrer Wege!«
»Auf höfliche Frage eine grobe Antwort. Na, Geschmacksache! Herr
Nachtrat, da in der Straßenrinne liegt ein unglücklicher Mitmensch, den
offenbar der Schlag gerührt hat. Tot ist er aber nicht, wir haben schon
gehorcht.«
»Wird wohl besuffe sinn!«
»Das haben wir auch geglaubt, aber aus seinem Munde geht kein Hauch von
Alkohol. Überzeugen Sie sich nur.«
»Ich hann kee Zeit -- ich muß hier de Gefangene transpottiere!«
»Und wenn der arme Jüngling nun stirbt?! Jeder Augenblick kann kostbar
sein.«
»Wir machen Sie verantwortlich für das Leben dieses Menschen!«
»Nu sähn Se, Herr Nachtrat, das is doch wahrhaftig wicht'ger, als mich
ins Kittchen zu bring'n?«
So redeten Dammer, Achenbach, Dettmer auf den unglücklichen Beamten ein.
Böhnke stöhnte inzwischen schauerlich.
»Da sehn Sie's! er stirbt, wenn Sie nicht sofort anfassen! Wir helfen
Ihnen!«
»Ich loof nich fort, Herr Nachtrat! ich loof nich fort!« --
Der Nachtwächter verlor die Fassung. Er ließ Dammer los: »Na, da fasse
Se an die Bein an, meine Herre, ich nemm en obbe!«
Er bückte sich über den Röchelnden ... in diesem Augenblick versetzte
der ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, und im Hui
waren der Sterbende, die beiden Samariter und auch der Arrestant
verschwunden.
»Bande, verfluchte!«
Der Beamte klopfte seine Mütze ab, die in den Staub gefallen war, und
befühlte seine schmerzenden Glieder.