ein Fuß, dort eine Hand zersäbelt. Und staunend sah Werner diese
selbstverständliche Ruhe und Gelassenheit, mit der diese gleichaltrigen
Jünglinge das Geheimnis des Meisterstücks der Schöpfung erschürften,
geschäftsmäßig, mit dem sachlichen Ernst von Knaben, die ein Spielzeug
zertrümmern, um seinen Mechanismus zu ergründen.
Schließlich stand er hinter einem Studenten, der vor sich einen
menschlichen Kopf liegen hatte. Die von Haaren entblößte Schädelhaut
war durch einen Schlitz von der Nasenwurzel bis zum Hinterkopf
gespalten, dann die Schädeldecke flach abgesägt worden, und aus der
Gehirnhöhle hatte der Arbeitende das Hirn losgetrennt und gesäubert.
Eben war er fertig geworden und ließ die quabblige, schaukelnde
Hirnmasse auf einen Porzellanteller gleiten. Erleichtert atmete er auf,
empfand, daß jemand hinter ihm stehe, und wandte sich herum. Es war
Scholz.
»Tag, Leibfuchs! Na? Was suchst du denn bei uns?«
»Tag, Leibbursch! Wichart hat mich aufgefordert, mir hier die Sache mal
anzusehen.«
»So, so -- na, wie gefällt dir's denn in dem Ausschank?«
»Na -- gefallen? Jedenfalls interessiert mich's riesig.«
»Nicht wahr? Und dann riecht's auch so gut.«
»Entschuldige, Leibbursch -- was treibst du denn hier? Ich denke, du
stehst schon ziemlich nahe vor'm Staatsexamen?«
»Na -- immerhin noch anderthalb Semester -- aber du hast recht --
eigentlich hab' ich hier ja nichts zu suchen ... uneigentlich aber
mach' ich hier Studien für meine Doktordissertation. Schau dir das
mal an! Das ist die Denkmaschine. Das muß eigentlich jeder gebildete
Mensch mal gesehen haben. Das und 'ne Entbindung. Dann kommt man
dahinter, daß der Mensch ein grad so armseliges Viech ist, wie alle
andern. So die Romanschreiber und die Dichter und so 'ne Leute: die
müßten das mal sehen, dann würden sie nicht so viel idealistischen
Blödsinn quasseln.«
Diese Logik war Werner unbegreiflich. Mit tiefer Ehrfurcht betrachtete
er die opalisierende Masse auf dem Teller. Ihm war, als wachse vor
diesem Anblick das Geheimnis des Denkens und Schauens nur tiefer
ins Unermeßliche hinab. Wenn nicht eines Gottes kommandierende
Allweisheit dies millionenfach verschlungene Chaos von Gängen und
Fäden und Äderchen gebildet, wenn das alles »geworden war«, so sich
entwickelt hatte im Laufe der Jahrmillionen -- war das nicht tausendmal
wunderbarer -- weckte es nicht tausendmal tiefere Ehrfurchtsschauer?!
Das alles zuckte nur als dumpfes Ahnen durch des Knaben Hirn ... von
dem Naturerkennen der Zeit waren nur erst flüchtige Blitze in die
dumpfe Geistesdämmerung der Elberfelder Oberprima gedrungen.
Und er stand vor dem Sitz des Lebens, wie er manchmal in heimischen
Fabriken oder auf der großen Düsseldorfer Gewerbeausstellung vor
sieben Jahren den riesigen Maschinen gegenübergestanden hatte; das
eine konnte man so wenig begreifen wie das andere; nur eine Anschauung
von einer tiefdurchdachten, langsam und kämpfend herangereiften
Zwecktüchtigkeit und Bedeutungsfülle strömte, wie von jenen
schwerfälligen eisernen Kolossen, von dem Unbegreiflichen, dem ewig
Rätselhaften des Seins wie von dem Menschengeiste, der rastlos sich
selber zu ergründen trachtete. Und der nüchterne, eiserne Gesell da vor
ihm, der ihn vor wenig Stunden um einen süßesten Augenblick betrogen,
wuchs in diesem Moment für Werners Empfinden zu einem Pionier des
Geistes empor, der auf oft betretenen, nie bis zum Ende verfolgten
Pfaden tiefer und tiefer in den Urwald des Unbegriffenen einzudringen
trachtete ...
Da schreckte ein Ruf ihn aus seinem Sinnen:
»Achenbach!«
Wichart stand unter einer Tür, die zu einem Nebengelaß führte; auch
er in Kittel und aufgekrempelten Ärmeln, wie Werner ihn schon von der
Mensur her kannte.
Werner schob sich zwischen den Schemeln der arbeitenden Studenten
hindurch und begrüßte Wichart, streckte ihm die Hand hin. Aber der
sagte:
»Ne, Füchsche, Hand gibt's net -- ich hab schon gearbeitet!« und
er hielt dem jungen Korpsbruder die besudelte Hand unter die Nase:
»Kannscht es rieche?«
»Ach, Wichart,« sagte Werner, »ich bin dir ja kolossal dankbar! Es ist
großartig interessant!«
»Nit wahr? Aber wart nur, jetzt sollst was zu sehe kriege, was mer auch
nit alle Tag vor die Auge bekommt. Ebe ist was Neues bracht worde: 'ne
Selbstmörderin, wo se gestern abend unne bei Frohnhause aus der Lahn
gezoge habe!«
Und er zog Werner ins Nebenzimmer. Dort standen zwei Anatomiediener,
der eine hatte eine Säge in der Hand, der andere hielt etwas fest --
»Warte Se eine Augenblick, Michel,« sagte Wichart und schob Wernern
ganz heran.
O Gott -- --!!
Ein junges Weib, ein schönes, wunderschönes Mädchen ... eine Leiche ...
schon bläulich angelaufen, ein wenig gedunsen vom Wasser -- aber ...
Das also war des Weibes Leiblichkeit!!
Oh, so ganz anders, als der Jüngling sie geträumt hatte ...
Das Weib und der Tod -- da lagen sie beide vor des Knaben Augen --
schleierlos -- allübermächtig ...
Tot ... und warum tot?
Eine Selbstmörderin --! Aus dem Wasser gezogen!
O Gott, o Gott!
Aus blühender Lebensfülle in die nasse, kalte Flut --
Wichart schien die Frage von Werners zuckendem Gesichte gelesen zu
haben. Er wies auf den Leib, der sich stark wölbte.
»Da steckt's drin!« sagte er. »Das hat sie ins Wasser gebracht. Ja,
Kerlche, so is das! Aber se könne ja die Finger nit davon lasse --! Der
Vater is en Schreiner mit zehn lebendige Kinner, un in seiner Wut, daß
se in de Schand komme is, hat er se uns verkauft.«
Wernern schüttelte das Grauen so unbezwinglich, daß er mit einem jähen
Laut die Luft durch die klappernden Zähne zog.
In dem Augenblick trat Scholz ein. »Na, Wichart, was habt ihr denn da
gut's?«
»Willst es Gehirn habe?« fragte Wichart und wandte sich zu einem
Instrumentenschrank.
Plötzlich sah Werner, wie Scholzens Augenlider sich weit aufrissen,
die Stirn sich hoch in Falten zog, der Unterkiefer wie haltlos
herunterklappte. Und beide Hände tasteten langsam, irr am grauen Kittel
herauf nach dem Kragen. So stierte er mit blicklosen Augen eine Sekunde
lang auf die Leiche ... und noch eine Sekunde ... dann machte er kurz
kehrt und war hinaus.
Himmel -- was war ihm?!
Einen raschen Blick voll zähneknirschend angstvollen Forschens ließ
Werner in das Totenantlitz gleiten -- ja -- sie war's -- sie war's --
Lenchen Trimpop.
Wichart hatte nichts bemerkt. Er kramte unter seinen Instrumenten und
holte eine große Schere heraus. Die gab er dem einen der harrenden
Anatomiediener und deutete auf das lang und naß herunterhängende
Blondhaar der Leiche. »Schneiden's ab! Du kannst dir den Kopf gleich
mitnehme, Scholz! Nanu? Wo ist denn der Scholz?«
Werner konnte nicht antworten. Er drückte Wichart die Hand und
stammelte, totenhaften Gesichts: »Adieu, Wichart, ich danke schön.«
Dann taumelte er hinaus.
»Is wohl aach kee Mediziner nit, der Herr?« meinte Michel, der
Anatomiediener, und setzte die Schere an.
X.
Gott, Gott! --
Ein Mensch war in Verzweiflung getrieben!
Ein junges, blütenjunges Leben hatte flüchten müssen aus der Welt, in
der es Eltern gab, Geschwister, einen Mann, dem es in Liebe angehört
... in der es Mutterhoffnung gab ... aber keine Heimat ... keine
Rettungshand ... nicht Luft noch Licht zum Leben ...
Was würde sich nun ereignen?
Eine Katastrophe, ein Weltuntergang ...
Aber draußen flimmerte die Sonne heiß und heiter auf dem
Straßenpflaster, übergoldete die Stadt und den friedlichen Fluß, in
dem ... das würde man nie vergessen können ... und nie diesen Anblick,
nie diesen fahlleuchtenden, mütterlichen Mädchenleib mit nassen
Blondsträhnen und den grünlichen Flecken ... nie ... nie ...
Heim! heim! ins Dunkel, in die Einsamkeit ...
Er fand in Dumpfheit seine Straße, seine Stiege, sein Sofa ... wühlte
sich in eine Decke, fror und schluchzte und sann.
Da stürzte Rosalie heulend herein: »Herr Achebach, Herr Achebach! Ach,
das Malheur, das Malheur!«
»Fräulein Rosalie?«
»Meine Freundin, es Lenchen Trimpop, is in de Lahn gange!« sie fiel in
einen Stuhl, sie heulte, sie ächzte, stoßweise schrie sie es heraus.
»Un ich weiß auch, weshalb! E Kind hat se, un ich weiß auch von wem!
Vom Scholz hat se's gehabt, von eurem Scholz --!!«
* * * * *
Ja, nun würde die Rache kommen. Die da, dies Mädchen, das gestern der
Überrumpelung des Sieggewohnten fast erlegen war ... die wußte nun,
wer er war ... die würde nun durch alle Straßen von Marburg heulen:
der erste Chargierte der Cimbern ist schuld, daß das Lenchen Trimpop
ins Wasser gegangen ist! Und dann würden die Steine Echo schreien,
die Leute sich auf den Verführer, den Mörder stürzen wie auf eine
gefährliche Bestie und die Rache der Menschheit an ihm vollziehen ...
Nicht, daß er wieder ein »Balg« in die Welt gesetzt -- nicht das war
das Ungeheuerliche ... sondern daß er hatte die in Verzweiflung sterben
lassen, die ihm ihr Alles gegeben ... das war's, das würde Rosalie als
Anklägerin in alle Lüfte heulen, und die Steine würden Echo schreien ...
Mit schlotternden Knien suchte Werner um die Mittagsstunde den Kreis
der Korpsbrüder auf, die er im Quentinschen Lokal beim Frühschoppen
wußte. Er glaubte nicht anders, als daß er alles in wilder Verstörung
antreffen würde. Aber sehr behaglich kneipend saßen die Füchse im
Garten über der hohen Terrassenmauer. Die Korpsburschen, hieß es, seien
auf der Kneipe im C. C.
Ah! also dort vollzog sich das Strafgericht!
Aber nein.
Bald kamen die Korpsburschen: sofort sah Werner an ihren Gesichtern,
daß nichts von besonderer Bedeutung vorgefallen.
Und bald wurde den Füchsen aus dem C. C. mitgeteilt: »C. B. Scholz,
gewesener Dritter Erster, Erster, Erster, Erster +ad interim+
tritt von seiner Charge ins Korps zurück und derselbe mit Farben
inaktiv. Unter demselben Datum definitive Chargenwahl: Papendieck,
gewesener Fuchsmajor, Erster, Krusius, gewesener Dritter, Zweiter,
Dettmer Dritter. Unterm selben Datum: i. a. C. B. Scholz, gewesener
Dritter, Erster, Erster, Erster in Berlin.«
Also das war das Ende? Das war alles?!
Ja, da mußte doch etwas nachkommen! So konnte das doch nicht ausgehen?!
Rosalie würde reden! Ja, die wußte ja nicht bloß, wie Werner, aus
Anzeichen -- -- die wußte aus dem Munde der Toten, was geschehen war!
* * * * *
Rosalie schwieg. Ein paar Tage lang hatte sie verweinte Augen ... lief
ein paar Tage im Hause herum, ohne wie sonst zu trällern und zu pfeifen
-- dann pfiff und trällerte sie wieder. Und hatte geschwiegen.
Und nichts geschah ... nichts.
Ein paar Tage sprach man in Marburg davon, daß eine Tischlerstochter
sich ertränkt habe; sie solle ein Verhältnis mit einem Studenten gehabt
haben, das nicht ohne Folgen geblieben sei: dann war Lenchen Trimpop
vergessen. Als wäre eine Mücke ertrunken.
Und niemand klagte ihren Mörder an. Niemand kannte ihn. Niemand.
Doch, einer: er -- Werner! --
Er würde die Stimme erheben müssen, er würde zeugen müssen gegen den
weiland Senior Cimbrias, den gefürchteten S.-C.-Fechter, gegen seinen
Leibburschen!
Was konnte alles daraus werden --?!
Eine furchtbare Katastrophe im Korps!
Vielleicht würde später Scholz ihn fordern ... gar auf schwere Waffen
-- auf Säbel ... auf Pistolen!
Was konnte daraus werden?!
Und mit Schaudern malte Werner sich alle möglichen ungeheuerlichen
Folgen seiner Enthüllung aus.
Vielleicht würde sich Scholz, wenn das Korps ihn exkludierte, das Leben
nehmen ...
Aber das wäre dann eben die Nemesis, die Rächerfaust der Erinnyen:
»Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!
-- -- Geflügelt sind wir da, die Schlingen
Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
Daß er zu Boden fallen muß!«
O ja, er kannte seinen Schiller! Er wußte, daß es eine ewige, rächende
Gerechtigkeit gab ... und wie durch jener Kraniche Mund der Mord des
frommen Sängers an die Sonne kam; er, Werner, war das Werkzeug der
Vorsehung, des Weltenrichters, den tödlichen Frevel an dem armen
Schreinerskinde zu rächen!
Mochte kommen, was da wolle! --
Und er ging zu Papendieck, seinem verflossenen Fuchsmajor, dem
neugebackenen Ersten Cimbrias.
Der lange Senior saß mit der Pfeife vor einem medizinischen Buche und
»strebte« fürs Physikum. Er war etwas ungnädig über die Störung. Er war
meistens ungnädig, seit er Erster geworden war.
Aber bald wurde er aufmerksam. In seinem Gesichte zuckte es ganz
wunderlich, als Werner stammelnd, glühend seine Anklage vorbrachte.
»Na -- büst fertig?« sagte er, als Werner schwieg und in zuckender
Spannung den Gestrengen ansah.
»Ich bin fertig.«
»Na, nu will ick dir mal wat sagen, lütt Jung. Du hast 'n Vagel. Äwer
'n utgewassenen. Nu gah nah Hus, lütt Jung, un leg di up't Ohr.«
Werner sprang auf. »Habe die Güte, mir das zu erklären!« Seine Augen
funkelten so bedrohlich, daß Papendieck sich zu einer Erläuterung
verstand.
»Zuerst, min Sähn, mußt du dir klar machen, daß allens, wat du wissen
willst, man Hirnges -- pinste sind, Hirnges--pinste -- versteihst du
mir? Sonst nix! Scholz hat große Augen gemacht, wie er die Leiche von
dem unglücklichen Mädchen gesehn hat, und denn is er weggegangen. Das
is allens! -- Aberst nu will ich mal annehmen, es verhielt sich allens
wirklich so, wie du dir das zusammenklaviert hast, was wäre denn nu
denn dorbi? Wat? Sollen wir vielleicht unsen Senior von drei Semestern
mit Schimpf und Schann rutsmiten, weil so'n doemliches Ding sich ihm
von Rechts wegen an'n Hals hätt smeten? Wat? Scholzen, den s--trammsten
Korpss--tudenten in Marburg?! Nee, nee, min Sähn, da büst du hellschen
schiew gewickelt! Un nu gah, min Sähn, un wenn ick dir nen gauden Roat
soll gewen: denn swig din Mul! vers--tehst du mich?! sonsten kann
dich das noch hellschen slecht bekommen! Der Scholz, weißt du, der
vers--teht keinen S--paß!«
Werner war draußen. Alles wirbelte um ihn her.
»Ich durchbohr den Hut und schwöre:
Halten will ich stets auf Ehre,
Stets ein braver Bursche sein.«
Nicht wahr? So hatten sie doch gesungen auf dem S.-C.-Antritts-Kommers
beim Landesvater? Das war doch der feierliche Burschenschwur, den sie
damals alle miteinander getan?!
Ja, was war denn Ehre, wenn ~der~ nicht ehrlos war?!
Aber, Werner Achenbach, schlag an deine eigene Brust! Hat nicht vor
wenig Tagen dieser selbe Scholz, den du verdammst, dich davor bewahrt,
zu tun, was jenes Mädchen in den Tod getrieben hat?!
Doch nein ... nicht jene trunkenen Stunden, in denen die Tote das Leben
in ihren Schoß empfangen hatte -- nicht die waren's, um die Werner den
Verführer verdammte.
Jene späteren, kalten, rohen, die gekommen sein mußten, in denen Scholz
der Genossin glücklicher Nächte seinen Beistand versagt hatte, versagt
haben mußte ... hatte nicht Scholz ihm selber gestanden, daß ein Mädel,
das etwas »gefangen« habe, sich hilfeflehend an ihn gewandt habe ...
er solle sie heiraten, sonst müsse sie ins Wasser gehen? Er hatte
keine Hilfe für sie gefunden ... hatte sie verzweifeln und sterben
lassen ... das war's ... das war für Werners Empfinden die eigentliche
Ehrlosigkeit, das endgültige Verbrechen, der unsühnbare Mord.
Waren sie denn alle so, die Blau-rot-weißen, wie dieser Papendieck?
Eine andere Stimme wollte Werner hören ... alle die Jünglinge um ihn
herum standen mitten drin in diesem Treiben ... waren noch beeinflußt
von Scholzens Persönlichkeit, die anderthalb Jahre lang das Korps in
fester Zucht gehalten hatte. Eine menschlichere Stimme klang in Werners
Ohren nach, die Stimme eines jungen Mannes, der schon an der Schwelle
des wirklichen Lebens stand -- Wicharts.
Er suchte ihn auf, erzählte ihm den Sachverhalt.
»Ja,« sagte der, »das sieht em ähnlich, dem Scholz. Er kann's nu mal
nit lasse. Was willst mache? Laß doch die Mädche ihre siebe Sache
beisamme behalte!«
»Wichart! und das könntest du ... das brächtest du fertig, den Menschen
noch länger als Korpsbruder zu behandeln? So einen Ehrlosen?!«
»Ehrlose? Na, Fichsche, die hohe Töne, die wolle mer lieber unnerwegs
lasse un wolle der Sach mal ruhig auf de Grund gehe. Sieh mal, wann
e Mädche sich emal tut hernehme lasse, hernach muß se's doch von
vornherein wisse, was das absetze kann, möglicherweis. Sieh mal, in
Deutschland werde jedes Jahr hunnertunachtzigtausend uneheliche Kinner
gebore. Ob da nu eins mehr oder eins weniger komme wär -- darum wär die
Welt nit unnergange. Oder meinst? Na, un wenn nu das dumme Mädche ihr
Kindche ruhig hätt zur Welt gebracht -- der Scholz hätte zahle misse,
un es wär sicher e strammes Biebche geworde. Warum is se in de Lahn
gange? Wenn alle Mädche, die Kinner kriege, in de Lahn wollte gehn
-- so viel Platz is ja gar nit in der Lahn. Also: der Scholz hat nit
mehr und nit weniger getan, als wir alle tun. Und wenn das Mädche dran
zugrunde is gange -- Pech genug für de arme Scholz, der wird's auch nit
so bald vergesse, wie se da is gelege auf ein Prosektortisch. Ja!«
»Wichart -- und das alles ist ... wirklich ... deine Ansicht?«
»Na, aber allemal! Oder hätt er se am End gar heirate solle? die
Schreinerstochter? Da hätt er ja als Student schon e kleine Harem
beisamme.«
»Wichart -- in mir dreht sich überhaupt alles --«
»Oder am End gar stehst auf dem Standpunkt vom Keuschheitsprinzip? Die
Burscheschafte, da gibt's so was, bei einige wenigstens. Keuschheit
bis zum Ehebett! Je, dann hättst zu de Armine gehe müsse -- hättst nit
Korpsstudent dirfe werde.«
Werner richtete sich hoch auf. »Lieber Wichart -- ich will dir ganz
offen etwas sagen. Ich bin jetzt acht Wochen in Marburg. Acht Wochen
aktiv. Aber was in den acht Wochen aus mir geworden ist ... wenn ich
das vorher gewußt hätte -- ob ich Armine geworden wäre, das weiß ich
nicht -- aber Cimber -- Korpsstudent -- bei Gott nicht!«
Wichart schwieg einige Zeit, zündete sich eine frische Zigarre an, sann
erst vor sich hin, lächelte dann still in sich hinein, richtete sich
auf und sprach:
»Hernach, lieber Achebach, muß ich dir emal e Rede rede. Sieh mal,
ich hab e bißche mehr von der Welt gesehn, wie du. Ich begreif das
alles ganz gut. Bis vor acht Woche bist mollig un weich im Elternhaus
gesesse, un von der Welt is nix an dich ran komme. Und die Magister,
die habe dir nix gesagt, un so bist e ganz kleins dummes Gänsche
gebliebe mit deine achtzehn Jahr un mit deine lange Knoche. Un nu
auf einmal kopfüber, kopfunter mitte nein in die Welt! Un, ach du
liebe Güte, wie is die so anners, als du dir's träumt hast! Un nu
willst verzweifeln un denkst, das is das Korps, wo all die Mensche so
schlecht macht. Ich aber sag dir: sieh dich mal erst um im Lebe! Dann
wirst finde: die Korpsstudente, die alte wie die junge, sind gewiß
keine weißgewaschene Engelche ... aber ~die Beste im Land~ sinn
doch mit dabei! Ich will ja nit sage, daß es auf anner Weis nit geht,
e richtiger Kerl zu werde, wie das Lebe sie braucht, ich weiß auch:
manches bei uns is faul, könnt anners werde ... aber weißt -- worauf's
ankommt im Lebe -- das habe die alte Korpsstudente im Korps alle
gründlich gelernt. Denn im Lebe, weißt, da schaut's anners aus als auf
der Prima! da heißt's: durchkomme! sich wehre mit Zähn un Klaue! un das
lernst im Korps, verlaß dich drauf! un wenn dabei die Fetze vom Herze
nur so runnerfliege wie die Schwartelappe drauße in Ockershause ...
laß fliege, laß fliege! das wachst wieder nach ... von selber wachst's
wieder nach!!«
»Aha -- also sieht's aus! sorgen, daß man durchkommt!! und all das
Gerede von Ehre, Ehre, Ehre, das ist also nur Schein! nur Dekoration!
Komödie! Schwindel!!«
»Komödie?! Schwindel?! Du, da wolle wir uns mal in zehn Jahre wieder
drüber spreche! Lieber Achebach, es is noch e bißchen zu frieh für
dich, so abzuurteilen über die Welt, wo du erst seit acht Woche aus
deiner Kinnerstub nein bist sprungen. Denkst du, mir habe hier all nur
darauf gewartet, daß du kommst, für um uns nu fix fix umzukrempeln nach
deine achtzehnjährige Gedanke? Nee, Männche ... lern du erst emal, dich
in die Welt schicke! Verbessern kannst se immer noch, hernach, wenn mal
bist wer geworde! Lern heule zuerst mit de Wölf, sonst fresse se dich!«
»Wichart ... nur das eine sag mir ... ich will ja ... ich will
ja mir Mühe geben zu lernen. Was ist sie denn, diese sogenannte
korpsstudentische Ehre, die wir hochhalten sollen? Das wird uns ja
gepredigt in jedem R. C. -- wie soll ich sie hochhalten können, wenn
ich nicht weiß, was sie ist?«
»Ja, lieber Junge, die Ehre! die korpsstudentische Ehre! wenn mer
das so könnt mit Worte sage! ... Sieh mal, ich glaub, die Ehre,
da is es grad mit wie ... wie mit der Mensur. Schau, is das nit
eigentlich e Bleedsinn, die ganze Fechterei?! Zwei junge Kerl, die
sich im Lebe nimmer nix zuleid getan habe, die werde von dene
zweite Chargierte widerenanner gestellt un misse sich nu die Nase
un die Keps entzweischlage. Bleedsinn is es! aber ... ~mer wird
e Kerl dabei~!! Haar kriegt mer auf die Zähne ... un das is es
doch, worauf es ankommt im Leben! Un so, mein ich, so is es auch mit
der korpsstudentischen Ehre. Eigentlich auch Bleedsinn. Wär's nit
Bleedsinn, wenn mer sich einbildt, mer wäre was Besonners, wann mer
so e blau-rot-weißes Fetzche über der Weste kann trage? Aber trag's
mal so vier Semester lang, mach mal de Bleedsinn e paar Jahr lang mit!
sollst sehe, was das fir e Muck gibt in de Knoche! -- -- Ich weiß ja,
das alles is nur die Schal von der Nuß, un unner der glatte, harte
korpsstudentische Schal, da is auch manch taube Nuß un manch faule
auch. Aber der Kern, weißt, wenn der gesund is, hernach sollst sehn,
wie gut's dem tut, wann die Schale so fest is un so glatt! -- -- Weißt,
lieber Freund, es Lebe is nit so einfach, wie du's dir gedacht hast auf
em Gymnasium; es is e verdammt schwierige Einrichtung un e komplizierte
dazu! Un in manchem Bleedsinn steckt mehr Vernunft un mehr Gesundheit
als in de Kepf von zwei Dutzend Professore!! Na, nu geh un denk e
bißche nach über mei lange Red ... ich muß in d' Klinik!«
* * * * *
Werner schlenderte durch die breiten, uncharakteristischen Straßen der
neuentstehenden Südstadt und sann über Wicharts Worte. Er fühlte die
gute Meinung, die Aufrichtigkeit in den Darlegungen des Reiferen, aber
das alles schloß sich nicht zu einem Ganzen zusammen ... das wollte
nicht verschmelzen mit dem Ideenkomplex, mit dem Moralkodex, mit dem
Schule und Elternhaus ihn ausgerüstet. Es sprach nicht zu seinem Herzen
... sie wärmte nicht, diese Weisheit, sie rief nicht zu Taten der
Begeisterung ... Gab es denn keine Stelle, wo der Herzschlag seiner
Sehnsucht Echo fand? War er denn wirklich allein, ganz einsam inmitten
der Stadt der Jugend, wo auf zehn Einwohner ein Student kam? Tausend
Altersgenossen ... tausend Kommilitonen ... und kein Herz ... kein
Freund?
Und da stand das Angesicht des einen vor seiner Seele, von dem er
wußte, daß er zum mindesten ein Gefühl mit ihm teilte ... aber das
höchste, das wundertätigste ... Klauser ... der arme, dimittierte
Klauser ...
Ob er den überhaupt besuchen durfte? Ob er sich nicht straffällig
machte dadurch? Er konnte ja fragen ... aber nein ... vielleicht gab's
dann ein Verbot ... und das würde er dann übertreten müssen. Denn eine
Sehnsucht, ein Heimweh nach einem Herzen, das er zum wenigsten erfühlen
könnte, zog ihn unwiderstehlich zu dem Jüngling, zu dem er ein Mädchen
hatte sprechen hören, wie zu ihm selber in seinen Träumen Elfriede
sprach. Er wollte mindestens versuchen, ob da auf die Fragen eines
bangenden Menschenherzens eine Antwort zu hören sei -- -- nicht eine
korpsstudentische, sondern eine menschliche Antwort.
Klauser saß lesend auf seinem Sofa, als Werner eintrat. Er sprang auf,
seine Augen leuchteten in dankbarer Freude -- als er den Besucher sah.
»Gott sei Dank, endlich bekümmert sich mal einer um mich. Willkommen,
Achenbach!«
Mit Rührung sah Werner in das dick verquollene, blasse Gesicht unter
dem turbanartig den Kopf einhüllenden Wickelverbande. Himmel, sah der
Arme verändert aus! Es war die Scham über sein Mensurunglück, die
schimpfliche Strafe, die Einsamkeit von vier Tagen, angefesselt in all
der jungen Sommerpracht an ein dumpfes Studentenbudchen, das man nicht
verlassen durfte, ohne daß die Spießer mit Fingern auf einen zeigten ...
Vor ihm auf dem Tische stand eine Kabinettphotographie im Rahmen ...
die nahm Klauser hastig und errötend weg und wollte sie verbergen.