krallten sich. Sie glaubte, der Bruder wolle sie ganz grundlos
beleidigen.
»Ich hab's geheert. Die Trepp is er nunter auf de Sock! Ich weiß es!
Aber ich tu'n haue! Ins Gesicht schlag ich ein, dem Affe, dem Fatzke!«
»Du, Simon, mach dich nit unglücklich! Es is nit wahr, ich weiß von gar
nix weiß ich!«
Simon überlegte. Eigentlich hatte er ja wirklich nichts anderes gehört
als einen Schrei draußen, drunten, an der Lahnstraße ... der ihn
aufgeweckt hatte ... und dann einen verstohlenen Schritt, abwärts, die
knackenden Dielen hinab ... sachtes Öffnen der Tür zum Zimmer, das
der junge Korpsstudent bewohnte ... sonst nichts ... vielleicht wußte
Rosalie wirklich nichts -- vielleicht war wirklich nichts geschehen --
»Salche! sieh mer an!! --?«
Seine Finger krampften sich um des Mädchens stramme Oberarme.
»Au, du tust mich kneife!«
»Is wahr, daß du von nix weißt?«
»Ich hab dir's gesagt -- laß mich in Friede!! Verrickt biste, verrickt!
Laß mich in Friede!! Un wenn's gewese wär, tut's dich was angehe? Hä?
Bist du mei Vormund?«
Tränen standen in ihren Augen, halb des Schmerzes über den rauhen Griff
des Bruders, halb der Wut über seine Anmaßung -- ja, wenn er wenigstens
noch einen Grund gehabt hätte -- aber es war ja nicht mal was passiert
...
Simon ließ ihre Arme los, nachdem er sie mit einem letzten harten Ruck
einen Schritt zurückgeschoben.
»Dei Vormund bin ich nit, Gott sei's gelobt! Un ob mich das was angeht,
das is mer egal, verstehst? Das ein will ich dir sage: ich leid's nit,
daß du eine an dich eranläßt von dene Kerle ... von dene geschwollene
Korpsstudente, von dene dicknäsige Großschnauze ... und wenn du's
tust, den Betreffende den schlag ich in die Fresse, un wenn's Mord un
Totschlag drum tät gebe!!«
Und damit rannte er hinaus -- er schnappte nach Luft ... in seinem
Herzen war eine so lichtlose, grauenhafte Finsternis, daß er nicht
wußte, wie das Leben ertragen ... allein er gemieden, geschnitten
von den alten Schulkameraden, ohne Möglichkeit, Freunde zu finden,
dem blöden Herzen der hinsiechenden Mutter, dem lebenslüsternen der
saftstrotzenden Schwester entfremdet, einsam, arm ...
Ja, wenn er nach Berlin gekonnt hätte! Da, das wußte er, gab es große
Zirkel jüdischer Studenten, die in freundschaftlichem Zusammenschluß,
im Genuß der Literatur und Kunst einander den Fluch ihres Blutes
vergessen machen konnten ... nein, dort galt dieser Fluch überhaupt
nichts ... dort war das Judentum eine Macht, beherrschte Presse,
Literatur, Bühne.
Aber in Marburg ... in dem ausgewucherten Hessenlande, wo seine
Glaubensgenossen, das mußte er als billig denkender Mensch zugeben,
einen Teil des Fluches verdient hatten, der ihren Schritten folgte --
Und fortlaufen? sich auf eigene Faust durchschlagen?! Das hieße, den
einzigen Menschen, mit dem ein menschliches Band ihn verknüpfte, das
hieß die Schwester schutzlos zurücklassen, ein Spielzeug jener Bande,
die er wütender als alles haßte: der blonden, vierschrötigen Söhne
Teuts, die dies Nest beherrschten mit ihrer ganzen knallprotzigen,
reckenhaften Arroganz, ihrer siegessicheren, gladiatorenhaften
Dreistigkeit -- die über die Studentenschaft das Schreckensregiment
des Schlägers, des Säbels, der Pistole führten und stark genug waren,
jedem Kommilitonen, der ihre Weltanschauung nicht teilte, das Leben
in Marburg unerträglich zu machen. Fühlten sich doch selbst die
theologischen Verbindungen, der protestantische Wingolf genau so gut
wie die katholische Verbindung Rhenania, schwer bedrückt durch die
Übermacht und alte Herrlichkeit der Waffenverbindungen.
Und der arme Judenknabe floh in den dunkelnden Wald und warf sich an
finsterster, einsamster Stelle ins Moos. Seine Hände krallten sich in
die kühlen Polster. Tränen waren ihm versagt, aber ächzen konnte er
hier ungehört und ungestört. Und er preßte den breiten Mund, die wüste
Nase tief in das Grün und brüllte wie ein waidwundes Wild sein Weh in
die Mooskissen hinein -- sein lebenzerfressendes Weh über den sinnlosen
Fluch, der auf seinem Volke lastete, der täglich neu auf ihn und seine
Blutsgenossen getürmt wurde von jenen, die längst nicht mehr an den
Heiland glaubten, den seine Voreltern vor zweitausend Jahren ans Kreuz
geschlagen haben sollten.
* * * * *
Rosalie aber nahm sich vor, Werner das Vorgefallene zu erzählen und
irgendwie herauszubekommen, ob er wirklich in der Nacht vor ihrer Tür
gewesen. Sie zweifelte kaum daran. Und das machte ihr Blut hochheiß.
Sie wollte diesen keuschen Josef munter machen, sie hatte sich's in den
Kopf gesetzt, seine zitternde Unschuld zu besiegen. Sie kannte sich
schon genügend aus unter dieser bierfrohen und raufstolzen Jugend,
um wittern zu können, daß hier ein edleres Blut kreiste, eine Seele
von sonderlicher Art um ihren angeborenen Adel rang. Das war's, was
sie ahnte: dieser war nicht wie die anderen. Und darum wollte sie ihn
haben. Ein Raffinement, das auch weit erfahrenere Frauen als Salchen
Markus gereizt hätte, würzte ihr Begehren nach dem weichen Knaben,
der so mannhaft wider die Dränge seines Blutes kämpfte; daß er nicht
feige war, daß seine Flucht vor ihrer Nähe nicht eine Chamade der
Armseligkeit, sondern des Stolzes war, das las ihr Weibinstinkt in dem
scheuen, doch lodernden Auge. Und sie dünkte sich schön und feurig
genug, um würdig zu sein, diese tastende Seele in das tiefste Geheimnis
des Lebens und der Schönheit einzuweihen.
Sie würde ihn fragen, ob er an ihrer Tür gewesen, sie würde zürnen und
ihre Verzeihung sich abbetteln lassen ...
Aber wenn sie gehofft hatte, Werners noch am Samstag habhaft zu werden,
so sah sie sich enttäuscht. Werner kam erst spät von Ockershausen
zurück, fragte nur im Laden, ob Briefe gekommen seien, und war gleich
wieder hinaus.
Und als Rosalie mitten in der Nacht von einem Lärm im Hause erwachte,
da konnte sie hören, daß das junge Blut, nach dem es sie verlangte,
sich recht gründlich ausgetobt hatte. Das war ein Gepolter auf der
Stiege, ein Türenschlagen, ein Anstoßen an Möbeln und Waschgeräten in
der Stube!
»Dunner, der hat gelade!«
Rosalie kicherte in ihre Kissen.
Am Sonntagmorgen schlief der Student bis halb eins, stürzte dann,
ohne nach seinem Frühstück geklingelt zu haben, zum Frühschoppen. Und
Rosalie wußte, daß sie ihn nun am ganzen Sonntag nicht so leicht mehr
zu Gesicht bekommen würde. Denn sonntags pflegte das Korps gleich
nach dem Mittagessen zum »offiziellen Exbummel« aufzubrechen, einem
gemeinsamen Spaziergang zu einem der herrlichen Ausflugsorte der
Umgegend. Gegen Abend kehrte man dann heim, und in der Regel ging
alles sofort zur Kneipe, wo in dem prächtigen Garten des Korpshauses
der Sommerabend mit Kegelschieben, Skat und Quodlibet zu Ende genossen
wurde.
Aber vielleicht würde der Student nach der Rückkehr vom Spaziergange
noch einen Augenblick von der Kneipe heruntergesprungen kommen, um die
Sonntagsgarnitur gegen eine ältere Mütze, ein schon bierbegossenes
Korpsband einzutauschen?
Darauf wollte Rosalie hoffen, denn die Gelegenheit zu einem
Schäferstündchen kam so günstig nicht vor dem übernächsten Sonntag
wieder. Die Mama Markus hatte sich nämlich erholt, und wenn sie
munter war, verlangte sie von ihren beiden Kindern abwechselnd den
Liebesdienst, daß eins sie zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwester,
der Frau Isidora Mayerstein auf der Ketzerbach, begleitete, wo man
einige Stunden verplauderte. Diesmal war Simon an der Reihe, die Mutter
zu geleiten, und so würde sie von nachmittags fünf bis neun allein
im Hause sein, da auch Babett Ausgang hatte und in ihr Heimatdörfchen
Frohnhausen gepilgert war.
Und sie mochte nicht lange warten. Er sollte, er mußte kommen! Sie
wollte es, sie wollte es!
Als nach dem Nachmittagkaffee die Mama am Arme ihres Sohnes die
Wettergasse hinabgehumpelt war, schloß Rosalie den Laden zu, legte die
schweren Holzläden vor, verwahrte sie mit den Eisenriegeln und stieg in
ihr Zimmer empor. Sie hatte noch Zeit, vor sieben würde Werner nicht
kommen. Inzwischen wollte sie Toilette machen.
Sie kramte eine viereckig ausgeschnittene Batistbluse heraus, bei
deren Anblick sie lächeln mußte, denn sie hatte schon einmal, im
vorigen Sommersemester, ihre Wirkung erprobt. Hehe! der gute Bennert!
Fritzchen! Damals war er dritter Chargierter der Cimbria gewesen. Es
war sehr nett gewesen mit ihm. Simon war damals noch ein ahnungsloser
Primaner gewesen mit einem unerschütterlichen Schlaf ... Bennert
ein hübscher, strammer, rotbäckiger, sommersprossiger Westfale ...
ein wackerer Liebeskamerad ... allerdings kein Werner Achenbach
... jetzt war er inaktiver Korpsbursch und büffelte in Berlin zum
Referendarexamen. Anfangs hatte er noch geschrieben ... ungeschlachte
Briefe, die stets schlossen: »Dein Dich liebender Fritz« -- dann war's
eingeschlafen ...
Aber die weiße Bluse, die wußte noch von jenem ersten Abend zu erzählen
... es war Zeit, daß sie einmal etwas Neues erlebte.
Und wie Rosalie ihren Spiegel befragte, da war sie sicher, daß dieses
neue Erlebnis nicht mehr fern sei. Himmel! so gab's doch in Marburg
keine zweite!
Und sie wollte! sie wollte! sie wollte! --!!
Sie stieg die Treppe hinunter, setzte sich auf Werners Sofa, nahm
ein Buch vom Tisch und begann zu lesen. Sie hatte schon seit ihrer
Backfischzeit von der Lektüre ihrer studentischen Mieter profitiert und
hatte so eine wirre Menge Bücher durcheinander verschlungen, von den
Wahlverwandtschaften bis zu Casanovas Memoiren ... dies Buch kannte sie
noch nicht; es trug die Zahl des laufenden Jahres, 1887, und führte den
Titel: Frau Sorge. Der Verfasser hieß Hermann Sudermann.
Sie las und war rasch gefesselt.
Aber plötzlich, nach etwa einer Stunde, legte sie das Buch mit einem
Ruck aus der Hand. Auf der sonntagnachmittagstillen Straße klang das
Klappern der Spazierstöcke, klang Hundegezänk und der wohlbekannte
Cimbernpfiff ...
Sie fuhr ans Fenster. Fünf, sechs Cimbern kamen von der Barfüßergasse
her die Wettergasse entlang, offenbar vom Spaziergang zurück: sie
hatten rote Köpfe, Sonnenbrand, frische Luft und Alkohol leuchteten um
die Wette von ihren Gesichtern. Sie lachten laut und unaufhörlich;
ihre Mützen saßen im Nacken; mancher von ihnen schlug mit dem
Spazierstock einen Lufthieb nach dem andern. So trollten sie des Wegs
entlang, bogen den Pfad nach dem Korpshause zu und verschwanden. Alles
war wieder sonntagsstill; die ganze Wettergasse schien ausgestorben;
nur ein mageres Kätzchen schlich den Rinnstein entlang; schon war die
Sonne längst hinterm Schloßberg verschwunden; Dämmerung sank auf die
Straße, tiefere lag in den Winkeln des schlichten Studentenstübchens.
Und Rosalie dehnte sich in ihrer einsamen, quellenden Schönheit. Sie
sehnte sich bis zum Verschmachten nach dem Knaben, dessen Jugendträume
diese Stube durchwitterten. Dort standen die Bilder seiner Eltern, der
schöne Weißkopf des Vaters mit den leuchtenden Augen, die Rosalie so
gut kannte. Dort die herberen Züge der Mutter, aus denen ein kräftiges
Wollen sprach: von diesen Linien meinte Rosalie kaum scheue Spuren in
dem Gesichte des Ersehnten zu finden. Und da lag ein Päckchen frisch
vom Photographen gekommener Bilder. Werner selbst. Ja, das war er,
seine noch verschwommenen, unausgeprägten Züge, sein suchendes Auge.
Grellbunt leuchtete die grob aufgesetzte Bemalung der Mütze und des
Bandes. Das mußte sie haben; kurz entschlossen mauste sie eins und
schob's in ihre Schürzentasche. Sie wollte ihn schon entschädigen.
Und wieder klangen draußen Schritte und frische Stimmen, und wieder
fuhr Rosalie ans Fenster. Und wieder waren es andere als der, dessen
sie wartete.
Und sie stöberte ruhelos in dem Stübchen umher, drehte jeden
Gegenstand, den sie bemerkte, in den Fingern; inzwischen liebäugelte
sie mit dem Sofa, steckte gar den Kopf ins Nebenzimmer und warf dem
Bette einen vertraulichen Nicker zu ... das alles kannte sie ja so gut
...
Und doch war ihr jungfräulich, war ihr bräutlich zumute ... als
wenn sie rein wäre, wie jener, dessen unberührte Jugend sie an ihre
lechzenden Brüste pressen wollte.
Da -- da -- Schritte auf der krachenden Stiege, polternd im lichtlosen
Dämmer des Flurs -- -- an der Klinke eine tastende Hand -- und Werner
stand im Rahmen.
»Fräulein Rosalie -- --«
»Ach -- guden Abend, Herr Achebach -- grad e bißche aufgeräumt hab ich
da in der Stub --«
»Ich dank Ihnen schön --«
»Na -- sinn Se spaziere gewesen?«
»Na -- der übliche Sonntagsnachmittags-Exbummel ... wir waren in Wehrda
draußen.«
Er hatte seine neue Mütze an die Wand gehängt und eine ältere
aufgestülpt. Nun nahm er auch ein älteres Band herunter, knüpfte es an
das neue, das er trug, und zog es durch Abziehen des alten unter den
Rock. Dabei stand er von Rosalie abgewandt. Seine Finger zitterten.
»Herr Achebach!«
»Fräulein Rosalie?«
»Ich muß Ihne mal was frage --!«
»Nun?« Er fuhr herum -- der Ton der Frage hatte so seltsam
geklungen ...
»Herr Achebach -- sinn Se in Freitag nacht obe vor mei'm Zimmer
g'wese?«
»Fräu--lein -- -- Rosalie --«
»Sie --?« sie drohte mit dem Finger.
»Ach Gott -- ich -- ich werde wohl ... bekneipt gewesen sein --
entschuldigen Sie nur -- es soll nicht wieder vorkommen --«
»Ja -- was ich Ihne sagen wollt -- mei Bruder hat's geheert, wie Sie
nunner sinn gange, un er hat mir de greeßte Skandal gemacht deshalb. De
greeßte Skandal!«
»Fräulein Rosalie -- ich werde morgen ... mit Ihrem Herrn Bruder
sprechen ... und ihm sagen, daß Sie gar nichts ... ich meine, daß ich
allein --«
»Um Gottes wille, das mache Se nur nit, die größte Unannehmlichkeit
könnt das gebe! Schon so grad schlimm genug is es gewese!«
»Ach, verzeihen Sie mir doch nur -- ich -- Himmel, ich könnt mich
prügeln deshalb --«
»Ja, verzeihe, verzeihe! Sie habe gut rede! Sie sinn der große Herr,
ich bin das arm Mädche, was alles muß ausbade!«
»Fräulein Rosalie!« Er tat einen Schritt auf sie zu -- endlich, endlich.
»Ach, Herr Achebach --!«
»Wollen Sie mir verzeihen?!« Er streichelte ihre Hand, ihren Arm --
endlich! Endlich!
Und fünf Minuten später hatte sie ihn auf dem Sofa.
Und Werners Fassung schwand. Die wilden Küsse des Mädchens machten ihn
toll.
Da fuhr Werner plötzlich auf: draußen klang der Cimbernpfiff!
»Himmel, meine Korpsbrüder!«
»Verflucht! Laß se doch pfeife!«
Einen Augenblick lauschte Werner den Pfiffen, die sich dringender
wiederholten.
Plötzlich polterten Schritte auf der Stiege.
»Die Tier! Is de Tier abgeschlossen?! Schnell! Tu se zuschließen!«
Werner fuhr auf -- verdammt! Der Schlüssel stak draußen!
Es war zu spät -- da tauchte eine blaue Mütze aus der Dämmerung -- ein
gebieterisches, hageres Gesicht -- der lange Scholz -- --
»Guten Abend, Leibfuchs!«
»Leibbursch, du? Guten Abend --«
»Na, warum hast du denn auf meinen Pfiff nicht reagiert, wenn du doch
zu Hause bist? --«
»Oh, ich -- -- womit kann ich dir dienen?«
»Ich wollt mir nur 'ne alte Mütze bei dir holen -- es scheint ein
Gewitter zu kommen.« Und schon war Scholz in der Stube. Vom Sofa
leuchtete Rosaliens helle Bluse. »Ach, so!! -- Ei, sieh doch den
Duckmäuser! Wer ist denn das?«
»Fräulein Rosalie Markus -- meine +filia hospitalis+ --«
»Äh -- +filia hospitalis+ --!«
»Denn keine ist +aequalis+
Der +filia hospitalis+!«
sang Scholz mit näselndem Ulkton.
»Mach mal Licht an, Leibfuchs! Die schöne Rosalie Markus ist wert, daß
man sie auch mal bei Lichte besieht!«
Verstört, fassungslos zündete Werner die Petroleumlampe an. Scholz nahm
sie und leuchtete Rosalien ins Gesicht.
»Verdammt. Dich hab' ich eigentlich noch nie so recht angeschaut,
Mädel! Hat keinen schlechten Geschmack, der kleine Leibfuchs.«
Rosalie sprang auf, um zu entfliehen.
»Was, weglaufen? Jetzt, wo's grad gemütlich wird?«
Und die stählernen Finger des Seniors der Cimbria umklammerten
Rosaliens blühende Handgelenke, preßten das ringende Mädchen
widerstandslos ins Sofa zurück.
»Au, mein Arme -- lasse Se los, Sie -- Sie ung'schliffener Mensch, Sie!«
»Wenn du brav bist!«
Rosalie war frei, sie rieb sich die Handgelenke. »Da, sehe Se nur, wie
Sie mich verdruckt habe!« Sie hielt die Handgelenke unter die Lampe,
Scholzen entgegen; in der Tat, die Finger des jungen Mannes hatten sich
wie eiserne Handschellen in dem weißen, schwellenden Fleisch eingeprägt.
»Na ja! So geht's, wenn man mir nicht pariert!« lachte Scholz
behaglich. Seine grauen Augen musterten kennerhaft die Gestalt des
Mädchens und hafteten an dem Ausschnitt der Bluse.
»Donnerwetter! Ich kann nur staunen! Ich kenne mich doch sonst aus
unter den Marburger Mädeln -- warum hab' ich dich eigentlich bisher
übersehen? Nun hat der kleine Leibfuchs da dich mir weggeschnappt.
Schade!«
»Oh -- weggeschnappt!« sagte Rosalie gedehnt.
Scholz zog, wie freudig erstaunt, die Augenbrauen hoch. Also noch
nicht? Das wäre! lag in diesem Blick, der Rosalie galt. Und dann über
die rechte Achsel zu dem Jüngeren, der noch immer regungslos und
hilflos dastand:
»Na, Leibfuchs? Du schweigst ja in sieben Sprachen?!«
»Gehst du mit zur Kneipe, Leibbursch?« fragte Werner heiser.
»Oh -- wenn du zur Kneipe willst, ich will dich nicht abhalten. Ich ...
wenn du erlaubst, daß wir noch ein Weilchen auf deiner Bude bleiben
... dann möchte ich Fräulein Rosalie gern noch ein Augenblickchen
Gesellschaft leisten.«
»Das sollt mer grad fehle!« höhnte Rosalie und stand abermals auf,
aber ihr Blick ruhte freundlich auf dem Unverschämten und mied das
brennende, düstere Auge des Knaben, den sie vor fünf Minuten so wild
geküßt.
»Schönes Kind, du zwingst mich abermals zu Gewaltmaßregeln!«
»Herr Scholz, mache Se jetzt keine Unsinn un lasse Se mich vorbei!« Sie
mochte Werner so tief nicht kränken.
»Also heute nicht? Dann ein andermal, du süßer Racker!« Und während
Rosalie an seinen Knien vorbeistrich, packte er sie dreist um die
Hüften. Sie riß sich los, warf noch einen spöttisch-bedauernden Blick
auf Werner, einen schmollenden, doch verheißungsvollen auf Scholz und
war hinaus.
»Du, Leibfuchs, die Kleine spann ich dir aus, für die bist du noch zu
jung,« sagte Scholz. »Wenn du der in die Finger fällst, dann bleibt für
die Mensuren nichts mehr von dir übrig.«
Und gleichmütig hing er seine Mütze an die Wand, nahm die beste
ältere, die da war, stülpte sie auf den Hinterkopf und sagte: »Komm,
Leibfuchs, wollen zur Kneipe!«
Er blies die Lampe aus, schob seinen Arm in den Werners und zog ihn zur
Tür.
Und willenlos, kampflos folgte Werner.
IX.
Und abermals war das Geheimnis, die Erfüllung an Werner
vorübergegangen. Und als er andern Morgens im Bette übersann, wie
alles gekommen war, da erfüllte ihn nicht mehr die dankbare Stimmung
selbstbewahrter Reinheit ... da empfand er nichts als Scham und Groll
gegen sich selbst. Diesmal hatte er den Becher nicht selbst von den
Lippen gedrängt, ein Stärkerer war gekommen und hatte den zagen Händen
des Knaben den Trank entrissen. Und er hatte nicht einen Finger zur
Abwehr geregt. Er fühlte: das konnte Rosalie ihm nicht verzeihen. Ihren
Abschiedsblick vergaß er nicht; der brannte noch immer mit ätzender
Schärfe in seiner Seele. Klein und feige hatte er sich die Geliebte
entreißen lassen.
Die Geliebte! Hahahaha!!
Dieser Gedanke kam ihm läppisch vor.
Wer ihm noch vor wenig Monaten gesagt hätte, daß man ein Weib küssen,
ihren Besitz stürmisch begehren könnte, ohne sie zu lieben?!
Wenn jetzt einer gekommen wäre und hätte ihm erzählt, Rosalie sei in
der Nacht gestorben -- würde er eine einzige Träne um sie vergossen
haben?!
Was war denn das nun, was ihn zu dem wundervollen Geschöpf gezogen
hatte?
Werner hatte keinen Namen für dies Gefühl. Und dennoch wußte er, daß es
ein Glück war, ein süßes, leuchtendes, trunken machendes Glück, das an
ihm vorübergegangen war für immer.
Für immer?
Ja, für immer. Diese Stunde würde nicht wiederkommen. Diese Stunde,
die ihm vergönnt hätte, seine so lange aufgestaute Sehnsucht in den
Schoß eines Mädchens auszuschütten, das ihm alle seine Schönheit als
freudiges Geschenk entgegengeworfen hatte, das sein gewartet, das ihn
begehrt hatte in hinlechzendem Verlangen. Begehrt hatte ... und nun nie
mehr begehren würde, da er sich unmännlich gezeigt hatte.
Und in seinem Herzen war eine tiefe Trauer um ein verlorenes Glück ...
Ja, um ein Glück!
Der Primaner in ihm versuchte ihn zu belehren, daß ja doch dies Glück
eine Sünde gewesen wäre --
Sünde --!! Hahahaha!
Wo waren die Begriffe hingekommen? Sünde -- Schuld!
Das Leben wußte nichts von ihnen. Das Leben kannte nur zwei
Empfindungen, nur zwei Seelenzustände: Glück ... und Leid ...
Narr, wer das Glück von sich stieß! Zehnfacher Narr, wer sich's rauben
ließ!
Das Leid, das mußte man wegstoßen -- das zudringliche Leid, das immer
wieder von selber kam -- dem mußte man mit Keulen auf den Schädel
dreschen, daß es heulend entweichen mußte ...
Und haschen, haschen das flüchtige Glück ...
Er hatte es entweichen lassen --
»Du Narr! Du Esel!!« Er schlug sich mit der geballten Faust vor die
Stirn.
Babett brachte ihm das Frühstück. Er hatte das liebe Kind, dessen
Mund seine ersten Küsse einst empfangen, seit jenem Abend nicht mehr
beachtet. Und still wie ein Schatten war das schlichte Mädel durch sein
Zimmer gehuscht, nie hatte ein Blick ihn daran erinnert, was zwischen
ihnen vorgefallen.
Heute zum ersten Male ließ er seine Augen auf ihr ruhen. War
die vielleicht sein Schicksal? Er brauchte wohl nur den Finger
auszustrecken --
Aber nein -- die da begehrte er nicht. Was war sie gegen Rosalie?
Sie hatte seinen prüfenden Blick gefühlt, und ein tiefes Rot stieg aus
ihrem Brusttuch bis unter die Wurzeln der zurückgestrichenen Haare.
Aber er blieb stumm.
Und stumm schlich Babett hinaus.
Nach dem Fechtboden ging Werner zur Anatomie, um von Wicharts
Gefälligkeit Gebrauch zu machen und den Präparierboden zu besichtigen.
Es war ohnehin Zeit. Die warmen Tage waren nahe, und da würde der
Präparierboden geschlossen werden müssen.
In der Vorhalle fahndete Werner nach einem dienstbaren Geist, gab dem
seine Karte für Wichart und wartete. Und wie er so stand, ging hin
und wieder die Tür zum Präpariersaal auf, und Studenten gingen ab und
zu. Sie trugen lange, graue Leinenkittel und hatten die Ärmel wie
Schlächter aufgestreift. Die Kittel waren wie mit braunen Farbkrusten
beschmutzt, die Hände dunkel gefärbt ...
Und aus dem Saale quoll ein Dunst, der sich schwer auf Werners
Brust legte. Der Qualm von Zigarren- und Pfeifenrauch, gemischt mit
einer andern, einer süßlich-faden Witterung ... Werner fühlte sich
unaussprechlich ekel.
Der Anatomiediener kam: »Der Herr mecht schon immer in de Saal gehe.«
Und Werner trat ein. Unter der Tür meinte er fast zu ersticken an dem
widerlichen Brodem, der auf ihn zuquoll. Aber das Bild arbeitender
Menschen fesselte seinen Geist und half ihm den Schauder der Sinne
bändigen.
An vielen kurzen Tischen saßen an hundert Studenten, fast ausnahmlos
junge Semester wie Werner. Alle qualmten sie, alle saßen sie tief
gebeugt, alle hatten sie irgendein seltsam formloses Etwas in der Hand,
an dem sie mit scharfen Instrumenten herumschnitzelten. Neben jedem
lag ein aufgeschlagenes Buch mit Illustrationen in rot und blau,
oder deren mehrere ... und der Blick der Arbeitenden ging hin und her
zwischen den Abbildungen ihrer Bücher und den Gegenständen in ihren
Händen.
Und diese Gegenstände waren leblose Teile menschlicher Körper.
Als Werners Augen das Gesamtbild des Saales aufgenommen und nun zum
Einzelnen strebten, fiel ihr erster Blick auf einen blutjungen,
bartlosen Menschen von kindlichem Gesichtsausdruck, der ein langes
menschliches Bein unter den Händen hatte. Er war beschäftigt, die
einzelnen Muskeln von den zwischenliegenden Schichten aus Fett und
Bändern zu befreien und herauszulösen. Eben hatte er einen breiten,
roten Schenkelmuskel lospräpariert, schob seine Rechte darunter her,
strich mit der Linken befriedigt, wie liebkosend über den gesäuberten
Muskel und schmunzelte selbstzufrieden vor sich hin, im Bewußtsein
sauber besorgter Arbeit. Werner mußte in all seinem Schauder lächeln.