Waren Tugend und Keuschheit nicht am Ende doch mehr als Maulkörbe für

feige, geduldige Hundel?

Wernern war's, als blinke aus jedem frischen Tautropfen ein Ja auf

diese Frage ihm entgegen, als wehe der Morgenhauch ihm Kraft und

Kampftrotz in die Seele, in die Sinne, zu wahren die Unschuld und

fromme Tumbheit seiner Kinderjahre, abzutun die buhlerischen Wünsche,

Herz und Leib in priesterlichem Stande zu erhalten bis auf jenen

fernen, fernen Tag, der auch ihm einst Erfüllung brächte ... jene

Erfüllung, die nicht anders als -- -- Elfriede heißen konnte ...

Elfriede! Elfriede! Es war ihm eine süße Musik, diesen Namen zu

denken, in seiner Seele nach den Zügen zu suchen, die ihm immer in

traumhafte Fernen entflossen. Doch da: er hatte, er haschte ihr Bild,

ihr Profil, wie er's noch vor wenig Wochen daheim beim letzten Konzert

im Kasino lange hatte betrachten dürfen ... und dazu hatten sie droben

Beethovens Zweite gespielt, und als der zweite Satz erklungen war, da

hatte er diese Weise mit dem Bilde der Geliebten vermählt und Elfriede

getauft ... und nun umschwebte, umrauschte, umschattete ihn wieder

diese kühlend, heilend, heiligende Weise, umhegte das Bild des fernen,

kaum gekannten Mädchens sein schauerndes Herz und weckte ihm Räusche

von Hoffnungen und Gewißheiten künftiger Glücksüberschwänge, daß ihm

die Gegenwart versank, daß er sich enthoben fühlte dem Sinn der Stunde

in eine flutende Fülle sinnlos heiligen Glücksgenießens.

Aber -- der Wald war zu Ende, steil senkte sich der Fußpfad,

Ockershausen war erreicht -- da zogen die blau-rot-weißen,

grün-weiß-blauen Völkerschaften heran, und im Winde verflatterten

Träume und Beseligungen ... die Gegenwart, die Wirklichkeit war da.

Karboldunst und Zigarrenqualm, Blutbrodem und Bierhauch umfing den

waldgeschmeichelten Sinn und weckte ihn vollends zum Tage. Und schon

klangen die Kommandos der Sekundanten, schmetterten krachend die Körbe

zusammen, knallten die flachen Hiebe auf die Stulpen und Köpfe der

Paukanten ...

Der kleine Dammer focht seine Rezeptionspartie: es war seine vierte

Mensur, die entscheiden sollte, ob er nun zum Blau-rot der Füchse das

blutumworbene Weiß der Korpsburschen und damit die vollen Rechte

eines Angehörigen des Cimbernbundes erhalten solle. Darum hatte er

eine überlegene Partie bekommen, einen Gegner, dem er eigentlich

nicht gewachsen war, den dicken Zweiten der Westfalen. Herr Bracken

schonte seinen Gegner gutmütig eine Weile, denn Cimbria und Guestphalia

standen augenblicklich gut miteinander, und Bracken gönnte dem andern

Korps den neuen Korpsburschen, dem allgemein beliebten gutmütigen

Dresdener das Band. Er schonte ihn, damit die Mensur lange genug

dauere, um als Rezeptionspartie vor dem sehr strengen Korpskonvent

der Cimbria angerechnet werden zu können. Aber schließlich war er

wohl allzu sorglos gewesen: plötzlich schlug der Cimbernfuchs eine

kecke Tiefquart und spaltete dem Subsenior der Westfalen beide Lippen

und die Nasenspitze. Fast schien's, als wollte der Westfalenpaukarzt

die Verantwortung für ein längeres Stehenlassen des Zweitchargierten

nicht mehr übernehmen; aber Herr Bracken, der nicht imstande war, zu

sprechen, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte so energisch den

Kopf, daß der Paukarzt achselzuckend zurücktrat.

»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehen!«

»Silentium -- Pause ex!«

»Fertig!«

»Los!!«

Krach, krach, krach --

»Halt!«

»Halt!!«

Die Sekundanten hatten's beide fast in derselben Sekunde gerufen, aber

auch aus der Korona waren unwillkürlich Haltrufe ertönt. Donnerwetter!

Da hatte es ihn aber gehascht, den kleinen Cimbernfuchs!

»Herr Unparteiischer -- wir erklären die Abfuhr!«

»Silentium! Cimbria erklärt Abfuhr nach sechs Minuten!«

»Herr Unparteiischer, bitte zuvor noch drei Blutige auf seiten von

Cimbria zu erklären!«

»Silentium! Drei weitere Blutige auf seiten von Cimbria! Wünscht einer

der Herren noch Erklärungen? -- Silentium, Mensur ex!«

Dammer war schauderhaft zugerichtet. Jeder Hieb hatte gesessen.

Anhieb auf Außenquart ins linke Ohr, zweiter Hieb auf Quart, linke

Schädelseite der Länge nach gespalten bis auf die Knochen, dritter Hieb

auf Terz, Lappen bis tief in die Kopfschwarte hinein, Knochensplitter

in allen drei Schmissen ... aber Dammer fragte nichts nach seinen

Abfuhren ... während wahre Güsse Bluts über seine Stirn und Wangen

rannen, suchten seine Augen nur den Blick seines Leibburschen, der

ihm sekundiert hatte, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er auch gut

gestanden ... aber Krusius, der Leibbursch, hatte nur auf seine

Sekundantenaufgabe geachtet und war seiner Sache nicht ganz sicher

-- -- er mußte sich selbst erst informieren. Doch alles schien

befriedigt, und so klopfte er dem Blessierten beruhigend mit der vom

Sekundierstulp befreiten schweißdampfenden Rechten auf die Schulter ...

»Brav, Leibfuchs!«

Da lachte Dammer glückselig unter der Paukbrille, unter den rinnenden

Quellen seines Blutes hervor:

»Nu, denn --! Ich dank der ooch scheen, Leibbursch! Na, Wichart, nu

kucke du zu, wie du mich wieder wirscht zusammenbringen!«

»Maul halten!« brüllte der gutmütige Paukarzt; »du hast grad' genug!«

Werner hatte Dammern zur Flickstubentür begleitet und das kurze

Gespräch zwischen Krusius und dem Abgeführten aufgefangen. Er freute

sich unendlich für Dammern, daß dieser nun Korpsbursch sei und das

Ziel erreicht haben würde, für das er nun viermal Stirn und Wange

dem Schläger des Gegners geboten. Und das Herz schlug ihm höher in

dem Wunsche, auch ihm möchte es bald vergönnt sein, vor einem hohen

S. C. zu Marburg die Blutprobe des Muts und der Standhaftigkeit

abzulegen. Aber noch eine andere Probe hatte Dammer zu bestehen.

Werner drängte sich in die Flickstube, wo eine ganze Schar von

Korpsburschen der Cimbria sich um den Paukarzt und seinen Patienten

gruppiert hatte und die Hälse streckte, um die mordsmäßigen Abfuhren

des Brandfuchsen etwas näher zu betrachten. Es gelang Wernern, an der

Seite durchzuschlüpfen, und nun erst sah er, wie grauenhaft der wackere

Freund zersäbelt war. Rechts hing ihm die halbe Kopfschwarte als großer

mit Haaren besetzter Lappen nach außen; links war die Schläfe von vorn

bis hinten gespalten, und darunter hing das linke Ohr von vorne nach

hinten mitten durch halbiert, in zwei trübseligen Fetzen herunter.

Wichart war offenbar eine Sekunde in Verlegenheit, wo er eigentlich

anfangen solle. Aber er entschied sich für den Schläfenschmiß, weil

dort die Schlagaderäste zu toll spritzten; rasch und gewandt fuhr er

mit Pinzetten in die Zuflußkanäle der durchschlagenen Arterien hinein

und klemmte die dünnen Schläuche, aus denen das Herzblut spritzte,

zusammen; bald baumelten vier solche Arterienfänger aus der Stirnwunde

heraus. Dann kamen die Arterien vor dem Ohre dran, und nun begann,

da der ärgste Blutstrom gestillt war, die Desinfektion. Aus einem

Irrigator ergossen sich Ströme kalten Wassers mit Karbollösung in die

Wunden und spülten sie rein, damit der Arzt zunächst den Zustand des

Knochens untersuchen könne. Und da runzelte der sonst immer ruhige und

gemütliche Wichart einen Augenblick die Stirn, so daß die zuschauenden

Korpsburschen näher herandrängten. Das ärgerte wieder den Arzt, und er

schrie: »Donnerwetter, schert euch raus, alle zusammen raus! Scholz,

sorg mal, daß ich hier Luft kriege!« Werner wollte sich drücken, wie

alle andern, aber Wichart rief: »Das Füchschen kann bleiben und dem

Dammer die Waschschüssel halten, sonst fällt mir der am Ende noch

ab!« So durfte Werner weiter zuschauen, und freute sich, seine Nerven

bereits so weit gestählt zu fühlen, daß er dem blutigen Schauspiel mit

Interesse folgen konnte. Aber dennoch krampfte sich sein Herz in die

Höhe, als nun der Paukarzt mit einer scharfen Zange in die Wunden fuhr

und erst die losen Knochensplitter herausholte, dann aber die noch

halb festsitzenden mit kräftiger Drehung losbrach. Bei dieser Prozedur

stieß Dammer, der bisher keine Miene verzogen hatte, einen nicht

unterdrückbaren rauhen Kehlton aus.

Dann wurde abermals mit dem Irrigator nachgespült, und nun begann das

Rasieren. Mit scharfem Messer barbierte Wichart kunstgerecht einen

Finger breit neben den Kopfnarben die Haare weg, um freie Hand für das

Nähen zu haben. Dabei strömte aus den Wundrändern von neuem das Blut,

und auf Wicharts Befehl mußte Werner das Waschbecken, das Dammer vor

sich auf der Stuhllehne hielt, ausgießen, da es völlig mit dunklem

Blut gefüllt war, und mit frischem Karbolwasser füllen, das aber auch

in zwei Sekunden tief dunkel gerötet war. Dabei schaute er zufällig

auf und sah, daß am andern Ende des kleinen Zimmers der Korpsdiener

Peter bereits den nächsten Paukanten -- Klauser -- anbandagierte. Mit

Entzücken haftete Werners Auge eine Sekunde lang an dem entblößten

Oberkörper des wunderschönen Jünglings; dabei fiel ihm aber auf, wie

matt und unstet sein Gesichtsausdruck war. Doch ein »Aufpassen!«

Wicharts rief ihn zu seiner Pflicht zurück, und indem er den Fortgang

der Flickarbeit verfolgte, blieb ihm keine Zeit, dem zweiten

Chargierten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken.

Er beobachtete sorgfältig, wie Wichart nun zunächst mit Fäden

aus Katzendarm ganz innen die knorpligen Häute der Ohrmuschel

zusammennähte, wobei Dammer wiederum verhalten aufstöhnte; dann

wurde in gleicher Weise die Knochenhaut zusammengeheftet, und immer

spülte dazwischen der Irrigator. Dann ging's an die Außennähte. Stich

für Stich drangen die krummen Nadeln, von der Pinzette in unfehlbar

sicherer Hand geführt, in das Fleisch seitlich der Wunde, durch deren

Grund hindurch und an der anderen Seite wieder heraus. Dann wurden die

Fäden abgeschnitten und ihre Enden sorgsam zusammengeknotet.

Mitten in der Arbeit bemerkte Werner plötzlich, daß Dammer ganz grün an

Gesicht und Händen wurde, und seine Finger, welche die Flickschüssel

umklammert hielten, nachließen. Er machte Wichart aufmerksam, der nahm

schnell die Schüssel weg, reichte sie Wernern, damit der sie auf den

Tisch setze, und unterstützte Dammers Schultern, die eben zurücksinken

wollten. »Schnell! einen Kognak und eine Flasche Selterswasser!«

Werner sprang. Als er zurückkam, war Dammer schon wieder bei Besinnung,

nur der Blick seiner Augen war glasig und matt. Gierig trank er seinen

Sodaschnaps.

Eben trat Scholz im Sekundierwichs herein: »Na, Klauser, wo bleibst

du?«

»Wichart ist noch nicht fertig mit Dammer.«

»Ach, nur noch ein paar Nadle -- macht schon immer los, so fix wird der

Klauser sich doch nit haue lasse!«

»Na, dann raus!«

Und wenig Sekunden später klirrten draußen im Saale die messerscharfen

Kommandoworte, krachten die Körbe der Schläger blechern zusammen.

Gar zu gern wäre Werner entwischt, um die Mensur des Zweiten anzusehen.

Aber Wichart konnte seine Hilfe noch nicht entbehren.

»Du hast dich ganz gut gehalte, Füchsche,« sagte er. »Bist eigentlich

Mediziner?«

Dabei zog er Nadel um Nadel mit maschinenmäßiger Sicherheit durch

Dammers feiste Schädelschwarte.

»Nein -- Jurist,« sagte Werner.

»Warst schon mal auf'm Präparierbode?«

»Was ist das, Präparierboden?«

»Nun, die Anatomie, wo die Medizinfüchs das Mensche-Tranchiere lerne!«

»Nein, da war ich noch nicht -- möcht' aber gern mal hin -- wenn du mir

dazu verhelfen könntest, Wichart, ich wäre dir sehr dankbar.«

»Nu, das is e einfache Geschicht -- komm Montag 'mal runner um zehn,

ich bin ja Prosektor.«

Das gedachte Werner sich nicht zweimal sagen zu lassen. Dabei fiel

ihm eine Anekdote aus seines Vaters Jugendzeit ein. Sein Vater hatte

ursprünglich Medizin studieren wollen. Als gar junges Bürschchen war er

zur Hochschule gekommen, und der erste Besuch auf dem Präparierboden

hatte ihn so entsetzt, daß er an der Tür des Saales umgekehrt und

schleunigst zur Universitätskanzlei gestürzt war, um sich von der

medizinischen zur juristischen Fakultät überschreiben zu lassen. Werner

erzählte das Wichart, der herzlich lachte; auch Dammer wurde jetzt, am

Ende der Schinderei, munter und lachte etwas jämmerlich mit.

»Na, ich denk, du wirst nit weglaufe,« meinte Wichart, »du bist nit so

zärtlich.«

»Ich hoffe nein.«

»Für alle Fäll kannst du dir ja vorher en Eimer gebe lasse, damit du

wenigstens nit de Vorsaal verunreinigst.«

Und wieder lachten alle drei. Und draußen schmetterte dazwischen Gang

auf Gang, Kommandos, krachende, dumpfdröhnende Hiebe, das Halt der

Sekundanten und ihr Gekläff um Inkommentmäßigkeiten, dann schwüle

Pausen -- neue Kommandos, neue Hiebe. Wie mochte es draußen stehen?

Eben hatte Wichart eine feste Watteverpackung um Dammers Schädel und

linke Kopfseite verstaut und so gründlich mit Stärkebinden umwickelt,

daß nur Augen, Nase und Mund aus dem weißen Paket hervorschauten --

da entstand, unmittelbar nach Beendigung eines Ganges, draußen jene

allgemeine Bewegung, die das Ende der Mensur verriet, und gleich

darauf trat Klauser, den bandagierten Arm noch auf den Händen des

Schleppfuchses ruhend, blutüberströmt herein. Hinter ihm Scholz und ein

paar andere Korpsburschen, alle ganz merkwürdig still und blaß.

»Nu?« fragte Wichart.

»Quartabfuhr nach achteinhalb Minuten,« sagte Scholz in

unheilverkündendem Ton. Dann riß er den Sekundierstulp ab und

schleuderte ihn auf den Boden, Mütze und Schurz hinterher.

»Hm?« machte Wichart.

Scholz schlug zweimal mit der Rechten durch die Luft, eine Geste, die

deutlich erkennen ließ, daß irgend etwas Schlimmes passiert sei.

»Na, kommt raus!« sagte Scholz. Und alle Korpsburschen gingen. Hastig

vollendete Wichart Dammers Verband, hieß ihn Hemd, Weste, Band und Rock

anlegen, schickte ihn und Werner hinaus. -- Drinnen blieben nur der

blessierte Klauser und der Paukarzt.

Werner begriff nicht, was vorgefallen sein mochte. Er sah, daß draußen

der Fuchsmajor alle Korpsburschen zusammenberief und sie alle sich

aus dem Saale entfernten. In dem dumpfen Gefühl, daß etwas Böses sich

ereignet haben müsse, fragte er Dammer: »Hast du eine Ahnung, was die

Korpsburschen eigentlich haben?«

»Nu ja, nu ne -- Klauser hat, scheint's, iebel gefocht'n.«

»Wieso?«

»Schlecht gestanden scheint er äbens zu haben.«

»Nun, und --?«

»Na -- du siehst doch, daß de Korpsburschen zum A. O. C. C.

(außerordentlichen Korpskonvent) sein abgetreten -- da werden sie wohl

beschließen, Klausern auf unbestimmte Zeit hinauszutun.«

»Und -- was wird dann weiter mit ihm?«

»Dann muß er Reinigungspartie fechten.«

»Und ... dann kommt er wieder ins Korps hinein?«

»Wenn seine Mensur als Reinigungsmensur genügt, dann wird die Dimission

aufgehoben.«

»Und wenn sie ... nicht genügt?«

»Ja -- dann tun sie'n äbens ganz rausschmeißen tun sie'n dann.« -- --

Dammer hatte richtig vermutet.

Nach wenigen Minuten kamen die Korpsburschen zurück, alle tief ernst

und gedrückt; der Fuchsmajor ging zuerst zu den Senioren der beiden

anderen Korps und machte diesen mit feierlich abgezogener Mütze eine

kurze Meldung, dann rief er die Füchse in einen Winkel des Saales

zusammen und befahl:

»Silentium für den A. O. R. C. (außerordentlichen Renoncenkonvent).«

Er und alle Füchse nahmen die Mützen ab.

»Es wird den Renoncen aus dem C. C. mitgeteilt: C. B. Klauser Zweiter

seiner Charge entsetzt und derselbe auf unbestimmte Zeit dimittiert. --

Hat jemand sonst noch etwas vorzubringen? Silentium -- so ist der A. O.

R. C. geschlossen.«

Schweigend setzten die Füchse die Mützen auf und gingen beklommen zu

ihren Plätzen.

Über den Tischen der Cimbern lag ein dumpfes Schweigen. Aber auch bei

den beiden andern Korps ging es minder lebhaft zu als sonst. Man ehrte

Cimbrias Muttertrauer über die Strafe, die sie an einem ihrer Söhne

hatte vollziehen müssen, den sie vor andern wert gehalten hatte.

Leise tauschten auch die Füchse ihre Ansichten über das schmerzliche

Ereignis aus. Die Brandfüchse behaupteten fast alle, sie hätten während

der Mensur ganz genau gemerkt, daß Klauser schlecht stände.

»Er hat mehrfach den zweiten Hieb ausgelassen.« behauptete einer.

»Als er die Temporalisabfuhr bekam, hat er ganz merklich reagiert,«

wußte ein anderer zu melden.

»Mir hat seine ganze Haltung von Anfang an nicht gefallen. Es war, als

ob er gar nicht recht bei der Sache gewesen wäre.«

»Ja, als ob ihm eigentlich alles wurst wäre. Als ob er immerfort an was

anderes dächte.«

»Hat er ja vielleicht auch getan.« Zwischen den ernsten Betrachtungen

ein heimliches, verstohlenes Schmunzeln auf allen Lippen.

»Einmal hat er mitten im Gange aufgehört zu schlagen.«

»Das hab' ich auch gemerkt -- als er die Terz weghatte: er machte ein

ganz verdutztes Gesicht.«

Was der eigentliche Grund von Klausers Dimission sei, vermochte Werner

sich aus all dem Wirrwarr der Ansichten nicht recht klar zu machen. Er

beschloß, seinen Leibburschen zu befragen.

Aber da kam er schön an. »Das sind deine Sachen nicht!« schnauzte

Scholz den Leibfuchs an. »Sorg, daß du selber anständig fechten lernst,

und überlaß das übrige den Korpsburschen! Wenn du mal selber das Band

hast, dann magst du mitreden.«

Mit hängenden Ohren schlich Werner zu seinem Platze.

Es war ein trüber Tag für die Cimbern. Noch eine ganze Reihe von

Mensuren folgte, und bei fast allen war Cimbria als weitaus stärkstes

Korps beteiligt, aber die frisch-fröhliche Raufstimmung der andern

Tage fehlte. Die Entgleisung des zweiten Chargierten war so rasch nicht

zu verschmerzen. Geschäftsmäßig wickelte sich der Tag ab.

Am Spätnachmittage kehrte man heim. Dammer fuhr seines Wickelverbandes

halber in der Mensurdroschke. Der starke Blutverlust hatte ihn müde

gemacht, er schlief, tief in die Wagenecke gedrückt, und als die

Kalesche am Vogtschen Pensionat vorüberrollte, verfehlte er die

Gelegenheit, das Herz des »sießesten Mädichens« durch den Anblick

seines Zustandes zu rühren und mit noch tieferer Bewunderung für seinen

Mannesmut zu erfüllen.

Vergebens hatte Werner sich nach dem unglücklichen Klauser umgesehen.

Der hatte, nachdem Wichart ihn geflickt und verbunden hatte, von Scholz

die offizielle Mitteilung bekommen, daß er seine Charge verloren habe

und dimittiert sei. Das hatte er schon vorher gewußt. Er hatte eine ihm

sonst ganz fremde Unsicherheit und Apathie während der Mensur selbst

deutlich genug empfunden, aber er war ihrer nicht Herr geworden. Das

Benehmen seiner Korpsbrüder aber unmittelbar nach der Mensur hatte ihm,

dem Erfahrenen, genug gesagt. Und dennoch schnitt es ihm ins Herz, wie

Scholz so kalt und gemessen vor ihm stand und ohne ein Freundeswort,

ohne ein Beben in der Stimme ihm eröffnete: »Klauser, ich habe dir

aus dem C. C. mitzuteilen, daß du deiner Charge entsetzt und auf

unbestimmte Zeit dimittiert bist.« Dann hatte Scholz sich umgewandt und

ihn stehen lassen wie einen Geächteten.

Da nahm er das Band vom Riegel, und statt es über die Weste zu hängen,

wie sonst beim Ankleiden, ließ er's stumm in die Tasche gleiten.

Und die Korpsmütze versteckte er unter der Weste ... Über seinen

Wickelverband zog er eine schwarze, seidene Mensurmütze bis tief in die

Stirn, griff zum Stock und wollte gehen.

Der gute Wichart hatte ihm schweigend zugesehen. Klauser fühlte seinen

Blick und wandte sich zu ihm.

»Wann bin ich wieder so weit, Wichart?«

»In vierzehn Tagen, Klauser!«

»Was ... erst in vierzehn Tagen --?!«

»Ja -- Temporalisabfuhr -- Knochensplitter -- so lange wirst du wohl

aushalte misse.«

»Himmel!«

»Na, so vierzehn Tag -- die sinn doch fix herum!«

»Vierzehn Tage in Dimission --«

»Kopf hoch, Klauser! Bist ja so e strammer Kerle --«

Ein Händedruck, und Klauser ging einsam hinaus. Er stieg dumpf brütend

die Treppe hinunter und ging allein nach Marburg zurück -- den Weg,

den er heute morgen in Träumen voll wilder, jung-junger Seligkeit

hergekommen war.

Denn das hatte er ja seinen Korpsbrüdern nicht sagen können, daß er

die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte -- daß er nichts anderes hatte

denken und träumen können, als daß sie nun sein sei -- seit gestern

abend ... seine Verlobte, seine Braut -- seit jenem Spaziergang im

Museumsgarten, abseits vom Fiedeln der Walzergeigen, seit jenem kurzen

Augenblick im Jasminboskett, der ihm den ersten Kuß seines Lebens

gebracht hatte -- den Kuß einer Liebe, die, so wähnte er, nur mit dem

Schlagen dieses stürmischen Herzens enden könne ...

Und nun?!

Langsam tropften schwere Tränen aus dem Auge des Jünglings, der

inmitten der Jugendspiele Mannesrechte und Mannespflichten auf sich

genommen und darüber den Schmuck der Jugend eingebüßt hatte.

Schwere Tränen tropften auf die Brust, an der gestern Mariens gelber

Flechtenbau geruht hatte, auf der heute das Band Cimbrias fehlte.

Schwere Tränen, Kindertränen ...

Am Spätnachmittage hielten die Korpsburschen der Cimbria nochmals

außerordentlichen Korpskonvent ab, und zwar auf der Kneipe. An

Klausers Stelle wurde der dritte Chargierte, Krusius, Dammers

Leibbursch, beauftragt, interimistisch die zweite Charge zu versehen,

und ferner beschlossen, die Brander Böhnke, Dammer und Ehlert,

deren Rezeptionsmensuren am Vormittage den Anforderungen eines

wohllöblichen C. C. genügt hatten, ins engere Korps zu rezipieren.

Das wurde diesen Glücklichen, die man schon ohne Angabe des Zweckes

auf die Kneipe bestellt hatte, in feierlichster Form eröffnet, indem

der Außerordentliche Korpskonvent sich sofort als »Feierlicher

Korpskonvent« konstituierte, die rezipierten Brander vorlud, ihnen ihre

Aufnahme eröffnete, ihnen den Burscheneid auf die Konstitution des

Korps abnahm und sie feierlich mit dem blau-rot-weißen Bande schmückte.

Hernach war's noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der speziellen

Kneipe. Das benutzten die Jungburschen selbstverständlich, um sich dem

staunenden Marburg alsbald im neuen Schmucke der drei Farben zu zeigen.

Auch Dammer hatte sich soweit erholt, daß er, trotz seines bis zur

Unkenntlichkeit vermummten Kopfes, die Wettergasse herunterschlenderte

bis zum Pensionat Vogt. Aber seine Sehnsucht erfüllte sich nicht: die

Vogtei saß jedenfalls beim Abendessen.

Auf der Kneipe sah er sich allerdings zum Genusse eines Gebräues aus

Ei, Kognak und Rotwein verurteilt, das er durch ein Röhrchen trinken

mußte, da der angeschlagene Kaumuskel Trinken im eigentlichen Sinne und

Essen verbot. Trotzdem war er selig.

Und auch das Korps überwand in der Freude über seine drei Jungburschen

allmählich die Mißstimmung über den Verlust des Subseniors. Ach ja, der

Lebende hat recht, und was ist ein einzelner unter einer Schar von mehr

denn vierzig!

Vielleicht am aufrichtigsten und dauerhaftesten trauerte Werner um

Klauser. Er sah immer noch den Freund am Arm des schönen Mädchens

aus dem Boskett in den Mondflimmer hineintauchen und meinte noch den

unerhört süßen Nachhall der gestammelten Worte zu hören:

»Willy -- meiner -- mein Willy ...«

Nun lag der Arme gewiß einsam und schlaflos daheim und fühlte das

Brennen seiner Wunden und seiner Scham ...

Und warum?!

Grausam -- grausam ...

Und Werner betrank sich.

VIII.

»Du -- Salche -- hernach muß ich dich allein spreche!«

So hatte am Sonnabend früh der Studiosus Simon Markus seine Schwester

im Laden angezischt.

»Hernach, wenn ich aus'm Kolleg zurückkomm!«

Seine Augen schielten flackernd an der unförmlichen Nase entlang, deren

wulstige Flügel bebten.

»Hernach? Warum nit gleich und nit hier? Was du mir zu sage habe

kannst, das kann e jed's heere!«

»Nein! das kann nit e jed's hören.«

Damit war er aus dem Laden gestolpert und zur Anatomie geschlendert,

den Rücken gekrümmt von der Last unfaßbarer Qualen.

Rosalie hatte keine Ahnung, was ihren Bruder so erregte. Und darum, als

der heimkehrende Bruder sie ins Hinterzimmer zog und anfauchte:

»Ich hab's gehört, heut nacht!«

-- da konnte sie mit unschuldigster Verwunderung antworten:

»Was hast geheert?«

»Ja, mach nur e Gesicht! Heut nacht is er aus deinem Zimmer komme und

de Trepp erunter gange!«

»Aus mein Zimmer? Ja, ~wer~ denn?«

»Wirscht's schon wisse!« »Hernach bitt ich mir aus!! Wer soll in mei'm

Zimmer gewese sein heut nacht?«

»Na, der Achebach -- hä? oder gar nit?!«

Der krasse Fuchs · 第 6 / 17 段