schwitzenden Kellnern Flaschenbatterien angeschleift, überall konnte
man beobachten, wie in riesigen Steinguttöpfen von sachverständiger
Hand über die Würzeblättlein des Waldmeisters endlose Moselfluten
ausgegossen wurden, bis eine Flasche Wachenheimer Schaumwein,
Kostenpunkt zwei Mark zwanzig Pfennige, dem Gebräu die letzte festliche
Vollendung gab.
Und zwischen den leuchtenden Farbflecken der Damenkleider, den
grellbunten der Burschenmützen konnte ein sorgfältiges Auge schon jetzt
ein geheimes Hinüber und Herüber erkennen, einen Austausch von Blicken
hin und her -- -- als wären da unsichtbare Drähte gespannt, fluteten
feine, geheime Ströme hinüber und herüber, hin und her, im Maienhauch,
unterm leise schwankenden Lindenlaub, getragen von den schaukelnden
Wogen der Orchestermusik, hinüber, herüber, herüber, hinüber ...
Und Werner empfand das alles im Schauen. Eine große Freudigkeit weitete
ihm die Brust. Sein erster Ball! Wenn auch nicht im kerzengeschmückten
Saale, nicht im feierlichen Winterschmuck -- dafür in Sonn' und
Lindenluft, bei Mückentanz und Amselschlag.
Ach, hinein in diese duftenden Wogen, diese farbigen Fluten -- Leben,
Jugend, hinein in deine festliche Fülle, hinein, hinein!
Hinein, dorthin, wo lose Locken wehen und helle Augen flackern, wo
weiche, schmiegsame Mädchengestalten in raschen Rhythmen sich wiegen,
wo alles Verheißung ist und Sehnsucht und Erfüllung und freigebendes
Auskosten der gnädigen Stunde! Hinein -- hinein!
Mit souveräner Nasenhebung schritt Werner an den Tischen der Turner
und Burschenschafter vorbei, mit feierlich abgezogener Mütze an den
Niederlassungen der Hessen und Westfalen, mit lächelnder, doch auch
zeremonieller Verbeugung trat er an den Cimberntisch, wo man ihn
willkommen hieß, nicht mit jugendlich lautem Hallo, sondern mit der
gemessenen Heiterkeit, welche die Korpsstudenten überall zur Schau
trugen, wo sie sich beobachtet wußten. Dann setzte er sich zu den
Mitfüchsen, die ihn, den Rheinländer, als Bowlesachverständigen
willkommen hießen. Und Werner, eingedenk, wie oft er dem geselligen
Vater beim Bowlenbrauen hatte helfen müssen, war bald eifrig
beschäftigt, das Gebräu anzusetzen und, was bei der Waldmeisterbowle so
wichtig, es abzukosten, ob auch die Kräuter schon genügend »gezogen«
hätten.
Inzwischen beobachtete er die Korpsbrüder und entdeckte bald die ihm
schon bekannten Beziehungen. An der Spitze des Tisches saß Scholz,
eisern, blasiert, gleichgültig: die Damen der Gesellschaft kamen als
unnahbar für ihn nicht in Betracht ... Aber neben ihm saß Klauser
... den Ausdruck seines Gesichtes kannte Werner schon, und mit einer
leichten Linkswendung des Kopfes folgte er den starren, gebannten
Blicken seines Korpsbruders ... natürlich, da drüben saß ja die schöne
Marie Hollerbaum, neben einer zarten, grauhaarigen Dame, umringt
von einer Schar junger Mädchen, wieder in Hellgrün, der Grundfarbe
Hasso-Nassovias, die dem Cimbernherzen nun einmal fatal war ... Ihr
Kopf mit dem blumenwippenden Sommerhütchen hing nach vorn über einer
Häkeltändelei -- aber jetzt -- jetzt hob sie den Kopf, und ein Blick
blitzte aus umdunkelten Augen unter dem Hutrand hervor, daß Klauser
den mächtigen Brustkasten dehnte und aufflammenden Gesichts rasch ein
ganzes Glas Bowle hinunterstürzte.
Und glänzte nicht auch Dammers Bemmchengesicht wie frisch geschmiert?
Drüben saß ja, in neutrales Weiß gekleidet, das ganze Vogtsche
Pensionat, anderthalb Dutzend frischester Mädelgestalten, rechts
und links des Tisches aufgereiht ganz wie zwei Reihen Täubchen auf
der Stange, sorgsam behütet von den ruhelosen Augen einer unendlich
gutmütig dreinschauenden Vorsteherin und dem Falkenblick der hageren
Mademoiselle ... aber »Kätchen, das sießeste Mädichen« zu erspähen
glückte Werner nicht ... die Kinder sahen alle egal aus ...
Und poussierte nicht auch der biedere Korpsbursch Dettmer heftig
mit den Augen, obwohl er an der Bowle nicht teilnahm, und vor ihm
noch immer Rotwein und Selterswasser verräterisch aufgebaut waren?
Aber auch er, ob er schon das schmutzige Gift aus Gießen noch mit
sich herumschleppte, ließ seine Blicke zum Vogtschen Pensionate
hinüberschweifen, und da entdeckte Werner auch gar bald ein
Madonnenköpfchen voll himmlischer Kinderunschuld, dessen friedvolle
Augen halb bewußt widerstrebend, halb unbewußt hingebend die Blicke des
blaubemützten Studiosen auffingen, dessen Gesicht durch die Blässe der
Krankheit einen Ausdruck von Geist bekommen hatte, der ihm in gesunden
Tagen fremd war.
Ach, es waren wenige unter den Cimbern, die nicht an irgendeiner Stelle
des weiten Museumsgartens einen Haltepunkt für ihre Augen, ein Ziel
ihrer feurigen Blicke gefunden hatten. Die wenigen Unberührbaren aber
vertieften sich um so eifriger in die Bowle.
Und die Mütter, die Pensionsvorsteherinnen sahen schmunzelnd, friedvoll
dem Treiben zu. Es war immer so gewesen in Marburg. In ihrer Jugendzeit
hatten auch sie ganze Generationen von Studenten durchgeliebt ... das
war nun einmal das Schicksal der jungen Mädchen in einem kleinen
Universitätsnest, wo der Student die anderen Tänzer und Courmacher
verdrängte ... schließlich blieb doch einmal einer hängen ... und wenn
nicht ... dann wurde man eben alte Jungfer ... das sollte ja auch
anderswo als in Universitätsstädten vorkommen ... mochten sie sich
doch ihres Lebens freuen, die jungen Dinger ... und wenn auch einmal
ein paar Rendezvous und Küsse dabei vorkamen ... daran sind wir Alten
ja seinerzeit auch nicht gestorben ... ernstere Gefahren drohten den
jungen Damen ja nicht von Studenten ... dafür gab's andere Mädchen ...
bequemere, gefahrlosere Gelegenheiten.
Und der Tanz begann. Im Nu liefen all die bunten Farbflecke
durcheinander, flossen hinüber und herüber und mündeten dann in
einen schmalen Strom, der sich nun mitten zwischen Tischen und
Menschengruppen hindurch zur obersten Terrasse emporwand, wo unter
freiem Himmel das niedere bretterne Tanzgerüst aufgeschlagen war. Und
das krachte nun unwillig unter der Last von Jugend, die sich darüber
hin ergoß.
Werner hatte nicht engagiert. Er wollte sich's erst mal ansehen. Und
etwas in ihm jauchzte und frohlockte still und gelassen im Anschauen
von so viel brünstiger Jugendkraft, so viel festlich aufschäumender
Lebensfülle.
Er sah dem Tanze zu, sah, wie Klauser Marie Hollerbaum fest im Arm
hielt und, ein etwas stürmischer, doch sicherer Tänzer, sie durch das
Gewühl der Paare steuerte; dabei kam's ihm nicht darauf an, dies Paar
rechts, jenes links beiseite zu schieben oder auch zu stoßen.
Gleichzeitig bemerkte er aber auch, daß derjenige, mit dem Klauser
morgen den schwersten Gang seines korpsstudentischen Lebens zu bestehen
haben würde, daß der Hessen-Nassauer-Senior Seydelmann ohne zu tanzen
beiseite stand und des Gegners Eifer mit unmerklichem Lächeln
verfolgte.
Aber fest und hingebend lag die schlankerblühte Mädchengestalt in
Klausers Arm, und Werner wußte, daß auch ihn kein Morgen, kein
künftiger Kampf gehindert haben würde, das Glück eines solchen
Augenblickes in sich hineinzutrinken, wenn ... wenn jene hier gewesen
wäre, nach der ihn auf einmal eine süße Sehnsucht überfallen hatte ...
jenes einzige weibliche Wesen, das bisher zu seiner Seele gesprochen
hatte.
Elfriede! Wie ein Heimweh überkam den Zuschauenden der Gedanke. Nein,
er würde keine »Sonne« haben in Marburg, er würde niemals hier draußen
das bebende Jauchzen, den wunderverheißenden Ruck am Herzen spüren, den
ihr Anblick ihm stets gegeben ... niemals das wilde, heilige Glück,
wie er es daheim empfunden, wenn er sie im Konzert, bei einem Feste
erkannt, nie den lastenden und dennoch beseligenden Schmerz, wenn er
sie hatte vermissen müssen.
Elfriede! Das war ihm mehr als ein Name, als das Symbol ihrer Person:
es war ihm eine Zauberformel ... bei deren Erklingen die innersten
Pforten seines Herzens weit, weit aufsprangen, auf daß ein Festzug
einziehe, dem alles folgte, was es Seltenes, Heilig-Herrschendes gab
auf Erden und in den Himmeln aller Vergangenheiten und kommenden Tage
...
Aber der Tanz war aus, und um den schauenden Jüngling schwoll nun der
Strom der Tänzer dem Ausweg zu. Und um ihn herum nichts als glühende,
tief atmende Mädchenfrätzchen, scherzende, schwitzende Knabengesichter,
alles hell, alles warm, alles duftend vom Hauch gepflegten, gehüteten
Jugendlebens, alles brandend, brausend von Heiterkeit und sehnsüchtiger
Kraft ...
Und wieder klang's in ihm: hinein!
Und als sein Fuchsmajor an ihm vorüberstrich, der hagere Papendieck,
ein wuschliges Blondköpfchen an seiner Seite in einem weißen
Spitzenfähnchen, da ließ er sich vorstellen und bat um den nächsten
Tanz. Mit kecker Neugier musterte ihn die Kleine -- nickte dann dem
Fuchsmajor den Abschied, zog ihre feuchte Hand aus seinem Arm und sagte
zu Werner: »Wollen wir gleich hier oben bleiben?«
»Ei, warum denn nicht?«
»Na also! Los!«
Und schon fühlte Werner das Händchen in seinem rechten Arm, fühlte, daß
sie ihn mit einem leichten Druck rechts herum zog, und da schwenkte er
denn rasch herum, daß auch sie ein bißchen flog, und lachend trollten
die beiden in einen von wildem Wein übersponnenen Seitengang hinein.
»Na, also zunächst mal, wie heißen Sie eigentlich?« sagte die Blonde,
trat ihm gegenüber und musterte ihn nochmals recht eingehend. »Ich hab'
Ihren Namen bei der sogenannten Vorstellung natürlich nicht verstanden,
wie immer.«
»Also Achenbach, Werner Achenbach, Cimbriae, +studiosus juris+ aus
Elberfeld ... und Sie, Fräulein?«
»Ich heiß' Ernestine Buchner, bin aus Siegen in Westfalen und bei Tante
Vogt in Pension -- nun wissen Sie's!«
»Danke -- also Sie studieren auch hier -- auch erstes Semester?«
»Ne, zweites -- Brandfuchs!«
»Ich bin Krasser --«
»Das weiß ich -- sonst kennte ich Sie ja schon vom Winter her.«
»Was? Kennen Sie denn alle tausend Marburger Studenten?«
»Die Korpsstudenten kennen wir bei Tante Vogt jedenfalls alle und nun
gar die Cimbern: Frau Vogt ist ja 'ne Alte Dame von Ihnen!«
»So? Das wußte ich ja noch gar nicht.«
»Doch -- ihr verstorbener Seliger, der Sanitätsrat, war Alter Herr von
Ihrem Korps. Ihr Korps und unsere Pension haben doch überhaupt Kartell
-- innige und alte Kartellbeziehungen -- wissen Sie das denn nicht?!
Wie gefällt Ihnen denn dieser Betrieb?«
»Betrieb?« fragte Werner. »Was für ein Betrieb?«
»Na, hier die Hopserei! die Wald-, Wiesen- und Hecken-Hopserei!«
»Ach so, Sie meinen die Reunion? Nun -- seit einigen Minuten -- ganz
erträglich.«
»Quasseln Sie nich! Komplimente sind bei mir nicht angebracht. Haben
Sie denn einen Schimmer vom Tanzen?«
»In der Tanzstunde hat der Tanzlehrer mich immer gelobt ...«
»Und seitdem --?«
»Hab' ich bis heute keinen Schritt mehr getanzt.«
»Und wie lange ist das her?«
»Vier Jahre,« sagte Werner etwas kleinlaut.
»Oh, Sie Unglückswurm -- oder vielmehr ich Unglückswurm! -- Na, Kopf
hoch, ich kriege Sie schon rum. Aber wenn Sie mir aus die Hühneraugen
treten, dann schmeiß ich mit feuchtem Lehm.«
Etwas verblüfft sah Werner zu dem strammen Figürchen an seiner Seite
herunter. Sie reichte ihm gerade bis über die Schultern. Ein völlig
kindliches Gesicht, das Mündchen eines verzogenen Backfischchens,
und --
»Sie -- schnell, kehrt, marsch, marsch!« rief die Kleine plötzlich
erschrocken, »da ins Gebüsch!«
»Himmel -- was ist denn los?«
»Mademoiselle kommt! Jedenfalls hat sie beim Abzählen eines von ihren
Küken vermißt, und nu kommt se und will mich bei de Hammelbeine
kriegen!«
Und eh' er sich's versah, stak Werner mit seiner »Dame« mitten in einem
blühenden Jasmindickicht. Draußen spürte die Mademoiselle herum.
»Hier bleiben wir, bis der Tanz losgeht! Ich find's ganz nett hier --
Sie auch?«
»Ich auch,« sagte Werner, ganz benommen.
»Raum ist in der kleinsten Hütte«, sagte Ernestine pathetisch, »für ein
glücklich liebend Paar. Glücklich liebend! Hehe! Sie machen gar kein
sehr glückliches Gesicht! Wollen Sie wohl mal schnell ein glückliches
Gesicht machen?«
Und dabei hatte sie seine beiden Arme oberhalb der Ellenbogen gepackt
und schüttelte ihn ganz derb.
Und Werner wurde warm. Das lachende Milch- und Blut-Gesicht vor seiner
Nase, von lauter feinen Schweißperlchen Stirn und Näschen bedeckt, die
losen Löckchen, die ihm manchmal kitzelnd ins Gesicht wehten, dies
dralle Figürchen dicht vor seiner Brust und die Umklammerung der
festen kleinen Fäuste um seine Arme ...
»Auch von Lieb umgeben
Ist Studentenleben -- «
Schon umspannten seine Hände ihre Taille, er zog sie an sich heran, und
sie hob ihr Mäulchen seinem Kuß entgegen --
Da schoben sich die Zweige des Bosketts auseinander, und dazwischen
erschien das gelbe Gesicht der Mademoiselle.
* * * * *
Die Mademoiselle hatte Werner energisch anbefohlen, ihr und der trotzig
leise schluchzenden kleinen Westfälingerin einen ordentlichen Vorsprung
zu lassen. So stak Werner im Boskett und versuchte, sich die Folgen
dieses Abenteuers auszumalen. Er nahm als gewiß an, daß Frau Vogt, die
»Alte Dame«, sich beim Korps über ihn beschweren und man ihn dann mit
Schimpf und Schande hinauswerfen würde.
Wie ein beim Naschen erwischter Köter kroch er tief gesenkten Hauptes
aus dem Gebüsch und schlich an den Korpstisch zurück.
»Nanu?« rief der lange Papendieck. »Wo hast du denn die kleine
Siegerländerin gelassen? Eben geht doch der Tanz los?«
Werner wies nur mit stummem Kopfnicken zum Tisch des Vogtschen
Pensionats hinüber.
»Was? -- eingeheimst? nanu? hast du am Ende gar --?«
Werner hielt es für das beste, dem Fuchsmajor die ganze Sache offen zu
erzählen. Der lachte übers ganze Gesicht und sah den jungen Fuchs mit
einem Ausdruck an, dem selbst der unerfahrene Werner entnehmen mußte,
daß er, Werner, statt einer Korpsstrafe entgegenzugehen, in der Achtung
seines Erziehers um einige Haupteslängen gestiegen sei.
Aber sein Tatendrang war dennoch vergangen. Und statt abermals um
eine Tänzerin zu werben, vertiefte Werner sich in die Bowle. Aber
nicht weichen wollte von ihm ein süßes und neues Gefühl; als er die
blonde Ernestine an sich gezogen, da hatte er ihre Arme umspannt ...
O Gott, waren die seltsam weich und kühl gewesen! -- Und als sie
Brust an Brust vor ihm gestanden, da hatte er an seinem Herzen etwas
noch viel Weicheres gefühlt ... das wollte nicht fort von ihm, dies
quälend-entzückende Gefühl ... ihm wurde ganz wirr davon. Und er trank
unmenschlich. --
Und das Fest ging seinen Gang. Über dem Hin- und Herströmen der
Tänzerpaare, über den Wirbeln und Verschlingungen ihrer Rundtänze und
Kontres senkte sich die Nacht. Kühle kam. Hunderte bunter Lampions
flammten auf. Und immer weiter ging's: Lanciers, Polka, Walzer, Walzer,
Walzer ...
Röter flammten die Wangen der Burschen, höher atmeten die jungen Brüste
der Mädchen unter leichten Batisthüllen, doch strenge Sitte, eiserne
Kavalierspflicht türmte eine trennende Schranke ... und wenn auch das
eine oder andere Paar sich auf ein paar Minuten in einen Laubengang
verlor ... mehr als ein paar scheue Küsse forderte auch der Keckste,
bewilligte die Leichtsinnigste nicht. Kavalier und Dame ... so standen
sich diese jungen Kinder gegenüber. Und dabei waren fast alle diese
Jünglinge schon wissend; fast alle hatten sie schon weit, weit abseits
der Sphären dieser bürgerlichen Wohlanständigkeit, in dunklen, dumpfen
Lasterhöhlen das Geheimnis des Lebens ergründet ...
Hier aber gaben sie sich als die korrekten, kittelsaubern Gentlemen,
denn sie trugen die Farben ihrer Couleur, ihres Korps, und die jungen
Mädchen an ihrem Arme waren Damen ... Damen, deren Reinheit von der
Pistole bewacht wurde, für deren Unschuld das Leben von Vätern und
Brüdern bürgte.
Und sie waren ahnungslos. Die Schlimmsten und Schlauesten unter ihnen,
für die das Storchmärchen Kinderspott, die sich einbildeten, wunder
wie aufgeklärt zu sein über die Bestimmung der Geschlechter, sie waren
reine Engel gegen die Jünglinge, zu denen sie aufschauten, die aus dem
Anschmiegen ihres jungen Körpers, aus dem Duft ihrer holden Wärme das
süße Gift friedloser Sehnsucht sogen, das so manchen von ihnen spät
nach dem Tanz in geheime Winkel trieb, wo für ein paar Silberlinge zu
erkaufen war, was Sitte und Satzung hier dem Sehnenden lockend zeigte
und dann hämisch aus den Armen riß ...
Auch Werner sehnte sich. Es trieb ihn von dem Zechertisch weg, wo um
den immer neu aufgefüllten Bowlennapf die Köpfe der Trinkenden immer
schwerer, die Augen immer stierer wurden ... höher stieg er in den
Garten, und die leichten Walzermelodien, der Mondflimmer, der das Tal
mit flutenden Nebeln füllte, der Nachtigallenruf aus den Uferbüschen
drunten in der Ferne wühlten das Blut in ihm auf, der Wein in seinem
Hirn, die Erinnerung an jenen Augenblick hastigen Erhaschens verwirrten
sein Wollen ... Leib und Seele ächzten auf, ihre Sehnsucht schrie
ineinander: ein Weib ... ein Weib ...
Da, als er fast taumelnd an dem Boskett vorbeischlenderte, in dem
Ernestine ihm ihre Lippen geboten, vernahm er drinnen ein Geflüster:
»Es ist Zeit für dich, Liebster -- wahrhaftig, es ist Zeit -- schon
dreiviertel elf ... ich will nicht, daß der greuliche Seydelmann dich
mir morgen zu arg zurichtet ...«
Und dann eine Stimme, die er kannte:
»Noch einen Kuß, Liebchen -- noch einen Kuß --«
Und eine Stille, ach, eine lange Stille ...
»Willst du mir das Däumchen halten morgen?«
»Aber gewiß!«
»Tu's lieber nicht -- du meinst es nicht ehrlich -- du bist eine
Hessen-Nassauer-Dame --«
»Mit dir mein' ich's ehrlich --«
»Liebste -- komm -- so -- und so -- und nun -- nun müssen wir gehn!«
»Hast du mich lieb -- Willy?!«
»Du! Marie! Du! -- -- hast du mich auch lieb, Marie?«
»Willy -- Willy ... meiner -- mein Willy!«
»Meine Braut -- meine süße, süße Braut --«
Und da traten sie aus dem Gebüsch, der Klauser und sein blonder Schatz
... und sie an seinem Arm, so schritten sie dem fernen Lärm des Tanzes
zu, durch den Mondglast der Berggartenwiese ...
Und Werner war allein ...
Allein? Warum?
Wußte er nicht auch ein paar Arme, die sich ihm auftun, ein paar
Lippen, die sich ihm nicht versagen würden?
Rosalie! Er sah ihren gewährenden Blick, ihr ermutigendes Lächeln ...
Er hatte eine geheime Angst vor dem wissenden, überlegenen Ausdruck
ihrer Augen ... aber in dieser Stunde ... sie war ein Weib ... ein Weib
--!!
Seinen Stock, den er am Bowlentische stehen gelassen -- ein schönes
Stück, eine Dedikation Dammers -- ließ er im Stich ... er flog nach
Hause, immer nur von dem Gedanken beseelt, daß er an Rosaliens
Zimmertür pochen müsse ... mochte dann kommen, was da wolle, er mußte
anklopfen, er mußte ...
Er zog die Schuhe aus, schlich die zwei Treppen hinauf ... oft knackten
die trockenen, jahrhundertalten Dielen ... dann hielt er lauschend den
Atem an ...
Ihn fror, seine Hände flogen, seine Kinnbacken schlotterten ...
Nun stand er oben vor der Tür ... die Hand lag auf der Klinke -- --
In diesem Augenblick faßte ihn ein solch jähes Zittern, daß er sich
kaum auf den Beinen halten konnte. Ein wilder Schrei -- ein Schrei,
der nichts Menschliches hatte, ein Klang wie das Todesgeheul einer
waidwunden Bestie -- war draußen, drunten in der Tiefe erklungen -- --
zum offenen Flurfenster hinein ...
Bebend schlich er ans Fenster und spähte hinaus. Monddurchwoben lag das
breite Lahntal zu seinen Füßen; tief unten zog sich die Straße, daneben
gingen die ruhigen Wasser des Flusses. Da unten -- da unten mußte es
gewesen sein ... ein Schrei aus Menschenmund war das gewesen ... aber
ein Schrei, wie Werner noch keinen gehört hatte.
Doch alles blieb still und ruhig drunten. Alles schlief ... niemanden
schien die schreckhafte Stimme geweckt zu haben ...
Werner ging nicht zu Rosaliens Tür zurück. Er tastete sich in dumpfem
Beben die Treppe hinunter ... im Zimmer riß er die Kleider vom
Leibe, kroch zähneklappernd ins Bett und versank tief, tief in die
unfruchtbaren Schauer seiner Knabeneinsamkeit -- --
VII.
Der Spuk der Nacht war verweht, die wilden Beklemmungen des Begehrens
waren gelöst, der rätselvoll grauenbange Schrei der Finsternis im Ohr
verhallt. Der erste Junimorgen wob überm Lahntal, und munter schritt
Werner, wie jeden Samstagmorgen, dem Schlachtfeld Ockershausen zu. Er
hatte den Weg über Schloß Dammelsberg gewählt und freute sich seiner
Wahl.
Ach, dies altersbraune Schloß, wie ruhig und trutzig reckte es
seine ungefügen Mauern und Dächer in das junge Blau. Und von den
Terrassen zu seinen Füßen, welch eine Schau in die Tiefe! Gen Norden
überflog Werners Blick die Häuser des Städtchens im Grunde, aus
deren modriger Alltäglichkeit die unverwelkliche Zauberknospe Sankt
Elisabeth sich hob. Die Stadt verlor sich nach rechts in die breite,
tannenbergumsäumte Lahnebene, nach links verkroch sie sich in die
lieblichen Blütenbüsche des Marbachtals ... und da grüßte auch, nur
um ein geringes unter Werners Standpunkt, aus schmuckem Berggarten
die altersmächtige Cimbernlinde, drunter das ehrwürdige bescheidene
Korpshaus, nicht unähnlich einer schlichten Bauernhütte; aber von
seinem Dache flatterte lustig die blau-rot-weiße Fahne, schon ein
wenig ausgefranst vom Zerren des Frühlingswindes, ausgebleicht vom
Maiensonnenblick, doch das Symbol des Bundes, dem Werner seine Jugend
verschrieben, geheiligt durch seinen Willen, sie als eines Heiligen,
seines Heiligsten Gleichnis gelten zu lassen. Und wie befreit von
schweren wuchtenden Qualen atmete der Jüngling die sonnenduftende,
taugekühlte Morgenbrise: sie kam vom Dammelsbergwald und brachte den
Geruch der blühenden Eichen mit.
Und Werner schritt unterm mächtigen Torbogen durch, und vor ihm lag die
südliche Lahnebene nach Gießen zu, ganz durchhellt von Morgenprächten.
In weitem Bogen umschlossen von lichtgrünen Bergwäldern, vom
Silberzickzack des Flusses durchflirrt, fern überragt vom düstern
burgtrümmer-überzackten Frauenberg, reckte sich die schimmernde Flur.
Und um den Schloßberg hatten sich, hoch herauf geklettert vom Ufersaum
der Lahn, die braunen Ziegeldächer des Städtchens gelagert, wie eine
rastende Pilgerschar, aus deren Mitte die Helme reisiger Begleiter
aufragten -- die stumpfen Kirchturmhelme ...
Ein gelbes Band, lag drunten ein Stück der Ockershäuser Chaussee, die
sich bald in jungen Blütenhalden verlor: Fliederblüten wölbten violette
Sträuße über der Burschenwalstatt. Und auf der Chaussee erkannte
Werners Auge die wandernden Farbtupfen: blaue, grüne, weiße Punkte,
alle zu dem bekannten Ziele strebend ...
Aber Werner hatte einmal allein des Weges wandern wollen und schwang
nun rüstig sein dünnes Gymnasiastenstöckchen, das ihm heute den gestern
abend im Stich gelassenen Couleurstock ersetzen mußte. Bald nahm der
Dammelsbergwald ihn auf, er war allein, er war glücklich, sein Herz
schlug vor Jugend und Überschwang, er mußte singen:
»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt, muß rosten ...
Den allersonnigsten Sonnenschein
Läßt uns der Himmel kosten ...«
Viktor Scheffels Verse und eines ihm unbekannten Tonsetzers Weise waren
ihm nur das gleichgültige Fahrzeug seines Morgenglückes ...
Und was war im Tiefsten seines Freuens Grund? Daß er gestern nacht
umgekehrt war von der Schwelle, hinter der die schöne Rosalie
schlief ... daß ein unbekanntes Etwas, der grausige Widerhall eines
geheimnisvollen Ereignisses ihn abgelenkt hatte vom Ziele seiner
brünstigen Dränge.
Eine Reinheit wogte durch seine Seele, ein Hauch von jungfräulicher
Frische, der keuschen Stille des Morgenwaldes verwandt, die sein
rascher Fuß durchwallfahrtete ... und in diesem frommen Morgenfrieden
jubilierte sein Herz noch lauter als sein Mund, lobpries einem
unbekannten Geber solcher Gnadenfülle, streckte sich allem Guten und
Großen entgegen, das heranzuwehen schien und in den wiegenden Kronen
der Eichen einen Morgensang des Lebens harfte.
Reinheit! Reinheit! War es nicht doch besser, die Sehnsucht der Sinne
niederzuringen und Sieger zu bleiben des Begehrens? Konnte man so selig
stolz seines Weges ziehen, wenn man genossen hatte? Lag nicht doch ein
tiefer Sinn in der alten Mär vom Baum der Erkenntnis?