Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte

ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben

begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes

seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden,

versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle

Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes,

der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer

imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken

Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den

historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen,

wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen

obskuren Kneipen -- die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren

und darum für den »Finken« fast unmöglich -- angewiesen auf den Zufall,

der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen er

einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt,

als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem

Korps getrieben -- --

Nein -- lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit

der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden,

damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden

möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps -- Chargierter werden

-- Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben

... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie

er's auf dem Gymnasium gewesen ...

So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte

am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem

Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern.

Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die

erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen,

die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch

trachte, nein, daß recht inwendig ...

Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus

der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare

folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren das eine, in

wildem, dumpfem Neiderhaß das andere.

Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in

seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar

Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn

des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne

eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter

seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte

das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen

gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden.

Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam

gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden

von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda

und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der

akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der

gleichberechtigten Kommilitonen aus.

Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg

des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine

armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen

semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der

Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten.

Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien Stunden im Laden

der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des

Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern,

die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die

Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung,

die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer

ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier

Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das

Zimmer blieb leer und wartete.

Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer

sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im

Laden zu finden.

Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten

Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit

Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte

es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht

gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum

Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch

nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart

der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl

mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine

besondere Genugtuung, den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu

lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer

Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon

sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante

abzubekommen.

Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder -- schimpfte nur

selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen

Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er

beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ...

Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den

Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock

des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese

Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in

die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten.

Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische

Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede

Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war.

Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster,

forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben

haben?

Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem Pariahaß

betrachtete -- eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende

Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ...

es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer

von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches

Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von

seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen

gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte,

dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren

Leib ...

Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner

Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete -- mußte sich

abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen -- den

Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in

den weißen Hals des Jünglings zu bohren ...

Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners

Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in

seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde

da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie,

seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und

die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf

einem Schemel hinter dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine

beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles

Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte

von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie

hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter

den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor

Mittag.

Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor

deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen

ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die

Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen

in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten

der Cimbria vorüberspazierte -- Klauser hatte das Mädchen, das sein

ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und

ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein.

»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne

diene?«

Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur

eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde.

Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln.

Klauser trat heran und zog die Mütze.

»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.«

Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern,

noch verbergen.

»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein

werden?«

»Oh, ich denke doch -- und Sie?«

»Ich bin da -- aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.«

»Ach so --« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?«

»Herr Seydelmann.«

»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.«

»Wenn Sie tanzen, komme ich.«

»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!«

Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz

und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte

so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe

zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung

einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste

Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten

diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's

nur nicht Rosalie war.

Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da

kam ein anderer Besuch: ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre

alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich.

»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und

reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber -- was hast,

Mädche?«

Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen.

Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß

dich spreche -- allein muß ich dich spreche -- du mußt mer helfe,

sonscht --«

»Na, da geh im Zimmer -- ich komm -- nur ebe die Kunde muß ich

abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.«

V.

Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort

stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die

alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er

leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht

hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun

oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und

rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten

möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte

nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die

Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals

gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop.

Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es

knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen

Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten,

einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber

nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche

Pochen in ihrem armen Leibe ...

»Na, Lenche, was bringst gut's?«

Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend,

stand Rosalie vor der Freundin.

»Ach, Salche -- ich muß ja sterbe, Salche!«

»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der

Freundin und umfaßte ihren Leib -- --

Was war das?!

»Lenche --!!«

»Ja, Salche -- das is es --«

»Nit möglich -- Lenche -- wie hast denn das angefange? Na, aber so e

Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer -- wer --

von wem hast es denn?«

»Kennst du de Scholz?«

»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?«

Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin.

»De Scholz -- na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch

mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon

e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt,

Lenche?«

»Ach, Salche -- du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en

kenn! -- Das is einer, Salche -- wenn der dich will, da kannst de nit

nein sage!!«

Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht

nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht

gehen.

»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?«

»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!«

»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder -- der tut mich dotschlage, wenn

er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un -- oh,

Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!«

»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche

Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?«

»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.«

»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange

verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch

schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch

zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!«

»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot

tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich

kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?«

»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?«

»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er

selbstverständlich tät das Kind bezahle -- aber ... heirate will er

mich nit!«

»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de

Kopp gesetzt?«

Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was

redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn

de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...«

»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr

wie recht ...«

E dumm Gans! -- Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles

zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz

so gar viel Schlipse und Kragen brauchte -- wie er ihr das erste

Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste

Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so

viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der

armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell -- und dann

der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach,

unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der

Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht -- am andern Morgen

wollte er in die Ferien reisen, auf zwei Monate fort ... und dieser

Abschied am Waldrand -- und wie sie sich erst schon losgerissen hatte

-- und dann doch zu ihm zurück mußte -- zurück in das Waldesdämmern

... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach

zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag-

und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine

Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten

Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde,

Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und

niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte

-- daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte -- nein, das war ja

unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte

dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus

aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der

väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem

öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er

angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte

sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines

sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde,

eines Kampfes um Amt und Brot -- -- für sie war er immer ein Gott

gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er,

der junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel,

die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch

nicht mit Spazierengehen verdiente ...

»So e dumm Gans!«

Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm ~das~ erzählt

hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und

sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun

doppelt heilig ...

Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs

Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das

Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie

das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei:

den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern

als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen

zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den

Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ...

Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche

mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht

in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen.

Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen

Stimmen und Jugendschritte. Hundegebell erscholl dazwischen,

Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem

holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die

Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen

Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im

Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle

frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher

roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren,

die Fürsten dieses Städtchens.

Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den

Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach

der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen

war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der

Cimbern umsonst -- Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen

... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten

Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ...

Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte

den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau

betrachtet ...

Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen

halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner

linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des ersten

Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er

stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen.

»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der

Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr,

gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im

Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte.

Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere

Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese

jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in

Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten.

VI.

Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die

Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob

der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die

andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches

Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum«

bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte,

war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden,

der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das

Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private

Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die

Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft

erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften,

Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme

museumsberechtigt.

Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere

Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen

und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh,

dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten.

Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete

oberste Schichten dieser Hierarchie zu halten hätten, wurde ihnen vom

Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon

ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er

beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen

dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal

bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame

auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte.

Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen

Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte,

sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber

geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu

tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig

in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die

Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein +commercium

et connubium+ bestand.

Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst

unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz

waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren

pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber

fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte

des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem

Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern.

In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden,

unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da

gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne

flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln

die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee

saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den

ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst

war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten

vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten,

soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf

den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der

grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht.

Aber die Studenten! Auf den ersten Blick hatte Werner natürlich seine

Korpsbrüder erspäht, deren schon eine stattliche Zahl versammelt war.

Daneben der Tisch der Hessen-Nassauer, deren hellgrüne Mützenreihe so

lustig leuchtete, wie das junge Lindengrün darüber, und der Tisch der

Westfalen, die jetzt im Sommer statt der schwarzen Mützen weiße Stürmer

trugen.

In gewissem Abstande vom S. C. dann die Burschenschaften, violette

Alemannen und ziegelrote Arminen, und alle die anderen Korporationen,

deren Nam und Art Werner noch immer nicht ganz sicher beherrschte.

Der krasse Fuchs · 第 4 / 17 段