Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,«
begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes,
vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich
denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der
klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener.
Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit
typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und
Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter
einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese
sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen
Rechtsentwicklung ...« und so weiter in dieser Tonart. Die Hörer
versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen
Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen,
verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete,
ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen
an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen
anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen
aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie,
eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren
vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen
... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen,
seelenlos und wie zu Seelenlosen ...
Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ...
aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr,
das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen
Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem
er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern,
schwimmen, rudern, poussieren ...
Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel
überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen
Frühschoppen ...
Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war die +universitas
litterarum+, das war das ersehnte freie Studium!
Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten
eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß
und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein
dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn
an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich
erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit
sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer
los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank,
hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun
ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den
verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte:
»Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne
(Gymnasium), sag' mal?«
»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.«
»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?«
»Wieso?«
»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?«
Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche:
jener Korpsbruder dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer
Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will
sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und
nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei
ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe,
wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine
schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen
und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge
edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren,
ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und
verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon
hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien,
brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ...
Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis
in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht
ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen,
noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen
Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein
harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften
Ulk ...
Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage
ich die gleichen Farben ... wenn das meine Eltern wüßten, meine
gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater
... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte,
warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen
gräßlichen Gefahren?!
Aber wozu ihn ~warnen~? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner
Achenbach, keine ~Gefahr~! -- Und er, der sich brennend nach
Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem
käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln,
was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte,
gewähren und nehmen ...
Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine
erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten
Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des
jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen
nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären.
Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der
speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und
scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider
flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke -- nackt
und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die
brüstestarre Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten
Auge ...
Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den
gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die
Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher.
Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem
Leibburschen.
»Was willst du, Leibfuchs?«
»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.«
»Nanu? Ist was passiert?«
Werner verneinte stumm.
»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.«
»Ich passe nicht zu euch.«
»So -- -- das erklär' mir gefälligst.«
»Das kann ich nicht.«
»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn
doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht
entlassen -- in Ehren entlassen.«
»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?«
»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen
wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das
wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes
Korps eintreten und kannst auch im späteren Leben mancherlei
Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.«
Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer.
Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon
manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er
hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um
die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt
und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches
Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte
er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen
leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah,
schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen
Spuren inneren Wirbels.
Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel
zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er
wissen wollte.
»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du
dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast,
da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und
daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind,
das stimmt auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen
... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten
Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da
noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was
willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du
Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark -- mit sechs- bis
achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren -- und
inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen,
wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir
auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für
einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst,
dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel
von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen
bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet
das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das
zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube
für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen
beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu
Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein
paar Monaten tust du's doch! --«
Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl,
als zöge jener ihn nackt aus und sähe kalt und sicher jedes Fältchen
seines Leibes und seiner Seele.
»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir.
Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er
geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er
so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum
Mädel oder -- -- pfui Deuwel! -- -- Ich weiß nicht, ob man dir auch
schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt
vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte
anständige Mädels hergenommen -- Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine
nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer
hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die
armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren,
ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar
nicht mehr nach Hause kommen -- und da liegt gerade noch der Brief von
einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie
heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt
nicht. Dann schon lieber nach Gießen.«
»Und ... der Dettmer?«
»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht
vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur
huren oder ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?«
»Himmel -- dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten
... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.«
»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja
für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig.
Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst,
wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher
liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden
verzichtest -- wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei
enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund
und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus -- das garantiere
ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du
hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's,
wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und
Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde
Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« -- -- -- -- -- -- -- --
* * * * *
Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße.
Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam
ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles
erzählen, ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß
es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater
... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins
Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte
der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig,
kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet
und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht
auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht
irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel
herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch
einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae?
--
Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen
Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe?
-- Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa
seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte
geworfen. Alles in ihm tobte.
Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett.
»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem
sinn.«
»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.«
»Darf ich die Zimmern zurecht mache?«
»Nur zu.«
Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den
Studenten.
Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube -- nur des Jünglings
hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke
auf.
Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die
Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben
unentweihte Lagerstatt.
»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen.
»Herr Achebach?«
Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die
Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt.
Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren
Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und
Schulter.
Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch,
stolperte hinaus.
Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend
weinen.
IV.
Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe
Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die
Geschwister zankten sich.
»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie
dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich
noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel
kriege.«
»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich
gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein
Millionär auf d' Welt komme.«
»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon,
und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die
alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse
zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins
Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll
erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht,
mich Medizin studiere lasse.«
»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt
Markus. Du un e Student! du un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank
is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst
immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!«
»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie -- die is
mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!«
»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir
die Auge aus auf der offene Straß!«
»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der
Herr Cimbrefuchs Achebach -- kratz nur -- kratz! Dann weiß der auch
gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!«
Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich
verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und
geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch,
von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam,
seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben.
Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen
aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem
kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte.
Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln
und verabschiedete sich plötzlich und verlegen von dem grinsenden
Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür
standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien
immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen
Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude.
Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen.
Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm
ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei
Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor
kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so
zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie
da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der +filia
hospitalis+ bei ihm eintraf ...
»Da, Herr Achebach -- fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und
legte das Paket auf den Tisch.
»Ah -- Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank -- hier
...« Er zog sein Portemonnaie heraus -- aber ... kein Pfennig fand sich
vor -- auch nicht einer.
»Himmel -- was haben wir denn heut für'n Datum?«
»De sechsundzwanzigste -- ach so!«
Student und Mädel sahen sich an und mußten lachen, daß ihnen die
Tränen die Backen herunterliefen.
»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!«
»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!«
»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? -- gibt's nit -- wär auch
schad um Ihne!«
»So -- finden Sie?!«
»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's
wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch
von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?«
Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu,
wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten.
Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig
sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben
-- daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld,
und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte,
auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die
seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost
einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken
Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ...
Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und
verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern
entziehen. Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich
nur an die Kommod -- ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm
vor: »-- -- zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde -- -- zehn, elf, zwölf Paar
Unnerhose -- -- zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde -- uh, was habe
Se für schön gestickte Nachthemde!«
Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah,
lachte sie noch viel stärker.
Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall
beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als
Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und
Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais,
eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief
mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand
in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in
diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte
sie ihre Lustigkeit.
»Ah! Zigarette! un sicher gute!«
Ihre Augen funkelten begehrlich.
»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen
sehen. Doch -- einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen.
»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung
auf, und eins, zwei, drei hatte sie die Zigarette entzündet. Nach
ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er
sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die
Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf
dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden
Lippen.
Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne,
baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen
lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein
Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute.
»Nu?« sagte sie nach einer Weile.
Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine
Kinnbacken bebten leise.
»So e hübscher Jung -- un so langweilig!« sagte Rosalie.
»Langweilig? finden Sie mich langweilig?«
»Arg,« sagte Rosalie.
Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch
die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus.
»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd
zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme
nehmen -- das war doch bei den andern auch so gewesen ...
Aber Werner drehte sich nicht um, und mit einem mißtönigen Lachen der
Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen.
Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der
Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!«
Und auf einmal konnte Werner weinen.
Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ...
Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben
Zimmer die blonde Babett geweint hatte.
»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen -- und wie
anders war das Antlitz der Wirklichkeit -- --
Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll
vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen
dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und
Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft,
aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten
Freunden ... und die Wirklichkeit?
Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig
hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine
Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden
Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen,
verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen
in der von Mensur- und Weibergesprächen ausgefüllten Runde der
Korpsbrüder -- dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein
Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und
abends -- Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier --
Bier -- Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache,
doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen
rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln
des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von
dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier -- Bier -- Bier
...
Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum
geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ...
Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ...
Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift
Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins
Auge schauten.
Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von
der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der
Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die
Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe.
Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als
müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ...
aber was dann?
Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er
sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz
des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne
doch! sonnte --