Aber eine andere Stimme war in ihm -- das Bild seiner Mutter stieg

vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder

unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein

anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines

Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an

die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ...

in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte

ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe,

unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt

hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan -- -- nein -- rein

bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch!

Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung!

ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu

versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu

küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu

pressen mit flatternden Händen --!

Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und

schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die

ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die

leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. --

Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand,

die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen

kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum

Tode fürs Vaterland -- eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner

fielen die Verse ein:

»Halten will ich stets auf Ehre,

Stets ein braver Bursche sein ...«

Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?!

Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ...

aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was

er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus

sein ...

Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine,

überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen

Wasser, und ihm wurde wohl.

Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in

sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse

hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im

ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und

marschierten der Elisabethkirche zu.

Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein

Weckruf des Lenzlebens da draußen drang das hinein in seine Klause.

Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel

Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein

Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen

Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins

dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den

Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend

wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche,

nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder

unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch

Mann und Weib vereinigt!

Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde,

nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und

dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das

unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens

geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine

unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen.

Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne

in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel

Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen

Geschlechts zu stürzen und aus ihm den Himmel der Erfüllung und

Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an

ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ...

Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die

helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er

sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer

verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte

er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus,

seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte

er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer

höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner

augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen

der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm,

als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt

aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen

Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit

tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend

weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger

Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings

um den Leib trug -- denn so wulstig setzte der Rock hoch über den

Hüften an; unten -- er reichte kaum über die Knie -- säumten ihn zwei

dunkelgrüne Tuchstreifen, und drunter schauten die drallen Waden vor

in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen

Lederpantoffeln -- das war die Tracht -- die derben, verarbeiteten

und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn

sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein

freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus

harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich,

verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich

hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und

dann still und demütig verschwinden.

Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das

war ... ja, wer nur?

Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar

Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches

Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig

aufstieg. --

»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die

Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?«

»Nein, Fräulein ... Rosalie ...«

»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht

das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« -- Es klang fast

wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem blühend

wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von

uralter Volksherrlichkeit verriet ...

Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein -- hoffentlich

für mehr als einmal.«

»So? meine Se?«

»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak

über seine eigene Kühnheit.

»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut --«

»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher,

wenn Sie wieder draußen sind --«

»Was ich mir dafür kaafe tu!«

Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen,

blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den

runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so

behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was

er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude

Morche, Herr Achebach -- un auf gude Freindschaft, gelle?«

Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und,

was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein

neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür,

noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. --

Himmel! die und mit ihm unter einem Dache!

Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür.

Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr

... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu

war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel

auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel

... nicht mehr ~ein~ Weib war's, das sie verlangten, sondern

dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem

Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten

heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens,

war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die

Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies

Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer,

die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt -- und Sättigung

erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln.

Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria

... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf

die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern,

in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch

Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant

mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig

verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich aus der Einsamkeit

seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als

eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse

entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen,

in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren

Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten

war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und

Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das

nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre.

Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern

Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener,

dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen

der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der

»freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch

wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen

Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war

erlaubt ...

Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die

deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen

Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren

aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer

kindischen Rivalität und Neidhammelei ...

Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner

Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der

ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu

tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die

Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit

dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte,

welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern

feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder

Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber

und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese

bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der

Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister

mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer

Lieblinge zu.

Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne

teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte,

schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth

»Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine

Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen

vor. --

Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des

Steinwegs kam Scholzens Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er

war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm

statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse

auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar

martialisch und reckenmäßig aus.

Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten

Morgen, Leibbursch!«

Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach

-- Morgen! Kater?«

»Keine Spur.«

»Wohin?«

»Zur Elisabethkirche.«

»Mädels begaffen?«

»Haha! ja!«

»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.«

»Was? Mit deinen Schmissen?«

»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.«

»Morgen, Leibbursch.«

Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem

gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab.

Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war

ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich,

sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit,

sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und

so weit Schwärmer, als sich das mit dem im Korps herrschenden Ton

vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten

plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der

eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte

wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ...

Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme

von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben

setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der

alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren

nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der

evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn

das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten

Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther

und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen

Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen;

und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine

protestantische Predigthalle geworden.

Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen.

Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur

Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder

andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am

Hellgrün erkennen -- beides selbstverständlich, soweit der Teint es

zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ...

Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke,

sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte

einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen

her kannte -- selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die

gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser

um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren

wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten

zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck,

den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen

Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich

reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren

körperlichen Schmerz ...

Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden

Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes

Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem

fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur

Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da

wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur

schönen Adelheid las.

Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte,

seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas

anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er

seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ...

etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten,

als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten

war ...

Was war es denn?

Liebe --?!

Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe?

Oder gab es am Ende nicht nur ~die~ Liebe, sondern Liebe von

vielerlei Art?

Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen

seines aufgewühlten Herzens.

III.

Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm!

bumm! bumm! »Herr Achebach!«

Tiefe Stille drinnen.

Bumm! bumm!

»Herr Achebach!«

»Hrrm -- hö -- hm.«

»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm -- bumm!!

»Wa? -- was gibt's -- wer ist denn da?«

»Ich bin's!«

»Wer -- ich?«

»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum

Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!«

»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!«

»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!«

»Ne, ne, is gut!« -- --

Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle

Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste

Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des

Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen,

und nun gar früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen

war -- ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und

nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden

schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe -- Zuspätkommen drei Mark -- also

in Satans Namen -- raus!!

Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das

Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen

-- -- so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den

gemarterten Schädel -- ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider --

Donnerwetter -- da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte

er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird

'ne Buchs' draus! Weste, so -- nun das Band umhängen, aber nicht wieder

verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr,

ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt -- so, nun

rasch einen Schluck Kaffee -- das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im

Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab,

trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den

Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben!

Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach!

Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!«

Himmel, wie war's nur möglich, so viel Bier in einen armen kleinen

Menschenmagen hineinzuschütten -- --!

Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie

stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in

seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht

zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war -- oder

gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe?

Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte

Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und

so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer

freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt

war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren!

Renoncen -- das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse --

jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die

mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos

strammen Korpszucht unterwarf!

Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte

alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen,

wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach

altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig

schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den

Kopf, nun den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten!

Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig

ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub.

»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und

herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche,

alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die

Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen -- und da

gab's nichts zu lachen ...

»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort

zurück in die Parade!«

Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen,

dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske.

»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal

abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch

leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner

eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und

Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer

dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun

Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den

Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen!

»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das wollen wir dir schon

austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den

Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So,

jetzt wird's schon besser -- Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken,

wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!«

Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den

Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und

dann ging's zum -- Friseur.

Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer

gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich

nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage

zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen,

pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken

und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt

...

Und dann: »Wo gehst du hin?« -- »Ich? Ins Kolleg.« -- »Was? Ins Kolleg?

Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner

wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts

zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ...

Kolleg ist für die Minderbegabten ...« -- »Ich gehe aber doch ...«--

»Na gut, wenn du dir nicht zu schade bist für den Stumpfsinn, den die

Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.«

Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der

Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere

Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen

Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. -- Werner blieb standhaft;

wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und

strebte zur Universität ...

Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen

Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ...

Der krasse Fuchs · 第 2 / 17 段