»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der

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Der krasse Fuchs

Roman

von

Walter Bloem

47.-49. Tausend

Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,

von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten.

Copyright 1910 by Grethlein & Co. G. m. b. H.

Leipzig

Erstes Buch

I.

Aus hundert blühenden Apfelbäumen strich eine laue Welle Frühlingsduft

über die morgenflimmernde Chaussee, und aus den Büschen zu beiden

Seiten schmetterte Nachtigallenjauchzen. Feine Glockentöne waren in der

Luft.

»Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,

Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!«

zitierte Werner Achenbach und schob seinen Arm in den des neben ihm

marschierenden Korpsbruders.

»Du hast gut reden,« sagte der. »Bis du mal selbst vors lange Messer

kommst! Aber ich, siehste! Wer weeß, ob 'ch mei scheenes grades

Neeschen wieder wer' mit zuricke bring'n!«

»Wie ist dir denn eigentlich zumute, Dammer?«

»Nu, äbens doch e bißchen benaut,« sagte der stämmige kleine

Dresdener ehrlich. »Wenn's bloß wegen der Senge wäre, nu, das tät'n

mir schon machen, denk 'ch -- aber daß m'r ooch den Ansprichen eines

wohlleeblichen C. C. geniegt --«

»Wieso?«

»Nu, bei der ganzen korpsstudent'schen Fechterei kommt's doch eenzig

und alleene aufs gute Stehen an!« erklärte Dammer, und was sein

Leibbursch und sein Fuchsmajor ihm im vorigen Semester eingeprägt und

eingeprügelt durch die Filzmaske hindurch, das setzte er dem »Krassen«

in längerer Rede auseinander: daß der Hauptzweck der Mensur Erziehung

zur Standhaftigkeit und Charakterstärke sei.

Werner hörte kaum mehr zu. Er sah den Frühling ringsum, er fühlte

die Jugend und Freiheit durch alle Glieder rieseln. Schwüler schon

flimmerte die Maisonne. Blendend flammte die Chaussee; aber das

strahlende Grün der Laubmassen in den Gärten, sachtes Grüßen der

schwellenden Waldberge labten das ermüdete Auge. Und aus den lichten

Büschen hoben sich viele schmucke Landhäuser, streckte sich droben das

graue Gemäuer des Marburger Schlosses in den sanften Morgenhimmel, und

zur Linken, wenn einmal die Gärten den Durchlug gestatteten, überflog

der Blick das breite, gesegnete Tal, durch dessen mattschimmernde

Fläche die Lahn ein flirrendes Band hindurchwob ... so schön war der

Frühling noch nie gewesen, selbst damals nicht, als Werner, das rote

Sekundanerkäppchen auf dem Kopfe, zum ersten Male zwei blonden Zöpfen

nachgestiegen war ...

Student -- Korpsstudent ... Himmel, das war ja wie ein Traum. Und

plötzlich riß Werner mit der freien Linken die hellblaue Cimbernmütze

vom Kopfe, stieß einen wilden, formlosen Jubelschrei aus ...

Nervös zuckte Dammer zusammen. »Nanu? biste verrickt geworden?« Seine

blassen Nasenflügel zitterten.

»Ach so!« Werner fand es komisch, daß der andere, der Brandfuchs, Dampf

hatte vor seiner ersten Mensur. Und das war ersichtlich der Fall. Er,

Werner Achenbach, hätte am liebsten gleich einen Schläger in die Hand

genommen ...

»Na warte nur, mei Jungchen, wenn du mal erscht den Rummel da draußen

wirscht kennen!« meinte der Ältere. »Nämlich sehre gemietlich is das

gerade nich, das kann 'ch dir sagen! Aber nu sei stille, jetzt kommt

mei Orakel!«

»Dein Orakel?«

»Nu äben! nämlich, hier zur Linken das große weiße Haus, das ist das

Pensionat Vogt, mußte wissen, un da nämlich, da is meine ~Sonne~

dadrinne!«

»Deine Sonne?!«

»Nu ja, mei Mädichen nämlich, weeßte, mei sießes Mädichen! Kätchen

heeßt se, Kätchen Fröhlich ... un wenn ich die jetzt zu sehen krieg,

weeßte, dann is das e gutes Omen für mei erschte Mensur, verstehste?«

Werner verstand und drückte ein wenig den Arm des neuen Freundes.

Beide forschten im Schreiten gespannt an der langen Fensterfront des

Pensionats, ob irgendwo ein Mädchenkopf sich blicken ließe.

Umsonst ... in der frühen Morgenstunde waren alle die Fensterchen mit

weißen Vorhängen dicht verhüllt.

»Du, was meenste, wenn m'r da mal kennt e bißchen hinterkucken?« meinte

der Sachse.

Werner erschrak und wurde rot. Er hatte den gleichen Gedanken gehabt,

aber wie man den Mut und die Schamlosigkeit haben konnte, solch einem

tempelschänderischen Wunsch Worte zu leihen -- --

Sieh da: an einem der letzten Fenster öffnete sich inmitten der weißen

Gardinen ein Spalt: ein lieblich verschlafenes Köpfchen lugte einen

Augenblick hervor -- unter dem Kinn bauschte und knitterte der Vorhang,

als zögen da zwei Fäustchen das Leinen fest zusammen -- muntere Augen

spähten einen Moment zum Schloß empor, flogen dann zur Chaussee

hinunter -- und hui, war alles verschwunden wie weggeweht.

Dammer war zusammengezuckt, hatte ohne Bedenken seine blaue Mütze

heruntergerissen. Nun preßte er den Arm des Korpsbruders: »Du,

Achenbach ... hast se gesehen? Das war se! Ach, Kätchen, Kätchen,

sießestes Mädichen!«

Und dann richtete er sich stramm auf und schlug mit dem

silberbeschlagenen spanischen Rohr in seiner Rechten einen mächtigen

Lufthieb. »So, mei gutester Herr Pasche Guestphaliae, nu kenn' Se sich

meineswegens in acht nähm'!« und dann schmetterte er los:

»Auch von Lieb umgä'm

Ist 's Studentenlä'm,

Uns beschitzet Fenus Cipriah,

Mäddchen, die da lie'm

Und das Kissen ie'm,

Waren stets in schwerer Menge da,

Aber die da schmacht'n

Und bladonisch tracht'n,

Ach, die liebe Unschuld tut nur so ...

Denn so recht inwend'g

Brennts doch ganz unbänd'g

Fier den kreizfidelen Studio!«

Werner war ganz still geworden. Dieses plötzlich auftauchende blühende

Jugendgesicht hatte jählings in ihm aufgewirbelt, was seit seiner

Ankunft in Marburg, unterm ersten Ansturm der tausend neuen Eindrücke

des Studentenlebens geschlummert hatte: ein dumpfes, sehnsüchtig-süßes

Weh ... Und den Anblick des ruhesatten Gesichtchens ergänzte seine

beutelustige Phantasie durch ein Traumbild der ganzen Erscheinung, die

der neidische Vorhang verhüllt hatte: da mußte ja ein ganzer, lebender,

duftender Leib dazugehören, kaum verhüllt vom Nachtgewande -- ein

Mädchen ... ein junges, junges Weib ...

Da war sie wieder, die tolle Sehnsucht, die ihn so oft gequält in

seinen drei letzten Schuljahren, auf harten Bänken, im öden Wechsel von

Mathematik und zerfetzten, mißhandelten und doch unverwüstlichen und

heimlich aufwühlenden Dichterworten ...

Und im munteren Schreiten summte da die Melodie des alten

Burschenliedes und die seltsamen Worte in ihm nach:

»Auch von Lieb umgeben

Ist Studentenleben,

Uns beschützet Venus Cypria:

Mädchen, die da lieben

Und das Küssen üben,

Waren stets in schwerer Menge da ...

Aber die da schmachten

Und platonisch trachten ...«

also nicht alle trachteten platonisch?! »die da lieben und das Küssen

üben«?! Himmel --!

Und seine Seele sprang aufgescheucht und ruhelos in ihm hin und her,

wie ein Raubtier im Käfig, wenn die Stunde der Fütterung naht.

Indessen hatten die beiden Wanderer die letzten Häuser von Marburg

hinter sich gelassen und schritten nun munter aus, dem nahen Dörfchen

Ockershausen zu, wo die Marburger Korps allsamstäglich ihre Mensuren

schlugen. Noch war vom Ziele nichts zu sehen als der Morgenrauch, der

in blauen Säulchen über einem Schwall blühender Apfelbäume kräuselte.

Aber da nun die Chaussee schnurgerade vor ihnen lag, konnten sie sehen,

daß sie nicht die ersten waren. Vor ihnen marschierten schon, zu zweien

und dreien, in ganzen kleinen Trupps die Angehörigen der drei Marburger

Korps: die blaumützigen Cimbern, die hellgrünen Hessen-Nassauer und

die Westfalen in ihren weißen Sommerstürmern. Und auch von hinten

klang Geplauder und Lachen. Die ganze Landstraße war betupft von

bunten Farbflecken: den hellen, schmucken Anzügen, den gleißenden

Mützen und Bändern der Korpsstudenten, die in den Frühlingsmorgen

hineinmarschierten, nicht zu fröhlicher Lenzfahrt, sondern zu blutigem

Turnier.

Dieser Anblick brachte Werner zur Gegenwart zurück und zu dem

herannahenden Erlebnis dieses Tages. Zum ersten Male sollte sein

junges Leben Waffen und Blut schauen. Und da befiel ihn denn doch eine

sachte wachsende Beklemmung. So friedvoll war seine Jugend verlaufen,

so sturmbehütet im sichern Elternhause, inmitten gleichstrebender

Freunde, nur den Studien, harmlosen Vergnügungen, vor allem den

Dichtern gewidmet ... erst die letzten drei Jahre hatten heimliche,

verschwiegene Ängste und Kämpfe gebracht ... Draußen war immer Friede

gewesen ... nun war's auf einmal anders geworden -- das Leben kam. Er

fühlte, wie ihm ganz langsam etwas die Kehle verengerte. Immer mehr,

ganz leise, aber stetig. Er mußte sprechen, um das Gefühl zu bekämpfen.

»Kommst du zu allererst dran?« sagte er zu Dammer, der auch ganz still

und etwas fahl geworden war.

»Nunee,« sagte Dammer, »das wär nu doch gerade keene wirdije Eröffnung

nich fiers Fechtsemester. Zuerst kommt unser Scholz kontra Seydelmann,

den Ersten von den Nassauern.«

Scholz! bei diesem Namen hatte Werner Achenbach ein unbehagliches

Gefühl. Ein Gefühl -- ähnlich dem, das er, der zarte, geistige Knabe,

in der Schule stets den stämmigen Schulkameraden gegenüber gehabt, die

er in allen Unterrichtsgegenständen leicht und verächtlich hinter sich

gelassen, während sie ihm beim Turnen und Spielen mit Hohngelächter

über seine unbeholfenen und schwächlichen Versuche vergolten hatten.

Scholz! Eine hagere, riesige Gestalt, ein schmales, herrisches

Gesicht mit scharfen, gebietenden Augen, mit einem Munde, der meist

zusammengekniffen war, aber auch plötzlich lächeln konnte, flüchtig,

überlegen, halb mitleidig, halb spöttisch; einem Munde, dessen Lächeln

etwas Geheimnisvolles hatte ... etwas, das den Knaben Werner abstieß

und lockte. Scholz! den gefürchteten und für die Füchse unnahbaren

Senior des Korps -- den sollte er heute fechten sehen ... das konnte

ein Schauspiel werden. Und bei diesem Gedanken empfand Werner ein

seltsames Doppelspiel der Empfindungen: jenes physische Mißbehagen

in der Kehle und zugleich im Herzen ein neugieriges, schauensfrohes

Jauchzen.

»Gib mal Achtung,« sagte Dammer, »das wird e wiestes Geflitze wer'n,

das Mensierchen. Der Scholz und der Seydelmann, die haben im vorichten

Winter schon eemal zusammen gefochten, das war e beeses Gemärsche, das

kann 'ch dir nur sagen. Damals haben sie ausgepaukt.«

»Ausgepaukt? Was heißt das?«

Dammer erklärte dem Novizen, es gäbe zweierlei Arten von Mensuren:

Bestimmungsmensuren und Kontrahagen. Bei letzteren sei ein unangenehmes

Zusammentreffen und demnach eine Forderung vorausgegangen: das sei aber

unter Korpsstudenten Ausnahme: meist fechte man nur aus Bestimmung,

das heißt, die zweiten Chargierten der drei Korps kämen zusammen und

machten untereinander aus, welche ihrer Korpsbrüder gegeneinander auf

Mensur treten sollten: das seien also lediglich Turniere ohne alle

persönliche Feindschaft.

Und derjenige Fechter, der allen andern im Seniorenkonvent, also unter

allen aktiven Korpsstudenten der Hochschule, überlegen sei, den nenne

man den S.-C.-Fechter. Zwischen Scholz und Seydelmann sei das noch

unentschieden, und obwohl die Mensur des letzten Winters beide Fechter

viel Blut gekostet, sei sie doch ohne Entscheidung zu Ende gegangen,

keinem der Rivalen sei es gelungen, innerhalb der vorgeschriebenen Zeit

den andern kampfunfähig zu machen. Nun solle der heutige Morgen gleich

zu Anfang des Semesters die Entscheidung bringen.

»Ich für mein Teil, weeßte, ich möcht ja schon am liebsten, daß wir

Cimbern täten den S.-C.-Fechter haben, aber was der Scholz is, das

hochmietige Luder, weeßte, dem tät 'ch schon genn', daß er mal e paar

ticht'ge über die Schnauze tät kriegen. Freilich, seine Mädchens, die

täten scheene traurig sein.«

»Seine Mädchen? Hat er denn mehrere?«

»Nu, der? Hinter ihm sein se doch alle her, wer weeß wie sehr! Von dem

laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.«

Werner fühlte etwas wie einen Stoß, der von unten, vom Magen her,

gegen das Herz geführt worden wäre. Was --?! so etwas ... so etwas

Fürchterliches ... das gab's?!

Da lies ein junger Mann von -- na vielleicht von zwei-, dreiundzwanzig

Jahren in Marburg umher, trug die Mütze eines Korps, war sein

gefürchteter und gefeierter Senior, und hatte ...?

»Unehelich: +pelice ortus, spurius, incerto+ oder +nullo patre

natus+« rezitierte etwas in seinem Innern ganz mechanisch.

Ja, was war denn das für eine Welt, in der ... war denn so etwas keine

Schande?! Machte denn so etwas nicht verächtlich, unwürdig, unehrlich?!

Werner schauderte. Ein Gefühl von Einsamkeit, Verlassenheit, Heimweh

überkam ihn. Und dann dachte er wieder an Scholz, an sein ehernes

Gesicht, sein spöttisch-mitleidiges Lächeln, seinen Herrscherblick.

»Hinter dem sein se doch alle her --?« Und ... ~so~? ~der~

kannte das alles, was in Werners Seele seit ein paar Jahren als

brennendes, verzehrendes Rätsel gärte und wühlte, was in schlaflosen,

schwülen Nächten seine jungen Glieder umherwarf ... der hatte Mädchen

umfangen, dem hatte die Schönheit des Weibes sich hingegeben ... und

von all diesen Erfüllungen gab's Zeugen in Marburg ... kleine Menschen,

lebende, zappelnde ...?

Ganz verworren marschierte Werner dahin. Beide schwiegen; Erich Dammer

dachte an seine nahe Mensur und ahnte nicht, was für Stürme in der

Seele des Jünglings tobten, dessen Arm in dem seinen hing. Er, der

Großstädter, war früh witzig geworden ... Nur den einen Wunsch hatte er

an die Zukunft in diesem Augenblick: daß er schon sechs Stunden älter

sein möchte und alles vorüber ... Er mußte noch einmal anfangen zu

sprechen und fragte:

»Hast du dir ooch schon e Leibburschen ausgesucht?«

»Nein,« sagte Werner auffahrend. »Ich ... es ist ja wohl noch Zeit ...

ich bin doch erst zehn Tage in Marburg.«

»Ja, nimm dir nur e bißchen Zeit,« sagte Dammer, »sieh dir se nur e

bißchen gründlich an, die Herren C. B. C. B. Und vor allem: daß du nu

nich am Ende gar den Scholz nimmst. Erschtens: er geht balde weg, und

dann: schlecht tut er sie behandeln, seine Leibfichse, nu ja, die ha'm

nischt zu lachen.«

Inzwischen waren die Wanderer in das Dörfchen Ockershausen eingerückt.

Hier umsäumten verschnittene Weißbuchenhecken den Pfad, braune Dächer

lugten aus dem Grün, manche Häuser standen, aus gelbem Lehmfachwerk

mit schwärzlichen Balken erbaut, dicht an der Straße, und durch ihre

breiten Tore und Einfahrten fiel der Blick in die Höfe voll Ackergerät,

Stallungen und Mist. Dorfkinder lärmten an der Straße, die Jungens auch

in der Sonnenglut in verschlissenen Pelzmützen, die Mädchen in jener

schmucken Hessentracht, die Haare nach dem Scheitel zu gestrichen, das

magere Krönchen von dem bebänderten Rotkäppchen bedeckt. Sie begrüßten

die lang vermißten Studenten mit einem Freudengeheul und begleiteten

sie, die Kleinsten, Stolpernden, an der Hand fassend: »Hurra! die

Cimbern sein widder da! Hurra, die Nassove! Hurra, die schwazze

Weschtfale!«

Und nun war man am Ziel: dem Wirtshause von Ruppersberg. Ein

bäuerliches Anwesen, von den andern nur unterschieden durch einen

Fachwerkbau von zwei Stockwerken, der unten Ställe, oben aber einen

geräumigen Saal enthielt. Man stolperte eine steile Treppe empor,

nun sah man links in den Saal hinein, in dem schon Gruppen von

Korpsstudenten sich ansammelten; rechts zog sich ein Flur, auf den

niedrige Türen stießen ...

»Willst mal die Flickstub' sehen?« sagte Dammer zu dem Neuling und

stieß eine der Türen auf. Ein betäubender Dunst von Karbol und

Jodoform schlug Werner entgegen: er erkannte rechts am Fenster, an

einem kleinen Tische, eine Gestalt in Hemdsärmeln und schwarzer

Lederschürze: es war der Paukarzt, ein Mediziner kurz vor dem

Staatsexamen und inaktiver Korpsbursch der Cimbria, Wichart mit Namen,

ein gemütlicher, heiterer Marburger. Der stand gebückt und hantierte

mit einem blinkenden Schwall von merkwürdigen und unheimlichen

Instrumenten, flachen Schalen, Waschbecken, Flaschen ... nun hob er

etwas gegen's Licht: es war eine krumme, starke Nadel, wie ein kleiner

Finger lang, in die fädelte er einen langen Seidenfaden hinein.

Und an der andern Seite stand Scholz, bis an die Hüfte nackt, vor ihm

Peter, der Korpsdiener der Cimbern, ein gutmütiges Doggengesicht; er

hatte ein blendend weißes Paukhemd über die Arme gestreift und raffte

es in Falten, um es dem gestrengen Senior überzustreifen. Werner

starrte den sonnübergleißten Jüngling an -- der Apoll von Belvedere

stand vor ihm, oder der Apoxyomenos, und in der Ferne dämmerte die

Gestalt des leuchtenden Achilleus ... vollkommen schön war dieser

stählerne Leib gebildet, und darüber das kühne Gesicht, dessen linke

Seite durch zahlreiche Hiebnarben einen mittelalterlich wilden Ausdruck

erhalten hatte, während die gänzlich unberührte rechte Seite die

Idealität eines antiken Kopfes zeigte ... Und da mußte Werner denken,

wie Dammer gesagt hatte: von dem laufen in Marburg wenigstens drei

Bälger herum ... und ihm war's, als säh' er an diese Brust, an diese

Schultern geschmiegt einen Mädchenkopf, einen blonden ... und nun

war's auf einmal ein schwarzer ... und nun ein rötlich-blonder ... und

aus den Umarmungen der Schönheit und der Stärke jedesmal entsproß ein

junges Leben ... doch +pelice natus, spurius, sine patre+ oder

+incerto patre natus+ ...

Aber nun hatte Scholz die Angekommenen bemerkt. »Was habt ihr da zu

gaffen, Füchse? Schert euch in den Saal!« Beschämt schlichen die beiden

Jüngeren hinaus, und Werner folgte Dammer in den Fechtsaal.

Da gab's viel zu sehen und zu staunen. Im bäuerlich getünchten, von

rechts und links durch je vier Fenster erhellten Saal standen Reihen

Tische an den Fensterwänden entlang; hinten war das Gemach durch eine

Schmalwand abgeschlossen; darin war eine Orchesternische eingelassen,

von deren Fußgestell herab Sonntags die Tanzweisen dörflicher Fiedler

ertönen mochten. Aber wo sonst die Paare im Reigen sich drehten,

da wurde nun alles für ein ernsteres Schauspiel bereitet: inmitten

von buntbemützten Gruppen plaudernder Jünglinge standen zwei in

Hemdsärmeln, mit einem ungefügen Schurz um die Lenden, der beim

einen die Farben grün-weiß-blau, beim andern blau-rot-weiß trug --

im letzteren erkannte Werner den vorläufigen zweiten Chargierten

seines Korps, den schönen, stämmigen, wangenroten und augenleuchtenden

Mediziner Willy Klauser. Beide Herren trugen ferner eine hohe,

steife Halsschutzbinde, gelbe Armstulpen und wüste Mützen mit weit

vorspringenden Lederschirmen. Es waren die Sekundanten, die eben in

Gegenwart des Unparteiischen, eines lockigen Westfalen, mit steifem

Zeremoniell gravitätisch die Mensur abmaßen und durch zwei rücklings

gegenübergestellte Stühle bezeichneten. Und um sie her stand man

in Gruppen zusammen, begrüßte sich, umdrängte den bierschleppenden

bäuerlichen Kellner und entriß ihm die Gläser, um den Nachdurst

der Spielkneipe und die Hitze des Morgenmarsches zu kühlen. Aber

die Gruppen der blauen, grünen und schwarzen Mützen hielten sich

gesondert, und nur ein gelegentliches »Herr Soundso, darf ich mir

gestatten?« schwirrte über die Klüfte hinüber, so die rivalisierenden

Völkerschaften der Cimbern, Westfalen und Nassauer trennten. Nun

schmetterte plötzlich Gelächter: in der Tür erschien ein schmächtiger

Westfalenfuchs und trug sorgsam unterm Arm einen korbartigen Käfig aus

Weidenruten, in dem ängstlich ein weißes Huhn gackerte. Das überreichte

er mit höflich abgezogener Mütze dem Paukarzt der Westfalen mit den

Worten: das sei das Mensurhuhn. Neues schallendes Gelächter der

ganzen Versammlung: Werner ließ sich von Dammer erklären, das sei ein

Fuchsleim, ein uraltüberlieferter Scherz: man habe dem guten Jungen

eingeredet, er müsse ein Huhn besorgen, aus dessen Fleisch etwaige

abgeschlagene Nasen sofort ersetzt werden könnten.

Indessen entstand eine Bewegung an der Saaltür: in vollem Mensurwichs,

durch die breite schwarze Paukbrille häßlich entstellt, betrat den

Saal der Senior der Hasso-Nassovia, ein vierkantiger, stierschultriger

Gesell, den mit seidenen Binden dick umwickelten rechten Arm auf die

erhobenen Hände eines Fuchses gestützt, schritt auf einen der die

Mensur bezeichnenden Stühle zu, lehnte sich mit dem Gesäß an dessen

Lehne und ließ mit gemachter Ruhe und Gleichgültigkeit seine aus der

Paukbrille hervorfunkelnden Augen durch den Saal gleiten. Noch summte

das Gespräch, etwas leiser, weiter, nur die Zigarren ließen bläuliche

Kringel über die Versammlung emporsteigen. Aber sachte begann man sich

doch im Kreise um den Kampfplatz zu scharen, und eine Erregung begann

und schwoll an, als nun auch die Tür zum Bandagierzimmer der Cimbria

von innen aufgestoßen wurde und Scholz erschien.

Werner fühlte, wie ein Frösteln ihm durch alle Glieder lief. Vergebens

suchte er sich an seinen Primanererinnerungen aufzurichten, Bilder

homerischer Heldenkämpfe in sich heraufzubeschwören: ihm schauderte

das ungestählte, friedgewohnte junge Herz. Und er vermochte den Blick

nicht vom Gesichte des Korpsbruders zu wenden: auf der schmalen Wange

zwischen Paukbrille und Halsbinde flammten jetzt die alten Narben, in

gebändigter Kampflust flackerten die grauen Augen aus den kurzen Röhren

der Brille hervor, unter dem weißen Bausch des Paukhemdes meinte man

alle Nerven sich straffen, alle Muskeln sich anspannen zu sehen.

Nun klangen aus dem Munde der beiden Sekundanten, des Unparteiischen

ein paar rasche formelhafte Wechselworte, die Werner in seiner Erregung

nicht verstand; dann vernahm er das Kommando: »Fertig!«, und beide

Fechter taten, aufgerichtet, den rechten Arm mit der Waffe hoch

aufgereckt, ein paar feste, schnelle Schritte nach vorn, so daß sie auf

anderthalb Armlängen einander gegenüberstanden. Die Sekundanten setzten

rasch von hinten den Fechtern ihre großen Sekundiermützen auf, und

Klauser kommandierte gelassen: »Los! Halt!« Das war der »Scheingang«;

die Sekundanten setzten ruhig ihre Mützen wieder auf, kauerten nun wie

sprungbereite Katzen zur Linken ihrer Paukanten nieder, und abermals

klang's, aber jetzt heiser und erregt, in die Totenstille hinein:

»Fertig!« -- »Los!«

Und krach, krach, dröhnten drei-, viermal die blechgeschützten Körbe

der Schläger aneinander, dann klirrte ein doppeltes »Halt!!« und von

beiden Seiten warfen die Sekundanten die stumpfen Klingen ihrer

Schläger, ihre stulpgeschützten Arme zwischen die Fechter und trennten

sie.

»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu

konstatieren!« rief, Triumph in der Stimme, der Nassauersekundant.

Werner war's blau und schwarz vor den Augen geworden: mit Mühe zwang

er eine Bewegung seiner Eingeweide nieder, die seinen Mageninhalt

ausstülpen zu wollen schienen, und sah unverwandt Scholzens Gesicht

an. Nun fuhr aus dem wirren, dunkelblonden Haar des Seniors ein roter,

senkrechter Strich über Stirn und Wange, und dann schossen auch gleich

ganze Bäche Bluts über das Gesicht, röteten das Weiß des Paukhemdes und

rannen auf den Boden.

»Silentium! Ein Blutiger auf seiten von Cimbria!« sagte der

Unparteiische ruhig, ohne sich vom Platze zu bewegen, und machte

eine Notiz. Nun kam der Paukarzt Wichart, die Hemdärmel wie ein

Schlächtergeselle aufgekrempelt, bedächtig heran, einen nassen,

karbolduftenden Wattebausch in der Hand, untersuchte die Wunde, die

nun auf der linken Kopfseite als langer, klaffender Spalt durch die

ganze Kopfhaut sichtbar wurde, fühlte mit dem Zeigefinger hinein und

machte plötzlich ein bedenkliches Gesicht. Er sah Klauser an, Klauser

schüttelte heftig mit dem Kopfe; da zog Wichart die völlig blutbedeckte

Hand zurück und sagte: »Na, meinetwegen!«

Was, dachte Werner entsetzt: ist das denn jetzt nicht aus? Ihm

flimmerte alles vor den Augen: er trank hastig einen tiefen Schluck

Bier. Und wie er den blutüberströmten Kopf da anstarrte, fiel ihm

wieder ein: von dem laufen in Marburg wenigstens drei Bälger herum.

Es war nicht aus. Wieder kauerten die Sekundanten nieder, flogen die

Klingen der Fechter in die Luft, klangen die Kommandos, krachten die

Waffen zusammen, und abermals nach wenig Hieben dröhnte das »Halt!« der

Sekundanten, und sieh, nun klaffte Scholzens linke Wange vom Ohr bis in

die Mitte des Jochbeins. Wieder schoß das Blut hervor, aber kein Fleck

des Gesichts war mehr weiß, den es hätte färben können.

Und abermals untersuchte Wichart, runzelte bedenklich die Stirn und

ließ dann doch die Mensur weitergehen.

Als abermals die Klingen in der Luft standen, stieß Dammer den neben

ihm stehenden Werner an und wies mit den Augen auf Scholzens Klinge:

die zitterte nervös, wie rachgierig: »Gib acht, jetzt tut er's ihm

gä'm.«

Kommando, Zusammenkrachen der Waffen, dreimal, dann schneidendes Halt

der Sekundanten und ein unwillkürlicher Laut aus aller Munde: drei,

vier Strahlen roten Blutes spritzten meterweit aus der Schläfe von

Scholzens Gegner über die Mützen und hellen Anzüge der Versammlung.

Hart über dem Riemen der Paukbrille hatte Scholzens »Durchgezogener«

dem Gegner das linke Ohr und die ganze Schläfenbreite gespalten. Ohne

auch nur einen Moment länger hinzusehen, sprang der Hessen-Nassauer

Paukarzt von hinten mit einem großen Watteballen auf Seydelmann zu,

bedeckte mit der Watte dessen linke Kopfseite, preßte mit beiden

Händen den Kopf zusammen, sagte »Raus!«, drehte seinen Patienten herum

und führte ihn durch den sich öffnenden Schwarm hinaus, während der

Nassauer-Sekundant in ärgerlichem Tone seinen Paukanten für abgeführt

erklärte.

Ein schwaches Hohnlächeln um die blutbekrusteten Lippen, von den

Glückwünschen der Korpsbrüder umringt, verließ nun auch Scholz den

Saal.

Während aufgeregte Gespräche den weiten Raum durchschwirrten, suchte

Werner den Weg zur Tür, stolperte die Treppe hinab und ging in den

Garten, um frische Luft zu schöpfen. Da standen in langen Reihen rohe

gestrichene Tische und Stühle, Wäsche hing an Leinen, und im Dickicht

am sonnenflimmernden Bach entlang schmetterten die Nachtigallen; über

den Wiesen stieg Lerchengetriller in die Luft, und der Jasmin und

Flieder dufteten um die Wette. Und wieder fiel dem jungen Studenten

sein Kleist ein:

»Ein schöner Tag, so wahr ich Leben atme!

Ein Tag, von Gott, dem hohen Herrn der Welt,

Gemacht zu süßerm Ding, als sich zu schlagen!

Die Sonne schimmert rötlich durch die Wolken,

Und die Gefühle flattern mit der Lerche

Zum heitern Duft des Himmels jubelnd auf!«

Und doch war's ihm, als sei es ein süßes Ding, sich zu schlagen. Doch

war ihm, als sei alles, was er sich auf seiner Schulbank geträumt, nun

Leben geworden, als kenne er sie nun wirklich, die düster-herrischen

Reckengestalten seiner Dichter. Schauder und Liebe rangen in seiner

Seele, die nun ihren Helden gefunden hatte: ja, er, der reine,

scheue Knabe, liebte den Jüngling an der Schwelle der Mannesjahre,

den S.-C.-Fechter, den, von dem »wenigstens drei Bälger in Marburg

herumliefen« ... liebte ihn mit jener bangen Scheu, mit der er das

Leben liebte, an dessen geöffneter Pforte er nun plötzlich stand.

-- -- Es war vorüber. Noch acht weitere Mensuren hatten stattgefunden:

auf die Dielen des Saales hatten die Korpsbrüder mehr als einmal

Sägemehl streuen müssen, um das geflossene Blut aufzusaugen, und als

die Schar nach getaner Arbeit gen Marburg aufbrach, da schwamm im Saale

ein Dunst, aus Schweiß, Blutgeruch, Bier und Tabakrauch gemischt. ...

Auch Dammer hatte seine ersten Nadeln bekommen im Verlauf eines wenig

aufregenden Kampfspiels, das sich nicht gar sehr vom Zusammenschlagen

der Klingen beim festlichen Landesvater unterschieden hatte. Aber

Achenbach gesellte sich auf dem Heimwege nicht zu ihm. Er wußte es

einzurichten, daß er beim Heraustreten aus dem Ruppersbergschen Hof an

Scholzens Seite kam. Scholz trug über seinem fahlen, verschwollenen

Gesicht einen mächtigen weißen Wickelverband, über den er statt der

Coleurmütze eine schwarze Mensurkappe gezogen hatte. Er war etwas

überrascht, als er das schlanke Füchschen neben sich sah. Das stammelte

errötend seine Bitte, wie ein Liebesgeständnis:

»Scholz, ich möchte dich bitten, mein Leibbursch zu werden.«

»Hm -- sag' mal, ich hab' deinen Namen noch nicht behalten.«

»Achenbach.«

»So ... aus Elberfeld, nicht wahr?«

»Ja.«

»Also, mein lieber Achenbach, ich bleib' nur noch drei Wochen hier ...«

»Nur noch drei Wochen?«

»Ja -- dann werd' ich inaktiv und geh' nach Berlin ... aber für die

drei Wochen ... gut.« Er hatte einen scharf prüfenden Blick auf das

Studentlein geworfen. »Also schön ... Leibfuchs Achenbach.« Ein

Händedruck, ein rasches Verweilen Aug' in Auge, dann war Achenbach

entlassen, und Scholz gesellte sich zu seinem Sekundanten Klauser.

Eben rasselte eine Kalesche an den Marschierenden vorbei nach Marburg

zu, drinnen ein paar blasse, verbundene Gesichter; Werner erkannte

den Bulldoggkopf des Nassauerseniors und sah, daß auch Scholz den

besiegten Gegner erkannt hatte: mit einem kurzen Anlegen der Hand an

seine Mensurmütze grüßte Scholz in die Kutsche hinein, aber nicht das

leiseste Lächeln des Triumphs war auf seinen fest geschlossenen Lippen

zu entdecken.

Werner hielt sich dicht hinter seinem neuen Idol. Dammer gesellte

sich zu ihm. Still und etwas müde trotteten beide den Heimweg bei

sinkender Sonne, deren Abendstrahlen das ruhevolle Tal mit unsäglichem

Abendfrieden übergoldeten. Oben stand das Schloß noch in vollem

Glanz; über die Wipfel der Chausseebäume strich sehnsüchtig ziehender

Schwalbenflug.

Als die heimkehrenden Studenten näher an Marburg herankamen, zogen

ihnen mancherlei Spaziergänger entgegen: darunter vor allem die

Primaner und Sekundaner des Gymnasiums, die in den Angelegenheiten der

Studentenverbindungen manchmal besser Bescheid wußten, als im Sallust

und Aeschylos: und ferner ... die Sonnen ...

Neugierig durchmusterten die jungen, hübschen Marburgerinnen die

buntbemützte Schar, und ängstlich spähte manch ein rosiges, blauäugiges

Gesicht, ob man »Ihn« auch nicht zu schlimm zugerichtet ...

Und Werner dachte: ob wohl auch ihm einmal so ein zartes, schmiegsames

Figürchen entgegenspähen würde? Dabei fiel ihm ein, daß das ja doch

nicht sein dürfe, weil sein Herz der Trägerin eines gewissen Paares

blonder Zöpfe die Treue gelobt hatte ... ach, nur sein Herz ... aber

die war weit ... weit ... und nie, seit der Tanzstunde, hatte er ein

Wort mit ihr gesprochen ... und dann, war er nicht jetzt Student?!

»Aber die da schmachten

Und platonisch trachten ...«

Himmel ... konnte man denn solch ein junges, holdseliges Geschöpf

anders als platonisch ...?

Niemals -- niemals!

Da stieß Dammer Werner an: »Nu gib mal äbens e bißchen Achtung!

Nämlich, die da links kommt, das is Lenchen Trimpop, Scholzen seine

jetzige!«

Und da kam in schlichtem, weißem Strohhütchen, in einem hellblauen,

verwaschenen Kattunkleidchen eine vollerblühte Mädchengestalt ... nie

hätte Werner es für möglich gehalten, daß so ein junges, liebliches,

jungfräuliches Geschöpf ... ach, gewiß schwindelte Dammer auch nur!

Sie glühte über und über, als sie Scholz erblickte: der grüßte sie

vollkommen wie eine Dame, und sie dankte sittig und zeremoniell. War's

möglich? Nein -- unmöglich!! Unmöglich!! Und doch --

»Aber die da schmachten

Und platonisch trachten,

Ach, die liebe Unschuld tut nur so --«

sang nicht so das alte rauhwuzige Renommistenlied?!

»Du ... nu jetzt kommt äbens meine Sonne!« sagte Dammer und glänzte wie

ein Gänsefettbemmchen. Er riß die Mütze herunter, und drüben nickten

die Köpfe von acht Backfischchen, die paarweise zum Spaziergang zogen,

von einer spinösen Mademoiselle geführt ... »Hast se gesehn? Die gelbe

war's, die in dem gelben Fähnichen! Ach, Kätchen, sießestes Mädichen!

Ob sie wohl mei' Kompresse gesehen hat?« --

An diesem Abend betrank sich Werner Achenbach besinnungslos unter der

Cimbernlinde in Maibowle und Jugendfieber.

II.

Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte

keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter

Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der

sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben

an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von

Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter

der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke

lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich

in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu

münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade

da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem

eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen

rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und

schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die

weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß,

weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die

Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe

das bescheidene Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner

vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und

ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der

frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die

nun vollchörig den Sonntag einläuteten.

Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein

geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich

durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war,

strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses

zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des

Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend

Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen

nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen,

das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die

kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen,

geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch?

Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ...

Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid,

aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die

neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat,

das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge?

Was hatte der Kaiser zu sagen, was der Fürst von Reuß ältere

Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war

Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein

Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon

hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des

Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz

der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ...

Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde

sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von

Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der

Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam

sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig

prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen

zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von

beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor

sich?

So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man

mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ...

Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen

Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben

vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf

diesem engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren

... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen

Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas

leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und

Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ...

Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern

war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten

Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern

zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und

Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen?

Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm

zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt

hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich

hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen.

Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria!

Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze

hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das

neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es

zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen könnten, in Mütze

und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling!

Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften

seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ...

Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu

hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd,

oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor

der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und

kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ...

nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ...

Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe

an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen

Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke

nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ...

Oh, er wußte das alles ja noch so gut!

Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den

befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine

gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit

Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit

ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts

von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben.

Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht geben lassen.

Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem

Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen

hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und

Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül

und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen.

Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit

seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu

früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und -- -- nicht in Einigkeit und

herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ...

Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ...

hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter,

verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen

...

Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen

in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten

Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große

Vorderzähne blitzten -- zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer

vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem

Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und

da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume

gefunden ...

Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was

Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den

Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst,

alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens

blonden Scheitel.

Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß

er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit

in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des

Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben

gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht

verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes

Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon

gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen.

Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr.

Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der

hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte.

Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund,

der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos

verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und die

Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal

bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige

Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie

gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen

einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten,

Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen

Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder

ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie,

oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm,

daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert

rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte

es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien

immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem

Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ...

Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte,

so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke

der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas

Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie

stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend

Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ...

Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines

schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim

Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der

Schlüssel zum Vorhof des Lebens ...

Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und

Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und

Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen

hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir

ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird

einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist

und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und

zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen

genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack

der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit

und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre

deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger

Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ...

Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...!

Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch

niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die

Menschen dazu, etwas anders zu machen, als ihre Väter und Mütter

es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von

Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem

er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ...

eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll

Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe

einsam bleiben und leiden.

Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf

... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde

anzuvertrauen ...

Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem

vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg

oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des

vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen

... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen

Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler.

Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher

Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die

Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er

mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ...

Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen und suchen müssen ...

und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und

Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden

und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner

Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ...

schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen

Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen -- -- aber seine

Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn

mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht

-- so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in

seiner einsamen Qual ...

~Und nun?!~

»Auch von Lieb umgeben

Ist Studentenleben«

Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf -- --

Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese

muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und

Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer

Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner

Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde

und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und

Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders, als das blutige

Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe.

Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus

geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man

auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen

mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner

Kommilitonen ...

Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das

waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von

Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl

durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde

-- --

Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ...

Und da sollte er mittun?

Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen,

Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior

der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch

ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten

dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze

blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn

möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem

sehnsuchtbebenden Knaben?

Der krasse Fuchs · 第 1 / 17 段