Sie gelassen: „Das kunnt ich wohl nit sagen.“

Jetzt haue ich den Schnitzger ins Scheit, daß der Span fliegt.

„Ist man das Warten gewohnt, so fragt man auch nit viel,“ setzt sie

bei. „Es muß überhaupt nit sein.“

Nachher Schweigen auf beiden Seiten. Ich steh’ vom Block auf, gehe in

der Stube hin und her und da zucken ein paarmal unsere Augen aneinander.

„Hol’ doch der Kuckuck diese verdammte Leimsiederei!“ So bricht’s

plötzlich aus mir los. „Von einem Monat auf den andern. Und jetzt ist

er gar davongelaufen.“

„Er wird auswärts zu thun haben.“

„Es scheint, daß er auch mit seinem Beruf eine Änderung machen will.“

„Da wird er schon recht haben.“

„Wenn er für den Ehestand nicht besser geeignet ist, als für den

Lehrstand?“ schlage ich an.

Sie sagt nichts.

„Der Mensch soll doch wissen, was er will,“ rufe ich aus.

Sie bläst in den Herdkohlen die Glut an, und wie ihr zartes Gesichtel

so im Wiederschein glüht, sagt sie: „Ich denk, es wird ihm nit mehr

ernst sein.“

„Barbel, es werden dir die Funken ins Aug’ springen, wenn du so scharf

drein blasest!“

Sie legt Zündspäne dran und sagt: „Er redet alleweil nur von der

Pflicht. Wenn es sonst nichts mehr ist, ein Ehrenwort kann man

zurückgeben.“

Jetzt stelle ich meine Wanderung ein und bleibe vor ihr stehen. Knapp

vor ihr.

„Barbel! Wenn es euch nicht heilig ernst ist, dann lasset es sein. Im

Heiraten hat man die Wahl, in der Liebe hat man keine.“

Sie bricht heftig Späne entzwei, aber das Zittern ihres Leibes habe ich

doch bemerkt.

„Das, was du jetzt gesagt hast, Hans --.“ Sie stockt.

„Daß man in der Liebe keine Wahl hat --?“

„Ich kenne eine, die’s erfahren hat.“

„Und ich auch einen solchen!“ Darauf mein Einsatz. Und denke für mich,

der, den ich meine, der hat in jungen Tagen mit der Liebe gespielt,

mit der Liebe geprahlt. Aber kennen gelernt hat er sie erst spät, als

das Leid dazugekommen ist und das Erbarmen. Und schreie es plötzlich

heraus: „Ein Mitleid habe ich mit dir, du herzgutes Mädel, alles möchte

ich für dich thun. Wenn das die Liebe ist, Barbel -- -- und du kannst

mich nicht gern haben -- -- dann ist es aus mit mir....“

So ähnlich muß ich gesprochen haben, so zittert es noch in mir nach.

Und sie? Sie hat sich nicht gewehrt, hat ihr Haupt zurückgelegt auf

meinen Arm und ich habe ihr Küsse gegeben auf die Stirn, auf die Augen,

auf den Mund, und haben uns aneinander gesogen mit den Lippen, als

hätten wir uns gegenseitig austrinken mögen.

Und als das vorbei gewesen, hat sie mir mit feuchtem Blick ernst und

offen in die Augen geschaut und hat langsam, wie traumhaft, gesagt:

„Endlich, endlich. -- Endlich ist die Stund’ gekommen....“

-- So hat es sich ereignet, Freund Alfred, und jetzt ist sie mein.

[Illustration]

Am neunundvierzigsten Sonntage.

Noch kaum selber habe ich mich gefunden seit dem freudigen Schreck.

Dieses urplötzliche Auflodern des seit langem unter der Asche glosenden

Feuers!

Wer ich denn eigentlich bin -- sie hat mich gar nicht gefragt. Aber

ein Geständnis ist ihr bald entschlüpft: „Daß du ein geborener Bauer

+nit+ bist, hab’ ich am ersten Tag gemerkt. Daß du ein guter

Mensch bist, hab’ ich auch gleich gesehen, und hab’ gemeint zu vergehen

die ganze Zeit, weil ich den anderen nit mehr hab’ so gern haben

können, wie dich.“

„Und deswegen bist du immer so betrübt gewesen und hast gar nimmer

lachen wollen?“

„Deswegen nit allein. Du weißt es ja, mein Hans.“

Und sie hat nicht gefragt, was ich ihr werde bieten können, was ihr

Schicksal werde sein an meiner Seite. Dieser himmlische Leichtsinn! --

Aber nachher die Hausmutter, die hat uns bald nüchtern gemacht.

Erschrocken war sie nicht, als ich ihr noch am selben Abend unsere

Verlobung mitgeteilt hatte.

„Diese Barbel, das ist ein Band!“ sagte sie nur. „Weil der eine davon

ist, packt sie den andern her. Meiner Tag hätt’ ich mir das nit lassen

träumen, von dem Mädel. Jetzt, wo sie schon einen haben muß, so ist’s

eh gescheiter, sie nimmt einen Bauersmenschen, als wie den herrischen

Schulmeister da.“

Einen Bauersmenschen, sagt sie! Das Rainhäusel da hinten beim Schachen

sollten wir uns herrichten und nachher fleißig arbeiten helfen im Hofe.

Das ist ihre Anordnung und das ganze Programm meiner Zukunft. Also ist

die Falle zugeschnappt, steineisenfest, und der Hansel sitzt drinnen.

Am Dienstagabend war großer Familienrat. Beim Tische, auf dem Platze,

wo der Adam gestorben war, kam ich zu sitzen, da ist es mir ganz kalt

über den Rücken gelaufen. An seine Stelle bin ich gesetzt. Habe mit

meinen Vorschlägen auch nicht lange gesäumt. Wahre Sinaigebote, zähle

nach, ob ihrer auch zehn sind.

Der Valentin, wenn er glücklich heimkehrt vom Militär, wird nicht

hinausgehen in das Radmeisterwerk, auch nicht in die Grabacher

Papierfabrik, die jetzt viele Arbeiter beschäftigt, er wird daheim

bleiben und als der Ältere die Wirtschaft übernehmen. Der Rocherl wird

nicht Almhalter in der Wendau, wie er schon hatte anklingen lassen,

er bleibt auch daheim und wird Großknecht, als der ich mit Ende des

Jahres mein Amt niederlege. Jetzt kann er ja wieder zugreifen mit

beiden Händen und die gleichmäßige Arbeit wird das Irrlichtern seiner

unruhigen Seele schon dämpfen. Der Franzel bleibt nicht daheim. Der

geht für drei Jahre auf die Landwirtschaftsschule nach Grotting,

dann kommt er auch zurück. Diese drei Brüder werden zusammenhalten

wie die Scheiter an einem ungespaltenen Lärchblock. Der Kornbau wird

aufgegeben. Nur Gemüse, Kartoffeln, Kohl, Karfiol, Rüben und Salat. Die

Felder werden zu Weiden und Wiesen gemacht; eine Jungviehzucht wird

gegründet, mit dreißig bis vierzig Stück Rindern. Schafe und Ziegen

werden abgeschafft. Hingegen etliche Schweine für Speck und ein gutes

Stück Rauchfleisch übers Jahr. Milch- und Käsewirtschaft gemeinsam mit

den Nachbarn, die für eine Genossenschaft gewonnen und unterwiesen

werden müssen. Jungwald pflegen, besonders Lärchen, so viel nur immer

wachsen wollen. Der Wald zahlt wenig Steuer, braucht wenig Arbeit und

bringt bei vernünftiger Kultur ein gutes Stück Geld jedes Jahr. --

„Sapperlot, wer schon einmal eingespannt ist, der muß auch anziehen!“

sage ich beeifernd zu meinen Leuten. Sie gucken mich unsicher an,

ob’s wohl auch alles mein Ernst wäre? -- Mir ist selber nicht ganz

sicher. Das Ding hat stellenweise verzweifelte Ähnlichkeit mit meiner

voreinstigen volkswirtschaftlichen Rubrik in der „Kontinentalen“.

„Mein Gott!“ seufzt die Hausmutter auf, „wenn man halt wüßt’, was der

Adam dazu sagen thät’!“

Der Rocherl meint: „Wenn’s einmal im Gang wär’, kunnt’s schon schön

sein. Aber anfangen! Wie denn anfangen?“

„Habe ich das Wichtigste schon gesagt?“ fahre ich zu reden fort. „Das

Wichtigste hätte ich noch nicht gesagt? Doch ein zerstreuter Pinsel,

der ich bin. Unsere gute Hausmutter wird sich auch einmal ausrasten

wollen. Da muß halt der Jungbesitzer gelegentlich ein braves Weib

heimbringen, das anfangen hilft.“

„Ja, Hansel!“ ruft der Rocherl auf einmal aus und legt die Hand auf

meine Achsel, „was ist’s denn mit +dir+? Mit dir und der Barbel,

möcht’ ich wissen!“

„Mit uns? Mit der Barbel und mir? Was wird’s denn sein! Das Rainhäusel

werden wir uns sauber herrichten lassen für den Sommer und Herbst. Im

Frühjahr und Winter werden wir draußen in Kailing wohnen. Dort ist’s

auch schön. Oder gar in einer Stadt, wenn’s uns freut.“

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 32 / 46 题