Hoisendorf, am 20. November 1897.“

Nun also, das schreibt der Lehrer.

Ich war über alle Maßen gespannt auf das Gesicht der Barbel, wenn sie

mir das nächste Essen bringen würde. Es kam am selben Abende aber die

Hausmutter. Auf der Zunge brannte mir die Frage, ob das Mädel nicht

etwa unpaß sei. Und konnte sie nicht aussprechen. Am nächsten Sonntage

kam sie doch wieder, brachte Roggenklöße mit Kraut. Hatte ein heiteres

Gesicht, lachte wie ein helles Glöcklein, kümmerte sich noch um meinen

Fuß, fragte, ob ich nicht bald in die Hausstube hineinkommen könne, wo

es kurzweiliger sei, und eilte wieder davon.

Drinnen in der warmen Hausstube, wo der weiße Wintertag still zu den

Fenstern hereinschaut, wo die Barbel Linnen näht und dabei Liedlein

singt, ernsthafte und schalkhafte. Kurzweiliger, meint sie. O

ahnungsvoller Engel du!

[Illustration]

Am achtundvierzigsten Sonntage.

Recht gern teile ich dir „das Laufende der bewußten Angelegenheit“ mit.

Die letzte Botschaft meines Rechtsanwalts ist eine kleine Schilderung

des Besuches, den er bei Doktor Stein gemacht, in der Absicht, um dem

Manne auf diplomatische Weise hinter die Gesinnung zu kommen. Es soll

aber nichts zu erfahren gewesen sein. So oft das Gespräch wie zufällig

auf mich gelenkt worden war, schwenkte der Chef ab. Das Wesentlichste

war, daß er mich achselzuckend einen Sonderling nannte und dann mit den

Fingern auf dem Tisch zu trommeln begann, welches Trommeln die Besucher

stets als Reisemarsch aufzufassen haben. Mein begriffsstütziger

Rechtsanwalt ging aber nicht, sondern fragte nun geradehin, wann Herr

Doktor Stein von Stein dem Sonderling die Wette wett zu machen gedenke?

Der Kontrahent würde sich danach richten wollen und müssen.

„Ach ja, die Wette!“ antwortete der Chef, „damit hat’s noch gute

Weile.“ Dann höflich, aber bestimmt: „Nicht wahr, liebster Doktor, Sie

entschuldigen mich für diesen Augenblick, es drängt die neueste Post.

Ach, ein Zeitungsklave!“

Hierauf mein Anwalt: „Leider kann ich mich mit dem Bescheid, als habe

die Sache keine Eile, nicht zufrieden geben. Ich bin -- um ganz offen

zu sein -- beauftragt, hierüber Klarheit einzuholen.“

„Wieso?“ darauf jener, „ich denke, man müßte wohl erst das Jahr zu

Ende gehen lassen, erstens um zu sehen, ob der Herr Trautendorffer die

Wette überhaupt gewinnt, und zweitens um abzuwarten, ob in diesem Falle

von meiner Seite Schwierigkeiten gemacht werden, oder nicht. So viel

mir bekannt ist, haben Sie ja schon mit meinem Herrn Lobensteiner in

der Angelegenheit eine Unterredung gehabt, um sich seiner Zeugenschaft

zu versichern. Was -- wenn ich bitten darf -- berechtigt Sie denn

eigentlich zum Mißtrauen gegen mich, wenn Sie Ihres Rechtspunktes

sicher zu sein glauben?“

„Meinem Klienten sind einige Äußerungen zu Ohren gekommen, die ihn

beunruhigen.“

„Vielleicht mit Recht!“ sagte Doktor Stein. „Sie erinnern sich, daß

Lobensteiner, Ihr Kronzeuge, Ihnen den Wortlaut der Wette mitgeteilt

hat? Gut. Der Spaß hat, so weit ich mich entsinne, daraufhin gelautet,

der Kontrahent habe ein volles Jahr als Bauernknecht zu dienen, also

vom ersten Januar bis zum letzten Dezember dieses laufenden Jahres. Ich

besitze Briefe, in welchen Trautendorffer selbst ausführlich erzählt,

daß fast der ganze Monat Januar verstrich, bevor er einen Dienst

gefunden. Gesetzt den Fall, die Wette wäre ernst gemeint gewesen, so

wurde die Bedingung gleich anfangs so himmelweit verfehlt, daß ich

nicht begreife, wie von einer Verpflichtung meinerseits auch nur die

Rede sein kann. Es wird mir übrigens sehr angenehm sein, wenn Sie den

Fall einer gerichtlichen Entscheidung anheimstellen wollen.“

So, mein Freund und Philosoph, stehen wir jetzt mit unseren

zwanzigtausend Kronen. Du warst sehr unvorsichtig mit deinem Darlehen.

Und ich war sehr unvorsichtig mit meiner Hoffnung, mit diesen

Krongütern Bauerhöfe zu retten, Schullehrerfamilien zu fördern und

weiß Gott was alles. Zwar schreibt mir mein Vertreter, daß er durchaus

nicht willens sei, den Fuchs laufen zu lassen. Bis der Betrag fällig

und nicht ausgefolgt sein wird, das ist am ersten Januar 1898, wird die

gerichtliche Klage anhängig gemacht. Dann wird sich der Prozeß so seine

verschiedenen Jährchen hinschlängeln und ich werde -- ein großartiger

Michael Kohlhaas. Nach solchem Ruhme geize ich aber nicht. Zum Satan!

Mir geht das Wasser jetzt schon an den Hals, oder was das Gegenteil und

dasselbe ist, ich sitze im Trockenen. Meine Sachen sind verplempert

und den besten Freund muß ich auf das Nachdrücklichste warnen, mir je

noch einen Heller zu borgen. Bedenke doch einmal diesen Leichtsinn! Die

journalistische Karriere hat er fahren lassen, ist einer Grille wegen

Bauernlümmel geworden ohne Hof und Grund und will als solcher demnächst

heiraten.

Denn, mein Alfred, nun sammle dich zur Andacht für das, was kommt.

Heute, am Vormittag, während unsere Leute in der Kirche sind, meine

ich, daß man’s wagen könnte mit dem Fuß, über den Hof zu gehen und

in die Hausstube, um der Barbel, die allein daheimbleiben mußte,

Gesellschaft zu leisten. Es geht leidlich. Sie ist, wie immer, mit

etwas beschäftigt. Vor ein paar Tagen hatte die Hausmutter ein Schaf

geschlachtet. So ist das Mädel daran, in der Feuerpfanne das Schafsfett

zu „zerlassen“ und dasselbe in Kerzenmodeln zu gießen, durch welche die

Dochte schon gespannt sind. Die also gefüllten Blechcylinder hängt sie

vors Fenster hinaus, wo das Zeug nach wenigen Minuten gestockt ist,

daß es dann als glatte milchweiße Kerzen aus den Modeln hervorgezogen

werden kann. Das macht sie so handlich und reinlich, als ob es ihr Fach

wäre. Diese Leute können doch alles, was sie anfassen. Ein rechtes

Bauernhaus ist wahrlich die Wiege aller Urproduktion und Industrie, ein

echter Bauer der ganze Mensch.

Als sie mich mit dem Stocke -- ein Dreschflegelstab war es --

daherhinken sieht, lacht sie und sagt, ich liefe ja schon wieder wie

ein Wiesel.

„Oder wie eine Schnecke, wolltest du sagen, wenn ich ein Häusel hätte.“

„Das wäre schon gar lustig,“ sagt sie, „wenn der Mensch sein Häusel so

auf dem Buckel müßt herumtragen.“

„Barbel, das wäre gar nicht lustig. Denke dir, wenn nur eins Platz

hätte im Häusel, nur eins allein!“

Darauf hat sie nichts geantwortet, beide sind wir still gewesen. Ich

habe ihr bei der Arbeit zugeschaut und weil endlich doch wieder was

gesagt werden muß, so frage ich, ob das schon die Hochzeitskerzen

thäten sein?

Ob man denn bei einer Hochzeit Kerzen brauche?

„Ja freilich, auf dem Tanzboden.“

Und nichts weiter. Sie ist fertig, räumt die Sachen weg und geht in ihr

Stübel. Ich sitze allein und denke nach, wie man denn eigentlich das

anfängt, was ich im Sinne habe.

Weil sie nicht wieder kommt, so will ich ins Freie, und unterwegs sehe

ich durchs Fenster, wie sie in ihrer Kammer am Tischlein kniet und

betet. Die Sonntagsandacht hält sie, die von denen, so nicht in die

Kirche gehen, sonst immer gemeinsam abgehalten wird. -- Warum läßt sie

mich nicht mithalten? Was hat sie gegen mich? -- -- Da ist mir auf

einmal weh geworden! Weh und fremd....

Dann habe ich mich ausgescholten. Wie fromm doch dieser Hans

Trautendorffer geworden ist! Sich zu kränken, wenn man zum Psalter

nicht eingeladen wird! -- Neuerdings in die Stube bin ich gegangen, an

den Herd hin, wo der große Schnitzger ist und der Scheiterstoß. Und

habe wegen einer Zerstreuung angefangen, Leuchtspäne zu klieben. Später

kommt sie wieder, trifft Vorbereitungen zum Mittagmahlkochen und sagt:

„Späne machen thust, Hansel?“

„Freilich!“ sage ich, „muß man halt mit der Arbeit den Sonntag

heiligen, wenn das Beten nicht angenommen wird.“

„Das Nichtsthun steht einem freilich auch am Sonntag nicht an,“ sagt

sie, „deswegen hab’ ich ja auch Kerzen gemacht.“

„Du Kerzen, ich Leuchtspäne! Da wird jemandem doch einmal ein Licht

aufgehen.“

Sie legt Brennholz über die Herdgrube und sagt so nebenhin, zum

Lichtaufgehen, dazu würden keine Kerzen und keine Späne vonnöten sein.

Länger ist es nicht mehr auszuhalten.

„Wetter noch einmal, Barbel, wie steht’s denn mit euch? Wir werden uns

ja die Hochzeitsbuschen bestellen müssen.“

Habe schon gemeint, darauf käme keine Antwort, da sagt sie: „Damit

wird’s noch keine Eil’ haben, mein lieber Hans.“

„Man hört gar, daß es neuerdings verschoben ist.“

„Kann schon sein,“ sagt sie.

„Auf wie lange wohl wieder?“

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 31 / 46 题