Nun also, das schreibt der Lehrer.
Ich war über alle Maßen gespannt auf das Gesicht der Barbel, wenn sie
mir das nächste Essen bringen würde. Es kam am selben Abende aber die
Hausmutter. Auf der Zunge brannte mir die Frage, ob das Mädel nicht
etwa unpaß sei. Und konnte sie nicht aussprechen. Am nächsten Sonntage
kam sie doch wieder, brachte Roggenklöße mit Kraut. Hatte ein heiteres
Gesicht, lachte wie ein helles Glöcklein, kümmerte sich noch um meinen
Fuß, fragte, ob ich nicht bald in die Hausstube hineinkommen könne, wo
es kurzweiliger sei, und eilte wieder davon.
Drinnen in der warmen Hausstube, wo der weiße Wintertag still zu den
Fenstern hereinschaut, wo die Barbel Linnen näht und dabei Liedlein
singt, ernsthafte und schalkhafte. Kurzweiliger, meint sie. O
ahnungsvoller Engel du!
[Illustration]
Am achtundvierzigsten Sonntage.
Recht gern teile ich dir „das Laufende der bewußten Angelegenheit“ mit.
Die letzte Botschaft meines Rechtsanwalts ist eine kleine Schilderung
des Besuches, den er bei Doktor Stein gemacht, in der Absicht, um dem
Manne auf diplomatische Weise hinter die Gesinnung zu kommen. Es soll
aber nichts zu erfahren gewesen sein. So oft das Gespräch wie zufällig
auf mich gelenkt worden war, schwenkte der Chef ab. Das Wesentlichste
war, daß er mich achselzuckend einen Sonderling nannte und dann mit den
Fingern auf dem Tisch zu trommeln begann, welches Trommeln die Besucher
stets als Reisemarsch aufzufassen haben. Mein begriffsstütziger
Rechtsanwalt ging aber nicht, sondern fragte nun geradehin, wann Herr
Doktor Stein von Stein dem Sonderling die Wette wett zu machen gedenke?
Der Kontrahent würde sich danach richten wollen und müssen.
„Ach ja, die Wette!“ antwortete der Chef, „damit hat’s noch gute
Weile.“ Dann höflich, aber bestimmt: „Nicht wahr, liebster Doktor, Sie
entschuldigen mich für diesen Augenblick, es drängt die neueste Post.
Ach, ein Zeitungsklave!“
Hierauf mein Anwalt: „Leider kann ich mich mit dem Bescheid, als habe
die Sache keine Eile, nicht zufrieden geben. Ich bin -- um ganz offen
zu sein -- beauftragt, hierüber Klarheit einzuholen.“
„Wieso?“ darauf jener, „ich denke, man müßte wohl erst das Jahr zu
Ende gehen lassen, erstens um zu sehen, ob der Herr Trautendorffer die
Wette überhaupt gewinnt, und zweitens um abzuwarten, ob in diesem Falle
von meiner Seite Schwierigkeiten gemacht werden, oder nicht. So viel
mir bekannt ist, haben Sie ja schon mit meinem Herrn Lobensteiner in
der Angelegenheit eine Unterredung gehabt, um sich seiner Zeugenschaft
zu versichern. Was -- wenn ich bitten darf -- berechtigt Sie denn
eigentlich zum Mißtrauen gegen mich, wenn Sie Ihres Rechtspunktes
sicher zu sein glauben?“
„Meinem Klienten sind einige Äußerungen zu Ohren gekommen, die ihn
beunruhigen.“
„Vielleicht mit Recht!“ sagte Doktor Stein. „Sie erinnern sich, daß
Lobensteiner, Ihr Kronzeuge, Ihnen den Wortlaut der Wette mitgeteilt
hat? Gut. Der Spaß hat, so weit ich mich entsinne, daraufhin gelautet,
der Kontrahent habe ein volles Jahr als Bauernknecht zu dienen, also
vom ersten Januar bis zum letzten Dezember dieses laufenden Jahres. Ich
besitze Briefe, in welchen Trautendorffer selbst ausführlich erzählt,
daß fast der ganze Monat Januar verstrich, bevor er einen Dienst
gefunden. Gesetzt den Fall, die Wette wäre ernst gemeint gewesen, so
wurde die Bedingung gleich anfangs so himmelweit verfehlt, daß ich
nicht begreife, wie von einer Verpflichtung meinerseits auch nur die
Rede sein kann. Es wird mir übrigens sehr angenehm sein, wenn Sie den
Fall einer gerichtlichen Entscheidung anheimstellen wollen.“
So, mein Freund und Philosoph, stehen wir jetzt mit unseren
zwanzigtausend Kronen. Du warst sehr unvorsichtig mit deinem Darlehen.
Und ich war sehr unvorsichtig mit meiner Hoffnung, mit diesen
Krongütern Bauerhöfe zu retten, Schullehrerfamilien zu fördern und
weiß Gott was alles. Zwar schreibt mir mein Vertreter, daß er durchaus
nicht willens sei, den Fuchs laufen zu lassen. Bis der Betrag fällig
und nicht ausgefolgt sein wird, das ist am ersten Januar 1898, wird die
gerichtliche Klage anhängig gemacht. Dann wird sich der Prozeß so seine
verschiedenen Jährchen hinschlängeln und ich werde -- ein großartiger
Michael Kohlhaas. Nach solchem Ruhme geize ich aber nicht. Zum Satan!
Mir geht das Wasser jetzt schon an den Hals, oder was das Gegenteil und
dasselbe ist, ich sitze im Trockenen. Meine Sachen sind verplempert
und den besten Freund muß ich auf das Nachdrücklichste warnen, mir je
noch einen Heller zu borgen. Bedenke doch einmal diesen Leichtsinn! Die
journalistische Karriere hat er fahren lassen, ist einer Grille wegen
Bauernlümmel geworden ohne Hof und Grund und will als solcher demnächst
heiraten.
Denn, mein Alfred, nun sammle dich zur Andacht für das, was kommt.
Heute, am Vormittag, während unsere Leute in der Kirche sind, meine
ich, daß man’s wagen könnte mit dem Fuß, über den Hof zu gehen und
in die Hausstube, um der Barbel, die allein daheimbleiben mußte,
Gesellschaft zu leisten. Es geht leidlich. Sie ist, wie immer, mit
etwas beschäftigt. Vor ein paar Tagen hatte die Hausmutter ein Schaf
geschlachtet. So ist das Mädel daran, in der Feuerpfanne das Schafsfett
zu „zerlassen“ und dasselbe in Kerzenmodeln zu gießen, durch welche die
Dochte schon gespannt sind. Die also gefüllten Blechcylinder hängt sie
vors Fenster hinaus, wo das Zeug nach wenigen Minuten gestockt ist,
daß es dann als glatte milchweiße Kerzen aus den Modeln hervorgezogen
werden kann. Das macht sie so handlich und reinlich, als ob es ihr Fach
wäre. Diese Leute können doch alles, was sie anfassen. Ein rechtes
Bauernhaus ist wahrlich die Wiege aller Urproduktion und Industrie, ein
echter Bauer der ganze Mensch.
Als sie mich mit dem Stocke -- ein Dreschflegelstab war es --
daherhinken sieht, lacht sie und sagt, ich liefe ja schon wieder wie
ein Wiesel.
„Oder wie eine Schnecke, wolltest du sagen, wenn ich ein Häusel hätte.“
„Das wäre schon gar lustig,“ sagt sie, „wenn der Mensch sein Häusel so
auf dem Buckel müßt herumtragen.“
„Barbel, das wäre gar nicht lustig. Denke dir, wenn nur eins Platz
hätte im Häusel, nur eins allein!“
Darauf hat sie nichts geantwortet, beide sind wir still gewesen. Ich
habe ihr bei der Arbeit zugeschaut und weil endlich doch wieder was
gesagt werden muß, so frage ich, ob das schon die Hochzeitskerzen
thäten sein?
Ob man denn bei einer Hochzeit Kerzen brauche?
„Ja freilich, auf dem Tanzboden.“
Und nichts weiter. Sie ist fertig, räumt die Sachen weg und geht in ihr
Stübel. Ich sitze allein und denke nach, wie man denn eigentlich das
anfängt, was ich im Sinne habe.
Weil sie nicht wieder kommt, so will ich ins Freie, und unterwegs sehe
ich durchs Fenster, wie sie in ihrer Kammer am Tischlein kniet und
betet. Die Sonntagsandacht hält sie, die von denen, so nicht in die
Kirche gehen, sonst immer gemeinsam abgehalten wird. -- Warum läßt sie
mich nicht mithalten? Was hat sie gegen mich? -- -- Da ist mir auf
einmal weh geworden! Weh und fremd....
Dann habe ich mich ausgescholten. Wie fromm doch dieser Hans
Trautendorffer geworden ist! Sich zu kränken, wenn man zum Psalter
nicht eingeladen wird! -- Neuerdings in die Stube bin ich gegangen, an
den Herd hin, wo der große Schnitzger ist und der Scheiterstoß. Und
habe wegen einer Zerstreuung angefangen, Leuchtspäne zu klieben. Später
kommt sie wieder, trifft Vorbereitungen zum Mittagmahlkochen und sagt:
„Späne machen thust, Hansel?“
„Freilich!“ sage ich, „muß man halt mit der Arbeit den Sonntag
heiligen, wenn das Beten nicht angenommen wird.“
„Das Nichtsthun steht einem freilich auch am Sonntag nicht an,“ sagt
sie, „deswegen hab’ ich ja auch Kerzen gemacht.“
„Du Kerzen, ich Leuchtspäne! Da wird jemandem doch einmal ein Licht
aufgehen.“
Sie legt Brennholz über die Herdgrube und sagt so nebenhin, zum
Lichtaufgehen, dazu würden keine Kerzen und keine Späne vonnöten sein.
Länger ist es nicht mehr auszuhalten.
„Wetter noch einmal, Barbel, wie steht’s denn mit euch? Wir werden uns
ja die Hochzeitsbuschen bestellen müssen.“
Habe schon gemeint, darauf käme keine Antwort, da sagt sie: „Damit
wird’s noch keine Eil’ haben, mein lieber Hans.“
„Man hört gar, daß es neuerdings verschoben ist.“
„Kann schon sein,“ sagt sie.
„Auf wie lange wohl wieder?“