Darauf die Hausmutter: „Ja, Hansel, bist denn du nit gescheit?“

„Ihr wisset es wohl doch schon lang, daß ich ein verwunschener

Stadtherr bin. Ein reicher Mann hat mich heraufgeschickt ins Almgai und

mir viel Geld versprochen, wenn ich Euch ein ganzes Jahr lang arbeiten

helfe wie ein Knecht.“

„Das ist erstunken!“ erklärt die Hausmutter.

„Daß der reiche Mann mir für das Bauernjahr viel Geld versprochen hat,

ist wohl wahr. Ob er’s aber auch hergiebt? Das mag schon erstunken

sein. Und wenn’s ist, auch gut, dann weiß ich mir mit der Feder was zu

machen.“

„Mit der Feder? Solltest du gar ein gelernter Uhrmacher sein?“

„Mit der Schreibfeder. Es wird’s schon thun, gelt, Barbel!“

Die Hausmutter thut, als ob sie plötzlich vom Himmel gefallen wäre.

Sie schlägt sprachlos die Hände zusammen. Und als sie soweit die

Sprache wieder erlangt, will sie es noch einmal hören. -- „Mit der

Schreibfeder?! Mit der Schreibfeder, sagt er?! Leut’, ich weiß nit, bin

ich ein Narr, oder ist es der! Ein Stubenschreiber! Warum nit gar ein

Zeitungschreiber! Ja, wenn’s ein Solcher thut sein! Ein Solcher? Nein,

nachher g’reut’s mich, da darf’s nit sein! Da darf’s heilig nit sein!

+Das+ wären Geschichten! +Nein+, sage ich!“

Nun hat ein starkes Streiten angefangen, die Mutter wird immer noch

zorniger. Die Kinder verteidigen mich und stellen ihr vor, wie brav und

rechtschaffen der Hansel gewesen wäre, das ganze Jahr.

„So!“ fährt sie auf, „brav und rechtschaffen! Die ledige Falschheit ist

er gewesen. Wenn er sich für einen Knecht ausgiebt und ist keiner. Das

ist doch die ledige Falschheit. -- Daß du’s weißt, Hansel, jetzt ist

dein Jahr aus. Pack’ z’samm’ und geh!“

Da habe ich schon gemeint, alles wäre in der Brüche und die Barbel ist

dagestanden wie eine Wegsäule, so starr. Nun kommt aber der Rocherl

über die Mutter. Der ist seit dem Allerseelentage ein anderer, welche

von den zwei Kugeln davon den größeren Anteil hat, weiß man nicht.

Manchmal wetterleuchtet’s noch und wenn er ein heißes Wort sagt, da

schaut ihn die Mutter an, und wenn er treuherzig redet, da hört sie ihm

zu. Daß statt des Lehrers der Hansel an seiner Schwester Seite steht,

scheint ihm gar lieb zu sein, und so kommt er nun an die bitterböse

Mutter. Vom seligen Vater spricht er ihr. Der hätte lange gewußt, was

es mit dem zugereisten Knecht ist und er wäre nur um so dankbarer

gewesen, daß ein fremder, ein solcher Mensch sich freiwillig alle

Mühe und Not auferlege, um uns beizustehen. Und einmal habe der Vater

gesagt, der Hansel sei zwar in mancher Arbeit ungeschickt, aber wegen

seiner Bravheit könne er um jede Tochter werben, sie würde ihm nicht

versagt werden. -- Diese Wendung hat gewirkt. Der Adam hat angeklopft.

Und so hat mein Hausvater, der seit Wochen im Grabe ruht, noch ein

lebendiges Wort für mich gesprochen, gleichsam mir den Vaterssegen

erteilt.

Die halbe Nacht sind wir beisammengesessen und haben allerlei

besprochen und die Hausmutter ist ganz weichmütig und sinnig geworden

und hat gemeint, ich müsse rein aus einem Märchen herausgestiegen sein,

und sie werde dumm vor dem, was sich heutzutage ereigne auf der Welt.

Unser Trauungstag ist für den zwölften Dezember bestimmt. Das soll

nicht auch wieder eine lange Bank werden. Der Kurat knüpft an diese

Trauung im Advente nur die eine Bedingung, daß keine Lustbarkeit mit

ihr verbunden sei. Ganz nach unserem Sinne. Wo das Glück ist, wozu

da noch Lustbarkeiten. -- In allem übrigen ist’s mit den Behörden

abgemacht. Mir ist darum zu thun, daß es sich rasch vollzieht, schon

des Lehrers wegen, du kannst dirs denken. Bevor er nach Hause kehrt,

wenn er überhaupt noch einmal kommt. Den möchte ich nicht gerne als

Hochzeitsgast haben.

Und du, treuer Freund, erweise mir den Gefallen, von meiner Vermählung

niemandem etwas zu verlauten. Es könnte übermütige Leute geben und an

diesem Tage kann ich niemanden brauchen, als die Sippe allein.

Auf Grund deines neuerlichen Anerbietens -- für das der Himmel dich

segne -- habe ich in Kailing bereits Sachen bestellt, besonders einen

Anzug, städtische Bauerntracht, auf gut deutsch: Touristenkostüm.

Wollen den Kerl halt herrichten, so gut es geht. Und wenn es gut geht,

dann springt er aus. Den Bauernstand hat der Schelm so lange gelobt,

bis er ausspringt. Man braucht mich auch nicht. -- Und was ich am

Dienstage zur Hausmutter gesagt, bevor ich’s bedacht, habe ich bedacht,

nachdem ich’s gesagt. Wenn das andere nichts ist, so weiß ich mir mit

der Feder was zu machen. Ja, warum denn nicht? Jetzt auf einmal ist

mir zu Mute, als könnte ich alles. Und was unsere Kinder betrifft, das

erste Dutzend wird Bauern.

[Illustration]

Der fünfzigste Sonntag.

Vom Briefschreiben konnte keine Rede sein an diesem Tage. Dafür soll

dir der junge Ehemann nachträglich alles in schönem Herzensfrieden

berichten, wie es sich vollzogen hat.

Gearbeitet wird seit drei Tagen im Adamshause nicht um eines

Hosenknopfes wert. Und im ganzen Almgai Bauernräusche, wie seit Noahs

Zeiten keine massiveren dagewesen. O Freund, das war ein Brennpunkt

von Herzenslust für die einen und Magenjammer für die anderen!

Schon am zweiten Tage hatte der belesene Schmied und Kirchendiener

die philologische Anwandlung, der Tafelrunde zu erklären, soweit

sie zugehört hat, daß im Worte Katzenjammer statt des ersten a ein

redliches o stehen müßte.

Aber besser als diese ungeschlachte Weisheit hat mir sein Liedel

gefallen. Klatschte der Alte in die Hände, auf die Knie und sang:

„Jauchzen thut heut’ Leib und Seel,

Bruderherz, gar kreuzfidel

Geht’s bei uns her.

Traurig sein, das giebt’s ja net,

Fünf und sechs ist siebzehne,

Oder noch mehr!“

Damit soll dir die Stimmung dieser Hochzeit, bei der es keine

Lustbarkeiten geben sollte, angedeutet sein.

Und nun zu den besonderen Angelegenheiten. Als wir am Sonntage vom

Adamshause fortgingen -- sie hatte ihr neues vergißmeinnichtblaues

Kleid an, um Schultern und Brust ein rotseidenes Tuch, das auch die

Mutter einst am Trauungstage getragen hatte. Ihr lichtes Haar war

in einen Kranz geflochten um das Haupt, wie Meister Defregger seine

Tirolerdirndeln gerne herrichtet. So stand sie an der Thürschwelle

still und sagte beklommen:

„Es wird mir doch schwerer, als ich gedacht habe.“ -- Da habe ichs

gleich gemerkt. Sie dachte an den Lehrer und setzte noch bei: „Es

ist wohl wahr, wir sind uns schon lang gleichgültig geworden, aber

gesagt haben wir es uns doch noch nit. Und jetzt, derweil er fort ist,

soll ich mit einem andern zum Altar. Das kommt mir so untreu vor, so

untreu....“

Darauf habe ich gesagt: „Liebes Kind, die Untreue liegt wohl auf

seiner Seite. Wenn überhaupt eine vorhanden ist. Daß er sich bei dir

gar nimmer angemeldet hat, ehe er fortging! Seitdem sich alles so ganz

anders gewendet hat, seid ihr euch gegenseitig ja nichts mehr schuldig

und wie man mit freiem Willen zusammengegangen ist, so geht man mit

freiem Willen auseinander.“

Und sie: „Das eine kann ich nit einmal sagen. Es hat schon so sein

müssen. Ich denk’ mir wohl, daß es ihm nichts macht, was ich jetzt

thu’. Wenn ich nur vorher zu ihm treten könnte und sagen: Guido, behüt’

dich Gott!....“

Leise in ihr weißes Tüchlein schluchzend ging sie neben meiner des

Weges. Mit uns gingen auch ihre Brüder. Jetzt stand der Kulmbock

da, als Hochzeitvater, und sagte: Das hätte keine Manier nicht!

Miteinandergehen, das Brautpaar zur Kirche, das wäre sauber! Daraus

werde nichts. Die Braut gehöre hinten dran! -- Und denke dir, mußte

nach altem Brauch die arme Barbel am Hochzeitszug ganz hinten

dreingehen, mutterseelenallein. Dann, während alle anderen schon in der

Kirche sind, steht sie noch allein draußen vor der Thür und wartet,

bis der Hochzeitvater sie hineinführt zum Altar, wo der Hansel ist. --

Diese sehr unritterliche Sitte soll wohl die Niedrigkeit des Weibes

anzeigen, bevor der Mann sie erwählt und erhöht.

Wie scharf es bei den Hochzeiten hier gegen die Weiber hergeht, zeigt

auch eine andere Sitte, die es der künftigen Schwiegermutter verbietet,

bei der Trauung anwesend zu sein. Beim Mahle soll sie ganz hinten im

Ofenwinkel sitzen und dann -- hörst du es! -- dem jungen Ehepaare ein

ganzes Jahr lang fern bleiben. -- Jetzt wirst du doch Respekt haben vor

den Almgaiern, daß sie so stramm und bündig mit der Schwiegermutter

fertig zu werden wissen. Doch warte nur, wer der Stärkere ist! Wie der

Kulmbock der Hausmutter den Eintritt in die Kirche verwehren will, sagt

sie entschlossen: „Eine Mutter wird ihr Kind meiden! Just so!“ Schiebt

mit dem Arm den Kulmbock zur Seite und tritt ein.

„Na gut, gut,“ sagt der Ordner, „aber ohne Präjudiz!“ Denn er ist

zeitweise ganz Gesetz.

Am Altare brannten zwei einzige Kerzen, kein Kirchenschmuck, keine

Blumengezier. Es ist spät im Jahre....

Wie mir ums Herz war, als das liebe Wesen an dieser Stelle neben mir

stand, als wir die Ringe wechselten und gegenseitig unser Ja sagten,

das, mein Freund, kann ich dir nicht beschreiben. Wer es aus sich

selber nicht weiß, der kann es nicht verstehen. Im übrigen ist bei der

Trauung nicht geweint worden und nicht gelacht....

Als wir ins Wirtshaus wollten, war das Thor geschlossen. Der Kulmbock

pochte mit dem Stab, drinnen kicherte man und das Thor blieb zu. Jetzt

begann er zum Schlüsselloch allerhand Sprüche hineinzusagen, die ich

nicht verstanden habe, ich glaube, sie handelten von den Tugenden

und Würden des jungen, Eintritt heischenden Ehepaares, aber das Thor

öffnete sich nicht. Da trat meine Barbel vor, berührte mit einem

Weißtannenzweig den man ihr in die Hand gegeben, das Hausthor -- und

jetzt ging es langsam auf und wir traten ein.

Das Mahl -- ein Halberabendmahl -- haben wir recht einfach gehalten.

Ziemlich schweigsam hat jeder seine Portion Aufgeschnittenes mit

Kuchen verzehrt oder in den Sack gesteckt. Es war zu merken, daß

der Kulmbock einen Trinkspruch in Bereitschaft hatte und damit nur

warten wollte, bis der Wein kam. Wir tranken Apfelmost und der Wein

kam nicht. Draußen schneiete es stark und es begann zu dunkeln. Die

Barbel schaute mich schon immer an und sagte nun ganz leise, es

würde ein hartes Heimgehen sein in der Nacht. Das hieß, wir möchten

lieber noch bei Tage gehen, und das war sehr nach meinem Geschmack.

-- Und als wir uns zusammenpackten, na, da kamen sie. Als der erste

erschien, der Nachbar Gleimer war’s, zündete der Wirt sogleich zwei

Lampen an. Der Gleimer brachte einen eisernen Kochtopf mit und stellte

ihn schweigend vor die Braut. Hernach stiegen die anderen daher zu

unserer Überraschung. Es kamen die Bauern aus nah und fern, von der

ganzen Gemeinde. Wie pure Schneemänner gingen sie zur Thür herein.

Ungestüm war das Wetter geworden und der Wind trieb den Schneestaub

ins Vorhaus. Da haben wir uns neuerdings niedergelassen am Tische.

Jeder Ankommende hatte ein Hochzeitsgeschenk bei sich. Bäuerinnen

brachten mancherlei Hauseinrichtungen, hatten in Körben und Säcken

Mehl, Fett, Eier und Backwerk. Der Schuster Zwegel brachte mir eine

von ihm selbst gestrickte Wollenhaube, der Schneider Setznagel ein

Paar Lodenpantoffeln, zum Zeichen, daß er vergeben und vergessen

hat und um neue Kundschaft wirbt. Der Kulmbock konnte nicht mehr

länger zurückhalten, er bestellte Wein. Während noch allenthalben

die Gläser gefüllt wurden, ließ er los. Er sprach im Predigertone

und griff zurück bis auf Adam und Eva. Dabei machte er Anspielungen,

die man schlechterdings nicht zweideutig nennen konnte, weil sie nur

mehr eindeutig waren. Ungeahnt frühzeitig, gottlob, kam er auf die

geistvolle Schlußwendung: Der Bräutigam soll leben und die Braut

daneben!

Kaum war die Festrede vorüber, so erhob sich draußen im Vorhause helles

Gedudel. Bläser und Geiger waren gekommen. Der Kulmbock zog seinen

feuchten Lodenrock aus, ging in flatternden Hemdärmeln umher, lud nach

allen Seiten zum Essen und Trinken ein, war witzig und rief ein ums

andere mal: „Geschmalzene Holzäpfel friß ich nit!“

Dieweilen kamen immer noch Leute mit Gaben. Der Sackbuttner brachte

eine Blechschelle für die Kuh, die er dem Lehrer verkauft; er war der

Meinung, es gebe Lehrerhochzeit. Der Schrager brachte einen nagelneuen

Melkzuber, den er selber geböttchert hatte. Der Jäger Konrad, der

zu endgültigem Friedensschlusse als Brautzeuge gewählt worden war,

brachte einen wolligen Fuchsbalg dar, „vors Bett hin, wenn die Barbel

schlafen geht und aufsteht“. Die Nähterin Rosalia that mit ihrem

Hochzeitsgeschenk gar geheimnisvoll, wickelte es vorsichtig aus einem

schneeweißen Tüchlein und hielt es am Stengel der Barbel hin. Ein

großer Apfel mit roten Wangen. Alles könnten sie genießen, die lieben

Eheleute, so legte die Nähterin es aus, nur an diesem Apfel dürften sie

nicht naschen. „Warum nit, das will ich euch sagen, wer davon ißt, der

verdirbt sich den Magen.“ Weise war’s gesprochen, denn der große Apfel

erwies sich als hölzerne Kapsel, die aufzuschrauben war und in der sich

ein Spiegelchen, ein Fingernagelzwicker und ein Hühneraugenpflaster

befand. Schlimmer war’s, als die alte Marenzel mit einem kleinen Kinde

hereinkam und es schaukelnd und ein Wiegenlied trillernd der Barbel

zutrug. Auf dem Tische wurde sofort ein Bettchen hergerichtet, die Alte

wickelte die Fatschen auseinander und da lag -- mutternackend -- ein

schlanker Butterstritzel.

„Geschmalzene Säg’späne friß ich nit!“ schrie der Kulmbock drein,

um über das sinnige Geschenk seine Überraschung und seinen Beifall

auszudrücken.

Ich lachte überlaut mit und dankte dahin, dorthin. Mein armes Mädel saß

da wie ein Muttergottesbild und ließ alles gelassen über sich ergehen.

Die Hausmutter war nachgerade ungeberdig geworden. Schon die Musikanten

gefielen ihr nicht, mitten in der heiligen Adventszeit. Das ganze

Treiben war ihr zuwider „und wenn es Glasscherben schneibt“, sie will

heim. Just zündete sie die Laterne an, die der Kirchenwirt uns für den

Heimgang borgen wollte, da -- aber Freund, ich kann nichts dafür, daß

der Zufall bisweilen so gut aufgelegt ist. Du wirst sagen, der Zufall

komponiere nicht Romane. Ja, Alter, er komponiert deren manchmal --

rein aus Zufall.

Die Wirtin hatte die Stubenthür weit aufgemacht und sagte laut auf

uns her: „Jetzt werd’ ich mir wohl ein Vergeltsgott verdienen fürs

Thüraufmachen!“

Wir schauen ins dunkle Vorhaus hinaus, die Musikanten blasen einen

Tusch und nun -- steht er da. -- In voller Uniform, mit Helm und

Seitenspieß, den beschneiten Mantel auseinandergeschlagen, daß von der

breiten Brust die Knöpfe uns entgegenfunkeln wie zwei Reihen munterer

Augen. Der Valentin. Das war nun freilich ein anderer Kerl, als damals

im Sommer. Sein rotes Gesicht lachte breit auseinander, wie ein Sieger

schaute er frei um sich. Von allen Tischen streckten sich ihm Hände und

Gläser entgegen -- er drang durch das Gedränge bis zum Ehrentisch vor,

zu Mutter und Geschwistern. Meine Hand nahm er zuletzt und hielt sie am

längsten.

„Diesmal ist’s anders, Hansel!“ lachte er mir zu.

„Und bei uns auch!“ sagte ich.

„Und bei dir schon gar!“ setzte er bei, auf die Barbel spielend. „Recht

hast. Erst in Kailing habe ich es gehört.“

„Haben dir’s nicht geschrieben, weil wir wieder eine Dummheit

fürchteten.“

„Man wird ja gescheiter,“ sagte er.

Und jetzt war vom Nachhausegehen keine Rede mehr. Jetzt begann es

lustig zu werden. Auch die Hausmutter nippte vom Glas, klatschte mit

den Händen: „Verklöpfelte Leut’ seid’s!“ -- Ich denke, es hat ein

Lobspruch sein sollen.

Der Kulmbock versicherte von Zeit zu Zeit, daß er „keine geschmalzenen

Schuhnägel fresse“.

„Ich auch nicht!“ gab der Valentin bei und ließ sich den Schweinsbraten

schmecken. Und dann kamen die Erzählungen aus dem Kasernleben, von

den Märschen, von den Kameraden, von den Offizieren, besonders

vom Obersten. „Weiler!“ hatte ihm dieser gesagt, „solange Sie das

kreuzverfluchte Heimweh haben, bleiben Sie beim Regiment. Daß Gott mich

-- Sie bleiben! Bis Sie das Vollmondgesicht wieder aufgesteckt haben,

mit dem Sie vor zwei Jahren eingerückt sind, bekommen Sie Urlaub. Und

vorher nicht! Und nachher sofort!“ Diesen Ausspruch hat der Valentin

sich zu Herzen genommen und soll er bei seiner erwachenden Frohheit

thatsächlich zum Vollmondgesicht nicht viel länger gebraucht haben, als

der Neumond zu dem seinen.

Längst Mitternacht vorüber, als wir uns von der Gesellschaft, die bei

jungem Wein schon ausgelassen zu werden begann, verabschiedeten und

den Heimweg antraten gegen das Adamshaus. Schneegestöber, blasser

Mondschein, Windrauschen in den Bäumen. Der Valentin führte die Mutter

am Arm, der Rocherl den Franzel, ich -- mein Weib. Als wir ans Haus

kamen, führte mein Weg nicht wie sonst über den Hof zur frostigen

Stallkammer. Ich trat mit allen ins Haus und dann mit der Barbel ins

warme Stübchen.

* * * * *

Beim Kirchenwirt sollen sie vierundzwanzig Stunden später noch

beisammengesessen sein und zwar in einer Verfassung, die aller

Beschreibung spottet. „Schwabenkäfer friß ich nit!“ soll der Kulmbock

auf der Ofenbank liegend gelallt haben und da wären sie ihm auch schon

zum Munde hineingekrabbelt.

[Illustration]

Am einundfünfzigsten Sonntage.

Unglück im Spiele, Glück in der Liebe. So ähnlich, nicht wahr, lautet

es ja. Bei mir stimmt’s.

Obgleich ich die „Kontinentale“ schon lange nicht mehr eigentlich las,

fiel mir doch auf, daß sie seit einiger Zeit in vergrößertem Format

erschien. „Der Tod streckt sie schon,“ hatte der Lehrer gesagt. Nun

also ist es, wie du schreibst, geschehen. Das Blatt eingegangen, der

Chef durchgegangen. Somit wäre meine Angelegenheit auf das Gründlichste

geordnet.

Um so lebhafter interessiert mich dein Vorschlag, lieber Freund. Du

meinst, daß ich meine Sonntagsbriefe aus dem Adamshaus veröffentlichen

soll? Daß sie Aufsehen erregen müßten, sagst du. Ist das dein

Ernst? Während ich glaubte, ein zugereister, notiger Bauernknecht

zu sein, wäre ich Schriftsteller gewesen! So ein bißchen Zola, von

dem man erzählt, daß er seine Stoffe persönlich hervorholt aus den

Volksschichten, und sie lebt, bis er sie durchdrungen hat. Aber ich

bin ihm voraus. Daß er bei seinem „~La terre~“ ein Bauernmädel

geheiratet hätte, ist ihm meines Wissens nicht passiert. -- Was ich

doch für ein großartiger Kerl bin!

Doch, zum Ernste. Wenn du für meine Sonntagsbriefe wirklich einen

Verleger findest und du giebst dir die Mühe, sie für die Öffentlichkeit

herzurichten -- ich bin einverstanden. Unheimlich ist mir allerdings

der Gedanke, fürderhin unter den zehntausend, größtenteils brotlosen

deutschen Federhelden des Kürschnerschen Litteraturkalenders prangen

zu sollen. Zehntausend! Ob es heutzutage noch so viele Bauern giebt

in deutschen Landen? Je nun, ist’s mit der Unsterblichkeit nichts, so

würde ich auch mit einem Nachtwächterposten zufrieden sein. -- Ein

armer Familienvater wird’s heißen! -- Es ist doch eigentlich auf das

Höchste überraschend, daß ich plötzlich verheiratet bin! --

Schließlich ist’s noch eine Frage, ob ich überhaupt von hier fortgehe.

Im Adamshause ist frischer Mut und neues Leben. Die Burschen und

ich arbeiten von früh bis abends im Walde. Der Valentin scheint’s

an richtiger Stelle zu packen. Er hat zwölf alte Lärchbäume um

schweres Geld verkauft. Nun werden sie gefällt und auf Schlitten zu

Thale gebracht. Der Rocherl hat sich gefunden und ist heil, aus-

und inwendig. Der Franzel weiß vom neuen Schulprovisor Schlimmes zu

erzählen, wohl daß er strenge sei und man bei ihm viel mehr lernen

müsse, als beim Guido Winter.

Mutter und Tochter walten in Haus und Hof. Hier sind diese

Dezemberwochen ein einziges großes Vorbereiten auf Weihnachten. Selbst

in den Ställen werden mit langen Besen die Spinnweben von den Wänden

gefegt. An den Tieren werden alle Krustlein losgestriegelt, die Klauen

und Hörner beschnitten und der Stallboden bekommt frische, waldduftende

Streu. Um das Haus ist das Herdholz in zierliche Stöße geschichtet,

in den Stuben wird alles Gemöbel gescheuert, alles Mauerwerk weiß

getüncht, alles Fenster- und Bilderglas mit feiner Asche geputzt. Von

der alten Schwarzwälderin hat die scheuerwütige Hausmutter sogar

die Ziffern zu schanden gerieben, so daß die Barbel -- diese gute

Stunde selber -- mit Kohle nachmalen mußte. Der Messingzeiger funkelt

wie Sonnenschein. An den Abenden hatten sie sonst Herbstschurwolle

gesponnen; nun, dem Christfeste nahe, stellten sie das Spinnen ein,

„damit das schnurrende Rad das Christkind nit aus dem Schlafe wecke“.

Aus denselben Gründen müssen wir alle des Abends auf den Zehenspitzen

gehen und überhaupt jedes Geräusch vermeiden.

Soll ich dich nun auch ein wenig in unser Stübchen gucken lassen?

Na freilich, du lieber Mensch, so gucke. -- Das Tischlein gedeckt

mit einem roten Tuch, darauf steht ein kleiner Krug, in welchem drei

Kirschbaumzweige frischen. Sie sind am Barbaratage, ihrem Namenstage,

gepflückt worden und sollen in der heiligen Nacht aufblühen. Die

zwei hellen Fenster haben schneeweiße Vorhänge, zierlich genäht und

mit Buchstaben gestickt von ihrer Hand. Die Betten stehen so nahe

aneinander, daß sie mit +einem+ Überzuge zugedeckt werden können.

Dieser Überzug ist himmelblau und hat kleine, rote Blümlein. -- In

das Kämmerchen ziehen wir uns zurück nach dem Abendbrot, und wenn du

horchen wolltest -- aber das darf man ja gar nicht -- so würdest du

noch lange ihr fröhliches Lachen hören.

Am Donnerstage hat mir der Valentin Urlaub gegeben, daß ich nach

Kailing gehen konnte. Wir haben mancherlei einzukaufen, außerdem steht

dort zwischen Obstgärten, gerade am Rechenflusse, ein niedliches

Landhaus, das zu vermieten wäre. Ich miete es nicht, ich sehe es nur

an, gehe ringsherum und sehe es an und denke: Wenn man dich mieten

könnte! Dann gehe ich wieder davon. -- Ich wollte dir etwas anderes

erzählen.

Wie ich am Vormittage immer der Rechen entlang gegen Kailing

hinabgegangen bin, gerade in der Engschlucht begegnet mir -- was

glaubst du, wer? -- Richtig, mit dem ersten Worte hast du ihn. Ganz

gemächlich trottet er heran auf dem glatten Schnee, das Beinkleid in

die Stiefelröhren gesteckt und über der Achsel eine Ledertasche hängen.

Zum Satan! denke ich mir, jetzt kann’s hübsch werden.

„Was?“ ruft er mir heiter zu, „wie wußtest du denn, daß ich heute

komme, Hans?“

„Das wußte ich nicht. Ich will nach Kailing.“

„Dann begleite ich dich zurück,“ sagt der Guido Winter. „Es giebt

manches zu plaudern. Jetzt wird geheiratet!“

„So? Wer denn? Wo denn?“

„Noch vor Neujahr, wenn’s geht, führe ich meine Barbel heim.“

„Wird nicht gehen,“ sage ich.

„Und bleibe in Hoisendorf Lehrer, einstweilen. Denn draußen hat sich

nichts Passendes gefunden.“

Nun wende ich mich ihm zu, mit meiner ganzen Breitseite, und sage:

„Winter! Wenn sich draußen etwas gefunden hätte, so wärest du

wahrscheinlich draußen geblieben. Weil sich nichts gefunden hat, so

kommst du nach Hoisendorf zurück und willst doch die Barbel heiraten!“

„Die heirate ich auf jeden Fall!“ sagt er.

„Die heiratest du auf keinen Fall!“ sage ich.

„Teufel!“ sagt er und tritt einen Schritt zurück.

„Ja, mein Lieber, die Barbel hast du verpaßt. Die ist schon

verheiratet.“

Er tritt einen zweiten Schritt zurück, kreuzt die Arme über die Brust,

mit weit aufgerissenen Augen schaut er mich an und fragt: „Die ist

schon verheiratet. Wie so? Das verstehe ich nicht.“

„Und ich kann dir’s deutlicher nicht sagen. Am vorigen Sonntage hat die

Trauung stattgefunden.“

„Aber im Ernste? Aber wirklich? -- O du vertracktes Mädel!“ ruft er

hell, fast lustig aus. „Und wen denn?“

„Mich.“

„Wen sie genommen hat, frage ich.“

„Mich.“

„Na, hörst du, Hans, das sind mir abgeschmackte Späße. Ich dachte

wirklich schon.“

Er betrug sich ganz anders, als ich mir vorgestellt hatte. Auf meine

neuerliche Versicherung, daß wir während seiner Abwesenheit geheiratet

haben, begann er endlich doch etwas bestürzt zu werden. „Das hätte ich

nicht für möglich gehalten,“ sagte er.

„Du hast es selbst möglich gemacht, mein lieber Winter.“

Er bohrte seinen Stock in den Schnee ein und murmelte: „So so -- so

so. Nun, mir kann’s recht sein. Habe es ja geahnt, daß sie mich nicht

liebt, vielleicht nie geliebt hat. Sie war klug -- hat abgerissen.

Auch gut. -- Auch gut. -- Was mich aber wundert,“ und jetzt wurde sein

Gesichtsausdruck ungut, „was mich wundert, das ist mein treuer Freund

Hans Trautendorffer, der sich erst so viele Mühe gab, seine Geliebte

einem andern anzuheiraten. Erst als er sie anderweitig nicht an Mann

brachte, nahm er sie selber. Sehr vornehm das, Herr Trautendorffer.

Empfehle mich Ihrer ferneren Freundschaft!“

Damit ging er mit stolzen Schritten davon, der Schlucht entlang.

Donnerwetter, das war ein Abgang! Ich bin zerschmettert. -- Aber ich

gönne ihm den Effekt, mein Vorteil ist mir lieber. Und glücklich bin

ich, daß es so abgelaufen; mir war -- um offen zu sein -- vor diesem

Momente ein wenig bange gewesen.

Wie wenn er sie doch gern gehabt hätte? Dann wollte ich nicht

gerne Hans Trautendorffer sein! Daß die Liebe mangelte, hat uns

gerechtfertigt, sie, mich und -- ihn. Was ich ihretwegen allein mit mir

auszumachen gehabt habe, monatelang -- das ist vorbei.

Der Barbel habe ich von dem Zusammentreffen in der Rechenschlucht

einstweilen nichts gesagt. Der Franzel hat heute aus Hoisendorf die

Nachricht heimgebracht, daß der provisorische Lehrer wahrscheinlich

hier angestellt werden wird. Der Winter habe mit einem Wagen des

Kirchenwirtes seinen großen Koffer fortführen lassen.

Und jetzt thut er mir leid.

[Illustration]

+Adamshaus+, am zweiundfünfzigsten Sonntage.

Das Jahr war doch gewiß reich an Überraschungen für mich. Die größte

aber brachte mir dein Christtagsbrief. Herrlicher Mensch, wie hast du

das zu stande gebracht! Also der Verlag Staackmann in Leipzig erwirbt

meine Sonntagsbriefe gegen ein Honorar von zehntausend Gulden! -- Da

hätten wir ja die zwanzigtausend Kronen. Und dazu den Vorteil, daß es

nicht ein windiger Wettpreis ist, sondern redlich Erworbenes. Nun sind

wir gerettet. Herrgott im Himmel, +das+ ist ein Brocken!

Aber die Sonntagsbriefe! Was ich da zusammengeschrieben habe in

meiner Stallkammer, wie eben ein aufgeschrecktes Menschenherz purzelt

und hüpft, himmelhoch jauchzend und höllentief fluchend, übermütig,

bummelwitzig, geschwätzig, selbstgefällig, spöttisch, einmal Gott zu

dumm, einmal dem Teufel zu schlecht. Und das alles soll vor aller Welt

ausgepackt werden? Freund, da heißt es wohl sich einen langen Blaustift

anschaffen. Die ersten Briefe dieses Jahres, die an unterschiedliche

Herren der „Kontinental-Post“ gerichtet waren, sind bereits in deinem

Besitze? Du meine menschgewordene Vorsehung, du! Fürs Ganze ein

packender Titel, das versteht sich. Aber der vorgeschlagene: „Die

Erbsünde“ taugt mir nicht. Man würde diese Bezeichnung entweder auf

das Liebespaar wälzen, oder den „Schweiß des Angesichtes“, also die

ländliche Arbeit, damit in Verbindung bringen. Mir paßt weder das eine

noch das andere. Sünden können an den Nachkommen wohl bestraft, aber

nicht von ihnen geerbt werden. Und die Arbeit ist kein Sündenfluch.

Vielmehr ein Segen. Aus der Scholle sprießt Kraft für die ganze Welt

und Segen für den, der sie berührt. Erdsegen. -- „+Erdsegen.+

Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes.“ Wie hört sich das?

In wenigen Tagen sprechen wir persönlich darüber.

Und nun will ich dir das Jahr mit der Weihnachtszeit beschließen.

Ach, um wie viel unbehaglicher schreibt sich’s, seit einem wieder der

Setzerjunge über die Achsel guckt.

Am Christabende legten wir schon um die Mittagszeit alle Werkzeuge zur

Ruh und jedes zog seine guten Kleider an. Wie es an Festtagen der Adam

gethan hatte, so that es jetzt der Valentin, der alten Brauch nicht

abkommen lassen will. Er nahm das Kruzifix vom Wandwinkel und stellte

es auf den weißgedeckten Tisch. Die Hausmutter that zwei Lichter dazu

von jenen Kerzen, die damals meine Barbel gegossen hatte. Der Rocherl

ist vor Andachtsstimmung ganz blaß geworden und mein Mädel hegt in

stiller Emsigkeit die Haustiere, daß sie sich ruhig verhalten. Das

ganze Adamshaus ist eine Kapelle geworden. Und die Mutter! Dieses

tiefe, wortlose Glauben, diese innige Erwartung des Christkindes,

du kannst dir’s nicht vorstellen. Wer so glauben könnte! Es ist ja

wohl auch Gewohnheit und Herkommen dabei, aber die Seelenstärke

dieses geplagten Bauernweibes holt sie sich von Gott Vater und seinem

eingebornen Sohn.

Die Barbel ist auch so. In den Krug zu den Kirschbaumzweigen hatte sie

frisches Erdreich gethan und Wasser drangegossen. Aber die Knospen

wollten sich nicht rühren. Einmal ganz träumerisch schaute sie die

kahlen Zweige an und sagte leise: „Es wird nichts sein. Das Christkind

verzeiht nicht.“

Um eilf Uhr in der Nacht zündeten sie eine Spanlunte an und gingen

hinab zur Kirche. Ich hatte mich bereit erklärt, das Haus zu hüten,

wollte eine Weihnacht für mich allein haben. Um Mitternacht sperrte ich

die Thür ab und ging über den gefrorenen Schnee hinan zur Kulmplatte.

Da ruhte der Sternenhimmel über der weiten Schneelandschaft. In

Hoisendorf läuteten die Glocken. Die Kirchenfenster standen wie

rote Quadratlein im dunklen Thale. Ein anderes Klingen kam über das

Waldgebirge herüber. So leuchtet und so klingt es in dieser Mitternacht

durch das ganze Land. Und in Millionen menschlicher Herzen lebt der

heilige Christ, so wahr und wirklich, wie je etwas nur leben kann,

das gesehen, gehört und empfunden wird.... In mir war so was wie

psalmistischer Rhythmus: Meine Leidenschaften habe ich wie Samen in

die Himmel verstreut und mein mutternacktes Herz weidet im Garten der

Sterne. --

Ich steige vielleicht nun bald hinab in die Tiefen. Wann wird wieder

eine Stunde kommen, da ich dem Himmel so nahe bin?

Am Christmorgen weckt mich hellklingendes Lachen aus dem Schlafe. Zwei

Sonnenströme quellen zu den Fenstern herein durch die Stube, einer

der Ströme fällt auf den Tisch, wo der Krug mit den Kirschbaumzweigen

steht, und die Zweige alle drei tragen kleine rosige Blüten. Darum

lacht meine Barbel noch in ihrem weißen Bette voller Glückseligkeit. --

Das Christkind hat verziehen.

Wie der Haussohn, der Rocherl, die Mär hört: Die Kirschbaumzweige

blühen! da thut er in der Stube einen Freudensprung so hoch, daß

sein befederter Hut die Stubendecke berührt. „Juchhe, die Barbel ist

glücklich!“

Jetzt, mein Freund, jetzt erst geht mir ein Licht auf, über diesen

Burschen. -- Treue Wächter hatte sie, leidenschaftliche, thörichte

Wächter. Und der Gescheitere hat auch hier wieder der Himmel sein

müssen.

Am Christtage, nach dem Gottesdienst haben wir ein Festmahl gehabt, an

dem der große Hagelschlag im August wahrlich nicht zu spüren gewesen

ist. Sogar einen Plutzer Wein hatte der Valentin, dieser Epikuräer,

mitgebracht vom Kirchenwirt, und die Hausmutter war’s, die zuerst den

Krug ergriff und vor dem Trunk die Worte sprach: „Hansel und Barbel!

Auf euere Gesundheit!“

Und nach dem Mahle ist auch noch etwas gekommen. Erinnerte sich der

Franzel, daß er einen Brief in der Tasche habe, vom dreibeinigen

Postboten an die Barbel. Es war ein Brief aus Wien von Guido Winter. Er

nimmt Abschied von der Barbel, läßt alle grüßen und bitten, ihm eine

wohlwollende Erinnerung zu bewahren. Er habe seiner erkannten Fehler

und Unzulänglichkeit wegen der Schule entsagt und durch Vermittelung

eines Freundes im Komptoir einer Fahrradfabrik Beschäftigung gefunden.

Als der Brief gelesen war, sagten mehrere von uns fast gleichzeitig:

„’s ist doch ein guter Kerl!“ --

Und nun schließe ich mein Schreiben. Denn mein Mädel, die Frau

Barbara, will in der vertraulichen Freundeskorrespondenz schier eine

Beeinträchtigung ihrer besonderen Rechte erblicken. Sie hat schon

lustige Überfälle versucht, um mir die Feder aus der Hand zu ringen.

Das ist unklug von ihr. Hat diese Hand die Feder nicht, so ergreift sie

den Wanderstab und sucht auf zwei Tage wenigstens den herrlichen Freund

auf. Zur Strohwitwe will ich sie machen, die Arme, die Liebe, um am

Montag den 3. Januar bei dir zu sein. Bereite dich mit einer Flasche

Rüdesheimer vor, denn ein derbgebrannter Bauernknoten wird vor dir

stehen, voller Durst und Dankbarkeit für dich, du alter treuer Knabe.

[Illustration]

=* * Verlag von L. Staackmann, Leipzig. * *=

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Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 33 / 46 题