Ein Opfer seiner Unentschlossenheit.
[Illustration]
Am fünfundvierzigsten Sonntage.
Als ob das zwei verschiedene Rassen wären, die vom Kulmbockhofe und
die vom Adamshause. Und sind doch +eine+ Sippe, deren gemeinsamer
Stamm sich im Pfarrbuche leicht würde nachweisen lassen. Wer löst mir
dieses Geheimnis von der Erbsünde, die bei den einen sich in behaglich
grunzende Niederträchtigkeit, bei den anderen in tragische Schuld
auswächst!
In tragische Schuld! Diese ist auf Seite der edlen Gattung. Du hast
es ja immer gesagt und ich kann dir heute ein Beispiel dazu geben aus
meinem Adamshause.
Am Allerseelentage hatten die Hausmutter und die Barbel auf dem Grabe
des Vaters eine Kerze angezündet, eine Flasche geweihten Wassers auf
den Hügel gegossen und still einige Vaterunser gebetet. Die Barbel
versank dabei knieend in ein so tiefes Träumen, daß sie gar nicht
wahrnahm, wie die Mutter aufstand und langsam des Weges vorausging.
Endlich hat sie angefangen zu weinen.
Ich sah es durch die Hecken und als mir an der Ecke der Lehrer
begegnete, da war meine Zurede, er solle doch auf den Kirchhof
gehen und nachsehen, ob dort nicht etwa ein betrübtes Menschenkind
tröstlichen Zuspruchs bedürfe.
„Das kann ich auch thun,“ sagt er.
Dann geht er hin, steht eine Weile neben ihr und weiß nicht recht, wie
er anfangen soll.
„Barbel,“ sagt er endlich. „Was kränkest du dich so! Das hilft nichts.
Steh nur auf, es ist nicht gesund so zu hocken auf dem feuchten Rasen.“
Sie erhob sich und ging an seiner Seite hin.
„Ich will dir gleich was sagen,“ sprach er, wohl um sie zu zerstreuen.
„Was denkst du zu einer Kuh?“
„Einer Kuh? Aber das wird ja noch Zeit haben,“ sagt sie.
„Wenn wir ja doch vielleicht ernst machen wollen in diesem Monat? Eine
Milchkuh habe ich gekauft.“
Da wurde sie bewegsam und lachte auf einmal, daß er einen Viehstand
hätte. Und es war thatsächlich so viel als abgemacht mit der Kuh. Zu
günstigen Abzahlungsbedingungen hatte er sie bekommen drüben in der
Wendau. Und dann haben sie das Ereignis eingehender besprochen. Das
Rind ist in den besten Jahren, hat vor kurzem das erste Kalb geworfen
und soll massenhaft Milch geben. Drei Liter den Tag! Stall und Futter
für sie habe er einstweilen im Nansenhof. Er wolle sie noch an diesem
Tage heimholen von der Wendau herüber. Er habe eben den Strick gekauft
beim Krämer. Ob sie scheckig wäre? -- Ja selbstverständlich, braun und
weiß gefleckt. -- Wie sie heißen werde? -- Scheckin natürlich.
„Guido, Guido!“ rief sie aus. „Jetzt haben wir eine Kuh!“
„Wenn sie nur auch schon bezahlt wäre!“ meinte er nachdenklich.
Denn bei dem ist alles so gesondert. Einmal ganz Ehre, dann ganz Liebe,
dann ganz Geld. Scheint es also doch, daß das Heiraten zwischen dem
Paare endlich Hand und Fuß, oder vielmehr Haus und Kuh bekommt, daß
es nicht mehr ein Liebespaar aus dem Romanbüchel ist, sondern ein
erdgründiges.
„Vielleicht,“ vertraute mir hernach Guido an, „verlege ich mich ganz
auf die Landwirtschaft. Und gebe die Schulmeisterei auf. Offen gesagt,
ich habe keine Vorliebe dafür. Und auch nie gehabt. Was ein rechter
Lehrer haben soll, mir ist es nicht gegeben. Daß ich’s geworden bin,
es war nur ein Notnagel. Ich habe schon gedacht, ob man nicht von der
Sparkasse Geld bekommen und eine Musterwirtschaft anfangen könnte!“
Na nu! Das läßt sich hören! Ein Bauerngut! Einstweilen ist allerdings
noch nichts davon da, als die Kuh, und diese ist noch nicht bezahlt.
Aber wenn er Lust und Zeug dazu hat, den Almgaiern zu zeigen, wie so
eine Wirtschaft nach modernen Grundsätzen rationell betrieben werden
muß! Das meine dazu soll nicht fehlen. -- Lustig ist mir gerade nicht
zu Mute.
Als wir nachher von der Kirche nach Hause kamen, war die Nähterin da.
Die hat einen sehr weitläufigen Kittel an, sogar an die Krinoline
aufgeblasenen Andenkens erinnernd, und sie will der Barbel auch
dergleichen machen zum Hochzeitsgewande. Das weiße Kleid mit
dem grünen Kranz ist verspielt, so will die Muhme Rosalia den
vergißmeinnichtblauen Brautrock zum Ersatz ausstatten mit schönen
Kresen und Krausen, Bändlein und Maschen und zierlichen Knöpflein
an allerhand Stellen, so vornehm und geschmackig, wie es sich für
eine Frau Schulmeisterin nur irgend geziemt. Die Barbel aber will es
bäuerlich haben. „Viel Hoffart wird’s mir nit tragen,“ meint sie, „ich
brauch’ ein Gewand, das auch zum Kuhmelken taugt.“
„Wie du halt willst,“ sagte die Nähterin gefällig. „Aber ich hätt’ doch
gemeint, was Besseres. Kosten thut die hübsche Form nit mehr, als die
ordinäre. Und hättest nachher was Schönes. Wenn sich der Mensch nit
beim Heiraten was Ordentliches anschafft, später kommt er eh nimmer
dazu. Sein Lebtag nimmer. Und muß man sich denken, in der ersten Zeit
laßt der Mann noch was aus, später hat sein Geldbeutel sieben Schlösser
an. Ich sag’s!“
„Dank dir schön, Rosalia,“ antwortete das Mädel, „ich bleib’ schon bei
meinem alten Tragen.“
Am Abende, als Nacht und Nebel niedergesunken waren über das Gebirge,
saßen wir bei einem Kerzenlicht ganz zutraulich beisammen am Tisch,
um die Muhme Rosalia herum, die ihre Stoffe großartig auseinander
gebreitet hatte. Der Franzel las, wie oft an langen Abenden, etwas aus
der alten Hausbibel vor. Er las Moses I, Kapitel 4:
„Und Heva gebar dem Adam zwei Söhne, den Abel und den Kain. Und Abel
ward Hirte und Kain ward Landbauer. Da opferten sie dem Herrn, und das
Opfer des Abel war Jehova angenehm, das Opfer des Kain aber verwarf
er. Und als sie auf dem Felde waren, da geschah es, daß Kain den Abel
erschlug....“
„Pfui!“ rief die Nähterin aus. „Das ist ein garstiger Bruder, dieser
Kain! Weißt du denn nichts Lustigeres zu lesen, Bübel?“
„Es kommt ja schon die Suppe,“ sagte die Hausmutter und brachte, stets
mit beiden Händen tragend, die große Schüssel mit gekochter Milch auf
den Tisch.
„Das heißt wohl, daß ich jetzt abfahren soll mit meinen schönen
Sachen,“ sagte die Nähterin noch launig und räumte den Tisch. Da
knarrte die Hausthür und durch Dunkelheit und Rauch sprang ungebärdig
ein Mann herein.
„Jesus!“ schrieen Mutter und Tochter zugleich. „Jesus, der Rocherl!“
Und er war’s. Wüst im Anzuge, wüst in Haar und Gesicht, ganz verstört
über und über -- die linke Hand ans Brusthemd geklammert, der rechte
Arm außerhalb der Binde niederhängend -- so war er in die Stube
gefahren. Dann schrak er zurück vor Mutter und Schwester, kauerte sich
in den Herdwinkel nieder, so tief, daß man ihn gar nicht sah, daß man
nur sein Gröhlen und Stöhnen hörte.
„Heiliger Gott, Bruder, was ist das?“ rief ihm das Mädel zu, „dir ist
ja die Hand aus der Binde!“
Er winkte heftig, sie solle ihm fernbleiben, barg sein Gesicht in den
Ellbogen und ächzte so wild, daß es uns allen durch Mark und Bein
ging. Wir stellten uns um ihn, wir bestürmten ihn mit Fragen, woher er
komme, was das bedeute? Die Barbel kam weinend mit Wasser, um ihn zu
erquicken. Da sprang er auf, stieß sie zurück, daß ihr der Krug aus der
Hand fiel und auf dem Fletze zerbarst.
„Will dich nit sehen, du Unglück, du!“ kreischte er auf. „Du bist mein
Unglück! Mein Unglück! Mein Unglück!“
Unser erster Gedanke: Wahnsinn! Die Mutter faßte ihn an der Hand:
„Kind, du erschreckest uns zu Tod. Was ist denn geschehen? Will dir wer
was? Rocherl, so sprich! Schau, jetzt bist ja wieder daheim, bist bei
uns. Viel Herzleid um dich, Gott weiß es. Soll vergessen sein, weil du
mir wieder da bist. Krank bist so viel! Thu’ dich ausweinen, da bei
mir, nachher wird dir leichter. Mein liebstes Kind....“
Nie bisher hatte ich das herbe Weib in solchem Tone sprechen gehört.
Der Bursche begann am ganzen Körper zu zittern; als er sich erheben
wollte, knickten ihm die Knie ein, so brach er vor ihr nieder: „Bin’s
nimmer wert, Mutter! -- Nur sehen -- nur euch noch einmal sehen. Dann
gehe ich ja schon, wohin sie mich treiben....“
„Du wirst --“ sie brach wieder ab. Du wirst doch nichts angestellt
haben? wollte sie fragen.
„Mutter, ich will nimmer sein!“ schrie er auf und rang die Hände.
„Mutter, schaut mich nit an. Ihr verzeiht mir nit, ich weiß es wohl,
ihr +könnt+ mir nit verzeihen. Nur +ein+ Tag wird noch sein,
da werdet ihr mir verzeihen...“
Da verschlug’s uns freilich allen miteinander die Sprache. Wir standen
herum wie dürre Bäume. Plötzlich wurde der Bursche ruhig, er stand
auf, setzte sich auf ein Holzscheit und schien beinahe gefaßt. Stierte
vor sich auf den Boden hin und sagte: „Ja, meine lieben Leut’, mich
hat der Herrgott verlassen. Jetzt bin ich fertig. Nit aus Jähzorn
ist’s geschehen. Aus Schlechtigkeit ist’s geschehen. Wie lang’ ich’s
hab’ vorbedacht. Es muß sein und es +muß+ sein! hat mir der
bös’ Feind zugesprochen Tag und Nacht. Um die da! Um die!“ Auf das
zitternde Mädel deutete er mit dem Finger. „Die ich so gern hab’
gehabt! Keinen Menschen so gern auf der Welt! Und ihretwegen, daß es
ein +solches+ End’ hat mit mir!“